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Dunkle Saat
Ich hatte eine geheimnisvolle E-Mail erhalten. Ein mir unbekannter Absender hatte mich aufgefordert, nach Buntingford zu kommen. In der ehemaligen Schule sollte ich weitere Hinweise erhalten. Viel mehr hatte man mir nicht mitgeteilt, nur dass London eine schreckliche Gefahr drohte - und dass es bald zu spät sein könnte.
Ich zermarterte mir den Kopf, wer dahintersteckte, zumal der Absender erstaunlich gut über mich Bescheid wusste, und als ich ihm endlich gegenüberstand, traf mich fast der Schlag ...
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Dunkle Saat
Briefe aus der Gruft
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: breakermaximus; Angurt/shutterstock
Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-8476-5
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.john-sinclair.de
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Dunkle Saat
von Stefan Albertsen
Ein brutaler Tritt traf Rick Latimers Kniekehle. Heißer Schmerz flammte auf und ließ ihn einknicken. Ehe er vollends zusammensackte, packte ihn eine Hand am Hals und drückte den Kopf in die Höhe. Etwas Hartes wurde mit solch einer Wucht zwischen seine Lippen geschoben, dass ihm beinahe die Schneidezähne abbrachen.
An Gegenwehr war nicht zu denken. Jeder Widerstand war gebrochen. Er hatte aufgegeben, also entspannte er die Kiefer und ließ zu, dass kühle Flüssigkeit die ausgetrocknete Mundhöhle ausfüllte.
Automatisch begann er zu schlucken. Latimer fühlte Gier in sich aufsteigen. Kein Wunder. Er hatte seit mindestens drei Tagen nichts zu trinken bekommen.
Vielleicht sind meine Gastgeber ja gnädig gestimmt, dachte er.
Er irrte sich, denn mit jedem Tropfen, der die Speiseröhre hinab floss, mehrte sich eine finstere Macht in seinem Körper …
Irgendwann ließen die Peiniger von ihm ab und traten beiseite. Latimer sackte auf die Knie. Er war ausgelaugt. Am Ende.
Die beiden Männer sprachen miteinander. Er verstand kaum etwas, da er mit mazirisch nicht vertraut war. Als Abschiedsgeschenk erhielt er einen Tritt in die Seite, der ihn umwarf.
Hart schlug er auf dem staubigen Boden auf, während die linke Hälfte des Körpers in reine Säure getaucht zu werden schien. Er stöhnte, presste die Luft langsam aus den Lungen und bekam nur am Rande mit, dass das Folter-Duo den Raum verließ. Rick war allein.
Nach einer Weile zog er schwerfällig die Beine an und versuchte sich aufzurichten, doch es blieb beim Versuch. Ihm fehlte die Kraft.
Was sollte er also anderes tun, als nachzudenken?
Er wusste, weshalb man ihn verschleppt hatte. Der Führer des Clans erhoffte sich von ihm Informationen. Immerhin arbeitete er für den englischen Auslandsgeheimdienst. Es gab wohl kaum eine Foltermethode, die die Entführer nicht an ihm auszuprobieren gewillt waren.
Als letzte Konsequenz kam er zu der Erkenntnis, dass er alles preisgeben würde. So etwas hielt niemand lange durch.
Er startete einen zweiten Versuch, sich aufzurichten. Dieses Mal gelang es ihm. Bestialischer Schmerz schoss ihm durch den Leib, doch er presste die Zähne aufeinander.
Als er endlich saß, sah er sich um. Er befand sich in einer Art Höhle. Die Wände erhoben sich domartig. Es war schwer, die Decke auszumachen, so weit schien sie von ihm entfernt zu sein.
Der Agent strich sich vorsichtig über das Gesicht. Er wusste nicht, wie er im Moment aussah, aber überall fühlte er Schwellungen und verkrustetes Blut unter den Fingern. Wahrscheinlich schillerte die Haut in allen Farbtönen von Gelb bis hin zu Violett.
Was hatten sie ihm zu trinken gegeben? Urplötzlich war die Frage da.
War es Gift gewesen? Blödsinn. Hätte man ihn umbringen wollen, hätte man sich anderer, gängigerer Methoden bedient.
»Eine Wahrheitsdroge?«
Als habe er mit diesen Worten einen Kontakt ausgelöst, der das Geschehen vorantrieb, hörte er mit einem Mal Laute. Er runzelte die Stirn. Es dauerte einen Augenblick, bis er erkannte, dass es sich um Stöhnen, Schritte und das Rascheln von Kleidung handelte.
Jemand kam.
Latimer fühlte einen Strom aus Energie, der durch die Glieder schoss. Er stemmte sich mühsam in die Höhe. Wer immer sich da näherte, er wollte sie stehend begrüßen.
Ja, es waren eindeutig mehrere Personen. Sie sprachen miteinander. Rick vernahm Flüche und unterdrückte Schmerzlaute. Die Schritte waren schnell und unsicher, als würde sich jemand gegen einen anderen anstemmen. Im nächsten Moment bogen sechs Männer um die Ecke. Zwei von ihnen wurden mitgeschleppt. Sie hingen in den Griffen ihrer Peiniger.
»Lasst mich los, ihr Wichser«, schimpfte einer der Gefangenen. Er war blond und von hagerer Gestalt. Sein nackter Oberkörper glänzte vor Schweiß und in den Augen flackerte eine Mischung aus Wut und Angst.
Der Zweite schwieg sich aus. Er war mittelgroß und untersetzt. Dunkles, kurz geschnittenes Haar bedeckte einen kantigen Schädel. Er ließ sich wie ein Lamm führen. Die zerfetzten Überreste eines Khakihemdes schlotterten ihm am Rumpf. Die Gesichter der Männer waren mit Blutergüssen und Platzwunden übersät.
Latimer vermutete, dass er nicht besser aussah. Eher schlimmer.
Die dunkel gekleideten Peiniger stießen sie brutal zu Boden. Staub wallte auf, als die Gefangenen aufprallten. Sie blieben verkrümmt liegen. Beide stöhnten auf und bewegten sich nur langsam.
Rick trat näher und streckte die Hände vor.
»Alles klar?«, fragte er. Der Blonde hob erschrocken den Kopf. In den Augen irrlichterte Panik, doch dann erkannte er, dass Latimer offensichtlich genauso in der Klemme steckte. Er nickte bedächtig, wobei sich sein Gesicht verzerrte.
»Diese Schweine«, drang es heiser über die aufgesprungenen Lippen. »Ich glaube, die haben mir ein paar Rippen gebrochen. Ich kriege kaum Luft.«
»Beweg dich nicht zu viel. Hat bei mir auch geklappt«, entgegnete Rick und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Der Untersetzte wälzte sich herum. Ihm musste es ähnlich dreckig gehen, doch kein Laut war zu hören.
Die drei Männer blieben nebeneinander hocken. Jeder von ihnen hatte mit den Nachwirkungen der Folter zu kämpfen. Irgendwann ergriff Latimer das Wort.
»Ich bin Rick.«
Der Blonde strich sich eine Strähne aus dem dreckverschmierten Gesicht. »Ich heiße Vern, und das ist Bob.« Er deutete mit dem Daumen auf den Untersetzten, der nur wortlos nickte.
»Wie seid ihr in diese Scheiße geraten?«
Vern presste die Hand gegen die Rippen und schloss für einen kurzen Moment die Augen.
»Bob und ich arbeiten als Ingenieure am Bewässerungssystem in und außerhalb von Algier. Wir haben ein paar Tage frei bekommen und wollten nach El Golea.«
»Lass mich raten: Ihr wart allein unterwegs.«
»Na ja, wir dachten, mit Hilfe eines Navis könnte nichts schiefgehen.«
»Ihr hättet in Algier bleiben sollen«, sagte er und rang sich ein mitleidiges Lächeln ab. »Typen wie unsere ›Gastgeber‹ entführen gerne Ausländer.«
Latimer rieb Zeigefinger und Daumen gegeneinander. »Wegen des Lösegelds.«
»Das wissen wir mittlerweile auch. Diese Teufel fielen urplötzlich über uns her. Wir hatten keine Chance.« Vern schnaubte verdrossen. Er legte den Kopf in den Nacken und sah sich im Gewölbe um.
Rick fragte sich, ob die beiden ebenfalls Geheimdienstler waren, als Bob sich zum ersten Mal in die Unterhaltung einschaltete. »Wie lange bist du schon hier?«
Der Agent zuckte mit den Schultern. »Kann ich nicht sagen. Die Mistkerle haben mich so oft durch die Mangel gedreht, dass ich nicht mehr weiß, ob Sommer oder Winter ist. Es kommt mir wie Monate vor. Sind wahrscheinlich nur Tage.«
Vern kämpfte sich auf die Beine. Er stieß einen unterdrückten Schrei aus, als er sich aufrichtete. Käsige Blässe breitete sich auf dem Gesicht aus. Eine dicke Schweißschicht lag auf der Haut. Es sah aus, als bräche er jeden Moment zusammen.
Latimer erschrak. »Ey, vielleicht wäre es besser, wenn du dich hinhockst.«
»Nimm’s mir nicht übel, Kumpel«, erwiderte der Blonde. »Du scheinst ein netter Kerl zu sein und steckst in derselben braunen Soße wie wir, aber ich treffe immer noch meine eigenen Entscheidungen.«
Rick ersparte sich eine Erwiderung. Stattdessen stand er auch auf und schloss sich dem Leidensgenossen beim Rundgang an. Es konnte nicht schaden, sich umzusehen.
Der Ingenieur trat an eine der Wände und strich mit der Hand über das dunkle Felsgestein.
»Wir scheinen in einem Berg zu sein.«
Er wandte sich dem Agenten zu, ehe er weitersprach. »Auf dem Weg ins Gewölbe habe ich Leitungen gesehen, die überall entlang verlegt waren. Außerdem brannte elektrisches Licht. Die Burschen haben es sich hier nett gemacht.«
Rick grinste. Anscheinend hatten Prügel und Entbehrungen Vern den Schneid nicht abgenommen. »Ich glaube, wir sind in einer dieser uralten Steinfestungen. Im südöstlichen Gebirge gibt es viele davon. Die meisten wurden vor Jahrhunderten erbaut, mitten in den Fels der Berge hinein.«
Der Ingenieur schürzte die Lippen. »Gut möglich«, meinte er nur. »Aber wie hilft uns das weiter?«
Latimer wollte zu einer Antwort ansetzen, als ein Licht aufflammte. Er blickte auf und bekam aus den Augenwinkeln mit, dass Bob und Vern ebenso reagierten.
Etwa vier Meter über ihnen war eine Art Balkon zu erkennen, der in das Gestein geschlagen worden war. Zwei Männer standen darauf und starrten hinab.
Einen der beiden erkannte Rick sofort: Ben Amar Al-Aziz. Anführer des Clans.
Er ragte hager und hochgewachsen auf, wie eine menschgewordene Drohung. Dunkle Augen blitzten über einer kräftigen Nase. Eingesunkene Gesichtzüge lagen unter grauschwarzem Bartgestrüpp verborgen.
Er hatte sich vor mehr als zwanzig Jahren aus einem erfolgreichen Leben als Geschäftsmann zurückgezogen. In einer Videonachricht, an verschiedene Vertreter westlicher Staaten adressiert, hatte er dargelegt, dass er seine Heimat aus dem Griff der Ungläubigen befreien wolle. Ausländische Investoren und Touristen waren ihm seit jeher verhasst gewesen. Er war in den Untergrund abgetaucht und hatte zahlreiche Anschläge verübt. Er galt als gefährlicher Fanatiker.
»Alles ist vorbereitet«, sagte der Clanführer mit dumpfer Stimme. Er deutete auf die drei Männer, die nach wie vor reglos dastanden und in die Höhe blickten.
Der zweite Ankömmling war schwerer einzuschätzen. Ein Engländer? Oder ein Amerikaner? Er war ebenfalls groß und schlank wie Al-Aziz, hatte aber breitere Schultern. Das Haar schimmerte sandfarben. Er trug einen hellen Anzug und wirkte auf den ersten Blick wie ein gutbetuchter Tourist.
Allerdings erkannte Latimer, dass dem Fremden eine besondere Ausstrahlung anhaftete. Er hatte es im Laufe der Jahre oft mit Söldnern und ausgebildeten Killern zu tun bekommen. Dieser Mann kam ihm vor wie jemand, der etwas vom Töten verstand.
»Was wollt ihr von uns?«, rief er.
Vern legte ihm von hinten die Hand auf die Schulter. »Vorsicht, Rick. Ich glaube nicht, dass die beiden Spaß verstehen.«
Damit hatte der Ingenieur bestimmt recht, doch das war Latimer egal. Er brauchte Antworten und wollte zeigen, dass man ihn nicht völlig fertiggemacht hatte.
»Sehr gut, alter Freund«, sagte der Fremde. Weder er noch Al-Aziz gingen auf die Frage ein. »Einer hat das Elixier getrunken?«
Der Clanführer nickte. »Der, der uns angesprochen hat. Er ist vorbereitet, Greg. Wenn du möchtest, kannst du beginnen.«
Der Bursche heißt Greg, dachte Rick. Der Name setzte irgendetwas in ihm in Gang. Er glaubte, sich zu erinnern, dass es einen Greg gegeben hatte, von dem innerhalb des MI6 öfters gesprochen worden war.
Liegt schon länger zurück. Damals ist einiges schiefgegangen. Gehörig sogar. Es wollte ihm nicht einfallen.
Latimer beschloss, die beiden erneut anzusprechen, als der Mann im Anzug vortrat, sich auf die Brüstung stützte und kehlige Laute ausstieß.
Was immer er da absonderte, schienen keine Worte zu sein. Es klang entfernt wie der Versuch, sich die Kehle frei zu räuspern. Und doch … schwang etwas mit, das den Agenten in den Bann schlug.
Vergessen war die aufkeimende Wut ob der Tatsache, dass man ihn ignoriert hatte. Die Schmerzen wichen und machten Platz für eine andere Empfindung, die jäh über ihn hereinbrach.
Noch sehr viel größere, kaum beschreibbare Pein. Wie siedendes Öl brannten sich Qualen durch jede Pore der Haut. Tief, ganz tief in sein Innerstes. Gleichzeitig schoss eisige Kälte brutal aus den Eingeweiden empor.
Latimer schrie markerschütternd und sackte in die Knie. Er nahm Verns aufgeregte Stimme wahr, konnte aber nicht verstehen, was er sagte. Die Hand des neu gewonnenen Kameraden legte sich abermals auf seine Schulter.
Es fühlte sich an, als würde sich rot glühende Kohle in ihn hinein fressen.
Die Umgebung versank in düsterem Rot. Die Konturen des Gewölbes schwanden und ließen ihn schreiend und blind zurück.
Etwas rann heiß und gleichzeitig kalt über die Wangen. Irgendwo am Rande des tosenden Rauschens, dass sich explosionsartig im Kopf ausbreitete, registrierte Rick, dass es die eigenen Augäpfel waren, die sich in einen zähen Brei verwandelt hatten.
Es brach aus ihm hervor. Eine Urgewalt stieß ins Freie, zerrte den Geist des Agenten in unerfindliche Tiefen und jagte nach allen Seiten hin davon …
☆
Greg Hartnell stand mit offenem Mund neben Ben Amar Al-Aziz und wurde Zeuge, wie sich das Opfer unter entsetzlichen Qualen wand.
Der Mann schrie und tobte. Einer seiner Freunde versuchte, ihn zu beruhigen und festzuhalten, doch die Krämpfe, die unentwegt durch den Körper jagten, entzogen ihn immer wieder dem Zugriff.
»Bob, hilf mir, verdammt noch mal«, brüllte der Blonde. Der Dritte im Bunde rührte sich nicht. Er hockte am Boden und beobachtete das schreckliche Geschehen mit starrem Blick.
»Gleich«, flüsterte Al-Aziz mit heiserer Stimme, »ist es so weit. Pass genau auf.«
Hartnell nickte stumm. Wenn sein Freund ihm einen Rat gab, dann war es weise, diesem zu folgen.
Etwas Unerwartetes geschah. In den Augenhöhlen des Tobenden, in denen die Überreste der Augäpfel umhersuppten, entstand ein rötliches Leuchten. Es schwoll an. Gleichzeitig riss er den Mund auf. Greg sah unförmige Zähne, die mit einem Mal wie geschliffener Bernstein schimmerten. Die Schreie versiegten. Plötzlich flammte der Schädel des Betroffenen wie eine Magnesiumfackel auf.
Winzige rote Partikel stoben nach allen Seiten hin. Einen Wimpernschlag später steuerten sie, wie von einer unheimlichen Intelligenz geleitet, den Blonden an, der neben dem Liegenden kniete. Blitzschnell fuhren ihm die Teilchen in den Leib.
Er öffnete den Mund. Ein schauriges Stöhnen drang über die Lippen. Gleichzeitig platzten auch bei ihm die Augäpfel. Sämig liefen die Überreste in schimmernden Bahnen bis zum Kinn, von wo aus sie zu Boden tropften.
Die Züge beider Männer fielen in sich zusammen. Die Haut verfärbte sich grau. Sie zerfiel, als würde sie in einem Maße verwesen, wie es normalerweise Jahre in Anspruch nahm. Hier geschah es in Sekunden. Die Körper schrumpften, als entzöge man alle Flüssigkeit.
Hartnell keuchte. Die radikalen Abläufe überraschten ihn. Ben Amar Al-Aziz hatte ihn in sein größtes Geheimnis eingeweiht.
Der Prozess, der die Entführten im Gewölbe umwandelte, stoppte mit einem Mal. Zurück blieben zwei ausgemergelte Gestalten, aus denen jedwedes Leben gewichen war. Ja, sie sahen wie Leichname aus. Nur lagen sie nicht am Boden, sondern standen reglos da und starrten vor sich hin.
Einige Sekunden verstrichen.
Greg wandte sich an Al-Aziz.
»Ich dachte …«, begann er, doch eine Geste des Grauhaarigen unterbrach ihn.
»Beobachte weiter, mein Freund. Habe Geduld.«
Hartnell blickte ins Gewölbe hinab.
Die Verwandelten standen immer noch an derselben Stelle, jedoch kam Regung in ihre ausgetrockneten Gesichtszüge. Die Münder bewegten langsam. Röchelnde Laute drangen aus den Kehlen.
Der Untersetzte – Greg glaubte sich zu erinnern, dass er Bob genannt wurde – erhob sich. Er hatte die Verwandlung der Kameraden bislang wortlos beobachtet. Was blieb ihm auch anderes übrig? Mit von Panik erfülltem Blick wich zurück. Er schien zu spüren, dass Gefahr von den beiden ausging.
»Bitte«, flehte er in Richtung der Empore, auf der Hartnell und Al-Aziz standen. »Bitte verschonen Sie mich. Ich … ich habe niemandem etwas getan. Ich … ich möchte doch nur …«
Ein dumpfes Grollen entwich dem Mund eines der Umgewandelten, der sich jäh in Bewegung setzte.
Ungelenk und schwankend hielt der Mann auf Bob zu. Al-Aziz hatte behauptet, er wäre ein englischer Spion. Er streckte gespenstisch langsam zwei ausgedörrte Hände nach ihm aus.
»Nein«, schrie Bob entsetzt. Er brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit, den man ihm aufgrund der Leibesfülle nicht zugetraut hätte. Dabei näherte er sich Vern, der immer noch wie zur Salzsäule erstarrt war.
Und das wurde Bob zum Verhängnis.
Mit einer blitzschnellen, wenn auch ungeschmeidig wirkenden Bewegung, packte der lebende Leichnam nach dem ehemaligen Freund und umklammerte dessen Unterarm. Der untersetzte Mann stieß einen Schrei aus. Er versuchte sich loszureißen, aber die dürren Finger hatten sich wie eine unverrückbare Klammer geschlossen.
