Kafka hat am Sonntag geschlossen - Martin Oswald - E-Book

Kafka hat am Sonntag geschlossen E-Book

Martin Oswald

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Beschreibung

Martin Oswalds Flaneursgeschichte Kafka hat am Sonntag geschlossen – eine charmante Liebeserklärung an die Provinz als solche. Zugleich ergeben seine Beobachtungen und Erkundungen eine mit viel Esprit, Hintersinn, Leichtigkeit und Wärme garnierte Beschreibung unserer Welt. Feine literarische Miniaturen, die sich gelegentlich Abschweifungen ins Groteske erlauben, gen »Absurdistan« mäandern. Ein erzählerisches Meisterstück! Glücklich, wer die Lektüre noch vor sich hat …

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Martin Oswald

Kafka hat am Sonntag geschlossen

Beobachtungen eines Flaneurs

KRÖNEREDITIONKLÖPFER

Alle Bilder werden verschwinden

Annie Arnaux, Die Jahre

Schläge auf Metall, die jaulende Säge von

nirgendwo. Vorgärten, auf Kante gelegt,

hintergehen die Zeit, eine surreale Zahl.

Die Holzstapel scharf vermessen, abgehackte

Sätze von früher. Führerlos ein Kran, sein

Arm das rostige Minus zwischen gestern

und diesem November, der mich auffliegen

lässt: jedes Wort eine Unterschlagung.

Die Reihen gefallen. Auf leerem Feld

einzig drei Maisstandarten, um die

sich aufgeriebene Stunden sammeln.

Stellungen, in die Frost einrückt.

Volker Demuth, Hinterland I

Nebensächlichkeitsforscher bin ich. Langsamen Schrittes wandere ich durch den Ort und über das Land. Ich zeichne. Ich zeichne auf. Bilder entstehen: gezeichnetes Land. Ich bin Teilortbegeher und Überlandschreiber in einem, ein Durchzügler auf Zeit. Täglich breche ich auf zu meinen Erkundungsgängen, als Marginaliensammler, als Stadtrandläufer und Ortsumgehungsethnologe. Mein Aufenthalt ist womöglich einem Zufall geschuldet, jedoch ich möchte es nicht so bezeichnen. Die Wahl des Ortes habe ich einem Spiel überlassen. Ich spiele gerne Roulette. Ortsnamenroulette. Es ist meine Erfindung und die geht so: Ich lege wahllos meinen rechten Zeigefinger auf die Seiten eines Postleitzahlenbuchs, schneide die Ortsnamen, auf die meine Fingerkuppe trifft, aus und klebe sie sorgfältig auf ein Roulettespiel, wie es auch im Hausgebrauch Verwendung findet. Dann lasse ich die Kugel rollen. Dort, wo sie liegenbleibt, fahre ich hin. Für wie lange, das bestimmen fünf Würfel, die ich für jeden Namen werfe. Die kleinste Summe lautet fünf, die größte dreißig. Ob es Minuten, Stunden oder Tage sind, entscheidet jeweils das Los. Ab und an, zumeist am Jahresanfang, lasse ich die Kugel rollen, sie zeigt mir die Ziele, die ich dann aufzusuchen mich verpflichte.

Jüngst tippte mein Finger auf eine kleine Stadt im Nirgendwo und, was noch nie zuvor geschah, ich warf einen sogenannten Fünferpasch mit allen Sechsern, was schließlich dreißig Tage Abenberg bedeutete. Mein Los. Nun ist Abenberg keine Großstadt, genauso wenig wie Bensheim, für das gerade fünf Minuten übrigblieben, aber irgendwo dazwischen, dachte ich mir, hätte es vielleicht genügt. Egal. Ich ließ mich darauf ein. Und ich merkte bald, es war mehr als nur ein Spiel. Der kleine Ort, so schien es, war Berufung. Dennoch möchte ich Bensheim nicht unterschlagen. Genauso wenig wie Berlin und Bellamont.

»Was ist einAbenberger?«, fragte ich mich, als ich den Namen zum ersten Mal hörte. Ein Abenberger, das klingt nach schwerem Wein, nach einem schweren Roten mit einem Alkoholgehalt von mindestens vierzehn Prozent, und es klingt nach einer Stelle in einer Novelle Conrad Ferdinand Meyers, wo wir lesen:

Stets zu vorgerückter Stunde trank Pastor Kummerlos seinen roten Abenberger, der ihm zu jenem friedlichen Schlummer verhalf, der ihn den Schuss von der Kanzel alsbald vergessen ließ. So ward der Abenberger zu seinem Abendberger.

Unter Eiskunstläufern, wohlgemerkt den Älteren, ist der Abenberger noch als Vorläufer des legendären Rittbergers bekannt, eine zweifelhafte Drehung, die etliche Ungeübte regelmäßig auf dem Gesäß hat landen lassen, der mittelfränkische Volksmund kennt ihn noch als Arschberger, gerne verwechselt mit dem Ascheberger, so nennt man die Aschaffenburger.

Das Abenberger Wasser, auch Stilla-Wasser, ist, wie nicht anders zu erwarten, ein Stilles Wasser und gründet wie alle Abenberger tief.

Der Abenberger, das könnte genauso gut eine alte Apfelsorte sein, nachgezüchtet am Apfelforschungsinstitut in Weihenstephan. Er ist bei Manufactum als teure Rarität zu finden, wo er wie folgt beworben wird:

Endlich gibt es ihn wieder, den Alten Abenberger, den als Reiseproviant schon Karl der Große auf seinen Marken schätzte und den später Albrecht Dürer in seinen Schriften zur Kunst als das Fruchtobst mit der reinsten Süße und den besten Proportionen lobte. Wir entdeckten den letzten Baum in einem aufgelassenen Schrebergarten und verbrachten das wertvolle Erbgut in die Hände eines liebevollen Obstbaumzüchters. Das Ergebnis können Sie nun selbst vermehren. Jedes Tütchen enthält drei Samen zum Preis von 204 Euro. So viel ist uns der Alte Abenberger wert.

Ich begann mich also in Punkto Abenberg ein bisschen einzulesen und erfuhr, dass der wahre Abenberger vor allem viel Stärke besitzt, kurzum, er ist ein Kloß, außerdem ein Klöppelkünstler, ein Bogenschütze und irgendwo liegt er auch in Form eines Druidensteins herum. Abenberg, so merkte ich bald, ist eng verwandt mit Aschern, jener deutschen Stadt, die keine Landkarte verzeichnet. Zwischen Berlin und Bodensee gelegen, irgendwo im Dreieck zwischen Travemünde, Zwiesel und der Eifel, am Kreuzungspunkt von etymologischen Geraden, auf dem, wie ein Chronist dieses heimatlosen Ortes schreibt, alte Glockenstühle läuten; die Stadt ruft »den Klang eines tiefen Tones hervor … die Sonne geht gerade unter, ein paar Touristen stehen auf dem Kopfsteinpflaster und sehen zum Turm hinauf, bevor sie wieder in den Mercedes steigen.« Was bleibt, ist die Erinnerung an ein helleres Läuten über einem nahen Klostergarten. Noch gibt es das Abenberger Kloster, das von Aschern ist längst aufgelöst.

Vielleicht aber hat Reinhard Knodt, der erste Turmschreiber, das fränkische Städtchen schon endgültig und unübertrefflich für alle Ewigkeit beschrieben: »Abenberg … Schon der Name! Ein Klang wie Erfüllung und Ruhe. Und ansonsten ein geradezu betörendes Kunstwerk aus Landschaft, Bauwerken, Himmel, Gasthäusern, Pflastersteinen und …« Und? Fragen Sie den alten Abenberger.

Es gibtOrtsnamen, die klingen wie Eigennamen. Bensheim etwa. Sie kennen doch Doktor Bensheim, den Dicken mit der fetten Zigarre im Mund und dem Benz vor der Tür! Nicht? Müssen Sie unbedingt kennenlernen, der geht schon auf die Hundert zu, raucht wie ein Schlot, immer noch, und hat früher fünf Cognacs und zwei Flaschen Wein getrunken, am Tag, versteht sich. Das hatte er sich auch redlich verdient, der Bensheim, damals in den 50ern, als er allein die ZELOI-Werke gründete, alle lachten ihn aus, damals, jetzt lacht er als Letzter. Das ganze Land hat er versorgt mit seinen ZELOI-Zitrusfrischetüchern. Sämtliche Tanten hatten stets eins in der Tasche, die am Patenthenkel am Tischrand hing, auch das so eine Erfindung von ihm, und das ganze Auto roch nach der Brotzeit auf der langen Fahrt danach, dem Tuch. So viel zu Bensheim. Vielleicht noch dies sei angemerkt: Es gibt unschuldigere Namen, etwa Heidenheim, auch wenn das ziemlich gottlos klingt. Abenberg dagegen klingt richtig fromm. Irgendwie nach Abe Maria und Calvarienberg, auf jeden Fall nach irgendetwas zwischen Anbetung und Bergpredigt, nach Stiller Andacht abends am Berg. Abenberg ist alles, nur nicht Bensheim. Abenberg. Der Name gefällt mir. Geflüstert und dahingehaucht fühlt sich das leise dahingesprochene Wort wie eine Losung, wie ein Geheimnis an. Ich beschließe, mich dort umzusehen. Abends am Berg. Tagsüber in den Gassen. Des Nachts im Turm.

In Abenberg empfängt man mich, als ob sich vorher schon herumgesprochen hätte, dass ich komme. War das Ergebnis meines Roulettespiels hier bekannt? Immerhin hatte ich schon im Januar eine erste Begrüßungsmail bekommen, der Lauf der Kugel schien der Welt geläufig.

Frau H. begrüßt mich am Bahnhof der Kreisstadt als offizielle Abgesandte der Gemeinde und fährt mit mir zum Abenberger Golfclub, in dessen Restaurant sie mich im Namen der Bürgermeisterin, Frau K., fürstlich bewirten lässt. Im Gastraum werben Plakate für das anstehende Turnier. Dort treffe ich Herrn F., den Zweiten Bürgermeister, der heute an Stelle von Frau K. die Stadt vertritt, es ist Ferienzeit und die noch junge Bürgermeisterin habe zwei Kinder, berichtet mir Frau H. entschuldigend und richtet Grüße aus, die ihr die Ratsvorsitzende mitgegeben hat. Womöglich hat man sich in mir geirrt, womöglich werde ich verwechselt mit einem Golfcrack gleichen Namens. Ich lasse es mir gefallen, will niemanden enttäuschen. Noch fragt mich niemand nach dem Handicap. Auffallend viele fahren hier mit einer Art flott motorisiertem Rollstuhl über das Gelände und schwingen fröhlich ihre schweren Stöcke. Es scheint ein Platz gelebter Inklusion zu sein, sie wird vor jedem Loch gelebt, da sage noch einer, dieser Sport sei etwas Exklusives. Auffallend viele gönnen sich nach der Runde ein Weißbier, mit zunehmendem Alter steigt der Bierverzehr, während sich die Schlagdistanz verkürzt. Man erinnert mich an die Regeln. Ich gestehe, sie nicht zu kennen, aber nein, sie seien ganz einfach, erklärt mir Frau H., das, was ich schreibe, müsse nur irgendwie mit dem Ort zu tun haben, was mich beruhigt, man hat sich nicht geirrt in mir. Ich bin hier richtig.

Ich möchte klein anfangen, also beginne ich meine Ortserkundung in Kleinabenberg. Ich wandere dorthin, es ist mehr ein Spaziergang, kaum eine Stunde ist es entfernt. Ich bin Spaziergangswissenschaftler, also brauche ich länger. An vielen Stellen in und um Abenberg finden sich Bänke, nicht nur an Plätzen mit Aussicht, auch mitten im Wald. Das haben die Abenberger den Dichtern zu verdanken, die solche Sitzgelegenheiten lieben, um zu schreiben, überall und zwischendurch. Die Anregung kam von Reinhard K., dem ersten Turmschreiber, der sich in das Städtchen verliebte und rückblickend schrieb: »Abenberg hat alles, außer Bänke.« Das will kein Ort auf sich sitzen lassen. Reinhard K. war damals noch auf einen Stuhlträger, einen sogenannten Klappstuhlkomparsen angewiesen, den Sohn eines mittellosen Bauern, der dem Dichter den Sitz hinterhertrug und ihn dort aufstellte, wo sich der Dichter das wünschte. Besonders anstrengend war der Weg zum Druidenstein, wo Reinhard K. den Stuhl dann gar nicht nutzte, der Stein selbst ward ihm zum Rastplatz, was den jungen Träger so verdross, dass er den ehrenvollen Dauerauftrag kündigte. Bleiben wir beim Thema: Mit der Bank ist es auf dem Land so eine Sache. Die meisten Filialen sind geschlossen und selbst die Bankomaten werden abgebaut. Wir sollen ohne Bargeld leben. Mein Weg führt mich zum Galgenberg, doch vorher gehe ich hinauf zur Burg, ich denke, sie ist ein guter Ausgangspunkt für meine Wanderungen. Kleinabenberg muss warten. Man will hoch hinaus hier. Auf jedem zweiten Grundstück steht ein Gartentrampolin, es scheint eine Art Wettstreit unter den Bewohnern entbrannt zu sein, wer hier am höchsten springt, der Schottenturm ist das Maß aller Dinge.

Ich fotografiere die Burg mit ihren Türmen und halte Ausschau nach Mauerseglern, doch sie sind schon ausgeflogen in den Süden. Mir gefällt das rote Mauerwerk mit seinen Buckelköpfen. »Buckelkopf« wäre ein schönes Schimpfwort. Warum nur ist es zu keinem geworden? Es hätte eine lange Geschichte: Die mittelalterlichen Burgen waren mit Buckelkopfsteinen bewehrt, das sind massive Mauersteine, aus denen eine Art Buckel ragt. Der erschwert es, Leitern anzulegen, und hält Kanonenkugeln ab. Insofern wäre der »Buckelkopf« ein rechter Sturkopf, ein Starrköpfiger, einer, der sich zu nichts bewegen lässt, den alles kalt lässt, aber auch einer, der in sich ruht und dem wir nichts anhaben können. Die alten Staufer, aus deren Zeit die meisten Burgen stammen, waren demnach die ersten »Buckelköpfe«. Sie sind, so meine ich, nicht ausgestorben.

Auf dem Platz vor der Burg treffe ich Billy Wechsler, manche verwechseln ihn mit Billy Wilder. Doch Billy Wechsler ist kein Hollywoodstar, er ist auch kein Filmregisseur. Billy Wechsler trägt einen orangefarbenen Overall und führt seinen Hund aus. Billy Wechsler ist Mitarbeiter des städtischen Gartenbaubetriebs. »Sie trauen sich aber nah ran!«, ruft mir Billy Wechsler hinterher, er folgt mir, als ich sein sonderbares Häuschen inspiziere, eigentlich eine Art Doppelhaushälfte, die ich als Anbau an eine Kapelle deute, dabei sei es genau umgekehrt, wie mir der Mann mit Hund erklärt: Zuerst gab es das Häuschen, dann die Kapelle. Das Haus sei aus dem Jahre 1813, erzählt Billy, »als es Deutschland noch nicht gab«, eine schöne Zeiteinordnung, wie ich finde. In Anbetracht dessen, was es alles »vor Deutschland« gab, relativiert sie den oft angemaßten Maßstab. Und Billy erzählt weiter: 1884, als es dann Deutschland schon gab, beschenkte der neue Burgherr, kein Adliger, sondern ein reicher Kammersänger, seine Frau Laura mit dieser Kapelle, denn sie war die erste und einzige Protestantin in dieser katholischen Enklave. Billy Wechsler interessiert sich für Geschichte, wie er sagt, außerdem schreibt er. Hinter der Kapelle hat sich Billy rund um sein Haus ein Allerlei aus Pflanzentrögen und Gartenmöbeln eingerichtet, dazu ein kleines Gewächshaus, das als Wintergarten dient. Was meine Neugierde weckt, ist ein betonbewehrter Treppenabgang direkt am Haus, ich vermute er führt zu einem alten Luftschutzkeller. »Es ist der Kartoffelkeller«, verrät Billy. Noch einmal würdigt er meinen Mut zur Neugier, kein Abenberger würde sich trauen, so nah an ein Haus zu treten, dabei wisse hier jeder alles über jeden, und in der Tat, dazu bedarf es keiner Stunde Aufenthalts, schon weiß jeder, dem ich begegne, wer ich bin und dass ich morgen um die Mittagszeit »die Susanne« treffe, die Bürgermeisterin von Abenberg. Die Abenberger sind diskret. Sie sind verdeckte Ermittler.

Der Weg nach Kleinabenberg führt mich am Galgenberg vorbei. Mein Quartier liegt unterhalb des Galgenbergs, nicht weit davon entfernt, doch weit genug, um nicht das Knacken der Genicke noch zu hören. Doch das ist lange her, lange vor Deutschland, wie mein Dichterkollege vom Kartoffelkeller sagen würde. Heute ist die höchste Erhebung des Galgenbergs eine umzäunte Wiese, gekrönt von einem Jägerstand. Gegenüber weiden vier Kälber, sie sind zutraulich und heben wie Hunde die Pfoten. In Kleinabenberg begrüßt mich hinter einer Viehweide ein Trampolin, es steht vor einem Siedlungshaus, neben dem sich gerade ein automatisches, anthrazitfarbenes Garagentor senkt. Davor trennt ein Elektrozaun die Zufahrt vom Vieh. Die Farbe lässt das Tor elegant aussehen, doch die Hohlblocksteine der eternitgedeckten Garagenstallung sind unverputzt. Ein gewaltiger Halogenstrahler soll nachts die betonierte Hofeinfahrt befluten. Die Führungsschiene des einstigen Hängeschiebetors ist funktionslos und rostet vor sich hin. Das Grundstück ist ansonsten gepflegt, links steht ein Baukran, Neues soll entstehen. Kleinabenberg: tschilpende Spatzen. Amseln. Ein Eichelhäher, eine Elster, Pendelverkehr, Lastwägen, dazwischen himmlische Ruhe, Wohnhäuser, Fachwerk, Sonnenkollektoren, ein Ferienbauernhof. Landluft, Schweineluft. Es gibt ein Amtsblatt. In allen Ortsteilen stehen solche amtlichen Schaukästen. Ich lese die »Bekanntmachung über die erneute Auslegung des Bebauungsplans Nummer 28 der Stadt Abenberg für das Wohngebiet Neue Wiese vom 11. 9. 2023, unterzeichnet von Susanne König. Erste Bürgermeisterin.« Ich wünsche mir solche Aushänge auch in germanistischen Seminaren. Etwa eine »Bekanntmachung über die erneute Auslegung von Franz Kafkas Verwandlung«. Im Nachbarort ist Kafka der Name eines türkischen Schnellrestaurants. Kafka hat am Sonntag geschlossen.

Ich komme vorbei an den Teichen. Abenberg ist katholisch und dennoch glauben manche, sie selbst seien Gott und könnten über das Wasser laufen. Warum sonst stehen an den Gewässern Schilder mit der Aufschrift »Betreten der Weiher verboten«? Am Ortsrand eine Skateranlage, die einer modernen Rauminstallation gleicht. Überhaupt erinnert manches an zeitgenössische Kunst. Auf der Documenta in Kassel bauten einst Künstler ein Haus für Schweine und Menschen, bewohnt von artgerecht gehaltenen Tieren auf der einen und artigen Besuchern auf der anderen Seite. Beide waren durch eine Glaswand getrennt. So etwas gibt es auch hier: Im Hofladen eröffnet ein großes Schaufenster den Blick auf einen Stall mit Rindern, doch macht man wenig Aufhebens davon und verzichtet auf kuratorische Erklärungen, die dieses Raumkonstrukt als »neues Weltmodell« zu deuten suchen, wo man »Dinge, die früher als etwas Göttliches und dann als etwas Kulturelles galten, als adaptive Maßnahmen zur Steigerung des Humanerfolgs« verkauft. Hier verkauft man Fleisch und Gemüse. Das Wohnhaus der Bauern ist nach der Burg das höchste Gebäude der Stadt. Gewaltig wie eine Burg ist des einstigen Hopfenbauern Haus mit seinen Trockenböden und den Lüftungsklappen auf dem steilen Dach. Stolz prangt der Name der Familie im geschnitzten Holz der Tür, gerahmt von Hopfendolden: »Hofmann von Abenberg«. Das klingt nach Adel und das soll es auch. Tatsächlich nannte der Abenberger Hopfenbauer einst sogar die Burg sein Eigen. Zwei Jahre lang. Das genügte für den Adelstitel.

Seit über 100Jahren betreibt die Familie Käßer einen Laden, den Nah- und Frisch-Markt. Der Name stammt aus der Zeit um 1970, die Decke über dem Gemüse- und Getränkestand ist abgehängt mit einer grüngelb-strukturierten OP-ART-Lamellenkonstruktion und erinnert entfernt an die Kaufhausfassaden des Architekten Egon Eiermann. Tatsächlich ist das Geschäft mehr als ein Markt für Lebensmittel. Hier gibt es alles. Die Ansiedlung neuer Einkaufsmärkte, sogenannter Discounter, ficht die Besitzer nicht an. Am Eingang die Lottoannahmestelle, gegenüber die Poststelle, gefolgt von Schreibwaren mit einem großen Sortiment an Stiften, Heften, Umschlägen, Ordnern und allem, was es zum Schulanfang braucht, Glückwunschkarten für jeden Anlass, Trauerkarten. Der Getränkemarkt bietet die »Spalter bunte Heimat« an, eine Apfel-Kirschsaft-Schorle. Mir gefällt das Regal mit den Luftballons, darunter Gemüsespieße, Schlüsselanhänger, Mausefallen, ganz unten Schnüre. Das Gemüsesortiment ist groß, schmal ist das Kartoffelangebot, die kauft man beim Bauern oder im Hofladen der Hofmanns. Weiter hinten Schnürsenkel, Nadeln und Flaschenöffner, Konservengläser mit Breslauer Happen und Prager Gurken. Im Kühlregal die »Spalter Freiheit«, Wagner-Pizza, Eis, Fischstäbchen und Spinat. Über dem Spirituosenregal wirbt ein Schild für »Edle Tropfen für Kenner«. Der »Rotkäppchensekt« ist im Sonderangebot. Reich bestückt ist das Regal mit den Frischhaltefolien, daneben Müllbeutel in vielen Größen. Chips, Erdnüsse und Süßigkeiten aller Art beherrschen als längstes Regal den hintersten Gang. Ganz hinten im Eck: Fliegenfänger, Grillanzünder und Grablichter, darunter Grillkohle, Zollstöcke und Werkzeug, außerdem ein Biotonnenpulver. »Night and Day