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Auf jedem Film prangt die Altersfreigabe der "Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK). Doch immer wieder müssen Eltern feststellen, dass die Angaben der FSK nicht verlässlich sind. Manche Filme erhalten trotz deutlicher Sex- und Gewalt-Darstellungen eine niedrige Freigabe. Nur Einzelfälle – oder steckt viel eher System dahinter? Dieses Buch enthüllt die Wahrheit über die FSK. Die "Jugendschützer" blocken Kritiker mit Totschlagargumenten ab und verschleiern ihre Kriterien hinter nichtssagenden Phrasen. Denn wie die FSK tatsächlich beurteilt, ist erschreckend: Brutale Gewalt, harte Vergewaltigungen, detaillierter Sex – alles frei "ab 12 Jahren"! Die Wahrheit über den Jugendschutz in Deutschland. Fachlich fundiert, belegt, ungeschönt. Und ein Ansatz, wie man es besser machen könnte.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Einleitung
TEIL EINS
„Keine Beeinträchtigung“, aber „keine Empfehlung“
Kriterien für „Ohne Altersbeschränkung“
Kriterien für „Freigegeben ab 6 Jahren“
Kriterien für „Freigegeben ab 12 Jahren“
Kriterien für „Freigegeben ab 16 Jahren“
Kriterien für „Keine Jugendfreigabe“
FSK12 – Und die Kassen klingeln
Gängige Missverständnisse – „Ab 12“ steht NICHT für Kinderfilme
Fehler in der Vergangenheit – Über die Veränderung der FSK-Kriterien
Schutz vor „Beeinträchtigung“ – Wie die FSK jede Kritik abwehrt
„Gefährdungspotenzial“ durch Actionfilme – Zweierlei Maß bei Gewalt
FSK ist KEIN Ratgeber für Eltern – Nur weiß das keiner
Kino-Trailer: Vor „ab 6“ aber bitte auch NUR ab 6!
Warum beurteilt die FSK so unverständlich?
Zwischenfazit: Wie beurteilt die FSK?
TEIL ZWEI
Ein neuer Ansatz: Mein Kriterienkatalog
Kriterien-Vorschlag für „Geeignet ab 0 Jahren“
Kriterien-Vorschlag für „Geeignet ab 6 Jahren“
Kriterien-Vorschlag für „Geeignet ab 12 Jahren“
Kriterien-Vorschlag für „Geeignet ab 16 Jahren“
Kriterien-Vorschlag für „Geeignet ab 18 Jahren“
Der große „Filmcheck“ mit 200 Filmen
TEIL DREI
Bessere Altersfreigaben für Deutschland
„Ab 10“ / „Ab 14“ / „Ab 21“ – Brauchen wir Zusatzkategorien?
Der Vorschlag der Piratenpartei – Sind Altersbeschränkungen überhaupt notwendig?
Besser, aber kaum verbindlich: Altersfreigaben in den USA
Vorbildlicher Jugendschutz: Altersfreigaben in Großbritannien
Die Veränderung der Filmindustrie und „BBFC Guidelines 2000“
PEGI als Zukunftsmodell?
Zwischenfazit: Wie lässt sich die FSK verbessern?
FAZIT
KURZRATGEBER FÜR ELTERN
Die Kriterien der FSK im Überblick
Umrechnung: Von der FSK-Freigabe zur Altersempfehlung
Über den Autor
Impressum
Bildquellen
Anmerkungen
Jugendschutz ade!
Die Wahrheit über die FSK
ALTERSFREIGABENCHECK
Wer im Frühjahr 2016 ein Kino der CinemaxX-Kette besucht hat, fand dort folgenden Aushang:1
„Hinweis zur FSK des Films [„Der Spion und sein Bruder“]:
Im Rahmen der Parental Guidance Richtlinie dürfen bereits Kinder ab sechs Jahren diesen Film besuchen, wenn sie von einer personensorgeberechtigen Person begleitet werden. Der CinemaxX Programmplanung ist es jedoch wichtig, ihre persönliche Altersempfehlung für diesen Film auszusprechen.
Für Gäste unter 16 Jahren sehen wir DER SPION UND SEIN BRUDER aufgrund von bizarren und sexuell expliziten Inhalten als nicht geeignet an.“
Was ist denn hier los? Die FSK gibt „Der Spion und sein Bruder“, das jüngste Werk von Comedy-Legende Sacha Baron Cohen, „ab 12 Jahren“ frei – und somit bereits ab 6 Jahren mit Erwachsenenbegleitung. Das CinemaxX, dem tendenziell niedrige Altersbeschränkungen aus finanziellen Gründen eigentlich entgegenkommen sollten, spricht dagegen eine ausdrücklich höhere Altersempfehlung aus: „Ab 16 Jahren“.
Haben Sie den Film gesehen? In diesem Fall können Sie die Argumentation der CinemaxX-Kette wohl nachvollziehen. „Der Spion und sein Bruder“ zeigt uns blutige Gewalt, ständige derbe Sprache und detaillierte sexuelle Inhalte. So befriedigt ein Mann eine Frau oral, wobei die Schamhaare der Frau sichtbar sind. Und wir sehen, wie ein Mann Gift aus dem Hoden eines anderen Mannes saugt – inklusive einer Nahaufnahme des Hodensacks im Mund. Dass CinemaxX auf die kritischen Inhalte hinweist, ist vorbildlich.
Aber wie kann der FSK denn solch ein „Ausrutscher“ überhaupt passieren? Wie kamen die Prüfer dazu, dem Film eine solch niedrige Altersfreigabe zu verpassen? Sehen wir uns einmal die Freigabebegründung unserer Jugendschützer an:2
„Agentenkomödie über zwei ungleiche Brüder – der eine ein Loser, der andere ein Top-Spion –, die in die Zwangslage geraten, gemeinsam einen terroristischen Großanschlag verhindern zu müssen, was zu absurden Turbulenzen führt. Der Film ist mit zahlreichen deutlichen Überzeichnungen, makabrem Humor und Slapstick-Elementen erzählt, Gut und Böse sind dabei stets klar unterscheidbar. Kinder unter 12 Jahren werden von einzelnen drastischen Gewaltdarstellungen, sexualisierten Gags und der häufig vulgären Sprache überfordert. Ältere sind in der Lage, diese Elemente in den Kontext des eindeutig absurden Szenarios einzuordnen. Sie durchschauen die Ironie und die humoristischen Strategien der Inszenierung und können sich von den drastischeren Momenten distanzieren. Da keine der Figuren nachahmenswert wirkt, letztlich positive Werte betont werden und immer wieder ruhige Szenen für emotionale Entlastung sorgen, können 12-Jährige den Film verarbeiten.“
Ach ja? Die drastischen Gewalt- und Sexdarstellungen sind also in Ordnung für Zwölfjährige, weil sie sich in einem „eindeutig absurden Szenario“ befinden und es „immer wieder ruhige Szenen für emotionale Entlastung“ gibt. Können Sie das nachvollziehen? Ich nicht: Meines Wissens besteht die Aufgabe der FSK doch darin, unsere Kinder vor Sex und Gewalt zu schützen. Wo „ab 12“ draufsteht, erwarte ich keine solch expliziten Szenen wie in „Der Spion und sein Bruder“.
Aber na ja – vielleicht hat hier auch einfach ein besonders lockerer Prüfer geurteilt. Einen Ausrutscher wollen wir der FSK doch durchgelesen lassen, insbesondere zumal dieser Film an den Kinokassen ohnehin kein übermäßiger Erfolg war.3
Aber ist „Der Spion und sein Bruder“ wirklich nur ein Ausrutscher? Ebenfalls im Frühjahr 2016 schrieben die Kinobetreiber Meinolf und Anja Thies sowie Lutz Nennmann einen offenen Brief, in dem sie die Altersfreigaben einer ganzen Reihe von Filmen kritisierten:4
„A Million Waysto die in the West: Gewalt bis zum Splatter, Stichwort: Eisblock (derbe ‚Verbal-Pornografie‘ inklusive). Die Frau in Schwarz 2 / The Visit: Schockmomente, die auch Erwachsenen den Schlaf rauben können. Der Spion und sein Bruder: erhebliche Gewaltdarstellung und ebensolche Verherrlichung sowie explizite Sexszenen, allesamt weit unterhalb einer imaginären Gürtellinie…! Nur Beispiele, nur die Spitze des Eisbergs! Solche und so ähnliche Filme, mitunter großer Spaß für Erwachsene, gibt es in Hülle und Fülle auf unseren Leinwänden, die alles Mögliche sind, nur keine angemessene Unterhaltung für Kinder. Das Problem: sie sind freigegeben für genau diese – Kinder ab 12 Jahren.“
Die Kinobetreiber schreiben, Branchenvertreter aus allen Bereichen – auch Verleiher – würden sich über die Einstufungspraxis der FSK wundern, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand.5 Wer sich die aufgeführten Filme angesehen hat, wird zu demselben Schluss kommen wie die Verfasser des Briefs: Wie können derbe Sexkomödien und erschreckende Horrorfilme „ab 12 Jahren“ freigegeben werden?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werfen wir doch einmal einen Blick in die Kriterien für „Freigegeben ab 12 Jahren“:6
„Bei Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe ist die Fähigkeit zu distanzierter Wahrnehmung und rationaler Verarbeitung bereits ausgebildet. Erste Genre-Kenntnisse sind vorhanden. Eine höhere Erregungsintensität, wie sie in Thrillern oder Science-Fiction-Filmen üblich ist, wird verkraftet. Problematisch ist dagegen zum Beispiel die Bilderflut harter, gewaltbezogener Action-Filme, die zumeist noch nicht selbständig verarbeitet werden kann. 12- bis 15-jährige befinden sich in der Pubertät, einer Phase der Selbstfindung, die mit großer Unsicherheit und Verletzbarkeit verbunden ist. Insbesondere Filme, die zur Identifikation mit einem ‚Helden‘ einladen, dessen Rollenmuster durch antisoziales, destruktives oder gewalttätiges Verhalten geprägt ist, bieten ein Gefährdungspotenzial. Die Auseinandersetzung mit Filmen, die gesellschaftliche Themen seriös problematisieren, ist dieser Altersgruppe durchaus zumutbar und für ihre Meinungs- und Bewusstseinsbildung bedeutsam.“
Wer diese Kriterien durchgelesen hat, wird feststellen, dass er genauso schlau ist wie zuvor. Was bedeutet das alles wirklich? Konkret erfahren wir, dass „harte, gewaltbezogene Action-Filme“ nicht geduldet werden. Aber wie sollen wir das deuten: Dass FSK12 keine harte Gewalt erlaubt – oder dass blutige Gewaltdarstellungen durchaus in Ordnung sind, solange es sich um Komödien („Der Spion und sein Bruder“) oder Horrorfilme („The Visit“) handelt?
Die Kriterien, die die FSK selbst angibt, sind doppeldeutig und höchst unklar formuliert. Manch einer wird sogar zu dem Schluss kommen, dass die Organisation ihre Richtlinien für die Alterseinstufungen von Filmen bewusst verschleiert, um Kritik aus dem Weg zu gehen. Tatsache ist jedoch, dass sich lange Zeit kaum jemand über die Kriterien der FSK im Allgemeinen beschwert hat, sondern immer nur über die Entscheidungen zu einzelnen Filmen.
Und genau darin liegt das Problem, das ich mit diesem Buch aufheben möchte. Es ist der falsche Weg, Kritik an einzelnen Freigaben zu äußern. Richtig wäre es, die Maßstäbe der FSK in ihrer Gesamtheit als falsch zu betrachten. Der offene Brief der Kinobetreiber könnte der erste Schritt einer Veränderung sein.
Bei jeder Alterseinstufung – von „ohne Altersbeschränkung“ bis hin zu „ab 16 Jahren“ – lassen sich zahlreiche Filme finden, die eine fragwürdig niedrige Altersfreigabe tragen. In „Der Baader Meinhof Komplex“ wird durchgängig brutale Gewalt dargestellt, in „Hautnah“ sprechen die Charaktere im Detail über ihre Sexualität und „Die Stadt der Blinden“ zeigt sogar harte Vergewaltigungsszenen – alles frei „ab 12 Jahren“.
Auf der anderen Seite findet man zahlreiche Filme, die vergleichsweise hoch eingestuft worden sind. Hierbei handelt es sich insbesondere um Actionfilme – beispielsweise „G. I. Joe 1 – Geheimauftrag Cobra“, „R. E. D. 2 – Noch Älter. Härter. Besser“ oder aktuell „Jason Bourne (2016)“.
Für die Recherche zu diesem Buch habe ich über 500 aktuelle Kinofilme angesehen und deren Alterseinstufungen analysiert. Dabei lässt sich feststellen, dass die FSK für alle Filme vergleichbare Maßstäbe ansetzt. Dieses Buch deckt erstmals die tatsächlichen Kriterien der „Freiwilligen Selbstkontrolle“ auf.
Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werden Sie wissen,
Warum ein bestimmter Film genau diese Altersfreigabe trägt.
Welche Inhalte Sie bzw. Ihre Kinder bei einem bestimmten Film erwarten werden.
Welche Inhalte Sie bzw. Ihre Kinder in den Trailern vor dem eigentlichen Kinofilm erwarten können.
Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, können Sie selbst entscheiden, ob Sie der Arbeit der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ zustimmen oder nicht. In jedem Fall werden Sie aber erkennen, dass es sinnlos ist, sich über einzelne Alterseinstufungen aufzuregen. So ist die anfangs erwähnte Freigabe von „Der Spion und sein Bruder“ „ab 12 Jahren“ kein „Ausrutscher“, sondern nach den Kriterien der FSK die logische Entscheidung.
Dies ist die Wahrheit über den Jugendschutz in Deutschland – und ein Ansatz, wie man es besser machen könnte.
ERSTMALS ENTHÜLLT –
DIE TATSÄCHICHEN KRITERIEN DER FSK
Die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“, kurz FSK, wurde nach Ende des zweiten Weltkrieges (1948) gegründet. Sie entwickelte sich aus einer Organisation, die Filmmaterial anschaute, um dieses auf nationalsozialistische Propaganda hin zu prüfen. Filme, die derartige Inhalte besaßen, wurden verboten.
Nach dem Ende der Besatzungszonen begann die FSK, Filme nach deren Alterstauglichkeit zu beurteilen und nur für bestimmte Altersgruppen freizugeben. Später kam noch die Aufgabe hinzu, zu entscheiden, ob ein bestimmter Film nach christlichen Vorstellungen an einem hohen religiösen Feiertag im Fernsehen ausgestrahlt werden dürfe. Die FSK sorgte dafür, dass Filme mit „Erwachsenenthemen“, Gewaltinhalten oder anderen nicht jugendtauglichen Inhalten nicht von Kindern und Jugendlichen gesehen werden durften.
Die Beurteilung von Filmen war zur damaligen Zeit noch deutlich strenger als heutzutage. Recht harmlose Gewalt wie in „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ oder die leichten sexuellen Andeutungen in „Manche mögen’s heiß“ führten bereits zur Einstufung „ab 16 Jahren“. Auf den Wandel der Kriterien werde ich in diesem Buch noch genauer eingehen.
Aktuell basieren alle Alterseinstufungen auf der Grundlage des Paragrafen 14, Absatz 1 des Jugendschutzgesetzes: „Filme sowie Film- und Spielprogramme, die geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen, dürfen nicht für ihre Altersstufe freigegeben werden.“7 Die FSK weist darauf hin, dass die Altersfreigabe keine „pädagogische Empfehlung“ oder „ästhetische Bewertung“ darstellt.8
Mit anderen Worten: Die FSK spricht keine Empfehlungen aus, sondern entscheidet ausschließlich darüber, ob ein bestimmter Film Heranwachsende beeinträchtigen kann. Doch was bedeutet das tatsächlich?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, kann man sich auf der Website der FSK über deren Kriterien informieren. Leider sind diese jedoch sehr oberflächlich und allgemein gehalten. Anstatt Eltern darüber zu informieren, wie viel Sex und Gewalt bei welcher Altersstufe zugelassen werden, verliert sich die FSK in nichtssagenden Phrasen wie „12- bis 15-Jährige befinden sich in der Pubertät, einer Phase der Selbstfindung, die mit großer Unsicherheit und Verletzbarkeit verbunden ist“.9 Dennoch ist es nicht so, dass die Kriterien überhaupt nicht angegeben werden – die wesentlichen Informationen stehen tatsächlich da, doch befinden sie sich zwischen all den bedeutungslosen Sätzen. Ein Auszug aus den Kriterien für „Freigegeben ab 12 Jahren“ soll dies verdeutlichen:10
„Bei Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe ist die Fähigkeit zu distanzierter Wahrnehmung und rationaler Verarbeitung bereits ausgebildet. Erste Genre-Kenntnisse sind vorhanden. Eine höhere Erregungsintensität, wie sie in Thrillern oder Science-Fiction-Filmen üblich ist, wird verkraftet. Problematisch ist dagegen zum Beispiel die Bilderflut harter, gewaltbezogener Action-Filme, die zumeist noch nicht selbständig verarbeitet werden kann.“
Die ersten beiden Sätze geben den Eltern keinerlei relevante Informationen über die Arbeit der FSK. Der letzte Satz dagegen ist entscheidend: Er liefert die Erklärung, weshalb die – eher harmloseren – Actionfilme, die ich in der Einleitung erwähnt habe, erst „ab 16 Jahren“ freigegeben worden sind.
Seit dem Jahr 2010 bietet die FSK ein wenig detailliertere Richtlinien in ihrer Broschüre „Altersfreigaben für Filme – Informationen für Kinder und Eltern“11 an, doch auch diese sind recht unklar formuliert. So behauptet die FSK bei der Alterskategorie „ab 6 Jahren“ beispielsweise: „Das Genreangebot mit entsprechenden Inszenierungsstilen umfasst sowohl Märchen, Kinder- und Tierfilme, als auch Fantasyfilme.“12 Tatsächlich jedoch sind ein Großteil der „ab 6 Jahren“ freigegebenen Spielfilme Dramen und Liebeskomödien.
Es reicht also nicht aus, die FSK-Broschüre durchzulesen und daraus abzuleiten, wie FSK-Kennzeichnungen zustande kommen. Wer die Kriterien tatsächlich kennen möchte, dem bleibt nur ein einziger Weg. Es ist notwendig, hunderte von aktuellen Filmen anzusehen und die Altersfreigaben zu analysieren. Dabei lässt sich feststellen, dass die FSK durchgängig nach denselben Maßstäben vorgeht, obgleich es nach offiziellen Angaben „einen fest gefügten Kriterienkatalog“ eigentlich nicht geben könne.13
Auf den folgenden Seiten finden Sie die Ergebnisse meiner Recherche, aufgeteilt nach den verschiedenen Alterskategorien. Am Anfang jeden Abschnitts befindet sich der genaue Wortlaut der offiziellen Angaben. Danach stelle ich die herausgearbeiteten tatsächlichen Kriterien der FSK vor, die durch die diversen Entscheidungen zu bestimmten Filmen begründet werden. Am Ende jeden Abschnitts werde ich die Kriterien kurz zusammenfassen.
Filme mit der weißen FSK-Kennzeichnung sind „freigegeben ohne Altersbeschränkung“ und können daher von allen Kindern und Jugendlichen jeden Alters im Kino angesehen oder als Video erworben werden. Allerdings müssen Kinder unter 6 Jahren von einer erziehungsberechtigten Person begleitet werden. Zudem gestatten manche Kinobetreiber sehr jungen Kindern nicht, einen Film anzusehen – so gewährt beispielsweise die Kinokette CinemaxX Kindern unter drei Jahren keinen Eintritt.14
Die weiße Farbe und die Freigabe „ab 0“ signalisieren den meisten Eltern, dass dieser Film problemlos von allen Zuschauern gesehen werden kann.
Spielfilme mit dieser Kennzeichnung können zu jeder Zeit im Fernsehen ausgestrahlt werden.
Die offiziellen Angaben der FSK
Die offiziellen Kriterien (gekürzt):15
„Kleinkinder erleben filmische Darstellungen unmittelbar und spontan. Ihre Wahrnehmung ist vorwiegend episodisch ausgerichtet, kognitive und strukturierende Fähigkeiten sind noch kaum ausgebildet. Schon dunkle Szenarien, schnelle Schnittfolgen oder eine laute und bedrohliche Geräuschkulisse können Ängste mobilisieren oder zu Irritationen führen. Kinder bis zum Alter von sechs Jahren identifizieren sich vollständig mit der Spielhandlung und den Filmfiguren. Vor allem bei Bedrohungssituationen findet eine direkte Übertragung statt. Gewaltaktionen, aber auch Verfolgungen oder Beziehungskonflikte lösen Ängste aus, die nicht selbständig und alleine abgebaut werden können. Eine schnelle und positive Auflösung problematischer Situationen ist daher sehr wichtig.“
Die zusätzlichen Angaben in der FSK-Broschüre:16
„
Die Filmgeschichte ist episodisch aufgebaut und bietet einen soliden Wechsel zwischen spannenden und entspannenden Szenen.
Die Figuren sind nachvollziehbar charakterisiert und das
‚
Gute
‘
, die positiven Helden, prägen die filmische Atmosphäre.
Beängstigende oder spannende Szenen sind durch Humoreinlagen in ihrer Wirkkraft herabgesetzt.
Die Musik unterstützt die filmische Erzählung und kündigt Spannung wie Entspannung an.
Die Vertonung von Effekten und Action bleibt im Rahmen der erzählten Filmgeschichte.
Problematische Situationen werden positiv aufgelöst und die Filmerzählung mündet in ein überzeugendes Happy End.
Dokumentationen und Erwachsenenfilme, die keinerlei Beeinträchtigungen auf Kinder bewirken.
“
Dies beinhalten Filme „ohne Altersbeschränkung“
Im Folgenden werde ich aufzeigen, welche kritischen Inhalte in Filmen mit der FSK-Freigabe „ohne Altersbeschränkung“ akzeptiert werden und welche nicht. Aufgeteilt habe ich diese in die Bereiche „Thema“, „Gewalt / Horror / Grusel“, „Sex / Nacktheit“, „Drogen / Alkohol / Rauchen“ und „Vulgärsprache / Sexualisierte Sprache“. Nach demselben Prinzip werde ich auch bei den höheren Alterskategorien fortfahren.
Thema
Viele Filme mit der Alterskennzeichnung „ohne Altersbeschränkung“ sind Kinderfilme und beinhalten daher kaum „problematische“ Themen. Daraus zu folgern, dass dem grundsätzlich so wäre, ist jedoch ein Fehlschluss.
„An Education“ erzählt die Geschichte eines 16-jährigen Mädchens, das zu einem Fremden ins Auto steigt und mit ihm eine Affäre beginnt. In „Beginners“ geht es um einen Mann mittleren Alters, dessen Vater sich in hohem Alter in ein wildes, homosexuelles Leben gestürzt hat. Dramen werden also zugelassen, doch es sollten darin keine verstörenden Szenen vorkommen. Liebesgeschichten und Dokumentationen werden grundsätzlich akzeptiert.
Gewalt / Horror / Grusel
Gewaltsequenzen in Filmen „ohne Altersbeschränkung“ fallen nicht stärker aus, als wir diese aus animierten Kinderfilmen kennen. Filme wie „Cars“, „Ich – Einfach unverbesserlich“ oder „Wall-E – Der Letzte räumt die Erde auf“ zeigen Gewalt, doch ist diese grundsätzlich nur sehr leicht.
Auch Angst erzeugende Sequenzen dürfen ausschließlich sehr leicht ausfallen und nur selten vorkommen. „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Ice Age 3 – Die Dinosaurier sind los“ oder „Rio“ beinhalten leicht gruselige Szenen, doch lösen diese sich schnell und positiv auf.
Das obere Ende von „ohne Altersbeschränkung“ für Grusel markiert wahrscheinlich „Emil und die Detektive (2001)“ in einer einzigen Szene, in der Emil ein alkoholisches Getränk trinkt und das bösartige Lachen von Max Grundeis hört, der ihm daraufhin das Geld stehlen wird, was auf sehr junge Kinder durchaus Angst erzeugend wirken könnte.
Sex / Nacktheit
Zahlreiche US-amerikanische Kinder- / Jugendfilme beinhalten das Konzept einer Liebesgeschichte, z. B. „Plötzlich Prinzessin!“ oder „High School Musical 3 – Senior Year“. Diese Streifen haben allerdings keine nennenswerten sexuellen Andeutungen (oder gar Szenen).
Manche andere, deutlich „erwachsener“ wirkende Filme zeigen dagegen sexuelle Inhalte. Diese scheinen bei „ohne Altersbeschränkung“ jedoch ausschließlich angedeutet werden zu dürfen. So sehen wir in „27 Dresses“ eine kurze Sexszene im Auto. In „Der Teufel trägt Prada“ kommt es zwar ein paar Male zu sexuellen Aktivitäten, doch blendet die Kamera immer weg, bevor der Zuschauer diese sehen würde. Etwas deutlicher ist eine sexuelle Darstellung in „Wie werde ich ihn los – in 10 Tagen?“, in der die Protagonistin ihrem Freund zwischen die Beine fasst und sein Geschlechtsteil „Prinzessin Sophia“ nennt.
Das Maximum der zulässigen Sexdarstellungen bei dieser Alterskategorie markiert beispielsweise „Selbst ist die Braut“. Hier sehen wir einen Stripper, der sich erotisch vor einer Menge Frauen präsentiert, aber natürlich nie seinen Slip auszieht.
Drogen / Alkohol / Rauchen
