Kaiserdämmerung - Rainer F. Schmidt - E-Book
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Kaiserdämmerung E-Book

Rainer F. Schmidt

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Beschreibung

Eine fulminante Gesamtdarstellung und Neudeutung des wilhelminischen Reichs, über die man lange diskutieren wird. Mit großem Weitblick erzählt und deutet Rainer F. Schmidt die Geschichte vom Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs im europäischen Zusammenhang: die längst überfällige, glänzend geschriebene Darstellung und Neuinterpretation des wilhelminischen Deutschlands auf seinem Weg – bis hin zu seinem Ende im Ersten Weltkrieg. Das wilhelminische Kaiserreich steht bis heute in keinem guten Ruf. Kryptoabsolutismus, Sonderweg und Weltmachtstreben – so lauten die Etiketten, die ihm angeklebt werden. Ein irrlichternder Kaiser, unfähige Kanzler, Welt- und Flottenpolitik nach außen und die zähe Verteidigung der Vorherrschaft der alten Eliten im Innern: All das führte auf den Weg, der im Ersten Weltkrieg endete und den eigenen Untergang besiegelte. Rainer Schmidts glänzend geschriebene Darstellung bietet eine alternative Sichtweise zu diesem gängigen Bild. Umfassend beschreibt er das wilhelminische Reich in seinen wichtigsten Strukturen, aber auch in seinen modernen Elementen. In einem grandiosen Panorama schildert und deutet der Autor die internationalen Beziehungen zwischen 1890 und 1918 nicht monokausal von Berlin her, sondern bettet sie in den gesamteuropäischen Kontext ein. Dabei ergibt sich der Befund einer komplexen Gemengelage, die 1914 in den Krieg mündete: eigene Fehleinschätzungen, die Berlin in die Isolation führten, aber auch eine gezielte Einkreisungs- und Erpressungsstrategie der anderen Mächte, womit die große Katastrophe unausweichlich wurde. Eine fulminante Gesamtdarstellung und brisante Neuinterpretation einer der umstrittensten Epochen der deutschen Geschichte, über die man lange diskutieren wird.

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Seitenzahl: 1526

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rainer F. Schmidt

Kaiserdämmerung

Berlin, London, Paris, St. Petersburg und der Weg in den Untergang

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung einer Abbildung von © akg-images / Imagno

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

ISBN 978-3-608-98318-0

E-Book ISBN 978-3-608-11683-0

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

1.

 Die »Urkatastrophe« und die Frage nach der Verantwortung

Begriff und Bedeutung der »Urkatastrophe«

Die Frage nach der Verantwortung

»Selbstauskreisung« oder »Einkreisung«?

2.

 Zur Signatur der Epoche um die Jahrhundertwende

Exogene Faktoren von Wandel und Diskontinuität im internationalen Maßstab

Endogene Faktoren von Kontinuität und Wandel im Kaiserreich

3.

 Zur Anatomie des Wilhelminischen Reiches – Strukturen und Kräfte zwischen 1890 und 1914

Reichsgebiet und Bevölkerung

Regierungssystem und Parlamentarisierungstrend

Bundesrat und Föderalismus

Monarchische Exekutive, Reichskanzler und Reichsregierung

Die Vertretung des Volkes: der Reichstag und das allgemeine Wahlrecht

Militär und Wehrverfassung

Parteiensystem und politische Richtungen im Reichstag

Die liberalen Parteien

Die konservativen Parteien

Der politische Katholizismus: das Zentrum

Die Sozialdemokratie

Interessengruppen und Agitationsverbände

Die Wirtschaftsverbände

Gewerkschaften und Angestelltenverband

Reichsnationalismus, Radikalnationalismus und Agitationsverbände

Der moderne Antisemitismus

Wirtschaft, Gesellschaft und Sozialstruktur im Kaiserreich

Die sozialen Relikte der Vergangenheit: Adel und Militär

Die Klassengesellschaft im Kaiserreich

Industriearbeiterschaft und soziale Frage

4.

 Die Innenpolitik der Wilhelminischen Ära (1890–1914)

Die Kanzlerschaft Leo von Caprivis 20. März 1890 bis 26. Oktober 1894

Versöhnung statt Spaltung?

Handelsvertragspolitik als Modernisierungswerkzeug

Die Entlassung

Die Kanzlerschaft von Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst 26. Oktober 1894 bis 17. Oktober 1900

Wiederaufnahme des Kampfkurses gegen links

Resignation und Rücktritt

Die Kanzlerschaft Bernhard von Bülows 18. Oktober 1900 bis 14. Juli 1909

Sammlungspolitik und »Bülowblock«

Die »Daily-Telegraph-Affäre« und der Rücktritt Bülows

Die Kanzlerschaft Theobald von Bethmann Hollwegs 14. Juli 1909 bis 1914

Bethmanns »Politik der Diagonale«

Das Kaiserreich vor der Unregierbarkeit? Die Erdrutschwahl vom 12. Januar 1912

5.

 Die Außenpolitik der Wilhelminischen Ära (1890–1914)

Weichenstellungen ins Nirwana – Die ersten Schritte des neuen Kurses in der Außenpolitik (1890 bis 1896)

Die Kündigung des Rückversicherungsvertrages

Der Weg zum französisch-russischen Zweibund

Vergebliches Werben um England

Die »Krüger-Depesche«

Die Wilhelminische »Weltpolitik« (1897 bis 1901)

Die Motivlage der »Weltpolitik«

Der chinesische »Boxer«-Aufstand und die »Hunnenrede«

Die Bagdadbahn

Die Krisenzonen des britischen Empires

Die deutsch-britischen Ausgleichsversuche (1898–1901)

Die Flottenpolitik und das Wettrüsten zur See

Die »Risikoflotte«

Die Flottenpropaganda und die Flottengesetze

Der Mythos der »deutschen Gefahr«

Der Weg in die Isolation (1901 bis 1909)

Die Entente Cordiale

Die Anläufe zum Kontinentalbund an der Seite Russlands

Die erste Marokkokrise

Die Revolution der Staatenwelt: der britisch-russische Kolonialausgleich

Die bosnische Annexionskrise

Bethmann Hollweg – Versuch einer Détente mit England

Der »Panthersprung« nach Agadir: die zweite Marokkokrise

Die Haldane-Mission

Konfliktmanagement an der Seite Londons (1912/1913)

Die »Liman-von-Sanders-Krise«

Die Schließung des Einkreisungsrings

6.

 Der Kriegsausbruch 1914

Anlass und Ursachen des Krieges

Die Polarisierung des Mächtesystems

Die deutschen Einkreisungsphobien und die Neigung zum Präventivkrieg

Die »Balkanisierung« der europäischen Politik

Der Schlieffenplan als Poincarés Kompass zur Kriegsentfesselung

Das Kalkül der Berliner Reichsleitung in der Julikrise

Die Eskalation der Julikrise und der Weg in den Krieg

Der Komplex der Verantwortung für den Krieg: Kriegserklärung und Kriegsentfesselung

Die Kriegspläne der Großmächte

Der Schlieffenplan

Die Kriegsplanung Wiens: Fall »R« und Fall »B«

England: Belgien, »Plan W« und die Seeblockade

Frankreich und die »offensive à outrance«: Plan

XVII

Die russische Kriegsplanung: Plan

XIX

7.

 Der Weltkrieg von 1914 bis 1918

Mobilmachung im Innern und Kriegsalltag

Die Kriegsfinanzierung

Die wirtschaftliche Mobilmachung

Die Ernährungssituation im Krieg

Der Krieg von 1914 bis 1916

Das Scheitern des Schlieffenplans und die Schlacht an der Marne

Das »Septemberprogramm« und die Kriegszielbewegung

Stellungskrieg im Westen und Bewegungskrieg im Osten (August bis Dezember 1914)

Die Kriegsjahre 1915/16 und die »Knochenmühle« von Verdun

Vergebliche Friedenssondierungen und die Kriegsziele der Großmächte

Das Epochenjahr 1917

Der unbeschränkte U-Bootkrieg

Der Kriegseintritt der

USA

Die russische Oktoberrevolution

Die Julikrise von 1917

Niederlage und Zusammenbruch 1918

Die Januarstreiks

Der Diktatfrieden von Brest-Litowsk

Das Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive

Widerstand oder Waffenstillstand?

Kaiserdämmerung und Waffenstillstand vom 11. November 1918

8.

 Epilog

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Karte

Quellen- und Literaturverzeichnis

Ungedrucktes Archivmaterial

Archives du ministère des Affaires étrangères, Paris (

AMAE

)

Archives nationales, Paris (

AN

)

Bibliothèque nationale de France, Paris (

BNF

)

Service historique de l’armée de terre, Vincennes (

SHA

)

National Archives Kew, London (

NA

)

House of Lords Record Office (

HLRO

), London:

Churchill College Archive Centre (

CCC

), Cambridge

Imperial War Museum (

IWM

), London

Bundesarchiv Koblenz

Kriegsarchiv München

Geheimes Staatsarchiv München

Gedruckte Quellen – zeitgenössisches und Erinnerungsschrifttum

Literatur

Anmerkungen

1. Die »Urkatastrophe« und die Frage nach der Verantwortung

2. Zur Signatur der Epoche um die Jahrhundertwende

3. Zur Anatomie des Wilhelminischen Reiches – Strukturen und Kräfte zwischen 1890 und 1914

4. Die Innenpolitik der Wilhelminischen Ära (1890–1914)

5. Die Außenpolitik der Wilhelminischen Ära (1890–1914)

6. Der Kriegsausbruch 1914

7. Der Weltkrieg von 1914 bis 1918

8. Epilog

Personenregister

Für Matilda und Helena

1.

Die »Urkatastrophe« und die Frage nach der Verantwortung

Am Anfang standen düstere Vorzeichen. Sie konnten unterschiedlicher nicht sein. Sie zeigten sich auf Ebenen, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun hatten: auf dem Feld der Militärpolitik, der Technik und der Kultur. Das mag der Grund dafür gewesen sein, wenn die Zeitgenossen ihre sinistere Symbolik gar nicht erkannten, wenn sich ihre Botschaften und ihre Bedeutung erst im Rückblick erschlossen. Gleichwohl: In den Ereignissen versinnbildlichte sich, dass die vertrauten Muster des Daseins brüchig geworden waren, dass sich die Regeln der traditionellen Ordnung in Auflösung befanden, ja, dass die Fundamente, auf denen die alte Welt ruhte, ins Wanken geraten waren. Diese Menetekel kündigten etwas Neues, Umstürzendes, ja, Unheilvolles an. Das Tor zur Sintflut stand schon weit offen, als sich die europäischen Großmächte im August 1914 im Akt einer Selbstzerfleischung in den großen Krieg stürzten.

Das erste dieser Vorzeichen kam 1911. In den Jahren vor dem Weltkrieg bot sich den morgendlichen Besuchern des Londoner Hyde Parks ein seltsames Schauspiel. Sie begegneten einem hochgewachsenen, hageren Anglo-Iren(1), der in der Uniform eines Brigadegenerals, aber nur mit einer Morgenzeitung bewaffnet, die er aus der Tasche zog, wenn er außer Atem war, dort seine Runden vor dem Frühstück drehte. Sir Henry Wilson(2) war der Leiter des Operationsbüros im Londoner Kriegsministerium. Er war der entscheidende Mann, wenn es darauf ankam, die britischen Truppen zur Verteidigung der Interessen des Vereinigten Königreichs ins Feld zu stellen. Sein Aufgabengebiet umfasste die Mobilmachung der Landarmee, die er bis ins Kleinste ausgetüftelt hatte: die Unterkünfte für jedes Bataillon, die Zahl der Eisenbahnwaggons, die bereitzustellen waren, die Anweisungen für die Dolmetscher, die Vorbereitung von Chiffren für die Übermittlung von Nachrichten, ja, selbst die Orte und Zeitpunkte der Teeausgabe hatte er präzise festgelegt.

Wilson(3) war wenige Meilen von Belfast Lough von französischen Gouvernanten erzogen worden, sprach fließend Französisch und war ein großer Verehrer der französischen Kultur. Das war auch der Grund, weshalb er über Jahre hinweg im Sommer auf den Kontinent reiste, um dort wochenlang mit Kraftwagen, per Bahn und vor allem mit dem Fahrrad die Schlachtfelder des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 zu besichtigen. Die französischen Festungsanlagen kannte er beinahe ebenso gut wie seine Pariser Kollegen. Das voraussichtliche Kampfgebiet im Raum Elsass-Lothringen und entlang der belgischen Grenze hatte er genau inspiziert. Und die aus Belgien kommenden Einfallstraßen in Nordfrankreich hatte er alle mit dem Fahrrad erkundet. Denn eines stand für Wilson außer Zweifel: Der nächste große bewaffnete Zusammenstoß, der auf England wartete, war derjenige mit Deutschland. Diesmal würden die britischen Truppen Schulter an Schulter mit den Soldaten Frankreichs fechten.

Auf seinen Touren hatte er mit dem damaligen Direktor der obersten Kriegsschule der französischen Armee, General Ferdinand Foch(1), Freundschaft geschlossen. Wilson(4) fragte ihn bei einer Plauderei beim Tee vor dem Kamin geradeheraus, wie umfangreich eine britische Streitmacht sein müsse, die für Frankreich von Nutzen sein könne? Die Antwort Fochs kam blitzschnell und wie aus der Pistole geschossen. Sie ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. »Ein einziger gemeiner Soldat«, so replizierte er, »und wir würden schon dafür Sorge tragen, dass er getötet wird.«[1] Die französischen Militärs um Generalstabschef Joseph Joffre(1) und dessen Stellvertreter Noël de Castelnau(1) lüfteten Wilson(5) gegenüber sogar ihr bestgehütetes militärisches Geheimnis: Sie besaßen eine Abschrift des deutschen Feldzugplans für den Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland, mitsamt den handschriftlichen Notizen, die der deutsche Generalstabschef von Moltke(1) darauf angebracht hatte.[2]

Das war die Trumpfkarte, die Wilson(6) gegenüber den Londoner Politikern ausspielte, um Premierminister Asquith(1), den »Trunkenbold«, wie er ihn mit Verachtung nannte, und sein »dreckiges Kabinett« auf Linie zu bringen.[3] Für die Versammlung des Committee of Imperial Defence im August 1911, bei der er die Weichen hierfür zu stellen gedachte, hatte er eine Denkschrift über die Notwendigkeit der Unterstützung Frankreichs durch England im Kriegsfall mit Deutschland verfasst.[4] Nur ein Zusammenwirken mit Frankreich und die Entsendung eines britischen Expeditionskorps, so hatte er zu Papier gebracht, könne Deutschland daran hindern, »in eine dominierende Stellung auf dem europäischen Kontinent einzurücken«. Eine solche aber werde sich auf Dauer für England »als verhängnisvoll« erweisen. Für die Sitzung der Londoner Spitzenpolitiker hatte Wilson sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. In seinem Büro befand sich eine riesige Karte von Belgien, die dort eine ganze Wand bedeckte und auf der jede einzelne Straße markiert war, die nach Nordfrankreich führte. In einem großen, mit Pferden bespannten Wagen ließ er diesen virtuellen Schauplatz des Geschehens ins Regierungsviertel schaffen. Dort erklärte er den anwesenden Politikern geduldig und über fast zwei Stunden hinweg, Punkt für Punkt und in allen strategischen Details, die Logik und das Siegesrezept des deutschen Kriegsplans: den zu erwartenden simultanen Krieg an zwei Fronten in zwei nacheinander zu führende Einfrontenkriege aufzulösen; mittels einer Umfassung der französischen Truppen durch den aus Belgien vorstoßenden rechten Heeresflügel im Westen einen schnellen Sieg zu landen; und dann alles nach Osten gegen Russland zu werfen, das circa sechs Wochen benötigte, um seine gigantische Armee gefechtsbereit zu machen. Wilson(7) beschrieb alles genau so, so hielt Churchill(1) später fest, wie die deutschen Aktionen im Herbst 1914 dann tatsächlich ablaufen sollten.[5]

In dieser Sitzung des Verteidigungsrates stellte Wilson die militärischen Weichen für Englands Position im kommenden Krieg. Bis dahin hatte die Insel als neutrale Macht die Rivalitäten in Europa von außen gesteuert und, statt die Kräfte dort zu verschwenden, eine »balance of power«-Politik befolgt. London gehörte keinem der waffenstarrenden Bündnissysteme an, die sich auf dem Kontinent belauerten: weder dem russisch-französischen Zweibund noch dem Dreibund mit Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Die Zustimmung der entscheidenden Männer des Kabinetts in der Sitzung vom August 1911 war ein Triumph für Wilson(8). Deshalb begab er sich im September 1911 erneut auf den Schauplatz der künftigen Auseinandersetzung.

Auf den Schlachtfeldern von Mars-La-Tour hatte er bei seinen Radwanderungen ein französisches Denkmal entdeckt, zu dem er seither immer wieder zurückgekehrt war. Es war ein Mahnmal für die französischen Gefallenen in den Schlachten des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71, erbaut mit Unterstützung des französischen Präsidenten Marschall de Mac-Mahon(1) im Jahre 1875. In allegorischer Überhöhung zeigte es die trauernde Marianne, die einen toten französischen Soldaten in ihren Armen hielt. Ihr Haupt war mit einem Siegeskranz geschmückt. Er barg das Versprechen, die dort erlittene Schmach dereinst zu rächen. Zu ihren Füßen waren zwei Kinder zu sehen. Das eine ergriff das Gewehr des Sterbenden, um erneut in den Kampf zu ziehen und die Scharte der Niederlage auszuwetzen. Das andere stützte sich auf den Anker der Hoffnung und blickte unverwandt gen Osten in die Ferne: auf den Tag der Revanche gegen das Deutsche Kaiserreich.

Ungezählte Male hatte Wilson(9) schon vor dem Denkmal gestanden. Jetzt aber war er sich sicher, dass die Stunde der Abrechnung nicht mehr fern war. Diesmal würde England an der Seite Frankreichs stehen. Inmitten der wabernden Herbstnebel, die ihn umfingen, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Die »Frankreich«, so hielt er in seinem Tagebuch fest, war »schön wie immer«. Und dann bückte er sich nieder und vollzog eine rituelle Handlung, die einem Versprechen gleichkam. Zu den Füßen der Marianne legte er »ein Stückchen der Karte« nieder, »welche die Versammlung der britischen Streitkräfte auf Frankreichs Boden zeigte«.[6]

Ein halbes Jahr nach dieser Begebenheit kam das zweite Menetekel. Mitte April 1912 jagte der Oceanliner Titanic dem Blauen Band nach, der prestigeträchtigen Prämie für die schnellste Atlantiküberquerung auf der Route Southampton – New York. Die Jungfernfahrt des hochmodernen Schiffes war ein gesellschaftliches Ereignis, wie es in Europas ziviler Hochseeschifffahrt seinesgleichen suchte. Sie führte, um Zeit zu gewinnen, ein wenig nördlicher als üblich über den Atlantik. Keine zwei Wochen zuvor war die Titanic durch die White Star Linie in Dienst gestellt worden. Sie war mit mehr als 46 000 Bruttoregistertonnen der größte Passagierdampfer der Epoche. Die Konstruktion, die auf den Erfahrungen des Schlachtschiffbaus basierte, galt den Ingenieuren als Garantie der Unsinkbarkeit. Aber dieses Wunderwerk der Technik legte niemals in der neuen Welt an. Am Abend des 14. April 1912 saßen die Passagiere beim festlichen Abenddinner. Es gab eine Auswahl erlesener Speisen am Buffet: Lachs, Krabben, Sardellen, Hering und Sardinen als Vorspeise; Roast Beef, Kalbsbraten und gewürztes Rindfleisch, mit Kalbs- und Schinkenpastete, als Hauptgericht. Wenige Stunden später, kurz vor Mitternacht, während viele der gut 1300 Passagiere noch dinierten und tanzten, rammte das Schiff einen Eisberg. Innerhalb von kaum drei Stunden war alles zu Ende. Nur wenige Hundert Menschen wurden aus den eisigen Wassern des Nordatlantik gerettet.

Die funkelnagelneue Titanic war das Schmuckstück des alten Kontinents gewesen: der Inbegriff seiner Ingenieurkunst und Intelligenz, das Symbol seiner führenden Rolle in der Welt und, wie der Name verriet, der Ausdruck von Unverwundbarkeit und Überlegenheit. Ihr Untergang wurde zum Memento mori der Überheblichkeit, der trügerischen Sekurität, der fatalen Selbstgewissheit und des unbegrenzten Fortschrittsglaubens. Die Zivilisation, die dieses Wunderwerk der Technik hervorgebracht hatte, sollte bald am Eisberg des totalen Krieges zerschellen.

Das dritte Menetekel kam ein Jahr später. Es hing mit einem Musikskandal zusammen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Am Abend des 29. Mai 1913 stand in Paris im neu erbauten Théâtre des Champs-Élysées in der Avenue Montaigne die Uraufführung von Igor Strawinskys(1) Ballett »Le Sacre du Printemps« an. Paris, das war nicht nur die Hauptstadt der künstlerischen Avantgarde, sondern auch das Zentrum des grazil dahinschwebenden, ästhetisch perfekten Balletts der Primaballerinas. Aber was den Zuschauern an diesem Abend geboten wurde, sprengte alle Konventionen und führte zum Eklat.

Schon die Eröffnungsmusik quittierte das Publikum mit Missfallen und Protest. Kaum setzte der erste Ton des hohen Fagottsolos ein, begann im Saal ein abfälliges Getuschel und Gelächter. Aber dabei blieb es nicht. Die Unruhe und die Buhrufe schwollen zum Tumult an, als die Tänzer auf der Bühne in der Hauptstadt des romantischen Balletts erschienen. Von Aufführungsästhetik keine Spur, stattdessen ein rasendes Durcheinander, stampfende Beine, stakkatohafte Bewegungen, ekstatische Verrenkungen und geometrisch-abstrakte Tanzfiguren. Bald ging die gesamte Musik im Protestgeschrei unter, als sich die Entrüstung der aufgebrachten Zuschauer in Handgreiflichkeiten und einer veritablen Schlägerei entlud. Am Ende zählte die Polizei 27 Verletzte. Es war nur der stoischen Ruhe des Dirigenten Pierre Monteux zu verdanken, dass die Aufführung überhaupt zu Ende gebracht werden konnte. Entsprechend vernichtend fielen die Kommentare aus. »Reine Kakophonie«, »Das Werk eines Wahnsinnigen«, »Ein von Idioten gemachtes Ding«, so lauteten die Schlagzeilen der Kritiker. Und noch eine Woche nach der Premiere war in der »New York Times« zu lesen: »Pariser pfeifen das neue Ballett aus / Das Frühlingsopfer, ein Reinfall / Die Lichter mussten angemacht werden, um die feindseligen Demonstrationen zu unterbinden«. Musikalische Dissonanzen statt harmonische Wohlklänge; ekstatische Zuckungen statt anmutige Tanzfiguren, so sah es das Publikum, das sich verhöhnt und beleidigt fühlte.

Die harschen Reaktionen verdeckten freilich, dass sich in dem Erscheinungsbild des Zerstörerischen und Barbarischen, mit seinen unrhythmischen Klängen und dem rauschhaften Ballettanz, nicht nur die Abkehr von der traditionellen Ballettform vollzog. Hinter der Zertrümmerung der klassischen Form stand eine Symbolik des Untergangs. In Strawinskys(2) meisterhaft inszeniertem Umschlagen eines ausgelassenen, übermütigen Frühlingstreibens in die unheilschwangere Düsternis eines grausamen Todesrituals kündigte sich die kommende Katastrophe an. Der Frühlingsreigen, in dem nach wilden, heidnischen Tänzen dem Frühlingsgott eine Jungfrau zum Opfer dargebracht wird, wurde zum Vorboten des Weltkriegs. Gleich einer die Zukunft weissagenden Glaskugel fing das Stück wie im Brennspiegel die ganze Bestialität und Entmenschlichung des nahenden Krieges ein: die Rauschhaftigkeit der durch Propaganda aufgepeitschten Massen; das sinnentleerte, viehische Verrecken auf den Schlachtfeldern; den alles verschlingenden, grenzenlosen Vernichtungswahn; die barbarische Verrohung der Sitten an der Front; die durch keine Vernunft abzubremsende Opferbereitschaft, für die Ehre der Nation das Leben hinzugeben, und die wilde, unkontrollierbare Ekstase des Zerstörungsrausches.

Den eigentlichen Clou aber hatte Strawinsky(3) effektvoll am Ende platziert: den Todestanz der geopferten Jungfrau. Ihr Opferritual wurde zur Chiffre für den Totentanz der europäischen Zivilisation. Denn Strawinsky hatte das Geschehen auf der Bühne mit einem dröhnenden, aufwühlenden Schlussakkord des Orchesters untermalt, bei dem die wuchtigen Bässe den Ton bestimmten. Sie intonierten in ständiger Wiederkehr, in eindringlichem und stampfendem Rhythmus, immer wieder vier Töne: D-E-A-D, das Symbol für den Tod, der kein Entrinnen kannte und kein Entkommen zuließ.

Strawinskys(4) Stück traf den Nerv der Zeit. Es versinnbildlichte den Schock der Moderne in Kunst und Musik. Er und die avantgardistischen Künstler seiner Zeit witterten, was in der Luft lag: der Untergang einer Epoche. Sie spürten, dass sich etwas Neues, Unbekanntes, Unheilschwangeres ankündigte: die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich wurde der Erste Weltkrieg, wie ihn der britische Offizier Sir Charles Repington(1) in seinen Kriegserinnerungen schon 1920 nannte, zur Keimzelle der kommenden Katastrophen. Denn das vierjährige verbissene Ringen öffnete, wenn man einen Vergleich aus der Antike bemühen will, die Büchse der Pandora. Ganz wie aus Zeus’ hinterlistigem Hochzeitsgeschenk für den Bruder des Prometheus das Unheil für die antike Menschheit hervorkroch und einzig die Hoffnung eingeschlossen blieb, so brach mit diesem Krieg das Unheil über die Menschen des 20. Jahrhunderts herein. Der Krieg wurde zum Laboratorium der Vernichtung, zur Brutstätte menschenverachtender, rassistisch aufgeladener Ideologien und zum Treibhaus für neue Konflikte und Kriege, die bis in unsere Tage reichen. Die Hoffnung des britischen Schriftstellers H. G. Wells(1), dies sei der Krieg, der endlich alle Kriege überflüssig machen und einen ewigen Frieden heraufführen werde,[7] eine dem grausigen Geschehen sinngebende Losung, die sich der amerikanische Präsident Woodrow Wilson(1) schnell zu eigen gemacht hatte, verkehrte sich damit geradezu in ihr Gegenteil. Nie zuvor bewahrheitete sich die Heraklit zugeschriebene Sentenz, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, so, wie in den dem Krieg folgenden Jahrzehnten.

Zugespitzt lässt sich sagen, dass nahezu alles, was danach kam, in den Kanonenrohren des Krieges gezeugt wurde. Das galt nicht nur für die Politik der einzelnen Staaten, die fortan im Schatten der großen Katastrophe stand. Es galt auch für das Feld der Erinnerungskultur, das ganz vom grausigen Kriegserlebnis beherrscht war. Es galt für das Netzwerk der globalen Finanzströme, das mit dem in Versailles und auf der Konferenz von Spa inaugurierten Transfer gigantischer Geldsummen und Reparationsleistungen aufgespannt wurde. Es galt für die labile und konfliktträchtige Territorialordnung auf dem Kontinent, welche die Pariser Verträge von 1919 begründeten und an der sich ein neuerlicher Krieg entzünden sollte. Und es galt für das künftige Selbstverständnis der Nationen, das zwischen Sicherheitsdenken und Revanchestreben oszillierte. Der Kampfeslärm von 1914 sollte nie mehr verstummen. Der Erste Weltkrieg wurde zur fundamentalen Epochenscheide, die das 19. vom 20. Jahrhundert trennte. Jetzt begann in einem unaufhaltsamen Prozess das Abtreten des alten Kontinents von der Bühne der Weltpolitik. Seit den Tagen des Kolumbus hatte er der Erde für mehr als vierhundert Jahre seinen Stempel aufgedrückt.

Der Hauptkatalysator für diese Entwicklung war nicht nur der vier Jahre lang unerbittlich geführte Kampf, der blanken Hass hervorgerufen und tiefe, unheilbare Wunden auf allen Seiten geschlagen hatte. Es war vor allem der am 28. Juni 1919 in Versailles geschlossene Frieden. In Paris gelang es, anders als im 19. Jahrhundert und davor, keineswegs, die Welt des Krieges in eine Welt des Friedens zu überführen. Der große Krieg gebar nur einen kleinen Frieden, der zudem nichts als ein Scheinfriede war. Er beruhte nicht wie ehedem auf dem Prinzip des Vergebens und Vergessens. Er übte Vergeltung. Er war gekennzeichnet vom kurzsichtigen Eifer der Siegermächte, ihre eigenen Interessen auszutarieren, statt diejenigen von Siegern und Besiegten in eine neue, funktionsfähige Balance zu bringen. Er schloss die bevölkerungsreichsten Staaten des Kontinents, das Deutsche Reich und Sowjetrussland, vom Geschäft des Friedensschließens aus. Ja, er erzwang die Annahme des Friedens mit Androhung von Gewalt und Einmarsch, mit Ultimaten und strangulierender Fristsetzung. Und er übersah vollkommen, dass eine Ordnung nur dann funktionieren kann, wenn sie bei der Mehrzahl der Betroffenen auf Akzeptanz und Einsicht stößt.

Gerade das aber war im Nachkriegsdeutschland nicht der Fall. Der Diktatcharakter des erpressten Friedens, das Ultimatum, mit dem man die Unterschrift erzwang, die Zumessung der alleinigen Kriegsschuld, wie dies in Artikel 231 des Vertrages und noch weit stärker in der alliierten Mantelnote vom 16. Juni 1919 zum Ausdruck kam, die sogenannten »Ehrenpunkte«, wie die geforderte Auslieferung der »Kriegsverbrecher« genannt wurde, der Versailler Blankoscheck für Reparationszahlungen in unbekannter Höhe und nicht limitierter Dauer, die Ächtung und Wehrlosmachung des Deutschen Reiches, die Besetzung weiter Teile des Reichsgebiets, die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechtes für die Deutschen sowie die Demütigungen, welche die deutsche Delegation vom Waffenstillstand im November 1918 bis zur Unterschriftsleistung im Juni 1919 hatte hinnehmen müssen, all das verstetigte das Klima von Rache und Vergeltung.

Versailles spaltete die Staatenwelt in Herausforderer und Bewahrer des Status quo: in die Siegermächte und in verfemte, ja, geächtete Staaten, was die grandiose Idee des Völkerbundes als friedensbewahrende Gemeinschaft der Nationen entwertete. Versailles verstellte damit fast in allen Ländern, in Deutschland zumal und anders als nach dem Zweiten Weltkrieg, die Chance zur kritischen Besinnung und zum konstruktiven Neuanfang. Hier wurde die Saat ausgebracht für einen neuerlichen Weltkrieg, der alles Dagewesene übertraf und der in der Ausrottung ganzer Völker gipfelte. Marschall Foch(2), der französische Oberkommandierende der alliierten Armeen, sollte fast auf den Tag genau recht behalten, als er Ende August 1919, kurz nach der Unterzeichnung des Versailler Friedens, hellsichtig feststellte: »Das ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand auf zwanzig Jahre.«[8]

Begriff und Bedeutung der »Urkatastrophe«

Wenn man die ganze Dimension des dramatischen Wandels erfassen will, der vom Ersten Weltkrieg ausging und der sich im Begriff der »Urkatastrophe« verdichtet, so muss man mindestens sieben Umbruchsfaktoren ins Auge fassen, die sich gegenseitig bedingten und potenzierten. Zum ersten Mal etablierte sich im Vorfeld und im Verlauf des Weltkriegs ein Primat des Militärs über die Politik. Die Kriegführung und das militärische Kalkül verselbständigten sich. Sie erlangten eine von allen politischen Erwägungen abgelöste Dominanz. Das hatte es so zuvor nicht gegeben. Das war ein qualitativ neues Phänomen: anders als in den deutschen Einigungskriegen, anders als in den zahlreichen Balkankriegen zuvor und anders als in allen bisherigen Großmachtkriegen nach dem Wiener Kongress von 1815. Stets hatten Vernunft und Augenmaß der Politik über die militärischen Zwänge und Argumente triumphiert und einen Ausweg gewiesen. Zum ersten Mal und, wie sich zeigen sollte, für lange Zeit, war es nun umgekehrt. Seit 1914 setzte sich das Übergewicht des Krieges über die Politik auf breiter Front durch.

Dieses Phänomen wurde schon in der Julikrise, jener fünfwöchigen Zeitspanne, die dem Krieg vorausging, sichtbar, als die Rationalität der politischen Entscheidungen von den militärischen Zwängen der Mobilmachung und des Zeitdrucks beiseitegefegt wurde. So in England, als Marineminister Churchill(2) die Flotte schon mobilmachen ließ, noch bevor er dazu vom Kabinett autorisiert war. So in Russland, wo Kriegsminister Suchomlinow(1) aus der vom Zaren am 25. Juli genehmigten Teilmobilmachung eine Gesamtmobilmachung machte und damit einen »point of no return« markierte. So in Frankreich, wo die Militärs um Generalstabschef Joffre(2), gedeckt durch den Staatspräsidenten Poincaré(1), jahrelang die russische Aufrüstung forcierten, den Aufmarsch des Riesenheeres gegen Ostpreußen lenkten, die Mobilmachungszeit des gigantischen Heerestrosses durch mit französischem Geld gebaute Eisenbahnlinien halbierten und damit die Einkreisungsobsessionen der Deutschen bis zur Hysterie steigerten. Und so in Berlin, wo unter dem Situationszwang von Präventivkriegsdenken, Zeitdruck und Zweifrontenkriegsbedrohung die Militärs um Generalstabschef Moltke(2) alle politischen Versuche zur Lokalisierung des österreichisch-serbischen Konflikts hintertrieben.

Die Dominanz des Militärischen zeigte sich auch im Krieg selbst, als alle Friedensinitiativen von den Militärs im Keim erstickt wurden. So Ende Dezember 1916, als die Ententemächte, gedrängt von den Militärs, ein deutsches Friedensverhandlungsangebot schroff zurückwiesen. So im Frühjahr 1917, als, gegen den Widerstand von Kaiser(1) und Reichskanzler(1), mit der Erklärung des unbeschränkten U-Boot-Krieges die USA gegen Deutschland in den Krieg gezogen wurden. Sie zeigte sich, wenn die Dritte Oberste Heeresleitung unter Hindenburg(1) und Ludendorff(1) seit 1916 in diktatorischer Weise selbst alle Entscheidungen fällte, den Kaiser beiseiteschob und den Reichskanzler bald durch eine Marionette ersetzte, ohne dafür im Geringsten legitimiert zu sein. Und sie zeigte sich, wenn es wiederum Ludendorff und Hindenburg waren, die das Ruder im Oktober 1918 plötzlich herumwarfen und die Reichsleitung bestimmten, schnellstens einen Waffenstillstand herbeizuführen. Es kam daher nicht von ungefähr, wenn der erste aussichtsreiche Anstoß zum Frieden von außen kam: von den erst spät in den Krieg eingetretenen Vereinigten Staaten und deren Präsidenten Woodrow Wilson(2). Mit seiner im Januar 1918 verkündeten Kongressbotschaft der »Vierzehn Punkte« besaß man endlich den Anker, der zur Grundlage des Waffenstillstandes vom November 1918 werden sollte.

Ein zweiter Faktor der »Urkatastrophe« ist ebenso augenfällig: Der Erste Weltkrieg, an dem sich nahezu vierzig Staaten direkt oder indirekt beteiligten und in dem etwa sechzig Millionen Soldaten kämpften, war der erste moderne und totale Krieg. Diesen Umstand muss man sich in seiner ganzen grauenhaften Dimension vergegenwärtigen. Der Krieg verschlang eine nie dagewesene Zahl an Menschenleben. Allein für Deutschland geht man von fast sieben Millionen Kriegstoten aus, darunter 760 000 Zivilisten als Opfer der britischen Blockade. Bei einer Bevölkerungszahl von siebzig Millionen wurde beinahe jeder Zehnte Deutsche Opfer des Krieges. Die Alterskohorte der 1914 Zwanzig- bis Dreißigjährigen war dabei am stärksten betroffen. Ihr unvorstellbarer Blutzoll belief sich auf fast zwei Drittel der deutschen Frontverluste. Auf Seiten der Entente sind die Zahlen mit mehr als viereinhalb Millionen Toten nicht weniger dramatisch. Die Universitäten Oxford und Cambridge verloren ein Viertel ihrer Studentenschaft als Kriegsopfer. Besonders gravierend aber waren die Verluste an den Schauplätzen des Krieges im Osten. Die Sterberate bei den serbischen und rumänischen Soldaten lag bei mehr als dreißig Prozent. Sie war damit doppelt so hoch wie im deutschen oder im französischen Heer. Und von den Soldaten, die für das Osmanische Reich kämpften, verlor mehr als jeder Fünfte sein Leben. Das war mehr als die doppelte Verlustrate der britischen oder italienischen Einheiten. Insgesamt übertraf der Erste Weltkrieg mit seinen mehr als elf Millionen Opfern alle bisherigen Kriege bei weitem. Nicht zu reden von den ungezählten Veteranen und Verstümmelten, die in ein Zivilleben entlassen wurden, das weder eine moderne Prothetik noch berufliche, psychologische, soziale oder medizinische Rehabilitation kannte.

Der totale Krieg brachte den Einsatz neuer Waffen, die von Millionenheeren von Soldaten bedient wurden und auf die massenhafte Vernichtung des Gegners zielten: Flugzeuge, Bomben, Minen, U-Boote, riesenhafte Kanonen, wie die »dicke Bertha«, die unbezwingbare Festungsmauern knackte, Maschinengewehre, Flammenwerfer, Giftgas und Tanks. All dies führte zu bis dahin ungekannten Vernichtungs- und Materialschlachten, die oft, wie in Verdun und an der Somme, monatelang tobten. Sie forderten einen gigantischen Blutzoll, ohne dass die Front des Gegners aufgebrochen werden konnte, ohne dass man einer Entscheidung näherkam und ohne dass der Krieg – zumindest an der Westfront – aus den Schützengräben und Unterständen herauskam, wo die Menschen verwahrlosten, verlausten und psychische Traumata erlitten. Besonders betroffen war die sogenannte »rote Zone«: jene Gebiete in Nordfrankreich, in denen sich der Hauptkampfgürtel der Abnutzungsschlachten befand. Hier war die gesamte Landschaft von Granattrichtern und Schützengräben durchzogen, das Artilleriefeuer hatte das Gelände umgepflügt, zahlreiche Dörfer waren dem Erdboden gleichgemacht und die Straßen, Brücken und Eisenbahnen waren in ganzen Regionen bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden.

Zur Entgrenzung im totalen Krieg gehörte auch die Radikalisierung von Kriegführung und Kriegstechnik. Bei jedem dritten gefallenen Soldaten an der Front fehlte der tote Körper oder wurde durch Explosionen so zerstört, dass eine Identifizierung nicht mehr möglich war. Die Brutalisierung des Frontalltags setzte alle gültigen Regeln des Krieges, die durch internationales Gesetz, durch moralische Standards und durch ziviles Herkommen der Soldaten geprägt waren, außer Kraft. Der totale Krieg sprengte die bis dahin vorherrschende Trennung von Soldaten und Zivilisten. Er trug die Kampfhandlungen auf die Marktplätze, in die Innenstädte und Wohnhäuser, die nun zu Schlachtfeldern wurden. Kriegsfront und Heimatfront verschmolzen im totalen Krieg zur Einheit. Denn die Kriegführung über Jahre hinweg verlangte die Mobilisierung aller Ressourcen und die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in den Krieg, was diese zum legitimen Ziel militärischer Angriffe zu Lande, zur See und aus der Luft machte.

Zum ersten Mal wurden im totalen Krieg auch weitreichende Kriegszielprogramme verkündet. Sie dienten nicht nur der Unschädlichmachung des Gegners, sondern geradezu zur Vernichtung seiner staatlichen Existenz. Die Pläne Frankreichs zur Zerstückelung des Deutschen Reiches, das sogenannte »Septemberprogramm« der deutschen Reichsleitung vom Frühherbst 1914 oder die Absprengung des westlichen Russlands durch den Diktatfrieden von Brest-Litowsk im Frühjahr 1918 sind Beispiele dafür. Und schließlich: Zu den Opfern im totalen Krieg zählte auch die Wahrheit. Dafür sorgte das bis dahin unbekannte Phänomen einer die Massen aufpeitschenden Kriegspropaganda. Während sich die deutsche Agitation vergleichsweise harmlos ausnahm, ließ sich die hasserfüllte Herabwürdigung und Verunglimpfung der Gegner vor allem auf Seiten der Ententemächte beobachten, wie schon Hitler(1) in »Mein Kampf« mit Widerwillen und Bewunderung feststellte. In England wurden die Deutschen als kulturlose »Hunnen« gebrandmarkt; die »Times« brachte Artikel, dass man die Körper von gefallenen Feindsoldaten zur Fettgewinnung verarbeite, dass deutsche Soldaten Krankenschwestern die Brüste abschnitten, dass sie Kindern die Hände abhackten, damit sie nicht für Frankreich zum Schwert greifen könnten, oder dass man abgeschlagene Kinderköpfe auf Bajonetten aufspießte, um sie an die Eingangstüren von Häusern zu nageln.[9] Und in Frankreich zirkulierten Geschichten, dass die Deutschen massenhaft Frauen vergewaltigten und Brunnen vergifteten, was die Parole »le boche payera tout« nur umso populärer machte. All das legte den Grundstein für den Diktatfrieden von Versailles. Denn, je länger, desto mehr, wurden die Staatsmänner zu Gefangenen ihrer eigenen Parolen und zu Marionetten der Propagandabilder, die sie genährt und gezeichnet hatten. Ihre Versprechungen ließen sich nur halten, wenn man mit dem besiegten Gegner nicht verhandelte, sondern über ihn zu Gericht saß. Ein Verständigungs- und Ausgleichsfrieden hatte im Klima des totalen Krieges so gut wie keine Chance.

In dem vom Krieg heraufgeführten Zeitalter der Extreme wurden drittens die vertrauten Muster des Daseins und die festgefügten politischen Verhältnisse gesprengt. Der Krieg diskreditierte die Staatsform der autokratischen Monarchie auf Dauer und beendete die jahrhundertelange Herrschaft der Romanows, der Habsburger und der Hohenzollern in Russland, Österreich-Ungarn und in Deutschland. Von diesem politischen Erdbeben blieben auch die Imperien der Siegerstaaten nicht verschont. In Irland erbrachte ein blutiger Guerillakrieg gegen die britische Besatzungsmacht binnen zwei Jahren nach dem Krieg die Unabhängigkeit des irischen Freistaats und die bis heute andauernde Spaltung der Insel. In Ägypten erschütterten seit dem Frühjahr 1919 gewaltsame Massenproteste die Herrschaft der britischen Besatzungsmacht. Und in Indien, das mit mehr als einer Million Soldaten zum Sieg der Briten beigetragen hatte, begann der Unabhängigkeitskampf. Nach der Erschießung Hunderter unbewaffneter Demonstranten durch die Kolonialmacht erschallte der Ruf nach Autonomie und Freiheit, der nicht mehr verstummen sollte. Ähnliches spielte sich in den französischen Kolonien ab. Der Rifkrieg in Marokko Mitte der zwanziger Jahre, der fast gleichzeitige Aufstand in Syrien, die sich anschließende Rebellion in Französisch-Äquatorialafrika sowie die Auflehnung gegen das Besatzungsregime in Indochina zu Beginn der dreißiger Jahre machten deutlich, dass die Epoche des Kolonialismus ihrem Ende zuging.

Auch auf dem europäischen Kontinent waren die Erschütterungen des Krieges zu spüren. In der Zivilgesellschaft machte sich ein Kult des Militärischen breit, ja, das permanente Kriegspielen in Friedenszeiten bestimmte fortan das Dasein der Menschen. Freikorps, Wehrverbände, örtliche Veteranen- und Kriegervereine schossen vor allem in Deutschland wie Giftpilze aus dem Boden. Sie pflegten allerlei martialische Rituale, verherrlichten die Erinnerung an das Fronterlebnis und kultivierten Opfermut und nationale Glorie. Ihr Reservoir waren die Heerscharen von entwurzelten Frontkämpfern, die nicht mehr ins Zivilleben zurückfanden und sich als Gegentypus zur alten bürgerlichen, nach ihren Begriffen morschen und dekadenten Welt begriffen. Das galt für die britischen Einheiten der »Black and Tans« sowie der »Auxies«, welche die irische Unabhängigkeitsbewegung bekämpften. Es galt für die Freischaren Gabriele D’Annunzios, den Kern des italienischen Faschismus. Und es galt vor allem für Adolf Hitler(2) und die Exponenten der NSDAP, die diese Spezies in Reinform verkörperten. Sie praktizierten eine Art von »kaltem Krieg« auf innenpolitischem Feld, agitierten gegen jede Form von zivilem und legalem Recht, diskreditierten die Weimarer Regierungen als »Novemberverbrecher«, als »parlamentarische Spulwürmer und Schleimsieder« und als »vaterlandslose Erfüllungsgehilfen« des »Versailler Schandfriedens«. Diese »Generation des Unbedingten« (Michael Wildt) wurde angetrieben von der Erfahrung des »gestohlenen Sieges«. Sie war gekennzeichnet von einem unbändigen Fanatismus, von der Anbetung roher und brutaler Gewalt und von dem durch nichts zu erschütternden Vorsatz, ihre radikalen antisozialistischen und antidemokratischen Affekte und Ziele ohne Rücksicht auf staatliche Normen und Moral mit unbedingter Konsequenz und unerbittlicher Rücksichtslosigkeit durchzusetzen. Zum Unbedingten gehörten die Verachtung von Kompromiss und Ausgleich sowie der inbrünstige Glaube an die Gestaltungskraft des Radikalismus. Der 1902 geborene Ernst von Salomon(1), der beim Kriegsende in ein Freikorps eintrat und an der Vorbereitung des Mordes an Walther Rathenau(1) beteiligt war, legte in seiner Autobiographie von 1930, »Die Geächteten«, davon Zeugnis ab. »Wir glaubten, daß wir die Macht haben müßten, kein anderer als wir, um Deutschlands willen. […] Denn was die in Berlin taten, so dachten wir, das taten sie nicht unbedingt, es war Deutschland ihnen nicht der zentrale Wert, wie uns, da wir sagten, wir sind Deutschland. […] Das Unbedingte, das war es, was wir in Berlin vermißten, und darum dünkte uns Macht so gnadenvoll und leicht.«[10]

Dahinter stand als vierter Faktor von Relevanz ein ungeheurer zivilisatorischer Rückschritt, ein Rückfall in urzeitliche, vormoderne Grundmuster des Zusammenlebens. Der Krieg hatte die Errungenschaften des aufklärerischen Denkens, der Würde, der Emanzipation und der Autonomie des Individuums außer Kraft gesetzt. An die Stelle des abendländischen Individualismus und der dem staatlichen Zugriff entzogenen Menschen- und Bürgerrechte, wie sie 1789 in klassischer Manier ihren Ausdruck gefunden hatten, traten nun die auf Rauschhaftigkeit, Verführbarkeit und kollektive Uniformierung der Menschen setzenden pseudoreligiösen Ideologien der Zwischenkriegszeit: der Faschismus, der Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus. Im Stile von Heilsbringern mit sektenartigem Zuschnitt und angeführt von Exponenten des Kriegserlebnisses, hielten sie die Massen fest in ihren Klauen. Zugleich wurden ganze ethnische und soziale Gemeinschaften verfemt und aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Von dieser Rückgängigmachung der Emanzipation, die einem nie dagewesenen Kulturbruch den Boden bereitete, waren in Deutschland vor allem die Juden betroffen. Denn der verlorene Krieg wirkte wie ein Katalysator des bislang subkutan gebliebenen Antisemitismus. In Russland kamen durch den Roten Terror nach der Oktoberrevolution bis zu einer Million Menschen zu Tode. Betroffen waren nicht nur die Menschewiki und die Anhänger des Zaren, sondern vor allem das Bürgertum, ganz nach dem Leitspruch der Tscheka: »Wir führen nicht Krieg gegen Einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse.«[11] Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und die sogenannte Entkulakisierung, die zu Anfang der Stalinära die Deportation von zwei Millionen Bauern mit sich brachte, lösten eine Hungerkatastrophe mit vier bis sechs Millionen Toten aus. Und im Großen Terror der siebzehn Schreckensmonate von Juli 1937 bis November 1938 wurden weitere anderthalb Millionen Menschen verhaftet, von denen die Hälfte erschossen, die andere in die Lager des Gulags verbracht wurde.

Für diesen totalitären Gesamttrend, den der Krieg als Erbe hinterließ, war es bezeichnend, dass fast überall in Europa Diktaturen wie Sumpfblüten gedeihen konnten. Von den nach dem Krieg neu etablierten Demokratien in Mittel-, Ost- und Südosteuropa überlebte, wenn man von der Tschechoslowakei absieht, keine einzige: nicht in Deutschland, nicht in Italien, nicht in Polen, Ungarn, Rumänien, Österreich oder sonstwo. Der Typus der pluralistischen Demokratie war damit auf jene Räume im Westen des Kontinents zurückgeworfen, wo er bereits vor dem Weltkrieg bestanden hatte. Dieser autoritär-totalitäre Trend der Zwischenkriegszeit spaltete den Kontinent ideologisch und barg mit seiner Herausforderung des Status quo, die allen diktatorischen Regimen zu eigen ist, den Keim eines neuen Krieges in sich.

Die Auswirkungen der »Urkatastrophe« lassen sich fünftens auch auf dem Feld der Wirtschaft beobachten. Der Krieg zerrüttete nicht nur die Währungen. Er führte tiefgreifende Wirtschaftskrisen herauf. Die staatlichen und privaten Vermögen Europas waren auf den Schlachtfeldern buchstäblich verpulvert worden. Allein in Deutschland kostete ein Tag der Kriegführung bis 1916 zwischen sechzig und siebzig Millionen Reichsmark. Davon konnte nur ein Bruchteil durch Steuereinnahmen oder aus dem Haushalt solide finanziert werden. Rund 87 Prozent blieben ungedeckt. Die horrende Gesamtsumme der Kriegslasten von rund 209 Milliarden Dollar auf allen Seiten hatte man nur auf zwei Wegen aufbringen können: entweder durch Kriegsanleihen bei den Bürgern, die bereitwillig ihr Erspartes zur Verfügung stellten, beziehungsweise durch die Notenpresse, was die Geldumlaufmenge drastisch erhöhte. In Deutschland versechsfachte sich dadurch der Geldumlauf zwischen 1914 und 1918 von 9 auf 52 Milliarden Reichsmark. Oder, was London und Paris in großem Stil praktizierten, der Krieg wurde durch eine gigantische Verschuldung in den USA in Höhe von 16,4 Milliarden Dollar finanziert.

Die fatalen Konsequenzen lagen auf der Hand. Sie hießen: Reparationen, Staatsverschuldung und Hyperinflation. Deshalb hielt man sich am besiegten Gegner schadlos. Er sollte – entgegen aller wirtschaftlichen und politischen Vernunft – für alles in Form von Wiedergutmachungsleistungen aufkommen: für die Kriegskosten, die Kriegsschäden, die Pensionszahlungen an die Veteranen und Invaliden sowie für die Versorgungsbezüge der Hinterbliebenen. Alle Staaten standen somit 1918 vor einem riesigen Schuldenberg. In Deutschland waren dies 156 Milliarden Mark, in Großbritannien fast 6 Milliarden Pfund, in Frankreich 130 Milliarden Francs und in den USA 24 Milliarden Dollar. Und deshalb führte, besonders in Deutschland, der überbordende Geldumlauf geradewegs in eine horrende Inflation. Hier war die Geldmenge um fast 600 Prozent angestiegen. Aber statt das Ruder herumzuwerfen, bediente man die Reparationsforderungen der Alliierten erneut mit der Notenpresse. Dies führte zwar kurzfristig zur Vollbeschäftigung und bescherte der Wirtschaft einen Exportboom, da deutsche Waren zu Dumpingpreisen konkurrenzlos billig ins Ausland verkauft werden konnten. Aber dieses Strohfeuer heizte die Geldentwertung so unerhört an, dass man 1923 inmitten der Hyperinflation vor dem Staatsbankrott stand. Am Abend des 8. November 1923, dem Beginn des »Hitlerputsches« in München, mussten die Besucher für eine Eintrittskarte zu Beethovens »Fidelio« im Münchener Nationaltheater fünf Billionen Reichsmark hinblättern. Die Trambahnfahrt in die Oper hatte 5 Milliarden gekostet, und das Glas Sekt in der Pause war für 200 Milliarden Reichsmark zu haben.

Der Krieg revolutionierte sechstens auch die Territorialordnung wie kein Krieg zuvor, indem er die alte europäische Mächteordnung von Grund auf umstülpte. Mit dem Osmanischen Reich und der Habsburger Monarchie schwemmte er die Vielvölkergebilde hinweg. Mit durchwegs willkürlichen Grenzen, die bei der Pariser Konferenz gezogen wurden, schuf man 15 neue Staaten von Finnland im Norden bis hin zu Syrien und dem Irak im Süden; und die Polen erhielten nach über einhundertjähriger Teilung ihre nationale Souveränität zurück. Aber diese Neuordnung, die dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes fast durchweg Hohn sprach, legte den Keim für die hochexplosiven Nationalitätenkonflikte der Zwischenkriegszeit. Fast jeder dieser neuen Staaten war ein Kunstgebilde: zusammengewürfelt aus nationalen Minderheiten, die aus dem Staatsverband herausstrebten, zumindest Autonomie im multiethnischen Verband verlangten und sich dafür mächtige Kollaborateure suchten. Oder sie waren, wie im Fall der Tschechoslowakei und Jugoslawiens, Staaten, bei denen das eigentliche Staatsvolk, die Tschechen bzw. die Serben, in der Minderzahl war. All das sorgte für gravierende Integrationsprobleme, erzeugte beständige Unruheherde im Innern und schuf diverse Ansatzpunkte für eine erzwungene Grenzrevision von außen. Die Konstruktionsfehler der territorialen Neuordnung von 1919 etablierten somit eminente Faktoren der Destabilisierung, die Europa in Aufruhr hielten und an denen sich schließlich ein neuerlicher großer Krieg entzünden sollte.

Das gilt auch für den Nahostkonflikt, der seine Geburtsstunde ebenfalls im Ersten Weltkrieg hat. Die Briten verteilten den Nahen Osten gleich dreimal und legten damit die Wurzeln für die bis heute andauernden Streitigkeiten. Für einen Aufstand gegen das mit den Mittelmächten verbündete Osmanische Reich versprach der britische Hochkommissar in Ägypten, Sir Henry McMahon(1), in einem geheimen Briefwechsel im Juli 1915 dem Scherifen Hussein(1) ibn Ali, dem letzten haschemitischen Herrscher über Mekka, und seinen drei Söhnen, Ali, Faisal(1) und Abdullah, ein großarabisches Reich. Der britische Nachrichtenoffizier Thomas Edward Lawrence(1), berühmt geworden als »Lawrence von Arabien«, dem Peter O’Toole 1962 ein filmisches Denkmal setzte, verpfändete Faisal sogar sein Ehrenwort als britischer Offizier. Tatsächlich wurden die Araber um Faisal dann 1919 in Paris kalt und gnadenlos über den Löffel balbiert, als Ägypten, Palästina und der Irak unter britische Verwaltung kamen. Die Freundschaft Frankreichs, so ließ sich der britische Premierminister David Lloyd George(1) gegenüber Georges Clemenceau(1) vernehmen, sei mehr als zehn Syrien wert.

Der Hintergrund für diesen »Verrat«, wie er noch heute in der arabischen Welt bezeichnet wird, war ein dubioser Geheimvertrag aus dem Krieg: das »Sykes-Picot-Abkommen« vom 16. Mai 1916 zwischen England und Frankreich. Es machte alle arabischen Hoffnungen auf Selbstregierung und Unabhängigkeit zunichte. Denn die Briten hatten den Nahen Osten in eine eigene und eine französische Interessensphäre aufgeteilt. Mit Blick auf die Erdöllager und die zu erwartenden Transportwege sowie zum Schutz von Suez sicherten sie sich Jordanien, den Südirak und Palästina, während Frankreich die Herrschaft über die Südost-Türkei, den Nordirak, Syrien und den Libanon erhielt. Unter Missachtung der Wünsche der dort lebenden Bevölkerung, ohne Rücksicht auf ethnische und konfessionelle Grenzen, quer durch alle Stammesgebiete, schuf man aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches ein neues, gigantisches Kolonialgebiet, das sich von Beirut bis an den Persischen Golf und von Ostanatolien bis zum Sinai erstreckte.

Dies hinderte London jedoch nicht daran, in der »Balfour(1)-Declaration« vom 2. November 1917 dem britischen Bankier, Zoologen und Zionisten Lionel Walter Rothschild(1) die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zuzusagen. Mit diesem Manifest trug sich Außenminister Arthur James Balfour in die Geschichtsbücher ein. Es wurde zur Geburtsstunde Israels. Die Zionisten um Rothschilds Freund Chaim Weizmann(1) waren damit fast am Ziel angelangt. Schon während Balfours Zeit als Regierungschef eines Tory-Kabinetts, kurz nach der Jahrhundertwende, hatte der aus Russland stammende Chemieprofessor Weizmann dafür geworben. Damals, 1906, hatte ihn Balfour mitten im Wahlkampf im Queen’s Hotel am Londoner Piccadilly empfangen. Für das Gespräch war eine Viertelstunde vorgesehen. Es dauerte dann mehr als anderthalb Stunden, weil sich Weizmann vehement dagegen sträubte, Uganda, statt Palästina, als Heimstatt der Juden zu akzeptieren. Eine denkwürdige Szene, die Weizmann in seiner Autobiographie überliefert hat, ließ Balfour anderen Sinnes werden:[12] »Ich schwitzte Blut und versuchte, mich weniger pathetisch auszudrücken«, so erinnerte sich Weizmann. »Plötzlich sagte ich: Stellen Sie sich vor, ich gäbe Ihnen Paris anstelle von London. Würden Sie akzeptieren? Er richtete sich auf, sah mich an und antwortete: ›Aber Mr. Weizmann, wir haben London.‹ Das stimmt, sagte ich. Aber wir hatten Jerusalem, als London noch ein Sumpf war.«

Ein letzter und siebter Punkt, der das wegscheidende Scharnier des Weltkriegs markiert: Mitten im Krieg, im Jahre 1917, traten erstmals jene beiden Mächte auf den Plan, die das gesamte kommende Jahrhundert als Supermächte prägen sollten: die USA und die Sowjetunion. Noch im Ausgang des Krieges formulierten sie ihre weltumspannenden, programmatischen Ziele. Die USA begannen ihren Kreuzzug zur Durchsetzung von Demokratie und ökonomischer Freiheit. Sowjetrussland auf der anderen Seite gab das Fanal zur proletarischen Weltrevolution, um den werktätigen Klassen den Sprung aus dem Reich der Unterdrückung in das neu verheißene Reich der Freiheit zu ermöglichen. Beide Mächte nahmen durch ihr Eingreifen in den Weltkrieg einen wesentlichen Einfluss auf dessen Ausgang: die USA, indem sie die Waagschale des Kriegsgeschehens auf die Seite der Ententemächte drückten, und Sowjetrussland, indem es den Krieg im Osten beendete, indem es durch seine Versuche eines »deutschen Oktobers« den Durchhaltewillen im Reich unterminierte und durch seine schiere Existenz die Friedensmacher in Paris dazu bestimmte, Deutschland nicht aufzuteilen, sondern als Ganzes zu erhalten. Beide Mächte wirkten dann in der Zwischenkriegszeit prägend auf den Gang der weiteren Entwicklung ein, um – nach einem kurzen allianzpolitischen Intermezzo – den alten Kontinent nach dem Zweiten Weltkrieg wie zwei Riesenmagneten in der Mitte auseinanderzureißen, dort ihre antagonistischen Macht- und Einflusszonen zu etablieren und die Ruhelage Europas fortan von außen zu bewerkstelligen.

Diese sieben apokalyptischen Reiter, deren Pferde zwischen 1914 und 1918 gesattelt wurden, galoppierten in den nächsten Jahrzehnten durch Europa. Nahezu alles, was seither kam, hing an der Nabelschnur des Großen Krieges. Der Erste Weltkrieg hatte eine Zeitenwende heraufgeführt. Er stand am Anfang eines Jahrhunderts, das zum kriegerischsten in der gesamten Menschheitsgeschichte wurde, das ganze Völker der Ausrottung preisgab und das der Menschheit mit dem atomaren Overkill schließlich die Möglichkeit bescherte, sich selbst auszulöschen.

Die Frage nach der Verantwortung

Der Mann, der eingehüllt in die Nebelschwaden des trüben und düsteren 23. November 1918 am Hauptbahnhof in München in ein Eisenbahnabteil erster Klasse stieg, führte eine Ladung Dynamit mit sich. Es war kein Sprengstoff im herkömmlichen Sinne, um den Zug in die Luft zu jagen, der ihn nach Berlin bringen sollte. Er war kein Selbstmörder oder Terrorist, sondern ein Revolutionär und Weltverbesserer, der mit der Vergangenheit ein für alle Mal abrechnen wollte. Was er auf seiner Fahrt in die Hauptstadt zu einer Konferenz der Ministerpräsidenten, keine vierzehn Tage nach dem Waffenstillstand von Compiègne, mit sich führte und sorgfältig in seiner Aktentasche verstaut hatte, schlug trotzdem wie eine Bombe ein. Ihre Detonation sollte ihn binnen weniger Wochen dann selbst das Leben kosten.

Es waren die Abschriften von Geheimberichten des bayerischen Gesandten in Berlin, die aus der Julikrise von 1914 stammten. Darin stand zu lesen, dass die Reichsregierung ihren österreichischen Verbündeten zu einem unnachgiebigen Vorgehen gegen Serbien aufgestachelt, dass Berlin alle britischen Vermittlungsbemühungen hintertrieben hatte und dass die Verletzung der international verbrieften belgischen Neutralität durch das deutsche Heer von langer Hand geplant gewesen war. Der Weltkrieg war, so war er überzeugt, kein Akt der Notwehr gewesen. Er war von der Berliner Regierung bewusst ausgelöst worden. Er hielt den Beweis für die deutsche Kriegsschuld in seinen Händen. Und dieser Beweis, so hatte er es eingefädelt, sollte am nächsten Tag in der Presse publiziert werden, um die Öffentlichkeit wachzurütteln, ihr endlich die Augen zu öffnen und die sich in Paris versammelnden Siegermächte zu einem milderen Frieden zu bewegen.

Kurt Eisner(1), so hieß dieser politische Attentäter, war vom Münchener Arbeiter- und Soldatenrat Anfang November 1918 zum ersten Ministerpräsidenten der neuen bayerischen Republik gewählt worden. Seitdem hatte er öffentlich die »alleinige Schuld« des Kaiserreichs an der Weltkatastrophe in die Köpfe der Leute gehämmert. Er hatte die führenden Politiker in Berlin als »Kriminelle« bezeichnet und sie bezichtigt, ein unerhörtes »Verbrechen« ausgeheckt zu haben. In der USPD-Zeitung »Republik« konnte man diese Anklagen täglich in der Rubrik mit dem bezeichnenden Namen »Am Pranger« nachlesen. Selbst vor einer gezielten Kürzung und tendenziösen Bearbeitung der ans Licht gezerrten Dokumente war Eisner nicht zurückgeschreckt, so dass selbst führende linke Politiker und Pazifisten, wie Philipp Scheidemann(1) und Ludwig Quidde(1), öffentlich von ihm abrückten. Der Furor über Eisners(2) Anklagen gipfelte im Vorwurf des Historikers Hans Delbrück(1), dass dessen Publikation »eine der frechsten und niederträchtigsten diplomatischen Fälschungen der Weltgeschichte« sei.[13]

In der Stunde von Niederlage und Demütigung, von Enttäuschung, Wut und Chaos, war Eisners(3) Agitation für viele ein beispielloser Vorgang »nationalen Verrats«, noch dazu in der hochsensiblen Phase zwischen Waffenstillstand und Zusammentreten der Pariser Friedenskonferenz. Eisner bereitete damit nicht nur dem zersetzenden Gift der »Dolchstoßlegende« den Boden. Er gab auch den Siegermächten die Argumente an die Hand, das Kaiserreich vor der Völkergemeinschaft als Kriegstreiber zu brandmarken. Das Echo auf Eisners Aktion ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Schon in seiner Eröffnungsansprache zur Versailler Konferenz am 18. Januar 1919 kam der französische Staatspräsident Poincaré(2) auf Eisners Agitationstätigkeit zurück. Er sprach vor den Delegierten aus 27 Siegernationen im Versailler Spiegelsaal von der »blutdurchtränkten Wahrheit«, die »aus den kaiserlichen Archiven ans Licht gekommen« sei und die den »vorsätzlichen Charakter des Anschlags« auf den Frieden Europas unter Beweis stelle. Und Eisners Befunde spielten auch eine gewichtige Rolle in der von den Alliierten eingesetzten Untersuchungskommission zur Feststellung der deutschen Kriegsschuld.[14]

Die Nemesis folgte auf dem Fuße. Keine zwei Wochen nach der Landtagswahl in Bayern vom 12. Januar 1919, als Eisners(4)USPD gerade mal 2,5 Prozent der Stimmen (drei Sitze) erhalten und er eine krachende Wahlniederlage eingefahren hatte, bekam er die Folgen seiner Enthüllungsaktion vom Spätherbst 1918 am eigenen Leib zu spüren. Der »Landesverräter«, wie ihn seine hasserfüllten nationalistischen Gegner brandmarkten, wurde auf dem Weg in den bayerischen Landtag in der heutigen Faulhaberstraße, nahe der Liebfrauenkirche, aus unmittelbarer Nähe mit zwei Schüssen in Rücken und Kopf niedergestreckt. An diesem Freitagmorgen hatte der 22-jährige Mordbube Anton Graf von Arco auf Valley(1), Leutnant der Infanterie und Jurastudent, in seinem Zimmer in der Pension »Prinzregent« mit Blick auf Eisner Folgendes auf einen Zettel notiert: »Erstens: strebt verdeckt nach Anarchie, um sein und der Räte Bleiben zu erreichen; zweitens: ist Bolschewist; drittens: ist Jude; viertens: ist kein Deutscher; fünftens: fühlt nicht deutsch; sechstens: untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen; siebtens: ist ein Landesverräter. Das ganze Bayernvolk ruft: weg mit ihm.«[15]

Seit dieser Bluttat vom 21. Februar 1919 ist die Diskussion nicht mehr verstummt, wer die Verantwortung für den Höllensturz in den Weltkrieg trägt, der den Kontinent ins Chaos führte und auf Jahrzehnte prägte. Ihre eigentliche Schärfe und Dimension erhielt die Frage dann wenige Monate später durch die Umstände und das Verdikt des Versailler Vertrags. Im berüchtigten Artikel 231, dem sogenannten »Kriegsschuldartikel«, hieß es mit Datum vom 28. Juni 1919 in Teil VII unter »Strafbestimmungen« des Vertragstextes, »daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber aller Verluste und aller Schäden verantwortlich sind, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Angehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben«.[16]

Dieser Passus, der ursprünglich zur Begründung der alliierten Reparationsforderungen gedient hatte, erfuhr seine die Emotionen hochpeitschende Brisanz durch die sogenannte »Mantelnote« der Siegermächte zehn Tage zuvor. Sie wies nicht nur die schriftlich vorgebrachten Einwände der deutschen Seite gegen den Vertragsentwurf brüsk zurück und forderte die Reichsregierung in Form eines den Einmarsch in Deutschland androhenden Ultimatums auf, »binnen 5 Tagen« den Frieden »in seiner jetzigen Gestalt« entweder anzunehmen oder abzulehnen. Unter Punkt 1 war hier auch die Antwort auf die Frage nach der »Kriegsschuld« in aller Deutlichkeit formuliert und in eine stigmatisierende, in der Sprache der Diplomatie bislang ungekannte Form gekleidet worden. Das Deutsche Reich, so hieß es, habe durch seine Kriegserklärungen vom August 1914 danach getrachtet, »ein unterjochtes Europa zu beherrschen und zu tyrannisieren«. Der Krieg sei »das größte Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die Freiheit der Völker gewesen, welche eine sich für zivilisiert ausgebende Nation jemals mit Bewußtsein begangen hat«. Deutschland habe sich »jedem Versuche der Versöhnung und Beratung entzogen, bis es zu spät war; und der Weltkrieg ist unvermeidlich geworden, jener Weltkrieg, den sie angezettelt hatten, und für den Deutschland allein unter den Nationen vollständig ausgerüstet und vorbereitet war.«[17]

Diese Zeilen atmeten den Geist von Rache und Vergeltung, für den der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau(2) stand, der zugleich als Vorsitzender der in Paris tagenden Friedenskonferenz agierte. Als junger Bürgermeister von Montmartre hatte er im Frühjahr 1871 hautnah die Beschießung von Paris durch die Kanonen der Preußen erlebt. Damals, inmitten von Pulverdampf und stöhnenden Verwundeten, hatte er sich geschworen, diese Schmach dereinst zu rächen und dafür zu sorgen, dass sich so etwas niemals wiederholen könne. Nach fast einem halben Jahrhundert war die Stunde der Abrechnung endlich gekommen. Clemenceau hatte dafür gesorgt, dass die Friedenskonferenz genau am 18. Januar 1919 im Spiegelsaal von Versailles eröffnet wurde. Die Wahl des Datums wie des Ortes hatten symbolischen und programmatischen Charakter. Auf den Tag genau 48 Jahre zuvor war hier das zweite Deutsche Kaiserreich aus der Taufe gehoben worden. In der Herzkammer seiner Großmachtexistenz hatte Frankreich damals seine schwärzeste Stunde erlebt. Nun wollte Clemenceau das Rad der Geschichte zurückdrehen und die nationale Schmach tilgen. Der kleine, energiegeladene, längst ergraute und schnauzbärtige Mann, der mit seinen klaren blauen Augen, seiner abgewetzten Kappe und seinem runden, Güte und Gemütlichkeit ausstrahlenden Gesicht wie ein freundlicher Großpapa aussah, war tatsächlich das genaue Gegenteil. Er war ein Vulkan, der mit seinem Lavastrom an glühenden Worten und zündenden Parolen das Volk aufrüttelte, der sich seinen Beinamen, »der Tiger«, im Glutofen eines turbulenten Jahrhunderts verdient hatte, an dessen Tür die politischen Skalps von einem knappen Dutzend Ministern hingen, deren Intrigen und Verfehlungen er ruchbar gemacht hatte, und der sein Friedensprogramm auf die einfache Formel gebracht hatte: »Der Fehler der Deutschen ist es, dass es zwanzig Millionen zuviel von ihnen gibt.«[18]

Jetzt ließ Clemenceau(3) seiner Rache gegen die »Boches«, wie er die Deutschen mit Verachtung nannte, freien Lauf. Schon die Geschwindigkeit des Eisenbahnzuges, der die deutsche Delegation zur Unterwerfung unter das Friedensdiktat heranschaffte, ließ er inmitten der Trichterlandschaften des Krieges immer wieder auf Schrittempo drosseln, damit jeder die angerichteten Zerstörungen in Frankreich genau studieren konnte. Im »Hôtel des Réservoirs«, das er den Deutschen zugewiesen hatte, ließ er die Heizung abstellen, so dass alle in dicken Wintermänteln mit Wollmützen wochenlang frierend herumsitzen mussten, bis sie endlich vor ihre Richter treten durften. Die Wände hatte er mit Wanzen und Mikrofonen bestückt, so dass sich die Delegierten nur durch die überlaute Musik Richard Wagners(1) vor dem Abhören schützen konnten, genauso wie vor den Beleidigungen, die er ihnen jeden Tag durch Hunderte von Demonstranten vor dem Gartenzaun und den vergitterten Fenstern lautstark entgegenschleudern ließ. Und für jenen 28. Juni 1919, den Tag der Abrechnung, wie er sagte, hatte er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. In einer Fensternische, direkt hinter dem Tisch, an dem die deutschen Vertreter den Frieden unterzeichnen mussten, hatte er lebende Denkmäler des Schreckens aufgestellt: fünf stumme Gestalten in Soldatenuniform. Es waren grausam zugerichtete Männer, deren Gesichter durch Granaten zerfetzt worden waren, die wie Monster des Krieges aussahen. Die Gesichtsversehrten waren, so konnte man es am Folgetag in der Zeitung lesen, »Zeugen des Krieges, Kläger und Richter« in einem.

Nicht zuletzt diese Begleitumstände waren es, welche die Deutschen bald von einem »Schanddiktat« sprechen ließen, ein Umstand, der eine konstruktive Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern verstellte und einen Bruch mit der Vergangenheit so ungemein erschwerte. Das kulturelle Gedächtnis der Nation in den Jahren nach 1919 blieb auf diese Demütigungen und auf die »Kriegsschuldfrage« fixiert. Aber der Kampf gegen die »Kriegsschuldlüge« wurde ohne Gewehre und Kanonendonner geführt.[19] Die Widerlegung des Versailler Verdikts und die Erringung der Deutungshoheit über das Geschehen erfolgte auf dem Papier. Schon Anfang 1919 hatte die sozialistische provisorische Regierung in Berlin vergeblich die Einrichtung einer neutralen internationalen Gutachterkommission gefordert, die Zugang zu den Akten aller Hauptbeteiligten haben sollte. Im Jahre 1921 erschienen dann die vierbändigen »Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914«. Schließlich richtete das Auswärtige Amt ein Kriegsschuldreferat ein, das die sogenannte »Zentralstelle für die Erforschung der Kriegsursachen« betrieb. Ihr Auftrag war, die dokumentarisch geführte »Unschuldskampagne« mit Blick auf das Ausland wissenschaftlich zu untermauern und mit der 1923 ins Leben gerufenen Zeitschrift »Berliner Monatshefte« auch zu popularisieren. In den folgenden Jahren wurde die deutsche wie die internationale Öffentlichkeit förmlich überschwemmt mit einer gewaltigen Aktenedition, welche die deutsche Vorkriegspolitik zwischen 1871 und 1914 dokumentierte und sich bald auf vierzig Bände auswuchs. Hinzu kamen die Publikationen von Beutematerial aus den belgischen Archiven sowie der Korrespondenzen zwischen den russischen Botschaften in London und Paris mit dem russischen Außenministerium, die man entweder durch geheime Zuträger erhalten hatte oder welche die neue bolschewistische Regierung in Moskau ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hatte.[20] Und jetzt, da die Deutschen in ihrer Rechtfertigungsobsession vorgeprescht waren, konnten auch die anderen Mächte nicht zurückbleiben. Bald darauf erschienen ähnliche große Akteneditionen zur Vorgeschichte des Krieges in Paris, London und Wien.[21]

Die Entstehungsgeschichte des Weltkriegs und die Fahndung nach den Verantwortlichen für das mörderische Geschehen ist damit der am dichtesten dokumentierte historische Beziehungskomplex der gesamten Menschheitsgeschichte. Ungeachtet dieser Aktenflut kam man jedoch weder einer eindeutigen Klärung der Ursachen des Krieges näher noch einer zweifelsfreien Enttarnung seiner Urheber. Ein Erklärungs- und Deutungskonsens hat sich denn auch bis heute in der Wissenschaft nicht eingestellt. Ein Grund dafür ist, dass das so reichhaltig sprudelnde Quellenmaterial auf allen Seiten, obzwar nicht von Fälschung der Dokumente, so doch von willkürlichen Auslassungen und einer selektiven Auswahl geprägt war, die den zeit- und zweckbestimmten exkulpatorischen Motiven geschuldet war.[22] Ein zweiter besteht darin, dass kein einziger der im Sommer 1914 verantwortlichen Staatsmänner den Grad an Selbstreflexion, an Einsicht oder gar die Selbstkritik aufbrachte, sich über sein Handeln im Vorfeld des Krieges Rechenschaft abzulegen und seinen Anteil an der Katastrophe realistisch zu bemessen. Die Erinnerungen der Hauptbeteiligten zementierten vielmehr im Stile einer Rechtfertigungsstrategie des eigenen Tuns entweder die Version vom unausweichlichen Verteidigungs- oder Defensivkrieg, wie im Falle von Bethmann(2) Hollweg oder Sergej Sasonow(1). Sie manipulierten den tatsächlichen Verlauf des Geschehens durch gezielte Verdrehungen, Unterdrückungen und Klitterungen, wie in den Memoiren des französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré(3). Oder sie nahmen Zuflucht zu überpersönlichen Zwängen und schicksalsschweren Kausalitäten, indem sie postulierten, dass der Krieg »von niemand Verantwortlichem gewollt war« und dieser einem Naturereignis gleich hereingebrochen sei, so dass alle Staatsmänner gegen ihren Willen in diesen hineingeschlittert seien.[23]

Der wichtigste Umstand für den Dissens ist jedoch ein dritter: Dem Ersten Weltkrieg folgte ein Vierteljahrhundert später ein Zweiter Weltkrieg, der in seiner Grausamkeit und Totalität, in seiner Zerstörungskraft und in seinem Vernichtungswahn jegliche Vorstellungskraft übertraf und der vom nationalsozialistischen Deutschland bewusst herbeigeführt und ausgelöst wurde.[24] Seither ist man fast zwangsläufig versucht, den ersten Krieg als Vorgeschichte des zweiten zu deuten und die Vergangenheit am Maßstab ihrer Folgen und Kausalitäten für den Fortgang der Dinge zu messen. Im Gefolge von Hitlers(3) Krieg geriet damit vor allem das Deutsche Kaiserreich ins Fadenkreuz der Fahndung. Es wurde als Vorläufer des »Dritten Reichs« abgestempelt, woraus sich sachlogisch der Folgeschluss einer nachträglichen Bestätigung des Versailler Verdikts von der Kriegslüsternheit der Deutschen im 20. Jahrhundert ergab.

Ja, die diabolische List des Geschichtsverlaufs sorgte dafür, dass Hitler(4), ungeachtet seines Selbstmords im Berliner Bunker, nach seinem Tode fast noch mächtiger als zu Lebzeiten wurde. In seinem Schatten standen fortan nicht nur die Zukunft und das Selbstverständnis der Deutschen: ihre kollektive Erinnerungskultur, die um den Zivilisationsbruch des Holocausts kreist; ihr gebrochenes Verhältnis zu Macht und Staatsautorität; ihre Ablehnung nackter Real- und Interessenpolitik, an deren Stelle ein moralisierender Impetus getreten ist; ihr Verzicht – ganz anders als 1919 – auf Revision der Landkarte und auf Reconquista der verlorenen Territorien und, nicht zuletzt, ihr Schwur, dass niemals wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgehen dürfe. Hitlers Schatten verdunkelte aber zugleich die Vergangenheit der Nation, indem abenteuerliche Kontinuitätslinien vom Mittelalter bis in die Zeitgeschichte konstruiert wurden. Alles und jeder in der deutschen Geschichte sah sich dem Verdacht ausgesetzt, dem Unheil den Weg geebnet, dem Götzenkult Vorschub geleistet und dem Dämon die Saat ausgebracht zu haben. Die Vergangenheit wurde zur Geisel der Gegenwart. Das Kaiserreich wurde zur Vorstufe der »Machtergreifung« und damit zum Anfang der Schuld- und Gewaltgeschichte der Deutschen.

»Selbstauskreisung« oder »Einkreisung«?

Im Jahre 1977 spielte sich in einem Klassenzimmer im australischen Sydney eine bezeichnende Szene ab. Dort stand an einem heißen Julinachmittag eine Geschichtsklausur über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs an. Als die Arbeitsblätter ausgeteilt waren, baute sich der Lehrer vor der Klasse auf und hielt eine Hand in die Höhe. Von dieser spreizte er nacheinander jeden einzelnen seiner Finger ab und sagte an seine Eleven gewandt Folgendes: »Wenn Ihr die Fragen zu den Ursachen des Weltkriegs beantwortet, denkt an die fünf Herausforderungen, mit denen Berlin die anderen Mächte provozierte: 1. Tirpitz(1)