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Susanna, jung und attraktiv wird von ihrem Ehemann Peter misshandelt, da er ihren größten Wunsch Mutter zu werden nie erfüllen kann. Aus ihrer Verzweiflung heraus zieht es sie nach Finnland, direkt in die Arme des Rockstars Ville Lenjo. Ville ist ihr kein Unbekannter, da sie ihn bereits übers Internet ein Stück weit kennengelernt hatte ... Ein Hin und Her Spiel beginnt und die junge Frau muss sich durch einige Probleme und Gewissensentscheidungen beißen ...
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Isabella May
(K)ein Rockstar für eine Nacht
Wenn Fanliebe weiter geht...
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
Groupie!
Hm, dieses Wort und dessen Bedeutung lasse ich mal offen stehen denn viele haben ihre eigene Vorstellung davon, was ein Groupie ist oder was jemanden zum Groupie macht. Für viele ist ein Groupie vorwiegend ein weiblicher Fan, welcher alles daran setzt mit Stars ins Bett zu gehen, um damit im Nachhinein prahlen zu können, zum Beispiel mit den Lieblingsstellungen, wie gut er küssen kann, oder gar, wie groß sein Penis ist. Es bringt mich zum Schmunzeln, bei der Vorstellung wie Teenager ihre Erfahrungen austauschen, doch scheint es viele Groupies jenseits der 30 zu geben und diese hüten ihre Begegnungen mit dem männlichen und sehr erfolgreichen Geschlecht, wie ein großes Geheimnis, von welchem niemand wissen sollte, geschweige denn die eigenen Ehemänner.
Um nicht zu ausschweifend zu werden, möchte ich klarstellen, dass dies hier meine Geschichte ist und dass sich eine Frage in mir auftut. Bin ich ein Groupie?
Nun stand ich hier, in dieser großen Domkirche, in einem eleganten Hosenanzug, der zwar von der Stange war, dennoch gut saß und teurer aussah, als es den Anschein machte. Ich zog es vor, lieber in der letzten Reihe einen Platz zu suchen, da mir mein Ruf eh schon vorauszueilen schien und ich mich um ein paar Minuten verspätet hatte. Ich musste mich nicht großartig umsehen, um zu wissen, dass die wenigen Menschen, die mich sahen und erkannten, anfingen über mich zu tuscheln und mir argwöhnische Blicke zuzuwerfen. Mir war das alles relativ egal, schließlich war ich nicht gekommen, um ihnen Gesprächsstoff zu liefern, sondern nur, um einer Einladung nachzukommen.
„Schön, dass du auch gekommen bist!“ Es war nicht notwendig, dass ich mich zu dieser vertrauten Stimme herumdrehen musste, um in ein willkommenes Gespräch verwickelt zu werden. „Das ist ja wohl das Mindeste, was ich euch schulde Mika!“, antwortete ich mit stoischem Blick nach vorne, bewunderte, wie wunderschön die Braut doch war. „Sieht sie nicht hinreißend aus?“, huschte es mir wehmütig und doch liebevoll über die Lippen, was Mika auch mit einem zustimmenden Nicken notierte. „Sie wird ihm eine gute Frau sein!“, seufzte er als würde ihm eine schwere Last von den Schultern fallen, was mich dazu veranlasste, ihm mein Gesicht zuzuwenden und ihn forschend anzusehen. „Und eine gute Schwiegertochter!“ ergänzte ich schließlich, dabei unterdrückte ich das Gefühl von einem stechenden Schmerz in der Brust und wandte meinen Blick wieder auf die Hochzeitszeremonie. Mika legte mir bekräftigend seine Hand auf die Schulter, als wollte er mich in diesem Moment nicht alleine mit meinen Gefühlen und Gedanken lassen. „Ich habe gehört, was zwischen dir und deinem Mann geschehen ist!“, sagte er mitfühlend, ohne einen einzigen Unterton von Vorurteilen, was ich in diesen Zeiten jedem hoch anrechnete und in Zukunft anrechnen würde.
„Es ist okay!“, brachte ich eben so über meine Lippen und versuchte mich auf was anderes zu konzentrieren als dieses gottverdammte schreckliche Gefühl, welches mehr und mehr Hand über mich nahm. Entschlossen kniff ich meine Augen zusammen, welche sich mit bitteren Tränen zu füllen begannen und verbat mir auch nur das kleinste Schluchzen. „Komm!“ deutete er mir mit einer vorsichtig ausladenden Geste an mit ihm hinauszugehen, um unser Gespräch, welches länger werden sollte, vor der Tür fortzuführen.
Kaum dass die schwere, mit verspielten Ornamenten verzierte dunkle Eichentür hinter uns in das Schloss fiel, holte ich tief Luft und spürte, wie ich mich langsam zu beruhigen begann. „Dir scheint eure Trennung sehr nahe zu gehen!“ reichte er mir ein Taschentuch, welches er aus einem Päckchen in seinem Blazer herauszog. Ich nahm es dankend an und tupfte mir die feuchten Stellen unter meinen Augen ab. „Es ist weniger die Trennung, als das Gefühl etwas getan zu haben, was einfach unverzeihlich ist!“, wusste ich nicht, wie ich es erklären sollte. Doch Mika sah mich mit seinen klugen Augen gütig an, fuhr mir mit der Hand fürsorglich wie ein Vater über die Wange und lächelte mich aufmunternd an. Obwohl mir nicht danach zumute war, zuckten ebenso meine Mundwinkel und bildeten etwas wie ein Lächeln auf meine Lippen. „Ist es unverzeihlich für dich, oder für deinen Mann?“, fragte er mich mit einer Ruhe, welche unfassbar war. Ich wollte ihm antworten, doch fehlten mir die richtigen Worte. Denn egal wie ich es drehen oder wenden würde, würde es nichts besser machen, das wusste ich, ebenso wie alle anderen die dort in der Kirche saßen und eine wunderschöne Hochzeit verfolgten, die sie genießen wollten und das am besten ohne meine ungebetene Anwesenheit. Diesen Wunsch wollte ich ihnen, je länger ich vor dieser verschlossenen Tür stand, mit Freuden erfüllen. Auch wenn etwas in mir aufschrie und von mir verlangte da hineinzulaufen und die Hochzeit platzen zu lassen. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich alleine hier draußen warte, bis sie sich das Jawort gegeben haben?“ sah ich Mika nun flehend an, worauf dieser leicht nickte und sich daran machte die Tür zu öffnen. Doch ehe dass er hineintrat, seufzte er leise auf und sah ein letztes Mal zu mir. „Ich weiß, dass du gehen wirst, sobald ich hineingehe, aber gibt es etwas, was ich Ville ausrichten kann?“ schien er zu merken, dass es das letzte Mal war, dass meine Wege mich in diese wunderschöne Stadt führten. Ich sagte etwas, was ich seinem ältesten Sohn schon immer sagen wollte. „Sag ihm einfach, dass ich ihm nichts mehr wünsche, als dass er mit der Frau glücklich wird, die ihn mindestens genau so liebt, wie er sie und sie zusammen eine glückliche Familie gründen können! Ich hoffe, dass er all das in dieser Beziehung gefunden hat!“ Mika schwieg eine Weile, dann jedoch nickte er mir zuversichtlich und dankbar zu, ehe dass er zurück in die Kirche ging, von welcher ich mich schnellst möglich weg bewegen wollte.
Ich wusste nicht wie lange, oder wie schnell ich gelaufen war, doch mir schnürte sich die Kehle zu, als läge ein Strick darum, welcher mir die Luft mehr und mehr abschnürte, je mehr mir bewusst wurde, dass ich alles was ich liebte und schätzte verloren hatte. Zu welchem Preis nur? Das fragte ich mich hinter einem Vorhang von Tränen auf die Straße blickend, über welche ich nun lief, um in das Hotel zu gehen, welches ich damals gebucht hatte, als ich das erste Mal in Helsinki war. Erinnerungen holten mich ein. Erinnerungen, die ich nichts lieber, als verdrängen wollte, was mir mehr oder weniger gelang.
Meine Füße waren schwer wie Blei, als sie mich an meine Zimmertür führten, welche nur drei Türen weiter von der war, hinter der damals etwas geschah, was mich zu dem machte, was die Menschen in der fast überfüllten Kirche so sehr hassten. „Ich darf nicht erneut einen Fehler machen!“ mahnte ich mich selbst, meine Stirn gegen die Eichentür gestützt, welche ich eben öffnen wollte, wich einen Schritt zurück, wischte mit dem Handrücken meiner linken Hand über die von Tränen verquollenen Augen. Dabei verwischte ich den schwarzen Kajal und den saphirblauen Lidschatten nur umso mehr, ehe dass ich die Tür aufschloss und wie benommen in das Zimmer taumelte, wo mich mein erster Weg in das Bad führte, in welchem angekommen die Übelkeit mich übermannte und ich mich noch rechtzeitig über der Toilettenschüssel abstützte, nur um darin meinen gesamten Mageninhalt zu erbrechen. Der bitter saure Geschmack von Magensäure verätzte meine Kehle und der unsichtbare Strick um meinen Hals schlang sich nur umso enger darum, dass ich nach Luft keuchend und unter Tränen gänzlich zu Boden sackte.
Wie konnte ich nur in diese schrecklich, aussichtslose Lage geraten? Ich wusste es nicht, nur dass mich meine Erinnerungen einholten und alles sich wie im Zeitraffer vor meinen inneren Augen wiederholte, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich nun angelangt war.
In meinem Kopf drehte sich alles, dass ich am liebsten liegen geblieben wäre und darauf gewartet hätte, dass ich endlich einschlief. Doch war es mein verfluchter Ordnungssinn, der mich dazu zwang mich aufzurappeln und mich daran zu machen mir den verschmutzten Blazer und die weiße Bluse auszuziehen, welche ebenfalls leicht verschmutzt war und in einen Wäschekorb zu werfen, welcher in einer Ecke des kleinen Bades gestanden hatte.
Es steht nicht außer Acht, dass nun die Frage offen im Raum stehen geblieben ist, weshalb ich in dieser Kirche gestanden habe und warum ich unter Tränen zurück in mein Hotel gelaufen war.Es fing alles mit einer E-Mail an.
Ich war ja so ahnungslos, als ich auf Twitter.com auf ein Profil gestoßen war, welches mir doch recht merkwürdig vorkam. Als ich das verschwommene mit einer Handykamera aufgenommene Selbstporträt eines Mannes sah, wessen Gesichtszüge so markant und in mein Gehirn eingebrannt waren, dass ich ihn hätte, unter Millionen wieder erkennen können. Doch etwas anderes in mir sagte, „Nein“, das kann er nicht sein, weshalb ich den Provider schloss und versuchte mich auf etwas anderes zu konzentrieren, als auf ein Trugbild meiner blühenden Fantasie.
Vergebens! Meine Gedanken kreisten nur um dieses eine, gottverdammte Foto, welches ich durch Zufall entdeckt hatte. Alleine schon der Profilname Helsinki1976, so schlicht und doch so eindeutig, machte es einem doch viel zu einfach zu denken, dass es wirklich er war. Vielleicht war es aber auch nur eine Masche, um seine Fans und verrückte Stalker fernzuhalten, was mir die Röte ins Gesicht steigen ließ. Verdammt, war ich denn ein Stalker? Nein, das konnte ich nicht sein, schließlich bin ich nur aus Zufall auf das Profil gestoßen und es stand ja noch nicht fest, ob es wirklich der Mann war, von dem ich dachte, dass er es sein könnte, doch ehe dass ich mich geistig mit meinen eigenen Gedanken weiterhin verwirren konnte, blinkte der Button von meinem Instand Messenger in einem pulsierenden Orange auf.
Welch eine willkommene Abwechslung, dachte ich, worauf meine Finger schneller zuckten, als dass ich darüber nachdenken konnte, der Nachricht von meiner besten Freundin Katharina, welche mir ein einfaches willkommenes „Hi“ sendete, zu antworten „Hi, ich glaube, ich habe ihn gefunden!“ Es dauerte nicht lange, bis eine Antwort kam, natürlich wie erwartet Ahnungslosigkeit „Wen? Habe ich was verpasst?“ Ein amüsiertes Schmunzeln konnte ich mir allerdings nicht verkneifen, bei der Vorstellung, wie sie in ihrer kleinen vierzig Quadratmeter Wohnung auf ihrer weißen Ledercouch saß und den Bildschirm ihres 13-Zoll-Notebooks anstarrte und duzende kleine Fragezeichen über ihrem Kopf schwirrten. „Ville!“, schrieb ich flott und öffnete schnell den Provider, welchen ich eben erst geschlossen hatte und suchte nach dem Profil, welches vermutlich seines sein konnte, kopierte den Link und schickte ihr diesen zu, in der Hoffnung sie würde ebenso darüber denken wie ich.
Eine kurze Zeit lang, die sich hinzog wie zäher Kaugummi, antwortete sie nicht, doch als ich eben dabei war aufzustehen, um mir ein Glas Cola aus der Küche zu holen, antwortete sie schließlich doch. „Auf der Internetseite steht doch, dass er nie bei solchen Seiten angemeldet war, geschweige denn sich je dort anmelden würde!“ Ich erinnerte mich sehr gut an diese Meldung, welche teilweise für reges Entsetzen gesorgt hatte. „Vielleicht war es nur ein Vorwand!“, antwortete ich nach kurzem Überlegen, worauf sie mir einen nickenden Smiley zuschickte. „Ich stelle einfach mal diesen Helsinki1976 eine Anfrage, denn mehr wie Nein sagen kann er ja nicht!“, schrieb ich schnell zurück und wählte mit dem Pfeil meiner Maus den Button „Anfrage.“ Unterdessen schickte sie mir ein „Dito“ zu, was bedeutete, dass sie es auch versuchen würde.
Mir war natürlich bewusst, dass wenn er es sein sollte, er mich nicht in seine Liste aufnehmen würde. Dennoch hatte ich große Hoffnung, auch wenn meine Chancen schwinden gering waren, war ich doch sehr zuversichtlich, was diesen Mann anging, welcher sich hinter diesen Nicknamen versteckte. Um mich zumindest ein wenig abzulenken, schloss ich den Provider und vertrieb mir die Zeit damit einen guten Film anzusehen, doch war meine Neugierde viel zu stark und dominierte meine Gedanken dermaßen, dass ich auf gut Glück meine E-Mails abrief. Nervös fuhr ich mit der Maus über die blau aufleuchtende Anzeige, auf welcher in dicken Druckbuchstaben „ZWEI NEUE NACHRICHTEN“ geschrieben stand. Während sich die Seite aufbaute, spürte ich wie mein Herz zu rasen begann, meine Finger zitterten und mein rechter Fuß nervös zuckte. „Ach du meine Güte!“ schluckte ich schwer, als ich die Bestätigung von Helsinki1976 und gleichzeitig eine Anfrage bekommen hatte und das unmittelbar, nachdem ich ihm eine Anfrage gesendet hatte. Wieder fühle ich mich wie ein Teenager! „Was mache ich jetzt?“, hyperventilierte ich, fächerte mir mit der Hand Luft zu und war wie gelähmt, starrte auf den Bildschirm und traute mich kaum, auf die Twitterseite zurückzugreifen, um Helsinki1976 in meine Liste aufzunehmen und ihn anzuschreiben. Doch da blinkte wieder mein Instand Messenger, doch als ich sah, dass es Katharina war, klickte ich den Button an und schrieb schnell zurück „Telefon!“
Keine Minute später klingelte schon mein Haustelefon. „Katharina!“ begrüßte ich sie noch halb im Schock, doch da sprudelte es schon aus ihr heraus. „Sanna, ich glaube es kaum …Oh mein Gott, er hat dich angenommen!“ Im ersten Moment starrte ich meinen Hörer nur perplex an, da mir nicht einfallen wollte, wie sie darauf gekommen war, dass mich dieser Mann in seine Liste aufgenommen hatte. „Katharina, wie bist du jetzt darauf gekommen, ich habe es auch eben erst erfahren!“ war ich fast schon außer mir, doch die Antwort kam schneller als erwartet und das in einem Tempo, dass ich mich sehr konzentrieren musste, um ihr zu folgen. „Naja, du weißt doch, dass ich jeden Tag meinen Tagesablauf twitter und dass ich ständig auf den anderen Profilen herumgeistere, um Neuigkeiten zu erfahren. Jetzt habe ich gesehen, dass du ihn angenommen hast, deswegen habe ich mir gedacht, schreibe ich dich an und frage, was es sonst noch Neues gibt!“ „Ach Kat, du bist ja schon schlimmer als die CIA oder das MI6!“, musste ich leise kichern, da sie wirklich hätte für eine dieser Organisationen als Informantin arbeiten können, so wie sie immer auf dem Laufenden war. „Hey aber du bist auch nicht schlecht Sherlock!“ lachte sie laut auf, ehe dass wir wieder zu unserem eigentlichen Thema zurückkamen. „Meinst du, ich soll ihn mal anschreiben?“, sah ich wieder auf den Bildschirm, betrachtete das verschwommene Bild und hoffte irgendwie, dass es wirklich Ville Lenjo war, ein bekannter Musiker und Poet aus Helsinki, welcher mit seinem Charme die Frauenherzen nur so eroberte, ebenso meines, nur auf eine Art und Weise, die mir so fremd war. „Schreib ihn an!“ beharrte sie darauf, worauf ich nur leicht nickte, doch dann hoch schrak, als die Wohnungstür von außen geöffnet wurde. „Du ich muss Schluss machen, Peter kommt nach Hause, ich melde mich bei dir, wenn ich mehr weiß!“ Schon drückte ich die kleine Taste mit dem roten Telefon und legte das Telefon vor mir auf den Tisch, um dann meinen Mann Zuhause willkommen zu heißen.
„Hey, wie war die Arbeit?“ gab ich ihm einen Kuss auf die von Schmieröl befleckte Wange und flüsterte ihm sehnsüchtig ins Ohr, worauf er nur angetan lachte und mich fest umarmte „Nicht so schön, wie dich im Arm zu halten!“ „Wie ich sehe, hast du wieder mit Kat geschrieben, was?“ schmunzelte er, als er den aufgeklappten Laptop sah, was mir eine leichte Röte auf die Wangen huschen ließ. „Em, ja, aber nur ganz kurz!“ musste ich zugeben, dann flitzte ich in die Küche und holte schon einmal Brot aus dem Schrank. „Was möchtest du eigentlich dazu essen?“, fragte ich liebevoll, worauf sein Blick mir verriet, dass er zwar Hunger hatte, aber nicht auf das Brot, welches ich in einen Korb gelebt hatte. „Du musst was essen!“ hob ich die Augenbrauen und musterte ihn genau, was ich schon länger nicht mehr getan hatte. Er war wirklich sehr dünn, fast schon erschreckend dürr, was mir eine Blässe ins Gesicht schlug. „Hattet ihr in der Werkstatt viel Stress?“ versuchte ich mich eher selbst abzulenken, doch Peter schlenderte an mir lächelnd vorbei ins Bad, um sich Hände und Gesicht zu waschen. „Warum weichst du mir aus?“, fragte ich ihn besorgt im Türrahmen stehend, worauf er sich, nachdem er sein Gesicht abgetrocknet hatte, zu mir herumdrehte und seine blauen Augen, unter den dunklen Wimpern liebevoll ansahen. „Ich weiche dir nicht aus!“, lachte er gespielt lässig, doch etwas an ihm verriet mir, dass ihm etwas Angst machte. „Was ist denn los Peter?“ verschränkte ich meine Arme vor der Brust und sah ihn herausfordernd an, doch sein Blick wich dem meinen. „Ich bin nur müde, das ist alles!“, log er und das, ohne rot zu werden, was mich fast zur Verzweiflung trieb. „Jetzt sag mir, was los ist?“ ging ich auf ihn zu, nahm seine Hände in meine und versuchte ihm in die Augen zu blicken, doch er wich meinem Blick immer und immer wieder aus, was mir Angst machte. „Ich war gleich nach der Arbeit beim Arzt!“, schluckte er schwer, als wollte er aufsteigende Tränen unterdrücken, doch als er mich dann ansah, bahnten sie sich ihren Weg über seine blassen Wangen. „Ich wollte es nicht glauben, doch wenn ich dich jetzt so sehe, wird es mir nur umso bewusster, dass ich dir nicht das geben kann, was du so sehr willst!“ Unsicher, geschockt und hilflos ließ ich seine Hände los, wich von ihm zurück und traute meinen Ohren kaum. „Wie meinst du das?“, bebten meine Lippen, bei dem Versuch diese Worte kraftvoll herüberzubringen, doch es endete in einem unsicheren Stottern. „Wir haben doch versucht ein Baby zu bekommen, aber dann …“, konnte er nicht weiter sprechen, da es ihn noch immer zu sehr mitnahm, dass wir zwei Monate zuvor unser Baby in der elften Schwangerschaftswoche verloren hatten, ebenso mir und alte Wunden rissen zum erneuten Mal auf. „Warum sagst du das jetzt? Ich verstehe dich nicht?“, stand ich den Tränen nahe, schüttelte ungläubig meinen Kopf und wich einen erneuten Schritt zurück. „Bitte Susanna, ich habe Angst dich zu verlieren!“, streckte er seine Hand nach mir aus, berührte mich fast an der Wange, doch verstand ich noch immer nicht, was er von mir wollte, oder nicht wollte. „Peter, was war beim Arzt?“, schrie ich ihn fast schon an, worauf er schluckte und schluchzte. „Ich kann dir keine gesunden Kinder schenken!“ Eine Welt brach für mich zusammen. Ich schien alles zu haben. Ich hatte einen wunderbaren und liebevollen Mann, einen gut bezahlten Job, eine neue Wohnung und dann diese Hiobsbotschaft, das mein größter Wunsch eine Familie mit dem Mann zu gründen, den ich liebte, sich nie erfüllen würde, riss mir den Wind aus den Segeln und spürte, wie ich auf dem Boden der Tatsachen aufprallte. Der Schock saß mir noch Stunden, nachdem Peter mir diese Beichte abgelegt hatte tief in den Knochen, riss mir etwas von meinem Lebenstraum hinfort. Oh Gott, ich liebte diesen Mann über alles, so sehr dass ich nie auf die Ratschläge anderer gehört hatte, dass ich ihn nicht heiraten sollte, sondern jemand anderen finden sollte, der mir mehr bieten konnte. Einerseits wünschte ich mir nichts mehr, als dass ich auf sie gehört hätte, doch kannte ich Peters gute Seiten genau so gut wie seine schlechten und ich habe die letzten Jahre mit ihm so viel durchgestanden, dass ich mir vornahm, mit ihm diese schwere Bürde auch zu bewältigen, egal wie.
Peter war bereits ins Bett gegangen, da er am nächsten Morgen sehr früh raus musste, um ein Kundenfahrzeug noch vor neun Uhr morgens an seinen Kunden ausliefern zu können. Doch ich konnte nicht schlafen, bei dem Gedanken daran dass ich wohl nie das Gefühl erfahren würde ein kleines Bündel über neun Monate in mir groß werden zu spüren und dann seine rosigen Wangen zu streicheln, wenn es zur Welt gekommen ist. Ein verzweifeltes Schluchzen entfuhr meinen Lippen, zu tief saß dieser bittere Schmerz, der mich um eine wunderbare Erfahrung mehr brachte. „Beruhige dich Sanna, du hast es sonst auch immer geschafft allem und jedem zu trotzen, dann schaffst du das doch mit links!“, ermahnte ich mich selbst, bis ich mich wieder an Ville erinnerte und daran, dass ich ihn gefunden haben könnte. Der Gedanke daran übermannte schnell meine düsteren Gedanken und füllte mich mit Euphorie, dass ich den Internetprovider öffnete und auf Twitter Zugriff, um Helsinki1976 anzuschreiben. Doch während sich das Fenster aufbaute, verließ mich mein Mut und in meinen Gedanken herrschen Unsicherheit und Angst. Ich hatte Angst, dass wenn es Ville sein sollte, er mich hassen würde, dafür, dass ich ihn gefunden hatte. „Was mache ich jetzt?“ saß ich vor meinem Laptop und starrte den Bildschirm unentschlossen an, überlegte was Katharina an meiner Stelle tun würde. Sie würde ihn einfach anschreiben, verdammt noch mal und nicht nur da sitzen und darüber nach zu grübeln, was wäre wenn. Noch lange saß ich nur da und starrte den Bildschirm unsicher an, bis ich mich dazu entschied, etwas ganz Einfaches zu schreiben wie „Hi, wie geht’s dir“ in einem mehr oder weniger unsicheren Englisch, in der Hoffnung er würde antworten, dann drückte ich auf senden. Es hätte keinen Sinn ergeben zu warten und zu hoffen, da es bereits nach elf Uhr abends war, und fuhr den Laptop herunter, ehe dass ich auch zu Bett ging, nur mit einem Gedanken im Kopf „Würde er mich mögen?“
Nach einer langen von Albträumen gequälten Nacht, war es wie ein Segen als die Morgensonne durch das gekippte Bogenfenster in unserer Altbauwohnung schien und die sanfte Wärme der Sonnenstrahlen, gepaart mit der frühsommerlichen Luft, welche eine seichte Note von weißem Flieder mit sich trug, mich aus dem Schlaf holte. Es fühlte sich an wie ein willkommener Segen, als würde ein Geliebter seine Arme sanft um mich legen und mir zu verstehen geben, dass jede Nacht, egal wie schrecklich und grausam sie ist, einen wunderschönen Morgen hat. Noch müde und halb schlafend, schlenderte ich ins Bad, schaltete die kleine Heizung an und fing an mir die Zähne zu putzen, während meine Gedanken bereits wieder abschweiften. Wieder musste ich an ihn denken, an Ville Lenjo, an dessen charismatisches und süchtig machendes Lächeln. Ich war wie besessen von diesem Mann, doch wie viele waren es noch? Es waren viel zu viele, da war ich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein in der Liste der Frauen, die ihm hinterher schmachteten, ein Nichts, ein Niemand. Wehmütig schnaufend zog ich die Zahnbürste aus meinem Mundwinkel und spuckte den nach Minze schmeckenden Schaum heraus, ehe dass ich meinen anderweitigen allmorgendlichen Bedürfnissen nachging, angefangen beim Gang zur Toilette und endend bei einem frisch aufgebrühten Kaffee mit einem Schuss Milch und drei Würfeln Zucker. Während ich an meinem Kaffee nippte, stand ich am Fenster und blickte auf die Straße hinaus, auf dereinige Passanten rasch hin und her eilten um ihren Zug oder Bus noch rechtzeitig zu erwischen. Eine junge Frau trug ihr kleines Baby auf dem Arm, während dieses vergnügt mit ihrem Schlüssel spielte. Dieser Anblick war es, der mir nur wieder vor Augen tat, dass ich dieses Glück mit Peter wohl nie erfahren würde, jedenfalls nicht gemeinsam, das stand so fest wie das Amen in der Kirche.
Mir blieben noch circa zwanzig Minuten Zeit, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit machen musste, welche ich auch nutzte um nachzusehen ob mir mein neuer mysteriöser Freund geantwortet hatte. Ein breites Grinsen zierte mein Gesicht, als auf meiner Seite der Button erschien „Du hast eine Direktmessage von Helsinki1976 erhalten“ und wieder schien alles um mich herum wie vergessen zu sein. Mein Herz machte einen gewaltigen Satz, als ich auf den Button drückte und ich die Nachricht einsehen konnte, die viel länger war, als ich mir je erhofft hatte „Hey, mir geht’s gut, ich hoffe dir auch! Was machst du denn so?“ Okay, es waren nur zwei Sätze, aber für das Internetzeitalter war das sehr viel. Schnell tippte ich, noch immer vor Freude strahlend, wie eine Schneekönigin eine Antwort bevor ich meinen Laptop wieder herunterfuhr, um mich in die Arbeit zu stürzen „Mir geht’s gut, danke der Nachfrage und tja, ich arbeite und arbeite, doch ist meine Arbeit für mich und meine Seele gut, falls zu verstehst, was ich meine?“ Während des gesamten Wegs von 25 Kilometern zu meiner Arbeit als Gesellin im Sattlerhandwerk dachte ich darüber nach, wie es wäre mit einem Star wie Ville Lenjo befreundet zu sein. Mir allerdings vorzustellen wie es wäre mit ihm zusammen zu sein, das war selbst für mich eine Etage zu hoch gegriffen. Ich, eine einfache Arbeiterin zusammen mit einem angesehenen finnischen Musiker und Poeten in einem Bett. Gott bewahre, das war genau so, als würde man einen preisgekrönten französischen Pudel mit einem Straßenköter kreuzen. Ich hatte nie wirklich daran geglaubt, dass Märchen wahr werden würden, bei so viel Hass und Grauen, was auf der Welt herrschte. Ich selbst sollte wohl glücklich damit sein, dass ich einen Mann hatte, der sich um mich kümmerte, wenn es mir mal schlecht ging, auch wenn er selbst daran oft zu zerbrechen schien, was ich ihm mehr anrechnete als alles andere auf der Welt. „Guten Morgen!“ stürmte Tatjana, eine junge Schülerin und Praktikantin auf mich zu, kaum dass ich durch die Glastür im hinteren Bereich der Firma trat, um meine Tasche und Jacke in meinen Spind zu hängen. „Em, guten Morgen!?“ kam ich mir wirklich mehr als überrumpelt vor, da mir sonst immer nur eine Begrüßung entgegen kam, als würde die Welt jeden Moment untergehen. Und jetzt stand ich da, vor einem 15 jährigen Teenager, der mich anstrahlte wie die Sonne selbst. Gott, wie beneidete ich sie in diesem Moment für ihre Unbeschwertheit. „Weißt du was?“ strahlte sie wirklich über alle vier Backen, tänzelte vor mir herum wie ein Gummibärchen, dass ihre honigbraunen Augen wie die Knopfaugen eines Teddybären funkelten. „Was denn?“ tat ich es ihr gleich, eher um ihr zu zeigen, wie dämlich es doch ausgesehen hatte. Doch sie strahlte noch immer und hielt mir ein weißes Blatt Papier direkt vor die Nase, dass ich nicht erkennen konnte, was mit schwarzer Tinte darauf gedruckt war, doch nach dem Geruch zu urteilen war die Tinte noch recht frisch. „Ich bekomme die Ausbildung!“ Im ersten Moment war ich wie benommen. „Sag das noch mal!“, forderte ich sie heraus, worauf sie sich nur wiederholen konnte. Da war es selbst um mich geschehen und ich fing an so doof herumzuhüpfen und zu jubeln wie sie, dabei fiel mir erst zu spät auf, dass wir die gesamte Aufmerksamkeit der halben Belegschaft auf uns gelenkt hatten. So schnell, wie ich mich gefreut hatte, ebenso schnell konzentrierte ich mich wieder und reichte Tatjana gratulierend die Hand „Schön dich in unserem Team ab September willkommen zu heißen!“ kehrte ihr darauf den Rücken zu und machte mich auf in die Anfertigung. Kaum dass ich an meinem Tisch stand und anfing die Kanten einer Restaurantmappe einzuschlagen, kam Fernando, ein für Italiener doch groß gewachsener und langjähriger Mitarbeiter zu mir, stellte sich so neben mich, als würde er mir helfen wollen, doch nach seinem verschwörerischen Blicken zu urteilen, führte er wie so oft etwas in Schilde. Wie erwartet rückte er ein Stück näher, sah sich um und grinste mich scheinheilig an. „Sag mal, was ist denn los, dass du dich so für Tatjana gefreut hast? Ich dachte, du magst Praktikanten nicht!“, fragte er mich von der Seite, schlug dabei ebenfalls die Kanten einer Mappe ein, um die Aufmerksamkeit des Abteilungsleiters nicht auf sich zu lenken. „Nichts!“, gab ich schmunzelnd zurück, doch er hatte mich schon längst durchschaut. „Für nichts grinst du mir doch etwas zu verdächtig viel! Komm, erzähl, wie heißt er?“ Erschrocken ließ ich das Einschlagmesser, ein flaches Eisen, welches an der Spitze geformt war wie ein Messer, bei welchem die Kanten jedoch abgerundet waren, um das Leder der Mappe nicht zu beschädigen, auf den Tisch fallen und starrte Fernando wie gelähmt an. „Wie kommst du darauf?“ „Keine Angst Süße, ich erzähle deinem Mann nichts!“, lachte er laut auf und schüttelte seinen Kopf, wobei sein nach hinten gekämmtes und mit Spray fest betoniertes Haar nicht um einen Millimeter verrutschte. Doch für mich war an der Sache überhaupt nichts Witziges dran, weshalb ich ihm nur einen scharfen Blick zuwarf. „Es ist niemand, okay!“, beharrte ich vehement „Okay, okay, ist ja schon gut! Deswegen musst du nicht gleich an die Decke gehen!“ ,hob er ergeben die Hände schmunzelte allerdings noch und ging eine Abteilung weiter, um dem nächsten Kollegen auf den Geist zu gehen. „Mistkerl! Deine Frisur sieht auch nur lächerlich aus!“, murmelte ich sauer, wünschte mir, ich könnte ihm das ohne Weiteres ins Gesicht sagen, doch leider Gottes, war er der Neffe meines Chefs und im Moment war ich mehr denn je auf meinen Job angewiesen. Wenigstens konnte ich mich anschließend, wieder meiner Arbeit widmete. Im Laufe des Tages gab es weiter keine Zwischenfälle dieser Art, doch plagte mich der Gedanke dass jemand wie Fernando, oder eher gesagt, ausgerechnet Fernando, ein Mann, der nichts Besseres zu tun hatte, als Klatsch und Tratsch zu verbreiten, auf die Idee gekommen war, ich sei neu verliebt, oder schlimmer noch, dass ich meinen Mann betrügen würde, mit dem ich seit über zehn Jahren liiert und davon vier verheiratet war. Ich war damals 15 Jahre alt, als ich Peter in dem Blumenladen meiner Mutter kennengelernt hatte. Er war auf der Suche nach einem Strauß Rosen für seine Mutter zum Muttertag, dabei schenkte er mir auch eine mit der Begründung, dass nur die schönsten Frauen rote Rosen verdient hätten. Heute hätte ich einen Jungen von 18 Jahren dafür ausgelacht und nach Hause geschickt, doch damals war ich so jung, naiv, verliebt. Doch was war ich jetzt? Zweifelte ich etwa an der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu meinem Mann? Meine Gedanken waren so verwirrend, dass mir nicht einmal auffiel, wie ich nach Hause gekommen war, geschweige denn, wie ich mich dazu bewegte meinen Laptop hochzufahren. Nun saß ich da, starrte den Bildschirm an und wusste nicht, was ich tun sollte, bis mir meine innere Stimme zurief „Vergiss die Welt um dich herum! Sieh lieber nach, ob Ville dir geschrieben hat!“ „Ja das sollte ich wohl tun!“ ,sprach ich zu mir selbst, als sei es tatsächlich entschlossene Sache, dass dieser fremde Mann aus dem Internet, den ich erst seit gut zwei Tagen kannte, tatsächlich Ville Lenjo war. Hätte ich mich in diesem Moment selbst gesehen, hätte ich mich sicher ausgelacht oder mich für mein kindisches Verhalten geschämt. So aufgewühlt, wie ich war, das war nicht ich! Ich die beherrschte und hart für ihr Geld arbeitende Frau! Ich die verantwortungsbewusste Ehefrau! Was war nur los mit mir? Neugierig war ich dennoch, so startete ich den Provider, gab Twitter.com in der Suchmaschine ein und wartete ungeduldig wie ein verliebter Teen darauf, dass sich die Seite endlich aufbaute. „Eine neue Nachricht!“, quietschte ich ungläubig auf, hielt mir dann vor mir selbst erschrocken die Hand vor den Mund und sah nach der Nachricht. „Natürlich verstehe ich das und da bin ich derselben Meinung!“, stand da geschrieben mit drei zwinkernden Smileys hintereinander. Für manch einen schienen diese Worte nicht viel zu bedeuten, doch für mich waren sie mehr. „Kommst du wirklich aus Helsinki, oder hat es einen anderen Grund, weil du dich Helsinki1976 nennst?“, schrieb ich zurück, stand auf und machte erst einmal was für mich und meinen Mann zum Essen, ehe dass ich mich wieder ran setzte und zu meinem Verblüffen zwei neue Nachrichten von ihm bekommen hatte. Eben wollte ich nachsehen, da klingelte mein Handy, welches neben meinem Laptop auf dem Tisch lag und mit großen Buchstaben „Kat ruft an“ draufstand. „Hey Kat, was rufst du mich so schnell an? Ich dachte du arbeitest!“, flunkerte ich, da sie mich sicher schon wieder online gesehen hatte und sie, was Helsinki anging, unbedingt auf dem Laufenden gehalten werden wollte. „Und, was hat er geschrieben?“, sprudelte es vorfreudig aus ihr heraus. Als ich jedochmit meiner Antwort zögerte, klang ihre erneute Frage weniger euphorisch „Er hat doch geschrieben, oder?“ Mit an die Decke verdrehten Augen schnaubte ich gespielt entrüstet auf. „Warum bist du immer so ungeduldig?“ „Weil ich mich so freue!“ gab sie zu, wobei ich mir bildlich vorstellen konnte wie sie breit grinste und mir beide Daumen festdrückte. „Ja, er hat geantwortet!“, gab ich schmunzelnd zu, drückte auf die Freisprechtaste und öffnete mitten in unserem Gespräch die neuen Nachrichten. „Und, was schreibt er?“, fragte sie wieder ungeduldig, doch ihre Stimme klang für mich wie aus weiter Ferne, da ich selbst damit kämpfen musste, nicht vor Schock von meinem Stuhl zu fallen. „Was hast du gefragt?“, stammelte ich perplex, worauf sie ihre Frage wiederholte, nur dieses Mal energischer. „Dass er aus einem Vorort von Helsinki kommt und dann fragt er, von wo ich komme!“ versuchte ich Fassung zu wahren, da Ville Lenjo ebenfalls aus einem Vorort von Helsinki stammt. Schweigen kam mir von Katharina entgegen, was mich nicht wunderte, doch dann sagte sie etwas, was mich wieder auf den Boden der Tatsachen herunter holte. „Naja, es wohnen aber nicht wenige Leute in Vororten bei Helsinki! Vielleicht ist er ja auch nur ein Fan, wie wir es sind!“ „Ja, da hast du recht! Ich werde mal schauen, vielleicht erfahre ich ja mehr von ihm!“ „Wie willst du das machen?“, fragte sie mich besorgt, doch ich wusste es selbst nicht. „Du Süße, ich rufe dich später noch einmal an, oder wir schreiben uns, okay!“, schlug ich ihr in Gedanken versunken vor, worauf sie darauf einging und wir unser Gespräch beendeten. „So, jetzt wollen wir mal sehen, wer du wirklich bist, mein neuer mysteriöser Freund aus Helsinki!“ war ich bereit zu riskieren, in die Falle eines verrückten zu geraten, der ahnungslose Fans über den Tisch ziehen wollte, was ich jedoch nicht hoffte. „Ich komme aus Deutschland, eher gesagt aus einer Kleinstadt in Bayern. Aus Kulmbach“ schrieb ich schließlich zurück. Nach weniger als fünf Minuten blinkte es erneut auf meinem Bildschirm, allerdings sobald ich die Nachricht geöffnet hatte, wurde mir urplötzlich übel, die Luft in meinen Lungen begann zu brennen und meine Hände zitterten vor Aufregung, dass es mir nur umso schwererfiel, nach dem Hörer zu greifen und Katharina zurück zu rufen, weshalb ich es vorzog, kurz aufzustehen und an die frische Luft hinaus zu gehen. Kaum dass ich nur einen Fuß hinaus auf die Straße tat, spürte ich wie meine Beine unter mir nachzulassen schienen. Panisch griff ich nach dem Türgriff der Haustür, keuchte auf, schaffte es gerade so mich wieder in eine halbwegs aufrechte Position zu bringen, um dann tief Atem zu holen und mir die Worte durch den Kopf gehen zu lassen, die ich eben gelesen hatte. "Hey, ich habe ein Bild von einer unbekannten Künstlerin aus Bayern, welches ich in München gekauft hatte!“ Jeder Fan von Ville Lenjo und jeder Fan seiner Band, mit welcher er in Finnland und Europa große Erfolge feierte, wusste, dass er von einer deutschen Künstlerin, die zufälligerweise aus München stammt, eben ein solches Bild besaß und dieses als Thema seines letzten Musikvideos zu seinem Song „Sound of Silence“ verwendet hatte. Mir wurde nur umso mehr bewusst, dass er es wirklich sein musste und umso mehr übermannte mich die Angst, ihm irgendwann wirklich gegenübertreten zu können. Verdammt noch mal, ich war sein vielleicht größter Fan und doch hatte ich Angst ihm zu begegnen, ihn zu treffen und jetzt hatte es tatsächlich geklappt, auch wenn es nur virtuell war. „Kat!“, schnappte ich nach Luft, machte kehrt, eilte die Treppe zu unserer Wohnung hinauf, stürmte ins Wohnzimmer und griff nach dem Telefon, um sie anzurufen, doch in dem Moment, als sie abhob, legte ich wieder auf. „Sorry Süße!“, waren meine Worte wie ein sanfter Hauch, während mein Blick vom Telefon in meiner Hand zu dem Bildschirm meines Laptops wanderte. Hätte ich ihr in diesem Moment gesagt, dass er es sein musste und das zu mindestens 99 Prozent, wäre ich mir nicht sicher gewesen, ob sie es mir glauben, geschweige denn für sich behalten hätte, dass Ville nicht, wie groß auf der Fanpage angepriesen, niemals bei Social-Communitys wie Twitter angemeldet war, oder es je sein würde, sondern unerkannt unter einem einfachen Nick online ging, um wenigstens etwas von der Außenwelt mitzubekommen. Schnell setzte ich mich wieder an den Laptop, doch da klingelte mein Telefon wieder. Katharina, sie versuchte mich, zurückzurufen. „Nein, oh nein!“, verfluchte ich mich selbst, dass ich sie überhaupt angerufen hatte, und hob ab, um sie nicht unnötig zu beunruhigen, nicht dass sie noch geglaubt hätte, dass mir etwas Schlimmes passiert sein könnte. „Hey!“, sagte ich knapp, starrte den Bildschirm an und überlegte mir schon eine passende Ausrede. „Hey Süße, du hast plötzlich aufgelegt, ist was passiert?“ klang ihre Stimme besorgt wie die einer Mutter. Sie war für mich wie eine Schwester in den Jahren geworden, in denen ich sie schon kannte, doch fing ich an daran zu zweifeln, dass ich vorhatte, sie anzulügen. „Ich, es ist …“ fing ich stammelnd an, brachte den Satz kaum über die Lippen, hielt mir den Kopf und spürte schon, wie die bitteren Tränen des Verrates in meinen Augenwinkeln brannten und sich, wie kleine heiße Lavaströme über meine blassen Wangen zu meinen Lippen liefen. „Kann ich dich später noch einmal anrufen?“, war meine Bitte eher wie ein Flehen, was bei ihr die Alarmsirenen anschlagen ließ. „Sanna, was ist passiert?“, atmete sie hektisch. „Noch gar nichts Kat!“, wischte ich mir mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen, während ein gekünsteltes freudiges Lachen meine Lippen zierte. „Hat dieser Finne was damit zu tun?“, fragte sie und wie immer traf sie mit ihrer Vermutung direkt ins Schwarze, doch dieses eine Mal musste ich standhaft sein, um wenigstens eine halbwegs glaubwürdige Lüge über die Lippen zu bringen, welche vor Aufregung bebten. „Nein, es ist was anderes, aber wie gesagt ich würde dich gerne später noch einmal anrufen!“ „Hm, ich bin später mit Daniel und Beata verabredet, aber Morgen können wir reden!“, schien sie meine Lüge geschluckt zu haben, auch wenn sie nicht wirklich überzeigt schien, dachte sie sicher, dass ich meine Gründe haben musste ihr nicht zu sagen warum ich so aufgeregt war. „Danke, du bist die Beste!“, fielen mir auf einmal Tausende von Steinen vom Herzen. Kaum dass ich nur noch das unaufhörliche Tuten hörte, nachdem sie aufgelegt hatte, legte ich ebenfalls auf, schaltete das Telefon aus und legte dieses zurück auf den Tisch, nur um wieder auf den Bildschirm zu starren. „Was soll ich dir nur schreiben?“, grübelte ich nach, betrachtete weiterhin das Foto des Mannes, welcher Hunderte von Kilometern von mir weg war und wahrscheinlich auf eine Antwort wartete. Sollte ich nun ehrlich sein, mich als Fan outen, oder sollte ich so rum tun, als wüsste ich nicht, wer er war? Ich entschied mich, ehrlich zu sein. „Jetzt machst du mich neugierig und nervös mit dem Bild!“, schrieb ich zurück, in der Hoffnung er würde anbeißen und darauf zurückkommen. Tatsächlich, nach wenigen Minuten antwortete er mit einer Frage, die mich vermuten ließ, dass er sich ertappt fühlte „Warum mache ich dich mit dem Bild neugierig und nervös? Jetzt machst du mich neugierig und etwas nervös!“ „Sanna, jetzt zieh es durch!“ mahnte ich mich, jetzt keinen Rückzieher zu machen, überlegte kurz was ich antworten sollte und schrieb schließlich mit zitternden Händen: „Weil mein Idol Ville Lenjo ebenfalls ein Bild aus Bayern hat, welches eine unbekannte Künstlerin gemalt hatte! Es ist ein weinendes Mädchen!“ Ich konnte nur raten, wie lange und oft ich das, was ich geschrieben hatte, noch einmal durchlas, ehe dass ich den Cursor meiner Maus auf den Button „ Senden“ führte und die linke Maustaste klickte. „Oh mein Gott, ich habe es getan!“, schlug ich von mir selbst geschockt die Hände vors Gesicht und bettelte den Bildschirm an, dass es mir Ville nicht übel nehmen würde, dass ich ihn enttarnt hatte. „Was hast du getan?“, ertönte plötzlich die sanfte und tiefe Stimme meines Mannes neben meinem Ohr, dass ich einen erschrockenen Schrei nicht unterdrücken konnte und aufsprang. „Hey, ich bin es doch nur Hase!“ lachte er verspielt, umarmte mich und küsste meine Wange. „Bitte erschrecke mich nicht noch mal so!“, konnte ich einen empörten Ton nicht unterdrücken, holte tief Luft und hoffte, dass er es mir nicht so übel nehmen würde. „Ich dachte, du hast mich hereinkommen gehört, aber du scheinst sehr abgelenkt gewesen zu sein!“ sah er mich forschend an, dass mir nichts anderes übrig blieb, als verlegen zu Boden zu blicken. „Ich habe jemandem geschrieben!“ gab ich zu, worauf er über mich hinweg sah, um einen Blick in den Bildschirm meines Laptops zu erhaschen. „Wem denn?“, fragte er, noch über mich hinweg sehend, worauf ich mich herumdrehte und selbst auf den Bildschirm blickte. „Einem finnischen Fan von Ville Lenjo!“, flunkerte ich, worauf er mich wieder ansah und seine Augenbrauen hob, was bei ihm immer bedeutete, dass er mir nicht ganz glauben wollte. „Und dann solch eine Aufregung?“ schien er mich genau zu mustern, als sei ich das Lamm und er der Wolf. „So wie es aussieht, kennt er Ville Lenjo!“ versuchte ich mich herauszureden, worauf Peter nur nickte, dann wiederum lachte. „Komm lass uns essen gehen!“ „Du willst nicht Zuhause essen?“ war ich mehr als verblüfft, worauf Peter mit einem breiten Grinsen nickte „Ja, ich will mit meiner wunderschönen Frau essen gehen!“ „Okay, ich fahre nur schnell meinen Laptop herunter, dann können wir los!“, ging ich darauf ein, auch wenn mir lieber gewesen wäre, weiterhin mit Ville zu schreiben. Ein Schmunzeln zierte meine Lippen, als ich noch kurz, bevor ich den Provider schloss, sah, wie der Button blinkte, dass eine neue Nachricht von Helsinki1976 gekommen war.
