Beschreibung

"Sie müssen entschuldigen. Der Garten sieht etwas verwildert aus, der Gärtner liegt im Krankenhaus. Aber die Villa ist in einem Top-Zustand! Die Lage ist natürlich auch erstklassig. Und der Blick auf die Themse ist unverbaubar." Heather Cromer vom Londoner Makler-Büro Dalehouse & Partners führte ihre Kundin auf den Eingang der verwinkelten Villa im viktorianischen Stil zu. Sie stutzte. An den Wänden waren dunkle Runen zu sehen. Gestern, beim letzten Besichtigungstermin, waren diese Zeichen noch nicht da gewesen. Ein beklemmendes Gefühl erfasste sie. Irgendetwas war hier nicht, wie es hätte sein sollen. Es war, als ob sich in diesem Moment eine eiskalte Hand auf Heather Cromers Schulter legte und sie bis ins Mark frösteln ließ ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 138


Inhalt

Cover

Impressum

Der Runenstein

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Fotokostic

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-4298-7

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Der Runenstein

von Alfred Bekker

»Sie müssen entschuldigen. Der Garten sieht etwas verwildert aus, der Gärtner liegt im Krankenhaus. Aber die Villa ist in einem Top-Zustand! Die Lage ist natürlich auch erstklassig. Und der Blick auf die Themse ist unverbaubar.« Heather Cromer vom Londoner Makler-Büro Dalehouse & Partners führte ihre Kundin auf den Eingang der verwinkelten Villa im viktorianischen Stil zu.

Sie stutzte. An den Wänden waren dunkle Runen zu sehen. Gestern, beim letzten Besichtigungstermin, waren diese Zeichen noch nicht da gewesen.

Ein beklemmendes Gefühl erfasste sie. Irgendetwas war hier nicht, wie es hätte sein sollen. Es war, als ob sich in diesem Moment eine eiskalte Hand auf Heather Cromers Schulter legte und sie bis ins Mark frösteln ließ …

»Haben Sie ein Problem mit Vandalismus in dieser Gegend?«, fragte Dorothy MacMillan, die Anwältin im strengen Businesskostüm, die im Auftrag ihrer Kanzlei hier war, um ein Gebäude anzumieten, das sich als neuer Hauptsitz für MacMillan, Rand & Partners eignete.

Die bisherigen Büros in der Londoner Citys platzten aus allen Nähten und reichten einfach nicht mehr aus. Diese Villa war eigentlich genau das, was sie suchte, aber ihre Gesichtszüge verrieten jetzt Skepsis.

»Nein, eigentlich haben wir mit Vandalismus keine Probleme in dieser Gegend«, murmelte Heather Cromer vor sich hin. Sie achtete kaum auf ihre Kundin, stattdessen starrte sie wie gebannt auf die Runen.

»Und was sind das dann für Zeichen da an der Wand?«, fragte Dorothy MacMillan. »Ich meine, das sieht aus, als wäre das schwarze Farbe.«

»Ja«, flüsterte Heather. Sie hörte die Stimme ihrer Kundin wie aus weiter Ferne. Ein beklemmendes Gefühl hatte sie jetzt so sehr in seinen Bann geschlagen, dass sie für ein paar Augenblicke kaum zu atmen vermochte.

»Es hat vermutlich keinen Sinn, zur Polizei zu gehen und so etwas zur Anzeige zu bringen«, meinte Dorothy MacMillan. »Auf diesem Gebiet kenne ich mich aus.« Die Anwältin wirkte ungeduldig. »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich etwas drängle, aber ich habe noch ein sehr wichtiges Mandantengespräch …«

»Natürlich«, sagte Heather. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Irgendetwas stimmte hier nicht, das spürte sie. Aber sie konnte es sich jetzt nicht erlauben, so einer irrationalen Regung einfach nachzugeben. »Kommen Sie«, sagte sie und führte Dorothy MacMillan zur Tür.

Heather Cromer holte den Schlüssel aus ihrer Handtasche und öffnete. Dann betraten die beiden Frauen die Villa. Eine große Eingangshalle lag vor ihnen. Eine Wendeltreppe führte ins Obergeschoss. Die Schritte der beiden hallten in dem vollkommen leeren, sehr hohen Raum wieder.

»Tja, wie ich Ihnen schon sagte, ist dies ein hochwertiges Objekt in einer 1a-Lage«, nahm Heather Cromer dann den Gesprächsfaden wieder auf und brach dann plötzlich ab.

Dorothy MacMillan stutzte ebenfalls.

»Hören Sie das auch?«, fragte die Anwältin.

Dumpfe Stimmen drangen wie aus weiter Ferne zu ihnen. Wie ein barbarischer Singsang hörte sich das an, unterbrochen vom wilden, heiserem Schreien und einem klopfenden Geräusch, von dem Heather sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie es erzeugt wurde.

Plötzlich erschien eine Rune vor ihnen auf dem Boden. Das Zeichen wirkte wie mit Ruß und wie von Geisterhand auf den kalten Stein gezeichnet.

»Ich glaube, wir sollten jetzt gehen«, sagte Dorothy MacMillan. »Was immer hier in diesem Haus auch los sein mag – ich will nichts Näheres darüber wissen.«

In diesem Moment leuchtete die schwarze Rune plötzlich rötlich auf, so als würde sie glühen. Ein verbrannter Geruch verbreitete sich. Flammen schossen für einen Sekundenbruchteil empor. Die Hitze war deutlich zu spüren.

Risse entstanden auf dem Boden und breiteten sich aus. Im nächsten Moment fuhr ein Blitz aus der Decke heraus. Er traf Dorothy MacMillan. Für einen Sekundenbruchteil sah Heather die Anwältin zitternd wie unter einem schweren Stromschlag da stehen. Der Blitz war so grell, dass Heather für einen Augenblick geblendet wurde. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgte unmittelbar auf diese Lichterscheinung.

Der furchtbare Geruch von verbranntem Fleisch verbreitete sich.

Dorothy MacMillans verkohlter Körper fiel zu Boden wie ein gefällter Baum. Asche löste sich von den Knochen, als sie auf dem Boden aufkam.

Heather schrie, als sie das sah. Sie war jetzt wie von Sinnen. Nur noch namenlose Angst beherrschte sie. Panik hielt sie vollkommen in ihrem eisigen Griff. Der schauerliche, verzerrte Klang ihrer Stimme mischte sich mit dem dumpfen Grollen und einer raschen Folge weiterer, ohrenbetäubender Donnerschläge. Sie folgten so dicht aufeinander, dass zwischen ihnen kaum eine Pause entstand.

Der Boden schien unter diesen Donnerschlägen zu beben. Risse entstanden im Mauerwerk und setzten sich mäandernd im Gestein fort. Dasselbe war an der Decke zu beobachten. Erste Putzbrocken fielen herab. Und überall an den Wänden, an der Decke und auf dem Boden bildeten sich jetzt Kolonnen von runenartigen Schriftzeichen. Wie von Geisterhand schrieben sie sich auf den Stein. Zuerst in schwarz. Aber viele dieser Zeichen veränderten sich innerhalb weniger Augenblicke und leuchteten dann feuerrot auf.

Heathers Schrei war inzwischen verstummt.

Sie wirkte wie erstarrt. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Das pure Entsetzen war ihr ins Gesicht geschrieben. Was sie in den Mauern dieser Villa soeben erlebt hatte, raubte ihr schier den Verstand. Es war eine Szenerie, aus der Albträume gemacht waren, und für einen Moment keimte in Heathers wirr gewordenen Gedanken die verzweifelte Hoffnung auf, dass es aus diesem Albtraum, in den sie so unvermittelt hineingeraten war, doch ein Erwachen geben musste.

Während draußen die Donnerschläge abebbten und einem dumpfen Grollen wichen, das sich mit dem Geräusch von heftigem Regen mischte, starrte die junge Frau jetzt auf den zur Unkenntlichkeit veränderten Körper von Dorothy MacMillan.

Es hätte mich genauso treffen können, ging es Heather schaudernd durch den Kopf.

Die Stimmen aus der Ferne waren jetzt wieder deutlicher zu hören als zuvor. Tiefe, heisere, barbarisch klingende Männerstimmen, deren Rufe in einer Sprache gehalten waren, die Heather unbekannt war.

Böse Geister!

Das war ihre erste Assoziation zu diesen Stimmen gewesen. Sie war eigentlich ein Mensch, der sich in der nüchternen Welt der Zahlen und Fakten zu Hause fühlte. Der Glaube an übernatürliche Mächte hatte in ihrem Leben bisher keinen Platz gehabt. Für alles gab es eine logische nachvollziehbare Erklärung, so hatte bisher ihr Credo gelautet. Aber vielleicht musste sie das nun überdenken.

Sie presste ihre Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass sie zitterten. Wer wird mir glauben, was ich erlebt habe?, schoss es ihr durch den Kopf.

Einige der runenartigen Zeichen auf dem Boden veränderten sich jetzt. Sie wuchsen zusammen und lösten sich in einen Schwarm aus winzigen, rußartigen Partikeln auf – einen Moment lang schwirrten diese Partikel umeinander wie ein Insektenschwarm. Gleichzeitig wurden die barbarischen Stimmen lauter.

Aus dem Partikelschwarm formte sich zuerst eine wirbelnde Säule und dann eine Gestalt.

Sie wurden zu einem wilden Krieger. Das erste Merkmal an ihm, das nicht mehr schemenhaft, sondern sehr klar und deutlich zu sehen war, war eine langstielige Streitaxt von geradezu monströser Größe.

Der Krieger selbst war nur verschwommen erkennbar. Er schien sich immer wieder in kleinste, insektenartige Partikel aufzulösen. Mit einem Schrei auf den Lippen stürmte er auf Heather Cromer zu. Die Streitaxt schwang durch die Luft.

Allerdings war das Lauftempo des Kriegers auf eigenartige Weise verlangsamt. Obwohl er sich wuchtig und ungestüm vorwärtsbewegte, schien er nicht so schnell vorwärts zu kommen, wie man es eigentlich hätte erwarten können.

Heather wich zurück. Sie löste sich jetzt aus der Erstarrung, die sie bis dahin gefangen gehalten hatte. Sie rannte zur Eingangstür, stieß sie auf und gelangte ins Freie.

Regen klatschte ihr ins Gesicht. Der Wind war so heftig, dass sie taumelnd zu Boden fiel.

Unterdessen war der Krieger ihr gefolgt.

Die Eingangstür der Villa hatte Heather einfach ins Schloss fallen lassen. Für die geisterhafte Erscheinung des Axtkriegers schien sie jedoch ohnehin kein Hindernis darzustellen. Er durchdrang sie einfach, so als wäre sie gar nicht vorhanden.

Sein rauer Schrei hatte einen unnatürlichen Nachhall, der in keiner Weise zu der Tatsache passte, dass er sich inzwischen im Freien befand.

Heather versuchte verzweifelt, wieder auf die Beine zu kommen, ehe der Krieger sie erreichte.

Aber es war schon zu spät.

Er war bereits über ihr, fasste die Axt mit beiden Händen und hob sie zum Schlag.

Heather war wie erstarrt. Ein einziges lähmendes Gefühl hielt sie vollkommen im Bann. Auch wenn sich der Barbarenkrieger in Zeitlupe zu bewegen schien, war sie selbst doch nicht in der Lage, sich zu bewegen. Sie starrte in die weit aufgerissenen Augen des Kriegers.

Ein Wahnsinniger!, durchfuhr es sie. Das lange, zottelige Haar wirbelte durch die Luft. Der von einem rotblonden Bart umgebene Mund war zu einem Schrei aufgerissen.

Die Klinge schnellte herab. Er fuhr durch ihren Schädel, und Heather fühlte einen grausamen Schmerz. Die Axtklinge durchdrang sie ohne Widerstand – genau so, wie der Krieger zuvor die Tür durchdrungen hatte.

Ein Schrei voll unbändiger Wut kam über seine Lippen. Aber dieser Schrei war gegen alle Naturgesetze noch starker verhallt als die Schreie zuvor. Und er wurde leiser und leiser. Der Krieger riss seine Axt erneut hervor, nachdem sie Heathers Körper bis zum Boden durchdrungen hatte. Er holte zu einem erneuten Schlag aus, aber nun verblasste der Krieger zusehends. Es dauerte nicht länger als eine Sekunde und es war nichts mehr von ihm zu sehen.

Für einige Momente hallte noch sein Schrei nach, bis dieses Geräusch vom Prasseln des Regens akustisch überdeckt wurde.

Der Wind zerrte unterdessen an Heathers Kleidern. Eine Säule aus wirbelnder Luft bildete sich. Sie riss Pflanzen aus dem Erdreich, schleuderte Erde und kleine Steine empor, und für einen kurzen Moment hatte Heather die Befürchtung, selbst in diesen unheimlichen Sog hineinzugeraten.

Aber dann entschwand dieser Wirbelwind, nachdem er noch einen Teil des Gartens vollkommen verwüstet und aus einer nahen Baumkrone einen Haufen Bruchholz gemacht hatte.

Heather atmete tief durch. Das feuchte Haar klebte ihr am Kopf. Sie zitterte und musste die Lippen fest aufeinanderpressen, um nicht mit den Zähnen zu klappern. Der Regen, der sie bis dahin völlig durchnässt hatte, hörte nun ebenso plötzlich auf, wie er eingesetzt hatte.

Die dunklen Wolkengebirge, die den Himmel verdunkelt hatten, rissen auf, und die Sonne drang hindurch.

Wem soll ich das nur erzählen?, ging es Heather durch den Kopf. Aber es dämmerte ihr, dass sie es irgendjemandem würde erzählen müssen. Schließlich war ihre Makler-Klientin im Zuge dieses höchst seltsamen Vorfalls getötet worden, und schon allein deshalb würde man Fragen stellen. Fragen, auf die es keine Antworten gab. Zumindest keine, die die Vernunft zu akzeptieren vermochte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Heather Cromer wieder in der Lage war, sich zu erheben. Die Knie zitterten ihr, als sie schließlich wieder auf den Beinen stand. Sie griff nach ihrem Smartphone – und wählte die Nummer von Scotland Yard. Sollen die mich doch für verrückt halten!, dachte sie. Vielleicht bin ich es ja sogar!

Vielleicht hoffte sie insgeheim sogar, dass sich am Ende doch noch alles als irgendeine Art von Wahnvorstellung oder Albtraum herausstellen würde. Aber sie ahnte bereits, dass es so einfach nicht war. Was sie erlebt hatte, war Wirklichkeit gewesen.

Eine andere Wirklichkeit, von deren Existenz sie bis dahin nicht das Geringste geahnt hatte …

***

Heather Cromer saß vollkommen verängstigt in meinem Büro bei Scotland Yard. Die Geschehnisse, von denen sie meinem Kollegen Suko und mir berichtete, lagen nun schon einen Tag zurück. Die junge Maklerin war aufgrund eines Schockzustandes ärztlich behandelt worden. Außerdem hatte man sie einer kurzen psychiatrischen Begutachtung zugeführt und dabei festgestellt, dass sie völlig bei Verstand war. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie angeblich Dinge erlebt hatte, die jedes menschliche Maß und Verständnis sprengten.

»Ich habe gehört, Ihre Abteilung beschäftigt sich ausschließlich mit solchen …« Heather Cromer zögerte, ehe sie schließlich weitersprach. »… außergewöhnlichen Fällen.«

»Ja, das ist richtig«, sagte ich.

»Heißt das, so etwas kommt häufiger vor, als man so landläufig glaubt?«

Ich hätte ihr jetzt antworten können, dass es nicht den geringsten Grund gab, daran zu zweifeln, dass die Mächte des Bösen tatsächlich existierten und dass das sogenannte Übernatürliche nicht mehr und nicht weniger als ein Teil der Realität war. Wie nahe hatten die Mächte des Unheils oft schon davorgestanden, tatsächlich die Herrschaft über die Welt an sich zu reißen! Es gab Bereiche, die sich der wissenschaftlichen Erkenntnis einfach entzogen. Zumindest gegenwärtig.

Mein Kollege Suko und ich hatten natürlich von dem Vorfall um die Villa gehört. Die Medien hatten sich ebenfalls bereits darauf gestürzt, allerdings eher in Bezug auf ein rätselhaftes, sehr begrenztes Wetterphänomen. Die Meteorologen des Frühstücksfernsehens hatten dafür ihre Erklärungsmodelle und brachten Beispiele weiterer, räumlich sehr eng begrenzter Gewitter, Windrosen, Starkregenfälle und anderes mehr. Und auch der Tod eines Blitzschlagopfers, das durch das intakte Dach und das Obergeschoss eines Hauses hindurch getroffen worden war, war möglicherweise auf naturwissenschaftliche Weise zu klären. Ebenso natürlich das Vorhandensein von runenartigen Zeichen an den inneren und äußeren Wänden der Villa.

Die geisterhafte Gestalt eines Axtkriegers, der durch Wände dringen konnte, fiel da schon etwas eindeutiger in unser Ressort.

»Wir haben den Obduktionsbericht zum Tod von Mrs. Dorothy MacMillan vorliegen«, ergriff jetzt Suko das Wort. »Danach ist eine elektrische Entladung in Folge eines Blitzschlages als Todesursache durchaus plausibel.«

»Genauso, wie Sie das Geschehen geschildert haben«, ergänzte ich.

Es schien mir wichtig zu sein, bei Heather Cromer das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung wieder zu stärken. Schließlich war sie die einzige Zeugin und falls hier tatsächlich übernatürliche oder dämonische Kräfte am Werk waren, konnten uns ihre Angaben vielleicht noch weiterhelfen.

»Sind Sie ein gläubiger Mensch?«, fragte Heather Cromer mich jetzt.

Ich war etwas verwirrt über diese unvermittelte Frage.

»Wie kommen Sie jetzt darauf?«, wollte ich wissen.

»Wegen des Kreuzes, das Sie um den Hals tragen.«

»Nun …« Ich wollte ihr jetzt nicht erklären, was es mit dem Silberkreuz auf sich hatte. Dass es eine mächtige magische Waffe gegen die Kräfte der Finsternis war, über deren Kräfte ich in meiner Eigenschaft als Sohn des Lichts gebot.

»Ich habe nie daran geglaubt, dass es irgendwelche unsichtbaren Kräfte gibt, die unsere Welt beeinflussen«, fuhr Heather Cromer fort, ohne meine Antwort abzuwarten. »Aber seit diesem Vorfall hat sich das geändert. Es scheint nichts mehr so zu sein, wie es war. Können Sie das nachvollziehen?«

»Das ist mir nur zu verständlich«, gab ich zurück. »Inzwischen wissen wir übrigens auch, was das für Zeichen sind, die an den Wänden zu sehen sind. Die Kollegen vom Erkennungsdienst haben die ja fotografisch dokumentiert. Ihr erster Eindruck hat sich bestätigt. Es sind tatsächlich altnordische Runen.«

»Sie hätten sehen sollen, wie diese Zeichen plötzlich im Gestein erschienen! Wie sie aufleuchteten! Die hat nicht jemand einfach dort hingeschmiert, wie man vielleicht denken könnte!«

Ich nickte. »In der Tat geben uns diese Zeichen im Moment Rätsel auf …«

»Es ist etwas Magisches, Inspektor Sinclair. Jetzt sieht man vielleicht nur noch einfach ein paar Zeichen, aber in dem Moment, als das alles geschehen ist …« Heather Cromer schluckte. »Wahrscheinlich denken Sie jetzt, dass ich ziemlich durcheinander bin.«

»Nun, nachdem, was Sie durchgemacht haben …«

»… wäre das nicht weiter verwunderlich? Meinen Sie das?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich wollte Ihnen eigentlich sagen, dass wir Ihre Aussage sehr ernst nehmen. Und zwar in all ihren Aspekten.«

»Ich konnte es spüren«, behauptete sie. »Da war etwas abgrundtief Böses. Das kann man nur fühlen, wenn man sich an diesem Ort befindet. In dieser Villa …«

Suko warf mir einen Blick zu, den ich sehr wohl zu deuten wusste. Schließlich arbeiteten wir beide nun wirklich schon lange genug zusammen. Lass sie gehen, John. Im Moment werden wir nicht mehr von ihr erfahren, als sie uns schon gesagt hat, schien sein Blick zu sagen. Und so sehr ich mir auch gewünscht hätte, noch mehr von ihr zu erfahren, so musste ich doch eingestehen, dass mein Kollege vielleicht recht hatte.

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre Bereitschaft, mit uns zu kooperieren«, sagte ich und gab Heather Cromer meine Karte. »Falls Ihnen noch irgendetwas einfallen sollte, wovon Sie glauben, dass es sachdienlich sein könnte, dann …«

»… werde ich mich bei Ihnen melden«, versprach sie. »Mrs. MacMillan ist tot, und es gibt wohl nichts, was daran noch etwas ändern könnte. Dass es mich nicht erwischt hat, ist vermutlich reine Glückssache. Aber ich glaube, dass da weiterhin eine Gefahr lauert …«

»Wir werden alles tun, um das aufzuklären«, versprach ich.

»Was diese Gestalt angeht, die mich angegriffen hat …«

»Ja?«

»Er war wie ein …« Sie stockte. »… ein Berserker! Ich habe das bisher noch niemandem gegenüber geäußert, aber ich bin mir nicht sicher, ob es ein Mensch war.«

»Das Phantombild, das Sie mit meinem Kollegen angefertigt haben, wirkt durchaus menschlich«, gab ich zu bedenken.

Sie schluckte. »Ich kann es nicht anders erklären …«