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Patrick Lawrence kann aus dem Fundus einer über 30-jährigen Erfahrung als Kolumnist und Korrespondent schöpfen, in denen er die US-amerikanische Medienlandschaft von innen her wie kaum ein anderer kennenlernte. Er beschreibt, wie die großen Medien Unabhängigkeit, Integrität und Glaubwürdigkeit verloren haben, zeichnet ihren Verfall während der Jahrzehnte des Kalten Krieges nach und berichtet über die (wenigen) Augenblicke ihres Glanzes, der nach 2001 einem rapiden Vertrauensverlust beim lesenden Publikum wich. Im Kern des Buches beschäftigt sich der Autor mit der Gespaltenheit jedes einzelnen Journalisten, der gleichzeitig von der Notwendigkeit getrieben ist, ideologisch konforme Standards zu erfüllen und sich unterschwellig bemüht, den wahren Begebenheiten, die in der Arbeit verschleiert werden müssen, gerecht zu werden. Letzteres nennt Lawrence – nach Carl Gustav Jung – den Schatten des Journalisten. In den vergangenen Jahren eröffneten digitale Medien neue Möglichkeiten, unabhängig von den Einflüssen großer Konzerne zu recherchieren und zu publizieren. Als dynamischster Sektor des Berufsstandes stellen sie ein Versprechen für eine bessere Zukunft dar, in die Lawrence große Hoffnung setzt. "Patrick Lawrence hat ein hervorragendes und wortgewandtes Buch über Journalismus verfasst. Es ist wütend und anregend und weise, und es gibt uns Hoffnung." (John Pilger zur amerikanischen Ausgabe)
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2025
Patrick LawrenceJournalisten und ihre Schatten
Zwischen Medienkonzernen und unabhängiger Berichterstattung
© 2025 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
Titel der amerikanischen Originalausgabe: Journalists and Their Shadows © 2023 by Clarity Press, Inc., Atlanta, USA
Covergrafik: Sophie Gudenus
ISBN: 978-3-85371-920-6(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-534-5)
Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de
Patrick Lawrence, geboren 1950 in New Rochelle/New York, ist Autor, Kolumnist, Essayist und Dozent. Er war viele Jahre lang Auslandskorrespondent, speziell für die International Herald Tribune, und gab später die Asien-Ausgabe der Herald Tribune heraus. Seit 2010 schreibt er Kommentare zu außenpolitischen Themen für eine Reihe unabhängiger Publikationen, darunter Consortium News, ScheerPost, GlobalBridge, Zeit-Fragen (Current Concerns und Horizons et débats) sowie L’AntiDiplomatico und GlobalBridge. Zu seinen früheren Büchern gehören »Somebody Else’s Century: East and West in a Post–Western World« (2010, Pantheon) und »Time No Longer: Americans After the American Century« (Yale, 2013).
Ich freue mich, dass dieses Buch nun in einer deutschsprachigen Ausgabe erscheint, und ich bin all jenen dankbar, die ihre Zeit und Mühe investiert haben, um diese Ausgabe zu veröffentlichen. Ich habe »Journalisten und ihre Schatten« geschrieben, um eine schwere Krise in der amerikanischen Presse und bei amerikanischen Rundfunksendern zum Thema zu machen – eine Krise, die sich seit der Veröffentlichung der Originalausgabe durch »Clarity Press« nur noch weiter verschärft hat. Ich muss jedoch sofort hinzufügen, dass ich nicht erfreut war, als ich feststellte, dass das Buch auch andernorts relevant ist, da die von mir angesprochenen Probleme über die Vereinigten Staaten hinaus und im weiteren Sinne im gesamten transatlantischen Westen durchaus präsent sind.
Ich hatte mir das anders gewünscht. Viele Jahre lang war ich davon ausgegangen, dass führende europäische Zeitungen und Zeitschriften wie die FrankfurterAllgemeineZeitung, DerSpiegel, LeMonde, Libération, ElPaís und andere von den zahlreichen Verfehlungen meines Berufsstands verschont bleiben würden, weil ich diese Verfehlungen als Folge der in den USA und anderswo in der englischsprachigen Welt vorherrschenden neoliberalen Ideologie betrachtete. Aber der Neoliberalismus hat sich im gesamten Westen ausgebreitet, seitdem ich zum ersten Mal solche Gedanken gehegt habe, und damit auch der Schaden, den er anrichtet.
Eine meiner Absichten, als ich mich daran machte, das Buch zu schreiben, war eine Geschichte des Durcheinanders, das die Medien seit dem Beginn unseres Jahrhunderts angerichtet haben. Dieses Projekt führte mich zurück in den Kalten Krieg. Und immer wieder habe ich festgestellt, dass Zeitungen und Rundfunkanstalten dieselben Fehler wiederholten, die sie in jenen schrecklichen Jahrzehnten gemacht haben, weil sie nie den Mut hatten, diese Fehler zuzugeben und daraus zu lernen. Unaufrichtigkeit zeugt Unaufrichtigkeit.
Ich wollte auch das Problem des »Schattens« des Journalisten ansprechen, wie ich es nach C. G. Jung nenne. Damit meine ich den Teil des Selbst, der infolge verschiedener gesellschaftlicher und beruflicher Zwänge verdeckt ist. Wie Jung lehrte, weisen wir alle diese psychologische Kluft auf – zwischen dem, was wir darstellen, und dem, was wir wirklich sind, um es ganz kurz zu beschreiben. Aber es ist eine sehr ernste Angelegenheit mit sehr weitreichenden Folgen, dass Journalisten, mit allzu wenigen Ausnahmen, auf diese Weise selbstentfremdet sind. Ich habe dieses Buch so genannt, weil bisher noch niemand über den Schatten von Journalisten in diesem Sinne geschrieben hat.
Als ich im Herbst 2024 durch Deutschland reiste, hatte ich das Glück, einen nachdenklichen und versierten Journalisten namens Dirk Pohlmann zu treffen. Wir unterhielten uns einen langen Vormittag in meinem Hotel in Potsdam und sind seitdem Freunde geblieben. Dirk hatte dieses Buch im englischen Original gelesen, und unser Gespräch drehte sich ganz natürlich um unseren gemeinsamen Beruf, die Krise, die wir auf beiden Seiten des Atlantiks als akut erkennen, und darum, was getan werden kann, um sie zu bewältigen. Dirks Antwort ist dieselbe wie meine. »Haben wir einen authentischen Journalismus, einen Qualitätsjournalismus im öffentlichen Raum?«, fragte er. »Jetzt nicht«, lautet die Antwort. Wie Dirk an diesem Morgen deutlich machte und wie er bei vielen anderen Gelegenheiten gesagt hat, liegt die Dynamik des Journalismus in der heutigen Zeit und damit die Zukunft des Berufsstandes in unabhängigen Medien.
Diesem Gedanken habe ich einen großen Teil des Buches gewidmet, insbesondere das letzte Kapitel. Abgesehen von dem Versprechen einer Wiederherstellung der Presse als unabhängiger Machtpol sind unabhängige Medien auch der Ort, an dem sich Journalisten »wiederherstellen« und so mit ihrem Schatten eins werden können. Das ist, was ich meine, wenn ich von einer »Re-Integration« des Selbst schreibe.
Ich möchte all jenen danken, die »Journalisten und ihre Schatten« für so wertvoll befunden haben, um diese Übersetzung zu ermöglichen. Mein besonderer Dank gilt Hannes Hofbauer und Stefan Kraft vom Promedia Verlag in Wien. Mein großer Dank gilt Cara Marianna, die sich während des Schreibens des Buches für mich eingesetzt hat. Und ich möchte vor allem Eva-Maria Föllmer-Müller aus Bazenheid in der Schweiz für ihr Vertrauen in das Buch, schon beim ersten Lesen, und für ihre außerordentliche Hingabe bei der Übersetzung meinen tiefsten Dank aussprechen.
Patrick LawrenceWithiel Florey/Somerset/England, im Januar 2025
WENNWIRHEUTEAUF die Exzesse der Jahrzehnte des Kalten Krieges zurückblicken – die wenigen unter uns, die dazu bereit sind –, dann geschieht dies in der Regel mit einer Mischung aus Verachtung und Spott. Oder wir staunen einfach, ohne uns zu fragen, warum eine Nation auf unerklärliche Weise in eine heillose Dummheit verfallen ist. Joe McCarthys antikommunistische Inquisition, die Luftschutzbunker und Zivilschutzübungen, die Treueeide und der zwanghafte Patriotismus, die schwarzen Listen: Wir maßen uns die Weisheit aus vergangenen Jahrzehnten an, wenn wir an diese unruhigen Zeiten denken: Die Vergangenheit war zwar schlimm, aber das Schlimme ist vorbei; man hat es damals eben anders gemacht.
Ich habe den Kalten Krieg nur in seinen ersten Jahren erlebt und meine Erinnerungen sind noch sehr lebendig. Es ist die Hysterie in der Presse und im Rundfunk, die mir am meisten in Erinnerung geblieben ist. Diese Dinge haben bleibende Narben hinterlassen und mit dieser Einschätzung bin ich nicht allein. Die Hysterie war in den fünfziger und teilweise in den sechziger Jahren auf ihrem Höhepunkt. Die großen Tageszeitungen und die Netzwerke gaben dieser Zeit ihre Textur und ihr Klangbild. Sie brachten den Kalten Krieg an unsere Haustüren, in unsere Autoradios, in unsere Wohnzimmer. Sie bestimmten unser Bewusstsein. Sie sagten den Amerikanern, wer sie waren und was sie zu Amerikanern machte und was Amerika insgesamt zu Amerika machte. Eine freie Presse war für dieses Selbstverständnis von grundlegender Bedeutung, und die Amerikaner hatten das tiefe Bedürfnis zu glauben, dass sie eine solche hätten. Unsere Zeitungen und Sender taten alles, um diesen Anschein von Freiheit und Unabhängigkeit zu erwecken. Dass dies eine Täuschung war – dass die amerikanischen Medien sich dem nationalen Sicherheitsstaat und seinen verschiedenen Kreuzzügen des Kalten Krieges unterworfen hatten –, ist heute eine offenkundige Tatsache. Ich zähle sie zu den bittersten Wahrheiten der letzten 75 Jahre amerikanischer Geschichte.
Ich denke nicht, und das schon lange nicht mehr, dass wir irgendeinen Grund haben, aus einer Position der distanzierten Überlegenheit an die Versäumnisse unserer Medien im Kalten Krieg zu erinnern. Unsere Presse und Rundfunkanstalten befinden sich heute wieder in einer Krise, und es ist erschreckend, wie treu sie die Verfehlungen und den Verrat jener früheren Jahrzehnte wiederholen. Seit Thomas Jeffersons Zeiten bis heute ist man sich darüber im Klaren, dass ein demokratisches Gemeinwesen eine informierte Öffentlichkeit braucht, und eine informierte Öffentlichkeit braucht eine lebendige und wirklich freie Presse. Eine solche Presse haben wir heute genauso wenig wie in den Jahren des Kalten Krieges. Viele Amerikaner, die immer noch glauben wollen, dass sie eine freie Presse haben, die ihnen mit Integrität dient, sind sich dieser Krise nicht bewusst. Sie wissen davon nichts. Ich betrachte dies – für mich eine seltsame, hartnäckige Naivität – als einen Gradmesser für die Brisanz unserer Situation, für die Dunkelheit, die sich erneut über uns gelegt hat.
Die Krise, die ich auf den folgenden Seiten anspreche, betrifft uns alle – die Journalisten natürlich, aber auch die Leser und Zuschauer, die von Journalisten verlässliche, unvoreingenommene Berichte über die Welt, wie sie ist, erwarten. Wir sind alle in einer schwierigen Lage, und es ist wichtig zu verstehen, dass unsere Schwierigkeiten eine Geschichte haben, wenn wir einen Weg aus ihnen herausfinden wollen. Das ist mein Ausgangspunkt, mit dem ich dieses Buch beginne. Mein Schlusspunkt, wenn ich das so sagen darf, ist, dass es einen Weg nach vorne gibt, der uns aus der extremen Lage, in der wir uns befinden, herausführt.
Die meisten Amerikaner, das sage ich mit voller Überzeugung und gleichzeitig mit großer Betroffenheit, wissen nicht, wie sie dem Verrat unserer Medien entkommen können, ebenso wenig, wie sie wissen, dass diese Medien sie verraten haben. Leider ist es auch hier so, wie es während des Kalten Krieges war. Aber das Aufkommen wirklich unabhängiger Medien – unabhängige Medien im Gegensatz zu Mainstream-Medien, traditionellen Medien oder unternehmenseigenen Medien – scheint mir eine Hoffnung zu sein, die zwar aufflackerte, die aber nie wirklich Feuer fing, als der Kalte Krieg bestimmte, wer die Amerikaner waren und was sie zu denken hatten. In unabhängigen Publikationen und den Journalisten, die dort arbeiten, sehe ich die Aussicht auf Erneuerung – sogar auf eine Neuerfindung –, die sich nur wenige von uns vor ein paar Jahrzehnten hätten vorstellen können. Ihre Arbeit kann uns die Demütigung ersparen, die Fehler der Vergangenheit in einer perversen Endlosschleife zu wiederholen. Ich sehe darin und in jenen, die sie lesen, hören oder sehen, eine gemeinsame Entschlossenheit, es besser zu machen, eine gemeinsame Sehnsucht nach wahrheitsgetreuen Darstellungen der Ereignisse. Um es besser zu machen, müssen wir die Art und Weise, wie unsere traditionellen Medien sich selbst organisieren und arbeiten, überwinden.
Dies mag als müßiger Gedanke, als Wunschdenken oder als unangemessener Optimismus erscheinen, da viele von uns daran gewöhnt sind, anzunehmen, dass unsere großen Tageszeitungen und Fernsehsender tadellose Quellen für sachliche Richtigkeit sind. Ich halte mich an Henri Bergson und frage mich, wie er die bevorstehende große Veränderung verstanden hat, wenn solche Unsicherheiten über mich hereinbrechen:
Es ist ein Sprung nach vorn, der nur stattfinden kann, wenn eine Gesellschaft beschlossen hat, das Experiment zu wagen; und das Experiment wird nicht gewagt werden, wenn eine Gesellschaft sich nicht überzeugen oder zumindest aufrütteln lässt … Es ist sinnlos zu behaupten, dass hinter diesem Sprung nach vorn keine schöpferische Anstrengung steht … Das hieße zu vergessen, dass die meisten großen Reformen zunächst undurchführbar schienen, was sie in der Tat waren.
Das ist meine Antwort auf den Vorwurf des angélisme, wie die Franzosen sagen, des weltfremden Idealismus. Für mich liegt die Dynamik des Berufsstandes, seine Vitalität, seine Rückbesinnung auf sich selbst als unabhängigen Machtpol in den unabhängigen Journalisten und ihren Publikationen. Und ich stelle bei den Amerikanern eine wachsende Bereitschaft fest, den Sprung zu wagen, den diese Publikationen erfordern und ermöglichen werden. Es gibt viele Pessimisten, was die Leistung und die Aussichten unserer Presse betrifft, und sie haben zahlreiche Begründungen. Ich, der ich nach vielen Jahren in der Mainstream-Presse und fast ebenso vielen Jahren in der einen oder anderen unabhängigen Publikation veröffentliche, gehöre nicht zu ihnen.
ICHHABENOCHNIEVIEL von goldenen Zeiten gehalten, und schon gar nicht habe ich sie erlebt. Eine Zeit lang, mitten im Kalten Krieg, glaubten viele Journalisten, dass sie nach den Kompromissen der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre damit begonnen hätten, die verlorene Integrität ihres Berufs wiederherzustellen. Es gab die beste Vietnam-Berichterstattung, die Veröffentlichung der Pentagon Papers, die Aufdeckung des Watergate-Skandals. Etwas abseits davon gab es eine lebendige »alternative« Presse. Unter den Journalisten der großen Tageszeitungen und der großen Rundfunkanstalten kam der Gedanke auf, dass die Nachrichtenmedien von innen heraus durch jene Mitarbeiter, die ihre Redaktionen bevölkern, verändert werden könnten. Ein goldenes Zeitalter, nein. Aber ein solcher Optimismus lag in der Luft, als ich mich aufmachte, Journalist zu werden.
Damals gab es einen Raum im Mainstream, wenn auch keinen großen, für Journalisten, die an den Idealen, Grundsätzen und Zielen festhielten, die die Menschen gewöhnlich in diesen Beruf ziehen. Aber dieser Bereich begann sich zu schließen, als die Niederlagen in Südostasien/Vietnam 1975 die amerikanische Psyche so schwer verletzten und die Machtelite verunsicherten. Dann verschwand er, mehr oder weniger vollständig, als die Jahre des Kalten Krieges dem Triumphalismus nach dem Kalten Krieg wichen, der die neunziger Jahre prägte. Es folgten die Ereignisse des Jahres 2001. Sie waren ein entscheidender Moment für die Rückkehr unserer Medien zu den schlimmsten der vielen schlechten Gewohnheiten, die sie in den fünfziger Jahren angenommen hatten.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington nahm Amerika eine Verteidigungshaltung ein, eine kämpferische Haltung der Verwundeten und Verunsicherten. Seine Führer schienen sich gleichzeitig von der Welt ab- und gegen sie zu wenden. Sie interessierten sich nicht mehr dafür, wie die Ereignisse aus anderer Sicht aussehen könnten: Die amerikanische Perspektive war die einzige Perspektive, die zählte. Presse und Rundfunk spiegelten diesen stürmischen Hurrapatriotismus wider, als sie sich selbst und ihre Leser und Zuschauer erneut für die Sache des nationalen Sicherheitsstaates einspannen ließen. Ihr Ziel war es nicht mehr, die Öffentlichkeit zu informieren, sondern die Institutionen, über die sie angeblich berichteten, vor den Blicken der Öffentlichkeit zu schützen – zunächst auf subtile Weise, dann aber immer deutlicher.
15 Jahre nach den Ereignissen von 2001 kam es zu dem Fiasko, das wir »Russiagate« nennen. Ich werde auf diesen Seiten noch viel über diese heiß umstrittene Episode berichten. Für den Moment nur so viel: Russiagate verschlimmerte das, was 2016 bereits eine Krise nicht nur in unseren Medien, sondern in unserem Gemeinwesen war. Eine unreflektierte Autoritätshörigkeit hat Wurzeln geschlagen – und zwar als paradoxe Reaktion auf die zunehmende Inkohärenz unserer Institutionen, unserer Vorstellung von uns selbst und unserem Platz in der Welt, unseres nationalen Lebens insgesamt. Das Verhalten der Presse hat sich als ausschlaggebend dafür erwiesen, dass die Amerikaner in diesen beklagenswerten Zustand geraten sind.
Hätte es einen Kalten Krieg gegeben, wenn die amerikanische Presse ihn nicht so eifrig gefördert hätte? Zumindest ist dies eine interessante Frage. Würden wir uns heute in einem zweiten Kalten Krieg – und einem heißen Stellvertreterkrieg in der Ukraine – befinden, wenn unsere Medien nicht fünf Jahre lang auf Grund von fadenscheinigsten Hinweisen und meistens ohne jeden Beweis darauf bestanden hätten, dass Russland irgendwie unsere Wahlen manipuliert hat, um die Kontrolle über das Weiße Haus zu erlangen?
Ist der Zustand unserer Presse heute weniger extrem als zu Zeiten des Kalten Krieges, ist er in etwa vergleichbar, oder ist er schlimmer? Über diese Frage habe ich seit 2001 viele Male nachgedacht, allein, mit mir und mit anderen. Ich neige zur letzten der drei Möglichkeiten. Wir leben heute mit einem Zensurregime, das durch die enthusiastische Unterstützung vieler Journalisten, die für große Zeitungen und Sender arbeiten, noch perverser wird.
Die großen Tageszeitungen und die Nachrichtenagenturen berichten routinemäßig über die Behauptungen von Regierungsvertretern, als ob diese Behauptungen allein schon ein Beweis für deren Wahrheitsgehalt wären. Im Fernsehen treten ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und Militäroffiziere als unparteiische Nachrichtenanalysten auf. Ich führe dies zu einem großen Teil auf die Paranoia zurück, die unsere Medien während des Russiagate-Wahns geschürt haben und die so sehr an die fünfziger Jahre erinnert. Die Krise in der Ukraine hat dies noch verstärkt – sie hat verschlimmert, obwohl viele von uns dachten, dass es nicht mehr schlimmer werden könnte.
Wer kann an diesem Punkt ein Ende der Degeneration unserer Medien und unseres öffentlichen Diskurses erkennen? Das eine treibt das andere zu neuen Stufen der Degradierung und Inkohärenz an. Diejenigen, die sich für die Verteidigung des ersten Verfassungszusatzes einsetzen, werden als »Absolutisten der Redefreiheit« abgetan. Jetzt werden wir von angeblich verantwortungsbewussten Kommentatoren mit einer neuen Forderung konfrontiert, diejenigen, die in allen Fragen, die mit Russland zu tun haben, von der fremdenfeindlichen Orthodoxie abweichen, zu verhaften und unter dem Vorwurf des Landesverrats vor Gericht zu stellen. Als ich diese Seiten schrieb, gab das Ministerium für Innere Sicherheit bekannt, dass es ein »Disinformation Governance Board« [Lenkungsausschuss für Desinformation] gebildet hat. Es sollte ermitteln, was es als »Bedrohung« durch Falsch- und Desinformation in russischen Medienberichten und Berichten von überall her betrachtet, die »das öffentliche Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen untergraben«. Keine der großen Tageszeitungen oder Fernsehsender veröffentlichte eine Kritik an der neuen DHS-Behörde, als das Ministerium – nachträglich – bekannt gab, dass es sie eingerichtet hatte.
Es war schwierig, den allgemeinen Vorwurf zu widerlegen, dass es sich hierbei um nichts anderes als ein Wahrheitsministerium im Orwell’schen Sinne handelte, was dazu führte, dass das DHS-Projekt in der Folge »ausgesetzt« wurde, offenbar als Reaktion auf die dadurch ausgelöste Empörung. Aber der Plan des Ministeriums war nur eine besonders ungeheuerliche Manifestation dessen, was wir heute »Desinformationsindustrie« nennen. Die großen Social-Media-Plattformen sind engagierte Teilnehmer an diesem bösartigen Unternehmen. Sie bestehen auch aus selbst ernannten Gruppen, die in der Regel von ehemaligen Geheimdienst- und Strafverfolgungsmitarbeitern besetzt und beraten werden und als privatisierte Versionen des kurzlebigen Governance Board dienen. Obwohl sie vorgeben, Agenten der russischen Propaganda und Desinformation zu entlarven, ist es in Wahrheit ihre Absicht, Andersdenkende zu diskreditieren oder anderweitig zu unterdrücken. Die Geschichte all derer, deren Ruf diese Gruppen geschädigt haben – darunter auch meinen – macht dies deutlich.
Wie groß ist die Kluft zwischen unseren traditionellen Medien und den Mächten, über die sie berichten sollen, noch? Ich sehe so gut wie keine. Propaganda hat für die meisten Amerikaner einen Hauch von Fremdheit, denn sie halten es für eine Krankheit, die korrupten oder despotischen Gesellschaften eigen ist, die weit von der unseren entfernt sind. Aber ich bin nicht allein, wenn ich behaupte, dass die amerikanischen Medien inzwischen den Zwecken der offiziellen Propagandisten dienen. Wer diesen Gedanken schockierend oder übertrieben findet, muss zugeben, dass er die Geschichte nicht kennt, die wir meines Erachtens unbedingt verstehen müssen. Die Presse und die Rundfunkanstalten, wie wir sie haben, kehren einfach zu den Gewohnheiten zurück, die sie in jenen Jahrzehnten hatten, von denen wir glauben, sie lägen weit hinter uns.
Die Ukraine-Krise, die sich Anfang 2022 zu einem offenen Konflikt ausweitete, hat verschiedene dieser harten Realitäten deutlich gemacht. Unsere großen Medien reproduzieren unkritisch das, worüber Regierungsbehörden selbst – das Außen- und das Verteidigungsministerium – öffentlich eingestehen, es sei Propaganda im Rahmen eines »Informationskrieges«. Die Mainstream-Medien machen die Ukraine-Krise zum ersten Konflikt in der modernen Geschichte ohne irgendeine objektive Berichterstattung über die täglichen Ereignisse und deren Kontext.
Ich habe das Bedürfnis der Amerikaner erwähnt, zu glauben, dass ihnen eine prinzipienfeste, unabhängige Presse dient. Dieses Bedürfnis hat sich nach den Ereignissen vom September 2001 noch verstärkt – eine Folge der psychologischen Desorientierung, die seither eingetreten ist. Und es verstärkt sich weiter. So beunruhigend wir das Fehlverhalten unserer Medien bei der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt auch finden mögen, so besorgniserregend ist es, dass die Öffentlichkeit ihre Unkenntnis der Ereignisse duldet. »Sagt uns, was wir denken und glauben sollen«, scheinen viele Amerikaner zu sagen, und wir werden es denken und glauben. Zeigt uns ein paar Bilder, denn Bilder sind alles.
WÄHRENDDESKALTENKRIEGES gab es so etwas wie digitale Medien nicht. Es gab eine unabhängige Presse, aber ihre Reichweite war begrenzt und ihre Ressourcen waren es noch mehr. Die großen Tageszeitungen, TheNewYorkTimes an der Spitze, haben sich damit begnügt, sie zu ignorieren. In meinen Anfangsjahren bei unabhängigen Zeitungen und Magazinen haben wir dies als gegeben hingenommen und unsere Arbeit gemacht, auch wenn wir nur wenige Leser hatten und das Geld knapp war. Die Verbreitung digitaler Medien hat nun mehr oder weniger alles verändert. Die unabhängigen Medien, über die ich schreiben werde – lebendig, unerschrocken in ihren Recherchen, mit wachsendem Einfluss – wären ohne die digitalen Technologien, die ihnen die Veröffentlichungsplattformen bieten, nicht möglich. Aber wie so oft gehen mit dem Erfolg auch Verpflichtungen einher. Es ist die zunehmende öffentliche Präsenz und Wirkung dieser Medien, die in hohem Maße das Übel der Zensur verursacht, das uns jetzt heimsucht.
Seit dem Aufruhr um Russiagate sind die sozialen Medien zum Schlachtfeld geworden, auf dem die Konzernpresse und die Technologiemonopole – letztere unter ständigem Druck vom Capitol Hill – einen Krieg um die »Kontrolle des Narrativs« führen. Dies ist ein Kampf, den die Mainstream-Medien noch nie zuvor führen mussten, denn sie mussten noch nie ihr Informationsmonopol in der Öffentlichkeit verteidigen. Ihn als erbittert zu bezeichnen, wäre noch zu milde ausgedrückt. Viele Existenzen und Reputationen sind dadurch bereits verloren gegangen. Unabhängige Journalisten, zu denen auch ich gehöre, werden routinemäßig von den sozialen Medien »gecancelt« oder »deplatformed« – auf gut Deutsch: verbannt. Die oft jahrelange Arbeit unabhängiger Fachleute kann innerhalb weniger Minuten aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden. Einmal mehr müssen wir uns an die Vorgeschichte des Kalten Krieges erinnern, wenn sich dieses antidemokratische Spektakel im Namen der Demokratie und zur Verteidigung gegen das, was so leichtfertig als »Desinformation« bezeichnet wird, abspielt. Wie ich soeben angedeutet habe, kommt dies der Eliminierung aller abweichenden Meinungen sehr nahe.
Diese Aufregung überrascht mich nicht. Wenn Veränderungen jeglichen Ausmaßes und jeglicher Tragweite zunächst einmal unmöglich erscheinen, so sind sie auch nicht leicht zu bewerkstelligen. Was sich festgesetzt und bewährt hat, wird sich zwangsläufig dem widersetzen, was es zwingt, die Dinge anders zu machen. Das ist unsere Situation. Das ist es, was wir sehen, wenn wir aufmerksam sind, eine Debatte zwischen dem, was vergangen ist, und dem, was kommen wird. Die Kämpfe, deren Zeuge wir werden, können auf diese Weise als ein Vorstoß, als eine Maßnahme der Bewegung in eine neue Richtung verstanden werden.
Es ist noch viel zu früh. Die ersten unabhängigen Publikationen, die digitale Technologien nutzten, erschienen Mitte der neunziger Jahre, und lange Zeit gab es nur wenige von ihnen. Aber sie werden eine immer wichtigere Rolle bei der Information der Amerikaner spielen. Auch wenn es zum jetzigen Zeitpunkt höchst unwahrscheinlich ist, müssen wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Arbeit engagierter unabhängiger Publikationen schließlich die Konzernpresse und die Rundfunkanstalten dazu inspirieren (oder zwingen) wird, sich das zurückzuholen, was sie vor langer Zeit aufgegeben haben.
Die besten unabhängigen Medien bringen bereits wichtige und sorgfältig recherchierte Ereignisse ans Licht, die von den Mainstream-Medien falsch oder gar nicht wiedergegeben werden. Um diesen Gedanken im weitesten Sinne zu betrachten: Unabhängige Journalisten haben das Zeug dazu, kritisches Denken wieder in unseren Diskurs einzubringen, die Fähigkeit zur Urteilsbildung und zum eigenständigen Denken zu fördern und nicht zuletzt eine neue, wahrhaftige Auseinandersetzung mit uns selbst zu ermöglichen – ein neues Narrativ, von dem ich überzeugt bin, dass die meisten von uns es gerne hätten und danach leben würden.
Will ich damit sagen, dass wir endlich am Vorabend eines goldenen Zeitalters stehen? Noch einmal nein. Unabhängige Publikationen müssen noch viel weiter wachsen, viel mehr reifen. Im Garten muss Unkraut gejätet werden. Es gilt, Erfahrungen zu sammeln, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, Ressourcen zu mobilisieren, einen guten Ruf aufzubauen, Egos zu zähmen und Amateure zu fördern, die auf der Strecke bleiben. Aber ich sehe in den unabhängigen Medien das Versprechen einer Wiederbelebung. In den besten ihrer Arbeiten steckt ein neues Verständnis für die Stellung des Journalisten zwischen den Lesern und Zuschauern einerseits und den Mächten, über die er oder sie berichtet, andererseits.
Macht: Das Verhältnis des Journalisten zur Macht ist in einem Satz das Thema dieses Buches. In den unabhängigen Medien sehe ich eine Chance für den Berufsstand, sich neu zu konstituieren, indem er die Macht zurückerobert, die ihm allein vorbehalten ist.
ICHGEHÖRTEZUJENEN jungen Hoffnungsträgern, als ich in den frühen siebziger Jahren beschloss, Journalist zu werden. Aber mein Glaube an das, was in den großen Zeitungen möglich ist, war von Anfang an gedämpft. Mit 22 Jahren war ich mir darüber im Klaren, was die Presse seit dem Beginn des Kalten Krieges in den späten vierziger Jahren aus sich gemacht hatte – ihre Kompromisse mit der Macht, ihr Dienst als Anhängsel des nationalen Sicherheitsstaates. Ich scheine von frühester Jugend an verstanden zu haben – und ich bin mir nicht sicher, wie oder warum, angesichts meiner Unerfahrenheit –, dass die wahre Zukunft des Journalismus (oder die Zukunft des wahren Journalismus) nicht so sehr in unabhängigen Redakteuren, Reportern oder Korrespondenten lag, die bei dieser oder jener Zeitung überlebten, sondern im unabhängigen Journalismus insgesamt.
Schon bald fand ich Arbeit bei einem Publikationsorgan, das sich mit letzterem Gedanken beschäftigte. Aber es war damals schwierig, wenn nicht gar unmöglich, sich als unabhängiger Journalist zu behaupten. Das lag nur zum Teil an der schlechten Bezahlung. Ich fand auch das professionelle Niveau sehr niedrig. Die Leute waren nicht in den Disziplinen des Handwerks ausgebildet. Das zeigte sich in dem, was wir veröffentlichten. Infolgedessen war mein berufliches Leben viele Jahre lang gespalten, ein wenig wie Stevensons Jekyll und Hyde. Von Firmenzeitungen und Nachrichtenmagazinen lernte ich Respekt für technische Exzellenz – das Handwerkszeug. Ich halte dies immer noch für wesentlich für die Glaubwürdigkeit der Arbeit. Von den unabhängigen Verlagen, für die ich lange Zeit nebenberuflich schrieb oder redigierte, lernte ich, dass Prinzipien und ethische Standards nicht verhandelbar sind, dass sie oft einen Preis haben und dass man bereit sein muss, diesen Preis zu zahlen, um durchweg gute Arbeit zu leisten. Die Tatsache, dass ich mein Berufsleben einige Jahre lang auf diese besondere Art und Weise gestaltete, war eine Notwendigkeit, die ich als solche akzeptierte.
Nach fast einem Jahrzehnt als Redakteur in New York kündigte ich bei der NewYorkTimes und ging ins Ausland, um dort viele weitere Jahre als Korrespondent zu arbeiten, vor allem, aber nicht nur in Asien. Drei der Publikationsorgane, bei denen ich angestellt war, waren großzügig mit der Freiheit, die sie ihren Mitarbeitern gewährten. Vielleicht zog es mich deshalb zur FarEasternEconomicReview, zumChristianScienceMonitor und zur InternationalHeraldTribune. Sie gehörten zu den Wochen- und Tageszeitungen, die jene kleinen Freiräume offenhielten, die ich bereits erwähnte, an denen unabhängige Journalisten ihre Arbeit tun konnten, ohne sich ideologischen Vorspiegelungen zu beugen oder ihre Prinzipien aufzugeben. Alle drei wurden aus einer eher internationalen als nationalen Perspektive geschrieben und herausgegeben, ein Unterschied, der mir sehr wichtig wurde. Leider sind zwei dieser drei nun nicht mehr existent, frühe Opfer der sich anbahnenden Krise; der Monitor kämpft weiter, so gut es geht.
Die Arbeit, die ich über viele Jahre hinweg für unabhängige Publikationen geleistet habe, manchmal unter Pseudonym oder ohne Autorennamen, bedeutete mir genauso viel wie alles andere, was ich tat, wenn nicht sogar mehr. Aber lange Zeit war dies die Arbeit eines Schatten-Ichs. Hier lehne ich mich an die Terminologie von C. G. Jung an, der sich anscheinend von Friedrich Nietzsche inspirieren ließ. Jeder von uns hat einen Schatten, erklärte der Schweizer Psychoanalytiker in seinen Werken. Er ist der Teil von uns, der von Konventionen, orthodoxer Moral, akzeptablem Geschmack, den Zumutungen der Arbeitgeber und anderen Formen sozialer und beruflicher Einschüchterung unterdrückt wird. Das Opfer dieser nur allzu offensichtlichen Kräfte ist die integrierte Persönlichkeit – das authentische, ungeteilte Selbst, das in der Lage ist, mit Gewissheit und ohne Bezugnahme auf die Zwänge der Macht oder der kollektiven Meinung zu urteilen und zu handeln.
Das Schattenselbst der Journalisten sollte uns allen ein besonderes Anliegen sein. Seit meinen Jahren in der Mainstream-Presse gehört es zu meinen ständigen Anliegen. Wenn Journalisten ihre Persönlichkeit spalten, um berufliche Positionen in den Medienunternehmen zu sichern und zu halten, wie es nur allzu häufig der Fall ist, wird die Urteilsfähigkeit beeinträchtigt und die Korruption und die Verfehlungen in diesem Beruf beginnen. Wenn ich von meinem Schatten schreibe, meine ich den Teil von mir, den ich vor anderen verborgen hielt. Lange Zeit neigte ich dazu, ihn sogar vor mir selbst zu verbergen – wenn ich mich nicht sogar vor ihm versteckte. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt bei großen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen, weil man in den Jahren, über die ich schreibe, dort seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Meine Arbeit für unabhängige Publikationen – auf diese private Art und Weise, eine Art und Weise, die andere nicht zu sehen brauchten – kam meiner Verteidigung gegen die Auslöschung meiner Individualität gleich, dessen, was ich wirklich war.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass die kleinen Freiräume, die ich in den Mainstream-Publikationen gefunden hatte, auf dem Weg waren, ganz zu verschwinden. In den Jahren nach den Ereignissen von 2001 begann ich zu begreifen, dass ein Moment der Wahrheit, wenn ich es so nennen darf, kommen würde. Irgendwann würde es nicht mehr möglich sein, mit gutem Gewissen in der Konzernpresse zu arbeiten.
Mein Zeitpunkt kam, etwas verspätet, wie mir jetzt scheint, während ich noch im Ausland arbeitete. Das war in den Jahren 2006 und 2007, als die Kriege in Afghanistan und im Irak sich weiter hinzogen. Die Presseberichterstattung darüber erschien mir dreister und unehrlicher als alles, woran ich mich erinnern konnte. Ich war seit fast drei Jahrzehnten im Ausland. Nach 2001 hatte sich im Journalismus alles zu verändern begonnen. Längst abgenutzte Standards und ethische Grundsätze wurden zerfetzt. Fakten und Logik spielten keine Rolle mehr: Sie dienten nur noch dazu, die gewünschten Schlussfolgerungen zu ziehen und die Zustimmung der Öffentlichkeit zur Politik des nationalen Sicherheitsstaates zu sichern. Es gab eine Schließung, ein Herunterfahren – in den Redaktionen, in den Köpfen –, die ich kaum übersehen konnte. Mir wurde klar, dass sich meine Jahre im Mainstream dem Ende zuneigten.
Sobald ich von diesen Jahren im Ausland nach Hause kam, kehrten meine Erinnerungen an die fünfziger und sechziger Jahre zurück. Mit dem Russiagate-Wirbel einige Jahre später gingen mir schließlich die Alternativen aus. Ich schrieb damals außenpolitische Kommentare für TheNation und wurde zensiert und anschließend gefeuert, weil ich mich weigerte, die offizielle Russophobie in den Kolumnen wiederzugeben. Das Festhalten an dem, was ich unter meinem Beruf verstand, würde mich zu einer Art Ausgestoßenem machen, zu einem Wanderer. Und als ich schließlich meinen Schatten umarmte, wurde ich es auch.
MEINBERUFLICHESZUHAUSE ist seit einigen Jahren ConsortiumNews. Eines der ersten unabhängigen Journale, das im Internet erschien und das 1995 vom mittlerweile verstorbenen Robert Parry gegründet worden war, einem gefeierten Reporter der Associated Press, der ebenfalls eine Zuflucht vor dem Mainstream suchte und sein eigenes Asyl errichtet hatte. Die Auflage von Consortium ist klein, aber wachsend, wie es bei Publikationen dieser Art üblich ist. Meine Artikel erscheinen auch in ScheerPost, einer von Robert Scheer gegründete Publikation, die seit Mitte der sechziger Jahre zu den Glanzlichtern des unabhängigen Journalismus zählt. Zusammen mit Warren Hinckle machte Scheer Ramparts1 zu einer der denkwürdigen Stimmen seiner Zeit. Consortium und ScheerPost sind jetzt Zufluchtsorte für Reporter, Korrespondenten und Kolumnisten, die dort ihre professionellen, intellektuellen und ethischen Standards einbringen können, nachdem ihre Alternativen im Mainstream erschöpft sind, wie es bei Bob Parry und mir der Fall ist. Ich schätze mich glücklich, diese Seiten aus der Perspektive eines unabhängigen Praktikers schreiben zu können. Mein Medium ist Teil meiner Botschaft, wenn ich es so ausdrücken darf. Ich bin früh zum unabhängigen Journalismus gekommen, wie ich auf diesen Seiten berichten werde, und jetzt, von hier aus, sind mir die Möglichkeiten der Erneuerung des Berufsstandes leicht ersichtlich. Von hier aus habe ich in der Tat Anlass zu beträchtlichem Optimismus, so seltsam dies auf den ersten Blick für diejenigen erscheinen mag, die nur die Sackgasse eines Handwerks sehen, das sich so weit von dem entfernt hat, was es sein sollte.
»Glück ist das Ergebnis von Gestaltung«, sagte mir einmal einer meiner Redakteure bei der HeraldTribune am Telefon von Paris nach Hongkong. Die Jahre, in denen ich für unabhängige Publikationen gearbeitet habe, als es nur wenige davon gab, haben mir in dieser Hinsicht gute Dienste geleistet, seit ich die großen Zeitungen hinter mir gelassen habe. Es war mein Glück, diese Jahre zu erleben. Sie haben mir gezeigt, wie wertvoll und wichtig die Arbeit als unabhängiger Journalist ist, egal unter welchen Bedingungen. Sie haben mir gezeigt, dass man Opfer bringen muss, dass man sie aber mit Gleichmut bringen kann, weil man weiß, dass man sich nicht selbst verrät und dass man mit dem Erfolg, den man hat, zur Verbesserung des Berufsstandes beiträgt.
Für selbstverliebte Memoiren habe ich genauso viel übrig wie für goldene Zeitalter. Im Rückblick auf meine jahrzehntelange berufliche Tätigkeit habe ich versucht, die Vergangenheit des Kalten Krieges auf unsere Gegenwart zu übertragen. Denn ich bin der Meinung, dass wir alle mit dieser Geschichte in der Lage sein werden, unsere gegenwärtigen Probleme mit Klarheit zu durchdenken, anstatt uns an zwanghafte Denkmuster anzupassen. Indem ich ein wenig von meiner Geschichte erzähle, möchte ich aufzeigen, was möglich ist, wozu alle Journalisten in der Lage sind, wenn sie sich nur darauf einlassen. Ich biete meine eigene Erfahrung an, um zu zeigen, dass es mit Anstrengung und Entschlossenheit eine Alternative zur Entfremdung gibt, die der Beruf den Journalisten auferlegt – zur »Des-Integration«, zum Verlust des Kontakts mit unserem Schattenselbst. Die Zukunft meines Berufsstandes wird – das ist nicht zu viel gesagt – entscheidend davon geprägt sein, was jeder Journalist in Bezug auf seinen Schatten tut.
Da ist die Frage der Sprache, ein immer wiederkehrendes Thema. Wir können sie anders nutzen. Sie kann unser Heilmittel sein. Mit einer klaren, einfachen Sprache können wir uns wieder mit der Realität verbinden, anstatt sie, wie es heute so oft geschieht, dazu zu benutzen, uns und die Öffentlichkeit, für die wir schreiben, von der realen Welt abzutrennen und sie unverständlich, distanziert und entfremdet zu machen.
Da ist die Frage, wie wir leben. Wenn Journalisten sich im Verhältnis zu den Mächten, über die sie berichten, neu positionieren, bedeutet das, dass sie sich in der Gesellschaft neu positionieren müssen – eine Frage des Status und der Klasse. Es ist an der Zeit, dass Journalisten den seit einem Jahrhundert im Namen der »Professionalität« gepflegten Anspruch aufgeben, zu den Eliten zu gehören, über die sie berichten und schreiben sollen. Dieses ablenkende Bestreben hat nichts als Schaden angerichtet, seit es durch Personen wie Walter Lippmann in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufkam. Journalisten sind damit heute am falschen Platz. Ich schlage eine Rückkehr vor, eine Rückkehr zu dem, was es früher bedeutete, Journalist zu sein. Ich nenne dies einen »armen Journalismus«, womit ich einen authentischen, auf das Wesentliche reduzierten Journalismus meine, ein Handwerk, das unendlich viel reicher ist als das, was wir heute haben. Ich hätte nichts von alledem sagen können, wenn ich nicht an diesem entscheidenden Punkt gewesen wäre.
Jahre bevor ich mich zum Journalisten ausbilden ließ, stand ich an einem Frühlingsnachmittag vor einem Gemälde in einem Pariser Museum. Es war ein Gemälde von Delaunay aus dem Jahr 1912, voller leuchtender Farben und lyrischer Linien im Stil des Orphismus. Ich war 20 und lernte gerade, Bilder anzuschauen. Noch heute erinnere ich mich an die Freiheit und die kinetische Energie des Bildes, an das Nie-Dagewesene. Ich erlebte eine Intuition, die nicht durch Gedanken vermittelt wurde, etwas, das mir mit einem Mal klar wurde. Wenn Künstler es für nötig halten, schaffen sie bleibende Werke, die unsere Sichtweise verändern. Wenn Robert Delaunay LaVilledeParis nicht hätte malen müssen, hätte er es nicht getan. Und so geht es oft allen, die ein originäres Werk schaffen, ein Werk, das die Sache der Menschheit voranbringt, so wurde mir plötzlich klar. Man hat also oft keine andere Wahl, es ist der einzige Weg nach vorn; die Alternativen sind Konvention und leere Wiederholung.
Nach diesem Nachmittag in Paris habe ich mich viele Jahre lang gefragt, ob ich jemals mit dem Rücken zur Wand stehen würde, so wie ich mir vorstellte, dass Delaunay mit 26 Jahren mit dem Rücken zur Wand stand. Es würde Bürden geben: Ein Leben und Arbeiten nach eigenen Vorstellungen ist immer mit solchen Belastungen verbunden. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich habe mich gefragt, ob ich Lasten als Segen begreifen würde und ob ich klug genug sein würde, das Beste aus den Lasten zu machen, die auf mich zukommen würden. Es gehört auch zu meinem Glück, dass mein Rücken nach vielen Jahren so beschaffen war: Dann konnte ich endlich vollständig in dem leben, was ich meinen Schatten nenne.
Ich bin sicher, dass es in meinem Beruf viele Reporter, Redakteure und Korrespondenten gibt, die einen ähnlichen Schatten haben wie ich. Wenn jeder von uns einen Schatten hat und der Kampf darin besteht, unsere Beziehungen zu unseren Schatten lebendig zu halten, dann ist dies im Falle von Journalisten besonders wichtig, da es tiefgreifende Folgen für die Art und Weise hat, wie Journalisten ihre Arbeit tun, und für jeden Leser und Zuschauer, der sich an sie wendet. Der Journalismus, wie wir ihn heute betreiben, verlangt von denjenigen, die ihn ausüben, eine verhängnisvolle Spaltung in sich selbst zu akzeptieren. Es gibt das Selbst, wie es sich präsentiert und handelt, und das reintegrierte Selbst, und es ist das handelnde Selbst, das beharrlich den Vorrang einfordert. Meiner Ansicht nach sind unabhängige Medien Orte, an denen der Journalist eine geforderte »Desintegration« zugunsten einer wiedergewonnenen Ganzheit der Persönlichkeit und der Arbeit ablehnen kann. Dies ist ein weiterer Grund, warum ich Medien für wichtig halte.
Dieses geteilte Selbst ist ein weiteres Thema, das ich hier untersuchen möchte. Es ist eine psychologische Frage für den Journalisten in unserer Zeit, eine psychosoziale Frage, die noch nicht untersucht wurde, aber von großer Bedeutung ist. Der Pfarrer in meiner kleinen Stadt in New England lehrte mich die enge Beziehung zwischen »Integration« und »Integrität« – eine Verbindung, die ich direkt vor meinen Augen hatte, sie aber nie gesehen habe. In seinem besten Sinne ist das, was ich zu sagen habe, ein Argument für die Reintegration – eine Rückgewinnung der Integrität. Ich hoffe, dass diejenigen Journalisten, die begonnen haben, die unethischen Kompromisse in Frage zu stellen, welche die Arbeit in den Konzernmedien erfordert, die Zusammenhänge verstehen können. Dieses Buch ist für alle, aber es ist besonders für sie gedacht – die Flüchtlinge und diejenigen, die mit unabhängigen Publikationen begonnen haben und ihre eigene »Desintegration« nicht akzeptieren mussten.
Ich habe dieses Buch als Essay begonnen, der in der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift Raritan
