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Jasna Zajcek will wissen, welche Menschen aus Syrien nach Deutschland kommen, wie der Krieg sie geprägt hat, worauf sie hoffen, was sie antreibt. Sie unterrichtet als Deutsch-Lehrerin in Sachsen Flüchtlinge, recherchiert in Berlin und im Westen unter Pegida-Anhängern, "Gutmenschen" und Sozialarbeitern. Rechtspopulismus, Not der Zuwanderung oder Integration sind die Fragen, denen Zajceks Reportage auf den Grund geht. Mit harter Radiernadel zeichnet sie das Bild eines kalten Landes. Kaltland, denn das Geschäft mit den Flüchtlingen ist wichtiger als ein menschliches Willkommen. Kaltland, denn Angst und Ressentiments greifen auch unter liberalen Städtern um sich. Kaltland, denn viele Flüchtlinge sind schlecht ausgebildet, verbinden hohe Erwartungen mit geringer Lernbereitschaft, finden die Demokratie dubios und den CSD widerlich. Kaltland ist das Deutschland der Gegenwart. Diese Sozial-Reportage ist ein Blick in den Spiegel und ein nüchterner Fingerzeig für die Politik, wenn sie "das" wirklich schaffen will und Integration gelingen soll.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2017
Jasna Zajček
Unter Syrern und Deutschen
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Jasna Zajček will wissen, welche Menschen aus Syrien nach Deutschland kommen, wie der Krieg sie geprägt hat, worauf sie hoffen, was sie antreibt. Sie unterrichtet als Deutsch-Lehrerin in Sachsen Flüchtlinge, recherchiert in Berlin und im Westen unter Pegida-Anhängern, »Gutmenschen« und Sozialarbeitern. Rechtspopulismus, Not der Zuwanderung oder Integration sind die Fragen, denen Zajceks Reportage auf den Grund geht. Mit harter Radiernadel zeichnet sie das Bild eines kalten Landes.
Kaltland, denn das Geschäft mit den Flüchtlingen ist wichtiger als ein menschliches Willkommen. Kaltland, denn Angst und Ressentiments greifen auch unter liberalen Städtern um sich. Kaltland, denn viele Flüchtlinge sind schlecht ausgebildet, verbinden hohe Erwartungen mit geringer Lernbereitschaft, finden die Demokratie dubios und den CSD widerlich.
Kaltland ist das Deutschland der Gegenwart. Diese Sozial-Reportage ist ein Blick in den Spiegel und ein nüchterner Fingerzeig für die Politik, wenn sie »das« wirklich schaffen will und Integration gelingen soll.
Zwischen Willkommenshilfe, Überforderung und Kollaps der Bürokratie
Das Open-Air-Flüchtlingslager mitten in Berlin
Das Leben im Heim und das Geheimnis der verbundenen Buchstaben
Das »Haus am Wald«
Die Lehrerinnen-Unterkunft im Bauernhaus
Der erste Arbeitstag im Heim
Die verbundenen und die Internet-Buchstaben
Alltäglicher Behördenwahn und ein Hausmeister am Rande des Nervenzusammenbruchs
»Wir wissen ja nicht mal, wer hier ist«
Gebetsruf mitten im Unterricht
Deutsche Schrift, schwere Schrift
Fremdartige Lernmethoden
Der optische Clash im sächsischen Städtchen
Austausch über professionelle Flüchtlingsbetreuung
Wie integriert man sich in ein Dorf?
»Das hier ist nicht das richtige Deutschland!«
Mangelnde Kommunikation
Sozialarbeiterassistenz statt Unterricht
Das Interview mit der Ausländerbehörde
Muss wirklich jeder hierbleiben dürfen?
Hamid, Elias, Kamal und ihre Geschichten
Gestern gelernt, heute vergessen
Schimpfen auf die Kanzlerin
Was man nicht alles melden müsste
Die Vormittags- und die Nachmittagsklasse
Brüllende, besorgte Bürger
Der Bürgerdialog im Deutsch-Sorbischen Theater
Das lokale Rechts-Außen in den sozialen Medien
Die Ortschaftsratsversammlung in Tipschitz
Braunes Facebook, Lügenpresse und russische Propaganda
Gesteuerte Medien und »Flüchtlingsinvasion«
Auf Deutsche Welle war immer eitel Sonnenschein
Frust, Unlust, Clash der Kulturen
Unterrichten, aber auf welcher Basis?
»Wir brauchen nur die Internet-Buchstaben und Arbeit«
Vier Jungs, die es wissen wollen
Elias will seine Verlobte zurück
Keine Frauen mehr im Deutschkurs
Wer sind »echte« Geflüchtete?
Die Facebook-Gruppe »Mörder, keine Flüchtlinge«
Sind Frauen und Schwule genauso viel wert wie Männer?
Allein im Sperrfeuer der interkulturellen Fragen
Die Ersten verlassen den Klassenraum unter Protest
Seltsamer Besuch mit Abzocker-Geschmäckle
Plötzlich alles anders: Internet im Heim
»Deutschland ist schuld an allem!«
»Unsere Frauen wollen und sollen nicht arbeiten!«
Saisonbeginn beim afghanischen Cricket-Team
Mohammed will zurück
Frau Mohsen zieht doch nicht nach Neukölln
Die »Bildungspaket«-Farce
Besuch von der Arbeitsagentur
»Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen«
Der »Husarenhof« brennt
Hässliche Forderungen vor romantischer Kulisse: Pegida in Dresden
Integrationsversuche, Begegnungen
Der erste Spaziergang nach dem Winter
Erklären ist schön, verstehen ist besser
»Danke, Deutschland«
Reem will nicht die Klasse wiederholen
Die ersten Asyl-Anerkennungen trudeln ein
Ostern: erste Begegnungen, keine Berührungen
Bei den CDU-Landfrauen
Vorbereitungen zur Gründung einer Bürgerwehr
Auf der AfD-Party in Dresden
Die AfD und der Rittergut-Reservist
Der Deutschunterricht ist plötzlich zu Ende
Von denen, die es schaffen: Leben außerhalb des Heims
Das Vorzeige-Künstler-Projekt in Kreuzberg
»Sommer der Integration«
Auf Stippvisite zurück in Bautzen
Die Demonstration »für Remigration – gegen Asylchaos«
Die ausländerfreie Ü-40-Party
Das Flüchtlingsheim im »Spree Hotel«
Am Bautzener Stausee
Jagd auf Ausländer in der »Demokratiewoche«
Rückblick und Ausblick
Die Mühen, Erfolge und Schwierigkeiten der Integration. Ein Rückblick
Belastbare Zahlen
Eine neue deutsche Helferkultur hat sich etabliert
Wie ging es für meine Bautzener Schüler weiter?
Nancy erfreut sich des Lebens
Der Journalist Yahya recherchiert zum Thema häusliche Gewalt und Scheidungen unter Geflüchteten
… wie ging es weiter in Bautzen?
Das Spreehotel muss schließen
Dank
Mit der Ankunft meines syrischen Kollegen und Freundes Yahya in Berlin begann im April 2015 mein persönliches Flüchtlings-Willkommensjahr.
Wann immer ich als Nahost-Korrespondentin in Damaskus war, habe ich ihn, den Chefredakteur der Frauenrechts-Webseite At-Thara, getroffen. Über seine Webseite konnten Frauen und Mädchen in Notsituationen, etwa bei anstehender Zwangsverheiratung oder bei Misshandlung, Rat und Hilfe finden. Er berichtete mir von den vielen Problemen, mit denen Frauen in Syrien konfrontiert sind, und half mir bei der nervenaufreibenden Recherche über minderjährige irakische Flüchtlingsmädchen, die, oft auf der Flucht entführt oder von ihren Familien verkauft, als Prostituierte in Clubs rings um Damaskus anschaffen mussten. Als Macher der einzigen Frauenrechts-Webseite des Landes musste Yahya im Untergrund operieren und wurde angefeindet.
Seit Anfang 2014 hatte ich ihn immer wieder aufgefordert, Syrien zu verlassen, und ihm Unterstützung für die Reise nach Deutschland angeboten. »Es ist Krieg, es passiert so viel Unrecht, so viele Grausamkeiten gegen Frauen, ich muss hierbleiben und alles dokumentieren, für die Frauen und für die Welt, später!«, entgegnete er mir. Er hatte das Gefühl, die Schwächsten im Krieg alleinzulassen.
Nach viel Überzeugungsarbeit und mithilfe der Reporter ohne Grenzen konnte Yahya mit seiner Familie im Frühjahr 2015 endlich nach Berlin ausreisen. Seit ihrer Ankunft half ich bei nahezu allen behördlichen Schritten, bei Briefwechseln mit der GEZ, dem Austausch mit den Lehrerinnen seiner Töchter ebenso wie bei seinem E-Mail-Verkehr mit Redakteuren verschiedener deutscher Zeitungen. Aus unseren Erfahrungen weiß ich: Neu in Deutschland Angekommene und ihre Paten müssen viel Geduld und einen leeren Aktenordner mitbringen. Eine ordentliche Portion Disziplin zum Deutschlernen nicht zu vergessen und natürlich die Bereitschaft, ihr bisheriges Weltbild zu verändern und den hiesigen Werten anzupassen.
Als Yahya und seine Frau Mayyada im Juni ihre erste Deutschstunde absolvierten, begleitete ich sie. Gemeinsam staunten wir über das vorgelegte Tempo, das eine junge Deutschlehrerin aus der Ukraine ihren Schülern, einundzwanzig Menschen aus Syrien, Afghanistan, Korea und Marokko, vorgab. Innerhalb einer Stunde sammelte sie rund sechzig deutsche Wörter, schrieb sie an die Tafel, unkommentiert, und verpasste ihnen jeweils ein »der, die, das«.
Mit Yahya und Mayyada erlebte ich auch den Behördenwahnsinn im Jobcenter Tempelhof, dort, wo viele Asylbewerber in Berlin regelmäßig vorstellig werden müssen, wenn sie Papiere, Geld, Wohnung und eine Erstausstattung benötigen. Jeder im Foyer dieses Jobcenters hat zu warten, bis seine Nummer ausgerufen wird. Oft auf Berlinerisch, also statt »drei-hundert-zwei-und-dreißig« gerne »dreeiundertzweindreissisch«, was für die meisten Neuantragsteller unverständlich ist. Nirgendwo im Center ist eine LED-Anlage, auf der der Nummernwechsel und die Zimmernummer des Sachbearbeiters angezeigt werden.
Auch aus dem Freundes- und Kollegenkreis erhielt Yahyas Familie Hilfe: Den Aufwand, einen Wohnberechtigungsschein zu besorgen, übernahm mein damaliger Praktikant. Zu Wohnungsbaugesellschaften gingen wir gemeinsam, ein Freund schrieb die Bewerbungsbriefe. Wir scannten und kopierten all die wichtigen, neuen Dokumente und legten eine perfekte, ordentliche deutsche Willkommensakte an. Die ersten Schreiben, die wir dort abhefteten, waren vom Finanzamt: Yahya, Mayyada und auch ihre beiden kleinen Mädchen hatten sofort nach der Registrierung in Deutschland ihre Steuer- und Rentenversicherungsnummer zugeschickt bekommen. Wir staunten darüber, dass eine Vierjährige schon in der staatlichen Finanzbuchhaltung registriert sein muss, und dass das deutsche System voraussetzt, allen Neuankommenden erkläre sich das System von selbst.
Im August 2015 ging ich mit Yahya und seiner Familie ins Freibad, für sie war es das erste Mal in einem Freibad überhaupt. Yahya fand es aufregend, im olympischen Hitler-Bau zu schwimmen, seine Kinder konnten gar nicht genug planschen und rutschen. Mit Befremden wies uns seine Frau Mayyada auf eine Araberin am Beckenrand hin, die in Vollbekleidung und -verschleierung auf ihre badenden Kinder aufpasste. Eine andere Frau stieg mit Kopftuch und Joggingkleidung ins Wasser. Meine syrischen Freunde wunderten sich, dass so etwas in Deutschland gestattet ist.
Mehr als verwundert waren sie nach unserem ersten und letzten Besuch in Berlin-Kreuzberg. Am Kottbusser Tor waren sie nicht so sehr von den deutschen Trinkern und Junkies, für die das »Kotti« seit jeher ein Treffpunkt ist, entsetzt, sondern vor allem von den vielen bäuerlich wirkenden türkischen Frauen mit Kopftüchern und den laut und Pascha-artig auftretenden Türken der zweiten und dritten Generation.
Meine syrischen Freunde konnten nicht verstehen, warum Deutschland Tausenden Menschen gestattet, »wie in ihren anatolischen Bergdörfern vor siebzig Jahren« zu leben. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass diese Türken, obwohl sie seit Jahrzehnten alle Chancen der deutschen Gesellschaft haben, Berlin eher zu Klein-Anatolien machen, anstatt ein modernes Leben im »richtigen Deutschland« zu leben. Nach Kreuzberg wollten sie nie wieder fahren, und nach einem kurzen Besuch im stark arabisch geprägten Stadtteil Neukölln kamen sie auch von der Idee ab, dort wohnen zu wollen: »Da gibt es mehr Kopftücher als in den strengsten Bezirken von Damaskus«, in eine rückwärtsgewandte und religiöse Exilgemeinschaft wollen sie sich nicht integrieren.
Bei einem Picknick mit Yahyas Familie erreicht mich dann Anfang September die Nachricht, dass Dutzende von Asylsuchenden, nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt, verdursten. Sie müssen in sengender Hitze am Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) anstehen. Angeblich verlieren sie ihren Warteschlangenplatz, wenn sie sich Wasser vom einzigen Hydranten auf dem weitläufigen Gelände holen. Und das bedeutet eine Verlängerung ihrer Wartezeit für einen Termin zur Erstregistrierung um weitere Wochen. »Bringt Wasser in Bechern, Obst, Snacks, die Menschen hier verdursten mitten in Berlin!«, lautet die Schlagzeile auf Facebook.
Yahya und ich brechen sogleich auf. Wir fahren Richtung Moabit und kaufen so viel Wasser, wie wir tragen können. Vor dem ehemaligen Krankenhausgelände angekommen, reißen uns schmutzige, verwildert wirkende Kinder die kleinen Flaschen aus der Plastikverpackung. Eine Passantin warnt, das seien Roma-Kids, wir sollen aufpassen, auch auf unsere Brieftaschen und Handys, die Kleinen greifen einfach nach allem. Die »wahren« Hilfsbedürftigen seien im Hof.
Im parkartigen Innenhof des Amtes befindet sich die einzige Registrierungsstelle für Asylsuchende in Berlin. Die Warteschlange, der imposante Stau, offenbart bereits den Kollaps des Verwaltungssystems. Auf grünem Rasen, unter Platanen, in Büschen, sitzen Tausende Menschen mit ihrem wenigen Hab und Gut, manche auch nur mit den Kleidern am Leib. Unter ihnen viele erschöpfte Frauen und Kinder. Ein einziges DRK-Sonnenzelt befindet sich im Hof, unter ihm hocken acht Männer mit Salafistenbärten. Sie tragen traditionelle arabische Gewänder und beten permanent. Alle anderen halten Abstand von ihnen, selbst Schwangere legen sich lieber in der prallen Sonne auf den Boden, statt diese Männer um ein Plätzchen im Schatten zu bitten.
Das sind Szenen, wie sie mir aus dem Libanon bekannt sind – hier, in der deutschen Hauptstadt, wirken sie sehr befremdlich. Ein Open-Air-Flüchtlingslager mitten in Berlin! Die Verfolgten und das Elend dieser Welt sind nur ein paar Kilometer vom Bundestag entfernt und nur einige Kilometer von der Friedrichstraße, der bei saudi-arabischen Frauen beliebten Shoppingmeile.
Dutzende Berliner und die Johanniter Unfallhilfe kümmern sich an diesem heißen Spätsommertag um die Versorgung, schleppen Wasser, Müsliriegel, Obst und Kinderspielzeug an. Privatleute rollen mit Einkaufswagen voller Softdrinks und Wassereis auf das Gelände, um den Kindern eine Freude zu machen. Es ist ein einziges Kommen und Gehen: Nicht nur das Nötigste wird gebracht, neben Windeln und Wasser auch ein paar Paletten Puste-Fix-Seifenblasendosen, Luftballons und Straßenmalkreiden.
Die Solidarität der Berlinerinnen und Berliner überwältigt mich, und ich erinnere mich an eine ähnliche Situation in Damaskus, im Sommer 2006, als die Israelische Armee einen Monat lang schiitische Gebiete im Libanon bombardierte. Innerhalb weniger Tage nahm Syrien rund eine Million Menschen aus dem Nachbarland auf, die vor den Bomben geflüchtet waren. Auch ohne Facebook (es war damals in Syrien noch gesperrt) organisierten die Damaszener sofort überall riesige Suppenküchen und behelfsmäßige Unterkünfte. Aber das war im Nahen Osten, dort, wo kaum etwas richtig funktioniert und Leben in permanenter zivilgesellschaftlicher Improvisation normal ist. Großfamilien, die länderübergreifend leben und zusammenhalten, dazu die starken Bande der religiösen Sekten, übernehmen auch in Friedenszeiten essenzielle Teile des täglichen Lebens, die in Deutschland staatlich organisiert sind.
Und nun, solch ein Szenario, so ein improvisiertes Lager, hier, mitten in Berlin? Oder sind diese Szenen etwa ein Grund zur Freude? Ist das der Beginn einer schönen zivilgesellschaftlichen, über die sozialen Netzwerke organisierten Willkommenskultur, noch vor der Erfindung dieses klangvollen, vielversprechenden Wortes?
Fast 2000 Männer, Frauen und Kinder hatten allein am Vortag das LaGeSo erreicht. Und es sollte erst mal täglich bei dieser Zahl bleiben. Oft hatten die Geflüchteten die Adresse der Registrierungsstelle in den GPS-Routenplanern für die Flucht nach Deutschland einprogrammiert. Angela Merkel hatte die Grenzen geöffnet und die in Ungarn Festsitzenden nach Deutschland eingeladen. In ein Land, das manch einem Syrer aus ländlicher Gegend wie eine Science-Fiction-Vision aus der fernen Zukunft erscheint.
Deutschland war für Syrer schon immer ein Vorbild guter Staatsführung. Vom Hörensagen wissen viele, dass Deutschland ein sehr reiches, sauberes und gerecht regiertes Land ist, ein Land, in dem alles funktioniert und niemand hungern muss.
Die Deutschen sind als die Nation von »Mercedes-Schumacher-Hitler-Ballack« bekannt; Schlagworte, die mir fast jeder Syrer und auch Libanese im Nahen Osten entgegenrief, als sie erfuhren, dass ich Deutsche bin. Die Deutschen gelten in diesen Ländern als diszipliniert, fähig, gebildet, reich und werden bewundert, nicht zuletzt, weil wir den Holocaust gegen die verhassten Juden zu verantworten haben. Und nun sind viele Menschen aus dem Krieg oder auf der Flucht vor Armut und Unterdrückung in Deutschland angekommen und wissen nicht weiter. Weil dieses disziplinierte, fähige und bewunderte Land, das Autos hervorbringt, die vierzig Jahre lang auch ohne fachgerechte Wartung im Wüstensand fahren können, nicht nach ihren Vorstellungen funktioniert. Aufgrund des schieren Andrangs nicht funktionieren kann.
Am Ende ihrer oft langen, meist lebensgefährlichen und teuren Reisen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, dem Iran, Somalia, Albanien und vielen weiteren Ländern müssen Geflohene nun, ohne Informationen und Anweisungen, warten. Tag um Tag warten. Sie waren auf alles Schöne vorbereitet, das ihr Sehnsuchtsziel versprach, sie hofften auf schnelle Bearbeitung ihrer Anträge und natürlich auch auf die von den Schleppern versprochenen Leistungen des deutschen Staates. Doch hier, am LaGeSo, zeigt sich der hochgelobte Staat einfach nur überfordert und planlos.
Viele Mitarbeiter des LaGeSo sind, auch wegen Überlastung, krankgeschrieben, andere schieben Zwölf-Stunden-Schichten. Die wenigsten sprechen Arabisch. Als Yahya und ich unsere Wasserfläschchen am Gatter direkt vor dem Zugang zu den Büros verteilen wollen, werden wir sofort von Männern aller Herren Länder bestürmt und können nicht anders, als ihnen zuzuhören. Sie haben keinen Durst, sie haben Fragen.
Was mit all diesen Papieren und Anweisungen zu tun sei, wollen sie wissen. Die Antragsteller, die ihre Registrierung in Deutschland erhielten, kommen mit unzähligen Zetteln in bestem Behördendeutsch aus den Büros. Es herrscht riesiger Erklärungsbedarf. Wie geht es weiter? Warum erhalten sie kein Bargeld? Und warum können sie nicht sofort eine eigene Wohnung beziehen, die Schlepper hätten ihnen da was anderes erzählt. Warum sollen sie für einen Schlafplatz noch am selben Abend nach Bayern, Mecklenburg oder Thüringen reisen? Sie wollen ohnehin in Berlin bleiben, wozu dann erst mal den Umweg über ein Dorf? Es sei doch warm, sie könnten hier im Park schlafen. Wir werden auch gefragt, was sie ihren Familien in der Türkei sagen sollen bezüglich eines Jobs oder Studienplatzes und einer Wohnung. Das hier sei doch Deutschland, hier funktioniere doch alles, wir hätten eingeladen, und nun so etwas!
Yahya und ich schauen uns viele Papiere an: Da die Berliner Notunterkünfte schon belegt sind, werden die Neuankömmlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen, meist Turnhallen und Jugendherbergen irgendwo im Land, verteilt. Die Asylsuchenden zeigen uns Fahrscheine für die öffentlichen Berliner Transportmittel, dazu Bahnfahrkarten bis in entlegene Gegenden, teilweise Dörfer bei Chemnitz oder Passau, dazu Reservierungs- und Zuweisungsschreiben für ihre Schlafplätze in den dortigen Turnhallen oder Jugendherbergen, die sie noch am gleichen Tag erreichen sollen. Einige haben auch Gutscheine für Übernachtungen in Berliner Hostels dabei. Die lokalen Hostelbetreiber lehnen die Gutscheine jedoch schon längst ab, da die Stadt über viertausend offene Rechnungen für ebendieses Unterbringungskonzept nicht bezahlt hat.
Junge syrische Medizinstudenten mit Designerbrille sind ebenso anzutreffen wie kurdische und bulgarische, mazedonische und albanische Großfamilien auf der Suche nach ein wenig sozialer Unterstützung. Und sei es nur für eine sichere Niederkunft in einem sauberen Krankenhaus, wie mir ein Mazedonier erklärt. Dass die Familie zurückmuss, ist ihm bewusst, aber als er im Fernsehen gesehen hat, wie »alle« nach Deutschland strömten, da wollte er es wenigstens, wenn auch nur für ein paar Monate, versucht haben. Seine beiden Jobs in der Heimat reichen nur für die Miete und einen Sack Mehl im Monat, er hat Angst, das neue Kind nicht versorgen zu können.
Wir sprechen mit einem korpulenten Familienvater, der zwei Ehefrauen und sieben Kinder in der Türkei und in Syrien zurückgelassen hat. Er will sofort wissen, wann und wie er beide nachholen kann. Erst soll die eine Frau mit den drei Kindern aus der Türkei kommen, dann die andere mit den vier Kindern aus Syrien. Wir sollen ihm helfen. Er hätte jahrelang in der Türkei gelebt und dort vor einem Imam die zweite Frau, ebenfalls eine Syrerin auf der Flucht, geheiratet. Papiere, die das belegten, Ausweisdokumente für sich und den mitreisenden ältesten Sohn, Belege über Qualifikationen und was man sonst noch braucht, um sich auszuweisen, hat er nicht dabei, aber noch genügend Zigaretten. Sagt er, bietet mir eine an und lacht. Die Schlepper hätten ihn angewiesen, alles wegzuschmeißen, um einer Registrierung in Griechenland unter dem echten Namen zu entgehen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die fast alle Geflüchteten, mit denen wir an diesem Tag sprechen, angewandt haben. Denn sollte das Dublin-II-Abkommen wieder in Kraft treten, müssen alle Asylsuchenden ausschließlich in Griechenland, dem ersten EU-Land, das sie erreicht haben, ihre Gesuche stellen – und auch dortbleiben. Dadurch, dass die überforderten Griechen sie aber, wenn überhaupt, unter falschem Namen registriert haben, hoffen die Geflüchteten also auf eine dauerhafte Aufenthaltschance in Deutschland.
Nach ein paar Stunden, die Yahya und ich versuchen, Rede und Antwort zu stehen, erfahren wir auch, dass in vielen Fällen ganze Familien oder Dörfer das letzte Geld zusammengesammelt haben, um einen jungen Mann oder ein Paar der Familie ins sichere Europa zu schicken. Waren rund 10000 Euro zusammengekommen, starteten Einzelne die Reise, mit dem Auftrag, den allseits bekannten Begriff »Familienzusammenführung« zu organisieren. Wem die Flucht aus Syrien in Richtung Norden gelang, fand sich in der westtürkischen Stadt Ayvalik ein. Dort warteten Schlepperbanden, die für eine Passage auf die nur zehn Kilometer entfernte griechische Insel Lesbos 1200 Euro berechnen, für zwei bis fünf Stunden Schlauchbootfahrt.
Wer als einer von zehn Millionen Menschen aus dem Gebiet rund um die »Hauptstadt« des IS, Ar-Raqqa, rauswollte, musste sein Haus, sein Auto oder Familienangehörige als »Pfand« zurücklassen. Sonst durfte man nicht ausreisen. Das bedeutet: Von dort, wo die Lebensbedingungen am schlimmsten sind, gab und gibt es kaum ein Entrinnen.
Mithilfe der Schlepper in Lesbos angekommen, so berichten fast alle unsere Gesprächspartner, ging es weiter nach Norden. Zu Fuß, per Schiff, auf Waldwegen, in privaten, von Schleppern organisierten Pkws oder schlimmer noch, mit teils über achtzig Menschen zusammengepfercht in einem Lkw. Im Gegensatz zu den Menschen, die sich von Syrien nach Libyen oder Tunesien durchgeschlagen haben und die weitaus längere und gefährlichere Tour über das Mittelmeer und Lampedusa (bei ruhiger See rund vierzig Stunden, Kosten: 1200 bis 1500 Euro) hinter sich haben, lauerte die Gefahr für diese Flüchtenden nicht auf dem Meer, sondern in den Wäldern Südosteuropas – in Form von korrupten Polizisten, prügelnden Soldaten, selbst ernannten Bürgerwehren und Wegelagerern.
Viele Syrer auf dem LaGeSo-Gelände erzählen uns, dass sie auf der sogenannten »Todesroute« über Mazedonien und Serbien von Soldaten oder der Polizei misshandelt und ausgeraubt wurden. Anderen widerfuhr dieses Schicksal erst in Ungarn. Über ein Dutzend Gesprächspartner berichten, dass sie von der ungarischen Polizei geschnappt und zur Registrierung per Fingerabdruck gezwungen wurden, dass sie all ihr Hab und Gut abgeben mussten und anschließend nach Deutschland geschickt wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass Ungarn das Geld für die Aufnahme dieser registrierten Asylbewerber von der EU bekommt, die Menschen aber – wie auch Italien – nach Deutschland durchwinkt.
Die Geschichten menschlichen Leids, die sich in den Gesichtern widerspiegeln, sind niederschmetternd. Offensichtlich Kriegsversehrte, mittellos, schmutzig, wirken nun erleichtert. Selbst wer es ohne Schuhe, mit gebrochenen Fingern, einem Gipsbein oder mit Prellungen von Stockschlägen der Polizisten nach Berlin geschafft hat, strahlt über das ganze Gesicht. Viele sind aber auch stets den Tränen nahe. Die meisten wissen nicht, wie es nun weitergehen wird, manchen fehlen die 50 Cent, um den Lieben daheim ein Lebenszeichen aus einem Internetcafé zu senden. Alle haben ein schlechtes Gewissen, in Sicherheit zu sein, während der Rest der meist vielköpfigen Familie weiterhin im Krieg ausharren muss.
Dann fallen mir drei junge, gepflegt wirkende Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen und dicken Silberkreuzen um den Hals auf. Sie rauchen im Schatten eines Baumes einen Joint. Scherzhaft spreche ich sie auf Arabisch an: »Polizei, was machen Sie hier?« Die drei schrecken auf, merken aber schnell, dass ich keine Polizistin bin. Wir lachen. Sie sind Christen aus Damaskus, dort sei es ihnen gut gegangen, aber die Einberufung in Assads Armee hätte ihnen bevorgestanden. Also sind sie mit dem Taxi nach Beirut gefahren, haben dort den Flieger nach Istanbul genommen, »in einem richtigen Holzboot« auf eine griechische Insel übergesetzt und sind innerhalb einer Woche mit »vertrauenswürdigen« Taxifahrern, die sie über Facebook gefunden haben, direkt nach Berlin-Moabit gefahren. Sie hoffen, hier bald Wirtschaft und Maschinenbau studieren zu können. Das Gras für den Joint hätten sie bei einem Marokkaner am U-Bahnhof gekauft, als ihnen klar wurde, dass es aufgrund der Menschenmenge hier wohl ein wenig dauern würde, berichten sie kichernd. Übernachten können sie in einem normalen Hotel, die Familien daheim sind finanziell noch gut aufgestellt und können ihnen Geld über Western Union senden. Sie fragen mich, ob ich nicht jemanden kenne, dem man »einfach einen Umschlag, wie in Syrien auf den Ämtern«, geben kann, damit sie nicht mit den anderen tagelang auf ihre Registrierung warten müssen.
In Syrien funktionierte alles über Bestechungen und durch Beziehungen. Korruption war Alltag in Behörden, Arztpraxen, Schulen oder Universitäten. Von Baugenehmigungen bis zu Pässen oder Universitätsdiplomen, alles war käuflich. Korruption wurde akzeptiert und mangels Alternativen als normal betrachtet.
»Das hier ist Deutschland«, erklärte ich den Twens, »ihr macht euch strafbar, wenn ihr in einem Amt Geld anbietet!« Nachdem sie kurz ihre Gesichter verziehen, zeigen sie sich begeistert, dass der Grundsatz der Gleichbehandlung in Deutschland herrscht. Dass auch am LaGeSo einzelne Sicherheitsmitarbeiter Vorzugstermine gegen Bargeldzahlungen arrangieren, kommt erst einige Monate später ans Licht; angeblich wurde es dann auch sofort unterbunden und juristisch geahndet.
Plötzlich packt mich ein frecher Mittzwanziger am Arm und sagt laut in gebrochenem Deutsch: »Hey, hey, du bist schön, wollen wir heiraten? Nein? Aber Freunde sein! Du musst mir helfen, mein Geld zu bekommen, alle bekommen hier Geld, Hotel, nur ich nicht! Was ist los, geh mit mir rein!« Ich schaue den Typen schräg an und sage ihm testweise in ägyptischer Aussprache, dass ich verheiratet bin und er mich loslassen soll. Er juchzt ziemlich übertrieben: »Du sprichst Ägyptisch! Wie toll! Ich komme aus Ägypten!« Das war mir auf Anhieb klar, auch, dass er sicherlich vor Restaurants und Touristenshops als Kundenfänger gearbeitet hat. Er fühlt sich nicht ertappt, sondern bejaht, und legt mir ungefragt seine Sicht der Dinge und seine Lage dar.
Da kaum noch Touristen nach Hurghada, wo er tatsächlich als Kundenfänger gearbeitet hat, kommen, hat er sich mit ein paar Freunden in Alexandria nach Schleppern umgeschaut und schnell welche gefunden. Die Fahrt von Ägypten nach Griechenland hat 600 Dollar gekostet. »Deutschland ist einfach the place to be, wir sind alle hier!«, jubelt er mir entgegen. Anscheinend hofft er aufgrund meiner Sprachkenntnisse auf meine Willkommensfreude und Solidarität und bittet erneut darum, dass ich mit ihm ins Amt gehe, damit er »sein« Geld bekommt, er wisse gar nicht, warum er rausgeschmissen worden sei. Als ich ihm sage, dass er wahrscheinlich zu frech und zu fordernd aufgetreten ist, stimmt er zu, lacht ein wenig höhnisch. Dann versucht er mir leicht aggressiv zu erklären, warum ich verpflichtet sei, ihm zu helfen: »Der Westen hat doch zusammen mit Israel alles angezettelt, deshalb versinkt Arabien nun im Chaos. Es ist eure, auch deine Pflicht, uns, mir jetzt hier zu helfen!«, brüllt er mich an. Ich wende mich ab, gehe weg und rufe ihm noch zu, dass er mit dieser Einstellung hier garantiert nichts erreichen wird.
Kurz danach erblicke ich in der Menge eine metrosexuelle Lichtgestalt, mit säuberlich und aufwendig gestutztem Bart, goldenem Schmuck und Popstar-artigem Gebaren. Den Mann kenne ich! Im Libanon hat er mich mit einer roten Rose im Mundwinkel von großen Werbeplakaten angegrinst. Er ist ein berühmter Hochzeitssänger und steht nun live vor mir. Ich spreche ihn an, und er, der sanfte Mahmoud, freut sich, dass ich ihn erkannt habe. »Kannst du mir helfen, dass das hier alles etwas schneller geht? Aber sag bitte niemandem, dass ich Libanese bin, ich habe meinen Pass weggeschmissen und musste eine Woche lang mit dem Taxi durch ganz Europa fahren, um herzukommen!« Wie er darauf gekommen ist, dass Deutschland ihn aufnimmt, will ich wissen. »Na, meine Mutter kommt aus Syrien, und ich kann ihren Dialekt sprechen … verrate mich bitte nicht, ich muss hierbleiben …«
Seine Fans denken, dass er auf Europa-Tournee ist und hier vielleicht sogar eine Platte aufnimmt. Er hat schon oft vergebens versucht, ein Visum für Deutschland zu bekommen, da viele seiner Familienmitglieder seit Jahren hier leben und hier »alles« besser sei als im Libanon. Wir tauschen unsere E-Mail-Adressen aus, und ich verspreche ihm, seinen geplanten Asylbetrug nicht zu melden, ihm aber Bescheid zu geben, falls arabische Bekannte einen Hochzeitssänger suchen.
Als ein Tumult ausbricht – weil ein Syrer die endlose Schlange zu durchbrechen versucht –, rauscht ein Dutzend Polizisten in Kampfmontur an. Viele Syrer gehen sofort in aggressive Abwehrhaltung gegenüber der Staatsmacht, andere nähern sich neugierig den hübschen blonden Polizistinnen. Man steht sich ohne gemeinsame Sprache gegenüber. Die Syrer fordern in einem imposanten Sprechchor eine schnellere Bearbeitung, die Polizei versucht, die aufgebrachte Menge auf Deutsch zu beruhigen. Ein Refugee-Solidaritäts-Aktivist schmettert lautstark Beschimpfungen gen Polizei und wird sofort unsanft abgeführt, was die Syrer noch wütender macht. Zusammen mit einem ehrenamtlichen Koordinator der Gruppe »Refugees Welcome« beginnen Yahya und ich spontan zu deeskalieren. Nach zehn Jahren als Nahostberichterstatterin in Syrien und im Libanon traue ich mir zu, rund 300 aufgebrachte arabische Männer beruhigen zu können. Ich rufe vor den Augen der sprachlosen Polizei-Eingreiftruppe arabische deeskalierende Parolen in die Menschenmenge. »Seid lieb, wir haben alle die Hölle hinter uns, hier ist Frieden, es soll so bleiben! Geht zurück an eure Plätze, trinkt Wasser, es ist sehr heiß! Beruhigung.« Yahya macht mit und wiederholt meine Worte, bestärkt sie mit Gesten. Bald ist die Ruhe wiederhergestellt. Die Polizisten staunen.
Später beobachten wir, wie Salafisten unter Führung rhetorisch gewandter Konvertiten vor dem Amt auftauchen. Sie sind mit Koran-Exemplaren und Lebensmittelspenden, die sie ausschließlich an Muslime verteilen wollen, unterwegs und geben freundliche Hinweise, wo die nächste konservative Moschee zu finden ist. Wir melden den bösen Spuk den Sicherheitsmitarbeitern, teils sehr durchsetzungskräftigen arabischstämmigen Berlinern. Die Salafisten werden des Geländes verwiesen, umstehende Syrer rufen, dass sie keine Muslime seien, denn diese hätten alle Menschen, nicht nur ihre Glaubensbrüder, zu unterstützen. Nun müssen die Herren in langen weißen Kleidern ihre Missionierungsversuche neben den Zeugen Jehovas und Vertretern von Freikirchen im kleinen Park vor dem Gelände fortsetzen.
Kurz darauf treffen wir den spontan und alleine das Amt besuchenden Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Dr. Christian Henke (SPD), und stellen ihm Übersetzungshilfe. Nach seinem Besuch im LaGeSo kündigt er an, ein neues Konzept zur Aufnahme der Geflüchteten vorzustellen, damit Versorgung, Unterbringung und Bearbeitung der Asylanträge besser gestemmt werden können. Rückblickend betrachtet, hat Berlin es zwar geschafft, Obdachlosigkeit für Asylantragsteller zu vermeiden, doch auch anderthalb Jahre später leben Tausende Neuankömmlinge in der Hauptstadt in Turn- oder Traglufthallen, in alten Kaufhäusern oder auf dem Flughafen Tempelhof.
Als mein syrischer Kollege Yahya und ich weit nach Einbruch der Dunkelheit das Gelände verlassen, sehen wir im Park vor dem Amt immer mehr Berliner und vor allem Berlinerinnen ankommen, diesmal aber ohne Hilfsgüter. Es sind Hilfsbereite, die in Koordination mit einem Refugee-Welcome-Aktivisten obdachlosen Flüchtlingen ein Bett für die Nacht anbieten möchten. Dass Deutsche ihre Türen öffnen und vollkommen Fremde in Not aufnehmen wollen, beeindruckt uns. Amüsiert beobachten wir, wie eine Dame um die vierzig »ihren« Ahmad von letzter Nacht wieder beherbergen will, dieser sich aber sträubt, wegläuft und ihr dabei auf Englisch zuruft, dass er lieber unter freiem Himmel als erneut bei ihr zu nächtigen gedenke.
Beim Feierabendbier finden Yahya und ich die Gruppe der hilfsbereiten und aufopfernden Menschen auf Facebook und senden ihnen als auch anderen Facebook-Foren helfender Berliner Initiativen Beitrittsanfragen. Wer sich engagieren will, kann zum Beispiel der Facebook-Gruppe »Moabit hilft« beitreten. Auf dieser Seite kann man sich allgemein über Möglichkeiten zur Unterstützung der neu Angekommenen informieren. Es ist eine von und für Ehrenamtliche gemachte Seite, auf der über 15000 gute Menschen einem überforderten Berliner Amt zur Seite stehen. Diese Aktivisten organisieren die täglichen Spendenlieferungen und damit alles, was Menschen, die nichts haben, brauchen. Hier wird in Windeseile alles zwischen Zwillingskinderwagen, Rollstühlen, Schlafsäcken oder einer schnellen, kostenlosen medizinischen Behandlung für den Großvater aus Aleppo, mit Bombensplittern in Auge und Bein, organisiert. Gelebte Willkommenskultur.
Yahya zeigt sich beeindruckt, was Einwohner seiner neuen Wahlheimat im Land von »Mercedes-Schumacher-Ballack« auf die Beine stellen, und ich staune kein bisschen weniger. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich. Ist es – Stolz? Kann man stolz darauf sein, dass eine deutsche Kanzlerin die zutiefst menschliche Entscheidung gefällt hat, Hunderttausende Menschen in Not aufzunehmen? Da es in Berlins Verwaltung an allen Ecken und Enden an allem mangelt, beschließen wir, regelmäßig zum LaGeSo zu gehen und mitzuhelfen. Sei es auch nur, um Einzelnen Amtsbriefe zu übersetzen, irgendwem Wasser, 50 Cent oder ein wenig Hoffnung zu spenden.
Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht, dass ich fünf Monate später für die Dauer von fünf Monaten unter rund 200 Menschen mit ähnlichen Problemen leben werde. In »Dunkeldeutschland«, in Sachsen, dort, wo die meisten Flüchtlingsheime brennen. Dort, wo die Flüchtlingskrise »Asylantenflut«, »Asylantenschwemme« oder »Umvolkung« heißt und der Beginn des »großen Austauschs« deklamiert wird. Dort, wo Syrer als »Flüchtigranten«, »Merkelanten« oder »Scheinasylanten« und Menschen schwarzer Hautfarbe als »stark pigmentierte Kulturbereicherer« verhöhnt werden.
Sonntagabend, Mitte Januar 2016: dichtes Schneetreiben auf der Landstraße. Ich befinde mich auf dem Weg nach Tipschitz, einem Dorf bei Bautzen. Im tiefsten Osten von Sachsen. Den Fahrer, ein langer und schmaler türkischstämmiger Mann mit außergewöhnlich vollem, rotem Haar, kenne ich nicht, und er kennt den Weg nicht. Er hat weder Autokarte noch Navigationssystem dabei. Die Akkus unserer Mobiltelefone sind leer. Egal, das Funknetz wäre in dieser Gegend ohnehin zu schlecht, als dass wir mit GPS und Smartphone fahren könnten. Wir fahren auf Sicht und suchen Straßenschilder. Schemenhaft tauchen hin und wieder ein paar Einfamilienhäuser auf, dann wieder nichts als Schwarz.
Mit uns reist Lara-Lisa, eine Arbeit suchende Designerin aus Berlin. Auf Bitten meines türkischstämmigen Auftraggebers, dem Initiator des Bildungsagentur-Start-ups »Deutschkurse für Araber«, habe ich sie als weitere Deutschlehrerin akquiriert. Sie wirkt fröhlich und geradezu abenteuerlustig ob der vor uns liegenden Monate in Sachsen.
Wir sind engagiert worden, weil die Regierung nach dem »Willkommenssommer« 2015 schnell viele Deutsch- und Integrationskurse für »Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive« in den Heimen anbieten will. Einige Hundert Millionen Euro wurden freigestellt, damit Deutschsprachige, auch ohne Lehrerfahrung, den neuen Mitbürgern eine Mischung aus Deutschunterricht und »So machen wir das hier in Europa«-Stunden geben. Unterrichtsaufbau, Inhalte, Lehrmaterial – dazu gab es keine Vorgaben. Zumindest wurden sie uns nicht mitgeteilt.
Lara-Lisa will alles, was sie bei einer Fortbildung zur Moderatorin gelernt hat, weitergeben. Saubere Aussprache, Zischlaute, Lernen mit Melodie und Rhythmus. Dazu schwört sie auf Yoga, die universelle Kraft der Liebe, und darauf, dass alle Religionen unnötig sind, wenn nur jeder Mensch auf seine innere Stimme hört.
Ich bin neugierig und gespannt – auf die Sachsen, die Syrer und die schöne Aufgabe, Menschen, die harte Zeiten hinter sich haben, via Sprachvermittlung die ersten Schritte in ein neues Leben zu vereinfachen. Da ich Syrien häufig bereist und lange in Damaskus und in Beirut gelebt habe, habe ich eine recht gute Menschenkenntnis, was Menschen aus dem Nahen Osten, Muslime wie Christen, angeht. Syrer der superreichen Oberschicht, Armeeangehörige, Beamte, Studierte und Facharbeiter sind für mich schnell von bitterarmen, analphabetischen und besonders Hilfsbedürftigen zu unterscheiden. Abgesehen davon, dass ich anhand der Dialekte, meist aber auch aufgrund des Auftretens, deutlich erkennen kann, ob jemand nahöstlichen oder maghrebinischen Hintergrund hat. Einen »falschen Syrer« würde ich relativ schnell enttarnen.
Mein Vater und meine Freunde in Berlin waren besorgt um mich, als ich ihnen von meinen »Sachsen-Plänen« erzählte. Sie gaben mir den Rat, immer mein Pfefferspray dabeizuhaben und stets auf der Hut zu sein. Vor Nazis, natürlich. Denn alle, die mich kennen, wissen, dass ich gut mit Arabern kann, weshalb ich ja auch den Job bekommen habe.
Nachdem sich unser Chauffeur dreimal verfahren hat, scheinen wir nun endlich richtig zu sein. Zu unserer Linken sehen wir einen Gewerbehof: Sonderposten- und Restemarkt, eine Logistikstation, ein paar Baracken ohne erkennbaren Nutzen. Und das Hotel »Haus am Wald«. Neun Jahre stand es leer, am nächsten Tag, bei Sonnenlicht, erkennen wir auch, warum: Wo nichts ist, will auch niemand absteigen oder Konferenzen halten. Die Besitzer wechselten, zu neuem Leben erwachte der Billigbau im November 2015, als 179 Asylbewerber aus Syrien, Afghanistan, Kurdistan, Pakistan, dem Irak und Iran einzogen. Aus den Notunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen wurden sie hierhin verteilt. Ihre erste Meldeadresse in Deutschland ist nicht – wie von den meisten erhofft – München, Hamburg oder Berlin, moderne, multikulturelle Großstädte, die sie aus dem Fernsehen kennen, Sehnsuchtsorte Europas mit vielen arabisch geprägten Stadtvierteln – oder auch Orte, in denen bereits Familie und Freunde ansässig sind, sondern die hiesige Gemeinde: Lehnschütz. Hotel »Haus am Wald«, Industriegebiet 13, Lehnschütz. Polen und Tschechien sind näher als Dresden und Berlin, und falls jemand der Einheimischen eine zweite Sprache spricht, dann ist es meist nicht Englisch, Arabisch oder Russisch, sondern Sorbisch.
Der billige zweistöckige Bau des Industriegebiet-Hotels mit einem verwahrlosten, anderthalb Meter tiefen Pool im Vorgarten, umringt von ein paar Tannen, liegt an vorderster Front einer riesigen betonierten Fläche. Ein leichter Stahldrahtzaun umgibt das lang gezogene Gebäude. An ihm sind Sensoren angebracht, die die Sicherheitsangestellten des Heimes einmal pro Stunde ablaufen müssen.
Dass Heime für Fremde in dieser Gegend nicht beliebt sind, zeigen die zahlreichen Protestaktionen, die Anwohner noch im Sommer vor einer weiteren Asylbewerberunterkunft, dem »Spree Hotel« am nahe gelegenen Stausee, veranstalteten. Brüllende, besorgte Bürger vor Zufluchtsorten. Hier ist Kaltland, das Land, in dem Häuser für Schutzbedürftige brennen, Kaltland, wie die Punkband Toxoplasma 1995 im Nachklapp des tödlichen Brandanschlags von 1992 auf ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen sang. Hier treffen DDR-Tristesse, ein alles umgebendes Flair des Dörflichen und das internationale Flüchtlingsdrama täglich live, direkt und unmoderiert aufeinander.
Ein Dialog könnte natürlich helfen. Aber in welchen Sprachen? Um das voranzutreiben, sind meine Kollegin und ich hier. Wir sollen 69 Syrern und Syrerinnen, freiwilligen Schülern, die im Gegensatz zu Pakistanern und Iranern aufgrund ihrer Herkunft aus einem Kriegsgebiet »gute Bleibeperspektive« haben, vier Monate lang Deutschunterricht geben. Ich will mich dabei an dem Arabischunterricht orientieren, den ich zwei Jahre lang in einem Intensivkurs an der FU Berlin absolviert habe. Meine Kollegin Lara-Lisa kann Englisch und Französisch und will ihr Übriges dazu tun, ihre Idee von Integration zu gestalten, mit Kindern tanzen, mit Frauen über die Erfahrung der Flucht und der Emanzipation sprechen.
An dem Abend unserer Ankunft stehen Lara-Lisa, der Fahrer und ich vor der offenen Tür der erleuchteten Hotellobby. Kein Heimmitarbeiter in Sicht. Es ist wohl zu verschneit und zu kalt für Nazi-Attacken, müssen sich die Sicherheitsangestellten, die nachts für Ruhe sorgen sollen, gedacht und sich in ihr Zimmer verzogen haben. Es liegt hinter der Rezeption, die Tür ist angelehnt, dahinter daddeln zwei schwarz gekleidete Jungs auf ihren Smartphones. Hatte der Fahrer nicht erzählt, dass auch die Sicherheit im Heim »irgendwie« von Cousins seiner Cousins gestellt wird? Mein erster Eindruck ist kein guter.
477 Fälle von rechter und fremdenfeindlicher Gewalt wurden 2015 allein in Sachsen registriert. Es gab 403 Körperverletzungen, Nötigungen und Bedrohungen sowie 74 Attacken auf Flüchtlingsheime. Also sollte die Security nicht nur wachsam, sondern auch auf ihre Gesinnung geprüft werden. Es dürfen sich keine radikalen Rechten oder Islamisten unter den Sicherheitsleuten befinden, es müssen weltgewandte, aufmerksame, muskulöse Menschenfreunde und keine ängstlichen Persönlichkeiten sein.
In vielen deutschen Flüchtlingsheimen gab es schon Ärger mit den Securitys, da gerade die Menschen, die sich um die Sicherheit anderer kümmern sollen, oft keine lupenreinen Lebensläufe oder eine gute Ausbildung mitbringen. In nahe gelegenen Heimen, so recherchierte das ZDF, waren Sicherheitsmitarbeiter angestellt, die durch ihre fremdenfeindlichen Äußerungen auffielen. Sie blieben nach deren Bekanntwerden vorerst weiter angestellt – bei demselben Betreiber, der auch für das Heim in Lehnschütz verantwortlich zeichnet.
Aber muss an einem so fremdenfeindlichen Standpunkt wie Sachsen, wo schon offiziell von »rechtem Sumpf« die Rede ist, nicht besonders und auf alles, vor allem auf Mitarbeiter, Menschenleben und Gebäude gut geachtet werden? Doch wen müssen die Sicherheitsmitarbeiter vor wem schützen? Die Asylbewerber im Heim vor den Sachsen oder die Sachsen vor den Asylbewerbern? Die Menschen verschiedener Nationalitäten und Religionen im Haus voreinander? Frauen vor Männern, Kinder vor allen?
Unser Haus, sagte man mir, sei ein ruhiges, und es soll ein Vorzeigeprojekt werden, geführt von einem ehemaligen Mitglied des Bundestages. Wir wollen in die »guten Schlagzeilen«, sagte mir mein Auftraggeber, ob ich nicht bei der PR etwas helfen könne. Und dass er sich über mich erkundigt hätte: Es würde sich ja wohl von selbst verstehen, dass ich nicht als investigative Journalistin über die Zeit im Heim berichten dürfe.
So ist es in allen Heimen Deutschlands geregelt: Wer mit Geflüchteten arbeitet, muss die Verschwiegenheitsverpflichtung des Betreibers akzeptieren. Nichts soll an die Öffentlichkeit gelangen, zum Schutz der Asylbewerber, wie es heißt. Oder aber – auch zum Schutz der Öffentlichkeit vor den nicht immer ermutigenden Geschehnissen in den Heimen?
Mein Fahrer, der »eigentlich in Immobilien macht, aber jetzt auch irgendwie bei den Heimbetreibern mithilft«, will uns den Securitys kurz vorstellen. Wir spazieren unkontrolliert und ungesehen ins Heim und suchen uns unsere offiziellen Ansprechpartner.
Ein paar Asylbewerber schlendern in Jogginghosen und Shorts herum und schauen uns interessiert an. »Guten Abend«, sage ich auf Arabisch, nicke in die Lobby und grüße die Jungs der Sicherheitsfirma auf Deutsch. Sie sind vielleicht Anfang zwanzig, schmal und langhaarig. Bis sie reagieren, aufstehen und nachschauen kommen, wer sonntagabends um 22 Uhr einfach so ins »Haus am Wald« spaziert, sind wir schon umringt von Menschen, die seit zehn Wochen in diesem Heim zum Nichtstun verdammt sind und vor Neugier fast platzen.
