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Warum werden junge Menschen wohnungslos? Wie heterogen ist diese Gruppe? Wie sehen ihr Alltag und ihre Bewältigungsformen aus? Was wünschen sich junge Wohnungslose an Unterstützung, was fordern sie und wie organisieren sie sich, z. B. auch über Portale im Netz? Das Grundlagenwerk beantwortet diese Fragen und stellt Ansätze der Sozialen Arbeit, insbesondere der Jugendhilfe, vor. Zudem werden bestehende Zuständigkeitskonflikte in den Hilfesystemen herausgearbeitet und aufgezeigt, wie diesen Konflikten mit neuen, innovativen Ansätzen und einer engagierten Sozialplanung begegnet werden kann. Abgerundet wird die Einführung durch ein Kapitel zur Motivation und zu Kompetenzen, über die in der Wohnungsnotfallhilfe tätige Sozialarbeitende verfügen sollten.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Cover
Titelei
Vorwort der Reihenherausgeber*innen
Zu diesem Buch
1 Jugendliche und junge Erwachsene in prekären Lebenslagen
1.1 Übergänge im Jugend- und jungen Erwachsenenalter
1.2 Prekäre Übergänge und (Aus-)Bildung
1.3 Begriffe: wohnungslose, obdachlose und entkoppelte junge Menschen
1.4 Aktualität und Ausmaß von Wohnungslosigkeit
2 Ursachen für und Wege in die Wohnungslosigkeit
2.1 Wohnungsverlust und fehlender bezahlbarer Wohnraum
2.2 Familiäre Brucherfahrungen
2.3 Ende bzw. Abbruch von stationärer Jugendhilfe
3 Alltag und Bewältigungsleistungen in der Wohnungslosigkeit
3.1 ›Unter dem Radar‹: Facetten verdeckter Wohnungslosigkeit
3.2 Kurze Erzählungen/Einblicke
3.3 Szene als Ersatzfamilie, Zusammenhalt und Tiere als Vertraute
3.4 Geld beschaffen, Gesundheit und Überleben
4 Selbstvertretung und Peerberatung durch junge Wohnungslose
4.1 Selbstvertretung
4.2 Peerberatung und Expert*innenschaft
5 Soziale Arbeit im Kontext von Wohnungslosigkeit
5.1 Hilfesysteme, Zuständigkeiten und ›Verschiebebahnhöfe‹
5.2 Mobile Jugendarbeit/Straßensozialarbeit und Online-Beratung
5.3 Wohnungslosigkeit und Bildungsambitionen – Bildungsangebote
5.4 Wohnen: Von der Notschlafstelle bis zum Jugendwohnen
5.5 Geschlechtsspezifische Angebote
5.6 Housing First für junge Menschen?
5.7 Übergänge begleiten – Hilfen aus einer Hand
6 Kommunale Wohnungspolitik und (integrierte) Sozialplanung
6.1 Bezahlbaren Wohnraum schaffen als Auftrag kommunaler Sozialpolitik
6.2 Stärkung der Jugendsozialarbeit und kombinierte Hilfen
6.3 Primärzuständigkeit der Jugendhilfe und integrierte Sozialplanung
7 Berufseinstieg: Motivation und was muss ich können?
7.1 Berufseinstieg als spezifischer Übergang und Einsozialisation
7.2 Motivationen und Selbstverständnisse
Literatur
Soziale Arbeit – kompakt & direkt
Herausgegeben von Rudolf Bieker und Heike Niemeyer
Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:
https://shop.kohlhammer.de/soziale-arbeit-kompakt-direkt
Die Autorin
Prof. Dr. rer. soc. Claudia Daigler lehrt und forscht an der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege. Sie ist Sozialarbeiterin und Erziehungswissenschaftlerin und hat die Professur Integrationshilfen und (berufliche) Übergänge im Lebensverlauf inne. Ihre Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind (junge) Frauen* und Männer* in prekären Lebenslagen, Obdachlosigkeit, Hilfen zur Erziehung, Erwerbsarbeit(slosigkeit), Adressat*innenperspektiven, Jugendhilfe-/Sozialplanung.
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:ISBN 978-3-17-042409-8
E-Book-Formate:pdf:ISBN 978-3-17-042410-4epub:ISBN 978-3-17-042411-1
Ergänzend zu klassischen Lehrbüchern geht es in der neuen Reihe »Soziale Arbeit – kompakt & direkt« um die vertiefende Bearbeitung spezieller Themen- und Fragestellungen aus der Sozialen Arbeit und ihren Bezugsdisziplinen, z. B. theoretische Konzepte, spezifische Methoden, Arbeitsfelder oder soziale Probleme. Kompakt und direkt heißt die neue Reihe, weil sie in der Präsentation der Inhalte auf das konzentriert ist, was Lernende über das ausgewählte Thema wissen und für Studienleistungen und Prüfungen zielgenau aufbereiten können sollten.
Zielgruppen der Reihe sind jedoch nicht nur Studierende im Bachelor- oder Masterstudium, sondern auch Berufseinsteiger*innen und Praktiker*innen, die autodidaktisch oder in Fortbildungen Anschluss an den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs halten wollen.
Der fokussierte Zuschnitt der Bände spiegelt sich in einem innovativen Buchformat, das Leser*innen Überschaubarkeit im Umfang und eine gut strukturierte Textpräsentation bietet. Zentrale Sachverhalte werden anhand von Praxisbeispielen und Abbildungen veranschaulicht. Didaktische Elemente wie Begriffserläuterungen, Textcontainer, Reminder, Essentials, kurze Zusammenfassungen, Piktogramme etc. erleichtern das Erfassen, Speichern und Wiederaufrufen der Inhalte.
Die Autor*innen der Bände sind durch ihre wissenschaftliche Expertise ausgewiesen, schreiberfahren und stehen i. d. R. mit Studierenden und Praxisfeldern in engem Kontakt.
Rudolf Bieker und Heike Niemeyer, Köln
Der hier vorliegende, kompakte Band legt den Fokus auf junge wohnungslose Menschen in der Altersspanne von 14 bis 27 Jahren und damit auf Lebenssituationen einer heterogenen Gruppe, die in den zentralen Übergängen, die dem Jugendalter und der Lebensphase junges Erwachsenenalter inhärent sind, aus Bildungs- und Erwerbsarbeitsstrukturen weitgehend herausfallen. Sie fallen i. d. R. ebenso aus Hilfestrukturen der Jugendhilfe, der gesetzlichen Gesundheitsversorgung etc. heraus bzw. entziehen sich diesen, wenn sie von ihnen nicht als anerkennend, sondern als bevormundend und kontrollierend erlebt werden.
Ausgegangen wird von circa 40.000 jungen Menschen, die wohnungslos sind, wobei die Dunkelziffer bei Erwachsenen wie auch bei Jugendlichen sehr hoch ist. Viele junge Menschen in diesen prekären Lebenssituationen, in denen Wohnraum und ein ›Zuhause‹ nicht existent ist, haben Mitwohngelegenheiten auf Zeit, kommen bei ›Freund*innen‹ bzw. in der Szene unter, bis sie sich wieder etwas Neues suchen müssen. So bleibt das Ausmaß von Wohnungslosigkeit/Obdachlosigkeit junger Menschen unsichtbar für die Öffentlichkeit wie auch für die Fachwelt. Hinzu kommt, dass die Soziale Arbeit bzw. die Systeme der sozialen Sicherung mitbeteiligt sind an biografischen Brucherfahrungen junger Menschen, da nach wie vor etliche Schnittstellenprobleme vorhanden sind, die dazu führen, dass junge Menschen an diesen Hilfeübergängen verloren gehen.
Die Anzahl an niederschwelligen Hilfeangeboten für junge, insbesondere für minderjährige wohnungslose Menschen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten jungen Menschen ist überschaubar. Ebenso überschaubar ist die Forschungs- und Publikationslage. Zugleich steigt die Zahl der jungen Menschen, die den Kern offener und verdeckter Jugendarmut bilden.
Dieser Band, der sich auch als Lehrbuch für Studierende versteht, geht unterschiedlichen Fragen nach: Warum werden junge Menschen wohnungslos? Wo leben sie dann? Wie heterogen ist diese Gruppe? Wie sehen ihr Alltag und ihre Bewältigungsformen aus? Was wünschen sich junge Wohnungslose an Unterstützung, was fordern sie und wie organisieren sie sich? Welche Ansätze und Hilfeangebote der Sozialen Arbeit gibt es? Wo und warum bestehen Zuständigkeitskonflikte der Hilfesysteme und wie kann diesen mit neuen, innovativen Ansätzen begegnet werden? In welcher Weise ist die Kommunalpolitik gefragt?
Der Aufbau des Bandes ist folgendermaßen: Im ersten Kapitel wird Hintergrundwissen zu Anforderungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter gegeben sowie das Ausmaß an Exklusionsprozessen erläutert (▸ Kap. 1). Darauf aufbauend werden Ursachen von Wohnungslosigkeit und biografische wie institutionelle Bruchstellen, also auch jene, die durch soziale Institutionen und Rechtskreise miterzeugt werden, dargestellt und analysiert. Dabei werden ›Drehtüreffekte‹ zwischen Jugendhilfe, Inobhutnahme, Psychiatrie und Wohnungsnotfallhilfe erkennbar (▸ Kap. 2). Kapitel 3 zeigt Lebenslagen, Lebenssituationen, Sichtweisen und Bewältigungsstrategien junger Menschen auf, die als »entkoppelt von den Hilfesystemen« (Mögling, Tillmann & Reißig 2015) bezeichnet werden und diverse Strategien entwickelt haben, dabei zu überleben (▸ Kap. 3). Wohnungslose junge Menschen und junge Menschen mit Erfahrungen in der stationären Jugendhilfe haben Plattformen, Netzwerke und vieles mehr geschaffen, auf denen sie sich begegnen und austauschen, organisieren und sich zu Wort melden sowie einmischen. Im Kapitel 4 werden Initiativen und Organisationsformen junger Menschen sowie ihre Forderungen vorgestellt (▸ Kap. 4). Im umfangreichen Kapitel »Soziale Arbeit im Kontext von Wohnungslosigkeit« werden die Hilfestrukturen mit ihren rechtlichen Grundlagen sowie Angebote vorgestellt und diskutiert. Rechtliche Grundlagen bilden den Rahmen für eine Hilfegewährung und die Zuständigkeit. Aufgezeigt werden dabei auch Zuständigkeitskonflikte bzw. gegenseitige Abgrenzungen der Kostenträger (SGB VIII, SGB II und III, SGB XII und IX). Dies kann den zeitnahen Zugang junger Menschen zu Hilfen verkomplizieren. Angebote, so das Grundverständnis im Lehrbuch, müssen in ihrer institutionellen Logik rückgebunden sein an die Logiken und Sinnmuster der jungen Menschen, für die die Angebote gedacht sind. Vorgestellt wird eine Palette an Angeboten, insbesondere der Jugendhilfe, und abschließend für ›Hilfen aus einer Hand‹ plädiert (▸ Kap. 5). In Kapitel 6 werden Anforderungen an politische und sozialplanerische Ebenen formuliert, um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum voranzutreiben, das Zuständigkeitswirrwarr der Hilfesysteme im Sinne von junge Menschen in Wohnungsnot/prekären Lebenslagen zu entflechten und ›Verschiebebahnhöfe‹ zu minimieren. Rechtkreisübergreifende Hilfeverbünde wie auch eine entschiedenere Primärzuständigkeit der Jugendhilfe und die Stärkung der Jugendsozialarbeit sind hierfür erforderlich. Dass eine integrierte Sozialplanung einen konzeptionellen und fachpolitischen Rahmen schaffen kann und muss, wird insbesondere in Kapitel 6.3 entwickelt (▸ Kap. 6).
Abgerundet wird der Band mit Aussagen von Berufseinsteiger*innen dazu, was sie motiviert hat, in der Arbeit für und mit jungen Menschen in prekären Lebenslagen tätig zu werden, und wie sie sich darin in ihrer Professionsrolle verstehen. Des Weiteren wird abschließend gebündelt, was es an Wissen, Haltung und Können braucht, um in diesen Arbeitsfeldern tätig sein zu können (▸ Kap. 7).
T Überblick
In diesem Kapitel werden die Herausforderungen und Risiken im Jugend- und insbesondere im jungen Erwachsenenalter dargestellt (▸ Kap. 1.1), Aspekte der erschwerten bzw. ggf. unterbrochenen Bildungserfahrungen erläutert (▸ Kap. 1.2), die Begriffe wohnungslose, obdachlose, entkoppelte und marginalisierte junge Menschen geklärt (▸ Kap.1.3) und das Ausmaß von Wohnungslosigkeit im jungen Erwachsenenalter aufgezeigt (▸ Kap. 1.4).
Der Anfang des mittlerweile als eigenständige Lebensphase anerkannten jungen Erwachsenenalters wird mit dem Abschluss der schulischen Episode beziffert. Ihr Endpunkt ist nicht eindeutig und kann sich weit bis in das dritte Lebensjahrzehnt hinein erstrecken. Dieser Lebensabschnitt ist mit unterschiedlichen Aufgaben (Qualifizierung, Verselbständigung, Selbstpositionierung) verknüpft, die sich als Herausforderungen in ihrer Gleichzeitigkeit kumulieren und vielerlei Anforderungen an die Bewältigung von Übergängen beinhalten. Neben dem beruflichen Einstieg muss bspw. die Identitätsfindung, die Ablösung vom Elternhaus und ggf. bereits der Übergang in eine eigene Familiengründung ausgestaltet und bewältigt werden.
Das junge Erwachsenenalter ist eine eigenständige Lebensphase, in der sich einerseits eine Pluralisierung von Lebensentwürfen und Lebensstilen herausbildet, andererseits aber auch eine Polarisierung von Soziallagen und Lebenschancen zu beobachten ist. Es kann als eine Art Scharnierstelle gesehen werden, die entscheidend für den weiteren Lebensweg und den »positionalen Wettbewerb« in unserer Gesellschaft ist (Stauber & Walther 2016). Zu beobachten ist darin eine zunehmende Spaltung zwischen gut ausgebildeten jungen Menschen mit vielfältigen Wahlmöglichkeiten und nachhaltig »Abgehängten« (Mögling, Tillmann & Reißig 2015, Daigler 2018).
Das junge Erwachsenenalter ist zudem durchzogen von Teilübergängen, die ungleichzeitig verlaufen, z. B., dass die Verantwortung für ein eigenes Kind besteht und übernommen wird, aber noch keine Ausbildung beendet ist. Solcherlei Übergänge verlaufen zudem i. d. R. nicht stringent, beinhalten Brüche und sind reversibel, bewegen sich also hin und her, ein Phänomen, das Barbara Stauber und Andreas Walther im Rahmen der subjektorientierten Übergangsforschung »YoYo-Übergänge« nennen (Stauber & Walther 2011). Die Metapher des YoYo verdeutlicht im Gegensatz zu linearen, fortlaufenden Übergängen, deren Ziel von vornherein feststeht und deren Richtung und Dauer absehbar ist, die Reversibilität, Fragmentierung, Unplanbarkeit und Individualisierung. So sind bspw. junge Menschen bereits aus dem Elternhaus ausgezogen, kehren dann aber vor dem Hintergrund des Wohnungsmarkts oder aus anderen Gründen wieder ins Elternhaus zurück.
Übergänge und deren Gelingen sind bedeutsamer und gleichzeitig komplizierter geworden. Sie sind zu Kristallisationspunkten sozialer Integration geworden. Sie werden strukturell gerahmt und ausgelöst und sind von den Subjekten individuell auszugestalten. Sie können deshalb als »Zustandswechsel im Wechselspiel von Selbstkonzepten und externen Rollenzuschreibungen« (Walther & Stauber 2013, 23) verstanden werden.
Ausgangspunkt der subjektorientierten Übergangsforschung ist, dass – soziologisch gesprochen – in den Strukturen der Spätmoderne »Normallebensläufe« und damit verbundene Etappen zum Auslaufmodell geworden sind. Modelle, wonach jemand ein Leben lang in dem Betrieb, in dem er*sie eine Ausbildung gemacht hat, arbeitet und dann in Rente geht, sind nicht bzw. kaum mehr denkbar. Stauber und Walther gehen davon aus, dass Subjekte aus allgemeinen sozialen Vorgaben entbunden und in die Selbstverantwortung entlassen werden. Dies birgt sowohl Chancen in sich als auch den Zwang der Selbstorganisation und Selbststeuerung. Die subjektorientierte Übergangsforschung beforscht insbesondere die biografische Bedeutung von Übergängen und deren Bewältigung. Dabei wird davon ausgegangen, dass Entstandardisierungsprozesse in Lebensläufen sich in den Übergängen junger Frauen* und Männer* wie in einem Brennglas spiegeln. Aus dem ruhig fließenden Fluss des Normallebenslaufs, dessen Gefälle durch Schleusen überbrückt wurde, so Stauber und Walther, ist ein unruhiges Gewässer voller Stromschnellen und Untiefen geworden und aus den Passagieren auf dem Linienboot mehr oder weniger geübte Wildwasserfahrer*innen mit unterschiedlich tauglichem Material (Walther & Stauber 2007, 38).
Die geschilderten Übergangsherausforderungen beinhalten immer auch ein ›sich bewegen im Offenen‹ und müssen zudem in den gesellschaftlichen Anforderungen an Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit bewältigt werden. In seinen Analysen dazu, was die Spätmoderne kennzeichnet und als Herausforderungen abverlangt, geht der Soziologe Andreas Reckwitz davon aus, dass sich (nicht nur) in Deutschland seit den 1970/80er Jahren eine Gesellschaft der Singularitäten ausprägt (Reckwitz 2021). Singularisierung meint für ihn mehr als Selbständigkeit und Selbstoptimierung. Zentral sei dabei das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen nicht nur subjektiver Wunsch, sondern gesellschaftliche Erwartung geworden sei.
»Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert, eher reizlos ist das Allgemeine und Standardisierte. Der Durchschnittsmensch mit seinem Durchschnittsleben steht unter Konformitätsverdacht. Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Ideen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre« (Reckwitz 2021, Klappentext).
Markant ausgeprägt sei dies in der neuen, hochqualifizierten Mittelklasse. Reckwitz folgend wird damit an alles in der Lebensführung der Maßstab des Besonderen angelegt:
»[W]ie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet. Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert. Das spätmoderne Subjekt performt sein (dem Anspruch nach) besonderes Selbst vor den Anderen, die zum Publikum werden« (ebd., 9).
Die sozialen Medien identifiziert Reckwitz als zentrale Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit: »Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht« (Reckwitz 2021, 10). Wertvoll ist nur das Besondere.
Mit diesem Druck, sich als besonders präsentieren zu müssen, verschärfen sich zum einen Abstiegsängste und die ›Produktion‹ von Verlierer*innen, zum anderen bildet sich eine neue Klasse unterprivilegierter Arbeitsverhältnisse. Zudem besteht die Gefahr, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhalt, Solidarität, insbesondere die gesellschaftliche Kultur der Solidarität mit denen, die der Unterstützung bedürfen und darauf angewiesen sind, zunehmend auflösen oder anders gesprochen: Singularisierung birgt die Gefahr der Zersetzung des Sozialen.
Die Übergänge ins Erwachsenenalter sind von einer Entkoppelung von Bildung und Beschäftigung gekennzeichnet. Was ist damit gemeint? Junge Menschen sollen verstärkt in Bildung investieren, zwischen unzähligen Möglichkeiten an Studiengängen auswählen, Auslandsaufenthalte integrieren, sich flexibel auf neue Anforderungen einstellen, ja diese möglichst bereits antizipieren. Gleichzeitig sollen Bildungsprozesse beschleunigt und möglichst effizient gestaltet werden, ohne dass davon ausgegangen werden kann, dass die eigenen Bildungsinvestitionen belohnt werden. Die Annahme, es sei möglich, die Regie über die eigene Übergangsbiografie zu bekommen und zu behalten, wenn man sich nur genügend bemüht, läuft auch bezogen auf berufliche Übergänge ins Leere. Auch in vermeintlichen ›Überfliegerbiografien‹ ist der Grat zwischen den erfolgreichen Selbstunternehmer*innen und den ›Loser*innen‹ schmal.
Zudem ist erkennbar, dass – trotz des Mangels an Auszubildenden – die Berufsausbildung für eine konstant große, ja wachsende Anzahl junger Menschen verschlossen bleibt. Im sogenannten »Übergangssystem«, also den Angeboten für junge Menschen, die keine Einmündung in Ausbildung und Arbeit finden, steigt die Anzahl junger Menschen fortlaufend an. Verlaufsstudien zu beruflichen Übergängen konnten zeigen, dass Risiken, ganz aus Bildungsstrukturen herauszufallen, insbesondere dann bestehen, wenn keinerlei Schulabschluss erreicht werden kann, beim Abbruch von berufsbildenden Maßnahmen und grundsätzlich nach dem Abschluss einer Bildungsepisode, wenn ein neuer Anschluss gefunden werden muss.
In Befragungen zu »Schulabstinenz« erklärten wohnungslose oder ehemals wohnungslose Jugendliche, dass ihr Fernbleiben von der Schule weniger auf schulischer Überforderung oder Unlust basiert, sondern darauf, aufgrund von Belastungen wie familiären Konflikten, Gewalterfahrungen oder Suchtmittelkonsum zunehmend den schulischen Anschluss verloren zu haben. Leistungsabfall und Klassenwiederholungen, der Wechsel von Schulen und Schulabbrüche werden als ein aufeinander aufbauender Prozess beschrieben. Sie berichteten auch davon, dass ihr Fernbleiben über lange Zeit nicht bemerkt wurde und dass sie lieber Sozialstunden machten, als zurück zur Schule zu gehen. Häufig fühlten sie sich von den Lehrkräften nicht ausreichend verstanden und unterstützt (Beierle & Hoch 2017, 15). Nach den Erhebungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAG W) im Veröffentlichungsjahr 2018 haben etwa 26 % der 18- bis 20-Jährigen sowie 23 % der 21- bis 24-jährigen jungen wohnungslosen Erwachsenen keinen Schulabschluss. Ca. 44 % der 18- bis 20-Jährigen und 48 % der 21- bis 24-Jährigen haben einen Hauptschulabschluss und 18 % der 18- bis 24-Jährigen haben die mittlere Reife erlangen können. 94 % der 18- bis 20-Jährigen und 82 % der 21- bis 24-Jährigen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung (Specht 2017, 357).
