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Die kulturellen Bereiche, in denen Menschen nach Entspannung, Unterhaltung und Ablenkung suchen – etwa Filme, Musik oder TikTok – sind heute auch ein Einfallstor für die Propaganda und die Lügen der Populisten. Dieses Buch erzählt, wie die Vermischung von Popkultur und politischer Botschaft funktioniert – und wie man sich gegen diese subtilen Manipulationen in der "Kampfzone Kultur" wehren kann.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Gernot Wolfram
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1. Auflage 2025
© edition einwurf GmbH, Rastede
Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:
ISBN 978-3-89684-733-1 (Print)
ISBN 978-3-89684-734-8 (Epub)
Satz und Gestaltung:
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www.edition-einwurf.de
Gernot Wolfram
Wie uns Populisten verführen
KULTUR ALS SPIELFELD DER POPULISTEN
Die guten und die schlechten Lügen
Eine geistig-kulturelle Wende
Gerüchte im Kulturkampf
Die feingeistigen Populisten
Die Kunst des vergifteten Nachfragens
Ein kunstbesessener Werbeprofi für die AfD
Die unheimliche Höhle TikTok
Mit ABBA gegen Fake News
Spaß & Gefühllosigkeit
DER GUT VORBEREITETE ANGRIFF
Entertainment als Ringkampf
Die Stimmung der Anderen
Fakes sind noch keine Lügenstrategie
Schuld und Bühne
Das Improvisationstheater-Spiel
Mit Popkultur Wahlen gewinnen
Pop-Kultur-Faschismus und Romantik
Moralische Panik als Antwort?
WIDERSTAND
Widerstand als Aufgabe
Die einsame Masse
Räume, in denen wir uns selbst sehen
Kulturelle Orte gegen Populismus
Duelle um die Wahrheit
Die eigene Rolle verstehen
Die wertvolle Ressource Sinn
Rückkehr zur Sprache
Glossar
Anmerkungen
Literatur
Gendern
Über den Autor
Dank
Gottlob haben sie nicht verstanden, wo das Spektakel aufhörte
und die Katastrophe begann,
und man hat sie in dem glücklichen Wahn gelassen,
dass alles Theater gewesen sei.
thomasmann, Mario und der Zauberer
Als ich begann, mich mit dem Thema Lügen und Wirklichkeit zu befassen, elektrisierte mich zunächst der Gedanke, den der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa in seinem Buch „Die Wahrheit der Lügen“1 provokativ in den Raum stellt: im Grunde sind alle großen Romane der Weltliteratur, und somit auch alle Filme, Theaterstücke und Erzählungen, nichts anderes als Lügen.
Wenn es am Beginn eines Buches heißt „Franziska ging über die Straße“, dann gibt es da gar keine Franziska, die über die Straße geht. Oskar Matzeraths Trommel schepperte immer nur auf dem Papier. Selbst Franz Kafkas Landvermesser K. war lediglich in seinem düsteren Traumreich eine beklemmend reale Gestalt. Weder ein Oskar Matzerath noch ein Landvermesser K. noch eine Madame Bovary haben je gelebt.
Es besteht nur ein entscheidender Unterschied zu anderen Lügen: diese fake stories enthalten, wenn sie künstlerisch gut gestaltet sind, Wahrheiten, die uns etwas über uns selbst erzählen. Sie machen aus der Fiktion, also der Lüge, etwas Wertvolles, Erhellendes. An der Humboldt Universität zu Berlin gab es eine Zeitlang einen Kurs zum Drehbuchschreiben, der sich „Lügen üben“2 nannte. Dort wurde vermittelt, wie man – ohne dabei die Fakten zu verdrehen – spannend erzählt.
Gute Geschichten sind wie eine Spiegelbox: Wir sehen uns selbst in ihnen. Sie können Menschen verwandeln und verschiedene Möglichkeiten des Lebens durchspielen. Kurz gesagt: paradoxerweise baut unsere Kultur auf Lügen auf, die uns helfen, uns zu entwickeln. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich offensichtlich auch modernePropagandisten für das „Wahrheitspotenzial“ dieser speziellen Lügen interessieren.
Spätestens seit dem Aufstieg Donald Trumps in den USA und seit den rasanten Erfolgen radikaler Parteien in den europäischen Ländern, wie etwa auch der AfD in Deutschland, konnte man etwas Unheimliches beobachten. Ein altbekannter Zaubertrick wurde innerhalb dieser erfolgreichen Propagandamaschinerien zu neuem Leben erweckt. Man begann mit den Mitteln des digitalen Zeitalters unmenschliche Denkweisen kulturell zu verpacken. Die Inszenierung von Gewalt, Lüge, Angstmacherei und Beschimpfung Andersdenkender als große Show, als entfesseltes Theater, als faszinierende Entgrenzung bisheriger Wertesysteme wurde zur Normalität. Nicht nur bei Trump, sondern bei vielen Populisten weltweit. Andere Menschen herabzuwürdigen, wurde zur Unterhaltung. Neue Zauberer und alte Verführungskünste trafen in einem digitalen Kosmos aufeinander. Warum aber haben Propagandisten so viel Interesse an diesen unheimlichen Inszenierungen? Wollen sie dahinter einen neuen Faschismus verstecken, wie es der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder vermutet3? Oder geht es um die Lust am Spiel mit den Uneindeutigkeiten, dieses besondere Flirren zwischen Lüge, Wahrheit und großem Spaß, welches das Weltbild einer neuen Generation von Verführern abbildet, denen es vollkommen egal ist, ob man das nun Faschismus, Demokratiefeindlichkeit oder Menschenverachtung nennt? Auffällig ist vor allem eine wilde Feier von Zynismus, Gefühlskälte und Empathielosigkeit, welche den Grundton der neuen Verführer bildet.
Dabei geschieht hier nichts Neues. Propagandisten hatten immer schon einen ausgeprägten Sinn für das Theater, für die große Show und für donnernde Inszenierungen. Man spielt das Spiel, die Stimme des „kleinen Mannes“ zu sein. Medien werden als Bühnen benutzt, auf denen angeblich die Wahrheit gezeigt wird. Das reicht von der Presse während der Zeit der Französischen Revolution bis zu heutigen Krawallsendern wie Fox News oder in Deutschland populären Portalen wie Nius.
Ein wichtiges Element dieses Medientheaters ist die Behauptung, man müsse einen Umsturz beginnen oder zu Ende bringen. Eindringlich wandte sich etwa während der Zeit der Französischen Revolution die Zeitung „L’Ami du Peuple“ (Der Volksfreund) von Jean-Paul Marat an das Volk. Täglich redete Marat über dieses Sprachrohr mit seiner Leserschaft wie mit einem Kind. Unermüdlich schalt er dessen Arglosigkeit, ermahnte es zur Wachsamkeit, warnte vor einer neuen „Aristokratie“ und denunzierte drohende „Verschwörungen“ gegen die Revolution. Indem er sich publikumswirksam als Volkstribun in Szene setzte, verkörperte Marat idealtypisch die neue Leitfigur des sprachgewaltigen, engagierten Mahners, dem es aber vor allem darum ging, größtmögliche Aufmerksamkeit für seine radikalen Forderungen zu erlangen.4
Kolorierte Blätter waren das damalige TikTok: auf den Märkten, an den Häuserwänden der Boulevards, unter den Arkaden des Palais-Royal zeigten sie in prägnanten Szenen eine Interpretation des Weltgeschehens. Nicht von ungefähr erkannte der konservative Publizist Jacques-Marie Boyer-Brun in diesen Bildsatiren „das Thermometer der öffentlichen Meinung“, ein probates Aufputschmittel der Revolution zur Mobilisierung des „Pöbels“.
Kampfzone Kultur
Es ist ihr Spiel mit aus der Kultur entlehnten Inszenierungen, welches Populisten so mächtig erscheinen lässt. Ihr Charisma beziehen sie aus den auf eine faszinierende Weise vielschichtigen Bildern, mit denen sie ihren Anhängern eine bestimmte Sicht auf die Wirklichkeit aufzwingen. Kultur verstehen Populisten als Kampfbegriff, als dehnbares Wort, in dem viele Botschaften Platz haben. Zu definieren, was sie eigentlich unter dem Begriff Kultur verstehen, vermeiden sie. Oder sie präsentieren altbekannte Klischees von einer angeblich reinen Nationalkultur oder der Vorherrschaft eindeutiger Zuordnungen von „einheimisch“ und „fremd“.
Daher lohnt es sich, zu verstehen, wie moderne Propagandisten Kultur und Medien als eines ihrer bevorzugten Spielfelder nutzen und besetzen. Und warum es nicht reicht, einen wiederkehrenden Faschismus zu fürchten, weil man noch keine Namen für die neuen Formen der verführerischen Menschenfängerei mit Musik, Pomp und schnell erzeugten Gefühlen gefunden hat.
Deshalb wird in diesem Essay nicht trennscharf zwischen den Begriffen Populismus, Radikalismus und Propaganda unterschieden, wie das in der vielfältigen Literatur zu diesen Themenfeldern der Fall ist. (Gleichwohl gibt es im Anhang in einem Glossar Gelegenheit, sich über diese Trennschärfe zu informieren). Vielmehr soll es darum gehen, aufzuzeigen, wie jene neuen Verführer sich geschickt verschiedenster Strategien bedienen. Sie erschaffen eine populistische Remix-Kultur, in der Hannah-Arendt-Zitate und Antisemitismus ebenso zusammenpassen wie klassische Musik und die Begeisterung für die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Fröhliche Emojis mit SS-Symbolik gesellen sich zu TikTok-Videos mit Donald Trump. Reden oder Gedichte von Heinrich Heine werden eingeflochten in die Hassbotschaften radikaler Parteien.
Um den Angriff auf die Bereiche, in denen Menschen Unterhaltung wie Selbstvergewisserung suchen, soll es in diesem Buch gehen. Gleichzeitig geht es darum, zu zeigen, dass diese Angriffe nicht neu sind. Ich möchte immer wieder zurück in die Geschichte blicken, um die Spuren zu entdecken zu alten, wirksamen Verführungstechniken und Verschwörungsmythologien, die uns heute wieder überrollen. Dort, wo wir Bücher lesen, Bilder sehen, im Kino oder Theater sitzen, folgen wir einer anderen Fähigkeit unserer Wahrnehmung. An den Schwellen zu dieser besonderen menschlichen Sphäre, in der wir Kultur genießen, warten nun die vergifteten Botschaften unterschiedlichster Populisten.
Es geht mir nicht um die Diskussion um angebliche Kulturkämpfe, wie sie seit einigen Jahren wieder geführt werden. Um die Frage, welche Kulturen mit anderen in Konkurrenz stehen oder sich in harten Konfrontationen durchsetzen wollen wie das Samuel Huntington in seinem berühmten Buch „Kampf der Kulturen“ behauptete. Freilich spielt das Thema mit in die Gedanken des vorliegenden Buches hinein. Mich interessiert vielmehr die Frage, warum das Thema „Kultur als Kampfzone“ überhaupt eine solche Kraft entfalten kann, um die Aufmerksamkeit von Menschen zu fesseln in einer Zeit, wo die klassische Kulturnutzung eher ab- als zunimmt. Woher rührt die Magie des Begriffes und mit welchen Überwältigungstricks wird damit Politik gemacht?
Bei vielen Vorträgen und Diskussionen in den letzten Jahren wurde mir immer wieder die Frage gestellt: Warum glauben Sie, dass Kultur ein so einflussreiches Instrument ist, um Menschen zu verführen und zu blenden? Die Antwort ist für mich als Kulturwissenschaftler naheliegend: Weil Kultur der Raum ist, in dem wir über Utopien von einem anderen Leben nachdenken. Diesen Raum erfüllen zunehmend Erzählungen, deren Ziel es ist, Menschen das intensive Gefühl des Hasses als etwas Faszinierendes erleben zu lassen. Als etwas, das Zukunft haben soll. Auffällig dabei ist, dass dieses Phänomen weder ein deutsches, europäisches oder amerikanisches ist. Dieser Angriff auf die Wahrnehmung findet weltweit statt. Die globalen Medienströme leiten das populistische Gift wie in einem Kapillarsystem in immer tiefere Ebenen unterschiedlicher Gesellschaften ein.
Zauberer und Verführer
Zauberer und Verführer, als solche sehen sich Populisten gern. In den großen Romanen der Weltliteratur sind das nicht nur im Schatten handelnde Hintermänner. Es sind auch faszinierende Figuren, die man nie vollkommen zu durchschauen scheint. Es ist weniger das Böse, das an ihnen reizt, sondern ihre performances, ihre Kunst, Realität zu verdrehen. Mit immer neuen Taschenspielertricks sichern sie sich die Aufmerksamkeit des Publikums.
Diese Gabe, zu unterhalten mit zerstörerischen Mitteln, ist mit dem Entstehen moderner Nationalstaaten aus der Welt der Romane herausgetreten und zu einem Phänomen der Politik geworden. Die Figur des Zauberers und Verführers ist zu einer realen öffentlichen Gestalt geworden. Ein politisches Marketingprodukt, das im 21. Jahrhundert eine mächtige Renaissance erlebt. Von Napoleon bis Hitler, von Mao bis Pol Pot, von Idi Amin bis Baby Doc haben sich Diktatoren von ihren Kommunikationsberatern immer auch als große geheimnisumwitterte Geschichtenerzähler inszenieren lassen. Als Menschen, die den Alltag von bestehenden Gesetzen, Regeln und Ritualen aufbrechen und darin eine neue Realität aufrichten können. Meistens eine grausame Realität, in der vor allem kritische Kunst kaum einen Platz hatte. Hinter den großen Namen stand dabei auch immer ein anonymes Heer an Helfern. Häufig Künstler und Intellektuelle, die ihr Talent in den Dienst des Unmenschlichen stellten. Begabte Schriftsteller wie Gabriele D’Annunzio oder Knut Hamsun, Dichter wie Gottfried Benn, Filmregisseurinnen wie Leni Riefenstahl oder der Bildhauer Arno Breker sind dafür bekannte Beispiele. Mit ihrem künstlerischen Talent trugen sie zu jener scheinbar überwältigenden Wirklichkeit bei, die große Menschenmassen bewegt und fasziniert. Auch darum soll es in diesem Buch gehen: zu zeigen, warum es gerade kulturelle Erzählungen sind, die dem Populismus zu seinem Siegeszug verhelfen. Und warum es dafür willige Intellektuelle und geschickte Unterhaltungskünstler braucht.
Ein neuerer Begriff für die klammheimliche Verwandlung der Wirklichkeit ist „Soziales Design“. Mit diesem Begriff wird unter anderem in Russlands Propagandabüros der Versuch zusammengefasst, Gesellschaften zu spalten. Wirklichkeit wird hergestellt, gebaut und zurechtgerückt. Soziales Design ist ein sprachliches Ungetüm. Es beschreibt jedoch sehr genau, was eine erfolgreiche populistische Erzählung braucht: den Willen, Wahrnehmung wie ein Stück Stoff zu behandeln, den es zuzuschneiden gilt.
Daher haben wir es in den modernen digitalen wie öffentlichen Arenen auch nicht mehr mit eindeutigen Bedrohungen wie dem Faschismus zu tun. Oder anderen klar benennbaren Ideologien. Es ist eine neue, unbestimmte Form der Überwältigung unseres Bewusstseins. Die neuen Verführungen sind eben keine eindeutigen politischen Philosophien mehr. Sie sind in der Tat ein „Design“ des Sozialen. Sie arbeiten an der Veränderung unserer Wertesysteme. Sie halten sich von Anfang an die Möglichkeit offen, sich schnell neuen Gegebenheiten anzupassen.
Deswegen ist es auch so schwierig, Lösungen und Gegenmittel zu finden. Die neuen Radikalen repräsentieren keine einheitlichen politischen Ideen mehr. Naturschutz, Menschenverachtung, Popmusik, Internet-Memes, Hip-Hop-Videos, durch Künstliche Intelligenz erzeugte Deep Fakes, Depeche-Mode-Klänge und Mozarts Musik gehen fröhlich zusammen. Es entstehen popkulturelle Welten, die auf eine Menge Menschen äußerst elektrisierend wirken. Alles ist möglich. Alles kann Entertainment sein. Lass dich nicht einengen von angeblichen Regeln, die sich „die da oben“ ausgedacht haben. Die Stimmen und Meinungen befreien sich angeblich von alten Normen. Respekt vor anderen wirkt dabei häufig als störend, altmodisch und in die Jahre gekommen. Bei dem rechten Kulturphilosophen Karlheinz Weißmann wird der Artikel I des Grundgesetzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – spöttisch als „Monstranz der Zivilreligion“5 bezeichnet. Überbewertet, altbacken, nur noch etwas für Menschen, welche die Lichter der neuen Zeit nicht sehen können.
Das Ende eines langen Friedens
Nach den langen Jahren einer relativen Ruhe und eines viel beschworenen Friedens in Europa ist ein neues Zeitalter der Kriege und Konflikte angebrochen. Zynisch könnte man sagen: Die Langeweile ist vorbei. Die politischen Verführer sind zurück. Und zwar in vielen Ländern, auch jenen, die eine starke demokratische Öffentlichkeit besitzen. Das Arsenal ihrer Tricks ist teilweise das alte, teilweise erweitert um neue Spielzeuge und Bluffs. Auffällig ist, dass der moderne Populismus, den man als die zentrale Ausdrucksform politischer Verführung zur Verunsicherung von Gesellschaften bezeichnen könnte, ein besonderes Interesse an Kultur und Popkultur zeigt. Aus den reichen Schatzkammern der Kulturgeschichte lassen sich offensichtlich eine Menge starker Werkzeuge, Geschichten und Analogien ziehen, die für das große Feuerwerk eines populistischen Zeitalters notwendig sind. Dabei geht es nicht nur um eine Veränderung der Gegenwart. Auch die überlieferte Geschichte wird umgedeutet. Sie soll sich in eine Art Roman verwandeln, welchen die radikalen Akteure und ihre Helfer je nach Bedarf immer wieder neu umschreiben können, um die Dinge ins Wanken zu bringen.
Als ich vor kurzem in der Aula eines Gymnasiums in Erfurt einen Vortrag zu diesem Thema hielt, kam danach eine Schülerin zu mir, ungefähr sechzehn Jahre alt, und meinte mit ernstem Gesicht, der Vortrag hätte sie bewegt. Aber sie wollte mir auch etwas Kritisches sagen: „Das klingt alles ziemlich düster. Können wir überhaupt noch etwas dagegen tun?“ Das hat mich beschäftigt. Denn auch dies ist eine Falle, in welche viele Aufklärungsmaßnahmen laufen: nur mit bitterem Ernst zu zeigen, was gerade geschieht, statt nach den Gründen auch bei uns selbst zu suchen.
Und nach Auswegen.
Zur Wahrheit gehört wohl auch, dass gerade die Kulturszenen in den letzten Jahren wenig Elektrisierendes anzubieten hatten, was jungen Menschen auf breiter Basis Lust auf Demokratie, Differenzierung und Menschenfreundlichkeit gemacht hätte.
Die „großen Erzählungen“ gehören im Moment den Populisten. Das muss aber nicht so bleiben. Der erste Schritt ist vielleicht, sich vom moralischen Entsetzen zu verabschieden und auf ein Prinzip der „fröhlichen Wissenschaft“ zu setzen: Aufklärung über schlechte Entwicklungen als Auftrag zu verstehen, als etwas, das eine befreiende Wirkung haben kann. Daher rührt auch die Entscheidung, dieses Buch nicht in der Form einer trockenen Studie, sondern als Essay anzulegen, der, möglichst verständlich geschrieben, einen Beitrag dazu leisten will, dass die Kulissen beiseitegeschoben und die Nebelmaschinen erkennbar werden, mit welchen unsere Wahrnehmung angegriffen wird.
Und nach Auswegen zu suchen. Nach Ideen, was Menschen tun können, um sich gegen emotionale Überwältigungen in der „Kampfzone Kultur“ zur Wehr zu setzen. Widerstand kann mehr anbieten als nur Angst und Empörung.
Radikalität beginnt im Denken und in der Sprache. In Deutschland sind es Parteien wie die Alternative für Deutschland und die unzähligen mit ihnen verbundenen Medien, die sich als Speerspitze einer konservativen kulturellen Revolution verstehen. Sie wollen die Geschichte neu denken und erzählen. Sie fordern nichts weniger als eine „geistig-kulturelle Wende“, wie es im Parteiprogramm heißt. Mit Leidenschaft führen sie kulturelle Argumente ins Feld. Der AfD-Politiker Maximilian Krah bringt das auf die griffige Parole: „Möchte, dass das öffentliche Leben in Deutschland maßgeblich durch die deutsche Kultur geprägt ist.“6
Was die AfD unter „deutscher Kultur“ versteht, wird freilich nirgends so genau formuliert. Es geht offensichtlich um eine Leitkultur, befreit von ausländischen Einflüssen, die radikale Parteilinie unterstützend. Geistig wurzelt das in einem Milieu, das sich zwischen dem Gedankengut von Ernst Jünger und antisemitischen Schriftstellern wie Armin Mohler verorten lässt, der zeit seines Lebens subtile wie offensichtliche Holocaustleugnung betrieb. Die Partei fordert zudem die Ausrichtung auf eine neue Kulturpolitik. Das bedeutet vor allem ein neues Geschichtsverständnis. Und das Ende der Erinnerungskultur, wie sie sich in den letzten 50 Jahren etabliert hat. Kultur ist in diesen Deutungen meist etwas Erhabenes, Fernes, Heiliges. Zugleich bleiben die Forderungen reichlich vage.
So wurde bereits 2023 in Bundestagsanträgen dazu aufgefordert, „die aktuelle Reduktion kultureller Identität auf eine Schuld- und Schamkultur“ durch positive Bezugspunkte kultureller Identität zu korrigieren. Vielmehr soll die aktive Aneignung kultureller Traditionen und identitätsstiftender Werte wieder in den Vordergrund rücken, wie es im Parteijargon heißt.7
Das rechte Magazin Compact setzte noch weiter in den Tiefen der Zeiten an. Pünktlich zur Eröffnung des Wahljahres 2024 erschien eine Sonderausgabe zum Thema „Deutschland und die Germanen“. Da wurden „die Germanen“ vor dem Hintergrund großer Waldbilder, mit der mächtigen Statue von Hermann dem Cherusker im Mittelpunkt, als die Quelle deutscher Kultur beschrieben. Freilich nicht ohne sofort auch auf das politische Heute zu zielen: „Unsere Geschichte soll zu einem Verbrecheralbum umgeschrieben werden. Das beginnt schon bei den Germanen. Wir halten dagegen: Mit unserer neuen Sonderausgabe ‚Die Germanen – Die Geschichte der ersten Deutschen‘ belegen wir, dass unsere Vorfahren keine tumben Barbaren waren, sondern ein stolzes Volk, das Europa wie kein anderes prägte.“8
Das ist offensichtlich mehr Propaganda als kulturgeschichtliche Tatsache. Es ist aber auch eine gut erzählte Geschichte. Sie schließt an Serienerfolge wie „Vikings“ (Wikinger) an. Dort werden aus kriegsbesessenen Kämpfern plötzlich David-Beckham-artige Männer mit einem durchaus komplexen Gefühlsleben. Auch die Frauen handeln selbstbewusst. Sie drücken, wenn nötig, dem Feind das Messer an den Hals. Sie geben alles für ihren Stamm, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren. Probleme werden mit dem Schwert gelöst. Es gibt auch immer wieder Augenblicke des Innehaltens und Begehrens. Freude am Leben. Die Helden sitzen gemeinsam am Feuer. Die Hütten sehen dabei aus wie nordische Wellnessretreats. Das Volk in den kalten Wäldern, das sind Menschen, die füreinander einstehen, sich verlieben und Sex haben. So kann man selbst sperrige historische Botschaften über nationale Identität aufpolieren und mit Neuigkeitswert versehen.
Im Europawahljahr 2024 wurde gezielt die Bedeutung solcher Kulturlinien für den gesamten Kontinent betont. Die populistischen Stories sind gut durchdacht. Es gibt noch einen weiteren Trick, der in seiner Bedeutung für den Erfolg der Attacken auf eine vielfältige Kultur sehr ernst genommen werden sollte: jene geradezu en passant fallen gelassenen Bezüge auf Popkultur. So schreibt der Publizist Daniell Pföhringer, einer der Compact-Autoren, über die Bedeutung der Germanenkultur: „In Filmepen wie ‚Die Nibelungen‘, ‚Der 13te Krieger‘ und ‚The Northman‘ oder Serien wie ‚Vikings‘ und ‚Barbaren‘ lebt der germanische Geist bis heute fort – doch Zeitgeisthistoriker und Lügenpresse gießen kübelweise Dreck über unsere Vorfahren aus, stellen sie als kulturlose, mordende und brandschatzende Hinterwäldler dar, bestreiten jegliche ethnokulturelle Linie von den Germanen zu den späteren Deutschen.“9
Die angesprochenen Produktionen von Netflix, Amazon Prime und Disney (man bemerke: alles erfolgreiche US-amerikanische Produktionen) werden als Zeugen für eine Rückbesinnung auf deutsche Kultur aufgerufen. Streamingplattformen mit hoher Beliebtheit, mächtigen Bildern und einer tiefen Verankerung in den Lebensgewohnheiten junger Menschen werden dadurch unfreiwillig zu Zugpferden für eine populistische Kulturstrategie. Das ist nur ein Einzelbeispiel. Aber ein typisches. Es passt zu anderen Aktivitäten der Rechtspopulisten: etwa der Ansprache der in die Hunderttausende gehenden Follower der AfD auf der Social Media-Plattform TikTok. Grundsätzlich lässt sich sagen: Sie reagieren immer dann besonders stark und kommunikationsintensiv, wenn es um die Themenbereiche Kultur, Identität, Eigenes und Fremdes geht.
Die neuen Propagandisten kopieren für ihre Kampagnen immer radikaler und geschickter traditionelle künstlerische Ausdrucksformen. Sie sind nicht an einer wirklichen Auseinandersetzung mit künstlerischen Werken interessiert. Vielmehr verstehen sie es, wie mit einer Art riesiger Kopiermaschine sich das einzuverleiben, was ihnen geeignet scheint, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Musikvideos werden ebenso ausgebeutet wie digitale Erzählformen der Pop- und Jugendkultur. Sie erzählen Geschichten, die uns vertraut sind. Geschichten, denen wir vertrauen, weil sie uns Vergnügen bereiten, weil sie uns unterhalten, weil sie uns zugleich erschrecken und verzaubern.
Dieses Vorgehen ist aber nicht nur ein Merkmal der AfD. Es ist ein weltweites Phänomen. Aus unterschiedlichen politischen und weltanschaulichen Ecken heraus wird die Kulturkopiermaschine erfolgreich bedient. Dahinter steckt die Erkenntnis: Menschen sind dort schnell zu manipulieren, wo sie sich unterhalten fühlen, wo das Leben an Leichtigkeit gewinnt, wo man scheinbar abschalten kann, um Vergnügen oder emotionale Anregung zu erfahren.
Fast alle populistischen Parteien arbeiten bei ihren Wahlveranstaltungen mittlerweile mit Bands aus verschiedenen Genres zusammen. Von Hip-Hop bis Country, von Schlager bis zu klassischer Musik finden sich Künstler und Künstlerinnen, welche die große Kopiermaschine bedienen. Sie stellen ihre Kunst in den Dienst von etwas radikal Politischem, das alle Inhalte sofort kontaminiert und neu ordnet.
In den USA war es beispielsweise der Skandalrapper Kid Rock, der zu einem der größten musikalischen Unterstützer Donald Trumps wurde. Er brach auch mit dem Klischee, dass sich konservative Politik und skandalumwitterte Performances ausschließen müssen. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete erstaunt von seinem wilden Auftreten bei den Republikanern:
„Am Parteitag der Republikaner im Juli 2024 stürmte der 53-Jährige in Lederkluft die Bühne und grölte zu den Metal-Riffs seines Gassenhauers ‚American Bad Ass‘ mit gereckter Faust: ‚Ihr könnt mit Rock’n rollen oder meinen Schwanz lutschen.‘ In den Gesichtern altgedienter Parteifunktionäre war ein nervöses Zucken zu erkennen.“10
Rock und Parteisound passten plötzlich wundersam zusammen.
In Russland ist es der zwischen Punk und russischer Folklore wandelnde Rocksänger Shaman, mit bürgerlichem Namen Jaroslaw Jurjewitsch Dronow, der im Stile westlicher Musikvideoästhetik einen radikalen Patriotismus mit seiner Musik unterstützt. Er streift in dem Video zu seinem erfolgreichen Song „Ich bin Russe“ durch endlose Kornfelder. Dabei streichelt er die golddurchfluteten Ähren mit seinen Fingerkuppen, küsst sein Halskreuz bis das Bild plötzlich abbricht. Lichtblitze zucken und Shaman steht im Lederlook auf einer nächtlichen Bühne und singt: „Ich bin Russe. Ich gehe bis zum Ende. Mein Blut ist von meinem Vater.“11
Er gilt als einer der einflussreichsten Sänger innerhalb der zeitgenössischen Popkultur in Putins Reichs. Er ist ein Verehrer des Präsidenten. Seine Musikvideos werden auch in Deutschland im Dunstkreis verschwörungsgläubiger Medien mit deutschen Untertiteln erfolgreich geteilt.
Europas neue radikale Eliten
Populistische Kräfte bedienen sich bei ihrer Propaganda aber nicht nur der Populärkultur. Die Partei der rechten italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni versucht etwa seit Jahren, imposante Orte wie die „Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom für Reden zur ihrer Migrationspolitik zu nutzen.“12 Der rechtspopulistische FPÖ-Politiker Herbert Kickl inszeniert sich gern als eiserner Trutzherr der „Festung Österreich“13, was in einem Land mit so vielen Burgen, Festungen und imposanten mittelalterlichen Kunstsammlungen offensichtlich Eindruck auf die Bevölkerung macht. In den Niederlanden spricht der erfolgreiche Populist Geert Wilders immer wieder von der obersten Aufgabe des Staates, „die Dominanz der jüdisch-christlichen sowie humanistischen Tradition und Kultur“14 zu sichern, wobei er seine Auftritte im Parlament selbst wie eine Theateraufführung inszeniert.15 Und die französische Politikerin Marine Le Pen wird nicht müde gegen eine globalisierte Massenkultur zu wettern. Diesem Verfall müsse man die eigene Heimat entgegenstellen. Sie selbst verärgerte allerdings das Pariser Louvre Museum16als sie den Ort ungefragt 2022 für ihren Wahlkampf nutzte: „Marine Le Pen, die Kandidatin des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) – ehemals Front National – hat am Samstag mit einem vor dem Museum Louvre gedrehten Video den Auftakt ihres Wahlkampfes eingeleitet. Das Kunstmuseum mit Leonardo da Vincis weltberühmten Gemälde der Mona Lisa beschwerte sich daraufhin über Le Pens Drehort direkt vor der gläsernen Pyramide und gibt an, die Politikerin habe den Clip ohne Erlaubnis vor seinen Räumlichkeiten aufgezeichnet.“17
Dabei entspricht dieses Verhalten einem typischen Denkmuster der Populisten: Kultur ist lediglich eine Kulisse. Eine Art Zauberwort, das immer noch bei vielen Menschen einen hohen Stellenwert besitzt. Warum soll man das nicht ausbeuten für die eigenen Zwecke?
Museen, Theater, Bibliotheken und Buchmessen werden seit Jahren als neue Aufmarschhallen von Parteien und Populisten inszeniert, die einen Sinn für das Erhabene und Symbolische haben. Politik selbst wird zur großen Aufführung, welche die häufig destruktiven Inhalte mit Glanz umgibt.
Ein Blick in „Mario und der Zauberer“, Thomas Manns berühmte Erzählung über den aufkommenden Faschismus, macht deutlich, wie das funktioniert. Dort paralysiert ein charismatischer Zauberkünstler in einem italienischen Badeort am Tyrrhenischen Meer sein Publikum durch billige Tricks und die Demütigung von Außenseitern auf der grellen Bühne. Auf ganz ähnliche Weise gelingt es auch den modernen Populisten, das Unmenschliche konsumierbar zu machen, indem sie es als Kulturware verpacken. Andere zu demütigen und auszugrenzen, Lügen zu verbreiten und Menschen die eigene Würde abzusprechen, wird zur täglichen Unterhaltung der mit den Fingern über die Screens ihrer Smartphones scrollenden Massen. Großer, unendlicher Spaß, aus der Spielkiste der Postmoderne gezogen, in Wirklichkeit jedoch die Rückkehr der alten Gespenster des Nationalismus und des Menschenhasses.
Die neuen Propagandisten – und das ist bislang zu wenig beleuchtet worden – sind dabei bestens gelaunt. Sie sind Meister der postmodernen Ironie, erfüllt von jenem Geist subversiver Intelligenz, den sie wie clevere Diebe aus dem Fundus der Widerstandsbewegungen zurückliegender Zeiten gestohlen haben. Sie sind geschickte Erfinder schillernder Gegenwelten. Sie erschaffen Räume, analoge wie digitale, in denen man sich vermeintlich selbst wiedererkennt. Befürchtungen, Verlustängste, aber auch lustvoller Voyeurismus sind ihre „triggerpoints“. Das Erzeugen von Dopamin- und Erregungsschüben, von intensiven Aufmerksamkeitskicks ist ihr Geschäft. Und sie beherrschen das Augenzwinkern der Taschentrickspieler: Es sind doch nur Worte und Gesten, ein Angebot, die Welt anders zu sehen. Wozu die Aufregung?
Das Spiel mit verborgenen Emotionen ist nicht neu – und vielleicht ist es nicht zuletzt genau deswegen so gefährlich. Paul Watzlawick nannte es das Spiel mit „Konfusionen“, mit Unruhe auslösenden Botschaften und Nachrichten –, die es schaffen, Menschen gründlich durcheinander zu bringen. Es werden so lange verwirrende und falsche Behauptungen aufgestellt bis die Menschen nach irgendeiner logischen Erklärung suchen, nach einer Ordnung, die ihnen zu verstehen hilft, was sie gerade sehen und hören. Wenn etwa lange genug behauptet wird, die Demokratie werde gerade heimlich abgeschafft, kann es passieren, dass die Zuhörer nach Anzeichen suchen, ob die Behauptung möglicherweise stimmt. Wenn man lange genug vermittelt bekommt, die eigene Sprache und Kultur werden von geheimen Mächten im Hintergrund abgeschafft, kann jeder englische Begriff in einem öffentlichen Gespräch zum Hinweis werden: Es scheint etwas dran zu sein am großen Kulturkampf.
„Die sogenannte Wirklichkeit ist das Ergebnis von Kommunikation“, meinte Paul Watzlawick. Er gab seinen Lesern schon im letzten Jahrhundert beeindruckende Einblicke in die Trickkiste der Populisten. In ihre Fähigkeit, durch das Streuen von Nachrichten, literarischen Schnipseln und raunenden Anspielungen erst Unordnung zu stiften, um dann dem irritierten Publikum die Erleichterung einer scheinbar wiedergefundenen Ordnung zu verschaffen.
Anhand eines beunruhigenden Beispiels aus Frankreich aus dem Jahr 1969 zeigt Watzlawick auf, wie in Zeiten der Verunsicherung alte diskriminierende Erzählungen in einer Gesellschaft nach oben steigen können. Man muss nur für ausreichend Verwirrung und Spannung sorgen. Watzlawick bezieht sich hier auf eine heute leider etwas in Vergessenheit geratene Studie des französischen Soziologen Edgar Morin und seines Teams.18
Das merkwürdige Gerücht von Orléans
Im Mai 1969 befand sich Frankreich in einem Zustand innerer Unruhe und politischer Instabilität. Der erfolgreiche Präsident und Kriegsheld General de Gaulle erlitt während eines Referendums eine Niederlage und zog sich zunächst auf sein Landgut nach Colombeyles-Deux-Eglises zurück.
Für den 1. Juni wurden Neuwahlen ausgerufen. In dieser Zeit kam ein Gerücht in der Stadt Orléans auf: Damenmodegeschäfte und Boutiquen seien angeblich in Mädchenhandel verwickelt. In den Umkleidekabinen würden Mädchen überwältigt und betäubt. Man würde sie in Kellern gefangen halten und dann nach Übersee entführen und vergewaltigen. Bereits 28 junge Frauen würden in der Stadt vermisst. Schließlich nahmen die Gerüchte immer mehr zu. Gegen Juden gerichtete Ritualmorderzählungen tauchten wieder auf; die jüdische Gemeinde bekam Angst und wandte sich an die Polizei. „Als das Gerücht sich ausbreitete und immer spezifischer wurde, kamen zwei bemerkenswerte Einzelheiten ans Licht: Erstens verkauften die betreffenden Modeläden die neuen Miniröcke und standen damit für die provinzielle Mentalität im Zwielicht einer besonderen Erotik; zweitens nahm das Gerücht einen ausgesprochen antisemitischen Charakter an. Das uralte Thema des Ritualmords tauchte auf und begann die Runde zu machen. Am 30. Mai hatte die Besorgnis der jüdischen Gemeinde über die Entwicklung der Dinge einen Grad erreicht, der sie veranlaßte, die Behörden um Schutzvorkehrungen zu ersuchen.“19
