John Sinclair 2094 - Stefan Albertsen - E-Book

John Sinclair 2094 E-Book

Stefan Albertsen

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Beschreibung

Viele Sagen rankten sich um den Fluss. Einige berichteten von Ungeheuern, die auf dem Grunde lauerten, um Ahnungslose in unerfindliche Tiefe zu zerren.
In anderen Legenden hieß es, dem Wasser, das dunkel und zäh dahinfloss, würden unheimliche Kräfte innewohnen, die einem Menschen unter unsäglichen Qualen das Leben nehmen konnten.

Eines hatten alle Erzählungen gemein: Der Strom verband das Dies- mit dem Jenseits und stellte einen Weg für die Seelen der Verstorbenen dar. Außerdem kam eine einsame Barke vor, die ohne Unterlass jene Unglücklichen an den Ort ihrer endgültigen Bestimmung brachte ... und die von einem unheilvollen Fährmann gesteuert wurde ...

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Impressum

Der Schleier der Medusa

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: breakermaximus/shutterstock

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6818-5

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Der Schleier der Medusa

von Stefan Albertsen

Viele Sagen rankten sich um den Fluss. Einige berichteten von Ungeheuern, die auf dem Grunde lauerten, um Ahnungslose in unerfindliche Tiefe zu zerren.

In anderen Legenden hieß es, dem Wasser, das dunkel und zäh dahinfloss, würden unheimliche Kräfte innewohnen, die einem Menschen das Leben unter unsäglichen Qualen zu nehmen in der Lage waren.

Eines hatten alle Erzählungen gemein. Der Strom verband das Diesseits mit dem Jenseits und stellte einen Weg für die Seelen der Verstorbenen dar. Außerdem kam eine einsame Barke vor, die ohne Unterlass jene Unglücklichen an den Ort ihrer endgültigen Bestimmung brachte … und die von einem unheilvollen Fährmann gesteuert wurde …

Die junge Frau stand am Bug der Fähre und starrte auf den Fluss. Graugrüner Nebel stieg lautlos in dichten Schwaden vom Wasser empor. Ihr außergewöhnlich scharfer Blick vermochte die düstere Wand nicht zu durchdringen. Feuchte Luft tastete sich durch den Stoff ihres Umhangs. Trotzdem fühlte sie keine Kälte.

Sie war eine Verfluchte und mittlerweile menschlichen Empfindungen so weit entrückt, dass sie sie nur als ferne Echos aus der Vergangenheit wahrnahm. Liebe existierte nur als schwache Erinnerung ihn ihr. Nichts schien ihr Innerstes berühren zu können.

Selbst das leidvolle Stöhnen, das gedämpft unter ihr im Bauch der Fähre erklang, erweichte ihr Herz nicht. Die zahlreichen Seelen, die dort zusammengepfercht dahinvegetierten, um ins Reich der Toten überzusiedeln, hätten den Menschen, der sie früher gewesen war, in Angst und Schrecken versetzt oder Mitleid erregt.

Sie war aber nicht wie früher. So vieles von ihr war verloren gegangen. Die Tochter ihrer Eltern existierte nicht mehr. Es gab kein Überbleibsel von dem Mädchen, das mit ihren Schwestern eine unbeschwerte Jugend erleben durfte.

All das war ihr genommen worden, als eine erbarmungslose Göttin einen ungerechten Fluch über sie verhängte. Dieser hatte ihre Menschlichkeit durch etwas so Furchtbares ersetzt, dass es ihr unmöglich war, unter gewöhnlichen Sterblichen weiterzuleben.

Sie hatte die Nähe anderer Menschen gemieden und sich in eine einsame Region zurückgezogen. Doch auch dort tauchten Neugierige auf. Dabei wollte sie nur in Ruhe gelassen werden. Sie hatte einen Ausweg gesucht. Eine Zuflucht, in die sie sich zurückziehen konnte und wo keine Gefahr bestand, dass man sie fand.

Auf uralten Schriftrollen hatte sie Hinweise auf einen solchen Ort gefunden und auf den Weg, den sie zurückzulegen hatte, um ihn zu erreichen.

Die Insel des Vergessens lag inmitten des Flusses der Toten. In einer sturmerfüllten Nacht beschloss die Verfluchte, dass sie dort den Rest ihres elenden Daseins verbringen wolle. Ein letzter Getreuer half dabei, alle Vorbereitungen zu treffen, damit man sie mitnähme. Das schwierige Unterfangen gelang. Man erhörte sie, und so kam es, dass sie über das unheimliche Gewässer schipperte.

Sie wandte sich um und blickte zu dem Fährmann, der erhöht am Heck stand. Seine Stange tauchte unablässig in die Fluten. Er hatte nicht mit ihr gesprochen, als er dem Ruf des Weisen gefolgt war und am Ufer angelegt hatte.

Statt einer Begrüßung hatte er lediglich die knöcherne Hand ausgestreckt, damit man ihn für die bevorstehende Fährfahrt entlohnte. Der Obolus wurde entrichtet und sie war an Bord gegangen. Die Fahrt wurde fortgesetzt und schon bald war das Land inmitten der Nebelmassen entschwunden.

Die Verfluchte starrte nach vorne. Hier und da gaukelte der Nebel ihr Bewegungen vor. Sie schienen von Wesen zu stammen, zu schrecklich, als dass ein menschlicher Geist sie hätte erfassen können, ohne von aufkommenden Wahnsinn zerfetzt zu werden.

Ihr allerdings machten die Erscheinungen nichts aus. Sie fühlte keine Furcht oder aufsteigenden Irrsinn. Nein, sie stand seelenruhig da und blickte auf die gespenstischen Gebilde, die im Nu entstanden und genauso schnell wieder zerfaserten, wenn ein Luftzug sie durchschnitt.

Die Frage, warum ihr dieser Anblick nicht zusetzte, stellte sich ihr nicht, denn sie kannte die Antwort längst.

»Ich bin ihnen schon zu ähnlich geworden«, kam es flüsternd über ihre Lippen. Letzte Reste ihrer Menschlichkeit regten sich. Ein kurzes Aufwallen von Traurigkeit und Verzweiflung bahnte sich in Form eines Seufzens den Weg ins Freie.

Doch der Moment verging und wurde von starrer Teilnahmslosigkeit ersetzt. Der Blick der Frau erfasste etwas Dunkles, das sich im trüben Dämmer vor ihr abzeichnete.

Die Umrisse ihrer neuen Heimat.

Sie tastete nach dem Stoff, den sie auf ihrem Haupt trug. Der Schleier, obwohl zart gewebt, lag seit jenem verhängnisvollen Tage, an dem der Fluch über sie verhängt worden war, wie eine Grabplatte auf ihr. Er diente denjenigen als Schutz, die treu zu ihr gehalten hatten.

Schon bald würde sie ihn für immer abnehmen, denn auf der Insel des Vergessens gab es keine Menschen, die geschützt werden mussten. Wenn sie ehrlich war, war es ihr mittlerweile auch egal, ob sie Furcht und Leid, oder gar den Tod brachte.

Ein dumpfer Schlag ging durch das Schiff. Es berührte Grund und stoppte seine Fahrt. Die Verfluchte taumelte einen Schritt vor. Als sie das Gleichgewicht wiedererlangte, wandte sie sich dem Bug zu.

Dort stand nach wie vor der Fährmann. Er deutete zur Insel hinüber. Das Zeichen war unmissverständlich. Die Frau wusste, dass die Geste eine klare Anweisung war, die er an sie richtete.

Sie sollte die Fähre verlassen.

Jetzt!

Für einen kurzen Moment war sie versucht, den Schleier herunterzureißen und der gespenstischen Gestalt am anderen Ende des Bootes ihren verderblichen Anblick zu präsentieren.

Sie beherrschte sich. Zum einen gab es da immer noch einen winzigen Überrest ihres Menschseins, der sich weigerte, ein solches Verhalten zuzulassen. Zum anderen war es fraglich, ob dem uralten Kuttenträger auf diese Weise zu schaden war.

Wortlos drehte sie sich um, stieg auf die hölzerne Umrandung der Fähre und sprang in das knöcheltiefe Wasser hinab. Eisige Kälte kroch durch ihre Glieder. Sie spürte es, mehr aber auch nicht.

Mit kräftigen Schritten betrat sie das einsame Eiland, während das Boot auf wundersame Weise zurückglitt und seine Fahrt zu jenseitigen Gestaden fortsetzte.

Die Verfluchte blickte der Fähre hinterher. Die Umrisse des Kahns verschwammen zunehmend und entschwanden endgültig inmitten der träge dahinziehenden Nebelschwaden.

Die Frau seufzte. Ein letztes Mal verspürte sie menschliche Regungen in sich.

Trauer über den Verlust des eigentlichen Ichs. Verzweiflung ob der Aussicht, für immer allein auf der Insel des Vergessens bleiben zu müssen. Angst vor dem, was sie schon bald sein würde.

Zielsicher fanden ihre von Schuppen bedeckten Finger den Schleier und zogen ihn langsam vom Kopf herunter.

Achtlos ließ sie den dunklen Stoff fallen, während sich zischelnde Schlangen von ihrem Haupt erhoben. Ein kaltes Glitzern erwachte in ihren Augen und wurde zu einem blassen Leuchten. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem grausamen Lächeln.

Etwas Neues, Unheilvolles war aus der jungen, lebenslustigen Frau entstanden.

Der Zorn der Pallas Athene hatte Medusa, den Menschen, für immer vernichtet.

Medusa, die unbarmherzige Gorgone nahm die Insel des Vergessens in Besitz und würde jedem, der es wagte, sich ihr zu nähern mit ihrem entsetzlichen Anblick zu Stein erstarren lassen.

Ein zufriedenes Zischen drang aus den aufgerissenen Mäulern der Schlangen, die ihren Kopf wie ein Kranz aus Schuppen und Giftzähnen einrahmten.

Sie verließ gemessenen Schrittes den Strand, um sich ihr neues Domizil genauer anzusehen.

Der Schleier, den sie so lange Zeit getragen hatte, blieb flatternd im Sand zurück.

Jahrtausende vergingen. Medusa wurde von Perseus vernichtet, und das Reich der Götter des Olymps geriet in Vergessenheit.

Der Schleier aber wurde gesucht, gefunden und … geholt …

Takeo Imamatsu fühlte sich, als wäre er in eine fremde Welt versetzt worden.

Tagsüber und während der frühen Abendstunden arbeiteten zahlreiche Menschen in dem vierzigstöckigen Gebäude und verwandelten es in einen summenden, sich ständig bewegenden Bienenstock.

Von all dem hektischen Treiben war nichts zurückgeblieben. Der Londoner Firmensitz des Nakagagi-Konzerns erinnerte Imamatsu an Bilder aus einer Geisterstadt. Die Nachtruhe hatte das Hochhaus fest in ihren dunklen Klauen, und scheinbar jedwedes Leben war daraus vertrieben worden.

Hier und da flammten die Taschenlampen der patrouillierenden Wachleute auf, im Großen und Ganzen war das Nakagagi-Building in nächtliche Schwärze getaucht.

Imamatsu, dessen Augen sich hervorragend an den ihn umgebenden Dämmer gewöhnt hatten, vermochte Hindernisse rechtzeitig zu erkennen, sodass er ungehindert vorankam.

Er befand sich im Kellergeschoss. Neben der Zentrale für die Computertechnik, sowie den Kontrollbereichen für Wasser, Abluft und Strom, gab es hier nur sehr wenig.

Das zumindest glaubte die breite Masse aller Angestellten, die für den Konzern arbeiteten.

Takeo jedoch gehörte zu einem Kreis von Auserwählten, denen bekannt war, dass gerade hier, in den unteren Geschossen, bedeutsame Geheimnisse verborgen lagen. Als Chef der firmeninternen Security war Imamatsu erst vor fünf Tagen in diese Mysterien eingeweiht worden. Es war unerlässlich gewesen, wie man ihm versichert hatte, und er war mittlerweile derselben Meinung.

Nur eine einzige Person wusste von Imamatsus speziellen »Nachtschichten«. Er hatte begonnen, sie einzulegen, nachdem man ihn umfassend informiert hatte. Takeo vertraute jener Person bedingungslos, was schon fast ein wahres Wunder war.

Vertrauen war eine absolute Seltenheit geworden.

Bei all dem, was in den letzten Wochen passiert ist, darf einen das nicht überraschen, dachte er verdrossen.

Imamatsu, der sich in Bewegung setzen wollte, verharrte stocksteif. Er hatte etwas gehört und versuchte sich darüber klar zu werden, von wo aus das Geräusch an seine Ohren gedrungen war.

Im selben Moment erklang es abermals. Dieses Mal war es anders. Es war kein dumpfer kurzer Laut, sondern ein feines, kaum wahrnehmbares Summen. Uneingeweihte hätten es mit Sicherheit überhört, aber der Security-Chief zuckte zusammen.

Der Geheimaufzug, schoss es ihm durch den Kopf.

Er hatte von dem Aufzug auch erst vor fünf Tagen erfahren. Als er in die Geheimnisse des Konzerns eingeweiht worden war, hatte man ihm davon berichtet.

Takeo dachte darüber nach, ob er über Funk Verstärkung anfordern sollte. Der Ruf würde, ohne jeden Zweifel, bei den anderen Wachleuten für einige Verwirrung sorgen, denn niemand von ihnen wusste, dass er sich im Gebäude aufhielt.

Er entschied sich dagegen. Nein, er war noch nicht bereit jemanden hinzuzuziehen. Imamatsu hatte strikte Order erhalten, dieses nur im absoluten Notfall zu tun. Und daran wollte er sich halten.

Das Summen des Aufzugs verstummte. Anscheinend war er am Ziel angekommen.

Der Chef der Security überlegte, wie er vorgehen sollte. Er konnte den Lift ebenfalls nutzen. Eine spezielle Key-Card, die ihm ausgehändigt worden war, hätte ihm das ermöglicht. Doch damit wäre derjenige, den er zu verfolgen gedachte, auf ihn aufmerksam geworden.

Unwillkürlich tastete Takeo nach seiner Glock 17 im Gürtelholster. Wenn es hart auf hart kam, würde er sich effektiv verteidigen können.

Der gebürtige Japaner schlich zum Ende des Korridors. Er öffnete den Zugang zum Treppenhaus und blickte empor. Wie eine viereckige Spirale wanden sich die Stufen in die Höhe der Halle. Sie reichten bis zur 38. Etage. Von dort aus kam man nur mit einem Spezialaufzug in die beiden obersten Stockwerke. Dieser konnte nur von den leitenden Angestellten benutzt werden.

Imamatsu hatte ein anderes Ziel. Er wollte nach unten.

Er war jahrelang der Meinung gewesen, dass das Treppenhaus an der Stelle, an der er sich im Moment befand, zu Ende war.

Seit fünf Tagen wusste er es besser. Es gab einen verborgenen Zugang, der auf den ersten Blick wie eine völlig normale, weißgetünchte Wand aussah.

Takeo holte die Key-Card hervor und trat dicht an das Hindernis heran. Seine Finger tasteten über die raue Oberfläche und fanden das glatte Sensorfeld auf Anhieb.

Die damit verbundene Mechanik reagierte nicht auf die Berührung, wohl aber auf den Magnetstreifen der Karte. Ein Zischen erklang und legte eine Öffnung frei. Der Durchgang war breit genug für den Chef der Security, der ihn rasch durchquerte. Rötlicher Schein umgab Takeo und enthüllte erst nach und nach die Umrisse einer Treppe, die nach unten führte.

Derjenige, der das geheime Geschoss unterhalb des Kellers geplant hatte, war umsichtig gewesen und hatte nicht nur einen Aufzug geschaffen, mit dem man hinab gelangen konnte.

Imamatsu schlich Stufe für Stufe in die Tiefe, bis er erneut eine Tür erreichte.

Seitlich davon war auch hier ein Sensorfeld in den Rahmen eingefasst worden. Die Key-Card gab den Weg frei. Allerdings hatte Takeo dabei ein schlechtes Gefühl. Schweiß perlte auf der Stirn, und das Atmen fiel schwer. Ihm war, als lege sich ein eiserner Gurt um die Brust. Er wusste, dass er in einen Bereich des Gebäudes gelangte, den er unter normalen Umständen niemals hätte betreten dürfen.

Die Tür schwang lautlos nach innen auf. Das war ein Vorteil, denn Imamatsu wollte den fremden Eindringling nicht vorwarnen. Im Falle einer Auseinandersetzung konnte das Überraschungsmoment entscheidend sein.

Hinter der Öffnung tat sich ein Korridor auf. Er war um ein Vielfaches breiter als die Flure, durch die die zahlreichen Mitarbeiter der Firma tagsüber innerhalb des Gebäudes eilten.

Auch hier herrschte ein diffuses Dämmerlicht, welches gerade so viel Helligkeit spendete, damit man sich problemlos fortbewegen konnte. Vorausgesetzt man verfügte über ein gesundes Sehvermögen. Hier endeten die Ähnlichkeiten zwischen den ungezählten Gängen in der Firmenzentrale und dieser abgeschiedenen Domäne unterhalb des Kellergeschosses.

Die Wände schimmerten silbrig und schienen aus einer Art Naturstein geschaffen. Unwillkürlich drängte sich Imamatsu der Vergleich mit einer Höhle oder Grotte auf.

Ein eigenartiger Duft erfüllte die Luft. Für einen kurzen Moment wurde Takeo schwindelig, und er lehnte sich benommen an den Rahmen der Türöffnung. Das Gefühl war nicht unangenehm und ließ das Blut zwischen den Ohren rauschen. Zum Glück klärte sich sein Blick schnell wieder.

Er erstarrte, denn der Gang vor ihm hatte sich von einer Sekunde zur anderen verändert.

»Bei den Geistern der Ahnen«, flüsterte der Security-Chief heiser, während er einige Schritte vorging. Es kam ihm so vor, als tapse er vorwärts, wie ein unsicheres Kind, das Laufen lernt.

Auf den Wänden, die immer noch unverändert ihr silbriges Schimmern abgaben, zeigten sich mit einem Mal blutrot leuchtende Symbole. Vergleichbares hatte er nie zuvor gesehen. Sie wirkten gleichermaßen fremd und bedrohlich.

Eisige Furcht kroch Imamatsu in die Kehle und schnürte sie von innen her zu. Er gewann den Eindruck, als wären die Zeichen nicht nur aufgemalt worden.

Nein, sie waren aktiv, gerade so, als würden sie leben.

Vorsichtig trat Takeo an eines heran. Er spürte Schwingungen, die von den gewundenen und in einander verdrehten Linien ausgingen. Wie kaum wahrnehmbarer Infraschall, der Organe vibrieren ließen.

Imamatsu hielt Sicherheitsabstand. Trotzdem konnte er erkennen, dass sich das Symbol vor ihm in das Material der Wand zu fressen schien. Ja, da waren winzige Risse und Spalten an den Rändern des Zeichens. Sie breiteten sich knirschend aus.

»Wie bei einem Virus«, hauchte der Japaner.

Er wich zurück. Die Furcht, die ihn vor wenigen Augenblicken nur gestreift hatte, traf ihn wie ein Nackenhieb.

Raus hier, nur raus, schrie eine schrille Stimme in seinem Innersten. Was immer hier ablief, war eine, ach was, unendlich viele Nummern zu groß für ihn. Er musste den geheimen Korridor verlassen.

»Verstärkung, ich werde Verstärkung rufen.«

Imamatsus Hand glitt zur Aktivierungstaste des Headsets. Er würde das Wach-Team benachrichtigen und diesen Bereich abriegeln lassen. Damit endete für ihn die Verantwortung. Sollte jemand anderes herausfinden, was hier geschah.

»Hier Imamatsu«, flüsterte er. »Alle verfügbaren Kräfte sollen sich sofort …«

Er brach ab. Ein Rauschen drang über den Funkkanal und verriet ihm, dass die Verbindung zur Zentrale nicht zustande kam.

Aber das war doch unmöglich. Man hatte ihm versichert, dass er überall im Gebäude, auch hier im geheimen Bereich, jederzeit Kontakt zu seinen Leuten aufnehmen konnte.

Takeo versuchte es nicht noch einmal. Er wollte nur weg von hier. Ohne die gespenstische Szene aus den Augen zu lassen, schlich er rückwärts in Richtung Durchgang.

Die leuchtenden Symbole setzten unterdessen ihr zerstörerisches Werk fort. Hier und da breiteten sich die Risse in den Wänden aus. Kleine Brocken lösten sich und fielen zu Boden.