Beschreibung

Was tun, wenn Ihr Haus von einem Geist besetzt wurde? Was, wenn sich dieses Geschöpf des Jenseits zu allem Übel auch noch als eifersüchtige Plage herausstellt, die sich erbarmungslos an Ihre Fersen heftet und in finsteren Nächten üble Machenschaften schmiedet? Sobald Sie begreifen, dass ganze Welten Sie von Ihrer Heimsuchung trennen und es nichts mehr gibt, das Sie erlösen kann, wird die Verzweiflung Sie einholen. Sie werden in der Vergangenheit herumstochern und Fürchterliches aufdecken. Und dann werden Sie sich wünschen, eine Dummheit zu begehen. Aber keine Sorge – noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Befolgen Sie die Ratschläge unseres hilfreichen Leitwerks und vergessen Sie auf keinen Fall die erste Regel der Gespensterjagd: Schließen Sie Ihren Geist niemals ins Herz …

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Kann Spuren von Geistern enthalten

Sarah Adler

Copyright © 2018 by

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat:

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-187-0

Alle Rechte vorbehalten

Für all die Dinge, die einmal von Bedeutung waren und schließlich zu Gespinsten verblasst sind: die vielen Gespenster kleiner Gegenwarten, die es nie in die Zukunft schafften.

Und für Ernie, obwohl Hunde angeblich gar nicht lesen können.

Inhalt

Teil I

Regel Nummer 1

Regel Nummer 2

Prolog

Regel Nummer 3

Regel Nummer 4

Regel Nummer 5

Regel Nummer 6

Regel Nummer 7

Regel Nummer 8

Regel Nummer 9

Regel Nummer 10

Regel Nummer 11

Regel Nummer 12

Regel Nummer 13

Regel Nummer 14

Regel Nummer 15

Regel Nummer 16

Teil II

Regel Nummer 17

Regel Nummer 18

Regel Nummer 19

Regel Nummer 20

Regel Nummer 21

Regel Nummer 22

Regel Nummer 23

Regel Nummer 24

Regel Nummer 25

Epilog

Nachwort

Über die Autorin

Bücher von Sarah Adler

Teil 1

Regel Nummer 1

Schließen Sie Ihren Geist nicht ins Herz.

Regel Nummer 2

Was auch immer Sie tun, beachten Sie unbedingt Regel Nummer Eins.

Der Junge schlief.

Während die Minuten seines fedrig weichen Schlummers verstrichen, wurden die Schatten im Raum länger. Sie krochen über den tiefgrünen Teppichboden und verfingen sich in der Dunkelheit, deren erste Ausläufer bereits unter dem Bett hervorlugten.

Finsternis machte sich breit. Ranken aus Schwärze griffen nach seiner Hand, die gerade außerhalb ihrer Reichweite über der Bettkante baumelte.

Als die Nacht hereinbrach, war vom Tosen und Brüllen des untergehenden Sonnenfeuers draußen vor dem Fenster kein Laut zu hören. Das Abendlicht liebkoste mit geräuschlosen Fingern den Horizont, wie es jeden Tag hunderte Male auf der Welt geschah. Doch schon bald würde der Sonnenuntergang einem ganz anderen Leuchten weichen.

Bis dahin aber würden noch einige Stunden verstreichen. Für den Moment herrschte kühles, nachtschwarzes Schweigen. Schweigen und ein Stückchen geborgter Sicherheit.

Der Junge schlief. Nichts schlich sich in seinen Traum.

Prolog

Still jetzt. Ich weiß, was du sagen willst. Aber keine Sorge: ich gehe noch nicht. Du und ich, wir haben Zeit.

Zeit genug, dir eine allerletzte Geschichte zu erzählen. Wo soll ich beginnen? Vermutlich am Anfang. Mit der allerersten Frage.

Wer sind wir?

Wir sind das, was niemand greifen kann. Wir sind, was sich der Welt entzieht, ein flüchtiger Widerhall des Lebens, der sich ungehört verliert. Wir sind das, was die Dämmerung preisgibt. All jenes, was man nur im Flüsterton verlauten lässt.

Wir sind die Legion der Geister.

Wir sprießen wie Pilze an dunklen, modrigen Orten – überall dort, wo Zwietracht lauert, wo das Halbfinster herrscht, wo der Tod die bleichen Finger ausstreckt, gleich einem Liebenden, der nach der Wahrheit tastet.

Wo kein Zerwürfnis herrscht, da schaffen wir es. Denn wir sind die Legion der Geister. Wir nehmen. Mehr noch: wir stehlen, entreißen, betrügen, entlocken, entführen. Und wir sind hungrig. Immerzu. Wer nährt uns, wenn die Morgendämmerung hereinbricht?

Wir sind das, was ihr am meisten fürchtet.

Wir sind.

Aber das weißt du ja bereits.

Dies ist nicht die Geschichte meines Todes. Schon klar – enttäuschend. Aber ich will ehrlich mit dir sein: die Enttäuschung ist nur ein flüchtiger Beigeschmack der Entwicklungen, die sich nach meinem Tod abspielten. Denn obwohl uns beiden ein Ende bevorsteht, das nicht unbedingt der Inbegriff des Glücks ist, bin ich doch froh, dass die Dinge genau auf diese Weise kamen und nicht anders. Schließlich muss man manchmal, so fürchte ich, erst sterben, um zu erkennen, wo man hingehört.

Dies ist meine Geschichte. Weder die meines Todes noch die meines Lebens, aber doch die meine. Und in vielerlei Hinsicht gehört sie auch dir. Sie beginnt in einer Nacht, in der die Welt nach Flieder duftet und endet an einem Nachmittag, der nach Schnee riecht. Seelen kommen darin vor, Fänger im Dunkel der Zeit, die Suche nach dem Jenseits, ein Fünkchen Freundschaft … und eine vollkommen unvernünftige Liebe, die von Anfang an keine Hoffnung auf Erfüllung hatte. Ach, nun schau doch nicht so.

Ich weiß, dass ich rührselig werde, aber so ein bisschen Gefühlsduselei ist unumgänglich, wenn ein Abschied bevorsteht.

Also beeilen wir uns. Bist du bereit? Na dann. Schließe die Augen. Stell dir vor, der Duft von Flieder kommt auf seidenen Schwingen durch das Fenster geschwebt und kitzelt dich an der Nasenspitze …

Regel Nummer 3

Zweifeln Sie niemals an Ihrer Wahrnehmung der Realität.

12. Mai, 16:42 Uhr

Gegenwart

An einem bienenschwirrenden Frühlingstag, der bereits die erste stickige Hitze des Sommers in sich trug, musste Ben sich eingestehen, dass die Welt wirklich und wahrhaftig aus den Fugen geraten war.

Es hatte eine Weile gedauert, bis er zu diesem Schluss gekommen war. Schließlich war es nicht leicht, sich von all dem zu verabschieden, was man bisher als Gewissheit angesehen hatte. Neben einer kleinen Ewigkeit an Geduld brauchte man dafür eine ganze Reihe aus Zaunpfählen, die einem eifrig zuwinkten.

Mittlerweile jedoch beschränkte sich die ungesehene Präsenz, die ihm das Leben erschwerte, nicht länger aufs Winken. Sie prügelte ihm vielmehr den gesamten Zaun um die Ohren und das Tag für Tag. Leider – und Ben bedauerte es sehr, sich dies einzugestehen – deuteten alle Indizien darauf hin, dass er irgendwann während der vergangenen Wochen … na ja, wie drückte er es am besten aus?

… plemplem geworden war. Bescheuert. Durchgeknallt. Irre. Grenzdebil, umnachtet, schwachsinnig. Und das passte ihm momentan überhaupt nicht in den Kram. Eigentlich hatte er gehofft, mit dem Wahnsinn bis nach seiner Ausbildung warten zu können. Und so war es auch, dass sich seine letzte Hoffnung an dem Gespräch festklammerte, das sich in diesem Moment abspielte. Man hofft immer dann, im Unrecht zu sein, wenn man Übles ahnt.

Während sich Ben im Kopf seine nächste Frage zurechtlegte, entwickelten seine Sinne ein Eigenleben. Sie stießen ihn von innen heraus an wie glühende Zahnstocher, um ihn mit irgendwelchen Unwichtigkeiten abzulenken. Die Küche riecht nach Donuts!, versicherte ihm sein Geruchssinn. Stimmt. Und Donuts, das musste er zugeben, waren niemals unwichtig. Aber auf pfui, aus deinen Haaren tropft noch immer Wasser! Du bist über zwei Jahrzehnte alt und hast keinen blassen Schimmer, wie man einen Föhn benutzt? hätte er gut verzichten können. Seine Haut ließ sich leider nicht einfach so ruhig stellen. Jetzt klebt auch noch das T-Shirt an mir … uäääh, ist das eklig. Ich wünsche mir das Handtuch zurück. Oder die schöne warme Dusche.

Hunger, plapperte der Magen gefräßig dazwischen. Hunger auf Donuts!

Klappe, allesamt!, fuhr er im Stillen dazwischen. Von der Antwort, die er gleich erhalten würde, hing immerhin seine gesamte geistige Gesundheit ab.

»Und, äh … du bist dir sicher, dass du den Zahnpastadeckel wieder auf die Tube gedreht hast, als du mit Zähneputzen fertig warst?«, erkundigte er sich schließlich erneut. Dabei versuchte er, einen gelangweilten Gesichtsausdruck aufzusetzen und die Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. Es wollte nicht recht gelingen. Vielleicht lag es daran, dass er mehrere Sekunden gebraucht hatte, um sich die Worte zurechtzulegen. Deshalb hatte sich in der Zwischenzeit eine atemlose Spannungspause gebildet.

Es folgte eine bedeutsame Stille. Diese versicherte ihm, seine Anschuldigung sei eine der haarsträubendsten, die in der langen Geschichte der Menschheit jemals ausgesprochen worden war. Linus, der an der anderen Seite des Tischs saß, kniff die Lippen zusammen, bis sie so schmal waren wie eine schmollende Mondsichel. Ein blasser Strich des Missfallens, den Ben nur allzu gut kannte.

Es war nicht immer leicht, mit Linus zusammenzuwohnen. Nicht nur deshalb, weil er Student war und somit ziemlich verfressen, sondern auch, weil es sich bei ihm um die fleischgewordene Definition eines Perfektionisten handelte. Student hin oder her, Linus würde es niemals im Leben einfallen, den Deckel nicht wieder auf die Zahnpastatube zu drehen. Abgesehen von dubiosen Tofu-Kochkünsten verwendete er seine Energie am liebsten dafür, all seine Socken nach Muster, Farbe, Länge und Stoffbeschaffenheit zu arrangieren. Und dazu auch gleich das Bücherregal, die DVD-Sammlung und den Zeitschriftenstapel im Klo zu ordnen – alphabetisch, verstand sich. Sobald Linus ins Eisfach spähte, blieb nur zu hoffen, dass sich die Erbsenpackung nicht zärtlich an das Vanilleeis schmiegte, denn es erfüllte ihn mit göttlichem Zorn, wenn sich im Kühlschrank das Essen berührte. Vermutlich wartete er in diesem Augenblick nur darauf, dass Ben den Blick abwandte, damit er endlich die Zuckerstreusel auf den Donuts sortieren konnte. Misstrauisch kniff Ben die Augen zusammen und steckte die Hand schützend in die Donuttüte, deren unnötig lautes Papierrascheln das demonstrative Schweigen brach, als er das Gebäck herauszog.

»Habe ich den Zahnpastadeckel nach dem Zähneputzen auf die Tube gedreht?«, wiederholte Linus gedehnt. Eine nervtötend engelsblonde Locke fiel ihm in die Stirn. »Hast du nach dem Duschen die Armaturen abgewischt, wie ich es dir schon hundertmal gesagt habe? Übrigens, ich weiß wirklich nicht, warum du dir immer den ganzen Donut auf einmal in den Mund stopfen musst.«

Ben schluckte angestrengt und deutete mit seinem besten und dramatischsten Todesröcheln auf die Milchpackung, die direkt neben Linus’ linker Hand stand. Sein Mitbewohner dachte nicht einmal daran, ihm das Leben zu retten. Normalerweise beeindruckten ihn Sterbegeräusche dieser Art, aber er schien sich in seiner Ehre als Zahnpastadeckelzudreher ernsthaft verletzt zu fühlen.

»Weißt du«, hustete Ben nach erfolgreichem Sieg über den Donut in seiner Speiseröhre, »du kannst ruhig zugeben, dass auch du mal schusselige Momente hast. Erbarme dich. Hab Mitleid mit mir. Ich muss unbedingt wissen, wer den Zahnpastadeckel auf dem Waschbecken liegen lassen hat! Es ist von nationaler Bedeutung. Du bist dir ganz sicher, dass du es nicht warst?«

Linus ließ ein Schnauben hören, das in einem Wettbewerb für Unmutsbekundungen den ersten Preis abgesahnt hätte. Noch vor Bens Todesatem. »Wieso fragst du nicht die einzige Person in diesem Haus, die immer noch nicht weiß, wie man eine Geschirrspülmaschine benutzt? Oder die denkt, dass abgeschleckte Löffel erst mit niedlichem flauschigem Schimmelüberzug ein appetitliches Bild abgeben?« Linus zupfte an dem Silberdelfin, der an einem dunkel­blauen Lederband um seinen Hals baumelte. Ein Silberdelfin! Noch dazu ein manisch grinsender, der sich vor einer strahlenbekrönten Sonne aufbäumte. An Ben hätte so etwas bestimmt nach verfrühter Midlife-Crisis ausgesehen, aber trotz allen Geglitzers und Gebaumels passte das Ding zu Linus. »Die einzige Person in diesem Haus, die nicht das Bad benutzen kann, ohne die Klopapierrolle aus der Halterung zu reißen. Und deren Zimmer aussieht, als hätte die CIA es nach wichtigen Beweisstücken durchwühlt. Die einzige Person im gesamten Viertel, die nicht nur in regelmäßigen Abständen ihre Handy-PIN vergisst, sondern auch noch ständig den Zettel verliert, auf dem sie sie zur Vorsicht notiert hat!«

Bis vor zwei Sätzen war Ben davon ausgegangen, Linus spräche von Anka, dem letzten Mitglied ihres infernalischen Dreiergespanns des schlecht funktionierenden Zusammenlebens. Aber langsam dämmerte ihm eine schreckliche Ahnung.

»Die einzige Person«, versetzte Linus ihm den vernichtenden Schlag, »die eine Geheimschrift erfunden hat, um ihre PIN zu verschlüsseln, weil der Zettel, auf dem sie steht, ja jeden Moment von jedermann gefunden werden könnte, weil er mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit verloren geht. Weil besagte Person so schusselig ist. Die einzige Person übrigens, die ohne Übertreibung so schusselig ist, dass sie letzte Woche nicht nur ihre PIN vergessen hat, sondern auch noch, wie man die Geheimschrift entschlüsselt! Die PIN lautet übrigens 3524. Kein Grund, mir zu danken.«

Ben verschluckte sich an seinem zweiten Donut. Daraufhin hob Linus mit gnadenloser Kälte die Augenbraue und hakte nach: »Dir ist schon klar, dass ich von dir spreche, oder?«

»Der Zettel ist nur zweimal verloren gegangen«, protestierte Ben kläglich. »Und das letzte Mal ist er wieder aufgetaucht.«

Ohne jeden weiteren Kommentar verschanzte sich Linus hinter einem dicken Wälzer, der gefühlt mehrere Tonnen wog und in dem sämtliche bekannte Mikroorganismen der Weltmeere aufgelistet standen. Ben benutzte ihn regelmäßig als Hemdenbeschwerer. Auf diese Weise konnte man sich hervorragend das Bügeln sparen und zudem auch noch seinen Mitbewohner nerven. Er zog eine Fratze. Die Ein-Mann-Festung aus Makellosigkeit, Muckis und Meeresbiologie strafte ihn mit Nichtbeachtung.

Selbstverständlich hätte er einfach gestehen können, weshalb ihm der abgeschraubte Zahnpastadeckel solche Sorgen bereitete. Aber dann hätte Linus ihn endgültig als Fall für die Klapsmühle eingestuft und Donuts hätte er ihm auch keine mehr mitgebracht. Also schlich er sich ohne ein weiteres Wort aus der Küche und stahl sich ins Bad, um sich den Zahnpastadeckel anzusehen, der noch immer so dalag wie zuvor. Gnadenlose sieben Millimeter von seiner Tube entfernt.

Ben schloss die Tür. Nach einem argwöhnischen Blick über die Schulter zog er ein Notizbuch aus der Tasche, schlug es auf und setzte einen kleinen Haken hinter den Punkt Linus verhören. Es war ein äußerst selbstzufriedener Haken. Das Interview war Teil ausgiebiger Nachforschungen, deren Professionalität nicht im Geringsten dadurch gemindert wurde, dass Bens Notizbuch ein Elefantenmuster trug. Verdächtiger leugnet sämtliche Verantwortung für Tat, hielt er fest. Im Anschluss überlegte er kurz und fügte hinzu: Schiebt Schuld stattdessen auf Ermittler, nicht ahnend, dass dieser gar nicht so chaotisch ist wie allgemein behauptet.

Kleine Gewitterstürme aus Schmerz rasten durch Bens Schädelwand, als er den Stift fallen ließ und sich beim Bücken die Stirn am Waschbecken anstieß. »Mist.« Möglicherweise ist Ermittlers Selbstbild leicht getrübt.

Nachdem er mit vorsichtigen Fingerspitzen die rasch anschwellende Beule an seinem Kopf betastet hatte, setzte er seine Ermittlungen fort. Zu diesem Zweck zog er ein Maßband unter dem Bund seiner Jogginghose hervor und versicherte sich, dass der Abstand tatsächlich noch immer sieben Millimeter betrug.

Inzwischen waren es siebeneinhalb.

Maßfehler oder kriminelle Vorgänge in Abwesenheit?, notierte er. Dann kratzte er sich nachdenklich am Kopf und überlegte, was als nächstes zu tun war. Autsch. Merke: es tut nicht gut, sich an Beulen zu kratzen.

Wenn Anka nächste Woche aus ihrem Berlinurlaub zurückkam (und er hoffte inbrünstig, die Zeit bis dahin würde schnell vergehen, denn vielleicht lagen die schleichenden Anfälle von geistiger Umnachtung allein an der Tatsache, dass er so lange mit Linus allein gewesen war), würde das seinen Kreis der Verdächtigen um eine weitere Person erweitern. Doch da sie im Moment nicht da war und sich keiner der Anwesenden für einen notorischen Zahnpastatubendeckelliegenlasser hielt, blieb die Sache eindeutig ein Fall für … die Liste. Er blätterte das Elefantennotizbuch an der passenden Stelle auf und rieb sich mit dem Radiergummiende des Bleistifts die Stirn. Kritischen Blicks musterte er die bisherigen Stichworte ungewöhnlicher Ereignisse, die ihn überhaupt erst auf den Zahnpastadeckel aufmerksam gemacht hatten.

06. Mai, 17:44-19:56 Uhr: Zimmerfenster öffnet sich fünfmal von selbst, ohne menschliches Zutun. Hört erst auf, als ich es mit Briefbeschwerer zuklemme.

08. Mai, 04:21 Uhr: Aus dem Schlaf geschreckt durch Kratzen unter der Matratze. Danach Albtraum.

08. Mai, 11:35-11:41 Uhr: Blumentöpfe in Küche zittern. Hält minutenlang an. Kein Erdbeben gemeldet.

09. Mai, 21:17 Uhr: Frisch gekaufte Erdbeeren sehen appetitlich aus, schmecken aber stark nach Schimmel und Pilzbefall. Zwecks einer zweiten Geschmacksprobe unter Linus’ Müsli gemischt. Volle Zustimmung in Form eines Brechreizes.

10. Mai, 12:55 Uhr: Flugzeuge & Flugleistungen: Ein Lehrbuch aus Rucksack verschwunden. Findet sich gegen 23:45 Uhr in Waschmaschine wieder.

11. Mai, ab 01:39 Uhr: Leises Rascheln in den Wänden bis zum Morgengrauen.

11. Mai, 07:32 Uhr: Der Briefbeschwerer fällt vom Fensterbrett.

11.-12. Mai: Fenster öffnet sich in regelmäßigen Abständen.

12. Mai, 18:31 Uhr: Zahnpastadeckel sieben bzw. siebeneinhalb Millimeter von Tube entfernt.

Ben setzte einen entschlossenen Punkt hinter den letzten Satz, zupfte sich nachdenklich am Ohrläppchen und wandte sich von dem Objekt seiner Verunsicherung ab. Mit der Hand auf der Klinke der Badezimmertür hielt er inne. Eine Überlegung wanderte durch seine angespannte Miene.

Dann drehte er sich abrupt um, steckte das Elefantennotizbuch in seine Hosentasche und schraubte den Deckel mit Nachdruck auf die Tube. So fest, dass er später wohl eine Rohrzange benötigen würde, um sie zu öffnen.

Vielleicht hatte sich die Sache damit erledigt.

Wahrscheinlich aber nicht.

Hätte es sich nur um die Zahnpastatube gehandelt, die verrücktspielte, wäre Ben von einer natürlichen Erklärung ausgegangen. Und wenn es nur ein unordentlicher Einbrecher war, der sich heimlich in ihre Wohnung schmuggelte, um sich an ihrem Waschbecken die Zähne zu putzen. Aber er konnte einfach nicht anders, als die Reihe von absonderlichen Vorfällen als Phänomene mit übersinnlichem Beigeschmack zu interpretieren.

Er hoffte beinahe, dass es so war. Übersinnliches bedeutete schließlich nicht zwingend, dass man total balla-balla war.

Als er eine halbe Stunde später zurück ins Badezimmer kam, war die Tube wieder geöffnet.

Spät in der Nacht ertönte ein leises Knarren.

In der kleinen, schattenbevölkerten Wohnung öffnete sich mit äußerster Behutsamkeit eine Tür. Für einen unachtsamen Beobachter wäre das anfängliche Absinken der Türklinke, die sich wie von unsichtbarer Hand bewegte, zunächst wohl unbemerkt geblieben. Dann aber tat sich nach einem Moment atemloser Stille ein Spalt auf und die Dunkelheit, die dahinter eingesperrt gewesen war, quoll ungehindert der Freiheit entgegen.

Eine bleiche Hand schob sich durch die Lücke. Ihr folgte ein Schemen, leicht schimmernd, wie von einem unirdischen Licht berührt. Lautlose Schritte bahnten sich ihren Weg durch den düsteren Flur. Das Wesen war gekommen, um Unheil anzurichten.

Als es sich mit schlafwandlerischer Sicherheit in Richtung Badezimmer bewegte, bauschte sich hinter ihm ein feiner Nebel auf, der sich erst auf den zweiten Blick als spinnwebzarter Umhang herausstellte. Wie ein Grabtuch aus vielstimmigem Geflüster wallte er über den Boden.

Dann verfing sich ein Fuß in seinem Saum. Der Umhang schlang seinen unerbittlichen Griff eng um das Bein des heimlichen Wanderers und brachte ihn zum Straucheln. Das Wesen fluchte gedämpft.

Dem nicht vorhandenen Beobachter wären an dieser Stelle drei Dinge aufgefallen: das Wesen trug einen Schlafanzug, auf dem kleine Comic-Gladiatoren reglose Zweikämpfe austrugen. Seine schlafverklebten Augen ließen sich nur mit Mühe offenhalten. Und in der Hand hielt es eine Videokamera.

Der Fuß, der sich einfach nicht aus dem Saum des Umhangs befreien wollte, brachte der Kreatur schließlich den Untergang: mit einem lauten Krachen, das durch die gesamte Wohnung hallte, legte sie einen spektakulären Bauchplatscher hin. Einen schreckstarren Moment blieb sie wie versteinert liegen, die Bettdecke, die sie sich um die Schultern gewickelt hatte und bei der es sich wohl doch nicht um ein Leichentuch handelte, hinderlich um ihre Beine geschlungen. Sie lauschte dem Krawall des Echos, das spöttisch durch die dunklen Räume hallte. Sie fluchte erneut.

Daraufhin ließ das Wesen ein beleidigtes Schniefen hören, vergewisserte sich, dass der Kamera nichts geschehen war, und rappelte sich mühsam auf. Das unirdische Licht stellte sich nun als kleines, rot glühendes Lämpchen an der Kamera heraus. In seinem Schein erstrahlten die Gesichtszüge des Nachtwandlers fratzenhaft, als dieser den Fokus auf sich selbst richtete. Seine Gesichtszüge waren albtraumhaften Abgründen gleich.

Später, wenn er sich die Aufnahme ansah, würde Ben dies überaus unvorteilhaft finden. Die Beleuchtung sorgte dafür, dass er wie ein gestörter Axtmörder wirkte.

»Heute Nacht«, flüsterte er in verschwörerischem Tonfall in die Kamera, was ihm zu diesem Zeitpunkt wie ein angemessenes Verhalten vorkam. Im Nachhinein jedoch fand er eher, dass es zu dem spinnerhaften Effekt beitrug. »Heute Nacht wird das Unbeweisbare bewiesen. Das Undenkbare denkbar. Das Übernatürliche wird ins Unternatürliche verwandelt, das Unheimliche ins Heimliche … nein, das funktioniert beides nicht. Das Geheimnis soll ja gelüftet werden, dadurch wird es schließlich nicht heimlich.« Jetzt lief er auch noch pink an, was sein Übriges zu der unvorteilhaften Gesichtsfärbung tat. »Aber dies alles ist nebensächlich, werte Zeugen dieses unfassbaren Ereignisses, das sich nun ins Fassbare wandeln wird. Unglaublich nebensächlich sogar, bedenkt man, dass dies die letzte Nachricht ist, die ich zu hinterlassen gedenke, bevor ich mich auf eine Suche begebe«, tief Luft holen, »die sehr wohl fatal ausgehen könnte. Wenn ich dabei draufgehe, ladet dieses Video bitte auf Youtube hoch. Anka, das kannst du ja machen, in einem deiner Vlogs. Aber was rede ich da – macht euch bereit. Kommt mit mir auf eine Reise ohne Wiederkehr … ins Badezimmer!«

Mit einem dramatischen Fußtritt schwang er die Tür auf. Dann hechtete er hindurch und vollführte sein berühmtes Knie-trifft-Lichtschalter-Manöver. Als er die Kamera auf die unschuldig auf dem Waschbeckenrand liegende Zahnpastatube richtete, summte er die Titelmelodie von Jaws.

»Der Deckel ist auf! Auuuuuuuuf!« Wieder Bens Gesicht, das sich in den starren Blick der Kamera schob, diesmal aufgrund der Deckenbeleuchtung weniger rot. »Vorher war er zu. Ich habe das verdammte Ding heute sechsmal zugedreht! Sechsmal. Er war zu und jetzt ist er auf! Es ist ein Wunder! Ein Mirakel! Eine Unmöglichkeit! Aber wir werden ja sehen, wie der wunderwirkende Zahnpastadeckelaufdreher das hier mag!«

Mit ausladender Geste zog er eine Rolle Klebeband unter seinem Bettdeckenumhang hervor. Voller Triumph wirbelte er es ein paarmal vor der Kamera herum. Dann klemmte Ben sich das Gerät zwischen Schulter und Wange und machte sich voll grimmiger Entschlossenheit an die Aufgabe, den Deckel zurück an seinen Platz zu drehen. Mit mehreren Umwicklungen des Bands fixierte er ihn.

Werk vollendet. Zeit für Stolz! Na bitteschön. Es war eine gute Idee gewesen, die Ereignissemit der Kamera festzuhalten. Sie würden der unmissverständliche Beweis sein, dass er nicht verrückt wurde, sondern tatsächlich Dinge sah, die den anderen nicht auffielen. Und dass er, ganz entgegen der Behauptung gewisser Mitbewohner, ganz und gar nicht nicht chaotisch genug war, um Zahnpastadeckel herumliegen zu lassen, ohne sich daran zu erinnern. Des Effekts wegen zeigte er der Kamera ein zufriedenes Lächeln, während er die genialste Innovation der garantiert-nicht-verrückten Menschheit in die Höhe hielt. Ein bedeutsames Nicken folgte.

»Der Gedanke ist nahezu genial in seiner Simplizismi… in seiner Einfachheit. Zugeklebte Zahnpastatuben können sich auf keinen Fall von selbst öffnen. Ich werde die Tube auf dem Waschbecken platzieren, mich hier auf die Lauer legen«, damit stieg er in die Badewanne und zog den Duschvorhang halb vor sich, »und die Lage scharf beobachten. Sobald sich etwas regt – bäm!, hab’ ich es auf Band.«

Voller Erwartung wickelte er die Bettdecke enger um sich. Er zog die Knie an die Brust und starrte gespannt auf die unschuldig daliegende Erdbeer-Minz-Zahnpasta.

»Du täuschst mich nicht«, flüsterte Ben, seines Zeichens Verkehrsflugzeugführer in Ausbildung und über jede Furcht einflößende Situation erhaben. Damit stopfte er sich ein Handtuch hinter den Rücken, um eine Täuschung von Komfort zu erzeugen. Mit einem nervösen Grinsen rutschte er ein paarmal in der Wanne herum, bis er eine bequeme Position gefunden hatte, und wappnete sich für eine Nacht, in der er vor lauter Aufregung bestimmt kein Auge zutun würde.

Im nächsten Moment schlief er ein.

Ab hier übernehme wieder ich. Du kennst mich noch, oder?

Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich dir ein wenig zu Ben erkläre. In den elf Monaten, die wir zusammen verbracht haben, fand ich viele Dinge über ihn heraus. Ich will sie dir auf keinen Fall vorenthalten, doch sie würden den Rahmen meiner Erzählung bei Weitem sprengen.

Deshalb nur so viel: Ben war ein totaler Volltrottel. Und das ist er noch immer. Ich weiß, das hast du bestimmt schon selbst herausgefunden, aber ich verspreche dir, eine rettungslosere Knallbirne wirst du nirgendwo finden. Er ist und war eine unverbesserlich taube Nuss. Wirklich, absolut Matsche im Hirn, der Knabe.

Er hat mir mal erzählt, dass er als Kind viel lieber auf den Händen laufen wollte als auf den Füßen. Die einzige Erklärung, die ich mir zusammenreimen kann, ist, dass er dabei wohl ein paarmal zu oft auf den Kopf gefallen sein muss. Und möglicherweise …

… ja. Möglicherweise mochte ich ihn deshalb von der ersten Sekunde an.

Denn obwohl Ben am 13. Mai um 03:48 Uhr mit der Videokamera in der Badewanne saß und mehrere Stunden lang eine Zahnpastatube filmte, war er tatsächlich nicht so verrückt, wie er es befürchtete. Nein, ich meine es ernst. Aber das bedeutet andererseits auch nicht, dass er ganz normal war. Das sage ich nicht nur wegen der Zahnpastageschichte. Nach unserem Kennenlernen dauerte es nicht lange, bis ich die Sammlung von Tiefseebüchern fand, die er in seinem Kleiderschrank verstaute. Wer brauchte schon was zum Anziehen, wenn er stattdessen U-Boot-Baupläne in Hardcoverform horten konnte? Weitere Bände stapelten sich unter seinem Bett. Und letztendlich besaß er sogar welche, die er in der Unterwäscheschublade versteckte. Ben besaß mehr Bücher über Tiefseeforschung als ein normaler Mensch schlechte Erinnerungen an seine Schulzeit. Er kannte nicht nur den Namen jedes unterseeischen Gefährts und jedes Tauchanzugmodells – nein, denn dann hätte man ja den Eindruck gewinnen können, er sei nur ein klein wenig besessen. Stattdessen konnte er beinahe jedes Wort seiner Bücher herunterbeten, ohne ein einziges Mal einen Blick auf die Seiten werfen zu müssen!

Kurz gesagt: Ben war ein Nerd. Nachts träumte er von Anglerfischen und phosphoreszierenden Quallen. Von Unterwasserbooten, die sich behäbig ihren Weg durch unergründliche Tiefen bahnten, zwischen scharfkantigen Klippen hindurch und über Wälder aus Seetang hinweg, durch unbezwingbare Strömungen und die Schwefelausdünstungen unterirdischer Vulkane.

Und manchmal … manchmal träumte er von Wolken. Mit der Geschwindigkeit träger Güterzüge wälzten sie sich der Ferne entgegen. Dann leuchteten in seinen Gedanken Sonnenstrahlen auf, die den Horizont mit flammenden Fingern berührten und Streifen aus Farbe in die Luft malten. Begleitet vom Geräusch von Wind, der sich in den Schwingen dunkler Vögel verfing.

Deshalb hatte er sich dafür entschieden, eine Pilotenausbildung anzufangen, erzählte er mir: weil der Himmel das Gegenstück zum Meer war, voll unbegrenzter Weite, die sich erforschen lassen wollte. Blau oben, Blau unten. Und ihm gefiel der Gedanke, dass Menschen in hauchzarten Metalldosen diese Ferne bereisten und darauf hofften, dass niemandem auffallen würde, wie verschwindend klein sie im Vergleich zu all der Unendlichkeit waren. Außerdem verdiente man im Idealfall viel Geld. Und man bekam eine Uniform mit Streifen auf der Schulter.

Aber trotzdem berührten mich seine Gedanken, genau wie seine Träume. (Zumindest manche. Er hatte da zum Beispiel einen immer wiederkehrenden Traum, in dem ihm irgendeine vollbusige Superheldin bei einer feierlichen Zeremonie ihren Schlüpfer überreichte. Damit zog ich ihn, du hast es erfasst, bei jeder Gelegenheit voll Schadenfreude auf.)

Warte mal.

Lausche.

Pssst, ruhig jetzt – hörst du das?

Dieses winzige Plätschern am Rande deiner Wahrnehmung ist das Geräusch von Wassertropfen, die auf einer kühlen, glatten Oberfläche aufkommen und zerplatzen. Sollen wir nachschauen gehen, woher es kommt? Ich werde es dir verraten.

Regel Nummer 4

Suchen Sie sich rechtzeitig Hilfe.

Der Junge warf sich im Schlaf herum. Seine Fingerspitzen zuckten, als wollten sie sich um die Wärme schließen, die in seinen Träumen aufstieg. Wie wattiger Dunst umhüllte sie ihn, bis er sich wünschte, er könnte im Gegenzug auch nach ihr greifen. Wäre es ihm gelungen, hätte er sie an sich gedrückt wie ein kleines pelziges Tier.

Komm. Öffnen wir ein Fenster in seine Fantasie. Womöglich beschenkte sie ihn mit dem Bild flammenspeiender Dinosaurier, die das Schulgebäude zu Asche zerfallen ließen, denn seine Mundwinkel verbogen sich zu einem leichten Lächeln.

13. Mai, 09:46 Uhr

Gegenwart

Uahhh. Uääääähhh.«

Bens Tag begann mit einem Chorus angeekelter Geräusche. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass sie sich seiner eigenen Kehle entrangen. Eine weitere Sekunde verstrich, bis sein haferbreiiges Gehirn den Grund für seinen schläfrigen Missmut verstand.

Etwas Feuchtes, Kaltes, Widerliches kroch ihm in die Hose, vertrieb die Dunkelheit hinter seinen Augenlidern und pfefferte ihm unsanft die Realität um die Ohren.

Badewanne.

Er saß in der Badewanne, das untere Ende des Duschumhangs um sich gewickelt, die Wirbelsäule schmerzend wie eine Rolle Stacheldraht, die sich in seinen Muskeln verhakt hatte. Sein Nacken war so steif, dass er sicher bei der kleinsten Bewegung in winzige Scherben zerspringen würde. Und, meldete ihm sein Hirn erneut und diesmal um einiges ungehaltener, irgendetwas Feuchtes, Kaltes, Widerliches schlängelte sich als aufdringliches Sickern durch seine Pyjamahose.

Wasser?

Wasser.

Er war in der Badewanne!

»Kühnerhacke«, entfuhr ihm ein schlaftrunkenes Stammeln. Mit herkulischer Anstrengung wuchtete er seine Augenlider in die Höhe und riss seine von der Nacht verklebten Wimpern auseinander. Sie schienen ein leises, jämmerliches Ratsch von sich zu geben. Es war eindeutig viel zu früh. Auf wackligen Beinen stemmte er sich aus der Wanne, verfing sich mit dem Fuß in der feuchten Bettdecke, die noch immer an ihm klebte, und wurde innerhalb eines Sekundenbruchteils an die unglückliche Tatsache erinnert, dass Badewannen für gewöhnlich rutschig waren. Mit einem dumpfen Aufprall knallte Ben, selbsternannter Ermittler übernatürlicher Phänomene, auf den Hintern.

Wasser spritzte. Eine Quietscheente plumpste mit einem erstickten Quaken vom Badewannenrand.

»Arghh, mein Steißbein!« Er gab sich einen Moment, um zu jammern, dann rappelte er sich erneut auf. Dieses Mal um einiges vorsichtiger als zuvor und mit vor Verlegenheit lodernden Wangen und vermutlich ebenso knallrot leuchtendem Hintern.

Die morgendliche Stille schien kleine Blubberblasen zu schlagen, ganz, als ob ihn irgendjemand von weit weg auslachte. Mit drohender Gebärde hob er die tropfende Videokamera und schwang sie wie eine Waffe vor sich durch die Luft. »Wer ist da? Zeige dich! Ich weiß, dass du da bist. Ich habe Beweismaterial!«

Die Badezimmertür schwang einen Spalt auf, begleitet von einem gehässig wispernden Luftzug.

Ein überaus skeptisches Gesicht schob sich hindurch.

Einen Moment lang starrten sich Ben und Linus gegenseitig an – Ben triefend, rot und in eine nasse Decke gewickelt, Linus ausgeschlafen, perfekt frisiert und voller Bestürzung ob des Anblicks, der sich ihm auftat.

Die Wirklichkeit wählte diesen Moment, um sich zitternd anzuspannen und Ben wie ein losgelassenes Gummiband ins Gesicht zu schnäppern. Das Batteriefach der Kamera öffnete sich mit einem Klacken, ganz ohne sein Zutun. Gähnende Leere offenbarte sich in seinem Inneren. Die Batterien, die gestern Abend garantiert noch vorhanden gewesen waren, purzelten wie von einem unsichtbaren Finger angestoßen aus irgendeiner Falte von Bens Bettüberzugumhang. Mit zwei leisen Plöpp-Geräuschen fielen sie ins Wasser.

Betroffenes Schweigen.

»Als ich eingeschlafen bin, war die Kamera noch an«, brachte Ben hervor.

»Ah.« Das Geräusch entwich Linus mit makellos abgerundeter Vorsicht. Sein Blick wanderte zu der halb mit kaltem Wasser gefüllten Wanne, heftete sich an Bens durchnässten Schlafanzug und sein hummerfarbenes Gesicht. »Dann ist ja alles in Ordnung.«

Damit trat er den Rückzug an und schloss unendlich sanft die Tür.

Vielleicht hat es seine Vorteile, den Verstand zu verlieren, dachte Ben.

Doch dann tat sich ihm ein grauenvoller Anblick auf und das Grinsen taumelte von seinen Lippen wie ein betrunkener Nachtfalter. Es reichte nicht, dass ihm irgendwer mitten in der Nacht die Batterien aus der Kamera genommen und den Wasserhahn aufgedreht hatte.

Die Zahnpastatube lag geöffnet auf dem Waschbecken. Das Klebeband war fein säuberlich aufgewickelt worden und ruhte in Form einer kleinen, hübsch geschwungenen Spirale neben dem Deckel. Und das leere Batteriefach seiner Kamera gähnte ihm großmäulig entgegen. Sie hatte keine einzige Sekunde aufgezeichnet.

Ein Rückblick in eine Vergangenheit weit vor unserer Zeit, um eine zweite Geschichte zu Wort kommen zu lassen.

November 1697

»Wiedergänger sind heimtückische Biester, mein Junge.«

Das Sonnenlicht fädelte sich in Irrwegen durch die Hütte. Nur einzelne Strahlen, fein wie dünn gesponnener Flachs, drangen bis ins Innere des Raums vor. Dazwischen herrschte eine seltsame Fastdunkelheit, in der Staubkörnchen schwebten wie Dreckpartikel in trübem Wasser. Die kleinen Teilchen legten sich mit jedem Atemzug auf die Zunge und die Innenseite der Wangen, bis der ganze Mund sich ausgetrocknet und pergamenten anfühlte. Langsam fürchtete Levin, aus seiner Kehle würde bloß ein Knistern dringen, wenn er versuchte, zu sprechen. Die Luft zwischen den einzelnen Sonnenstrahlen kam ihm braun vor, braun und morastig. Trotz allem war er gern hier, denn die niedrige Hütte war vollgestopft mit dem Reiz des Verbotenen.

Er mochte die sorgfältig zurechtgeschnittenen Stücke aus dickem, rissigem Leder, die an den Fenstern angebracht waren. Sie hielten nicht nur die Kälte, sondern auch neugierige Blicke fern. Ja, er mochte sogar den beißenden Rauch, der nie so recht den Weg durch den Kamin ins Freie fand. In bauchigen Wolken quoll er über der Feuerstelle wie die Fürze eines dicken Mannes. Inmitten des Qualms hingen fettige Würste zum Räuchern. Die vielen Holzbalken bogen sich unter der Last des Alters und den speckigen Schichten aus Ruß und Staub. Wenn der Alte erst einmal gestorben wäre, würde niemand mehr in diesem Haus wohnen: Es würde zerfallen und zu einer Ruine werden, von der die Leute behaupten würden, es spuke in ihr. Bei dem Gedanken schüttelte ein erfreulicher kleiner Schauder Levins Schultern.

Schon jetzt erzählten sich die Leute alle möglichen Geschichten.

»Stimmt es?«, fragte er und schwang sich auf die Tischkante, um die Beine baumeln zu lassen. »Dass hier einst eine Schmiede stand, vor vielen, vielen Jahren?«

Der Alte stieß ihn unsanft mit seinem Gehstab an. Er schätzte es nicht, Levin auf dem Tisch sitzen zu sehen. Dein Arsch mag adlig sein, sagte er immer, aber ich will ihn trotzdem nicht in der Nähe meines Essens wissen.

Levin jedoch blieb hartnäckig sitzen. Sie verstanden sich im Grunde genommen gut, obwohl der Einsiedler ihm bei jedem Besuch die gleichen Fragen stellte (»Wie alt bist du inzwischen, Junge?« oder »Hast du mir diesmal ein Gastgeschenk mitgebracht?), ohne sich jemals die Antworten merken zu können (»elf« beziehungsweise »natürlich nicht, du verkalkter Trottel!«).

»Eine Schmiede«, beharrte Levin, »bis der Fluss umgeleitet wurde …«

… Und die Schmiede und das umliegende Dorf auf dem Trockenen lagen, sodass ein Haus nach dem anderen aufgegeben wurde. Bis nur noch dieses übrig war. Ganz allein, während der Wald über die Erinnerungen all der anderen Gebäude wucherte. Man sagte, wenn man unter alten Wurzelknollen grübe, könnte man noch Grundmauern ausmachen. Und manchmal, nahe der Wegkreuzung, erklang ein sehnsüchtiges Gemurmel, das keinen Körper besaß.

Jeder wusste, dass die Grenzen zwischen dem Hier und Jetzt überall da verschwammen, wo alte Pfade sich schnitten.

»Hast du mir überhaupt zugehört?«, herrschte der Alte ihn an und platzte damit in seine Gedanken. Vor dem Alten musste wohl ein anderer Alter in dem Haus gelebt haben, überlegte Levin, und vor ihm wieder ein anderer, und vor diesem ein weiterer, und auch vor diesem und vor dem davor: eine unendliche Spur aus Alten, die sich irgendwo in der Vergangenheit verlor. Er konnte sich nicht vorstellen, dass in diesem Haus jemals ein junger Mensch gewohnt hatte.

Und vielleicht war es deshalb ein verbotener Ort.

»Wiedergänger sind heimtückische Biester, mein Junge«, ratterte Levin mit gelangweilter Stimme herunter. »Geh runter vom Tisch. Heute habe ich einen neuen Auftrag für dich. Hast du mir überhaupt zugehört?«

Der Alte kniff die Augen zusammen. Dann schwebte ein dampfiges Lachen aus seinem dreizahnigen Mund. Es verfing sich in dem Gewirr aus Kräutersträußchen, das von der Decke baumelte. Der Junge meinte, die trockenen Blätter der Brennnesseln und Zitronenmelisse husten zu hören, als sich der Mundgeruch des Alten in ihnen verfing. Einen Greisenkiefer hatte er. Die Zähne waren ihm einer nach dem anderen ausgefallen und hatten Löcher hinterlassen, die sich nun mit Eiter füllten und heilten. Höchst faszinierend, fand Levin. Bald würde der Alte seine Räucherwürste nur noch mit dem Zahnfleisch kauen können.

»Du bist ein Klugscheißer«, knurrte er ihm zwischen zwei Lachern entgegen. »Wie immer.«

»Nein, Greis. Einfach nur klug.« Levin strich sich die rabenfarbenen Haarsträhnen aus der Stirn. »Wäre es anders, würdest du mich wohl kaum hier dulden, oder? Schließlich brauchst du einen schnellen Verstand auf ebenso flinken Beinen, der dir deinen mageren Lebensunterhalt verdient. Denke nicht, ich hätte mir das nicht längst zusammengereimt.« Das Glitzern in den Augen des Alten übersah er geflissentlich. »Seit ich dir im letzten Herbst begegnet bin, hast du mir immer gerade so viel beigebracht, wie ich wissen muss, um meine Aufgaben zu erfüllen. Nie auch nur ein Krümelchen mehr. Du willst mich nicht lehren, du willst lediglich, dass ich für dich in die Welt gehe und mich den Gefahren aussetze. Also, was war es, das du mir erzählen wolltest? Dass Wiedergänger hungrige, raffgierige Biester sind? Aufsitzer und Nachzehrer? Dass sie einem Streiche spielen, wo immer sie nur können? Die Sinne vernebeln und selbst den Erfahrensten zu täuschen wissen? Das war es doch, oder, Alter?«

Die Arbeit wurde schlecht bezahlt. Levin sah so gut wie keinen halben Scherf von dem Geld, das der Arzt dem Alten für jeden erfolgreichen Auftrag überreichte. Deswegen hatte sich der Tattergreis auch einen wie Levin ausgesucht. Ein adliger Junge benötigte keine Bezahlung. Er wollte lediglich aus der strengen Panzerung elterlicher Regeln ausbrechen und die Welt erforschen, von der er zuvor nur gelesen hatte.

Der Greis schien seine Gedanken zu erraten.

»Jeder Lehrbub muss sich das Vertrauen seines Meisters verdienen«, nuschelte er durch seine Zahnlücken. Oder eher durch die eine große Zahnlücke, die sein klaffender Mund bildete. »Bevor er …«

Levins Lachen schnitt ihm die Worte ab. Wie von einer Schere durchtrennt trieben die Silben einen Moment in der brackigen Luft. Dann wurden sie vom braunen Unlicht verschlungen und in die Tiefe gedrängt. Der Junge meinte, zu hören, wie sie auf dem Dielenboden aufkamen.

Er musste nicht laut aussprechen, dass allein der Gedanke, der Alte könnte je als sein Meister gelten, eine Unmöglichkeit war. Vielmehr war der Alte ihm untertan. Ein einziges Gespräch mit dem Gutsverwalter würde genügen, um ihn aus seiner Hütte vertreiben zu lassen. Und daraufhin würden die Mauern ihren schweigenden Nachbarn gleichgemacht, deren Fundamente unter dem Waldboden vor sich hinträumten.

»Du weißt«, erinnerte ihn der Alte. Mit einem knorrigen Zeigefinger tippte er sich gegen die Nase. All seine Finger sahen aus wie schiefe Bäume, die sich gegen den Wind stemmten. »Es ist verboten, dass …«

»Du weißt, es ist verboten, dass du hierherkommst, Junge«, vervollständigte Levin die unausgesprochene Mahnung. »Du kannst mir nicht drohen, Kleiner, denn du würdest niemals einer Menschenseele davon erzählen. Du stehst in Knechtschaft zu mir, denn du wirst von dem Durst nach Erfüllung angetrieben, und außer mir kann niemand die Antworten geben, nach denen du suchst. Ja ja, all diese Dinge hast du mir schon so oft erzählt, dass ich sie im Schlaf herunterbeten kann. Darf ich also darum bitten, dass du deinen unterwürfigen Lehrjungen endlich auf den nächsten Botengang schickst? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Draußen friert mein Pony und knabbert die paar Grashalme und Moospflanzen ab, die das Einzige sind, das deine gichtigen Hausmauern aufrecht hält.«

Der Alte schob sich kopfschüttelnd durch den Raum, die Hand bereits an dem klobigen Schlüssel, den er an einer Hanfschnur um den Hals trug.

»Ich war einmal wie du«, rumorte es in seiner schmalen Hühnerbrust. »Ja, genau wie du. Eines Tages wirst auch du sein wie ich, und ich hoffe, dass dich dann ein kleiner Scheißer genauso zur Weißglut treiben wird.«

Niemals, dachte Levin bei sich, während der Greis die große Eibenholztruhe neben der Feuerstelle aufschloss, niemals werde ich sein wie er. Niemals würde er so alt sein! Oder gar so arm, so bucklig, so vom Fieber geplagt, so langsam und hilflos. Dennoch, als er von der Tischplatte glitt und sich näherte, versuchte er, sich seine Überheblichkeit nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen wartete er, bis der Alte eins der glänzenden Gefäße aus der Truhe gezogen hatte. Das einzige, was in diesem Haushalt sauber blieb, waren diese Behälter aus schwerem Eisen. Wie Birnen sahen sie aus, unten bauchig, oben spitz zulaufend und mit einem Pfropfen aus weichem Holz versehen, mit welchem man den schmalen Hals verschließen konnte. Wenn man ein paar Tropfen Wasser auf das Holz goss, quoll es auf und versiegelte jede Öffnung. Wollte man ganz sicher gehen, konnte man zusätzlich etwas Harz oder Bienenwachs schmelzen und das Gefäß damit abdichten.

Levin nahm den Behälter entgegen. Er spürte, wie mitleidiger Spott in ihm aufköchelte. Der Alte kauerte neben der Truhe und sah furchtbar runzlig und warzig aus im Feuerschein. Das Leben hatte ihm all seine Zeit ausgesaugt, und die Zeit all sein Leben. Levin jedoch hatte genug Zeit für alle die Dinge, die der Alte nie haben würde – im Vergleich zu ihm war er unschlagbar und unsterblich. Er war wie das Eisengefäß: unbeugsam und aufnahmebereit, während der Alte dem Holz ähnelte. Bröcklig, nachgiebig und im Herzen bereits tot. Aber auch nützlich – man musste nur wissen, wie man mit ihm umzugehen hatte. Levin musste sich tüchtig beeilen, ihm sein Wissen zu entnehmen, bevor er wegstarb. Das wäre zu ärgerlich.

Kein Wort seiner Gedanken drang über seine Lippen. Stattdessen bedankte er sich, wenn auch mit einer Förmlichkeit, die in dem vor Schmutz starrenden Zimmer vollkommen fehl am Platz war. Dann hakte er das Gefäß an seinen Gürtel und sprang auf die Tür zu, in Richtung Sonnenlicht und reiner, blendender Luft.

»Junge«, krächzte ihm der Alte hinterher, »woran erinnern wir uns, wenn wir aufbrechen?«

Levin riss die Tür auf und brachte einen Schwung Welt in das kleine Haus. »Wiedergängern ist nicht zu trauen. Instinkte sind trügerisch. Vorsicht führt eine ruhige Hand. Es ist die lange Suche, nicht die eilige, die zu einem Ergebnis führt.« Er trat hinaus unter den freien Himmel und atmete das Abenteuer ein.

»Sehr gut«, lobte ihn der Greis. Noch immer saß er in seinen rauchigen Schatten wie ein dunkler Flusskrebs in seiner Grotte. »Und vergiss nicht …«

Aber Levin hatte die Tür bereits zugeschlagen.

14. Mai, 14:53

Gegenwart

Wahnsinn: 1, Ben: 0.

Langsam sahen die Dinge übel aus für jemanden, der ganz gern an seine geistige Zurechnungsfähigkeit glaubte (auf genau dieselbe Weise, wie man ganz gern an eine stabile Zukunft glaubt, in der man sich nicht in einem futuristischen Atomkrieg kämpfen sieht). Es fing an, ihm auf die Nerven zu gehen, wie ihm die Verrücktheit auf der Schulter saß und kicherte. Sie faselte ihm irgendetwas von Zahnpastadeckeln und fliegenden Briefbeschwerern ins Ohr.

Das Problem mit der Verrücktheit war jedoch nicht ihre ständige Präsenz. Nein, dachte Ben, als er die Rolltreppe zur Flughafen-Cafeteria hochruckelte, es war, dass er niemandem davon erzählen konnte.

»Ach, du bist gestern verrückt geworden? Nein! Was für ein Zufall. Ich auch! Erzähl doch mal!«, lautete ein Gespräch, das nie stattgefunden hatte. Wer hätte dafür schon Verständnis gezeigt? Er seufzte leise in sich hinein. Da war natürlich Tess, aber man wollte sich nicht unbedingt an seine große Schwester wenden, wenn man den Verstand verlor. Es hätte nur dazu beigetragen, dass auch noch das letzte Krümelchen mentaler Gesundheit im Nichts verpuffte. Tess war nicht unbedingt die beste Zuhörerin, sobald man Probleme hatte, die nicht mit einem kaputten Toaster oder einem defekten Lichtschalter zusammenhingen. Und selbst dann hätte sie einen dafür ausgelacht, dass man nicht einfach Reparaturen vornahm.

Linus kam auf keinen Fall in Frage. Nicht einmal Anka, die in – oh Gott! – fünf Minuten an ihrem Gate ankommen würde. (Ben erklomm den Rest der Treppe gleich viel eiliger.) Fabian stand zusätzlich zur Auswahl, der den Vorteil hatte, ein alter Schulfreund zu sein und Ben schon seit vielen Jahren gut zu kennen. Andererseits hatte er noch immer eine Vorliebe dafür, anderen Leuten Papierkugeln ins Ohr zu spucken. Darauf konnte Ben gern verzichten, während er seine geheimsten Sorgen offenbarte. Aber was war mit Mark, der ihn seit seinem ersten Ausbildungstag fünfeinhalbmal auf ein Bier eingeladen hatte, um verschiedene Flugzeugtypen zu diskutieren? Nein. Der Wahnsinn hatte keine Flügel. Sicherlich würde Mark sich nicht dafür interessieren.

Ben legte eine Vollbremsung vor einem der Stehcafés ein. Amélie, die dort arbeitete und die er dank vieler hastig geschlürfter Getränke gut kannte, schenkte ihm ein Grinsen, das bestimmt um einiges weniger strahlend gewesen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass er am Rand eines Abgrunds aus Idiotie entlangtaumelte. Er konnte einen Anflug von Schuldgefühlen nicht unterdrücken, als er zwei lauwarme Pappbecher und jeweils einen bröckligen Keks von ihr entgegennahm. Für einen Moment überrumpelte ihn der Gedanke, er könnte sie anstecken.

»Danke, Melli.«

»Nichts zu danken, Blümchen. Alles in Ordnung mit dir? Du siehst irgendwie froschfarben um die Nase aus. Ist dir schlecht?«

Es grenzte an seelische Grausamkeit, seinen Sohn Benjamin zu nennen. Seit er denken konnte, hatten die Leute ihm Dinge mit Elefantenmuster zum Geburtstag geschenkt. Und den dazu passenden Spitznamen wurde er auch nicht los. Aber er nickte nur fügsam und ließ ein aufmunterndes »Töröööh!« ertönen. Doch als er ihr eine Handvoll Kleingeld zuschob, achtete er darauf, dass sich ihre Fingerspitzen keine Sekunde berührten.

Er fühlte sich nicht besser, als Anka ihm fünfzehn Minuten später anstelle einer Begrüßung ein quietschiges »Mensch, du bist durchgeknallt!« entgegenschleuderte. Vor Schreck blieb er so abrupt in der Menge stehen, dass augenblicklich jemand mit vollem Karacho in seinen Rücken latschte. Um ihn herum bekriegte sich das Menschengewühl um jeden freien Zentimeter und drohte die Pappbecher in seinen Händen zu zerquetschen.

»Ich bin nicht durchgeknallt«, log er. Das hatte ja überzeugend geklungen.

»Natürlich bist du das!« Anka hüpfte aufgeregt auf und ab. Sie strahlte, sodass ihre mit Rouge gepimpten Wangen umso greller zu leuchten schienen. »Schau dich an, du hast ernsthaft fünf Euro für ein paar Milliliter Kaffee ausgegeben. Hab ich was verpasst? Haben wir plötzlich Geld? Boah, lass mich raten.« Anka entriss ihm nicht nur eines der Pappgefäße, sondern auch beide Kekse. Ben schnappte empört nach Luft. »Linus hat endlich bei einem seiner Tauchgänge das Schiffswrack mit der Schatztruhe im Rumpf entdeckt, von dem wir schon so lange träumen, stimmt’s?«

»Ja und in ihrem Inneren waren genau fünf Euro. Gerade genug für zwei Kaffee.« Er brachte seinen Becher vor dem gezielten Ellenbogenstoß eines vorbeihastenden Passagiers in Sicherheit, indem er ihn über seinen Kopf hielt. Es war keine gute Idee. Ein lauwarmes Platschen kollidierte mit seiner Stirn.

»Pass auf, der ist nicht ganz dicht!« Ein Moment der Hysterie verging, bis Ben begriff, dass Anka von seinem Kaffeebecher sprach und nicht von ihm selbst. Rasch wischte er sich über die Stirn und brachte das Getränk auf Mundhöhe, um einen beruhigenden Schluck zu nehmen. Der Geschmack von Flugzeugen und alten Koffern legte sich über seinen Gaumen. Unverkennbar Flughafenkaffee.

Gemeinsam drängelten sie sich Richtung Hauptausgang. Ankas Koffer hoppelte aufgekratzt hinter ihnen her. Die regenbogenpupsenden Einhörner, die darauf abgedruckt waren, schienen ein regelrechtes Ballett hinzulegen.

»Ist Linus eigentlich auf Exkursion?«, fragte sie hoffnungsvoll und holte Ben damit zurück in eine Realität, in der sich nicht alles um Zahnpasta drehte.

»Nein, erst nächsten Monat«, murrte er voller Bedauern.

Ein zweistimmiges Seufzen. Die Wochen, in denen Linus seine Zeit damit verbrachte, an irgendeiner weit entfernten Küste Algen zu sieben und mit Seeigeln zu schäkern, fühlten sich wie Urlaub an.

»Mistiger Mist.« Anka schleckte sich einen Kekskrümel vom Zeigefinger. »Eigentlich hatte ich gehofft, meine Haare färben zu können. Schau mal, die ollen Zotteln bleichen schon aus.« Sie hielt Ben eine schwimmbadfarbene Locke unter die Nase.

»Ich mag deine Haare«, erhob er Einspruch. »So, wie sie sind. Schwimmbäder erinnern mich an Sonnencreme, was offiziell der zweitbeste Geruch der Welt ist.«

»Zum letzten Mal, der zweitbeste Geruch der Welt ist Earl Grey und die Farbe heißt nicht Schwimmbad, sondern Electric Lagoon. Ich hab mir eine neue bestellt. Blueberry Midnight. Dunkelblau steht mir besser.« Sie stieß einen leisen Schrei der Verzweiflung aus. »Aber wenn Linus da ist, kann ich mir die Sache abschminken! Weißt du noch, wie er rumgemeckert hat, als ich mir eine Hautmaske mit Ruß gemischt habe?«

»Erinnerst du dich daran, wie er rumgemeckert hat, als ich mal ins Wohnzimmer gekommen bin und zu laut geatmet habe?« Endlich ergoss sich der Menschenstrom auf den asphaltierten Platz vor dem Flughafengebäude. Ben sog erleichtert die frische Luft ein.

Anka hakte sich bei ihm unter und warf ihm einen tadelnden Seitenblick zu. »Blümchen, habe ich da eben einen Atemzug gehört? Und dazu auch noch einen geräuschvollen? Sei bloß froh, dass ich gnädig und nicht zum Petzen aufgelegt bin.«

»Ach, sei still. Dich mag er genauso wenig. Ich bin mir zu einhunderttausend Prozent sicher, dass er dir nur deswegen erlaubt hat, in die WG einzuziehen, weil ihn dein Name an einen Anker erinnert. Und das, obwohl meine Schwester damals für dich ein gutes Wort eingelegt hat.«

»Außerdem hatte ich beim Vorstellungsgespräch Robbenohrringe an«, erinnerte Anka ihn. Hier draußen, wo die Flugzeuge Kondensationsstreifen in den Himmel malten, schmeckte selbst der Kofferkaffee nicht mehr so sehr nach Geldverschwendung. Ben fühlte sich plötzlich um einiges besser. So gut sogar, dass ihm der Einfall kam, es könne doch nicht allzu fatal sein, Anka ins Vertrauen zu ziehen. Die Wirkung von hirnlosem Rumgealbere war nicht zu unterschätzen.

»Jedenfalls, selbst wenn Linus nicht zu Hause wäre, solltest du das Badezimmer am besten fürs Erste meiden«, hörte sein Gehirn seinen Mund drauflosplaudern. »Unheimliche Dinge geschehen dort. Übernatürliche Dinge.«

Anka musterte ihn misstrauisch. »Was denn für Dinge? Die Luft fängt auf magische Weise zu stinken an, wenn jemand aufs Klo geht?«

»Nein. Na ja, das auch, aber es geht vielmehr um die Gegenstände in besagtem Badezimmer.« Jetzt musste er mit der Wahrheit herausrücken. »Manchmal verschieben sie sich. Und außerdem schreibt jemand mit dem Finger unanständige Wörter auf die Badezimmerspiegel. Wenn man eine Dusche nimmt und der Dasserwampf alles beschlägt, sieht man es.«

»Der was?«, platzte es mit einem Prusten aus Anka heraus, während sie ihn rabiat in Richtung Bushaltestelle zerrte.

»Der Wasserdampf! Du weißt, dass ich Wasserdampf gemeint habe.« Na toll. Jeder Hoffnungsschimmer auf ein ernsthaftes Gespräch verpuffte im Nichts.

»Dasserwampf gefällt mir aber besser. Bäh, bitte gib nie wieder unsere hart ersparten Piratenschätze für Kofferkaffee aus. Dieser hat ein kaum erträgliches Maß an Widerlichkeit erreicht.« Polternd zog sie ihren Einhornkoffer in den Gepäckraum des Shuttle-Busses, der sie in Richtung Wohnung bringen würde.

Erst als sie zwei Sitzplätze gefunden hatten, die nur geringfügig mit uralten Kaugummis verklebt waren, hatte Ben genug Mut gesammelt, um erneut mit der Badezimmergeschichte anzufangen.

»Zurück zu den unheimlichen Ereignissen«, beharrte er. »Sie beschränken sich nicht bloß auf Schimpfwörter auf dem Spiegel. Ich bin mir darüber hinaus sehr sicher, dass sich die Kakteensammlung in der Küche seit Neuestem von alleine gießt.«

»Na, das ist doch gut, oder?«, fragte Anka fröhlich. Mit einer Hand wühlte sie in den Untiefen ihrer Jackentasche herum und ließ eine Lawine aus Myriaden von Süßigkeitenverpackungen, Papiertaschentüchern, Labellos und Tampons auf den Sitz strömen. »Von uns kümmert sich eh keiner darum. Die Dinger überleben vielleicht in der Wüste, aber bestimmt nicht auf unserem Fensterbrett.«

»Und was, wenn ich dir sage, dass mein Schlafzimmerfenster die ganze Zeit auf- und zugeht?«, wagte Ben einen weiteren verzweifelten Versuch.

»Dann wird wenigstens mal gelüftet.«

»Und die Schimpfwörter?!«

»Stelle ich mir ziemlich lustig vor.«

Er hatte noch keine drei Sätze geäußert und war bereits dem Schicksal eines jeden Wahnsinnigen verfallen: er wurde einfach nicht ernst genommen. Ben beschloss, zu schmollen.

»Ist ja gut«, Anka tätschelte ihm mitleidig den Unterarm. »Wenn es dir so wichtig ist, befrage ich nachher die Tarotkarten oder lese aus dem Kaffeesatz.«

»Normale Leute sagen so etwas sarkastisch.«

»Normale Leute«, erinnerte ihn seine Mitbewohnerin und streckte die gepiercte Zunge heraus, »haben keine Angst vor Badezimmerspiegeln.«

Er musste zugeben, dass sie recht hatte.

Sobald sie angekommen waren und Ben die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, floh er in sein Zimmer, stets darauf bedacht, Linus mit keinem verdächtigen Geräusch darauf hinzuweisen, dass er zu Hause war. Er konnte keine klugscheißerischen Kommentare gebrauchen. Nicht jetzt. Nicht, wenn er vorhatte, das zu tun, von dem jedes Kind wusste, dass man es nie tun sollte, wenn man sich Sorgen um seine Gesundheit machte. Er würde das Internet um Rat fragen.

Was es ihm zur Antwort gab, war furchtbar.

Abgründe menschlicher Verunsicherung taten sich vor ihm auf. Die Antwort auf seine Frage lautete zum größten Teil Hirntumor, in einigen Fällen Schwangerschaft und seltener Asbestvergiftung.

Schließlich war es der Kommentar eines gewissen XxXMoppelhamsterXxX, der in Bens Gedächtnis haften blieb und ihn mit einer gewissen Erleichterung erfüllte: Meiner Meinung nach ist man erst total balla-balla, wenn man anfängt, Stimmen zu hören.

Anderthalb Tage lang war Ben froh, denn weder XxXMoppelhamsterXxX noch irgendeiner der anderen User hatte behauptet, man müsse sich wegen geöffneten Zahnpastatuben grämen. Siebenunddreißigeinhalb Stunden lang war das Leben gar nicht mehr so düster.

Und dann hörte er Stimmen.

Es war ein Abend, der nach Flieder roch.

Regel Nummer 5

Es ist von äußerster Wichtigkeit, bei jeder Vorgehensweise, ganz gleich wie riskant, stets Ruhe zu bewahren.

Auf der Straße vor dem Haus erklang das Geräusch von Sirenen, die sich rasch näherten und ebenso rasend schnell wieder verschwanden. Ihr ohrenbetäubendes Geheule fand seinen Weg durch das Fenster und hallte in den Träumen des Jungen wider. Sein Unterbewusstsein machte daraus Polizisten mit Sirenen auf den Köpfen, die sich in gigantischen Panzern die Straße entlangwälzten. Solche Geschütze musste man auffahren, um flammenspeienden Dinos auf den Leib zu rücken.

Im Schlaf schauderte er genüsslich. Polizisten machten ihm Angst, genau wie viele andere Dinge des alltäglichen Lebens. Aber das bedeutete nicht, dass er es nicht genießen konnte, dabei zuzusehen, wie Dinosaurier mit Panzern um sich warfen.

16. Mai, 21:43 Uhr

Gegenwart

Taucht man einen Pinsel in einen Tupfen Wasserfarbe und verteilt den Hauch von Bunt auf einem nassen Blatt Papier, entsteht ein Schleier, der so fein ist, dass er beinahe wie ein durchscheinendes Blütenblatt erscheint. Und wenn man die Farbschlieren ansieht, kommt es einem vor, als betrachte man sie durch feinen, schwebenden Nieselregen …

Merk dir diesen Gedanken.

Das Wohnzimmerfenster stand offen. Und das, obwohl die Sonne längst untergegangen war, die Luft langsam frisch wurde und nur noch ein blasser Vorhang von Rot über dem Horizont hing. Weit entfernt dröhnte ein Flugzeug durch den abendlichen Himmel und verschwand in der Weite. Der Fliederbusch vor dem Fenster ließ seine Äste in den kleinen Luftbrisen wippen, die wie unsichtbare Wellen gegen das Haus brandeten.

Auf einer dieser Brisen schwebte ich ins Zimmer.

Elegant trieb ich an den tiefseeblauen Vorhängen vorbei, setzte über die Bücherkommode hinweg und dümpelte einen Moment lang über der Sofalehne. Dann rollte ich mich zu einem kleinen Flüstern von Wind zusammen und wehte Ben direkt ins Ohr.

Du musst wissen, er lag in diesem Moment mit dem Gesicht nach unten zwischen den Sofakissen und dämmerte irgendwo zwischen Schlaf und Wachsein herum. Eine Situation, die dringend geändert werden musste. Er sah viel zu friedlich aus für meinen Geschmack, langweilig mit sich im Reinen und nervtötend entspannt.

Zugegeben, ich war nicht allerbester Laune an diesem Abend. Den gesamten Tag hatte ich mich draußen im Fliederbusch herumgedrückt und versucht, einen Plan zu schmieden. Ich konnte es meinem menschlichen Mitbewohner wirklich nicht länger durchgehen lassen, dass er all meine Annäherungsversuche ignorierte. Selbst die amüsantesten Mittel, die ich anwandte, schienen ihn lediglich mit Entsetzen zu erfüllen. Wenn ich mit dem Finger witzige Beleidigungen auf Fensterscheiben oder Spiegel schrieb, wischte er sie einfach weg.

»Was bin ich doch für ein Schussel«, sagte er, wann auch immer ich seinen Papierkram wie einen wilden Schneesturm durch die ganze Wohnung wirbeln ließ. Ungerührt bückte er sich und sammelte alles fein säuberlich wieder auf. Sogar, wenn ich das Klopapier aus der Halterung zog und damit eine Spur aus flauschigem Weiß über den Boden legte, rollte er es ohne mit der Wimper zu zucken auf und verstaute es an seinem Platz.

Kurz gesagt: seit der Sache mit der Zahnpasta musste er beschlossen haben, meine Existenz mit beinahe bewundernswerter Hingabe zu ignorieren. Er schien dem Irrglauben erlegen zu sein, dass das, was man nicht sah, unmöglich wahr sein konnte.

Das würde jetzt ein Ende haben.

Ich hätte gelächelt, wäre ich in diesem Moment nicht ein körperloser Lufthauch gewesen. Gemütlich rollte ich mich in Bens Ohrmuschel ein und sah mich anerkennend in meiner Umgebung um. Es war wirklich erstaunlich sauber hier.

Innerlich ließ ich die nicht vorhandenen Fingerknöchel knacken und machte einige Stimmübungen, bis ich mir sicher war, dass ich perfekt auf meinen Auftritt vorbereitet war.

Dann räusperte ich mich leise.

»Buh«, flüsterte ich.

Während der halben Sekunde, in der Ben mit einem gedämpften Aufschrei in die Höhe fuhr, sich zur Seite warf und mit einem spektakulären Poltern vom Sofa rollte, stellte sein Gehirn folgende Überlegungen an:

Na schön, also hörte er eben Stimmen.

Oh Gott! Er hörte Stimmen!

Das war ja nicht gerade der Inbegriff der Normalität.

Genau genommen war es, schenkte man dem Internet Glauben – was natürlich nicht immer die beste Vorgehensweise war, doch er war verzweifelt – der sichere Eintrittsschein für die Gummizelle.

Bestimmt lag aber eine nicht unbedeutende Kluft zwischen harmlosen akustischen Halluzinationen und der Sorte Verrücktheit, die einen dazu antrieb, sich mit hocherhobener Motorsäge auf den Weg zu machen, um sich eine Scheibe von seinen weitaus weniger wahnsinnigen Bekannten abzuschneiden.

Oder den ein oder anderen Arm.

Jetzt dachte er auch noch darüber nach, unschuldige Menschen zu zerhackstückeln! Vielleicht hatte er wirklich den Verstand verloren.

Autsch. Die Kante des Couchtischs vertrug sich nicht sonderlich gut mit seinem Schädel.

Keiner dieser Gedankengänge war in seiner momentanen Situation besonders beruhigend. In blinder Flucht rappelte er sich auf die Füße und füllte seine Lungen mit der Luft, die er zum Brüllen brauchte. »Linus! Anka! Kommt schon, das ist nicht witzig!«

Seine Stimme verhallte wie das entfernte Donnergrollen des Wahns. Die Wohnung war still und leer. Keine Menschenseele regte sich. Natürlich! Die Meeresbiologenparty, zu der Linus aus irgendeinem unverständlichen Grund eingeladen worden war! Und Ankas Haarfärbeversuche, die sie gemeinsam mit einer Freundin live-tweeten wollte! Er war ganz alleine. Alleine in einem verlassenen Wohnzimmer, das ihm soeben »Buh« ins Ohr geflüstert hatte.

Nun hieß es besonnen und mit taktischem Geschick vorzugehen. Er rieb sich nachdenklich das Kinn und ließ seinen Blick durch den Raum streichen. Einen Herzschlag später nahm er die Beine unter die Arme und fetzte in die Küche, schlingerte auf sockigen Füßen über den Fliesenboden und riss die Schublade auf, in die alles gestopft wurde, das nirgendwo sonst einen Platz fand, an den man es stopfen konnte. Gurkenschäler. Bananenschneider. Frühstücksei-Köpfer. Eine uralte Packung Duftbäume, ein Austernmesser, zwölf Feuchttücher mit Lychee-Duft, ein Ultraschall-Brillenputzgerät, mehrere ineinander verkantete Mini-Auflaufformen … Ah! Sein hektisches Wühlen stellte sich als nützlich heraus, als sich seine Finger um etwas schlossen, das sich als Waffe halbwegs eignen würde. Keuchend, mit weit aufgerissenen Augen und eine schmierige Grillzange schwingend, stürzte Ben zurück ins Wohnzimmer.

Was er sah, verschlug ihm den Atem. Es war der furchtbarste, höllischste Anblick, der sich einem auftun konnte, wenn man eine fremde Stimme hörte.

Da war nichts. Nur absolute Stille.