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"Corona drängt uns zu einer rasanten Entwicklung: Personalmangel und Betenknappheitals Herausforderung – Digitalisierung und personalisierte Intensivmedizin als Chance. Es liegt an uns den Prozess zu gestalten." Dr. Daniel Zickler Als Intensivmediziner an der Charité in Berlin kämpft Dr. Daniel Zickler täglich um das Leben von Menschen – Routine ist da Fehlanzeige. Denn jeder Patient ist anders, bringt seine ganz persönliche Kranken- und Lebensgeschichte mit. Was viele vorschnell als "moderne Apparatemedizin" abtun, bedeutet für das Personal in Krankenhäusern neben einem hohen Maß an Know-how, Multitasking und Anpassungsfähigkeit auch viel Sensibilität in der Betreuung von Patienten und Angehörigen. Oft geht das an die eigene Belastungsgrenze. Viele steigen aus – aufgrund struktureller Probleme. Nicht erst seit Corona ist das so. Daniel Zickler hält dagegen: "Intensivmedizin ist der schönste Beruf der Welt." Anhand von ergreifenden Fallgeschichten beschreibt er die Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche von Patienten sowie Ärzten und Pflegern. Damit geht es vor allem um das, was nun in Gesellschaft, Politik und den Kliniken passieren muss. Neben praktischen Veränderungen fordert Zickler vor allem: "Mehr Zusammenhalt und mehr Wertschätzung!"
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Dr. Daniel Zickler
Intensivmedizin
Erlebnisse und Forderungeneines Insiders
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Klimaneutrale Produktion.
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Buch teilweise bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung. Die in diesem Buch geschilderten Ereignisse und Patientenschicksale entsprechen wahren Begebenheiten, sind aber weitgehend anonymisiert worden.
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© 2022 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden, denn es ist urheberrechtlich geschützt.
Bibelzitate: S. 196: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; S. 251: Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis.
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, www.werkstattmuenchen.com
Umschlagabbildung: © shutterstock/beerkoff
Umschlagfoto: shutterstock/beerkoff, privat
Satz und Druck: Bonifatius GmbH, Paderborn
Printed in Germany
eISBN 978-3-89710-975-9
Weitere Informationen zum Verlag:
www.bonifatius-verlag.de
Gewidmet den Kräftenauf Deutschlands Intensivstationen
VORWORT
Was mir wichtig ist …
EIN WUNDERBARER ARBEITSBEREICH
Reanimation deluxe
Ein ganz normaler Tag
Warum das Ganze?
Die Menschen begleiten
Medizinische Teamleistung
Wertschätzen, was wir haben
UNTER DEM BRENNGLAS VON CORONA
Etwas, das wir vorher nicht kannten
Auf einmal war alles anders
Die Ruhe vor dem Sturm
Jetzt geht’s los
„Ich bin positiv“
Bad Case oder Worst Case?
Von der Außen- zur Innensicht
Komplikationen – nicht schön, kommen aber vor
Hardcore-Covid-Phasen
Betten, die keine Betten sind
Quote zu niedrig
Fünfzehn Minuten für das Leben
Was man Angehörigen sagt
Und immer wieder dieser Druck
WAS HAT CORONA SICHTBAR GEMACHT?
Sieben Forderungen – was sich ändern muss
1. Reduzieren der Arbeitsbelastung
2. Weniger Kostendruck
3. Weniger Intensivstationen
4. Psychologische Unterstützung
5. Verbesserte Abläufe, mehr Digitalisierung
6. Möglichkeiten zur freien Entfaltung
7. Mehr Wertschätzung
FÜR EINE BESSERE INTENSIVMEDIZIN
Solidarität und Wertschätzung
1. Was Patienten tun können
2. Was Angehörige leisten können
3. Neue Bedingungen für Intensivstationen
4. Die Aufgaben der Verwaltungen
5. Leitbild und Vorbild
6. Die Expertise der Pflege
7. Haltung bewahren
FAZIT
NACHWORT
DANK
Die Corona-Pandemie ist eine Zäsur. Der Weg hindurch ist hart und verlangt uns als Gesellschaft viel ab. Immer wieder müssen wir mit Rückschlägen umgehen und nach neuen Lösungen suchen.
Insbesondere die Intensivkräfte haben mehr als zwei Jahre hinter sich, in denen sie noch einmal mehr über sich hinausgewachsen sind. Daniel Zickler ist einer von mehreren tausend Intensivmediziner*innen in Deutschland, die im Team mit den Pflegerinnen und Pflegern ohne Unterlass um die vielen Leben kämpfen, die durch Corona zusätzlich auf ihren Stationen landen. Mit großem Engagement nahmen und nehmen sie den Kampf gegen dieses neuartige Virus auf, das so viele unerwartete und schwere Schäden im menschlichen Körper verursachen kann. Zusätzlich zu einer Tätigkeit, die bereits im Normalmodus außergewöhnliche Belastbarkeit abverlangt.
Sie halten nun ein Buch in den Händen, aus dem Sie keine Bitterkeit herauslesen, wohl aber empathische Erzählungen und eindringliche Beispiele aus dem Alltag eines begeisterten Arztes, der bei aller Erschöpfung nicht an seiner Profession zweifelt. Denn das ist es bei Daniel Zickler und seinen Kolleg*innen in Pflegeberufen: Profession. Berufung. Leidenschaft, Hingabe und Erfüllung in ihrer beruflichen Tätigkeit, dem oftmals selbstaufopfernden Helfen von Menschen in einer extremen Notlage.
In Berichten, die nicht trocken oder gar unverständlich sind, sondern zum Mitfühlen mitreißen, gibt er Einblick in den turbulenten und stets unvorhersehbaren Alltag auf seiner Intensivstation im Charité Campus Virchow-Klinikum in Berlin. Seine Schilderungen sind schonungslos klar und machen deutlich, wo wir ansetzen müssen, um das, worum es besonders auf der Intensivstation geht, in den Mittelpunkt stellen zu können: „Menschen in ihrem Kampf an der Grenze zwischen Leben und Tod begleiten“. Daniel Zickler schildert, wovon diese Priorität oft erschwert oder behindert wird. Die Pandemie legt hier den Finger in die Wunde: Unser Gesundheitswesen, um das uns viele in der Welt noch beneiden, droht zu erodieren, weil es auf die heutigen Herausforderungen zu unflexibel reagiert, wir auch hier digital hinterherhinken. Er weist uns darauf hin, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, um zu verhindern oder schnellstmöglich zurückzudrehen, was viele befürchten: einen Exodus der Fachkräfte aus den Pflegeberufen. Weiterbildungen, vielfältige Berufsbildgestaltung, verbesserte monetäre und politische Wertschätzung für Ärzt*innen und Pfleger*innen – all diese Punkte hat Daniel Zickler zu Recht allen Handelnden auf die Agenda geschrieben.
Dieses Buch liefert Analysen, Diagnosen und Lösungsansätze, wie Fehlentwicklungen im deutschen Gesundheitssystem und die Abwanderung der Intensivpflegekräfte aufgehalten werden können: dass vieles durch bessere Organisation, bessere Kommunikation und Austausch geändert werden könnte; einiges jedoch nur durch mehr Ressourcen.
Dieses Buch leistet einen wichtigen Anstoß: die so überfällige gesellschaftliche Debatte über die Situation in unseren Krankenhäusern zu befördern.
Es ist eine Einladung, Veränderungen anzupacken. Veränderungen schaffen Sicherheit für die Zukunft.
Katrin Göring-Eckardt
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags
Ich bin Oberarzt auf der Intensivstation der Berliner Charité. Ich arbeite als Intensivmediziner auf der internistischen Intensivstation 43i im Virchow-Klinikum. Ich bin Internist und Nephrologe, also Nierenarzt. Seit Jahren befasse ich mich primär mit der Intensivmedizin und kenne diese aus der Perspektive einer internistischen Intensivstation eines Maximalversorgers, einer Universitätsklinik. In diesem Buch rede ich über meine Erfahrungen und stelle meine persönlichen Überlegungen an.
Es ist gut möglich, dass ich Facetten kleinerer Häuser, die ebenso brillante Arbeit leisten, nicht ausreichend berücksichtige. Ich bin auch kein gewählter Ärzterepräsentant, der die Forderungen seiner Fachgesellschaft wiederholt. Manche meiner Vorschläge werden allerdings denen der Gesellschaften ähneln. Sie erheben selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Letzten Endes beschreibe und analysiere ich das, was ich in den vergangenen 14 Jahren in meinem Berufsleben beobachten durfte.
Meine Absicht ist es auch nicht, die Intensivmedizin wichtiger darzustellen als andere medizinische Zweige. Nichts liegt mir ferner, als die Verdienste anderer Bereiche, die den Patienten auf genauso wertvolle Weise dienen, zu unterminieren. Ich denke beispielsweise an das Hausarztsystem in Deutschland, das nicht zuletzt in der Coronapandemie unglaublich große Verdienste geleistet hat und dessen großartige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuvor kaum Denkbares bewerkstelligt haben, manchmal unter sehr schwierigen Bedingungen. Doch ich gebe zu, in diesem System kenne ich mich einfach nicht gut genug aus, deswegen äußere ich mich kaum dazu.
Es geht mir auch gar nicht darum, irgendwen zu kritisieren oder gar an den Pranger zu stellen. Auch wenn viele Menschen unzufrieden sind über verschiedene Entscheidungen in der Gesundheits- und Pandemiepolitik, so ist für mich klar: Alle versuchen, ihr Bestes zu geben. Niemand fällt böswillig falsche Entscheidungen oder führt in böser Absicht schlechte Bedingungen herbei. Die Verantwortlichen haben nicht nur viele Interessen zu berücksichtigen, sondern ihre Entscheidungen müssen immer auch vor Gericht standhalten. Trotzdem bin ich mir sicher: Wenn wir an der einen oder anderen Stelle etwas verändern, könnten wir mit den Fähigkeiten und der Leidenschaft vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Intensivmedizin einen höheren Standard erreichen. Dafür müssen wir die Fähigkeit entwickeln, uns in die Situation anderer hineinzudenken und sie nachzuempfinden. Empathie und Wertschätzung sind gefragt. Bei der Problemanalyse, der Diagnose wie auch den Lösungsansätzen. Denn ich bin überzeugt: So manche Fehlentscheidung, die in der Politik oder im Management gefällt wird, beruht auf Missverständnissen und Unkenntnis. Und zwar darüber, was „auf Station“ eigentlich los ist.
Dieses Buch handelt von der Intensivmedizin. Von der Art und Weise, wie wir diesen Beruf praktizieren, und von ihrer Bedeutung für die Gesellschaft. Es erklärt zunächst, warum ich den Beruf als Intensivmediziner liebe und warum ich ihn trotz aller Herausforderungen mit großer Leidenschaft ausübe und ihn jederzeit sofort wieder ergreifen würde.
Im zweiten Teil geht es um die Probleme, die es uns als Intensivteam enorm erschweren, unseren Job so zu machen, wie wir es am besten können, von uns selbst gewohnt sind und wie wir es uns selbst abverlangen. Wir wollen Qualität einhalten, werden daran aber immer mehr gehindert und dazu gedrängt, Quantität abzuliefern. Dieser Teil handelt von den strukturellen und organisatorischen Problemen.
Covid hat zu diesen Herausforderungen sein Übriges getan und einen erheblichen Beitrag geleistet, die Dinge offenzulegen. Schon vor Corona war die Situation angespannt, der Personal- wie Ressourcenmangel hat uns dann weiter sehr zugesetzt. Insofern hat die Pandemie zwei Dinge getan: Sie hat nicht nur die Probleme aufgedeckt und zur Darstellung gebracht, dass es nicht gut steht um die Bedingungen in der Intensivmedizin. Sie hat auch den Fokus auf die Intensivmedizin gelenkt und uns eine öffentliche Basis gegeben. Viele Menschen haben nun erstmals verstanden, was da genau passiert und welche Bedeutung die Intensivmedizin für die Gesellschaft hat. Leider hat die Coronasituation aber auch die schwierigen Zustände weiter verschärft. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stoßen an ihre Grenzen oder haben für sich bereits eine Konsequenz gezogen.
Im dritten und vierten Teil des Buches möchte ich schließlich überlegen, was geschehen muss, damit die Bedingungen für das Personal auf den Intensivstationen wieder so werden, dass man es dort länger als ein paar Monate aushält. Was geschehen muss, damit wir diesen Beruf wieder gern ausüben. Staat, Politik, die Gesellschaft, selbst die Patientinnen und Patienten, kurzum alle müssen ihren Beitrag dazu leisten. Denn wir alle haben eine Verantwortung für eine funktionierende Intensivmedizin in diesem Lande. Ich möchte einladen, an diesem Prozess teilzunehmen.
Dieses Buch möchte einen Beitrag leisten, ganzheitlich aufzuklären und Einblicke in die Realität zu geben. Für eine Erneuerung der Intensivmedizin in Deutschland. Ich hoffe, es kann die Diskussion fördern, wie man die Bedingungen für die Menschen, die mit der Situation ganz unmittelbar konfrontiert sind – das Personal, aber vor allem die Patientinnen und Patienten –, in Zukunft verbessern kann. Schon jetzt sind wir zu unglaublichen Leistungen imstande. Unter dem Brennglas der Coronapandemie wurde vieles sichtbar. Beständiges, aber auch die dringend anzugehenden Maßnahmen. Was es jetzt braucht, ist die Entschlossenheit, notwendige Dinge wirklich in die Tat umzusetzen.
Ein Adventssonntag im Jahr vor Corona: Die Visite liegt hinter mir, und so kehre ich am Mittag nach Hause zurück, in der Hoffnung, den Nachmittag mit meiner Familie verbringen zu können. Wir vier gemeinsam beim Adventskaffee mit Weihnachtsliedern, -geschichten und Marzipanstollen …
Alles ist ruhig und bleibt ruhig. Der Nachmittag kann kommen. Wir zünden die Kerzen an, decken den Tisch und genießen die Zeit.
Es ist 17 Uhr, als mein Telefon klingelt. Mein Kollege, der Dienst auf Station hat, ist dran. Eigentlich will ich gerade meiner Frau helfen, das Geschirr in die Küche zu räumen. Ich stelle es wieder zurück auf den Tisch. Unsere beiden Töchter sind schon an mir vorbei in ihr Kinderzimmer gestürmt. Aus lauter Vorfreude. Endlich wieder Zeit mit Papa, denken sie bestimmt. Vermutlich waren sie deswegen eben am Tisch kaum noch zu halten. Mein Blick geht zu ihnen, während am Ohr mein Kollege bereits loslegt. Er schildert mir den Sachverhalt, der sich gerade in einem anderen Krankenhaus von Berlin abspielt:
„Er hat seit zehn Minuten Kammerflimmern, das auch auf Elektroschocks nicht reagiert.“ Ein Patient liege dort auf dem Herzkatheter-Tisch und werde reanimiert. „Die Anfrage lautet, ob wir mit dem ECMObil hinkommen und ihn an die Herz-Lungen-Maschine anschließen können.“
„Viel Zeit zum Nachdenken haben wir da aber nicht“, antworte ich ihm. Binnen Sekunden sehe ich den Ablauf der nächsten Minuten vor mir: Wie ich mit dem Auto in die Klinik fahre, dort meinen Kollegen und das ECMObil abhole und wir per Einsatzfahrt einmal quer durch die Stadt rasen und dann den Patienten anschließen. Adventsstimmung passé.
Deutlich für den Patienten und das ganze Unternehmen, bei dem es um Minuten geht, spricht, dass er auf dem Katheter-Tisch reanimationspflichtig geworden ist. Das bedeutet, es gab keinen Zeitraum, in dem er unbeobachtet ohne Kreislauf „herumgelegen“ hatte. In dieser Zeit wären sonst Gehirnzellen abgestorben. Dadurch, dass die Kollegen ihn aber sofort reanimiert haben, müsste sein Gehirn gut durchblutet sein.
Gegen die ganze Aktion spricht allerdings die Zeit an sich. Bis wir überhaupt vor Ort sein könnten, würde es dauern. „Was soll’s“, sage ich, „wir fahren hin und schauen uns das mal an.“ Der Adventskaffee und die Zeit mit der Familie sind abrupt vorbei. Ich renne zum Auto, fahre unter Missachtung mancher, aber nicht aller Verkehrsregeln in die Klinik, und von dort gemeinsam mit dem Kollegen im ECMObil in das andere Krankenhaus.
In solchen Situationen zählt jede Sekunde. Da muss alles sitzen. Selbst die Einsatzfahrt. Doch ausgerechnet jetzt mache ich eine Extrarunde. Von den beiden Einfahrten des Krankenhauses nehme ich die falsche. Ich muss wieder raus, wenden. Die andere Einfahrt nehmen. „Mann, was mache ich denn hier?“, fluche ich. Das kann doch kaum noch was werden, denke ich mir.
Mit drei großen Taschen aus dem Auto rennen mein Kollege und ich ins Krankenhaus und schnurstracks Richtung Herzkatheter-Labor. Dort ist richtig was los. Die Kollegen waren nämlich ganz schön clever und haben sich von der Berliner Feuerwehr ein Notarzteinsatzfahrzeug dazu gerufen, das über eine mechanische Reanimationshilfe verfügt. Ein Gerät, das automatisiert den Brustkorb bis zu 80-mal in der Minute komprimiert, so also die von Menschen gespendete Herzdruckmassage ersetzt, dabei allerdings einen Höllenlärm macht und einfach absolut martialisch aussieht. Wer den Einsatz dieser Hilfe mal miterlebt hat, den überrascht es nicht, dass es angesichts ihrer Kompressionskraft auch gelegentlich zu lebensbedrohlichen Blutungen beim Patienten kommen kann.
Mitten in diesem Setting bauen mein Kollege und ich nun die von uns mitgebrachte ECMO auf, die unter Laien auch als Herz-Lungen-Maschine bekannt ist und seit der Coronapandemie weltweit eine Aufmerksamkeit erlebt hat wie nie zuvor in ihrer mittlerweile 50-jährigen Geschichte. Später noch mal mehr dazu.
Mit den Kanülen geht’s nun los. Zunächst legen wir die „Hergabe-Kanüle“, die das Blut aus dem Patienten befördert, um es im Gerät mit Sauerstoff anzureichern. Kein Problem! Die Kanüle sitzt. Die „Rückgabe-Kanüle“ bereitet uns allerdings Probleme. Der Mann hat nicht nur verkalkte Herzkranzgefäße, auch die Leistengefäße sind betroffen. Zudem ist das Durchführen der ganzen Prozedur unter einer Reanimation nicht einfach, weil eben nicht viel Blut ankommt und man auch keinen Puls spürt. Doch dann gelingt es uns: „Punktion!“ Das Blut kommt zurück. Anschließend wird über die Nadel ein dünner Draht vorgeschoben. Kein Problem! Nun schieben wir immer größere sogenannte Dilatatoren, die die Arterie aufdehnen, ins Gefäß und zum Schluss schließlich die daumendicke Kanüle, die drinbleibt, um das Blut wieder in den Körper zurückzuleiten. Nach zwei, drei Versuchen gelingt es uns, das verkalkte Gefäß aufzudehnen und anzuschließen. Heißt: Wir starten die ECMO. Zum Schluss legen wir dem Patienten noch eine kleine Kanüle in die Arterie des Beins. Das machen wir, um zu verhindern, dass sein Bein abstirbt, da an der in der Leistengegend sitzenden Rückgabe-Kanüle kaum Blut vorbeikommt.
Jetzt machen sich die Kardiologen des Krankenhauses wieder ans Werk. Sie dehnen die Engstelle im Herzkranzgefäß des Patienten auf, sodass die Ursache für die Reanimation behoben ist. Dann wird der Patient zum Transport bereit gemacht und wir nehmen ihn am Abend mit ins Virchow-Klinikum, um ihn dort auf der Intensivstation weiter zu versorgen.
Ein solcher „Besuch“ von uns als Intensivmedizinern und ECMO-Spezialisten in einem anderen Krankenhaus läuft nicht immer so fantastisch ab wie der, den ich gerade geschildert habe. Leider erleben wir es oft ganz anders, dass die Kolleginnen und Kollegen der Heimmannschaft sich, sobald wir da sind, zurückziehen – ganz nach der Devise: „Viel Glück, ihr seid ja die Experten, wir gehen dann mal …“ Nicht so hier. Die Zusammenarbeit mit den Kardiologen vor Ort war geprägt von großem gegenseitigem Respekt und einer ausgeprägten Hilfsbereitschaft. Sie hatten uns nämlich dazu gerufen, weil wir von der Charité mit der ECMO ein Instrument besitzen, das sie nicht in ihrem Werkzeugkasten haben. Ihrer unbestrittenen Kompetenz tat dieses Hilfegesuch aber keinen Abbruch, und das Verständnis merkte man auch an ihrem Auftreten und ihrem großen Entgegenkommen. Wir arbeiteten Hand in Hand zusammen, so wie es sich gehört.
In der Notfallmedizin gibt es ein ungeschriebenes Gesetz. Es lautet, dass in Notfallsituationen konsequent geduzt wird. Ich finde, das unterstreicht, dass Medizinerinnen und Mediziner wie Pflegefachkräfte ungeachtet der unterschiedlichen Fachdisziplinen und Hauszugehörigkeiten ein Team mit einem gemeinsamen Ziel sind: Leben zu retten.
Zum kollegialen Miteinander, dem Duzen mir fremder Menschen auf mir fremden Intensivstationen, hat auch die Coronapandemie ihren Beitrag geleistet. Wir haben die Herausforderungen alle als großes Team gemeistert, wir sitzen bei solchen Erfordernissen alle in einem Boot. Deswegen duze ich jetzt eigentlich alle Intensivmediziner, und ich habe darüber noch keine Klagen vernommen.
Dieses Buch enthält im Titel das Wort Kampf, weil es auf der Intensivstation genau das ist. Ein Kampf. Ein Kampf um jeden Atemzug. Wir kämpfen mit allen Mitteln und aller Kraft um die wertvollste Ressource auf der Welt: das Leben. Viele Menschen werden dabei von uns unter anderem ins Koma gelegt, und sie haben berechtigte Angst, daraus nie wieder aufzuwachen, weil mitunter ihre Grunderkrankungen zu aggressiv und nicht behandelbar sind. Unsere Aufgabe ist es, über sie zu wachen und alles dafür zu tun, dass sie die akute Erkrankung hinter sich lassen. In manchmal ausweglosen Situationen prüfen wir, ob es nicht doch noch eine Möglichkeit gibt, den Menschen, den es da gerade erwischt hat, zu retten. Immer versuchen wir, ethische Gesichtspunkte zu berücksichtigen, doch manchmal kommt es dabei auch zu ethischen Konflikten. Wenn der Einsatz an Ressourcen auf der einen Seite und die schwindende Hoffnung auf ein Leben, das für den Betroffenen als erträglich gilt, in keinem vernünftigen Verhältnis mehr stehen. Doch um Leben zu retten, betreiben wir einen riesigen Aufwand. Einen Aufwand an personellen, zeitlichen, finanziellen und kräftemäßigen Ressourcen. Auch für uns ist das Ganze ein Kampf geworden. Ein Kampf um jeden Atemzug. Ein Dauerlauf, der so manchen hat atemlos werden lassen. Wir kämpfen um Wertschätzung, Betten, Gelder, Material, mittlerweile auch um Personal und die eigene Arbeitszeit.
Ob nun Patient oder die eigenen Ressourcen – jeder Intensivmediziner, jede Pflegefachkraft bewegt sich da an der Grenze des Machbaren, manchmal auch an der Grenze des Erträglichen, in jedweder Hinsicht. Wir zahlen einen hohen Preis für unseren Job. Wer nachts durcharbeitet und dann am nächsten Tag durschlafen muss, um abends wieder fit zu sein, um todkranke Leute zu versorgen, hat ein eingeschränktes Privatleben. Und wer immer unter Druck steht, der steht tatsächlich immer unter Druck. Angst vor Fehlern, Schuldgefühle, stress-getriggerte Erkrankungen – all das zählt zu unserem Risiko.
Aber auf der anderen Seite erhalten wir im Gegenzug ungeheuer viel zurück: die Dankbarkeit der Patienten und der Angehörigen, Erfolgserlebnisse, die Erfahrung, was exzellente Medizin herausholen kann, das Zusammengehörigkeitsgefühl durch ein fantastisches Team … Die Liste ließe sich lange fortführen. Die Vorteile lassen sich eigentlich am besten daran zeigen, wie die Geschichte damals endete.
Am nächsten Tag kam ich mit der Ehefrau des Patienten ins Gespräch. Ich interessiere mich immer sehr für die Hintergründe der Patienten und frage, was sie vorher beruflich gemacht haben und welchen Hobbys sie nachgegangen sind. Seine Frau fing an zu erzählen. Ich merkte schnell, dass sie größten Respekt vor ihrem Mann hat und er eine extrem wichtige Rolle in ihrem Leben spielt. Fast beiläufig erzählte sie mir: „Gestern war sein 60. Geburtstag. Wir waren essen, aber er fühlte sich nicht gut. Wir sind dann wieder nach Hause gegangen.“ Und als es ihm dann immer schlechter ging, sei sie mit ihm in die Notaufnahme gefahren. Nie hätte er Herzrhythmusstörungen oder sonstige Probleme gehabt, versicherte sie mir noch. Nun sei sie einfach bloß dankbar, dass er bei uns sei und diese Maximaltherapie erhalte.
Sein Herz ist mittlerweile stabil und gibt Anlass zur Hoffnung, dass das Allerschlimmste überstanden ist, auch wenn er noch an drei Geräten (Dialyse, Herz-Lungen-Maschine und Beatmungsgerät) sowie mehr als zehn Spritzenpumpen angeschlossen ist. Dennoch habe ich so meine Erfahrungen, was viele negative Verläufe nach Reanimation betrifft, bei dem zwar das Herz wieder schlägt, das Gehirn aber unwiederbringlich geschädigt ist. Daher schenke ich den Angehörigen immer reinen Wein ein und stimme sie auf das Schlimmste ein. „Meine Hauptsorge ist, dass sein Gehirn großen Schaden genommen haben könnte.“ Aus diesem Grund wird der Patient gekühlt bei 33 °C, in der Hoffnung, dass dadurch sein Gehirn geschont wird. Eine Praxis, an deren Nutzen zuletzt Zweifel aufgekommen sind.
Insofern bleiben berechtigte Zweifel: Wird er es schaffen? Wird er wieder ganz gesund werden? Oder gravierende Einschränkungen haben? Immerhin hatte sein Herz 60 Minuten lang nicht geschlagen, das ist kein Pappenstiel.
Unsere Hauptsorge ist also der Zustand, den Neurologen Zustand der reaktionslosen Wachheit nennen. Heißt auf Deutsch: keine Möglichkeit der Kommunikation oder Wahrnehmung. Ein Mensch, der praktisch nur atmet. Ein Albtraum, nicht nur für Intensivmediziner. Und gewiss kein Ziel, wofür sie kämpfen. Wir mussten also die neurologischen Untersuchungen abwarten, die erst nach 72 Stunden durchgeführt werden können.
Die Untersuchungen erbrachten hoffnungsvolle Ergebnisse. Die Empfehlung des Neurologen lautete: So schnell wie möglich in die Reha. Wir verlegten ihn daraufhin, sogar als er noch nicht ganz bei sich war. Doch wir wussten nicht, ob sich dieser Riesenaufwand, all unser Einsatz, gelohnt und ausgezahlt hatte, als er unsere Station verließ.
Ein paar Wochen später meldete sich seine Frau bei uns, um sich zu bedanken. Er sei wieder ganz der Alte und könne in der Reha bereits wieder seiner Beratertätigkeit nachgehen. Unglaublich! Ich hatte keine Worte dafür und war einfach froh, dass sich all unser Aufwand für ihn gelohnt hatte.
Einige Monate später kam er uns sogar selbst besuchen. Er war wiederhergestellt, geistig voll auf der Höhe. Wir nutzten die Gelegenheit und machten ein paar Fotos. Ich bin bis heute mit ihm und seiner Frau in Kontakt und freue mich immer, wenn sie sich melden oder vorbeikommen. Zwei Jahre ist das Ganze nun her, und ich habe vor wenigen Wochen einen Brief von ihm erhalten, in dem er dankbar schreibt, wie gut es ihm weiterhin gehe.
Seine Geschichte werde ich nie vergessen. Oft, wenn ich ausgelaugt bin, der „Laden“ schlecht läuft und alle unzufrieden sind, hole ich seine Briefe hervor. Geschichten wie diese gibt es bei allem Leid, bei allem Sterben zuhauf. Wir müssen sie uns vor Augen halten, nicht um selbstgerecht oder eitel zu werden, wie toll man ist. Nein, die Gewissheit, dass unsere Mühe auch einen Sinn hat und Menschen hilft, ist für einen selbst und das ganze Team so wichtig wie vergleichsweise Tore für einen Spieler und Siege für eine Fußballmannschaft.
Für mich ist die Intensivmedizin der schönste Arbeitsbereich der Welt. Wäre sie ein Film, würde ich sagen, sie vereint Action, Gefühle und Krimi. Als Intensivteam haben wir nämlich wie in einem spannenden Krimi oft den Tod vor Augen. Das ist gewiss nicht schön, aber eben unser Alltag. Doch diese Tatsache vergegenwärtigt uns, wie wertvoll jeder einzelne Tag ist, den wir als Menschen leben und genießen dürfen.
Als Medizinerinnen und Mediziner sowie Pflegefachkräfte lernen wir unglaublich viele Menschen in ihren schwächsten Momenten kennen und versuchen, für sie viel zu erreichen. Aus Sicht der Intensivpflege machen wir, salopp gesagt, ganz schön viel Action. Doch wir wissen auch: Vor der „intensivmedizinischen“ Wahrheit und den Fakten ist am Ende jeder Mensch gleich, egal ob Hartz-IV-Empfänger oder Manager. Die Intensivmedizin macht da keinen Unterschied. Wir sind gefordert, mit medizinischen wie auch unseren menschlichen Möglichkeiten dem einzelnen Menschen zu helfen, der uns in seiner schwächsten und vulnerabelsten Lebenssituation anvertraut ist – und wenn nichts mehr geht, eben auch in seinem Sterben.
Die Anspannung ist bei jedem von uns hoch, der Druck oft immens. Das bringt Emotionen mit sich, die an niemandem einfach so vorübergehen. Man schiebt zwar während des Dienstes manches beiseite, ist Profi und ganz bei der Sache, aber spätestens nach der Schicht, wenn man den Tag oder die Nacht noch einmal Revue passieren lässt, kommt da viel hoch. Das Erlebte sucht sich seinen Kanal und will verarbeitet werden.
Letztlich ist da aber auch noch das Team an sich. Niemand von uns macht diesen Job allein. Man darf Teil eines wunderbaren Teams sein und erfahren, was es bedeutet, Unterstützung und Hilfe zu bekommen – sei es bei der anspruchsvollen Arbeit wie auch einem Gespräch nach Dienstschluss. Und ja, unsere Bedingungen sind manchmal schwierig …
Ich möchte Einblick schenken, was es heißt, Arzt auf einer Intensivstation zu sein. Zwar hat es in der Coronapandemie schon viele Fernsehbilder von Intensivstationen gegeben. Selbst wir waren mit der vierteiligen Doku „Charité intensiv“ des rbb ein Teil davon. Doch mir ist es wichtig, exemplarisch mal so einen Tag zu schildern. Was passiert da eigentlich? Mit welchen Herausforderungen haben wir auf der Station zu kämpfen? Und wie behält man Ruhe und Konzentration, wenn Alarmtöne zur täglichen Hintergrundbeschallung gehören wie das Vogelgezwitscher im Garten? Natürlich wird mir das nicht so eindrücklich gelingen wie mit einem Fernsehbild, auch werde ich darauf verzichten zu schildern, wie oft wir eine Schutzausrüstung gegen Covid oder Krankenhauskeime an- und ablegen und wie lange das Umziehen dauert. Aber mir ist es wichtig, einmal zu beschreiben, was sich bei uns so alles abspielt. Damit sich in Zukunft etwas ändert und Sie mitbekommen, warum ich diesen Beruf trotz allem so sehr liebe.
Ein Tag, besser gesagt ein Dienst, beginnt auf unserer Station mit der ärztlichen Übergabe. Sie dauert 60 Minuten und kann je nach Anzahl der Unterbrechungen durch Notfälle oder notfallmäßige Bettenanfragen auch mal 90 Minuten in Anspruch nehmen. Vier Ärztinnen und Ärzte der Nachtschicht übergeben an vier Kolleginnen und Kollegen der Tagschicht. Wir sitzen mit Kaffee oder Tee bestückt abseits der Alarme und Pieptöne in einem Raum. Per Computer und Beamer schauen wir uns die Patientenkurven mit den Blutgasanalysen, die Röntgenbilder und die Aufnahmen der Computertomografie an.
„Wie hat sich der Patient mit dem akuten Leberversagen entwickelt? Gab es ein Organangebot für den Patienten?“
„Wie ist die Beatmungssituation bei der Patientin mit der schweren Lungenentzündung?“
Das Telefon klingelt. „Der Blutdruck von der Patientin in Zimmer 4 bricht ein, sie spricht auf die Gabe von Kreislaufmedikamenten nicht mehr so recht an. Da muss jetzt mal jemand kommen“, sagt die Pflegefachkraft. Eine Assistenzärztin flitzt los, um zu sehen, was mit der Patientin ist. Weiter geht‘s mit der Übergabe …
Ein Kollege berichtet: „Aufnahme heute Nacht in Zimmer 8: 55-jährige Dame von der Normalstation mit Leukämie. Beginn der Chemotherapie vor einigen Tagen und nun quantitative Bewusstseinsminderung. Wir mussten sie beatmen, mit Kathetern versehen. Im Anschluss sind wir dann ins CT gefahren, da war aber nichts, was die Symptomatik erklärt hätte. Wir haben noch um 1 Uhr nachts die Liquorpunktion (Nervenwasserprobe) gemacht. Eine Meningitis (Hirnhautentzündung) scheint sie auch nicht zu haben.“
„Hm … Wahrscheinlich liegt es an ihrer Infektkonstellation. Da muss noch mal der Neurologe seinen Senf dazugeben. Der wird ja wahrscheinlich ein MRT wollen. Ich glaube, das können wir schon mal anmelden. Gekrampft hatte sie nicht?“, frage ich nach.
„Kein Laktat, CK normal.“
„Ich melde mal noch ein EEG an.“
„Okay, wir müssen weiterkommen. Da draußen ist gut was los.“
Fokussierte, problemorientierte Übergabe bis zum Schluss. Zwischendrin kommt die Kollegin wieder, die eben zum „Lebenretten“ weg war. Sie verkündet: „Die Patientin ist wieder stabil.“
„Okay, also der Patient hier hat jetzt verdoppelte Katecholamindosen (Maßnahme bei einem septischen Schock (Blutvergiftung)) und der Hämoglobinwert fällt. Ich habe die Endoskopie angerufen und gebeten, ihn heute als Ersten zu spiegeln. Die müssen kommen und da reinschauen, ob der im Magen blutet. Vier Erythrozyten-Konzentrate sind bestellt. Aber der muss jetzt erst mal intubiert und beatmet werden, sonst geht die Aktion nach hinten los.“
„Super, so machen wir es! Schönen Feierabend an den Nachtdienst“, sage ich.
Wir als Tagdienst sind nun gebrieft und können durchstarten. Wir fangen da an, wo die Kolleginnen und Kollegen aufgehört haben. Schnurstracks geht es in die Situation der Patienten. Vielleicht ist das Ganze vergleichbar mit einem Wechsel der Feuerwehr bei einem Waldbrand. Nun stehen wir vorne und löschen, wo das „Feuer“ gerade wütet. Jedenfalls kommt es mir manchmal so vor. Oder wer lieber für den Vergleich ein Bild mit einem Auto mag: von null auf hundert in weniger als fünf Sekunden.
Geleitet von den schrillen roten Alarmen, die leuchten und schellen, wenn der Blutdruck unter der kritischen Marke von 90 systolisch ist und die Herzfrequenz über 120 Schläge/h geht, treffen wir vier Ärztinnen und Ärzte in dem Zimmer ein, in dem an diesem Morgen bereits besonders schlechte Stimmung herrscht. Tagdienstpfleger Manni hat ein chaotisches Zimmer und den wohl gerade instabilsten Patienten des Hauses übernommen. Zwanzig Jahre ist Manni schon dabei und hat gefühlt alles gesehen. Doch Chaos hat er überhaupt nicht gern. Entsprechend mies ist seine Laune. „Bevor hier irgendjemand endoskopiert werden kann, braucht dieser Patient erst mal einen Tubus, und zwar hurtig.“ – „Ja, Manni. Haben wir uns auch schon überlegt, aber gut, dass du d’accord bist.“ „Hab schon alles vorbereitet. Narkose mit Mida, Esketamin, als Muskelrelaxans Rocuronium. 8er-Tubus, 4er-Spatel für die Intubation. Ist das genehm?“ – „Ja, Manni.“
Dem Patienten erklären wir noch, was wir gleich vorhaben. Reden und informieren ist wichtig – auch wenn der Patient selbst es kaum noch registriert. Er ist schon weit weg und nimmt das alles um ihn herum wohl nur noch peripher wahr. Also Attacke! Den Assistenzarzt schicken wir derweil schon mal durch die anderen Zimmer, damit er nach dem Rechten sieht und uns nichts akut Gröberes durch die Lappen geht.
Bei der Blitz-Intubation kommt uns zunächst ein Schwall Blut aus dem Magen entgegen, die Kollegin saugt ihn schnell ab und platziert sogleich gekonnt den Tubus. Die Kreislaufmedikamente gehen weiter durch die Decke.
„Ist das Blut schon da?“
„Ja, gerade angekommen.“
Kurz darauf trifft das Endoskopie-Team ein und führt die angekündigte Magenspiegelung durch. Sie finden blutende Krampfadern in der Speiseröhre. Nicht gut. Die Folge einer alkoholischen Lebererkrankung.
Nach sechs Erythrozyten-Konzentraten, einigen Frischplasmakonserven sowie reichlich Gerinnungsprodukten für den Patienten und einem Kaffee für Manni sieht die Welt hier im Chaos-Zimmer schon wieder anders aus. Immerhin steigen die Katecholamine nicht weiter, der Gipfel ist erreicht. Richtig gut geht es ihm aber noch nicht, das liegt unter anderem an der Prognose …
Der Mann ist mit seinen 62 Jahren zwar nicht wirklich alt, aber seine Gesamtsituation ist schwierig: Die Leberfunktion ist aufgrund seiner Grunderkrankung schlecht. Eine Transplantation wird schwierig, da er bis kurz vor Aufnahme reichlich Pfefferminzlikör genossen hat. Die Haarprobe zwecks eines Nachweises von Alkohol könnten wir uns so gut wie sparen. Was dabei rauskommt, weiß schon jeder. „Gut, wir versuchen ihn jetzt mal zu stabilisieren“, sage ich, „wir schauen, wie die Welt in 72 Stunden aussieht. Vielleicht fängt er sich ja und mit ihm seine Leberfunktion.“
Die Kolleginnen und Kollegen widmen sich nun den anderen Patienten, visitieren, sichten Laborbefunde und bereiten alles dafür vor, um mit einem beatmeten Patienten runter in den Keller zur Computertomografie zu fahren. Der Mann hatte eine Hirnblutung erlitten und heute steht ein Kontroll-CT seines Kopfes an. Der Aufwand für diese Aufnahmen gleicht den Vorbereitungen für eine Weltreise. Nur haben wir eigentlich kaum Zeit dafür. Diese Aktion im Hinblick auf die Verfügbarkeit unserer Pflegekräfte in den Zimmern ist ein gewaltiger Einsatz: Zwei Pflegekräfte sind nun ein bis zwei Stunden lang damit beschäftigt, alles für den Transport vorzubereiten und für den Fall der Fälle dabeizuhaben. Für sie heißt es jetzt: Transport-Beatmungsgerät vorbereiten, Medikamentenpumpen neu befüllen und aus der Wandhalterung ins Bett legen, Notfallmedikamente in ausreichenden Mengen aufziehen und mitnehmen, Notfalldefibrillator, Beatmungsbeutel, Notfallrucksack bereithalten. Ein letzter Check. Alles dabei? Wäre blöd, bei einem Notfall erst mal zehn Minuten auf Station zurückjoggen zu müssen. Geübte Griffe machen aus dem Intensivbett eine mobile Intensivstation. Auf geht’s! Und die ganze Prozedur nach der CT-Aufnahme noch einmal zurück.
„Okay, den können wir wach werden lassen“, entscheide ich. „Das CT sieht gut aus. Wenn er Aufforderungen befolgt, wird er extubiert.“
Ich habe die Anweisung gerade zu Ende formuliert, da sehe ich, wie die Pflegeleitung mit einer ernsten Miene auf mich zu schlendert: „Wenn du ‘ne Minute hast, können wir dann mal reden?“ Ich muss schlucken. Ich meine, allein diese Einleitung, diese Art von Formulierung deutet auf nichts Gutes hin. Irgendwas ist da jetzt schiefgelaufen oder von der Beziehung her in die Hose gegangen. Oder nach dem Wörterbuch „Krankenhaus – Deutsch“ übersetzt: Entweder hat sich jemand aus meinem Team mit einer Pflegekraft angelegt oder wir haben noch schlimmere Personalsorgen als sonst. Und alle, die diesen Satz schon einmal gehört haben, wissen auch: Die angekündigte „Minute“ ist unausweichlich. Bei ihr gibt es nur ein Jetzt oder Später. Doch da es sich nicht lohnt, Probleme auf die lange Bank zu schieben, antworte ich: „Jetzt passt‘s gut! Was ist los?“
„Das wird dir nicht gefallen, aber ich habe bei ohnehin schon schwieriger Personalsituation eine Krankmeldung für den Spätdienst. Damit sind nachher hier bei euch nur 8 statt 10 Leute.“
„Hm, das ist schlecht“, sage ich und versuche im gleichen Atemzug gegenüber der Pflegeleitung die daraus resultierende Situation noch einmal direkt zu spiegeln: „Das Problem ist natürlich, die Patienten, die da sind, sind da. Abstellen kann ich hier natürlich keine Geräte, damit der Personalschlüssel aufgeht. Aber ich werde niemanden mehr annehmen, der nicht unbedingt zu uns muss.“ Trotzdem versuche ich eine Lösung zu finden, mit der allen irgendwie geholfen ist: „Auf jeden Fall probieren wir, was planbar ist, im Frühdienst abzuarbeiten, damit nachher schon mal keine Transporte mehr anstehen.“ Als ich das sage, habe ich das Bild von der CT-Weltreise wieder vor Augen.
Die Pflegeleitung verspricht, noch mal alles zu geben, mehr Personal ranzukriegen: „Aber Leasing werden wir nicht bekommen, das ist für die nächsten Wochen alles verplant. Ich kann nur im eigenen Team nachfragen, aber du weißt ja, wie kaputt die alle sind. Nur mit Mühe und Not habe ich den Nachtdienst komplett bekommen.“
„Dann lass uns um 12 Uhr doch noch mal miteinander sprechen, was du erreicht hast, und dann überlegen wir gemeinsam, wie wir das Ganze stemmen“, sage ich.
Die Pflege nickt. Mit dieser Zusage werde ich erst mal aus dem Schwitzkasten entlassen. Und ich weiß, das ist kein bloßes Verschieben oder Vertrösten auf die lange Bank. Nein, das ist bei uns ein echtes Miteinander, geprägt von einer „Nur gemeinsam sind wir stark“-Mentalität, die vor allem aus einem bewundernswerten Ethos, aber auch aus der Alternativlosigkeit gespeist ist.
Kurz darauf klingelt das Bettentelefon. Die Notaufnahme ist dran. „Moin! Habt ihr ein Bett? Ich hätte hier eventuell was für euch.“ „Puh, nee! Also ehrlich gesagt, sind hier alle Betten voll, und wenn ich noch wen aufnehme, brauche ich hier bald Personenschutz. Was hast du denn?“ „Einen Herrn aus dem Pflegeheim mit zunehmender Schläfrigkeit, der ein Natrium von 112 hat (normal: 135–145 mmol/l). Übelkeit und Erbrechen hat er auch. Die Vorwerte sind nicht bekannt, aber er hat seit zwei Wochen ein Thiaziddiuretikum (harntreibendes Medikament) eingenommen. Wir machen noch ein CT vom Kopf, aber das Natrium wird man auf Intensivstation ausgleichen müssen.“
„Ja, der muss wohl auf Intensivstation, das sehe ich wie du. Patientenverfügung gibt es nicht, oder?“
„Nein, auch die Tochter habe ich nicht erreicht.“
