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Joseph Zoderer - topografisch verortet, überregional erfolgreich Joseph Zoderer gilt als einer der führenden Erzähler der Gegenwartsliteratur. Spätestens seit dem Erscheinen von 'Die Walsche' (1982) zählt er zu den überregional erfolgreichen Autoren. Dabei scheint der Südtirol-Bezug seiner Figuren oft Freud und Leid zugleich: Einerseits ist das starre Rezeptionsstereotyp von Joseph Zoderer als interkulturellem Heimatschriftsteller zu oberflächlich, andererseits ist es gerade diese topografische Verortung, die so begeistert. Verbundenheit und Loslösung Die Anfänge seines Schreibens fallen in eine Zeit des Umbruchs, der 1945 mit dem Ende des Nazi-Regimes beginnt und seinen Höhepunkt in den 1960er-Jahren findet. Das politische und gesellschaftliche Interesse ist in der Sprache, der sich Joseph Zoderer bedient, mehr als spürbar. Experimentelle Schreibweisen und innovative Erzählformen fließen in seine Arbeit mit ein. Das Augenmerk, das er auf Sprache und Kommunikation lenkt, universalisiert die wiederkehrenden Themen seiner Werke - so die Suche nach Ich-Identität oder die vielgestaltige Fremdheitserfahrung seiner Figuren - und löst sie aus dem Südtirol-Kontext heraus. Zoderers Werk in einem größeren literarischen Zusammenhang Dieser Tagungsband enthält die Beiträge des Internationalen Joseph-Zoderer-Symposiums, berücksichtigt erstmals Materialien aus dem Vorlass des Autos (Brenner-Archiv) und beschäftigt sich mit seinen Texten - mit den Romanen ebenso wie mit der wissenschaftlich bisher kaum in den Fokus gerückten Lyrik. Und schafft es somit, neue Perspektiven auf das Werk des Schriftstellers zu geben.
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Seitenzahl: 707
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sieglinde Klettenhammer / Erika Wimmer (Hg.)
Joseph Zoderer – Neue Perspektiven auf sein Werk
Edition Brenner-Forum
Herausgegeben von Sieglinde Klettenhammer und Ulrike Tanzer
Band 13
Sieglinde Klettenhammer / Erika Wimmer (Hg.)
Internationales Symposium November 2015
StudienVerlag
InnsbruckWienBozen
Vorwort
Evelyne Polt-HeinzlGruppenbild mit Joseph Zoderer. Als eine AutorInnengeneration den Neustart probte
Johann HolznerWerkausgaben – Indizien für Kanonizität? Notizen zu Franz Tumler und Joseph Zoderer
Bernhard Arnold KruseNationalismus und andere Fremdheiten im Werk von Joseph Zoderer
Tomas SommadossiGrenzüberschreitungen in das Elend. Der Vertreibungsdiskurs in der italienisch- und deutschsprachigen Minderheitenliteratur am Fall von Fulvio Tomizza, Joseph Zoderer und Herta Müller
Alessandro CostazzaDer dezentrierte Blick. Die Fahrt in den Süden als Motiv in den Romanen von Franz Tumler, Joseph Zoderer, Francesca Melandri und Sabine Gruber
Hermann KorteAllerlei Experimente, allerlei ‚Schlaglöcher’? Narrative Strategien in Joseph Zoderers epischem Frühwerk
Sigurd Paul ScheichlZoderer als Konstrukteur. Am Beispiel Lontano
Hans-Georg Grüning„Und doch das Schweigen verloren“. Sprechen und Schweigen, Schreiben und Schreibkrise bei Joseph Zoderer
Atsushi ImaiDas Erzählwerk Joseph Zoderers aus japanischer Sicht. Versuch, es als Shishōsetsu zu lesen
Barbara Siller„Ich schäme mich, daß ich meinen Freund so wenig gekannt habe“. Die Literarisierung einer Freundschaft in Konrad von Joseph Zoderer und in Der Freund und der Fremde von Uwe Timm
Irene Zanol„Ich wollte bei einer Zeitung die Lernjahre beginnen“. Joseph Zoderer als Gerichtsberichterstatter in Wien
Verena ZanklKontakte und Korrespondenz. Joseph Zoderer und der Literaturbetrieb
Andrea Margreiter„Und im Durchlauf des Bergwaldes finde ich fast so etwas wie Geborgenheit, und Pilze“. Natur und Landschaft in Joseph Zoderers Tagebüchern und Romanen
Jürgen HeizmannRaumdarstellung in Jospeh Zoderers Romanen Die Walsche und Die Farben der Grausamkeit
Sylvie Grimm-HamenZoderers literarische Grenzszenarien oder das „Glückschrecken“ im Nirgendwo
Maria Luisa RoliDas Reisemotiv bei Joseph Zoderer – Lontano und Das Schildkrötenfest
Klaus JohannIm „Haus der Regel“. Zu Joseph Zoderers Internatsroman Das Glück beim Händewaschen (1976 bzw. 1982) im Kontext der deutsch- und anderssprachigen Internatsliteratur
Franz GraflMehr an Kino! Joseph Zoderers Roman Das Glück beim Händewaschen in der Verfilmung (1982)
Sieglinde Klettenhammer„Diese Bewegung zwischen Abgestoßensein und Besitzenwollen“ oder Das Fremde in Paarbeziehungen. Joseph Zoderers Romane Dauerhaftes Morgenrot und Der Schmerz der Gewöhnung aus geschlechterkritischer Perspektive
Erika Wimmer„Lyrik ist meine Bauchäußerung“. Liebe und Politik in Joseph Zoderers veröffentlichten und unveröffentlichten Gedichten
Eleonore De FelipJoseph Zoderers Hundstrauer. Ein Epikedeion
Autorinnen und Autoren
Der Schriftsteller Joseph Zoderer gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten Autoren Südtirols. 1935 in Meran geboren, kam Zoderer 1940 mit seiner Familie als Optantenkind nach Graz. Von 1948 bis 1952 besuchte er in Widnau in der Ostschweiz die klassisch-humanistisch ausgerichtete Internatsschule des römisch-katholischen Ordens der Weißen Väter. Seine Familie war bereits 1949 nach Meran rückübersiedelt. 1953 kehrte auch Zoderer nach Südtirol zurück und setzte zunächst in der katholischen Internatsschule Vinzentinum in Brixen, dann im Franziskanergymnasium in Bozen seine Ausbildung fort. 1957 maturierte er in Meran. Noch im selben Jahre übersiedelte er nach Wien, wo er Jura, Philosophie, Theaterwissenschaft und Psychologie studierte. Zugleich arbeitete er als Journalist für mehrere österreichische Tageszeitungen (Kurier, Kronen Zeitung, Die Presse). 1970 führte ihn eine mehrmonatige Reise durch die USA (u.a. in die Hochburg der Studentenbewegung San Francisco), nach Südostkanada und nach Mexiko. Ab 1971 wählte Zoderer dann Südtirol zu seinem Wohn- und Lebensort und arbeitete als Rundfunkredakteur beim Sender RAI in Bozen. Zoderer war maßgeblich beteiligt an den Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre einsetzenden Erneuerungsbestrebungen im literarischen und kulturellen Leben Südtirols, die zu einer Wachablösung der älteren Südtiroler SchriftstellerInnengeneration führten. In diese politische Aufbruchszeit im Zuge der 68er-Bewegung, die in Südtirol vor allem auch mit dem Protest gegen eine Politik der ethnischen Trennung von italienisch- und deutschsprachigen SüdtirolerInnen und mit der Öffnung hin zur italienischen Literatur und Kultur einherging, fällt auch seine Zusammenarbeit mit dem Links- und späteren Grünpolitiker Alexander Langer (1946–1995): zunächst in der Monatszeitung die brücke (1967–1969), dann in der Roten Zeitung für Südtirol (1972–1974), der monatlich erscheinenden deutschsprachigen Beilage der Zeitung Lotta Continua, dem publizistischen Organ der gleichnamigen italienischen außerparlamentarischen Bewegung. 1981 gab Zoderer dann seinen Brotberuf auf und entschied sich für ein Leben als freier Schriftsteller. Der Autor gehört zu den Gründungsmitgliedern der 1980 ins Leben gerufenen Südtiroler Autorenvereinigung. Er lebt und arbeitet in Bruneck.
Zoderers schriftstellerische Anfänge fallen in eine Zeit des literarischen Umbruchs sowohl in Österreich als auch in Südtirol, der im Ende des Naziregimes 1945 – und in den damit einhergehenden Veränderungen (nicht nur) im literarischen Betrieb – seinen Ursprung hatte und in den 1960er Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Zoderers ausgeprägtes politisches und gesellschaftskritisches Interesse war von Beginn an mit einer Reflexion der Sprache verbunden, was u.a. damit in Verbindung steht, dass er Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre in Wien mit der Sprachartistik bzw. den ‚Spacherneuerungen‘ der Wiener Gruppe, mit experimentellen Schreibweisen sowie mit innovativen Erzählformen, wie dem Nouveau Roman, in Kontakt gekommen ist. Dieses Augenmerk, das Zoderer auf Sprache und Kommunikation lenkt, universalisiert die wiederkehrenden Thematiken in seinen Werken wie etwa die Suche nach Ich-Identität oder die vielgestaltige Fremdheitserfahrung seiner Figuren und löst sie aus dem Südtirol-Kontext heraus. Das Bewusstsein und die Sensibilität für sprachliche Nuancen und Situationen ist für den in verschiedenen Sprachumgebungen, verschiedenen Sprach-‚Heimaten‘ sozialisierten Autor charakteristisch. Dennoch hat sich der Autor nicht auf eine sprachartistische Position zurückgezogen. Seine politische Parteinahme vor allem im Gesellschaftsleben Südtirols ist deutlicher als bei den meisten anderen Südtiroler Intellektuellen: Zoderer hat sich in der Öffentlichkeit politisch positioniert und exponiert – als Aktivist der linken außerparlamentarischen Opposition (APO) bis hin zu zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen, um die er vornehmlich von der regionalen und überregionalen italienischen Presse, die in ihm einen Vertreter kritischer Intellektualität sieht, aber auch von der deutschsprachigen Presse gebeten wurde und als arrivierter Autor immer noch gebeten wird.
Nicht nur Zoderers Biographie, auch Zoderers Werk scheint eng verknüpft zu sein mit der Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert. Der Südtirol-Bezug seiner Romane, der seit dem Erscheinen der Walschen (1982) das Interesse der überregionalen Literaturkritik und der Literaturwissenschaft geweckt hat, bestimmt die Rezeption seiner Werke und hat zu deren überregionalem Erfolg beigetragen. Zoderers Prosa als ‚Dokumente Südtiroler Verhältnisse‘ zu lesen wäre allerdings in mehrfacher Hinsicht problematisch, nicht zuletzt auch deshalb, weil damit einer selektiven Wahrnehmung seiner Werke (Das Glück beim Händewaschen, Die Walsche, Der Schmerz der Gewöhnung, Wir gingen) Vorschub geleistet werden würde.
Diesem Rezeptionsstereotyp, das den Autor allzu oberflächlich als interkulturellen ‚Südtiroler Autor‘ etikettiert und auf Südtirol festlegt, will der vorliegende Sammelband entgegenarbeiten, der Teil des am Forschungsinstitut Brenner-Archiv angesiedelten FWF-Projekts „Joseph Zoderer. Neuverortung und kritische Neubewertung seines Gesamtwerks unter Einbeziehung des erstmals zugänglichen Vorlasses“ ist. Die in diesem Band veröffentlichten Beiträge dokumentieren die Ergebnisse des „Internationalen Joseph-Zoderer-Symposiums“, das vom 23.11. bis 25.11.2015 anlässlich des 80. Geburtstags von Joseph Zoderer im Forschungsinstitut Brenner-Archiv an der Universität Innsbruck stattgefunden hat. Ziel des Symposions war es, Zoderers literarisches Werk in einen größeren literarischen Kontext zu stellen und an die Ergebnisse des 2010 erschienenen Zoderer-Schwerpunktheftes 188 der Zeitschrift TEXT + KRITIK sowie des ebenfalls 2010 im Droschl Verlag in der Reihe „Dossier“ erschienenen und von Günther A. Höfler und Sigurd Paul Scheichl herausgegebenen Bandes Joseph Zoderer anzuknüpfen und die Auseinandersetzung mit dem Autor fortzusetzen. Zugleich sollten auch erste Ergebnisse des Forschungsprojektes durch die Projektmitarbeiterinnen präsentiert und ihre Forschungsergebnisse mit Zoderer-ExpertInnen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada und Österreich diskutiert werden. Die Tagung suchte den wissenschaftlichen Diskurs über das Werk Zoderers über die Grenzen der Region Südtirol/Tirol hinaus zu erweitern, es außerdem stärker als dies bisher geschehen konnte in ihren formalästhetischen Qualitäten zu beschreiben und im Kontext der deutschsprachigen, aber auch der fremdsprachigen Literatur bzw. der Literatur aus mehrsprachigen und mehrkulturellen Räumen zu vermessen.
Die Beiträge geben aus ganz verschiedenen Perspektiven einen Überblick über den Schriftsteller Zoderer und über seine Stellung im literarischen Feld seit den späten 1950er und 1960er Jahren. Studien zu einzelnen Werken, eine vergleichende Werkzusammenschau oder Vergleichsstudien mit anderen Autorinnen und Autoren sowie intermediale Zugänge stellen das Œuvre Zoderers in neue überraschende Kontexte und Zusammenhänge, die eine Neuinterpretation und eine Neubewertung möglich machen. Genre-Bezüge (Autobiographie, Freundschaftserzählung, Epikedeion, Internatsliteratur) werden ebenso herausgearbeitet wie Bezüge zu literarischen Formen der außereuropäischen Literatur der Moderne oder Motivkonstanzen (wie die Reisemotivik) und Raumdarstellungen und deren Semantik oder Kanonisierungsprozesse. Wie erwähnt, konnte erstmals der Vorlass des Autors miteinbezogen und für die produktionsästhetische Analyse nutzbar gemacht werden. So gibt der exemplarische Vergleich der Tagebücher und der Tagebucheintragungen des Autors mit der Romanproduktion Einblicke in die poetische Verfahrensweise Zoderers. Es wird nicht nur erstmals der Journalist Zoderer vorgestellt, sondern es werden auch die Beziehungen zwischen seiner journalistischen und literarischen Arbeit nachgezeichnet. Weiters erhellt die Beschreibung und Analyse der Korrespondenz des Autors seine Position im Literaturbetrieb.
Der Band zeigt einen Autor, der mit Gattungen (Prosa, Lyrik u.a.) und Genres sowie mit aktuellen Entwicklungen nicht nur in der zeitgenössischen Literatur vertraut ist und an sie anzuschließen weiß, der seine Poetologie reflektiert und seine Texte einer ständigen Überprüfung unterzieht. Er zeigt außerdem einen Autor, in dessen Werken das gesellschaftspolitische Engagement immer wieder durchbricht, sowie einen Autor, der zwar von der Geschichte seines Herkunftsraumes biographisch geprägt ist, dessen schriftstellerisches Werk sich aber nicht auf diesen Herkunftsraum reduzieren lässt.
Innsbruck, März 2017
Sieglinde Klettenhammer
Erika Wimmer
Die Herausgeberinnen danken den folgenden Institutionen für die Förderung des „Internationalen Joseph-Zoderer-Symposiums“, das im November 2015 am Forschungsinstitut Brenner-Archiv stattgefunden hat:
Vizerektorat für Forschung der Universität Innsbruck / Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – kulturelle Konflikte“ der Universität Innsbruck / Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Innsbruck / Italien-Zentrum der Universität Innsbruck / Zentrum für Kanadastudien der Universität Innsbruck / International Relations Office der Universität Innsbruck / FWFWissenschaftsfonds / Land Tirol / Land Südtirol / Verein Brenner-Forum.
Der kulturpolitische Aufbruch der Ära Kreisky änderte mit der sozialen Öffnung der Bildungsinstitutionen sowie der Verrechtlichung und Aufstockung der Kulturförderung vieles grundlegend und nachhaltig. Institutionell folgte eine wahre Gründungswelle von bis heute wichtigen Einrichtungen.
Tab. 1
Institutionelle Gründungswelle
1970
Förderungsstipendien des Unterrichtsministeriums jährlicher Kunstbericht des Bundes
1971
Rauriser Literaturtage (1975)1IG-Autorinnen Autoren
1972
Publizistikförderungsgesetz
1973
Grazer Autorenversammlung (1982)
1975
Literarisches Quartier Alte Schmiede, Wien
1977
Ingeborg-Bachmann-Preis Klagenfurt (1981)
1981
Erster österreichischer Schriftsteller-Kongress
Symbol für diesen staatlich gestützten Umbau des Literaturbetriebs ist die Grazer Autorenversammlung (GAV). Der PEN hatte den jungen Autorinnen und Autoren seit Jahren die Aufnahme verweigert, nun griff die Kulturpolitik ausgleichend ein: Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung erhielt die GAV Subventionen in annähernd gleicher Höhe wie der PEN.
Politisch lässt sich dieser Aufbau neuer kultureller Strukturen in Analogie zum österreichischen Liberalismus lesen. So wie das aufstrebende Bürgertum Ende des 19. Jahrhunderts die Monarchie nicht ablöste, sondern eine beachtliche kulturelle wie gesellschaftliche Parallelstruktur aufbaute, ersetzte der kulturpolitische Aufschwung der 1970er Jahre nicht die überkommenen konservativen Netzwerke, die weiter existierten, staatlich unterstützt auch sie, aber zunehmend ihrer Bedeutung beraubt. Die heftigen Kulturkämpfe mit Kampagnen und parlamentarischen Anfragen zu kulturellen Causen im Verlauf der 1970er/1980er Jahre – die noch Joseph Zoderer streiften – hatten auch damit zu tun, dass erst allmählich sichtbar wurde, wie sehr die neuen Strukturen einer imagemäßigen Entmachtung der alten Kulturelite gleichkam.
Zoderer, Jahrgang 1935, ist einige Jahre älter als die meisten jener Autorinnen und Autoren, die um 1970 die literarische Bühne betraten und mit denen sein Werdegang aufs engste verbunden ist. Das gerät über die Debatten zur Frage, wieviel und welches Südtirol in seinen Romanen stecke, leicht in Vergessenheit. Zoderer nahm 1975 das erste Mal an den Rauriser Literaturtagen teil und 1981 am 5. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Marcel Reich-Ranickis positives Urteil über den vorgelesenen Auszug aus Die Walsche machte nachdrücklich auf Zoderer aufmerksam, der wenig später verlagstechnisch in einem Zentrum des Literaturbetriebs landete: bei Hanser. Und Zoderer wechselte vom Südtiroler Autorenverband zur GAV, die mittlerweile die gesamte neue AutorInnengeneration vereinte.
Tab. 2
Autorinnen und Autoren nach Geburtsjahr
1931
Thomas Bernhard
1935
Roman Roček, Oswald Wiener, Joseph Zoderer, Otto Zykan
1936
Christine Nöstlinger
1937
Florjan Lipuš, Julian Schutting
1938
Alois Brandstetter, Walter Kappacher, Hermann Nitsch
1939
Joe Berger, Gustav Januš, Waltraud Seidlhofer
1941
Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth
1942
Evelyn Grill, Peter Handke, Gerhard Roth
1943
Bodo Hell, Peter Henisch
1944
Franz Innerhofer, Wilhelm Pevny, Peter Turrini, Gernot Wolfgruber
1945
Reinhard Priessnitz, Peter Weibel
1946
Elfriede Jelinek, Gert Jonke, Peter Rosei
1947
Reinhard P. Gruber, André Heller, Werner Kofler, Franz Schuh
1948
Anna Mitgutsch, Felix Mitterer
1949
Michael Köhlmeier, Brigitte Schwaiger, Helmut Zenker
Die österreichische Literatur nach 1945 hat bislang zwei Phasen von Kanonisierungsprozessen erlebt. In den kulturell konservativen Nachkriegsjahren wurde Heimito von Doderer zum ‚Klassiker‘; sein Erfolgsroman Die Strudlhofstiege (1951) entwickelt ein Gesellschaftspanorama über den Abgrund der NS-Barbarei hinweg und legte damit eine Brücke von der Habsburgermonarchie zur Zweiten Republik. International reüssierten rasch auch Autorinnen und Autoren der jüngeren Generation, 1952 erhielt Ilse Aichinger den Preis der Gruppe 47, 1953 Ingeborg Bachmann. Auch jene Namen, die heute als ‚Wiener Gruppe‘ bekannt sind – H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener, in der Folge Ernst Jandl und Friederike Mayröcker –, erlangten zunehmend Akzeptanz.
Der zweite Kanonisierungsschub gelang mit überraschender Geschwindigkeit dann der Generation, die ab Ende der 1960er Jahre debütierte, allen voran Thomas Bernhard, Peter Handke und Elfriede Jelinek, ebenso wie Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth, Franz Innerhofer, Gert Jonke, Gerhard Roth oder Gernot Wolfgruber. Sie alle zählen heute zur ‚klassischen‘ Literatur der österreichischen Nachkriegszeit.
Und in diesen Kanonisierungsprozess wurde Zoderer rasch mit einbezogen. 1982, als Das Glück beim Händewaschen bei Hanser neu aufgelegt wurde und Die Walsche erschien, wird sein Werk an diese etablierten Namen wie selbstverständlich angeschlossen, 1985 erhielt Zoderer einen ersten Eintrag im KLG Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Das Glück beim Händewaschen sei, so Zoderer selbst, „in die Bekenntnisliteratur à la Franz Innerhofer [...] einzureihen“, während Die Walsche eher an „Peter Handke, Rosei, H. C. Artmann“ und den frühen Thomas Bernhard anknüpfe.2 Und 1995 meinte Zoderer: „Handke, Bernhard, ich, wir sind geprägt von der ‚Strudlhofstiege‘“.3 Es geht nicht um die Frage, inwieweit diese herbeizitierten Vergleichsgrößen ‚stimmig‘ sind, sondern darum, dass solche Ahnenreihen die Kanongrenze durchlässig machen. Für Autorinnen etwa waren derartige Traditionslinien zur prestigemäßigen Akkumulationsarbeit noch kaum eine Option, ihnen wurde als Bezugsgröße meist nicht Literatur, sondern nur jene von Frauen zugestanden. Ein prominentes Opfer dieser Zirkelschluss-Politik ist Brigitte Schwaiger; ihr Debüt Wie kommt das Salz ins Meer (1977), so schrieb Hilde Spiel, habe „Hoffnungen darauf erweckt, daß der österreichischen Literatur im Lauf der Zeit eine neue VICKY [!] BAUM oder JOE LEDERER heranwachsen könnte“.4 Diese Verortung klammert Schwaigers Roman bis heute aus dem Diskurs über die Neubesichtigung des Heimatbegriffs in den 1970er Jahren aus.
Für die Nachhaltigkeit von Zoderers Erfolg nicht unbedeutend waren die Verfilmungen der ersten beiden Romane durch Werner Masten. Das Glück beim Händewaschen wurde 1983 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Vier Jahre später folgte Die Walsche mit Marie Colbin in der Titelrolle; der Film wurde 1986 mit dem Preis der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai beim Filmfestival von Locarno ausgezeichnet und im Folgejahr mit dem Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Beide Verfilmungen fallen in das goldene Zeitalter der Kooperation zwischen Literatur und Fernsehen, ein bemerkenswerter Abschnitt der Mediengeschichte, an dem AutorInnen wie Barbara Frischmuth, Franz Innerhofer, Walter Kappacher, Felix Mitterer, Wilhelm Pevny, Michael Scharang, Peter Turrini, Gernot Wolfgruber oder Helmut Zenker teil hatten.
Sich mit den sprach- und formenkritischen Ansätzen aus dem Umfeld der ‚Wiener Gruppe‘ auseinanderzusetzen, blieb für viele AutorInnen der neuen Generation ein Durchgangsstadium. „Experimentelle Literatur ist oft sehr interessant und für den Moment sieht es manchmal aus, als sei das endlich die Lösung, das einzig Wahre, und dann wird es sehr schnell eine Manier“5, so Peter Handke im Rückblick. 1966 wurde sein Sprechstück Publikumsbeschimpfung, das die traditionelle Rollenzuweisung im Theater – Zuschauer und Schauspieler – aufbricht, in der Inszenierung von Claus Peymann im Frankfurter Theater am Turm uraufgeführt. Die Produktion nominierten im Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute zwei der dreizehn befragten Kritiker – Günther Rühle und Hans Daiber – zum Höhepunkt der Theatersaison.6 Handkes Kaspar (1968) über Sprache als Herrschaftsinstrument, dem als Hommage ein Gedicht Ernst Jandls vorangestellt ist, wurde 1968/69 zum meist gespielten deutschsprachigen Bühnenstück. Identitätsfragen und Rollenspiele mit sprachkritischem Ansatz finden sich ähnlich in vielen Werken dieser Zeit, etwa in den frühen Stücken Wolfgang Bauers.
1974 erschien Zoderers S Maul auf der Erd oder Dreckknuidelen kliabn. Dem neuen Dialektgedicht hatte Artmanns Publikumserfolg med ana schwoazzn dintn (1958) den Weg geöffnet. Die Rezeption von Zoderers Südtiroler Mundarttexten war dennoch widersprüchlich. Doch dass die Literaturkritik zum Teil recht unsanft damit umging, liegt im Trend der Zeit. Fünf Jahre später, am 1. Februar 1979 las Gerhard Rühm in einer Schulfunksendung sein Gedicht blumenstück vor, das in permutativer Form mit dem Clash der Erwartungshaltung bei einem Naturgedicht und der Fäkalsprache spielt. Das veranlasste Richard Nimmerrichter alias Staberl in der Kronen Zeitung zu einer Kolumnen-Kampagne über Schulfunks Mistblumen.7
Dass sich Zoderer nicht nur hier und in den folgenden Gedichtbänden Die elfte Häutung (1975) und Pappendeckelgedichte (1979), sondern auch in seinem erzählenden Frühwerk mit den literarischen Experimenten der Zeit auseinandersetzte, erfuhr die Öffentlichkeit jedoch erst in den 1990er Jahren, als sich Zoderer überraschend entschloss, seine Schubladen zu leeren und jährlich einen Band erscheinen ließ: den Dauerwellenroman Schlaglöcher (1993), entstanden 1968/69, den Band mit Erzählungen aus den Jahren 1962 bis 1965 Die Ponys im zweiten Stock (1994) und den Roman Der andere Hügel (1995), geschrieben 1966/67. Für das zeitgenössische Bild des Autors als Teil einer AutorInnengeneration hatten diese Bücher nicht wirksam werden können, und nun stand die Literaturkritik dieser zeitverzögerten Präsentation von Texten einer lange abgeschlossenen literarischen Epoche eher hilflos gegenüber.
Überraschend aber ist die mediale Aufmerksamkeit, die Zoderer von Beginn an fand. Ruth Esterhammer verzeichnet in ihrer Studie zur Rezeption von Zoderers Werk für seinen Erstling 34 Besprechungen.8 Davon kann ein lyrischer Debütant in der Regel nur träumen. Der Großteil erschien in Nord- wie Südtiroler Medien, vor allem letztere waren publikationsstrategisch eine Art Vorfeld-Öffentlichkeit für Zoderers Aufstieg in der überregionalen Wahrnehmung. Das wurde eine Konstante der Rezeption: Die Verankerung im Problemfeld Südtirol sorgte stets für überdurchschnittlich zahlreiche lokale Reaktionen – im Guten wie im Bösen. Und diese Zuordnung definierte einen Anspruch auf Sonderstellung im deutschsprachigen wie italienischen Literaturbetrieb und damit Präsenz in zwei Kulturräumen. Gerade die Anerkennung in Italien, wo das Prestige von AutorInnen traditionell hoch ist, löste mitunter Rückkoppelungseffekte in der deutschsprachigen Presse aus.
Hatte die Literatur der 1960er Jahre das Experiment geprobt, wurde die Konzentration auf Sprache und Form mit der Politisierung der 68er Bewegung allmählich problematisch. Eine Alternative eröffnete die Rückkehr zum Erzählen entlang von Lebensgeschichten – mit einer neuen sozialen Ausrichtung.
Den Auftakt machte Handkes kohärent erzählte Fallgeschichte einer radikalen Entfremdung in Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970). Der Monteur Josef Bloch versucht mit minutiösen Wahrnehmungsprotokollen seine verstörende Isolation zu überwinden und interpretiert alle beobachteten Details als System von Anspielungen und verborgenen Hinweisen. Ähnlich verunsicherte Vivisekteure sind in frühen Prosaarbeiten von Barbara Frischmuth und Peter Rosei bis zu Gerhard Roth zu finden; bei Zoderer erhält dieses zeittypische Gefühl radikaler Fremdheit dann die zusätzliche Komponente der Identitätsproblematik eines deutschsprachigen Südtirolers mit italienischem Pass.9
1972 erschien Handkes Roman Wunschloses Unglück über das Leben seiner Mutter in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeiten, der eine Welle erzählter Lebensgeschichten auslöste. Neu war dabei vor allem die Blickrichtung auf das Leben in der Provinz. Die geburtenstarken Jahrgänge der Bildungsreform entstammten der ländlichen oder kleinstädtischen Unter-, allenfalls Kleinbürgerschicht, aus der sich erstmals in der Geschichte Österreichs ein Gros der jungen Intellektuellen rekrutierte.
Familie ist in den Nachkriegskindheiten ein vermintes Terrain. Traditionelle Strukturen pflegen in Kriegszeiten zu implodieren. Zurück bleiben zerrüttete Patchworkensembles mit Kriegerwitwen, verstörten Heimkehrer-Vätern und verschwiegenen Halbgeschwistern. Diese meist ängstlich gehüteten Familiengeheimnisse werden unheilvoll überlagert von den nicht weniger ängstlich verschwiegenen NS-Verstrickungen. Aus dem Blickwinkel der Kinder kommt zu Erinnerungen an Bombenkrieg, Nachkriegschaos und Hunger die permanente Gewaltbereitschaft der mit ihren eigenen Erfahrungen überforderten Erwachsenen. Im Fall der Südtiroler Optantenfamilie Zoderer war die existenzielle Zerrüttung und Verlorenheit der Eltern vielleicht besonders radikal.
Die Erwachsenen redeten „noch lange darüber und gewannen die Sicherheit nicht zurück.“10 So endet Hertha Kräftners im Winter 1950/51 entstandene Erzählung Die Baumschneider, eine Parabel auf die Verdrängungsarbeit, mit der die Menschen das gerade Erlebte wie das gerade Getane wegzuschieben versuchten. Fast noch im Erleben mussten für die Realität verfälschende Formeln gefunden werden, um über die Ungeheuerlichkeiten zur Tagesordnung übergehen zu können, wobei zunächst alle noch recht genau wussten, dass sie sich belügen. Auch deshalb konnte die Elterngeneration ihre Sicherheit nicht so rasch zurückgewinnen, was sie mit besonders autoritärem Verhalten überspielte.
Die gesellschaftspolitischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben in Vergessenheit geraten lassen, was Kindsein vor gar nicht langer Zeit tatsächlich bedeutete. Dazu tragen gerade die Debatten über institutionelle Auswüchse von Kindesmissbrauch wie Kinderarbeit bei, die vergessen machen, dass beides im familiären Ambiente nicht weniger verbreitet war. Der Kindheit beraubt11 heißt eine Untersuchung über Missstände in Erziehungsheimen, und dieser Titel würde für viele Kindheiten passen, die bis weit in die 1970er Jahre hinein unter der unangefochtenen Herrschaft der schwarzen Pädagogik standen. Sie lastete auf der Psyche der Kinder genauso unheilvoll wie das primär mit Einschüchterungsritualen funktionierende Schulsystem, und der über beiden irdischen Autoritäten waltende und von ihnen schamlos herbeizitierte strafende Gottvater.12 Das ist auch der Stoff, aus dem die Internatsgeschichten der Zeit gemacht sind.
Tab. 3
Internatsromane
1968
Barbara Frischmuth Die Klosterschule
1972
Florjan Lipuš Der Zögling Tjaž
1976
Joseph Zoderer Das Glück beim Händewaschen
1980
Josef Haslinger Der Konviktskaktus
1986
Franz Rieger Internat in L.
1987
Michael Donhauser Edgar
1989
Michael Köhlmeier Der MusterschülerAlfred Kolleritsch Allemann
Als Zoderers Das Glück beim Händewaschen 1976 erschien, war das eigentlich der richtige Zeitpunkt, allerdings noch der ‚falsche‘ Verlag. Publikationen in kleinen Editionen wie dem Münchner Relief Verlag schaffen es selten in überregionale Rezeptionszusammenhänge. Erst die umgearbeitete Neuauflage bei Hanser 1982 spielte den Roman in das Spitzenfeld der Gegenwartsliteratur ein.
Was in der Rezeption leicht übersehen wurde, sind einige Besonderheiten dieses Internatsromans. Zoderer zeigt, dass die Strenge im „Haus der Regel“ auch als Hilfe oder doch Entlastung nach der Verlorenheit im Chaos der Luftkriegstage und der Orientierungslosigkeit der Erwachsenen erlebt werden konnte – zumindest eine bestimmte Phase lang. Die Eindeutigkeit der Ordnung ist eine positive Folie zu den Kindheitserlebnissen im Bombenkrieg – auch dieses Buch hat W. G. Sebald übrigens wie so viele andere in seiner Vorlesung zum Thema Luftkrieg und Literatur13 nicht wahrgenommen, was ihn zur These verleitete, es habe keine literarische Verarbeitung des Bombenkriegs gegeben.
Die Trostlosigkeit von zuhause begann mir erst jetzt zu dämmern. Allmählich kehrte ich die Werte um. Ich fing an, meine Herkunft zu verleugnen. […] Ich hatte keine Werte, von denen mir bewußt gewesen wäre, daß ich ein Recht hatte, sie herzuzeigen.14
Das ist die Generationserfahrung der Teilnehmer an der NS-Jugendkultur. „Im Leerraum ab 1945“, so Friedrich Heer, wuchsen junge Menschen heran, „die sensibel, verstört, verwirrt, voll Zorn, Trauer, dann Wut die grassierende Verlogenheit der öffentlichen Verhältnisse wahrnahmen.“15 Über diese Jugend ist nach 1945 aus gutem Grund viel nachgedacht worden; sie hat Teile oder die Gesamtheit ihrer Schulzeit in autoritären und faschistischen Systemen absolviert. Alle Welterklärungen und Denkmodelle, die hier vermittelt wurden, waren 1945 über Nacht entwertet. Daraus speist sich auch Zoderers Titelbild des Händewaschens; eingeübt in autoritäre Strukturen kann der junge Erzähler gar nicht genug bekommen an paternaler Ordnung, sauberen Händen und klaren Regeln:
Alles gefiel mir. […] Ich dankte nicht aus Zwang, sondern weil alles von oben auf mich herunterströmte. Die Macht war unsichtbar groß. Und ich spürte nur ihre Milde, ihre Güte. Zunächst brauchte ich nichts dringender. […] Das Oberste und Höchste war der Gehorsam. Obwohl ich aus den Ruinen kam und aus der Gegend der jetzt brombeerüberwucherten KZ-Mauern, schöpfte ich keinen Verdacht.16
Darüber hinaus thematisiert Zoderer in diesem Roman auch die Schuld seiner eigenen Generation, sich für die Sündenfälle wie Leidensgeschichten der Eltern im Nationalsozialismus nicht interessiert zu haben:
Ich war kaum neugierig, ich fragte wenig und ganz und gar nicht gezielt. […] Ich muß zugeben, daß ich nicht heftig bohrte und deshalb nur Antworten erhielt, die vielleicht an mir Halbwüchsigem Maß nahmen oder tatsächlich das Ende der Wahrheit waren.17
Über das genaue Ausmaß der Schuld seines Vaters im NS-Regime kann Zoderer dann posthum keine Klarheit mehr erlangen. Das teilt er etwa mit Gerhard Roth, der erst in seinem 2007 erschienenen autobiografischen Roman Das Alphabet der Zeit sichtbar gemacht hat, wie sehr die letztlich unauflösbare Unsicherheit über die NS-Verstrickung der Eltern seinen Erzählmotor über die Jahrzehnte in Gang hielt.
‚Heimat‘ war nach 1945 ein nachhaltig beschädigtes Konstrukt. In der Provinz herrschten konservative bis reaktionäre Moralvorstellungen und Machtstrukturen, zugleich wurde sie ökonomisch durch Abwanderung und beginnende Tourismus-Vermarktung zunehmend ausgehöhlt. Die jungen AutorInnen, die ihre Kindheit oft hier verlebt hatten, traten nun an, die Tradition des idyllischen Dorfromans mit ihren Erfahrungen und auch mit der unmittelbaren Vergangenheit im Nationalsozialismus zu konfrontieren. Diese literarischen Besichtigungen der Provinz verbinden das privat Biografische mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen und schreiben damit auch an gegen das desavouierte Modell ‚Heimatroman‘, das – nimmt man etwa die Erfolgszahlen eines Karl Heinrich Waggerl – nach 1945 seine Popularität keineswegs eingebüßt hatte.
Die kritische Hinterfragung des Begriffs Heimat setzte 1960 mit Hans Leberts Roman Die Wolfshaut ein. In der Folge entstand eine Fülle von literarischen Verarbeitungen des subjektiven Herkunftsraums, die nach dem Leben der einfachen Bevölkerung in den Jahrzehnten von Faschismus, Krieg und Wiederaufbau fragen. Damit arbeiten sie an einer neuen Landkarte der Heimat nach politischen, ökonomischen und mentalen Parametern.
Tab. 4
Kritische Besichtigung der Provinz
1960
Hans Lebert Die Wolfshaut
1963
Thomas Bernhard Frost
1967
Gerhard Fritsch Fasching
1969
Gert Jonke Geometrischer Heimatroman
1972
Peter Handke Wunschloses Unglück
1974
Franz Innerhofer Schöne Tage
1975
Werner Kofler Guggile: vom Bravsein und vom Schweinigeln
1976
Gernot Wolfgruber Herrenjahre
1979/80/82
Josef Winkler Das wilde Kärnten
1982
Joseph Zoderer Die Walsche
Zoderers Die Walsche verlagert die Besichtigung der Starre und Immobilität ländlicher Gesellschaftsstrukturen nach Südtirol, wo die historischen Belastungen eine besondere Dimension haben. Auslöser für die erinnerte Kindheit ist im Roman der Tod von Olgas Vater. Vieles, was sie als erwachsen Heimkehrende im Dorf immer noch vorfindet – Alkoholismus, Gewalttätigkeit, Sexismus, Dumpfheit, Antiintellektualismus –, ist regional unspezifisch und war wohl relativ gleichmäßig verteilt in allen ländlichen Regionen Österreichs zu finden. Dort, wo noch nicht der beginnende Tourismus dafür sorgte, dass sich der Horizont etwas öffnete und die Leute „freundlicher [wurden], im Gesicht“18, hielt sich diese Gestimmtheit auch noch länger.
Damit steht Zoderers Roman in der viel umfassenderen Diskussion des Heimatbegriffs, die Wahl des Titels freilich lenkte die Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das zentrale Thema der ethnopolitischen Konflikte in Südtirol. Den Spitznamen die ‚Walsche‘ erhielt Olga im Übrigen wegen einer gemachten Hausaufgabe für den Italienischunterricht. Es war also auch die typische Intellektuellenfeindlichkeit einfacher Bevölkerungsschichten mit im Spiel, die der Lehrerstochter Olga schon als Kind eine Sonderstellung zuwies, und das zeigt, wie sich Diskriminierungsdiskurse selbst in einem Südtiroler Bergdorf kreuzen. Trotzdem dominierte die geografische Verortung die Wahrnehmung des Romans und machte auch noch dessen Rezeptionszeugnisse, die schon ein Jahr nach Erscheinen eifrig analysiert wurden19, als Forschungsgegenstand zum Status der Südtirolfrage interessant. Für Zoderer bedeutete der Roman den finalen Durchbruch am italienischen Buchmarkt: Die Übersetzung von Umberto Gandini L’Italiana erschien 1985 im renommierten Verlag Mondadori, der 100.000 Exemplare als Kiosk-Taschenbuch drucken ließ.
Dass die Verfilmung 1986 Landeshauptmann Silvius Magnago dazu brachte, ein Aufführungsverbot zu fordern, „da der Film dem friedlichen Zusammenleben in Südtirol abträglich sei“20, ist kein Alleinstellungsmerkmal der Stimmung in Südtirol. Die kulturpolitischen Aufreger um die Alpensaga oder die Kottan-Serie lagen zwar schon einige Jahre zurück, die Erregungsfälle hörten aber mit der Verankerung der Freiheit der Kunst in der Bundesverfassung keineswegs auf.
Tab. 5
Auswahl aus der Skandalchronik
1970
Harald Sommers A unhamlich schtoaka Obgaung beim steirischer herbst
1971
Peter-Rosegger-Preis für Wolfgang Bauer
1975
Wolfgang Bauers Gespenster beim steirischer herbst
1976
Pier Paolo Pasolinis Die 120 Tage von SodomFolge 1 der Alpensaga von Wilhelm Pevny/Peter Turrini
1977
Folge 3 der AlpensagaHelmut Zenkers Kottan ermitteltStaatsoperette von Franz Novotny/Otto M. ZykanWolf Biermann beim Jugendfestival der SPÖ im Donaupark Valie Exports Unsichtbare Gegner
1979
Peter Henischs Cover-Version von Nestroys LumpazivagabundusGerhard Rühms Gedicht blumenstück im Landesstudio Steiermark
1981
Elfriede Jelineks Clara S. beim steirischen herbst Kurt Wintersteins Kronenzeitungslied
1982
„Freiheit der Kunst“ als § 17a der Bundesverfassung Thomas Pluchs TV-Trilogie Das Dorf an der Grenze Felix Mitterers StigmaWerner Schröters Verfilmung von Oskar Panizzas Liebeskonzil
1983
Herbert Achternbuschs Das Gespenst
1984
NÖ Landeskulturpreis für Hermann Nitsch Atemnot von Käthe Kratz/Peter Turrini
1986
Silvius Magnago fordert Aufführungsverbot für Werner Mastens Die Walsche
Parallel zu den Dorfbesichtigungen entstand eine literarische Sehnsucht nach der Ferne, die zu einem überraschenden Rekurs auf das Genre Entwicklungsroman führte. Auch dafür hatte Handke mit Der kurze Brief zum langen Abschied (1972) das Modell geliefert. Die klassische Bezugnahme wird hier mit der Reiselektüre direkt eingespielt: Es ist Gottfried Kellers Der grüne Heinrich, den der Erzähler auf seine Reise in die USA mitnimmt. Prinzipiell entlässt jede Reise in die Fremde aus den gewohnten Zusammenhängen und schärft die Wahrnehmung für die neue Umgebung, die mit den Erfahrungen zu Hause verrechnet wird. Für die Nachkriegsgeneration war die von der Katastrophe zweier Weltkriege wie der Verwüstung durch den nationalsozialistischen Terror am eigenen Territorium unberührte USA kulturhistorisch eine besonders radikale Fremde. Zugleich ist Der kurze Brief zum langen Abschied die Geschichte einer Trennung und damit einer der frühsten – und subtilsten – Romane über die Krise der Paarbeziehung.
Zoderers Lontano erschien 1984 und ist ebenfalls eine Trennungsgeschichte und eine zeittypische „Amerika-Streunerei“21, die Südwestfunk-Bestenliste honorierte das im November 1984 mit Platz sechs.22 Wie Handke analysiert Zoderer die Defizite seines Protagonisten in Sachen soziale Kompetenz. In Beziehungsfragen wurde das in dem Moment virulent, als Frauen begannen, ‚Ansprüche‘ zu definieren oder gar, wie Zoderers Mena, das Konzept der offenen Beziehung auch für sich selbst entdeckten. Die Trennung von der Freundin, der bevorstehende Tod der Mutter und eine mögliche Hautkrankheit zwingen den Protagonisten zur körperlichen Selbstbeobachtung ebenso wie zur Wendung nach innen.
Das besondere Moment an Zoderers Roman ist vielleicht die Schärfe, mit der er die Überforderung seines Helden durch die Reiseerlebnisse zeigt. Die Zeit war auf Aufbruch gestimmt, die jungen Leute, zumal jene, die dank der Bildungsreform aufgestiegen waren, fanden sich dafür oft nicht gut vorbereitet. Von der Fremde sieht Zoderers Reisender so gut wie nichts. Im Haus seiner Schwester in Maryland bezieht „er ein breites Bett in einem Souterrainzimmer“23, das er wochenlang kaum verlässt und lange Zeit betritt er die Straße nie ohne seine Schwester. Als er dann nach Kanada aufbricht, sitzt er in den wechselnden Bussen wie auf exterritorialem Gelände; er spricht mit niemandem und sieht kaum oder doch recht unbeteiligt aus dem Fenster. „Es gefiel ihm vieles, aber es zog ihn nichts an. Er fuhr, um zu fahren […]. Ich könnte, sagte er, genausogut tagelang, nächtelang von Island nach Sizilien fahren.“24
Soziale Aufsteiger zahlen oft mit einer lebenslangen Unsicherheit im neuen Milieu. Das meint nicht nur Fragen der Etikette, sondern geht viel tiefer. „Es gilt nun einmal, daß die Dinge, denen ich nicht schon von klein auf begegnet bin, mich bis zum heutigen Tag kopfscheu machen können; es ist ein Reflex, und ich werde ihn nicht los“25, lässt Handke noch 1994 sein Alter Ego Gregor Keuschnig sagen. Auch das ist ein Element des existenziellen Fremdheitsgefühls, das die Romane der Zeit mit einer großen Bandbreite an Nuancen thematisieren und das sich bei Zoderer mit den speziellen Lebensprägungen vermengt.
Und es ist dieses prinzipielle Fremdheitsgefühl, das dazu beitrug, dass sich in den Reiseromanen der Zeit das Geschehen auf die Reise in innere Erlebniswelten und eine distanzierte Detailrecherche der fremden Umgebung konzentriert. Zoderers 1987 erschienener Roman Dauerhaftes Morgenrot arbeitet sich an diesem Programm idealtypisch ab. Lukas, der Mann zwischen zwei Frauen, reist in eine italienische Hafenstadt, beobachtet sich selbst und seine Umgebung mit größter Detailverliebtheit und findet ein erotisches Abenteuer mit einer Prostituierten. Reiseaufbruch, Selbsterfahrung, Liebeszauber, Wahrnehmungszwang und Sehnsucht nach dem Unmöglichen – sei es die Liebe oder das ewige Morgenrot. Der Roman wurde zwar zwiespältig aufgenommen, traf aber doch noch den Nerv der Zeit, im Juni 1987 kürte ihn die Darmstädter Jury zum Buch des Monats.26
Zoderer selbst empfand das Buch als einen Endpunkt subjektivistischer Literaturkonzepte, „wo auch eine bestimmte Welt aufgehört hat zu existieren. Die sogenannte neue Innerlichkeit war nicht mehr ertragbar“27, sagte er 1994 in einem Interview. Der Begriff Neue Innerlichkeit kam Ende der 1970er Jahre auf und wurde von den Verfechtern eines sozial engagierten Literaturbegriffs, die gegen die zunehmende Entpolitisierung der öffentlichen Diskurse antraten, pejorativ verstanden. Wie alle emotionalisierten Kampfbegriffe hat er für erhebliche Missverständnisse gesorgt, das prominenteste Beispiel dafür ist vielleicht Jürgen Becker. Der Begriff unterstellte pauschaliter eine unzulässige Verengung der literarischen Perspektive auf subjektive Befindlichkeiten. Das übersah die literarisch oft produktive Nähe dieser positivistischen Bestandsaufnahmen zum Nouveau roman und es übersah vor allem die Tatsache, dass die penible Zergliederung existenzieller Fremdheit auch systemische Kritik an den Lebensbedingungen formuliert und an den Optionen, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern bereitstellt.
1995 erschien Zoderers Mexiko-Roman Das Schildkrötenfest und wirkte „wie in der Zeitfalte steckengeblieben“.28 So urteilte Sigrid Löffler und bezog sich dabei vor allem auf die Hippie-Aussteigerszene am mexikanischen Pazifikstrand. Doch man ist aus ganz anderen Gründen geneigt, dieses Buch in enger Nähe zu den Reiseromanen der 1970er Jahre zu lesen, und wie die Neuausgabe des Romans im Rahmen der vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv in Innsbruck veranstalteten Werkedition belegt, griff der Autor nach einer längeren Schreibkrise für diesen Roman tatsächlich auf ein Reisetagebuch aus dem Jahr 1970 zurück.29
„Zum ersten Mal überhaupt in meiner Schriftstellerkarriere versuche ich, eine Liebesgeschichte in Form eines Entwicklungsromans zu schildern“30, so Zoderer 1994 über Das Schildkrötenfest. Dieses Genre hatten nach Handkes Der kurze Brief zum langen Abschied eine Reihe von Reiseromanen durchgespielt.
Tab. 6
Reiseromane
1972
Peter Handke Der kurze Brief zum langen Abschied
1973
Barbara Frischmuth Das Verschwinden des Schattens in der Sonne
1974
Gerhard Roth Der große Horizont
1975
Peter Handke Falsche Bewegung
1976
Peter Rosei Der Fluß der Gedanken durch den Kopf
1977
Peter Rosei Wer war Edgar Allan?
1978
Gerhard Roth WinterreisePeter Rosei Von Hier nach Dort
1979
Peter Handke Langsame Heimkehr
Mit ihrer Suche nach einem ‚anderen Zustand‘ gleichen die Reisenden dabei zuweilen selbst den Jünglingen der Romantik, auf die sich die Autoren mitunter auch direkt beziehen. In Peter Roseis Von Hier nach Dort endet der Protagonist, wo Eichendorffs Taugenichts umkehrt: in Rom. Auch Gerhard Roths Winterreise enthält Anklänge an die klassische Italienreise, die hier, der Kälte des 20. Jahrhunderts entsprechend, mit dem Lösen eines Flugtickets nach Alaska endet, während sein Roman Der große Horizont in die USA führt. Und in Handkes Filmerzählung Falsche Bewegung bricht der Held namens Wilhelm Meister, kein Kaufmanns-, aber immerhin ein Greißlersohn, mit Eichendorffs Taugenichts im Reisegepäck auf.
Der Reisende in Zoderers Schildkrötenfest heißt Loris. Das war das Pseudonym des jungen Hugo von Hofmannsthal, der, nach einem russischen General, zunächst noch als Loris Melikow zeichnete, was den poetischen Klang überraschend martialisch erdet. Zoderers Loris wird von geheimnisvollen Figuren, darunter die mysteriöse Nives, auf seinen Reisewegen angeleitet wie Goethes Wilhelm Meister von den Mitgliedern der Turmgesellschaft. Für heutige Leser wirkt diese Organisation mit dem inszenierten Mummenschanz und dem verschwurbelter Lehrbrief im Stil eines Horoskops der Boulevardpresse freilich mehr wie ein Studentenulk denn eine Geheimloge, aber sie wacht mit geheimnisvoller Allwissenheit über die Reisebewegungen des observierten Wilhelm. Das scheint bei Zoderer ähnlich. „Ich weiß, ich weiß alles“31, sagt der Friseur Pacho, als Loris sich vorstellen will, und nach Nives befragt, antwortet Pacho nur: „Du wirst sie finden.“32 Zum Teil erhalten die verrätselten Botschaften hier freilich eine realistischere Begründung aus den kriminellen Aktivitäten des Drogenhandels, von denen Loris als ‚tumber Tor‘ nichts ahnt.
Mit Nives wollte er, so Zoderer, „eine schwierige, aber wahnsinnig interessante Frauenfigur“33 gestalten. Das ist nicht gelungen, was nicht am Autor liegt. Am raschesten gealtert ist die Literatur dieser Zeit, was die Frauenfiguren betrifft. Sie entstammen in ihrer Mischung aus bloß behaupteter Selbstbestimmtheit, sexueller Hyperaktivität und moralischer Indifferenz oft allzu eindeutig den Rollenbildern, Sexualfantasien und -ängsten der Zeit.
Kurt Lanthaler kritisierte bereits 1982, dass Zoderer seit dem Bachmann-Wettbewerb 1981 fest „in der hand“ des ‚Betriebs‘ sei: „buch, verfilmung, buch, verfilmung, übersetzung, lesetourneen, rundfunk, buch. das eine wirbt fürs andere: der verlag hat geld gespart“.34 Verkaufszahlen waren in den 1980er Jahre noch kein so zentrales Feuilletonthema wie heute, aber Zoderers durchschlagender Medien- und Verkaufserfolg hat die Zeitgenossen doch verblüfft.
1 Angaben in Fettdruck sind jeweils die auf Zoderer bezüglichen Hinweise.
2 Armin Gatterer: „Sehen, wie wenn alles verhext wäre“. Joseph Zoderer im Gespräch. In: Distel 1982, H. 4/5, 31-33, hier 32.
3 Hansjörg Waldner: Gulasch und Selbstmitleid. Der Südtiroler Autor Joseph Zoderer im Interview. In: Der Standard, 5.5.1995.
4 Hilde Spiel: Die österreichische Literatur nach 1945. Eine Einführung. In: Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart. Autoren. Werke. Themen. Tendenzen seit 1945. Bd. 5: Die zeitgenössische Literatur Österreichs I. Hg. u. eingeleitet v. Hilde Spiel. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1980, 3-133, hier 126.
5 „Ich weiß immer weniger, wie das Schreiben geht“. Brita Steinwendtner: Gespräche mit Peter Handke aus vielen Jahren. In: Salz. Zeitschrift für Literatur 28, 2002, H. 109, 4-7, hier 4.
6 „Der stärkste Eindruck. Dreizehn Theaterkritiker bezeichnen ihren Höhepunkt der Saison“. In: Theater 1966. Chronik und Bilanz eines Bühnenjahres. Vorgelegt von der Zeitschrift „Theater heute“, 26-28 (Günther Rühle), 28-30 (Hans Daiber).
7 Staberl [Richard Nimmerrichter]: Schulfunks Mistblumen. In: Kronen Zeitung, 11.2.1979.
8 Ruth Esterhammer: Joseph Zoderer im Spiegel der Literaturkritik. Wien: LIT 2006 (Innsbrucker Studien zur Alltagsrezeption 2), 63-65.
9 Vgl. Sieglinde Klettenhammer: Topographien des Fremden. Zu Joseph Zoderers Romanen Die Walsche, Lontano, Das Schildkrötenfest und Der Schmerz der Gewöhnung. In: Günther A. Höfler, Sigurd Paul Scheichl (Hg.): Joseph Zoderer. Graz, Wien: Droschl 2010 (Dossier 29), 35-66, hier 56f.
10 Hertha Kräftner: Die Baumschneider. In: Gerhard Altmann, Max Blaeulich (Hg.): Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Klagenfurt, Salzburg: Wieser 1997, 257-259, hier 259.
11 Reinhard Sieder, Andrea Smioski: Der Kindheit beraubt. Gewalt in den Erziehungsheimen der Stadt Wien. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag 2012.
12 Vgl. Evelyne Polt-Heinzl: Josef Winkler: Verschleppte Kindheiten – Verfehlte Beheimatung oder Die Folgen von Literatur. In: Alexandra Millner, Christine Ivanovic (Hg.): Die Entsetzungen des Josef Winkler. Mit frühen Gedichten des Autors sowie einer Bibliografie zu Josef Winkler 1998 – 2013. Wien: Sonderzahl 2014, 58-71.
13 W. G. Sebald: Luftkrieg und Literatur. Mit einem Essay zu Alfred Andersch. München: Hanser 1999.
14 Joseph Zoderer: Das Glück beim Händewaschen. Roman. Innsbruck, Wien: Haymon 2009 (Haymon tb 14), 12.
15 Friedrich Heer: Nach 1945. In: Jochen Jung (Hg.): Vom Reich zu Österreich. Kriegsende und Nachkriegszeit in Österreich erinnert von Augen- und Ohrenzeugen. Wien: Residenz 1983, 166-177, hier 173.
16 Zoderer (Anm. 14), 33.
17 Ebenda, 128.
18 Joseph Zoderer: Die Walsche. Roman. München, Wien: Hanser 1982, 8.
19 Vgl. Sigurd Paul Scheichl: Die Kritiker und Zoderers „Walsche“. In: Sturzflüge. Eine Kulturzeitschrift 2, 1983, H. 4, 48-50.
20 Zit. nach Esterhammer (Anm. 8), 38.
21 Sigrid Löffler: Fremd und neu. Joseph Zoderer: „Lontano“. In: Profil, 8.10.1984.
22 Vgl. Esterhammer (Anm. 8), 105.
23 Joseph Zoderer: Lontano. Roman. München, Wien: Hanser 1984, 87.
24 Ebenda, 130.
25 Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1994, 176.
26 Vgl. Esterhammer (Anm. 8), 107.
27 Nina Schröder: „Ich hatt’ nie unter 50 Millionen Schulden“. Joseph Zoderer über seinen neuen Roman, die sechs Jahre Stille davor und die Härte des Buchmarktes. In: Südtirol Profil, 21.3.1994, 46f., hier 46.
28 Zit. nach Esterhammer (Anm. 8), 50.
29 Vgl. Andrea Margreiter: „[...] jetzt spürte ich den Funken.“ Das Schildkrötenfest – von der Idee zum Roman. In: Joseph Zoderer: Das Schildkrötenfest. Roman. Mit Materialien aus dem Vorlass des Autors sowie Beiträgen von Sieglinde Klettenhammer und Andrea Margreiter. Innsbruck, Wien: Haymon 2015, 139-182.
30 Schröder (Anm. 27), 46.
31 Zoderer, Das Schildkrötenfest (Anm. 29), 34.
32 Ebenda, 36.
33 Schröder (Anm. 27), 46.
34 Kurt Lanthaler: Die schummerigen Flecken auf dem Schuppendach. In: Sturzflüge. Eine Kulturzeitschrift 1, 1982, H. 1, 60-62, hier 62.
Mutmaßungen über das Weiterleben zeitgenössischer Texte, d.h. über deren Potential, auch in weiterer Ferne noch auf diversen (und nicht nur regionalen) Lektürelisten aufzuscheinen, sind immer riskant, aber reizvoll nicht minder; und auch wieder unerlässlich, als Begleiter einer vorsorglichen Verlagspolitik beispielsweise oder als Markenzeichen einer Literaturkritik, die ihre Aufgaben noch ernst nimmt.
Von allem Anfang an ist einzuräumen, dass Irrtümer vorprogrammiert und die Kriterien der Kritik alles andere als zeitlos sind. Vorbilder, die allen Kunstrichtern das Fürchten lehren, bietet die Literaturgeschichte genug. Schon Goethe war bekanntlich, um ein Wort von Anna Seghers aufzunehmen, ganz „unzugänglich“1 für Zeitgenossen wie Kleist oder Hölderlin. Ein jüngeres, ebenfalls abschreckendes Beispiel, das sogleich nach Tirol führt, hat Friedrich Torberg überliefert: 1953 traf sich in Innsbruck, im Rahmen der Österreichischen Jugendkulturwochen2, eine Jury, um aus nahezu hundert Einsendungen junger österreichischer Autorinnen und Autoren alle jene auszuwählen, die einen Literaturpreis verdient hätten. Die Jury hatte es nicht leicht, zumal offenbar in allen Texten dasselbe „Grundthema“, nämlich „‚immer wieder der vereinsamte Mensch‘“ auftauchte – wenig verwunderlich, aus Torbergs Sicht, war doch dieses Thema überall präsent, „wo während der letzten zehn oder zwanzig Jahre die entscheidenden Eindrücke vom Krieg und von Kafka ausgingen – also überall“. Was die Jury hingegen erwartet hatte und demnach vermisste, war (Torberg zitiert aus ihrem Gutachten), dass es „niemandem gelungen ist, das spezifisch Österreichische in der Dichtung neu und lebendig zu gestalten“.3 – Längst sind die Teilnehmer/innen dieses Wettbewerbs, abgesehen vielleicht von Herbert Eisenreich und Hanns Weissenborn, aus dem Literaturbetrieb verschwunden und ebenso vergessen wie die von der Jury genannten Kriterien, die in der Nachkriegszeit noch leistungsfähig schienen. Aber auch Kriterien, deren Haltbarkeit doch weit höher einzuschätzen ist, weil sie einen breiten Konsens in der Literaturwissenschaft widerspiegeln, müssen permanent mit Attacken rechnen. Eine von der ZEIT-Redaktion im Jahr 2010 gestartete, an „junge deutsche Autoren“ [d.i. Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Österreich] gerichtete Umfrage4 über die kanonisierten „Klassiker“ des 20. Jahrhunderts hat am Ende doch bemerkenswerte Ergebnisse gezeitigt: Niemand steht sicher auf dem Postament; und selbst wenn man die Auslassungen von Nora Bossong gegen die Gedichte Brechts oder das Urteil von Clemens J. Setz über Ingeborg Bachmann (Malina sei „kaum zu ertragen“) nicht teilen mag und womöglich nach wie vor sich weigert, Bücher von Christa Wolf und Günter Grass zum Altpapier zu werfen, muss man gleichwohl anerkennen, dass alle Indizien für Kanonizität sich immer wieder neu einer Revision zu stellen haben, nicht zuletzt weil jüngere Schriftsteller/innen oft sich ohne weiteres von älteren absetzen, indem sie einfach, um auf deren Logenplätze stürmen zu können, über die Vorgänger sich hinwegsetzen. – Zoderer könnte wahrscheinlich zu diesem Thema Erhellendes beitragen.
Um hier wenigstens die zentralen Kriterien, die im Folgenden eine Rolle spielen werden, nachdrücklich hervorzuheben, sei doch noch ganz knapp auf zwei Texte verwiesen: auf Becketts Kurzdrama Kommen und Gehen und auf einen Aufsatz aus der Essay-Sammlung Schöne Literatur von Martin Mosebach.
In Kommen und Gehen, einem der kürzesten Stücke der Weltliteratur, ist von drei Personen unbestimmten Alters die Rede, die auf einer Bank nebeneinander sitzen und die meiste Zeit schweigen. Sobald jedoch eine Person den Raum verlässt, beginnen die anderen beiden zu flüstern, sie tauschen allem Anschein nach ein Geheimnis aus, das die Abwesende betrifft, ohne dass diese indessen davon auch nur etwas ahnt. Die dritte Person kehrt zurück, die zweite verlässt den Raum, die zweite kehrt zurück, die erste geht ab; das Spiel wiederholt sich. Auch das Schweigen. Von dem Geheimnis aber, das über der jeweils abwesenden Person schwebt, erfährt das Publikum nichts; aus den Reaktionen der Grazien und aus den wenigen Wörtern, die sie wechseln, ist lediglich zu erschließen, dass sie alle drei harte Schicksalsschläge erwarten dürfen und doch noch immer von ganz anderem träumen.5 Das Schweigen: ein Akt der Rücksichtnahme, des Respekts, der Angst auch – oder gar ein Bosheitsakt? Das bleibt offen, es ist, als wollte sich der Autor bewusst zurückhalten, ein Gegenpol zu Menschen, die alles zu wissen glauben und alles kommentieren müssen; und so bleibt denn das Geheimnis, zwischen den wenigen Wörtern des Spiels höchstens halb und halb aufgedeckt und trotzdem die Mitte der Dichtung, um die sich alles dreht, was es bleiben soll: ein Geheimnis.
In einem mit Sprengsätzen gespickten Beitrag zu dem Band Schöne Literatur, in seinem Nachruf auf Peter Hacks, befasst sich Mosebach unter anderem mit der Frage, warum man es dem Begründer der sozialistischen Klassik übel genommen habe, „daß er von seinem Stalinismus niemals abgefallen ist“. Dabei kommt Mosebach vor allen Dingen auf den Vorwurf zu sprechen, „der Schriftsteller habe in seiner Literatur auf der Höhe der historischen Erkenntnis, auf der Seite der öffentlichen Moral und in der Mitte des gesellschaftlichen Bewußtseins zu stehen; alles dies tue Hacks mit voller Absicht nicht“.6
Mosebach, ganz gewiss kein Anwalt der Machtpolitik Josef Stalins, verteidigt seinen Kollegen in diesem Punkt dennoch, weil er gerade alle diese Einwendungen ins Positive gewendet wissen möchte, nämlich als Charakteristika einer Literatur, wie sie auch ihm selber vorschwebt: In der Literatur darf die Angst, auch einmal allein dazustehen, darin sind sich Hacks und Mosebach einig, nie und nimmer ins Gewicht fallen.
In diesem Zusammenhang liegt es nahe, einen Hinweis auf Tumlers schmale Erzählung Volterra7 einzuschalten. Es ist bekannt, dass der Autor im Oktober 1959 (an einem Sonntagnachmittag) Volterra besucht hat; er bleibt dort nur einige wenige Stunden.8 Nicht anders als die meisten Touristen, die in Volterra einkehren. Der Blick seines Erzählers aber ist zu keinem Zeitpunkt der eines Touristen:
Wir waren auf der alten Straße, die es von früher noch gab und die nicht mehr befahren wurde, gekommen. Erst als wir Volterra verließen, sahen wir die neuen blauen Straßen, auf denen es schnell zu erreichen war: Sie lagen alle drüben auf der andern, lebenerfüllten Seite der Stadt. Wir waren auf ihrer nicht mehr benutzten Seite angekommen; und diese nicht mehr wahrnehmbare, nicht mehr wirkliche Seite ließ uns alles erkennen – der nicht mehr wirkliche Zugang führte uns hinein:
Moderiger Abstich, Verschmutzung durch blaue Trauben, die Furchen von Spinnennetz überzogen, die metallische Haut des Berges von fauligem Müll überschwemmt, Blechdosen, Glasscherben, die Stadt fern, der Name verschleiert, falschzeigende Schilder, die Schilfnester aus Bambus besetzen höhnisch den Berghang. (V 20f.)
Der Erzähler kommt mit vorgefassten Bildern nach Volterra; es sind „starre, leblose Bilder“, „Ablagerungen um einen Namen“ (V 61), um den Namen Volterra. Der allerdings wirkt „wie ein magnetischer Kern“ (V 61); und dann gibt es noch etwas, was den Erzähler mächtig anzieht: Volterra liegt nicht weit entfernt von einer Siedlung, die als eine der wichtigsten archäologischen Stätten Italiens bekannt ist, Ansedonia, auf dem Hügel von Cosa. Ausgerechnet dort fühlt sich der Erzähler sofort „wie zu Hause“ (V 14). „Ich sage dir“, eröffnet er, sich erinnernd, seinem Gegenüber, „ich war nie ruhiger als dort, im Innern der Stadt; ich konnte es dir nur nicht erklären [...].“ (V 15) Ein wichtiges Stichwort für den Erzähler wie für den Autor: das Bedürfnis zu erklären, was sonst womöglich nicht oder ganz falsch verstanden werden könnte.
So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass dieser Erzähler jedes Wort auf die Goldwaage legt. Einerseits, als wollte er einen Gedanken aufgreifen, der sich schon in den Notizen von Velimir Chlebnikov findet: „Wörter sind besonders stark, wenn sie zwei Sinne haben, wenn sie lebendige Augen für das Geheimnis sind und wenn durch den Glimmer des gewohnten Sinnes ein zweiter Sinn hervorleuchtet.“9 Andererseits, als müsste er gerade diese Doppeldeutigkeit fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Bezeichnend: Er redet und redet, aber plötzlich unterbricht er sich: „Vielleicht, wenn ich noch einmal anfange.“ (V 15) Signifikant auch die Passage, in der er daran erinnert, wie sie beide am Abend, schon auf dem Weg aus der Stadt, an der Zitadelle vorüberkommen und (es ist schon dunkel) Frauen beobachten, die auf dem Grasstreifen vor dem Gefängnis hin und her gehen und zu den Lichtern hinaufrufen und auf ein Zeichen warten:
Du warst so mitleidig und konntest es nicht sehen; so wie zu Anfang nicht, daß die Hunde an der Kette hingen; und nun erzähle ich dir etwas, das damals nicht geschehen ist, aber das ich, seit ich dir von Volterra erzähle, oft vor mir sehe, wie es geschieht: Du läufst zu den Frauen hin und fragst, ob ihnen denn niemand hilft, und ob sie die ganze Nacht hier so gehen, und warum. Da sagt eine: Weil die innen auch so hinund hergehen in ihrem Loch, und weil wir anders mit ihnen nicht reden können. Aber wenn wir außen dasselbe tun wie sie, und hin- und hergehen, dann merken sie, daß jemand mit ihnen redet. Dann ist es eine Art Verständigung. Der Engel geht durch den Stein. (V 32f.)
Der Erzähler fühlt sich oft und oft ebenso hilflos wie diese Frauen; durch „Mitteilung und Verständigung“ (V 33) hofft er, sich Erleichterung zu erwirken, Linderung, Heilung, Neubelebung. Das Allein-Sein hingegen, mit seinen Überzeugungen allein dazustehen, fürchtet er grundsätzlich nie.
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Genug der Vorbemerkungen. – Über die Faktoren, die zu unserer Entscheidung geführt haben, eine Tumler-Werkausgabe zu starten, auch über die Konzeption dieser Neuausgabe hat Sieglinde Klettenhammer schon ausführlich berichtet.10 Ich kann mich also kurz fassen:
Tumler (1912-1998) ist nie ein populärer Autor gewesen, im Gegenteil zeitlebens (vor allem wegen seiner Haltung zum Nationalsozialismus) umstritten geblieben, obwohl seit den 1950er Jahren renommierte Verlagshäuser seine Bücher veröffentlicht und prominente Kollegen wie Gottfried Benn oder Jean Améry ihn sehr geschätzt haben; wo immer er auftaucht, wird er indes als eine Randfigur wahrgenommen11, in der Gruppe 47, später auch in der Berliner Akademie der Künste, deren Literatur-Abteilung er (in einer extrem schwierigen Phase) 1967/68 als Direktor, 1968-70 als stellv. Direktor geleitet hat. – Man könnte nun eine respektable Reihe von Bemühungen anführen, Tumler den Status eines Klassikers der Moderne zuzusprechen. Heinz Ohff, lange Jahre Feuilletonchef des Berliner Tagesspiegels, hält in seiner Besprechung der Nachprüfung eines Abschieds (1961, 1964) fest, er sei überzeugt, die große Nachprüfung, die eines Tages kommen und schließlich bestimmen werde, was bleibt, was also aus dem unüberschaubaren Belletristik-Angebot der deutschen Verlagshäuser einmal in den Kanon der deutschsprachigen Literatur aufzunehmen wäre, diese Nachprüfung werde sich auch mit Tumlers Werk befassen und ihm einen zentralen Platz zuweisen müssen.12 Denn Tumler habe, so begründet Ohff seine Ansicht, in einem Zwischenreich zwischen Adalbert Stifter und Hans Magnus Enzensberger, auf einem ähnlich ausgesetzten und unverwechselbaren Standort wie Günter Grass und Uwe Johnson, im deutschen Sprachraum als einer der ersten, wenn nicht als erster einen literarischen Ausdruck entwickelt, der sich mit der dominanten Tonart des technischen Zeitalters getroffen hat. Zu einem ganz ähnlichen Urteil kommt der Schweizer Literaturkritiker Werner Weber; er stellt Tumler in eine Reihe mit Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Peter Weiss und (auch wieder) mit Grass und Enzensberger.13 Man könnte ferner etliche Taschenbuchausgaben hier aufzählen (Fischer, Suhrkamp, Piper).14 Anlässlich einer Buchpräsentation in Berlin, in der Akademie der Künste am Pariser Platz, haben Michael Krüger und Ingo Schulze noch im Jahr 2014 für Tumler die Werbetrommel gerührt und sein Werk neben jenes von Grass gerückt.15 Österreichische Autoren wie Walter Kappacher (Georg-Büchner-Preis 2009)16 oder Reinhard Kaiser-Mühlecker (Kunstpreis Berlin 2013)17 machen kein Hehl daraus, dass sie Tumler ungemein schätzen, Peter Handke soll nach der Lektüre von Volterra sich sogar aufgemacht haben, dem gleichnamigen Ort einen Besuch abzustatten.18 Joseph Zoderer schließlich hat wiederholt für Tumler Partei ergriffen, ihn als einen „Komplizen“ betrachtet; „ein Ausbrecherexperte, so habe ich ihn kennen gelernt in seinen Büchern, eingeschlossen in seinen Fluchtgedanken, ein Normenbrecher, der nicht auffallen will, nicht zuletzt auch, weil er sein Alleinsein zum Spiegel gemacht hat, unterwegs nicht nur zwischen Bozen – Linz – Volterra und Berlin.“19 – Wenige Jahre nach Tumlers Tod waren seine wichtigsten Bücher trotz allem nur mehr in Bibliotheken und Antiquariaten zu bekommen: Aus unserer Sicht Gründe genug, ein Forschungsprojekt aufzubauen und eine neue Werkausgabe zu planen.
Der Start der Zoderer-Werkausgabe, die seit 2015 erscheint, hat vor allem mit drei Faktoren zu tun. Zum Ersten mit einem Verlagswechsel: Zoderer ist von Hanser zu Haymon übersiedelt (und manche seiner Bücher, die zunächst in München erschienen sind, sind inzwischen vergriffen). Zum Zweiten mit der Verwahrung und Erschließung des Vorlasses: Die umfangreiche, von der Südtiroler Landesverwaltung angekaufte Sammlung, die seit 2007 (in 75 Kassetten) in Innsbruck aufbewahrt wird, präsentiert nämlich ein völlig neues Fundament für die Forschung und öffnet damit früher unbekannte Zugänge zur Entstehung, Entwicklung und Rezeption dieses Werkes sowie zu seiner Verortung in bisher kaum oder überhaupt nicht gesehenen intertextuellen und historischen Zusammenhängen. Zum Dritten endlich, wie im Fall Tumler, mit der Bedeutung des Werkes, und dies keineswegs nur aus der Sicht der Herausgeber/innen: Über die Auszeichnungen, die dieses Werk erfahren hat und erfährt, die Übersetzungen, die Aufnahme in der (namentlich deutschsprachigen und italienischen) Literaturkritik und die einschlägige wissenschaftliche Forschung informiert zuverlässig das Lexikon Literatur in Tirol des Brenner-Archivs (http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/literatur/).
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Dennoch, in vielen einschlägigen Literaturgeschichten sucht man die Namen Tumler und Zoderer noch immer vergeblich. Sie fehlen in der von Dieter Lattmann herausgegebenen Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland: Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart (1973, aktualisierte Ausgabe 1980)20, ebenso in der von Wilfried Barner besorgten, im Ganzen vorzüglichen Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, im Band XII des von Helmut de Boor und Richard Newald begründeten Standardwerkes der deutschen Literaturgeschichte (1994);21 und was dann in der 2012 erschienenen Literaturgeschichte Österreichs von Klaus Zeyringer und Helmut Gollner über beide zu lesen ist, ist nicht der Rede wert.22 Man findet im Übrigen ihre Namen auch nicht in dem Handbuch Kanon und Wertung, herausgegeben von Gabriele Rippl und Simone Winko (2013)23, das ich im Folgenden nichtsdestotrotz als Ausgangspunkt wähle für einige Überlegungen zur Kanondebatte.
Denn die Beiträge dieses Handbuchs vermitteln vorzügliche Einsichten in die diversen, oft miteinander konkurrierenden Kanon-Begriffe, in die Komplexität von Kanonisierungsprozessen und nicht zuletzt in die Folgen der Digitalisierung für den gegenwärtigen und wohl auch künftigen Umgang mit dem kulturellen Erbe. Sie verweisen auf die Bedeutung ästhetischer und ethischer Normen, den Einfluss von Institutionen, die Auswirkungen politischer Machtkonstellationen auf die Entwicklung des Kanons u.ä.m.; und sie weisen nach, wie sehr und wie schnell sich in den modernen pluralistischen Gesellschaften einstmals tragende Funktionen des Kanons, zuvörderst Identitätsstiftung und Identitätsstabilisierung, verflüchtigt haben.
Dies gilt vor allem für große Literaturen, die naturgemäß auch am besten erforscht sind. In kleineren Nationalliteraturen sind hingegen nicht unbedingt dieselben Mechanismen der Kanonbildung zu erwarten bzw. auszumachen. Das im Handbuch vorgestellte aufschlussreiche Beispiel der Kanonkonstitution in Schottland (wo ein Großteil der Literatur auf Englisch verfasst ist und damit immer wohl auch die Hoffnung hegt, in den englischen Kanon aufgenommen zu werden)24, ist für unseren Zusammenhang besonders illustrativ, zeigt es doch, wie hart Autorinnen und Autoren kleinerer Literaturen darum kämpfen müssen, auf dem größeren Marktplatz wahrgenommen zu werden und somit jener Marginalisierung zu entkommen, die ihresgleichen gewöhnlich in Anthologien oder Klassikerreihen und Gesamtdarstellungen der größeren Nationalliteratur droht. – Tumler und Zoderer werden, wenn überhaupt, in Österreich und Deutschland wie in Italien vielfach als Südtiroler Autoren gesehen und damit, wo immer das Oppositionsmodell Zentrum Peripherie der Kanonbildung zugrunde liegt, von vornherein an den Rand verschoben.
Die neuere Gedächtnisforschung (forciert vor allem von Aleida und Jan Assmann) erschließt früher unbekannte Zugänge zur Vergangenheit und mithin Gegenentwürfe auch zur traditionellen Literaturgeschichtsschreibung, indem sie die Einsicht vermittelt, dass vielmals „die Vergangenheit noch nicht ganz vergangen ist, sondern als eine Ressource oder Hypothek ihre Bedeutung für die Gegenwart“ behalten könnte; demnach kann auch „die Überlieferung von jeder neuen Generation immer wieder neu bewertet, genutzt, verändert und verworfen werden“.25 Die Erzählungen und Romane Tumlers und Zoderers sind lange Zeit fast ausschließlich im Kontext nationaler Gedächtniskonstruktionen beobachtet worden – und ergo beinahe untergegangen, abgestellt im Archiv, aber nicht aufgehoben in jenen Leselisten, die immer häufiger kursieren, um das Geschäft der Verlagshäuser und Buchhandlungen in Gang zu halten oder auch zur Lektüre (Wiederholungslektüre) sogenannter großer Werke zu ermutigen. Scheinbar ungeeignet, jemals auf Hitlisten zu kommen, die allerdings zumeist nur eine kurze Konjunktur erleben (die ORFBestenlisten z.B.), haben die Arbeiten Tumlers und Zoderers erst zuletzt auch die Prüfung durch jene Autorinnen und Autoren nicht bestanden, die sich im Jahr 2015 zusammengeschlossen haben, um eine Initiative des Wiener Stadtschulrats aufzugreifen und „Standardwerke“, d.h. einen neuen Literaturkanon26 v.a. aus dem Bereich der österreichischen Literatur und der Literatur der Donaumonarchie für den Schulunterricht zusammenzustellen. – Die von Gerhard Ruiss, Herbert Zeman und Heinz Sichrovsky erarbeitete Literaturliste (ergänzt mit Empfehlungen von Elfriede Jelinek, Gerhard Roth, Christine Nöstlinger, Robert Menasse, Arno Geiger und Maja Haderlap) ist dabei keineswegs stark gestrafft, eher schon (vornehm ausgedrückt) beängstigend lang. Immerhin: Jeder Kanon provoziert die Diskussion über die von ihm Ausgeschlossenen; und jede nationale Konstruktion ruft inzwischen umgehend nach einem Plädoyer, endlich auf die transnationale Ebene zu wechseln.27 Das Interesse, bislang unbekannte oder zu wenig beachtete Werke zu sichten und zu entdecken, ist in den letzten Jahren auf jeden Fall merklich gestiegen; und während Werke, die nach einer Buchmesse oder Preisverleihung allerorten Gesprächsthema sind, oft nach wenigen Monaten schon erledigt sind, werden andere (z.B. durch neue Editionen) aus dem Archiv ins Bewusstsein der Leser/innen zurückgebracht.
Mit Blick auf den Schulunterricht wäre hinzuzufügen: Unterm Vorzeichen beständig zunehmender Ausfächerungen divergenter Lebensformen und Wertvorstellungen sowie transkultureller Alltagspraktiken ist insbesondere der Deutschunterricht längst gefordert, über die Lektüre literarischer Werke Denkbilder zu präsentieren, die es erlauben, die eigene Weltsicht zu hinterfragen und fremden Perspektiven (Empfindungen, Ideen, Haltungen, Masken) wenigstens einigermaßen offen zu begegnen.28 Denkbilder (mit einem Wort), die dazu ermuntern, sich selbst auszukundschaften; „womit man anstößt, das erzeugt Widerstand“, notiert Tumler in seinem Essay Stationen des Schreibens, „damit fängt Schreiben meist an.“29 Im Akt der Lektüre fängt damit das Nachdenken an: die Rückwendung der Leserin / des Lesers auf sich selbst.
Im Essay Wie entsteht Prosa, seiner Nachschrift zu Volterra, bezeichnet Tumler „die Hingabe an den Gegenstand und die vollkommene Trennung von ihm“ (V 50) als eine unumstößliche Voraussetzung für jedes künstlerische Schaffen. Mit dieser Positionierung nimmt er Anregungen auf, die er in den 1950er Jahren aus der Lektüre neuer Vorbilder bezogen hat: James Joyce und William Faulkner sind hier zu nennen, Beckett selbstverständlich und ganz besonders auch Le Voyeur von Alain Robbe-Grillet. Diesem Roman, dessen deutsche Übersetzung unter dem Titel Der Augenzeuge erschienen ist, widmet Tumler 1958 eine ausführliche Besprechung, in der er die Unterschiede zwischen dem Roman der Altvorderen und dem Nouveau Roman hervorhebt, sich von dem in diesen Jahren im deutschsprachigen Raum noch durchaus gängigen Erwartungshorizont des Publikums klar absetzt und schließlich eine Lanze bricht für die strikte Verknüpfung von Erzählen und Reflektieren:
Die Unkenntlichkeit des Geschehens, die Unmöglichkeit, es in einer Geschichte festzuhalten, ist das Thema Robbe-Grillets. Es gibt bei ihm keine eindeutigen Auskünfte.30
Tumler nimmt sich das Verfahren zum Maß für Erzählstrategien, die alle Schwarz-Weiß-Malereien verwerfen und auch die gewohnten Trennlinien zwischen Wirklichkeit und Fiktion ohne weiteres verschieben. Er lässt Erzähler zu Wort kommen, die sich damit abgefunden haben, die Welt kaum mehr zu verstehen, die einsehen, auch, ja gerade den eigenen Geschichten misstrauen zu müssen.
Seine Erzähler vertrauen auf die Macht der Phantasie, sie sind jedoch gleichzeitig (das beginnt schon in den Romanen Ein Schloß in Österreich und Der Schritt hinüber) äußerst skeptisch, was die Möglichkeiten der Erzählung, des Romans insgesamt angeht. „Gang, Haltung, Gebärden, die eigene Stimme – dieses Unvermögen, sich selbst wahrzunehmen, hat im Geistigen ein Gegenstück: Wir halten in uns Dinge für wichtig, die es nicht sind; und halten das Wichtige, das die andern sofort sehen und als unsere eigentliche Kraft oder Schwäche erkennen, oft nicht für der Rede wert.“ (V 39) Die Erfahrungen, die Tumler in Wie entsteht Prosa reflektiert, führen ihn konsequent zu einem Erzählen, das allen ideologischen Konstruktionen wie allen in Stein gemeißelten Geschichten den Boden wegnimmt.
