Kalksburg 2.0 - S. W. - E-Book

Kalksburg 2.0 E-Book

S. W.

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Beschreibung

Hier beschreibt die Autorin ihren zweiten Aufenthalt in einer Entzugsklinik. Sie gibt Einblick in die Höhen und Tiefen, ihre Gedanken und Gefühle während der Therapie von Anfang bis zum Schluss.

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kalksburg 2.0

Kalksburg 2.0Über den AutorWichtiger HinweisDanksagungVorwortKapitel 1 - Die erste WocheKapitel 2 - Die zweite WocheKapitel 3 - Die dritte WocheKapitel 4 - Die vierte WocheKapitel 5 - Die fünfte WocheKapitel 6 - Die sechste WocheKapitel 7 - Die siebente WocheKapitel 8 - Die achte WocheKapitel 9 -Die neunte WocheKapitel 10 - Die zehnte WocheKapitel 11 - Die elfte WocheKapitel 12 - Die zwölfte WocheKapitel 13 - Die dreizehnte WocheKapitel 14 - Das erste Monat nach der EntlassungNachwortImpressum

Kalksburg 2.0

Ein Tatsachenbericht einer Alkoholikerin 

Über den Autor

Die Autorin wurde 1992 in Wien geboren, wo sie heute noch lebt. "Kalksburg 2.0" ist ihre erste biografische Arbeit über ihren zweiten Alkoholentzug und die Therapie in einer Klinik.

Wichtiger Hinweis

Aus Schutz der Privatsphäre, werden keine Namen von Patienten, Ärzten,  Psychotherapeuten und weiteren Pflegekräften erwähnt.

Danksagung

Ich möchte all den Menschen danken, die mich so weit gebracht haben, dass ich die Stärke aufbringen konnte, dieses autobiografische Werk überhaupt zu schreiben. Ich bedanke mich bei den Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften und auch dem Küchenpersonal von Kalksburg, die SEHR zu meiner Genesung beigetragen haben. Und ich danke all den Menschen, die mich trotz meines Rückfalls weiterhin unterstützt haben. Allen voran meine Mutter und mein Bruder. Gefolgt von Freunden und Freundinnen, die mich trotz meiner Abhängigkeit nicht fallen gelassen haben. 

Vorwort

Zu Beginn gebe ich es offen und ehrlich zu: Ich bin seit Jahren alkoholabhängig. Es ist nicht so, dass ich einfach nur oft trinke, sondern dass ich physisch und psychisch von dieser Substanz abhängig bin. Bereits vor meinem zweiten Einzug in die Entzugsklinik habe ich beschlossen, meinen Tagesablauf mitzuschreiben. Allerdings diesmal wesentlich intensiver. Ich werde intime Einblicke in mein Leben geben, meine Gedanken und Gefühle offenlegen. Mein Ziel ist es, anderen Menschen damit helfen zu können. Darin zu helfen, es zu verstehen. Vor allem möchte ich aber Betroffenen oder ihren Angehörigen helfen. Die Gedankengänge und Entscheidungen eines Alkoholikers sind manchmal verwirrend und unverständlich, aber ich versuche trotzdem, so verständlich wie möglich zu schreiben und mich nicht in komplizierte Satzfolgen zu verstricken.

Ich möchte auch den Menschen von Herzen danken, die mich trotz meines zweiten Falles in den Alkohol weiterhin unterstützt haben. Diejenigen, die ich meine, wissen es bereits. Ich danke auch dem gesamten Team der Klinik, in der ich stationär auf Therapie war.  Diese Menschen dort leisten wirklich großartige und wichtige Arbeit. 

Ich kann nicht sagen, ob diese wirklich aus tiefster Seele offengelegten Tatsachen, die ich über mich preisgebe, mein Untergang oder mein Aufstieg sind. Aber eines ist für mich klar: Ich will mich nicht verstecken und  ich will auch kein Mitleid. Ich will einen Teil meines Lebens einfach nicht verschweigen. Ich werde mich nicht für mein Suchtproblem schämen. Ich will nicht angeprangert werden für das, was hier drin steht ... Ich will helfen ...

Ich stehe dazu: Ich bin Alkoholikerin.

S. W., Wien am 5. Juli 2019

Kapitel 1 - Die erste Woche

Tag 16 ohne Alkohol. Es ist hart. Die letzten zwei Wochen waren die Hölle. Körperlicher Entzug ohne Medikamente. Dauernd müde, dauernd depressiv. Mein letzter Rausch am 28. Oktober war katastrophal. Ich hab meinem Bruder eine Watschen gegeben und kann mich Nüsse daran erinnern. Wahrscheinlich hab ich jetzt auch Hausverbot im Della Lucia. Ich weiß es einfach nicht mehr. Bier, Wein und Wodka haben mal wieder einen anderen Menschen aus mir gemacht. Und am darauf folgenden Montagmorgen traf ich eine Entscheidung: Ich muss noch einmal auf Entzug. Mir blieb einfach keine andere Wahl. Ich bat Mama, schon an diesem Tag nach Wien zu kommen. Sie kam nur unter der Bedingung, dass wir was tun.

Das Duschen fiel mir schwer, weil ich noch einen ordentlichen Restpegel hatte. Als Mama da war, fuhren wir auf die Wiedner Hauptstraße. Ab da ging dasselbe, na ja, FAST dasselbe Theater wie letztes Jahr los. Krankmeldung vom Hausarzt, weil ich nicht mehr arbeiten konnte – Lungenröntgen – Blutabnahme – Regionales Kompetenzzentrum … Mehrmalige Kontrolltermine in der Ambulanz …

Merkte den körperlichen Entzug sehr stark. Ich zitterte und schlief sehr viel … Während ich das hier niederschreibe, bin ich so müde, dass ich einschlafen könnte.

Aber die zwei Wochen vergingen mit Depressionen und Phasen der völligen Unfähigkeit. Oft war ich froh, dass ich es überhaupt geschafft habe, mich anzuziehen und zu waschen. Unproduktivität hoch 17. So arge Depressionen hatte ich schon lange nicht mehr …

Am Tag vor dem Einrücken war ich wieder komplett unfähig, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Langes Warten zermürbt einen. Aber morgen geht es endlich los. Die Gefühle sind gemischt: Einerseits Freude über den Start eines zweiten Versuchs, andererseits Traurigkeit und Niedergeschlagenheit, weil es WIEDER so weit gekommen ist …

Am Morgen des Beginns war meine Stimmung im Keller. Die Nerven lagen blank. Die Verabschiedung von meinem Bruder war flüchtig, weil er schon spät dran war … Das Abschiednehmen von meinen beiden Katern war auch diesmal sehr schwer. Die beiden können mir schließlich nicht über WhatsApp schreiben … War wieder am Heulen. Ich vermisse die zwei Flauschis schon jetzt, dabei bin ich noch keine 24 Stunden hier. Diesmal warte ich nicht über drei Wochen, bis ich zum ersten Mal nach Hause fahre. Das halte ich nicht noch ein Mal aus …

Jedenfalls brachte Mama mich zur Klinik. Auf dem Weg dorthin war ich hauptsächlich in Gedanken versunken. So was wie: Jetzt musst du schon wieder dort rein … Wie konntest du nur so blöd sein und glauben, dass du kontrolliert trinken kannst … Noch einmal Kalksburg … Sechs bis acht Wochen … Ist das Opfer aber wert, wenn sie hier meine Depressionen, Ängste, die Zwangsneurose und Selbstverstümmelung wegkriegen. Mit Borderline ist das Leben wirklich schwieriger. Wahrscheinlich hätte ich das Alkoholproblem nicht, wenn ich nicht depressiv wäre. Aber ich wurde von Tag zu Tag depressiver, nachdem nach drei Jahren meine Antidepressiva abgesetzt und durch andere ersetzt wurden

Zu Beginn war die Warterei für die Aufnahme. War ruhig, aber auch sehr niedergeschlagen. Wieder alles von vorne. Du bist schon wieder hier. Weil du, deiner Meinung nach, einfach zu schwach warst …

Dann kam das erste Gespräch bei der Aufnahme. Geburtsdatum? Adresse? Telefonnummer? – alles gleich geblieben … Und es ist scheiße, dass ich nicht rezeptgebührenbefreit bin. Über 300 Euro blechen … Tja, Selbstbehalt.

Meine Karte (samt dem Foto) ist dieselbe wie letztes Mal. Jetzt ist mir klar, warum sie diese am letzten Tag zurückhaben wollen – für die Wiederkehrer.

Anschließend kam das Verabschieden von Mama. Feste Umarmung und Bussis. Diesmal funktioniert es … Hoffentlich … Mein neu gesetztes Ziel sind 1000 Tage, also fast drei Jahre … Wenn ich DAS schaffe, brauche ich den Alkohol nicht mehr.

Mein Zeug schleppte ich in den ersten Stock zum Stützpunkt. Bin ja wieder im selben Haus und kann mich orientieren. Im großen Vertrauen zu meinen (mir noch fremden) Mitpatienten ließ ich meine Taschen draußen stehen und folgte der Pflegekraft in den Raum. Anschließend folgte das Blutdruckmessen (hatte einen Puls von 107), ein Mal Wiegen (66,5 kg) und die ersten Fragen inklusive Atemtest: Wann ich das letzte Mal getrunken habe? Wie viel? Ob ich schon in diesem Jahr stationär wo war? … Dann folgte ein Aufnahmegespräch mit einer weiteren Dame. Dieses dauerte länger. Dieselben Fragen und weitere. Von dieser Mitarbeiterin wurde ich dann in das Zimmer 1.35 gebracht, das ich in der ersten Nacht wohl für mich alleine habe. Ich hab das merkwürdige Gefühl, dass ich letztens auch in diesem Aufnahmezimmer war …

Als ich endlich allein war, atmete ich tief durch und packte nur die nötigsten Sachen aus, weil man sowieso nur ein paar Tage im Aufnahmezimmer bleibt …

Danach brauchte ich unbedingt eine Zigarette und versuchte dabei, Anschluss zu finden. Ist diesmal aber gar nicht mal so leicht … Vielleicht wird’s besser, wenn ich ab morgen Mittag im Speisesaal essen gehe …

Ich hoffe, meine Zimmergenossin ist ungefähr so alt wie ich. Auch, wenn es nur vorübergehend ist …

Nach der Zigarette und dem Vanille-Cappuccino war ich im Zimmer. Außer schreiben war nicht viel drin, und sogar DAS kostet mir wirklich viel Kraft … Also hab ich mich auf mein Bett gelegt und an die Decke gestarrt. Ich war deprimiert und fühlte mich kraftlos. Ich hätte auch wirklich einschlafen können. Bevor das passierte, ging ich noch mal nach unten rauchen, wo ich einen alten Bekannten von meinem Klinikaufenthalt im letzten Jahr traf. Bei ihm war es auch der Alkohol. Wenigstens kenne ich jemanden, mit dem ich ab und zu reden kann, wenn ich sonst keinen Anschluss finde. Aber vielleicht liegt es daran, dass erst Anfang der Woche ist – das heißt, dass noch einige gehen und auch neu dazukommen. Mein alter Bekannter hat nämlich nur noch drei Wochen …

Kaum hab ich mir die zweite Tschik angeraucht, kam mein behandelnder Arzt extra nach draußen, um mich für das medizinische Gespräch zu holen. Dieses dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Wie viel? Was? Warum? Selbstmordgedanken? Ritzen? Und so weiter und so fort … Natürlich war es mir unangenehm, wieder alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Habe jedoch verschwiegen, dass ich mir im Vollrausch schon das große Küchenmesser am Hals angesetzt und mich dabei leicht verletzt habe. Von meinem exzessiven Händewaschen hab ich aber erzählt … Wahrscheinlich fiel es mir heute so schwer, weil ich im Gegensatz zu letztem Mal nüchtern bin. Ein feiner, aber GEWALTIGER Unterschied. Aber auch dieses Gespräch fand ein Ende.

Also ging ich um 13 Uhr mit allen anderen aus dieser Abteilung in den Keller zur Basisgruppe. Die hielt lustigerweise meine Therapeutin ab, bei der ich morgen einen Termin habe. Es ist komisch, die Klinikmitarbeiter wieder zu sehen. Dachte eigentlich mal, ich muss diese nie wieder sehen, weil ich ja trocken bleibe … Schmecks, jetzt bin ich beim zweiten Versuch. Diesmal will ich eher aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht. Und das ist phasenweise eine Menge …

Beim Vortrag ging es um die Entstehung von Abhängigkeit. Was ist Sucht? Welche Kriterien müssen dafür erfüllt sein? Und so weiter. Genau denselben Vortrag hab ich vor über einem Jahr gehört. Aber was soll’s? Bin ja selbst schuld, dass ich wieder hier gelandet bin. Hätte ja nicht wieder zu saufen anfangen müssen. Mir muss bewusst werden, dass ich wirklich NIE WIEDER Alkohol trinken darf. Klingt mit 26 echt hart.

Danach kam um 14 Uhr die übliche „Sudergruppe“, die sich ehrlich gesagt absolut nicht verändert hat. Ein lähmendes Gerede über das Verbot von Wasserkochern, Teelichtern, und Beschwerden über Kakerlaken in Zimmern …

Draußen setzte ich mich beim Rauchen zu Mitpatienten dazu und knüpfte erste Kontakte. Ich bin nicht die Einzige, die zum zweiten oder wiederholten Mal hier auf Therapie ist. Das beruhigt mich sehr. Ich blieb bis etwa 15 Uhr draußen, um mich mit den anderen zu unterhalten. Anschließend müde ins Zimmer und gut eine Stunde schreiben. Brauch wahrscheinlich in zwei Wochen ein neues Notizbuch.

Jedenfalls denke ich immer wieder über dasselbe nach. Wie konnte es nur so weit kommen? Wie konnte ich es zulassen, dass es wieder so weit kommt? Ich werfe die Chance auf eine Top-Ausbildung weg, weil ich Alkoholiker bin. Aber vermutlich war es die beste Entscheidung, die ich in den letzten Monaten treffen konnte. Es wird mir hinsichtlich meiner Depressionen bestimmt nicht schaden. Und dann auch gleich der psychische Alkoholentzug. Der körperliche ist nicht das Problem, obwohl ich von allen Seiten eine auf den Deckel bekomm, weil ich einen kalten Entzug (das heißt OHNE unterstützende Entzugsmedikamente) gemacht habe – Risiko für einen epileptischen Anfall ist dadurch sehr hoch.

Bin schon gespannt, wie ich die Medikamentenumstellung vertrage beziehungsweise wie es mir geht.

Von 16 bis 17 Uhr war ich dann wieder unten, um vielleicht bei einer Gruppe der neue Anhang zu werden. Kam endlich mit ein paar Frauen richtig ins Gespräch. Eine meint, man muss aufpassen, WEM man sagt, dass man nicht zum ersten Mal hier ist … Ich will eigentlich kein Geheimnis daraus machen, dass ich zum zweiten Mal in Kalksburg bin. Es ist einfach eine Tatsache, die sich nicht mehr ändern lässt.

Auf alle Fälle freue ich mich sehr darüber, schon mit ein paar Leuten quatschen zu können. Wird mit der Zeit (oder mit den Neuen, die diese Woche noch kommen) sicher besser werden. Aber die Namen merke ich mir nicht alle. Bei Tag eins ist das aber wurscht.

Wenig später hab ich mir mein Abendessen aufs Zimmer geholt. (Die ersten drei Mahlzeiten hat man im Zimmer, weil man nie weiß, in welchem Zustand die Patienten kommen.)

Hab langsam und lustlos gegessen. Mein Appetit lässt eindeutig zu wünschen übrig. Ich esse es einfach, weil es da ist. Andererseits hab ich mit dem kalten Entzug wohl viel Energie verbraucht, und ich werde auch für die nächsten Wochen genug Kraft brauchen.

Nachher folgten kurze Telefonate mit meinem Bruder und Mama. Sie wollten beide gleich wissen, wie es mir geht … Geht eh. Klar, bin ich frustriert. Ist ja nichts Lustiges, wieder hier zu sein. Obwohl ich letztes Jahr erst wieder hier in der Klinik gelernt habe, glücklich zu sein: Es fühlt sich teilweise so unwirklich an … Vielleicht check ich’s erst morgen, wenn ich in meinem Patientenzimmer aufwache …

Ich bin traurig, demotiviert und müde. Aber ich MUSS noch wach bleiben, weil die Tablettenausgabe erst um 20 Uhr ist …

Ich denke leider sehr viel nach. Und genau das treibt meine Stimmung noch weiter nach unten … Tag eins von sechs oder acht Wochen …

Als ich gegen 18 Uhr wieder unten bei Kaffee und Zigarette saß, hoffte ich auf Gesellschaft, die mich ein bisschen ablenken würde. Aber eine halbe Stunde lang setzte sich niemand zu mir, also ging ich frustriert wieder in mein Zimmer … Ach ja, neue Bettwäsche und neue Handtücher haben sie …

Jetzt warte ich eben auf die Medikamentenausgabe. Ich freue mich schon aufs Bett. Hoffentlich kann ich ohne Baldrian schlafen.

Die Nacht war nicht so toll. Bin alle paar Stunden beziehungsweise JEDE Stunde aufgewacht. Mein erstes Wort am Morgen: „Scheiße.“ Ich bin wirklich in Kalksburg. Der Morgen begann mit anziehen, Klo gehen und waschen. Meine Stimmung ist nicht die beste. Der erste Automaten-Kaffee und die Zigarette mussten einfach sein. Setzte mich zu ein paar Leuten dazu. Und es war ganz angenehm, mit jemandem in der Früh zu reden. Anschließend Tabletten holen, und, siehe da, ich übersiedle schon heute in den zweiten Stock. Wieder Stress pur. Aber eigentlich kenne ich das ja schon. Auf Zimmer 2.25 komme ich.

Unerwarterterweise war mein Frühstückstablett nicht mehr im Wagerl. Wahrscheinlich halten sie mich schon für fit genug, also ging ich mit einer älteren Dame rüber in den Speisesaal frühstücken. Die Schlange war elendslang. Im Speisesaal hab ich auch meine Zimmerkollegin getroffen, mit der ich gestern Abend schon gequatscht habe. Glaube nicht, dass ich mit ihr Probleme haben werde …

Um 9.30 Uhr wartete ich mit einigen anderen auf die Visite beim Herrn Oberarzt. Hab vergessen beziehungsweise verdrängt, dass der Klinikaufenthalt mit viel Warten verbunden ist. Aber was soll’s? Noch hab ich ja keine Therapien, aber vielleicht schon ab morgen. Das Gespräch mit dem Arzt war okay. Er hat mir erklärt, welche Medikamente ich in welcher Dosierung bekomme. Kriege auch wieder Baldrian zum Schlafen, und Dependex gegen das Craving (Suchtdruck) und zur Stabilisierung …

Danach saß ich bis zum Mittagessen draußen und versuchte erneut, Kontakte zu knüpfen. Diesmal klappte es sogar. Ich fing an, mitzureden und wurde allgemein als Frischling aufgenommen. Unterhielt mich sehr lange mit einer Frau aus Tirol. Wir redeten über das Trinken, den Auslöser, die begangenen Fehler, das Verstecken, wie die Angehörigen das sehen und so weiter. Und es zeichnet sich immer dasselbe Muster ab: Alleine daheim, depressiv, ziellos, in verschiedenen Geschäften den Alk besorgen und so weiter und so fort. Außerdem kennt sie eine Freundin von mir, die ich letztes Jahr in der Klinik kennen gelernt habe …

Als meine Gesprächspartnerin rein ging, setzte sich mein alter Bekannter mir gegenüber. Wir unterhielten uns ein bisschen, auch über unsere ehemaligen Mitpatienten. Viele wurden rückfällig, manche waren wieder in der Klinik. Es kommt vielleicht böse rüber, dass ich froh darüber bin, nicht als Einzige gefallen zu sein.

Mittagessen war okay, aber im Vergleich zum Frühstück war wenig los – weil ja heute Nachmittagsausgang ist und viele auswärts essen.

Anschließend blieb ich noch ein bisschen unten, weil mir permanent im Zimmer zu sein nicht gut tut. Ich brauche die Gespräche mit meinen Mitpatienten. Da geht es mir immer viel besser. Auch wenn die Themen nicht so toll sind … Wenn sich aber keiner zu mir setzt, starre ich beim Rauchen nur nachdenklich oder mit leerem Kopf geradeaus. Das zieht mich dann wieder richtig runter. Aber zum Glück kommt ein Freund aus der Gruppe von der Ambulanz um ca. 16 Uhr auf Besuch. Am Nachmittag wird sowieso wenig los sein und wir finden vielleicht draußen ein Plätzchen.

Bin dann aufs Zimmer, um alles auszupacken. Gedanke: Jetzt packe ich mein Zeug schon wieder in Kalksburg aus …

Unten beim Rauchen unterhielt ich mich lange mit einer Medikamentenabhängigen. Bis zu meinem Termin um 14.15 Uhr bei meiner Therapeutin. War erst später dran, aber trotzdem fast eine Stunde bei ihr. Redete über meine Rückfälle, die Auslöser, mein vieles Grübeln über die Vergangenheit, den Druck, den ich leider von meiner Mutter bekam und mir dann selbst Druck gemacht habe. Dass ich mich um andere mehr kümmere als um mich selbst. Auch über das Koma meines Bruders und die Kopf-OP, wo ich alkoholtechnisch ja standhaft geblieben bin … Über Mamas Co-Abhängigkeit und ihre Weigerung, noch einmal in eine Angehörigengruppe zu gehen (am 20. wäre hier eine). Und die würde auch IHR helfen, weil es eher um Rückfälle und wie man damit umgehen kann geht. Zum Schluss haben wir noch meinen Therapieplan erstellt. Vielleicht geht es morgen schon los …

In einer halben Stunde ist mein Gruppen-Kollege da. Ich bin nervös …

Der Besuch hat mir sehr gut getan, auch wenn ein leichter Vorwurf dabei war. Ich hätte ihn anrufen sollen, er hätte für mich Zeit gehabt. Finde das wahnsinnig lieb von ihm. Er hat mir auch Gummibärli mitgebracht und mich auf einen Kaffee eingeladen … Und dass ich mich nicht gemeldet hab, liegt daran, dass ich niemanden belasten will. Hab ihm das auch erklärt … Tatsache ist einfach, dass ich mich mehr um alle anderen kümmere als um mich selbst. Ich muss einfach lernen, mein Wohlbefinden wichtiger einzustufen. Da steht mir ein harter Kampf mit meiner Persönlichkeit bevor …

Trotzdem hat mich der Besuch meines Gruppen-Kollegen sehr gefreut. Er hat mich sogar zum Lachen gebracht und gesagt, er kommt wieder. Er hat auch die Vermutung, dass mir die Ausbildung zu viel geworden ist. Vielleicht hat er damit sogar recht.

Danach unterhielt ich mich beim Rauchen mit mehreren Mitpatienten, was mir wahnsinnig gut tut. Ich brauche nach der stationären Therapie ein Hobby, bei dem ich unter Leute komme.

Meine Zimmergenossin ist eine ganz Liebe. Sie wollte mir sogar Brot mit Aufstrich für später mitbringen, weil ich aus Appetitlosigkeit das Abendessen verweigere …

Jetzt hocke ich eben im Zimmer, schreibe die Eindrücke des Tages nieder und bin niedergeschlagen. Und saumüde … Vielleicht helfen Koffein, Nikotin und Gespräche …

Das mit den Gesprächen lief nicht wie geplant. Wegen Kälte und Dunkelheit war nach dem Abendessen nicht mehr viel los. Hab mit Mama telefoniert und sie hat mir erzählt, dass Rocky, einer meiner Kater, unter meinem Wegsein leidet – er hat zwei Mal gekotzt. Natürlich mach ich mir deswegen Vorwürfe, weil ja ICH schuld bin, dass ich wieder hier bin … Hätte ich bloß nicht wieder angefangen zu trinken. Dann müssten meine Kater nicht leiden … Und ich hätte mein Patenkind schon in den Armen gehalten …

Vor dem Schlafen plauderte ich dann mit meiner Zimmerkollegin. Jetzt weiß ich viel, aber sicher noch nicht alles über sie. Das Gespräch hat mir sehr gut getan und mich von meinen trüben Gedanken weggebracht …

Tag drei in der Klinik: Geschlafen hab ich wieder nicht so großartig … Immer wieder auf die Uhr geschaut. Das Baldrianpräparat dürfte nicht so wirklich helfen. Aber vielleicht in ein paar Tagen. Zum Frühstück hatte ich sogar Hunger.

Ich blieb dann lange unten, um mit Mitpatienten zu plaudern, und natürlich zum Rauchen. Die Gespräche helfen mir sehr. Weil wir alle im selben Boot sitzen. Aber das Muster ist das gleiche. Das ist für mich faszinierend und beruhigend zugleich. Hier bin ich mit meinem Suchtproblem nicht alleine.

Jetzt warte ich auf die Zimmervisite, die es für die Neulinge am ersten Donnerstag gibt … Übrigens: Die Mama meines Patenkindes hat mir endlich ihre Adresse geschickt – Überraschung wird per Post kommen. Über meine Mama, weil ich ja in Kalksburg sitze …

Die Warterei nervt voll. Aber hier muss man sich einfach in Geduld üben …

Zimmervisite erledigt: Ab heute Dominal zum Schlafen. Mal schauen, wie das Zeug wirkt.

Anschließend bin ich gleich wieder nach unten, um mit Menschen zu reden, um mich nicht in quälende Gedanken zu verstricken … Wenigstens lebe ich mich hier langsam wieder ein … Diesmal sind viele hier, bei denen es nicht der erste Anlauf ist. Auch das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich kann offen und ehrlich zugeben, dass es mein zweiter stationärer Aufenthalt ist, wie viel ich getrunken habe und welche Fehler ich in diesem Zustand gemacht habe … Wenn ich in ein Gespräch eingebunden bin, geht es mir relativ gut. Sobald ich aber alleine bin, fängt die Hirnwichserei (übertriebenes Nachdenken) an, wie es eine Freundin von mir nennt.

Ich sitze allein im Zimmer, schreibe mir alles von der Seele, habe aber trotzdem einen Depressionsschub. Es fühlt sich einfach scheiße an. Auch wenn ich beim Rauchen alleine sitze, werde ich sehr nachdenklich und starre irgendwo hin. Ich bin traurig, aber auch froh, hier zu sein. Mama hat vielleicht damit recht, wenn sie sagt, ich soll die ersten zwei, drei Wochen gar nicht nach Hause kommen …

Jetzt sind alle beim Mittagessen. Aber ich hab weder Hunger noch Appetit.

Ich muss einfach wieder runter, sonst laufe ich im Zimmer im Kreis …

Also war ich wieder ewig lang unten. Die Gespräche mit Leidensgenossen helfen irrsinnig. Wie eine Art Gruppentherapie. Jeder hört jedem zu. Und das Wichtigste: Du wirst nicht verurteilt … Man ist nicht schwach, weil man Rückfälle hat. Rückfälle gehören vermutlich zu einer Suchterkrankung. Ich lerne hier drin vielleicht, öffentlich zu meiner Abhängigkeit zu stehen. Ich will mich dafür nicht schämen müssen. Es ist keine Schande, stationär auf Entzug zu gehen, sondern ein Schritt in die richtige Richtung. Ich gehe diesen Weg jetzt zum zweiten und hoffentlich letzten Mal. Wenn Gefahr besteht, würde ich aber auch noch ein drittes Mal da rein gehen. Ich will nur nicht aufgeben. Wenn ich allen anderen gut zureden kann, sollte ich es bei mir doch auch hinkriegen. (Ist aber leichter gesagt als getan.)

Jedenfalls ist die Sache mit dem Appetit auch noch nicht besser …

Einen Überraschungsbesuch gab es auch, obwohl noch gar keine Besuchszeit ist: eine alte Freundin. Mit ihr war ich letztes Jahr hier. Und sie geht bald auf Therapie. Ich habe ihr gut zugeredet. So bin ich halt … Sie hat versprochen, mich zu besuchen … Hat mich sehr gefreut, sie nach über einem Jahr wieder zu sehen. WhatsApp- und Facebook-Kontakt ist einfach nicht dasselbe wie ein persönliches Treffen … Auch die Umarmungen waren schön. Ich war letztes Jahr ja so was wie der Chef-Knuddler von Kalksburg. Jeder, der eine Umarmung gebraucht hat, hat sie auch gekriegt. Diesmal ist das wohl anders …

Vor meinem eigentlichen Besuch, eine Freundin aus dem Clearing, war ich viel bei den Rauchern, weil ich allein im Zimmer einen Lagerkoller kriege …

Der Besuch hat mich auch sehr gefreut. Aber sie hätte mich lieber unter erfreulicheren Umständen wieder gesehen. Trotzdem verurteilt sie mich nicht. Sie steht hinter mir, so wie viele andere auch. Mir muss wirklich klar werden, dass ich nicht allein bin. Ich habe wirklich Freunde, auf die ich mich verlassen kann und die trotz meines zweiten Kalksburg-Aufenthalts hinter mir stehen und mich unterstützen. Ich muss endlich lernen, auch mit ihnen zu reden, wenn es mir NICHT gut geht … Ich weiß jetzt schon, dass mir das sehr schwer fallen wird … Ich muss mich wirklich dazu überwinden, mit jemandem zu reden, wenn es mir schlecht geht …

Ansonsten war an diesem Tag nicht mehr viel los. Außer, dass ich auch das Abendessen verweigert hab. Dasselbe Spiel: kein Hunger, kein Appetit.

War mit meiner Zimmergenossin frühstücken. Ich finde, wir verstehen uns ziemlich gut. Am Abend vor der Tablettenausgabe plaudern wir sehr viel, was mich von negativen Gedanken ablenkt.

Jetzt hat sie aber Therapie und ich sitze allein im Zimmer. Und draußen ist es saukalt.

Den Vormittag hab ich mit Geplauder und Visite bei meinem behandelnden Arzt verbracht. Der Umgang mit Menschen tut mir seltsamerweise gut. Vielleicht wäre doch eine akzeptable PKA aus mir geworden …

Medikamententechnisch bekomme ich ab morgen nur noch ein Antidepressivum. Mal schauen, wie es mir dann geht. Nach ein paar Tagen stellt sich die Wirkung ja noch nicht ein … Wird wohl ein bis zwei Wochen dauern. Ab Montag hab ich mein Therapieprogramm. Ich wette, dass ich dann nicht mehr zum Niederschreiben meiner Gedanken komme …

Haben heute eine Neue bekommen, mit der ich mich gleich irgendwie angefreundet hab. Sie ist müde und hat Restalkohol – da kommt auch wieder mein Helfersyndrom zum Vorschein … Etwas, das ich auch lernen muss – ich muss mir zuerst selbst helfen (lassen), um anderen helfen zu können … Wenn ICH krank und nicht stabil bin, kann ich auch keine Stütze sein … Dann wäre ich nur ein wackeliges Gerüst, das unter all dem Druck irgendwann zusammenbricht …

Für ein improvisiertes Mittagessen (Geräte kaputt), war es gar nicht mal schlecht. Und so ein Joghurtdressing (Mamas ist aber besser) liebe ich zum grünen Salat. Ansonsten gibt es da nicht viel zu sagen … Außer, dass ich alleine noch sehr niedergeschlagen bin. Traurig und irrsinnig müde. Heute hole ich meine Tabletten FIX um 20 Uhr. Besuch kriege ich heute leider nicht.

Habe die Befürchtung, dass ich zwischendurch wieder zu zittern anfange. Vielleicht liegt es aber auch nur am vielen Schreiben … Weil es ist nur die rechte Hand (und ich schreibe rechts).

Aja, meine Nachbarin überfüttert meine Katzen. Noey, Kater Nummer zwei, ist ja eh schon übergewichtig … Das macht mir jetzt auch Sorgen. Er soll ja auch gesund bleiben und nicht alles fressen, was dasteht.

Ich sitze im Zimmer und falle wieder in ein Tief. Fühl mich gerade beschissen. Muss unbedingt wieder runter.

Hab dann wirklich viel mit meiner Mitbewohnerin gequatscht. Im Zuge dessen hab ich auch Teile über Papas Erkrankung und den Unfall meines Bruders erzählt. Ich hab dabei bemerkt, wie schwer mir das noch immer fällt. Nach über drei Jahren sollte ich doch eigentlich schon besser mit Papas Tod umgehen können … Aber anscheinend habe ich viel zu viel von damals noch nicht aufgearbeitet. Ich muss unbedingt mit meiner Therapeutin darüber reden. Während ich das hier aufschreibe, spielen sich diese vielen Szenen wieder in meinem Kopf ab. Es macht mich einfach immens traurig. Er fehlt mir so …

Bin gegen 16 Uhr wieder nach draußen gegangen und hab mich in der Kälte mit einer Mitpatientin voll verquatscht. Über die Jobsuche, das AMS und diverse Schwierigkeiten. Als halber Eiszapfen kam ich wieder ins Zimmer …

Relativ bald geht’s zum Abendessen. Trotz Koch-Improvisation war es gar nicht schlecht.

Was mir aber auf die Nerven geht, ist, dass ich wieder zum Nachdenken anfange …. Und dann kommt wieder die depressive Verstimmung. Bin nur froh, dass ich nicht alleine im Zimmer hocke …

Der restliche Abend verlief im Grunde genommen ruhig. War müde und hab schnell geschlafen. Vorm Tablettenholen haben wir viel von EAV gehört – das war schön.

Der Morgen begann wie immer. Fühle mich wirklich schon als Teil der Gruppe. Aber draußen ist es wirklich saukalt … Gewöhne mich langsam wieder ans Frühstücken. Bin zu Hause aber wahrscheinlich wieder zu faul dafür. Ist doch nicht so schwer, sich eine Buttersemmel oder ein Joghurt mit Honig zu richten. Ich muss wirklich Einiges in meinem Leben ändern. Immerhin bin ich ja auch Patentante. Ich will für den kleinen Zwerg schließlich wirklich da sein können. Also KEIN Alk mehr und gesünder ernähren. Soll ja ein Vorbild sein, und nicht die blade Tante, die täglich nach Alkohol stinkt. Und wenn das Kind alt genug ist, werde ich ein ernstes Gespräch mit ihm über meine Kalksburg-Aufenthalte führen. Ebenso wie mit dem Kind einer anderen Freundin. Für die Kleinen und ihre Eltern werde ich etwas in der Kreativwerkstatt machen. So, wie im vorigen Jahr für Familie und Freunde …

Ich denke immer wieder darüber nach, wie ich bloß WIEDER hier landen konnte. Na ja, wie wohl. Ich war ja so blöd und hab geglaubt, ich kann meinen Alkoholkonsum kontrollieren. Aber das war der größte Irrglaube. Und ich bin ja wieder freiwillig hier, weil ich manche Probleme nicht alleine in den Griff kriege …

Um 13 Uhr hab ich dann die Aufnahmegruppe. Bin schon gespannt, was sie uns da erzählen. Wahrscheinlich, dass es hier diese und jene Regeln gibt …

Stinklangweilig. Steht außerdem eh alles in der Patienteninformationsmappe …

Auf die Visite pfeife ich heute, weil ich momentan nichts von einem Arzt brauche und keinen körperlichen Entzug mehr habe. Heute ist der 20. Tag trocken … Zur Visite geh ich heute nur, wenn sie mich ausrufen sollten. (Hoffentlich nicht – ich weiß nicht, was ich erzählen soll.) Außerdem ist am Montag sowieso Chefvisite.

Meine Zimmerkollegin hat ihren ersten Nachtausgang, also bin ich über Nacht alleine. Hab ein bisschen Angst, dass mir das nicht gut tut. Aber zu Hause bin ich dann auch wieder zum Großteil allein … Das hat aber Gefahrenpotenzial …

Craving ist manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht vorhanden. Liegt aber sicher an den Dependex.

Bin traurig, dass mein Bruder heute wahrscheinlich nicht kommt. Er hat gestern offensichtlich übertrieben und jetzt den schlimmsten Kater seines Lebens …

Vorhin hab ich beim Kaffeeautomaten eine alte Bekannte von meinem ersten Kalksburg-Aufenthalt getroffen. Ihr geht es wirklich richtig beschissen. Und sie hat gewaltig zugenommen. Ich bin ja voriges Jahr wegen der Sauferei auch aufgegangen wie ein Germteig …

Jetzt sind wir (mit mir) schon sechs von Juli bis Oktober 2017 … Ich bin nicht die Einzige, bei der es mit dem Nicht-Trinken nicht geklappt hat.

Mein Bruder kommt leider erst morgen … Und es wird langsam schon wieder zu viel, dass ich alleine im Zimmer sitze … Diese Stille und das Alleinsein machen mich krank. Und ich bin wirklich traurig darüber, meinen Bruder heute nicht zu sehen … (Nicht, weil er mir eigentlich Zigaretten mitbringen sollte.)

So viel zum Thema: „Du rauchst sicher weniger in der Kälte.“ Fehlprognose. In Kalksburg qualmt JEDER Raucher mehr. Dabei war ich schon zu Hause ein starker Raucher.

Vielleicht rufe ich meinen alten Freund von hier heute an … Einer Tante von mir sollte ich es wohl auch noch sagen … Meine verhasste Tante kann scheißen gehen. SIE hat mich damals (2015) im Stich gelassen.

Hab statt meinem alten Freund eine Freundin angerufen. Sie trinkt auch hin und wieder anständig, denkt aber darüber nach, was dagegen zu tun …

Eine Mitpatientin hat mich dann mit zum Mittagessen genommen, was mich, ehrlich gesagt, sehr gefreut hat. Dort trafen wir auch auf einen jungen Mann, der neu gekommen ist.

Die Aufnahmegruppe um 13 Uhr war richtig einschläfernd. Ein Pfleger hat uns alles erklärt – Vieles weiß ich eh schon. Danach war ich mit den anderen lange draußen.

Meinen besten Freund zu erreichen, war sauschwer – kein Abheben, kein Zurückschreiben. Ich war dann schon richtig sauer auf ihn, weil ich traurig darüber war. Hatte mich wirklich sehr darauf gefreut, ihn nüchtern wieder zu sehen. Aber der Ärger war wie weggeblasen, als ich ihn endlich sah. Er ist aber trotzdem mein Fluch und mein Segen. Meine Gefühle für ihn gehen weit über Freundschaft hinaus.

Zum Glück hat er viel erzählt, aber manchmal konnte ich mich nicht auf seine Worte konzentrieren … Mein bester Freund ist auch der Meinung, dass ich das Alkoholproblem nicht hätte, wenn ich nicht psychisch krank wäre. Er hat auch daran gedacht, dass ich mich unterbewusst eventuell selbst sabotiert habe … Vielleicht habe ich das auch … Genau sagen kann ich es aber nicht … Hab ich die Rückfälle mit Absicht provoziert? Sicher nicht! Ich wollte NIE, NIE, NIE ein zweites Mal nach Kalksburg … Mein Ex-Freund, den mir mein Bester vor Jahren vorgestellt hat, ist am Dienstag Vater geworden. Genau an dem Tag, an dem ich in die Klinik eingerückt bin. In dem Moment hätte ich am liebsten Alkohol getrunken. Und zwar VIEL davon.

Die große Frage ist aber, ob ich „draußen“ standhaft bleiben kann. In der Klinik ist es einfach, im Alltag kann es wieder zur Katastrophe werden … Wenn ich wieder „draußen“ bin, reden mein Bester und ich über die WG. Er will sich aber nicht bei mir einquartieren, um aufzupassen, dass ich nicht trinke. Für mich geht es zugegeben schon ein wenig darum.

Während ich das hier schreibe, habe ich so RICHTIG Lust, mich zu besaufen. (So mit ein, zwei Flaschen Rotwein, … und vielleicht ein paar Stamperln Wodka.) Der Suchtdruck ist gerade immens. Wird wohl Zeit für mein Dependex … Entweder beruhigt mich das eigentliche Entzugsmedikament oder die Schlaftabletten. Doch dann drängt sich ein anderes Gefühl vor: wildes, aber schönes Herzklopfen. Ich bin wirklich in meinen besten Freund verliebt. Noch immer. Er sieht gut aus, ist sehr intelligent, kann charmant sein, wenn er will, und bringt mich zum Lachen (sogar heute). Aber es tut auch sehr weh, zu wissen, dass aus dieser einseitigen Liebe NIE was Ernstes wird. Nicht einmal was Lockeres … Er kann einfach unglaublich stur sein … Aber ich mag ihn einfach mit all seinen guten Seiten und seinen Fehlern … Es macht mich wahnsinnig traurig, dass er mich nicht als SEINE Freundin will. Ich bin ein Scheißalki und zum zweiten Mal in Kalksburg auf Entzug … Und seine Mutter weiß das auch, weil sie ihn heute hergebracht hat … Supertolle (VIIIIIIEL Sarkasmus) Frau für ihre potenziellen Enkelkinder …

Es hat mich sehr traurig gemacht, als er zum Ende der Besuchszeit gehen musste …

Der restliche Abend war unspektakulär. Ich hätte zwar noch mit zwei Mitpatienten sitzen bleiben und quatschen können, aber ich wollte nur noch in Ruhe duschen und ins Bett. Die Sache mit meinem besten Freund nagt noch gewaltig an mir. Vielleicht ein Mitgrund, warum ich wieder gesoffen habe. Das Gefühl, den Schmerz unerwiderter Liebe zu betäuben. Aber Alkohol ist keine Lösung. Das weiß ich sehr gut. Er macht alles nur noch viel schlimmer. Alkohol kann nicht nur das Leben des Betroffenen zerstören …

Hab in dieser Nacht nicht besonders gut geschlafen. Hab mir große Sorgen um meine alte Kalksburg-Freundin gemacht. Weil sie gestern um 17 Uhr noch nicht da war, hab ich mir schon gedacht, dass sie wieder zu viel getrunken hat. Und damit hatte ich recht. Jetzt erreiche ich eine andere Kalksburg-Freundin nicht, die mich heute besuchen will … In einer Stunde fünfzehn sollte sie hier im Spital sein … Befürchte, das wird nichts. Und ob die andere es schafft, um 13 Uhr hier zu sein, ist fraglich.

Mich wollen auch drei Freundinnen aus der PKA-Ausbildung besuchen. Zwei von ihnen wissen bereits, WO ich bin. Vielleicht haben sie auch schon gegoogelt, dass das ein Sonderkrankenhaus für suchtkranke Menschen ist …

Ich hab gestern sogar überlegt, ob ich dann, wenn es so weit ist, auf zehn oder sogar zwölf Wochen verlängere. Ich glaube, ich brauche einige Einzelgespräche mit meiner Therapeutin. Nur noch sieben könnten eventuell zu wenig sein …

Übrigens hab ich in der Nacht fast ein Sackerl Gummibärchen verputzt. Die liegen mir jetzt wohl ein bisschen im Magen.

War jetzt zum ersten Mal seit einer Woche richtig kacken. Endlich. Kein Wunder, dass ich mich als Kleinkind bei den harten Pemmerln so anstrengen musste. Muss ich jetzt als Erwachsene ja auch. Obwohl ich so lange auf dem Klo gesessen bin, haben sich weder die eine noch die andere gemeldet … So ein Scheiß. Ich komm wahrscheinlich nicht zum Mittagessen und auch nicht zum Abendessen. Egal, hab noch eine Banane. Und eine zweite bekomme ich noch von meiner alten Freundin …

Die Sache mit der Zwangsneurose gerät weiterhin außer Kontrolle. Wird schon wieder so schlimm, wie es schon mal war …

War heute DOCH brav bei der Visite. Das gelegentliche Zittern, das ich seit ein paar Tagen beobachte, ist ziemlich sicher eine Nachwirkung vom kalten Entzug. Jetzt bekomme ich auch mittags und nachmittags 50-mg-Lyrica und auch ein ganzes Dependex. Medikamentendosis wurde aus dem Grund erhöht, weil ich meinem Arzt zu angespannt wirke. Bin ich unterbewusst vielleicht wirklich.

Ich vermisse meine beiden Wollknäuel. Ihr Schnurren, ihr Maunzen, ihre rauen Zungen auf der Haut … Ich darf gar nicht zu viel an sie denken, sonst sitze ich heulend im Zimmer …

Meine alte Freundin hat sich bis jetzt noch nicht gemeldet.

Es ist halb eins und von ihr kam weder Muh noch Mäh. Meine andere Freundin aus der letzten Klinik-Zeit schafft es nicht. Erst später oder morgen. Ich würde sie gerne heute sehen, damit ich auf sie einwirken kann, dass sie morgen in der Früh sofort in die Ambulanz fährt und sagt, dass sie einen stationären Platz braucht. Ich will ihr wirklich helfen. Ist eh typisch für meine Persönlichkeit …

Mein Bruder und seine Freundin können nicht früher kommen … Und ich werde nervös, weil mir die Tschik ausgehen …

Mein neuer Kumpel hat mich heute gefragt, ob wir gemeinsam rübergehen zum Mittagessen … Er ist einfach ein total lieber Typ. Ist mir sehr sympathisch und man kann mit ihm lachen. Und lachen soll ja für die Seele gut sein …

Bin gespannt, wann meine Zimmerkollegin zurückkommt. Hoffentlich hat sie nichts getrunken. Mein Bauchgefühl ist da nicht so 100-prozentig sicher. Warum auch immer.

Ich bin gerade richtig müde. Liegt wahrscheinlich an der unruhigen Nacht, weil ich mir Sorgen um meine alte Freundin gemacht habe … Oder am Mittags-Lyrica.

Innere Unruhe macht sich breit. Ich hab noch immer das Bild vor meinem Auge, wie Papa tot mit geschlossenen Augen und offenem Mund, in seinem Spitalsbett liegt … Ich stand, glaub ich, über eine Stunde neben seiner Leiche und hab vergeblich nach einem Puls gesucht … Manchmal, so wie im Augenblick, erscheint mir sein Tod so unwirklich … Es tut weh und gleichzeitig gut, sich das von der Seele zu schreiben. Das ersetzt aber auf keinen Fall eine Psychotherapie … Und ich hab wohl Vieles nur verdrängt, aber keinesfalls verarbeitet … Jetzt bin ich hier, in der Klinik – und muss schleunigst wieder unter Leute …

Der Besuch von meiner alten Freundin um 15 Uhr war extrem anstrengend. Kein Wunder, wenn sie wieder auf zehn Tabletten pro Tag ist. Sie muss dringend wieder in die Klinik. Das macht mich natürlich auch wieder voll fertig. Mehr als zureden kann ich sowieso nicht. Und an die Besuchszeiten kann sich die Frau auch nicht halten. Ich will wegen ihr keinen Ärger kriegen …

Hab mich aber dann wahnsinnig darüber gefreut, als mein Bruder mit seiner Freundin um 16 Uhr kam … Aber ich glaube trotzdem, dass sich seine Freundin unter den ganzen Suchtkranken nicht besonders wohl gefühlt hat. Oder zuminderst war ihr meine Freundin vom letzten Mal zu viel. Mein Bruder hat mal wieder eine Verletzung an der Hand …

Meine Freundin hat mir auf jeden Fall ziemlich viel Kraft gekostet. Kraft, die ich eigentlich selber brauche, um wieder gesund zu werden …

Nach ihrem Besuch war ich einfach völlig fertig. Hab dann noch reden müssen, um das loszuwerden ….

Meinem Bruder hab ich auch erzählt, dass ich schon über das Verlängern nachgedacht habe … Er wollte eine spontane Antwort zum jetzigen Stand: JA.

Aber warten wir mal ab, wie ich in ein paar Wochen drauf bin beziehungsweise ob ich in sechs Wochen bei den Einzelgesprächen schon wirkliche ALLES auf den Tisch gebracht habe, was mich belastet. Und das fängt eigentlich mit Papas Krebsdiagnose Ende 2014 an … Seitdem hab ich mich nie ganz gefangen, weil die ganze Zeit damals horrormäßig war. Viel zu viel ist rundherum passiert, was ich wohl nur verdrängt, aber nicht verarbeitet hab. Ich weiß auch oft nicht, wie ich mit meiner eigenen Diagnose (Borderline-Persönlichkeitsstörung) umgehen soll. Ich hab zwar die zwei Bücher gelesen und viel mit meinem Bruder über das Thema geredet, aber von einem Therapeuten hab ich noch keine Tipps bekommen …

Der Start der Woche fing damit an, dass ich ENDLICH meinen Therapieplan bekam. Deshalb war ich um neun auch gleich in der Kreativwerkstatt. Wenn ich mich auf diese Arbeit konzentriere (dieselben Arbeiten wie letztes Jahr), denke ich gar nicht über meine Probleme oder meine psychische Verfassung nach. Das ist ein schönes Gefühl. Das kenne ich von meiner literarischen Arbeit, wenn ich mich in einen regelrechten „Rausch“ geschrieben habe … Das fehlt mir … Aber in den letzten zwei Wochen vor dem Einrücktermin war ich sogar für meine größte Leidenschaft zu unfähig … Leider … Und jetzt denke ich wieder nach … Seit über drei Jahren wurschteln Mama, mein Bruder und ich OHNE Papa herum … Und seit über drei Jahren kriege ich mein Leben nicht auf die Reihe … Jetzt sitze ich zum zweiten Mal in Kalksburg und weiß nicht, wie lange ich diesmal bleiben soll. Ich hoffe, dass es wirklich das letzte Mal sein wird. Aber sag niemals nie. Ich habe wahnsinnige Angst davor, wenn mit Mama und/oder meinem Bruder etwas Schlimmes passiert. Aber vorrangig ist die Angst, dass sie zu früh sterben. Ich würde mit Sicherheit in die Knie gehen …

Jetzt sollte bald die montägige Chefvisite am Zimmer sein. Diese lästige Warterei …

Die Warterei regt leider auch wieder die Nachdenkerei an. Das macht mich wieder depressiv – infolgedessen will ich einfach nur wieder schlafen, um nicht nachdenken zu müssen. Warten macht mich eh schon so unwuchtig. Und das Grübeln über Vergangenes macht mich einfach nur tieftraurig.

Das Händewaschen wird weiterhin schlimmer. Ich muss das beim Einzelgespräch am Donnerstag unbedingt erwähnen. Ich darf das nicht wieder unter den Teppich kehren. Die Zwangsstörung hat sich schon manifestiert. Seit meinem Einzug in die Klinik wird es nicht besser, sondern schlimmer. Aber ich kann wieder Bananen angreifen, ohne die Krise zu kriegen und Hände waschen zu müssen … Ich will gerade nicht mal weiterschreiben. Die Warterei geht mir fürchterlich am A… Wenn ich genervt bin, fängt mein rechtes Aug wieder an zu zucken … Und das Warten nervt wirklich UNGLAUBLICH …

Von 13 bis 14.30 Uhr ist die Skillsgruppe, bei der ich letztes Jahr schon dabei war. Vielleicht muss ich das Ganze wirklich doppelt hören, um es zu verinnerlichen und dann in der Außenwelt umzusetzen …

Die Skillsgruppe hat mich eigentlich wieder mehr runter gezogen als geholfen. Wir waren beim Thema Selbstwert. Was ist das? Wo stehen wir? Eher niedriger oder eher hoher Selbstwert? Was man Gutes für sich tun kann und so weiter. Mir sind wieder so viele Sachen eingefallen, die meinen Selbstwert verringert haben: Sich verlieben und immer wieder abgewiesen zu werden. Als mich meine Englischlehrerin in der HLW vor der ganzen Klasse bloßgestellt hat, weil ich die Grammatik nicht kapiert hab. Dass der junge Mann, in den ich mich richtig über MSN verliebt habe, und der mich bei unserer ersten Begegnung entjungfert hat, eigentlich nur mein Erster sein wollte …

Vieles, das in der Gruppe gesagt wurde, passt bei mir wie die Faust aufs Auge: Hab ich das überhaupt verdient? Die anderen können sowieso alles besser. Ich bin anders als alle anderen. Meine Gefühle sind unkontrollierbar und so weiter und so fort.

Zum Beginn der Gruppe hab ich mir eigentlich vorgenommen, mich diesmal WIRKLICH mit den Unterlagen zu beschäftigen, also jedes Skript zu lesen …

War nach der Gruppe aber trotzdem wahnsinnig deprimiert. Vor allem auch, weil ich mir Sorgen um meine Freundin gemacht habe, weil sie mich eigentlich besuchen wollte … Eine neue Bekannte in der Klinik hat mich heute überraschenderweise umarmt. Und meine Bekannte vom letzten Jahr hat mich auf einen Kaffee eingeladen …

Kapitel 2 - Die zweite Woche

Meine alte Freundin von 2017 hat sich bis am nächsten Morgen nicht gemeldet.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihre Nachricht bekam. Wie ich vermutet habe – sie war betrunken …

Um 9.30 Uhr haben wir Bezugstherapeutengruppe. Bin gespannt, welche Themen heute so aufkommen …

Die Gruppe war ganz okay. Es ging darum, wie man in der düsteren Jahreszeit seinen inneren Schweinehund überwinden kann. Und auch, dass man sich kleine Ziele setzen soll, was auch durchaus sinnvoll sein kann, wenn man sich daran hält … Kleine Ziele eben, um Erfolgserlebnisse zu haben.

SMART-Ziele:

Den Ausdruck hab ich vorher noch nie gehört. Habe heute bei der Gruppentherapie, so wie gestern, leider bemerkt, dass ich mich phasenweise nicht konzentrieren kann … Heute hab ich überhaupt einen Scheiß-drauf-Tag. Ich schwanke zwischen Therapieabbruch und -verlängerung … Die Gesellschaft von Menschen tut mir besser, also gehe ich wieder runter …

Hab mich wirklich auf den Besuch einer Freundin aus dem Clearing gefreut. Aber sie schafft es nicht … Hätte aber sicher was an meiner miesen Grundstimmung heute verändert.

Will am liebsten nur schlafen und nicht nachdenken. Außerdem wird der Vormittag morgen anstrengend genug.

Bis zur Basisgruppe wurde es auch nicht besser … Der Vortrag über Medikamente ist zwar interessant gewesen (obwohl ich das schon mal gehört habe), aber ich konnte mich zwischenzeitlich einfach nicht konzentrieren. Bei der „Sudergruppe“ ging es diesmal um den Ausfall des Gasherds in der Küche. Jetzt gibt es halt mittags und abends immer Überraschungsessen … Ist mir gleich … Ich versteh nicht, warum man sich wegen solchen Kleinigkeiten aufregen muss … Das Leben ist sowieso schwierig genug …

Ich fühle mich gerade so kraftlos und unproduktiv wie in den zwei Wochen des kalten Entzugs … Das Zittern der rechten Hand lässt nicht nach. Die Zwangsneurose wird immer schlimmer. Es wird nicht mehr lange dauern, und meine Zimmergenossin wird mich fluchen hören. Ich hab mich schon oft selbst geschimpft und angeschrieen, weil ich das mit dem Händewaschen nicht unter Kontrolle kriege … Da haben wir es wieder, dass ich mich selber nicht ausstehen kann. Aber in der Klinik kann ich schwer mit der Faust gegen die Wand schlagen. Wäre ein BISSCHEN zu auffällig … Aber ich würde es aus Frustration nur zu gerne tun … Einfach die Wut rauslassen und den Schmerz spüren. Den körperlichen Schmerz … Vielleicht bin ich so schlecht drauf, weil ich jetzt seit einer Woche in Kalksburg bin …

Hab mich übrigens auch dazu durchgerungen, meiner verhassten Tante zum Geburtstag zu gratulieren … RIESENFEHLER: Prompt hat sie angerufen … Weiß nicht, ob ich zurückrufen soll … Aber genau genommen bin ich hier an einem geschützten Ort. Ich komme gar nicht an Alkohol … Ich weiß leider sehr gut, was beim letzten Mal passiert ist, als ich mich mit ihr treffen sollte: Ich hab mich angesoffen … Und jetzt soll ich mit ihr reden, ohne sie anzubrüllen … DAS wird wirklich eine Herausforderung …

Und meinen Freund vom letzten Jahr sollte ich heute endlich anrufen …

Das Telefonat mit meiner Tante war der Horror. Jetzt will sie mich sogar besuchen, wenn mein Bruder zu mir kommt. Ich hoffe, ich stehe das durch, ohne sie verbal zu attackieren. An ihrem Geburtstag konnte ich das nur schwer tun …

Wenn sie mich besuchen kommt, gibt es noch eine positive Tatsache: Ich bin in einer Entzugsklinik und komme nicht an Alkohol … Aber die Ausgänge könnten gefährlich werden …

Das Telefonat mit meinem alten Freund hingegen hat mich sehr aufgeheitert.

Anschließend schmiss ich fast die Nerven: Zwei Freundinnen aus der PKA-Ausbildung wissen jetzt, dass ich alkoholabhängig bin. Und eine andere kommt mich am Montag mit selbst gebackenen Keksen besuchen …

Der folgende Tag wurde, wie befürchtet, stressig. Jedenfalls der Vormittag. Schnell frühstücken und dann gleich um acht Uhr zur Ernährungsberatungsgruppe. Das Ganze hab ich locker schon drei Mal gehört. Und das letzte Mal ist noch gar nicht so lange her … Was man essen soll, was man trinken soll, was man in der Ernährung vermeiden soll … Aber andererseits hab ich mir dabei überlegt, mich zu den Einzelgesprächen dazubuchen zu lassen. Aber das kann ich mir noch überlegen. (Bin ja noch ein paar Wochen da.) …

Anschließend war die Stabilisierungsgruppe mit einer mir bekannten Ärztin. Es ging um die Möglichkeiten, wie man ein Trauma verarbeiten kann. Mir fiel natürlich sofort die sexuelle Nötigung ein, die mich vielleicht unterbewusst zum Trinken gebracht hat. Ich kann das einfach nicht vergessen. Dieser Mann hat mich völlig gebrochen …

Es wurde auch erklärt, dass wir Annäherungsziele und keine Vermeidungsziele brauchen. Ich kapiere nur zum Teil, was damit gemeint ist …

Um elf Uhr war auch noch meine „Stunde“ für die IBM-Beratung. Für mich wirklich total unnötig: Ich kenne mich mit Computern aus, mein Lebenslauf wurde erst vor kurzem nach AMS-Richtlinien überarbeitet und wie man eine Bewerbung schreibt, weiß ich auch. Also war der Termin total für den A… Ich will auch nicht im Garten, der Wäscherei oder der Tischlerei arbeiten. Ich bin hier, um vom Alkohol loszukommen und gesund zu werden, nicht um zu arbeiten. NACH Kalksburg suche ich mir eh wieder eine Arbeit … Als Schreibkraft … Was jedoch ein bisschen schwierig werden kann, wenn ich das hier unter meinem richtigen Namen veröffentliche …

Die Sache mit dem Händewaschen ist noch immer außer Kontrolle. Die Stellen bei der Innenseite Handgelenk sind schon wieder rötlich … Allgemeinzustand fühle ich mich ruhiger. Vier Mal Lyrica am Tag dürften wohl eine gute Wirkung haben …

Morgen hab ich mein Einzelgespräch mit meiner Therapeutin: Und ich weiß nicht, womit ich anfangen soll … Mit Borderline, mit Papa, mit dem sexuellen Übergriff, mit meinen Ängsten, Mama und meinen Bruder zu verlieren … Ich hab noch keine Ahnung … Ein bisschen Zeit zum Überlegen hab ich ja noch … Jetzt freue ich mich sehr auf den Besuch von Mama …

Der Besuch von Mama war wunderschön. Wollte sie bei der Begrüßung gar nicht mehr loslassen. Ihre Meinung bezüglich Angehörigengruppe hat sich nicht verändert: Ich geh nie wieder zu so was … Dabei sind die Angehörigengruppen in der Klinik völlig anders als in der Ambulanz … Hier können die Angehörigen Fragen stellen … Aber egal … Hab Mama auch davon erzählt, dass ich über das Verlängern auf zwölf Wochen nachdenke, weil ich will, dass das das letzte Mal Kalksburg wird. Mama meint aber, dass ich schon wieder viel zu weit vorausdenke … Immerhin bin ich erst eine Woche hier. Da kann man das noch gar nicht entscheiden …

Übrigens musste ich mich wieder fürchterlich über das AMS ärgern. Beinhart schicken die mir einen Kontrolltermin für 7. Dezember, obwohl sie wissen, dass ich seit 13. November stationär in Behandlung bin … Hab Mama auch erzählt, dass ich ab und zu wegdrifte, mich bei Vorträgen beziehungsweise Gruppentherapien nicht lange konzentrieren kann und dass meine Augen zu flimmern anfangen … Ich beobachte das noch ein bisschen. Wenn es so bleibt, muss ich es bei der Montagsvisite ansprechen. Es soll mir ja besser und nicht schlechter gehen …

Der nächste Morgen wurde spektakulärerer als erwartet. Ich brachte meinen neuen Kumpel in den ersten Stock, weil es ihm überhaupt nicht gut ging. Kurz vorm Stützpunkt brach er zusammen, ich hab ihn aufgefangen … Ist ja nicht das erste Mal, dass jemand in meiner Anwesenheit zusammengeklappt ist … Bin das leider schon irgendwie gewöhnt. Das erklärt wohl meine Ruhe während des Vorfalls … Gut, dass ich heute Einzelgespräch habe … Die Situation erinnert mich wieder daran, wie oft mein Bruder bei einem Krampfanfall weggekippt ist … Wie oft ich seine Wangen etwas stärker getätschelt hab, damit er wieder zu atmen anfängt … Als er im Dezember 2015 am Klo zusammengebrochen ist und sich dann nicht rühren konnte … Dass sie ihn ausgerechnet nach Lainz gebracht haben … Viel zu viel, das ich einfach nur verdrängt und nicht aufgearbeitet hab … Ich muss meine Psychotherapeutin unbedingt fragen, WAS ich ihr alles voriges Jahr erzählt hab. Ich weiß es nämlich nicht mehr.

Das AMS hab ich gleich am Vormittag angerufen: Mein stationärer Aufenthalt ist eingetragen, hat sich aber wahrscheinlich mit dem Brief überschnitten. Der Termin ist jetzt hinfällig …

Mein Gespräch mit meiner Therapeutin war sehr emotional. Und dieses hat mich in der Tat bestärkt, auf zwölf Wochen zu verlängern. Im Moment bin ich voll davon überzeugt, dass das die richtige Entscheidung ist …

Also die Einzeltherapie war WIRKLICH emotional. Ich hab mit dem Vorfall heute Morgen begonnen und im Zuge dessen erzählt, dass ich es leider gewöhnt bin, dass jemand zusammenbricht … Aber es belastet mich natürlich, weil dadurch diese Vorfälle mit meinem Bruder wieder so real werden … Jedes Mal, als er gekrampft hat oder zusammengebrochen ist, kommt wieder lebhaft in Erinnerung … Und auch die Gefühle: Angst, Hilflosigkeit … Ich berichtete von dem Ereignis, als er am Klo zusammengebrochen ist … Und dass mein Mitbewohner mir dabei keine Hilfe war … Und mich auch alleine gelassen hat, weil er das nicht aushält …

Ich erzählte vom Beginn von Papas dritten Krebserkrankung Ende 2014, über das Hin und Her (Chemo ja, Chemo nein, OP, Bestrahlung), den Schulabbruch meines Bruders, Mamas Konfrontation mit ihrer älteren Schwester, deren Egoismus, den Bundesheer-Unfall meines Bruders in Horn, meine Aufgaben in der Zeit und dem allgemeinen Chaos … Damals hat sich meine heutige Alkoholabhängigkeit vielleicht schon schleichend eingestellt …