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Die Spurensuche ermittelt Namen und Tätigkeitsfelder der Juden in Sangerhausen vom Mittelalter bis zu ihrer Vertreibung 1942. Dabei werden geschichtliche Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien im Judentum deutlich.
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Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2020
Juden in Sangerhausen
Juden in Sangerhausen
Vom Mittelalter bis zur Shoah
Peter Gerlinghoff
Danksagung an Sebastian Funk, Monika Frohriep, Helmut Loth, Rüdiger Seidel, Margot Runge, Steffi Rohland, Heinz Noack
© 2020 Peter Gerlinghoff
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-10746-5 (Paperback)
ISBN: 978-3-347-10747-2 (Hardcover)
ISBN: 978-3-347-10748-9 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Mittelalter und frühe Neuzeit
Eine Annäherung an den Forschungsstand1
Die Sangerhäuser Stadtgeschichte, die Friedrich Schmidt (1862-1933) im Auftrag des Magistrats 1906 zusammenstellte, nennt als ersten Sangerhäuser Juden einen Mann namens Rumar. Ein Volkmar Kalb zu Sangerhausen vermachte 1395 der Jacobikirche Zinsen, „dy da unse gewest sind an Rumars Hus des Jödin, daz da lit in der Lachsdorfischen Gasse an der Muren“2. Schmidt gibt nicht an, aus welcher Quelle dieses Zitat stammt. Das gesamte Kapitel in der Sangerhäuser Stadtgeschichte stellt aber den Abdruck einer Studie dar, die Clemens Menzel (1835-1890) unter dem Titel „Die Juden in Sangerhausen im Mittelalter“ in einer heute verlorenen Unterhaltungsbeilage zur „Sangerhäuser Zeitung“ 1872, Nr. 19 veröffentlicht hatte.
Unter dem gleichen Titel erschien von Menzel 1875 ein Teil dieser Untersuchung in dem renommierten „Jüdischen Literaturblatt“3. Für den Herausgeber, den Magdeburger Rabbiner Moritz Rahmer (1834-1904), waren die bemerkenswert klaren Worte, die Menzel für den Antisemitismus und die Judenverfolgungen im Mittelalter fand, offensichtlich bedeutsamer als Einzelnachweise zu Personen aus Sangerhausen, so dass wir aus dieser Kurzfassung keine weitere Aufklärung über Rumar als den „ersten Sangerhäuser Juden“ erhalten.
Wir sind also berechtigt, die Frage nach den Ursprüngen einer jüdischen Ansiedlung in Sangerhausen noch einmal aufzunehmen, zumal ja die Forschung inzwischen erheblich fortgeschritten ist.4
Hilfreich ist dabei ein Blick auf die Entwicklung der jüdischen Minderheit im größeren Rahmen der deutschen Geschichte und der Geschichte des heutigen Mitteldeutschlands. Die ersten Juden kamen mit den Römern zu uns, im Mittelalter erfolgte der Zuzug vor allem aus Spanien und Frankreich, das Rheinland war bis in die frühe Neuzeit Zentrum jüdischer Ansiedlung im deutschsprachigen Raum. Als nur geduldete religiöse Minderheit mussten sich die Juden Schutz und die zum Leben notwendigen Rechte beim obersten Landesherrn, seit fränkischer Zeit dem König, erkaufen. Dieser konnte das sogenannte Judenregal seinerseits an regionale Herrscher, Bischöfe oder Städte, bei denen er verschuldet war, weiter veräußern. Trotz dieser enormen Benachteiligung konnten die Juden aufgrund ihrer guten Vernetzung und weitreichender Verbindungen zu Wohlstand kommen und wirtschaftliche Bedeutung, insbesondere im Fernhandel, erlangen. Jüdisches Leben entfaltete sich entlang der großen Handelswege und in den Kathedralstädten. Nachdem das 2. Laterankonzil 1139 den Christen ein Zinsverbot5 verordnet hatte, wurden die Juden auf ein weiteres Tätigkeitsfeld, das Kreditgewerbe, geradezu gestoßen. Der Finanzbedarf der in ständige Konflikte verwickelten Fürsten und die Bedürfnisse der Städte mit einer wachsenden Bevölkerung boten diesem Wirtschaftszweig eine stete Grundlage.
In unserer Region sind Juden seit dem 10. Jh. nachweisbar. Das heutige Mitteldeutschland war damals noch ein Entwicklungsland in ausgesprochener Randlage des Reiches. Elbe und Saale bildeten die Grenze zu dem slawisch besiedelten und noch kaum christianisierten Osten. Die großen Gründungen entlang der Elbe-Saale-Linie wie Magdeburg, Merseburg, Naumburg, Zeitz waren Festungen, Stützpunkte für die Landnahme im Osten und geistliche Zentren, zugleich aber auch Umschlagplätze für den nicht unbedeutenden West-Ost-Handel. 937 gründete Otto I. (936-973) in Magdeburg das Mauritiuskloster und drei Jahrzehnte später, 968, etablierte er hier ein Erzbistum. Schon diese beiden Daten verraten etwas von der dynamischen Entwicklung in diesem Raum. Zur Dotierung des Magdeburger Erzbistums unterstellte Otto mit einer Urkunde aus dem Jahr 965 „Juden und andere Händler“ dem Bischof. Das kulturelle Aufbauwerk in Mitteldeutschland wurde daher zu einem nicht geringen Teil aus den besonders hohen Steuern der Juden und anderer „Ausländer“ finanziert.
Ibrahim ibn Jakub
Itinerar seiner Reise von Magdeburg nach Prag 965
„Der Weg von Mâdiburg nach dem Lande des Bûislâw und von da nach der Feste Kalbe beträgt 10 Meilen und von da nach Nûb Grâd (Nienburg) 2 Meilen; das ist eine Feste aus Steinen und Mörtel gebaut, und sie liegt am Fluss Salâwa (Saale), und in ihn fällt der Fluss Bode. Von der Feste Nienburg bis zum Salzwerk der Juden, es liegt auch an der Saale: 30 Meilen. Von da nach der Feste Bûrdschin (Wurzen) - und sie liegt an der Muldâwa (Mulde)…“
Um 1012 gab es in Magdeburg um den heutigen Hasselbachplatz, die alte Sudenburg, eine größere jüdische Gemeinde, die lange unbehelligt blieb, bis es im Zusammenhang mit dem Kreuzzug von 1096 zu ersten Pogromen kam. Weitere Ausschreitungen sind aus dem Jahr 1146 belegt, auch Plünderungen jüdischen Eigentums und Lösegelderpressungen seitens der Magdeburger Bischöfe 1213 und 1261.
Besonders interessant ist der Beleg für frühe jüdische Ansiedlungen im Raum Halle. Es handelt sich um einen Reisebericht des Ibrahim ibn Jakub (2. Hälfte 10. Jh.). Dieser arabisch schreibende Jude aus Cordoba bereiste als Geograf und Diplomat im Auftrag des Kalifen Abd ar-Rahman III. (889-961) das ostfränkische Reich und die angrenzenden slawischen Siedlungsgebiete. Über seine Reisen hat er recht genaue Aufzeichnungen hinterlassen. Auf dem Weg von Magdeburg nach Prag kam er durch Calbe und Nienburg. Von dort zählte er 30 Meilen „bis an die Salzwerke der Juden, ebenfalls an der Saale gelegen“6. Diese Notiz, aus dem Jahr 965 oder 973, wird als ältester Beleg einer jüdischen Siedlung in Halle (oder Umgebung) gewertet. Es ist auch bemerkenswert, dass Juden offensichtlich schon sehr früh an der Entwicklung der Salzsiederei beteiligt waren, eines Gewerbes, das die Stadt Halle später so berühmt und reich werden ließ.
Schauen wir nun nach Süden, auch hier sind es die Handelswege, die Juden ins Land bringen. Erfurt lag an der Via Regia, der wichtigsten Königs- oder Reichsstraße in west-östlicher Richtung. Unter den Ottonen befand sich auf dem Petersberg eine Königspfalz, politisch stand Erfurt unter den Erzbischöfen von Mainz, den traditionellen Schutzherren der Juden. Zwar werden Juden in den Erfurter schriftlichen Quellen erst spät erwähnt, aber der Baubeginn der Alten Synagoge kann mit 1094 sicher datiert werden. Ein so großer und bedeutender Bau setzte die Existenz einer mitgliederreichen und wohlhabenden Gemeinde voraus, die sicher in Jahrzehnten früher entstanden und allmählich gewachsen war.
Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in der Reichsstadt Nordhausen. Hier ist eine Synagoge um 1300 belegt. Es gab eine noch heute lokalisierbare Judenstraße und den Judenkirchhof.
Betrachtet man nun diesen Befund in einer regionalen Perspektive, dann wird deutlich, dass Sangerhausen seit dem 10. Jh. von Kristallisationspunkten jüdischen Lebens umgeben war. Die Verkehrswege, die sie untereinander verbanden, kreuzten sich zum Teil in Sangerhausen. So ist anzunehmen, dass sich hier mindestens zeitweise Juden aufgehalten haben, zumal der Ort selber eine dynamische Entwicklung erlebte: 991 noch zum Kloster Memleben gehörend, erhält Sangerhausen schon 1017 Marktrecht, 1194 Stadtrecht, und 1263 beginnt man mit dem Bau von Stadtmauern.
Das Mittelalter kannte keinen religiösen Pluralismus, die Juden blieben trotz teuer bezahlter Schutzbriefe und einer erheblichen Steuerlast eine nur geduldete, stets durch religiöse Agitation und wirtschaftlichen Neid gefährdete Minderheit. Dennoch waren die judenfeindlichen Ausschreitungen bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts auch in unserer Region eher Rückschläge in einer insgesamt positiven Entwicklung. Neben den Kirchen und Adelshöfen gehörten auch Synagogen und Judengassen zum mittelalterlichen Stadtbild und waren Symbole einer deutsch-jüdischen Geschichtsgemeinschaft.
Die Alte Synagoge in Erfurt - heute Museum für jüdische Kultur
Als großen Bruch in dieser Entwicklung muss man jedoch die Judenverfolgung der Jahre 1348/49 betrachten. Es handelte sich nicht um lokale Ausschreitungen, sondern eine systematische, örtlich mehr oder weniger stark ausgeprägte Vernichtungsaktion in ganz Deutschland, die von der staatlichen Obrigkeit sanktioniert und vom Volk mit Eifer vollstreckt wurde - ein Holocaust vor dem Holocaust. Zu ihrer Rechtfertigung musste das ganze Repertoire der antijudaistischen Propaganda herhalten: vom Hostiendiebstahl und Ritualmord bis zur Verursachung der Pest. Aber die wirtschaftlichen Motive der Judenverfolgung traten dabei ganz ungeschminkt an die Oberfläche.
Diese Abbildung aus einer für den Würzburger Bischof Julius Echter (1545-1617) von Lorenz Fries angefertigten Chronik zeigt, wie das "Judenschlagen" in kleinen Städten wie Sangerhausen ablief
