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Die Sklaverei trug zur Finanzierung der industriellen Revolution in England bei. Plantagenbesitzer, Schiffsbauer und Kaufleute, die mit dem Sklavenhandel in Verbindung standen, häuften ein riesiges Vermögen an, das die Banken und die Schwerindustrie in Europa begründete und die Ausbreitung des Kapitalismus weltweit ermöglichte. Eric Williams vertrat in seinem 1944 erschienenen Buch Capitalism and Slavery (Kapitalismus und Sklaverei) diesen weitreichenden Ansatz. Seiner Zeit um Jahre voraus, wurde seine tiefgreifende Kritik zur Grundlage für Studien über den Imperialismus und die wirtschaftliche Entwicklung. Williams‘ Studie über die Rolle der Sklaverei bei der Finanzierung der Industriellen Revolution widerlegte die traditionellen Vorstellungen von wirtschaftlichem und moralischem Fortschritt der entwickelten kapitalistischen Nationen und zeigte die zentrale Bedeutung des afrikanischen Sklavenhandels für die wirtschaftliche Entwicklung Europas auf. Indem er die wirtschaftliche Ausbeutung durch das Handelskapital als Ursache rassistischer Einstellungen feststellte, trug Williams zu einem grundlegenden Verständnis von Ausbeutung und Unterdrückung bei. Achtzig Jahre nach dem Erscheinen in den USA legt der Manifest Verlag erstmals eine deutsche Übersetzung dieses unverzichtbaren Werkes vor. Für die Übertragung ins Deutsche hat der Verlag wieder Andreas Brandl gewinnen können, der bereits im letzten Jahr an der Herausgabe von Walter Rodneys „Wie Europa Afrika Unterentwickelte“ arbeitete.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Eric Williams – stets brillant und oft undurchschaubar – war nicht nur der erste Premierminister von Trinidad und Tobago nach Erreichen der Unabhängigkeit, sondern auch ein in Oxford ausgebildeter Historiker. Williams, dessen Augen immer hinter dunklen Brillengläsern versteckt waren und in dessen rechtem Ohr stets ein auffälliges Hörgerät steckte, gab ein abschreckendes Bild ab, das über sein oft spielerisches und humorvolles Gemüt hinwegtäuschte.
Als brennender trinidader Nationalist begegnete Williams seinen Mitbürger*innen sowohl mit tiefer Zuneigung als auch mit Arroganz. Er trug seine Forschung bewusst in die Öffentlichkeit, indem er in den Jahren unmittelbar vor der Unabhängigkeit (1955–62) auf einem Platz im Zentrum der Hauptstadt Port of Spain Vorlesungen hielt. Seine Reden trugen dazu bei, dass der Platz allgemein als die »Universität am Woodford Square« bekannt ist. Eric Williams war der Lehrer und seine Zuhörerschaft erhielt eine vollständige Lektion in trinidader, karibischer und transatlantischer Geschichte, insbesondere hinsichtlich des Sklavenhandels, der Sklaverei und dem europäischen Kolonialismus.
Am 15. Januar 1956 startete Eric Williams am Woodford Square das People‘s National Movement (PNM), die politische Partei, die von diesem Tag an für ein Vierteljahrhundert die Führung übernehmen sollte. Woodford Square, benannt nach Sir Ralph James Woodford, dem brutalen, rassistischen Kolonialgouverneur aus dem 19. Jahrhundert, war ironischerweise auch der Ort, an dem sich die Architekt*innen von Trinidads Black Power Bewegung der 1970er–Jahre versammelten und sich direkt gegen Eric Williams aussprachen. Während dieser Phase von Williams Führung sah er sich mit dem widersprüchlichen Status konfrontiert, das Haupt eines vorwiegend schwarzen Landes zu sein, in dem der Black Power Aktivismus die nationale Bühne betrat. Dieser Widerspruch wurde niemals ganz aufgelöst. Bei seinem Tod im Jahr 1981, in dem er immer noch Premierminister des Landes war, gab es einen kurzen Versuch, den Platz nach ihm zu benennen.
Williams' mannigfaltige Talente umfassten intellektuelle Stringenz, politischen Scharfsinn und hervorragende sportliche Leistung. Er war der Spitzenschüler an seiner High School, dem Queen‘s Royal College, und erhielt ein Inselstipendium, das es ihm erlaubte, die Oxford University in Großbritannien zu besuchen. Eine Verletzung, die er sich zuzog, als er für das Royal College Fußball spielte, war wahrscheinlich der Grund für seine Taubheit auf dem rechten Ohr. Williams war Berichten zufolge nicht der beste Teamplayer. Er versuchte stets, in Ballbesitz zu bleiben und selbst Tore zu schießen, anstatt den Ball einem seiner Mitspieler zuzupassen. Trotzdem war er so erfolgreich, dass er das Queen‘s Royal College zur Inselmeisterschaft führte. Seine persönliche Unabhängigkeit auf dem Fußballfeld deutete seine späteren Neigungen als Oberhaupt von Trinidad und Tobago nach der Unabhängigkeitserklärung an.
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In einer Rede vom 15. Juni 1955 auf dem Woodford Square, vor der offiziellen Gründung des PNM, verkündete Eric Williams in Abwandlung der Worte Booker T. Washingtons, er würde seinen »Eimer dort niederlassen, wo ich stehe, genau hier mit euch auf den Britischen Westindischen Inseln.«1 Williams war entschlossen, in seiner Heimat zu bleiben und seinem Land zu dienen. Seine Entscheidung, nach Trinidad und Tobago zurückzukehren und sich ohne zu zögern in das politische Geschehen zu stürzen, mag ihre Wurzel in seiner Berufung in die Angloamerikanische Karibikkommission im Jahr 1944 gehabt haben.
Was vielleicht noch bedeutender ist: 1944 war auch das Jahr in dem die University of North Carolina Press Eric Williams kühn–revisionistisches und einflussreiches Werk »Kapitalismus und Sklaverei« veröffentlichte. Bevor er auf die Westindischen Inseln zurückkehrte, hatte Williams bei sechs verschiedenen britischen Verlagen vergeblich versucht, seine Dissertation an der Oxford University aus dem Jahr 1938 zu veröffentlichen; auch erhielt er an keiner der britischen Universitäten eine Dozentenstelle. Diese Hürden existierten, obwohl Williams seinen Hochschulabschluss mit Auszeichnung bestanden hatte, obwohl er seine Dissertation erfolgreich vor einem Komitee aus Oxfords renommiertesten Kolonialhistorikern verteidigt hatte und obwohl er als einer der besten Doktoranden Oxfords in der Geschichte gilt.
Eine gewisse Hilfe kam von der westlichen Seite des Atlantik. Nicht nur waren amerikanische Wissenschaftsrezensent*innen weitaus begeisterter von seiner Dissertation als Buchprojekt, Williams erhielt auch eine Stelle als Professor für Sozial– und Politikwissenschaft an der Howard University. Diese Stelle behielt er von 1938 bis 1948, auch wenn er in den letzten Jahren seiner Anstellung immer öfter auf den Westindischen Inseln war anstatt auf dem Campus.
Williams beschrieb die Howard University – wenn auch etwas spöttisch – als »Schwarzes Oxford.« Die Howard University sei ein Ort, klagte er, an dem die »Kurse nach wie vor von der vorgefassten Grundannahme beherrscht sind, die Zivilisation sei das Produkt der weißen Rasse der westlichen Welt.« Nichtsdestotrotz bot das Amerika der Jim–Crow–Gesetze hinter den Mauern der Segregation Raum für die Veröffentlichung eines provokanten Werkes und die Möglichkeit, an einer herausragenden Bildungsanstalt zu unterrichten.
Auch der Weg von Williams' Dissertation mit dem etwas sperrigen Namen »Der ökonomische Aspekt der Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei der Westindischen Inseln« hin zur prägnanten Akkuratesse von »Kapitalismus und Sklaverei« war kompliziert. Während »Der ökonomische Aspekt« Momente von Williams' Scharfsinn und charakteristischem Witz und Sarkasmus enthielt, finden wir in »Kapitalismus und Sklaverei« – nun nicht mehr an Oxfords Promotionsanforderungen gebunden – den gesamten Geist seines rhetorischen Stils entfesselt. Was den Inhalt betrifft, finden sich nun auch zwei Hypothesen im Buch, die in der Dissertation fehlten.
»Der ökonomische Aspekt« argumentierte detailliert und evidenzbasiert, dass die britische Abschaffung des Sklavenhandels auf den Westindischen Inseln – und schließlich die britische Sklavenbefreiung auf den Westindischen Inseln – eine Sache kalkulierten wirtschaftlichen und strategischen Eigeninteresses des britischen Staatsapparates war. Deswegen stellte sich Williams gegen die Lehrmeinung, die den Grund für die Abschaffung des Sklavenhandels und für die Sklavenbefreiung in erster Linie in einem moralischen Wandel sah – in einem mitreißenden Gefühl nationaler Humanität. Damit stellte er sich auch gegen einige Mitglieder seines eigenen Dissertationskomitees, vor allem gegen Reginald Coupland und Vincent Harlow.
Seine Dissertationsverteidigung hätte ihrer Prüfung wohl standgehalten, wenn Williams dem heftigen Drängen Harlows nachgegeben und der humanitären Erklärung eine Rolle in der Sklavenbefreiung zugestanden hätte. Er argumentierte aber stets, dass die Abschaffung des Handels mit Afrikaner*innen, den er vollumfänglich als eine Sache britischen Eigeninteresses behandelte, die Bedingungen dafür schuf, dass der humanitäre Standpunkt in Bezug auf die Emanzipation größeren Einfluss ausüben konnte.
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Zusätzlich zu der These über die Abolition2, die in Williams Dissertation eine Vorrangstellung einnimmt, tauchen in Kapitalismus und Sklaverei noch zwei weitere Thesen auf. Eine davon erscheint nur kurz im allerersten Kapitel, aber diese Kürze verringert nicht ihre Bedeutung. Williams argumentiert hier, dass es die Sklaverei war, die den Rassismus hervorbrachte, nicht andersherum. Für Williams ist Rassismus demnach eine Ideologie, die aufkam, um eine wirkungsvolle Rechtfertigung für ein vollkommen unmoralisches, aber wirtschaftlich lukratives Verhalten zu liefern.
Die neuere Forschung, insbesondere die Arbeit des verstorbenen Cedric Robinson, scheint Williams Position anzufechten. In seiner Analyse des »racial capitalism«3 argumentiert Robinson, dass der Rassismus – die Praxis, »die Anderen« für von Natur aus minderwertig zu erklären und zu behaupten, dass sie ihre Unterwerfung verdient hätten – älter ist als der transatlantische Sklavenhandel und die Sklaverei in Amerika. Er verweist auf die vorhergehende Rassifizierung einiger europäischer Gruppen durch andere als festen Bestandteil der gruppenbezogenen Ausbeutung und des Kolonialismus innerhalb Europas.
Aber das geht an der Sache vorbei; Williams lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Ursprünge des Rassismus gegen Schwarze, nicht auf die Ursprünge des Rassismus allgemein. Er behauptet, dass der Beginn der weißen Vorherrschaft eine materielle Basis hatte.
Die dritte These, die in »Kapitalismus und Sklaverei« über weite Strecken eine große Rolle einnimmt, ist das Argument, dass der afrikanische Sklavenhandel und die Sklaverei in der Karibik die industrielle Entwicklung in Großbritannien befeuerte und die Sklaverei die Grundlage für den britischen Kapitalismus bildete. Williams argumentiert, dass, während der Sklavenhandel und die Sklaverei während des größten Teils des 18. Jahrhunderts für die Entwicklung der britischen Wirtschaft entscheidend waren, ihre Bedeutung schwand, nachdem das Projekt der »Manufakturperiode« erst einmal abgeschlossen war.
Als Williams später Premierminister wurde, machte man ihm gelegentlich den Vorwurf, er sei ein Marxist. Der Vorwurf dürfte eher eine Reaktion auf einige von ihm getroffene politische Entscheidungen gewesen sein, die manche als »sozialistisch« betrachtet haben könnten und kein Resultat, einer vergleichenden Lektüre von »Kapitalismus und Sklaverei« und Marx »Kapital.«
Nichtsdestotrotz drückte Marx sich im 24. Kapitel des ersten Bandes von »Das Kapital« sehr deutlich aus, als er die Sklaverei in der »Neuen Welt« als wesentlichen Pfeiler des Aufstiegs der britischen Industrie bezeichnete. Marx' Kommentar, dass »die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei sans phrase (ohne Hülle) in der Neuen Welt«4 benötigte, entspricht voll und ganz der dritten These in »Kapitalismus und Sklaverei.«
Es darf bezweifelt werden, dass Williams dritte These aus einer direkten Marx–Lektüre erwuchs. Wahrscheinlicher ist, dass, falls sich der Einfluss von Marx in »Kapitalismus und Sklaverei« überhaupt finden lässt, er indirekt von Williams Kontakt mit wirtschaftsgeschichtlicher Forschung an der Howard University herrührt, insbesondere mit dem Ökonomen Abram Harris.
Harris nahm Williams Analyse des Verhältnisses zwischen der Sklaverei in Amerika und der britischen Industrie in der folgenden bedeutenden Passage seiner 1936 erschienenen Arbeit »Der Schwarze als Kapitalist« vorweg:
»Zur Erschließung des Landes und der Rohstoffe der Neuen Welt griff man zur Arbeitskräftebeschaffung zuerst auf die indigene Bevölkerung und dann auf Weiße zurück. Aber schließlich griff man vor allen anderen zu Schwarzen aus Afrika und betrachtete sie als die so gut wie niemals versiegende Quelle billiger und gefügiger Arbeitskraft. Afrika versorgte die Westliche Welt nicht nur mit Arbeitskräften, sondern auch mit einem Großteil des Goldes, das für die Geldwirtschaft der westeuropäischen Nationen notwendig war. Kurz gesagt: Der Import afrikanischer Arbeitskräfte auf die Britischen Westindischen Inseln und sowohl die Profite, die aus dem Handel mit diesen Arbeitskräften und den von ihnen produzierten Gütern angehäuft wurden, als auch die Ausbeutung der Goldvorkommen des afrikanischen Kontinents im 15. und 16. Jahrhundert, waren entscheidend für die Akkumulation des Kapitals, auf dessen Grundlage im 18. Jahrhundert das englische Industriesystem errichtet wurde. In ähnlicher Weise waren die Profite, die in Neuengland mit dem Sklavenhandel erwirtschaftet wurden, ein wichtiger Faktor beim Wachstum der Schifffahrtsindustrie und gleichzeitig auch eine Quelle zusätzlichen Reichtums für die amerikanische Industrialisierung.«5
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Der Widerstand gegen die erste und die dritte These von »Kapitalismus und Sklaverei«, den die Gelehrten innerhalb des Elfenbeinturms leisteten, um ihre verklärte Geschichte vom Aufstieg der britischen Industrie und des Kapitalismus aufrechtzuerhalten, war beträchtlich. Nach der Veröffentlichung kam die in »Kapitalismus und Sklaverei« vertretene Abolitionsthese unter anhaltende Kritik von Historiker*innen, die hartnäckig für die Humanitätstheorie eintraten; es gelang ihnen aber nie, die Bedeutung anzufechten, die Williams dem britischen Versuch zuschreibt, Saint Domingue (das heutige Haiti) zurückzuerobern, nachdem die Versklavten sich von den Franzosen befreit hatten.
Wenn der britische Staat wirklich die Absicht hatte, den Sklavenhandel zu beenden, warum hätte er dann Saint Domingue in seinen imperialen Einflussbereich ziehen wollen? Wie William bemerkt, konnte William Pitt, der britische Premierminister, »Saint Domingue oder die Abschaffung der Sklaverei nicht beides haben. Ohne den Import von 40.000 Sklav*innen pro Jahr hätte Saint Domingue ebensogut am Meeresgrund liegen können.«6 Die Eroberung Saint Domingues und die Wiederherstellung seiner vielgerühmten, auf Sklavenarbeit basierenden Zuckerindustrie, hätte notwendigerweise zu einer Fortführung des Sklavenhandels geführt. Als die vormals Versklavten die Briten also besiegten, verlor der Sklavenhandel für das Empire sofort jeglichen Wert.
Eine Zurückweisung der dritten These – die enge Verbindung zwischen Sklaverei und britischer Industrie – wurde zum Teil konstruiert, indem man sich auf das Argument berief, dass man das Argument der »kleinen Verhältnisse« nennen könnte. Der Ökonom Stanley Engerman äffte bekanntermaßen ein Argument nach, das sein Kollege, Robert Fogel, anführte, um die Bedeutung der Eisenbahn in der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung kleinzureden. Engerman stellte Schätzungen des Verhältnisses der Profite aus dem Sklavenhandel zum britischen Bruttoinlandsprodukt im späten 18. Jahrhundert an und schloss daraus, dass der Anteil dieses Sektors zu klein war, um ihm eine große Bedeutung für die Industrialisierung beizumessen.
Selbstverständlich muss jedes Verhältnis der Profite eines einzelnen Wirtschaftssektors zum gesamten Bruttoinlandsprodukt absolut gesehen klein ausfallen. Barbara Solow zeigte, dass die Profite aus dem Sklavenhandel im Vergleich zu ähnlichen Verhältnissen, die in der Art Engermans für andere Sektoren zur damaligen Zeit berechnet wurden, einen gewaltigen Anteil des britischen Bruttoinlandsprodukts ausmachten. Wichtiger noch: Engermans Taktik der kleinen Verhältnisse berücksichtigt die strukturelle Bedeutung nicht, die der Sklavenhandel hinsichtlich seiner Rückwärts– und Vorwärtsintegration und seiner Multiplikatoreffekte für die Wirtschaftsleistung besaß.
Im 18. Jahrhundert waren sich die Merkantilisten Joshua Gee und Malachy Postlethwayt über die Bedeutung des Sklavenhandels und des Systems der Sklavenplantagen für die britische Produktion im Klaren. Der Sklavenhandel und die Sklaverei wirkten zurück auf den Schiffbau und die Schifffahrt, auf die Eisenindustrie, die die Fußeisen herstellte, mit denen die Sklav*innen auf den Schiffen gefesselt wurden und auf die Schußwaffen, Geräte und die Rumerzeugnisse, die man an der afrikanischen Küste gegen Menschen eintauschte. Der Sklavenhandel und die Sklaverei wirkten auch auf die Sektoren der britischen Industrie, die – in Gees Worten – »tragbare Geräte, Haushaltsartikel und andere, für die Arbeit auf den Plantagen notwendige, Dinge« bereitstellten. Der Sklavenhandel und die Sklaverei wirkten nach vorne auf die Produktion von durch Sklavenarbeit gewonnenen Rohstoffen, die für die Produktion von Melasse und Rum (Zucker), Rauchwerk (Tabak), Farbstoffen (Indigo) und Kleidung (Baumwolle) notwendig waren. Engermans Fokussierung auf kleine Verhältnisse berücksichtigt dieses Netz an Zusammenhängen nicht, das das hervorbrachte, was Marx als einen »Treibhauseffekt«7 für die britische Wirtschaft bezeichnete.
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Die Opposition gegen Williams Analyse geht über eine rein intellektuelle Skepsis seitens seiner Kritiker*innen hinaus. Auf dem Spiel steht die Herrschaft über das Narrativ des britischen und amerikanisch–europäischen Wirtschaftstriumphalismus. Carter G. Woodson, der Gründer der Association of African American Life and History und einer der ersten amerikanischen Wissenschaftler der afrikanischen Diaspora, bemerkte 1945 in einer Rezension von Williams Buch in einer Zeitschrift über Schwarze Geschichte, wessen Ochse es war, der durch die Botschaft von »Kapitalismus und Sklaverei« zur Schlachtbank geführt wurde. »Dieses Werk«, schrieb er, »dürfte einen starken Eindruck auf diejenigen machen, die heute das britische Weltreich wegen seiner Politik, sich jeden Teil des Universums unter den Nagel zu reißen, für dessen Aneignung es einen Vorwand finden kann, angreifen. Die Übel des britischen Systems sind immens und sollten überall bekämpft werden, wo sich eine Gelegenheit dazu bietet.«
Woodson sah »Kapitalismus und Sklaverei« als ein akademisches Werk, das als Knüppel gegen den britischen Imperialismus dienen könnte. Heute kann »Kapitalismus und Sklaverei« uns als eine akademische Inspiration dienen, um Bewegungen zu vergrößern, die sich für die Wiedergutmachung der Schäden einsetzen, die die Sklaverei auf dem amerikanischen Kontinent angerichtet hat.
Im November 2019 rief Gaston Browne, der Premierminister Antiguas und Barbudas, die Harvard University dazu auf, Entschädigungszahlungen an das Commonwealth zu leisten. Im Jahr 1815 erhielt Harvard eine Spende von Isaac Royall Jr., dem Besitzer einer Sklavenplantage in Antigua, zur Einrichtung der ersten Stiftungsprofessur der Harvard Law School. Antigua findet in »Kapitalismus und Sklaverei« immer wieder Erwähnung als eine der Zuckerinseln, deren Produktion auf die Arbeitskraft schwarzer Sklav*innen angewiesen war.
Im Juli 2020 schrieb der Rapper T. I. (Joseph Harris Jr.) einen Brief an Lloyds of London, den Versicherungsriesen, und verlangte eine finanzielle Entschädigung für dessen Versicherung von Sklav*innen und Sklavenhandelsfahrten im 18. und 19. Jahrhundert. Lloyd spielt im 5. Kapitel von »Kapitalismus und Sklaverei«, in dem Williams britische Unternehmen behandelt, die direkt vom Sklavenhandel und der Sklaverei profitiert haben, eine bedeutende Rolle. Es ist unklar, ob T. I. aus Williams Buch von Lloyds erfahren hatte oder warum er sich dazu entschieden hat, sich in seinem Brief mit der Forderung nach Entschädigung ausgerechnet an Lloyds zu wenden.
Beide Forderungen haben ihre Berechtigung, sind aber deplatziert. Die Sklaverei in Antigua war Teil des britischen Kolonialsystems; »Kapitalismus und Sklaverei« legt nahe, dass die Forderungen des Premierministers nach Reparationen an die Britische Regierung gerichtet werden sollten. Und warum fordert ein amerikanischer Rapper Entschädigung von einer Londoner Versicherungsgesellschaft, deren enge geschäftliche Verbindungen mit dem Sklavenhandel und der Sklaverei sich in erster Linie um britische Unternehmungen drehten? Schließlich gibt es Firmen wie Aetna und New York – amerikanische Firmen, die Sklavenhändler und Sklavenhalter in den Vereinigten Staaten versicherten –, aber auf diese richtete T. I. seinen Blick nicht. Letztlich trägt in diesem Fall die US–Regierung die Verantwortung, wenn Organisationen, die unter ihrer Rechtsaufsicht stehen, im Sklavenhandel und an der Sklaverei beteiligt waren.
Wie dem auch sein: Eric Williams Untersuchung benennt viele der Schuldigen und die Verbrechen, die sie beim Aufbau des britischen und globalen Kapitalismus begingen. Das Wachstum des britischen Industriesektors ist mit der Sklaverei und dem Sklavenhandel untrennbar verbunden. Keine Heuchelei kann oder sollte diese Geschichte von ihren Gräueltaten reinwaschen.
»Kapitalismus und Sklaverei« lässt uns in die Abgründe dieser Geschichte hinab blicken und drängt uns dazu, von den maßgeblichen Schuldigen Wiedergutmachung zu fordern.
William A. Darity Jr. Duke University 19. September 2020
Nach einem Ausspruch von Booker T. Washington, den er im Jahr 1895 tätigte (»Cast down your bucket where you are«), mit dem er sein Publikum aufforderte, dort für Veränderung einzutreten, wo sich sich gerade befanden, statt an einen Ort zu wechseln.↩︎
Abolition (Abschaffung) erst des Handels mit Sklav*innen und dann der Sklaverei selbst. Unter Abolitionismus versteht man die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, Abolitionist*innen sind die Anhänger*innen dieser Bewegung.↩︎
Zu Deutsch soviel wie »rassifizierter Kapitalismus«↩︎
Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. In: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Marx–Engels–Werke. Band 23. Dietz Berlin, 1962. S. 787. (weiter als: Kapital. Band I)↩︎
Harris, Abram L.: The Negro as Capitalist. A Study of Banking and Business among American Negroes. Negro University Press New York, 1969. S. 1.↩︎
S. 202.↩︎
Marx, Karl: Kapital. Band I. S. 779.↩︎
Die vorliegende Studie ist ein Versuch, die Beziehung zwischen dem frühen Kapitalismus – am Beispiel Großbritanniens – und dem Sklavenhandel mit Schwarzen, der schwarzen Sklaverei und dem Kolonialhandel des 17. und 18. Jahrhunderts im Allgemeinen in einen historischen Kontext zu stellen. Jedes Zeitalter schreibt die Geschichte neu, aber auf das unsere, das durch die Ereignisse gezwungen ist, seine Vorstellungen von Geschichte, Ökonomie und politischer Entwicklung neu zu bewerten, trifft dies ganz besonders zu. Der Fortschritt der Industriellen Revolution wurde – mal mehr, mal weniger angemessen – schon in vielen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Büchern behandelt und ihre Lehren sind in den Köpfen der gebildeten Klasse im Allgemeinen und besonders in den Köpfen derjenigen, die eine tragende Rolle in der öffentlichen Willensbildung spielen, fest verankert. Andererseits sind – obwohl viel Material zusammengetragen und viele Bücher über die Zeit vor der Industriellen Revolution geschrieben wurden – die weltumspannende und wechselseitige Natur des Handels in dieser Periode, seine Auswirkung auf die Entwicklung der Industriellen Revolution und sein Erbe, das er der heutigen Zivilisation hinterlassen hat, noch nie in einem kompakten, aber nichtsdestotrotz umfassenden, Überblick zusammengestellt worden. Diese Studie ist ein Versuch, das zu leisten, ohne aber den Fehler zu begehen, dabei nicht auf die ökonomischen Ursprünge wohlbekannter gesellschaftlicher, politischer und selbst intellektueller Strömungen hinzuweisen.
Das Buch ist allerdings keine Abhandlung über Ideen oder deren Interpretation. Es ist eine streng ökonomische Studie der Rolle der schwarzen Sklaverei und des Sklavenhandels bei der Bereitstellung des Kapitals, das die Industrielle Revolution in England finanzierte und der Rolle des ausgereiften Industriekapitalismus bei der Beseitigung des Systems der Sklaverei. Es handelt sich somit um die erste Studie über die Wirtschaftsgeschichte Englands und die zweite über die Geschichte der Schwarzen auf den Westindischen Inseln. Es ist keine Studie über die Institution der Sklaverei, sondern über ihren Beitrag zur Entwicklung des britischen Kapitalismus.
Vielen Personen gebührt hier Dank. Die Mitarbeiter*innen der folgenden Institute waren äußerst freundlich und hilfreich: British Museum; Public Record Office; India Office Library; West India Committee; Rhodes House Library, Oxford; Bank of England Record Office; The British Anti– Slavery and Aborigines Protection Society; Friends’ House, London; John Rylands Library, Manchester; Central Library, Manchester; Public Library, Liverpool; Wilberforce Museum, Hull; Library of Congress; Biblioteca Nacional, Havana; Sociedad Económica de Amigos del Pais, Havana. Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei der Newsberry Library, wo man so freundlich war, es mir durch eine Fernleihe der Founder's Library, Howard University, zu ermöglichen, Sir Charles Whitworths wertvolle Statistiken zum »Zustand des Handels Großbritanniens bezüglich Import und Export, fortschreitend von 1697 bis 1773« einzusehen.
Meine Forschung wurde ermöglicht durch Förderungen aus verschiedenen Quellen: von der Regierung Trinidads, die ein anfängliches Stipendium verlängerte; von der Oxford University, die mir zwei Stipendien verlieh; vom Beit Fond für das Studium der britischen Kolonialgeschichte, der zwei Zuschüsse bewilligte; und von der Julius Rosenwald Foundation, die mir 1940 und 1942 Forschungskredite gewährte. Professor Lowell J. Ragatz von der George Washington University, ebenda, Professor Frank W. Pitman vom Pomona College, Claremont, Kalifornien und Professor Melville J. Herskovits der Northwestern University lasen freundlicherweise das Manuskript und gaben zahlreiche Anregungen. Dasselbe tat auch mein Kollege an der Howard University, Professor Charles Burch. Dr. Vincent Harlow, mittlerweile Professor für Kolonialgeschichte an der University of London, betreute meine Doktorarbeit in Oxford und war stets außerordentlich hilfreich. Und zuletzt gebührt Dank auch meiner Frau, die mir eine große Hilfe beim Anfertigen meiner Aufzeichnungen war und das Manuskript abtippte.
Eric Williams Howard University Washington, D.C. 12. September 1943
Nur wenige historische Werke der Moderne haben eine so anhaltende intellektuelle Wirkung und Anziehungskraft wie Eric Williams’ Kapitalismus und Sklaverei. Seine Publikation im Jahr 1944 stieß in einigen Kreisen auf Beifall, in anderen auf heftige Kritik. Die wissenschaftliche Debatte um seine Schlussfolgerungen hält auch fünfzig Jahre später noch unvermindert an. Dieser Klassiker eines Westindischen Gelehrten bleibt einer der provokantesten Beiträge zur Forschung über das komplizierte Verhältnis zwischen dem afrikanischen Sklavenhandel, der Sklaverei, dem Aufstieg des britischen Kapitalismus und der Befreiung der Sklavenbevölkerung auf den Westindischen Inseln.
Eric Eustace Williams wurde 1911 in Trinidad geboren. Der intellektuell begabte junge Mann besuchte das Queen‘s Royal College, eine der besten weiterführenden Schulen der Insel. Im Jahr 1931 verlieh man ihm das einzige Inselstipendium und 1932 schrieb er sich an der Oxford University ein, wo er moderne Geschichte studierte. In Oxford – wie in Trinidad – war Williams intellektuellen Strömungen ausgesetzt, die das imperiale Verhältnis priesen und den Menschen in den Kolonien, die afrikanischer Abstammung waren, wenig Handlungsmacht zugestanden. Über seine prägenden Jahre in Trinidad bemerkte Williams: »Das intellektuelle Rüstzeug, das mir das Schulsystem Trinidad verlieh, hatte zwei wesentliche Merkmale: Quantitativ war es reichhaltig, qualitativ war es britisch. ›Sei britisch‹ war nicht nur der Leitspruch der Legislative, sondern auch der Schule.«1
Während er in Oxford intellektuell heranreifte, begann der Junge aus der Kolonie, die weltreichszentrierte Analyse der Geschichte seines Volkes zu hinterfragen und sie schließlich abzulehnen. In den Treffen mit seinem Studienleiter R. Trevor Davies beispielsweise, berichtete Williams, dass er durchwegs »eine eigenständige Linie verfolge.«2 Der intellektuell neugierige Student verbrachte fast sieben Jahre in Oxford und erlangte im Dezember 1938 die Doktorwürde. Seine Dissertation »Der ökonomische Aspekt der Abolition des Westindischen Sklavenhandels und der Sklaverei« wurde fünf Jahre später überarbeitet, erweitert und publiziert.
1939 nahm Williams einen Lehrauftrag an der Howard University an. Dort setzte er seine Forschungen fort, arbeitete an seiner Dissertation weiter und setzte einen besonderen Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Sklaverei und dem Aufstieg des britischen Kapitalismus. Des Weiteren knüpfte er Kontakt mit Professor Lowell Ragatz von der George Washington University und mit Frank Pitman vom Pomona College. Die beiden Gelehrten waren führende Autoritäten der Geschichte der Britischen Westindischen Inseln vor der Sklavenbefreiung.
Auf den Ratschlag von Ragatz hin reichte Williams am 17. Februar 1943 sein vollständiges Manuskript bei der North Carolina Press ein. In seinem Brief an William T. Couch, den Direktor, schrieb der Autor, er hoffe, dass das Buch »dem hohen Standard Ihrer Druckerei entspricht, da es dem Anschein nach zu den anderen Werken über die schwarze Sklaverei passen würde, die die Geisteswelt mit der Universität von North Carolina in Verbindung bringt.«3 Er bemerkte, dass das Manuskript von Pitman und Ragatz gelesen und dass seine Forschung durch zwei Rosenwald–Stipendien unterstützt wurde, die er in den Jahren 1940–41 und 1942 erhalten hatte.
Williams Brief kam mit einem einseitigen Prospekt, in dem das Buch und dessen Hauptthese vorgestellt wurde. Das Buch, sagte er, »versucht, das Verhältnis zwischen dem Frühkapitalismus in Europa – am Beispiel Großbritanniens – und dem Sklavenhandel mit schwarzen Menschen und der schwarzen Sklaverei auf den Westindischen Inseln in einen historischen Kontext zu setzen. Es zeigt, wie der Handelskapitalismus des 18. Jahrhunderts auf der Sklaverei und dem Monopol errichtet wurde, während der Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts die Sklaverei und das Monopol beseitigte.« Er betonte, dass die westindischen Kolonien »in einen allgemeinen kolonialen Rahmen gesetzt werden« und dass die »Entwicklung der Britischen Westindischen Inseln immer im Verhältnis zur Entwicklung der karibischen Gebiete – z. B. Kuba und St. Domingue – und der Entwicklung anderer Zuckeranbaugebiete – Brasilien und Indien – gesehen wird.« Williams hob hervor, dass er die humanitäre Bewegung »nicht, wie üblich, als etwas Abstraktes, sondern als ein wesentliches Element der Periode und des allgemeinen wirtschaftlichen Kampfes gegen Sklaverei und Monopol« sah.4
Nach Erhalt des Manuskripts forderte die Druckerei von vier Forschern deren Meinung zu seinem wissenschaftlichen Wert an. Ragatz und Pitman boten sich offensichtlich an; die anderen waren die Professoren Hugh Lefler und Charles B. Robson von der University of North Carolina. Lefler war ein anerkannter Historiker Kolonialamerikas, Robson war Politikwissenschaftler.
Ragatz, dem das Manuskript gewidmet war, antwortete mit einer kurzen, aber deutlichen Empfehlung des Werkes. Er hatte, so berichtete er, »Dr. Eric Williams’ Kapitalismus und Sklaverei sorgfältig gelesen, sowohl den ersten Entwurf als auch die endgültige Fassung, die bei Ihnen eingereicht wurde. Und ich erachte es als ein höchst verdienstvolles Werk.«5 Pitmans Stellungnahme fiel länger und etwas weniger begeistert aus. Er wies darauf hin, dass er Williams zweimal getroffen hatte und ihn für »einen (in Oxford) sehr gut ausgebildeten jungen Mann« hielt. Der Gelehrte vom Pomona College fand, das Manuskript sei »eine solide Arbeit. Ich habe dazu geraten, an einigen Stellen die etwas bissige ethnische Voreingenommenheit gegen den Kapitalismus, die ich bemerkte, abzumildern. Ich riet ihm, im Großen und Ganzen die Fakten allein das Urteil über die kapitalistischen Untaten sprechen zu lassen.«
Pitman hielt Williams Idee nicht für originell. »Sein Werk fügt dem, was Forschenden auf diesem Gebiet bereits bekannt ist, wenig hinzu«, schrieb er. Andererseits sei es »für den Laien eine frische, recht gut geschriebene und solide Zusammenfassung.« Pitman hatte auch noch andere Gründe, die Publikation des Buches zu empfehlen. »Literarische Arbeiten der Minderheit, der Eric Williams angehört, sollten gefördert werden – besonders in der heutigen Zeit«, riet er. Williams sei, fuhr er fort, »sehr tatkräftig und verspricht, sich einen Namen zu machen. Ich will ihm dabei helfen und hoffe, dass sie die Sache auch so sehen.«6
Die zwei Lektoren der University of North Carolina rieten ebenfalls zur Publikation des Buches, missverstanden aber völlig Williams Argumente und erkannten – wie Pitman – nicht die erfrischende Originalität des Werks. Lefler hielt die Studie für »interessant, lesbar und durchaus wissenschaftlich.« Er schloss allerdings damit, dass das Manuskript den »falschen Titel« hätte. Seiner Meinung nach war das Werk »in Wirklichkeit eher eine Studie über die Sklaverei auf den Westindischen Inseln als über Kapitalismus und Sklaverei.« Nichtsdestotrotz war Lefler der Meinung, dass Williams »eine gute Analyse des Einflusses der Westindischen Pflanzerklasse auf die Politik Großbritanniens« abgeliefert hätte. Er riet zu einer Überarbeitung »einiger emotional gefärbter Absätze im Manuskript.«7
Auch Robson hielt das Manuskript für »eine ordentliche Geschichte der Sklaverei auf den Westindischen Inseln und als solche durchaus interessant.« Er hielt das Manuskript für »OK«, auch wenn er nur »ein paar Kapitel gelesen« hatte. Er gab zu: »Ich würde auch den Rest gerne lesen, sehe aber keinen Grund dazu.« Robson fand »in den Kapiteln, die ich gelesen habe, keine Spur von der Art von Behandlung, die ich aufgrund des Titels erwartet hatte. Ich fand am ›Tonfall‹ nichts, was zu beanstanden gewesen wäre.«8
Robsons Kommentar wurde am 10. Mai 1943 an die Druckerei geschickt. Offensichtlich von den früheren Empfehlungen von Ragatz, Pitman und Lefler beeinflusst, sagte William Crouch Williams am 22. April voraus, dass das »Werk, was redaktionelle Erwägungen betrifft, zur Veröffentlichung freigegeben wird.« Da die Druckerei davon ausging, dass das Buch nur begrenzt Absatz finden würde, musste der Autor zur Finanzierung der Publikation 700 $ beisteuern. Couch schätzte, dass während des ersten Jahres 400 bis 500 Exemplare des Buchs verkauft werden würden und danach jährlich noch einige wenige Exemplare.9
Williams antwortete Couch am 9. Juni und drückte seine Freude darüber aus, dass man das Buch veröffentlichen wolle. Optimistisch bemerkte er, dass er in der Lage sei, den Zuschuss aufzutreiben.10 Doch diese Aufgabe erwies sich für den Assistenzprofessor als deutlich schwieriger als gedacht. Als Couch im Spätsommer nachhakte, gestand er, dass seine »Säumigkeit, den Bedingungen der Publikation nachzukommen«, teils auf »einen Familienzuwachs, der mich mit einer anderen Art der Sklaverei bekannt machte [und] teils auf Krankheit« zurückzuführen sei. Aber es gab auch noch andere Schwierigkeiten. Obwohl er – in einem Versuch, den Zuschuss aufzubringen – »verhandelt« hatte, war er doch erfolglos geblieben. Williams war allerdings »zuversichtlich«, dass er die Mittel »in sehr naher Zukunft« beisammen haben würde. Er machte Andeutungen, dass einige »meiner Freunde von den Westindischen Inseln sich bemühen, das Geld über die westindischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten aufzutreiben. Zur gleichen Zeit versuche ich aber auch, den Zuschuss durch die üblichen akademischen Quellen zu erhalten.«11
Schließlich hatte Williams das nötige Geld beisammen. Am 18. Dezember 1943 informierte er Couch, dass einige seiner westindischen Freunde ihm das Geld geliehen hätten, um den Zuschuss zu bezahlen, der in drei Raten bezahlt werden sollte. Er riet dem Direktor, gemäß der Bedingungen aus dem Brief vom 22. April »fortzufahren.«12 Später hatte Williams Schwierigkeiten, seine Gläubiger von den bescheidenen Tantiemen, die er erhielt, auszubezahlen. Des Weiteren scheiterten Bemühungen des Autors und des Verlags, vom American Council of Learned Societies (ACLS) Fördergelder für die Publikation zu erhalten. Nachdem er eine Entscheidung in der Angelegenheit sechs Monate lang aufgeschoben hatte, informierte Donald Goodchild – der Sekretär für Zuschüsse des ACLS – Williams darüber, dass seine Anfrage nach Fördergeldern abgelehnt worden war. Goodchild berichtete »vertraulich«, dass »der Beratungsausschuss in dieser Sache der Empfehlung unseres Committee on Negro Studies nicht zugestimmt hat. Einige unserer Berater sind der Meinung, dass Ihr Manuskript – obwohl von hoher Qualität – sich auf dem Gebiet der Geschichte eher an die Laien richtet.«13
Auch wenn Williams einwilligte, die Publikation des Buches zu bezuschussen, so war er doch nicht unmittelbar für den Vorschlag empfänglich, den Titel zu ändern. Nachdem er versprochen hatte, sich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher mit der Angelegenheit zu befassen, teilte der Autor Couch am 4. September 1943 mit, dass »ich mit der von Ihren Lektoren vorgeschlagenen Änderung des Titels ganz und gar nicht einverstanden bin.«14 Ratsuchend wandte sich Williams an Professor Melville Herskovits, den berühmten Anthropologen und feinfühligen Studenten der Afrikaner*innen in der Diaspora. Er hoffte, dass Herskovits dem von ihm vorgeschlagenen Titel wohlwollend gegenüberstehen würde. Obwohl Herskovits das Manuskript für »eine interessante Arbeit mit einer wichtigen These« hielt, fand der Titel nicht seine Zustimmung. Laut Williams war Herskovits »geneigt, ihrem Lektor zuzustimmen, als ich ihm sagte, dass der Titel geändert werden soll. Ich teile diese Ansicht nicht.« Mit der Hartnäckigkeit, die ihn als Gelehrten und Politiker auszeichnete, legte Williams energisch seine Einwände dar. Denjenigen, die der Meinung waren, das Buch handele von der Sklaverei auf den Westindischen Inseln, antwortete er:
»Das ist nicht das Buch, das ich schreiben wollte; in dem Buch steht auch nichts über die Behandlung der Sklav*innen oder über ihre Lage. Es behandelt das, was die Sklav*innen produzierten, wie sie gekauft wurden und die Folgen, die sich aus diesen Punkten für den Kapitalismus ergaben.«
Williams lehnte einen Kompromiss allerdings nicht strikt ab, solange der neue Titel nur die wesentlichen Argumente und den Inhalt der Arbeit widerspiegelte. Herskovits hatte zwei Titel vorgeschlagen, die Williams in seinem Brief an Couch vom 18. Dezember erwähnte:
»Der erste Titel lautet ›Sklaverei während der Industriellen Revolution‹. Meiner Meinung nach ist dieser ungeeignet, da er die Rolle der Sklaverei in der Epoche des Handelskapitalismus ausklammert, der ich viele Seiten widme. Der zweite Titel lautet: ›Sklaverei in der Entwicklung des Kapitalismus‹, Diesen finde ich zufriedenstellend. Er scheint mir aber zu lang. Bisher konnte mich noch niemand davon überzeugen, dass ich nicht mit Recht vom Kapitalismus im Allgemeinen rede, wenn das Buch vom britischen Kapitalismus handelt, der das Modell und der Vorläufer des Kapitalismus in anderen Ländern war. Es ist auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass zwei Gelehrte wie Professor Ragatz und Professor Pitman meiner Entscheidung voll und ganz zustimmten. Ich will auf diesem Thema nicht herumreiten. Aber meine Entscheidung spiegelt das Buch wider, das ich zu schreiben beabsichtigte und das ich geschrieben habe. Wenn Sie darauf bestehen, den Titel zu ändern, dann bin ich bereit, Professor Herskovits ›Sklaverei in der Entwicklung des Kapitalismus‹ als Kompromiss zu akzeptieren. Aber ›Sklaverei auf den Westindischen Inseln‹ kommt nicht in Frage.«15
Der Verlag sah wahrscheinlich wenig Sinn darin, sich den eindringlichen Argumenten des Autors zu widersetzen und entschied sich, den Originaltitel beizubehalten. Als 1944 die Redaktion des Manuskripts begann, nahm Williams aktiv Anteil an ihrem Fortschritt und schlug ab und an Änderungen vor. Tatsächlich wurde Kapitel 12 im Juni hinzugefügt, als das Manuskript sich bereits in der Umbruchkorrektur befand. Williams eröffnete seinem Herausgeber, May Littlejohn, am 3. Juni, dass er ein neues Kapitel mit dem Titel »Die Sklav*innen und die Emanzipation« hinzufügte. Er bemerkte, er habe einige »wunderbare« Informationen dazu gefunden, wie die Sklav*innen die Sache der Emanzipation vorantrieben und erklärte:
»Ich habe die Haltung der Regierung, des absenten Pflanzers, der Kapitalisten und der Humanitaristen behandelt. Jetzt behandele ich die Sklav*innen. Ich habe den Kampf in England behandelt, jetzt behandele ich den Kampf auf den Westindischen Inseln. Und da das Buch mit dem Ursprung der schwarzen Sklaverei beginnt, wäre es wirkungsvoll, mit den Versuchen zu enden, die die Sklav*innen unternahmen, um die Sklaverei zu beseitigen. Das Hauptthema ist, dass der Druck, der von den Kapitalisten und den Humanitarist*innen in der Heimat auf die Pflanzer ausgeübt wurde, von den Sklav*innen in den Kolonien noch verstärkt wurde; und hätte man die Sklaverei 1833 nicht von oben abgeschafft, wäre sie von unten beseitigt worden.«16
Als Williams das fertige Kapitel am 19. Juni einreichte, führte er seinen Grund, es zu schreiben, weiter aus. »Als ich das Manuskript überflog«, gestand er, »fiel mir auf, dass ich alle Aspekte des Problems für einen Zeitraum von über zwei Jahrhunderten behandelt hatte, ohne mich aber mit den Menschen, die den Gegenstand und die Grundlage der [Befreiungs-]Bewegung darstellten, zu beschäftigen. Ich setzte mich also dem vernichtenden Vorwurf aus, dass meine Geschichte in alter Manier geschrieben sei, weil meine Augen ganz auf die da oben gerichtet waren. Kapitel 12 entzieht dieser Kritik den Boden.«17
Das Buch wurde schließlich am 11. November 1944 veröffentlicht. Der Verlag hatte ursprünglich geplant, 1.000 Exemplare zu drucken, aber auf Beharren des Autors, dass es einen beträchtlichen Markt für das Buch geben würde – und wahrscheinlich als Ergebnis der eigenen Marktforschung – erhöhte man die Zahl auf 1.500. Besonders empfindlich war der westindische Autor in der Frage, wie er im Werbematerial des Verlags beschrieben werden würde. Als er den biografischen Abriss einreichte, den der Verlag angefordert hatte, schrieb er, er hoffe, dass er in der Werbung als »Westinder« beschrieben werden würde, anstatt als Trinidader. Couch erklärte er: »Ich habe angegeben, dass ich in Trinidad geboren wurde, aber ich würde es begrüßen, wenn Sie es so einrichten könnten, dass ich als ein in Trinidad geborener Westinder beschrieben werde anstatt als Trinidader. Es mag belanglos erscheinen, aber wir Westinder legen darauf viel Wert.«18 Dieses Bekenntnis zu einer westindischen Identität – im Gegensatz zu einer enger gefassten trinidadischen Identität – blieb ein wichtiges Merkmal in Williams Leben und Werk.
Williams versuchte auch, sicherzustellen, dass das Buch sein intellektuelles Ansehen von der Stärke seiner Argumente und nicht von der Persönlichkeit des Autors oder seiner akademischen Qualifikationen beziehen würde. Nachdem er die ersten Exemplare des Buches gesehen hatte, beeilte er sich, seinem Redakteur zu versichern, dass er »überglücklich war, die ersten Druckfahnen mit der einfachen Angabe ›von Eric Williams‹ zu sehen. Mir graut es vor all diesen hochtrabenden Titeln und übermäßig langen akademischen Graden.«19 Dennoch beteiligte sich Williams außerordentlich aktiv daran, den Absatz des Buchs in den Vereinigten Staaten, auf den Westindischen Inseln und in Kanada zu fördern. Am 25. April 1944, fast sieben Monate vor dem Erscheinen des Buchs, schrieb Williams an Couch, dass er gerade erst von einer Reise Zu den Westindischen Inseln zurückgekehrt war, wo
»ich, entsprechend meiner Erwartungen, ein reges Interesse an der Geschichte der Westindischen Inseln vorfand. Man bat mich, eine Rede vor den Nutzer*innen der Public Library of Trinidad zu sprechen, wo ich als Thema ›Die Britischen Westindischen Inseln in der Weltgeschichte‹ wählte und der Zuhörerschaft sozusagen einen Vorgeschmack auf das Buch gab. Der Gouverneur war anwesend; es war also eine Galaveranstaltung. In einem Saal, der für 300 Personen ausgelegt war, mussten 700 Leute Platz finden und von allen Seiten berichtete man mir, dass es in der Geschichte Trinidads noch nie etwas Vergleichbares gegeben hatte. Ich bin nicht so bescheiden, dass ich leugnen würde, dass ein Teil des Interesses dem Redner zuzuschreiben ist, aber gleichzeitig erregte auch das Thema eine beträchtliche Aufmerksamkeit. Hinterher sagte man mir, mein Buch würde sich in Trinidad eintausend Mal verkaufen und auch wenn diese Zahl etwas hochgegriffen erscheint, stellt sie doch keine so große Übertreibung dar, wie es einer außenstehenden Person vorkommen mag. In Barbados und Britisch–Guayana wurde mir einige öffentliche Aufmerksamkeit zuteil und auch dort zeigte man großes Interesse an dem Buch.«20
Es gelang Williams, den Verlag dazu zu überreden, das Buch auf den Westindischen Inseln für einen Dollar zu verkaufen, anstatt wie in den Vereinigten Staaten für drei Dollar. Auch kaufte er einige Exemplare zum Vorteilspreis für Autoren und verkaufte sie in den Vereinigten Staaten und Kanada, insbesondere an Studierende von den Westindischen Inseln. Vier Monate nach der Veröffentlichung des Buchs betonte er gegenüber Couch, er sei »sehr darauf erpicht, dass besonders Westinder das Buch lesen«, da er der Meinung sei, dass gerade sie intellektuell und auf andere Weise davon profitieren würden. »Ich habe in dem Buch eine politische Linie verfolgt«, erinnerte Williams Couch, »die die Westinder*innen mehr als alle anderen verstehen müssen.«21 Williams war beim Verkauf des Buchs so erfolgreich, dass Porter Cowles, die Assistentin des Verlagsleiters, ihn dazu beglückwünschte. »Die meisten Autoren, die Exemplare ihrer eigenen Werke kaufen, scheinen dies für sich selbst zu tun«, schrieb Cowles. »Sie stellen die Ausnahme dar, da sie andere Leute dazu ermuntern, sie zu kaufen«, fügte sie hinzu.22 Der bemerkenswerte Erfolg des Buchs veranlasste den Verlag dazu, im Sommer 1945 eine zweite Auflage von 1.500 Exemplaren drucken zu lassen. Williams war außerordentlich zufrieden. In einem Schreiben an Couch vom 18. August 1945 frohlockte er: »Ich bin selbstverständlich sehr glücklich darüber, dass sich das Buch so gut verkauft. Ohne arrogant wirken zu wollen, muss ich doch sagen, dass mich das nicht überrascht. In den Vereinigten Staaten und in England herrscht ein großes Interesse an der Sklaverei und den Westindischen Inseln; und heutzutage natürlich auch auf den Westindischen Inseln selbst.«23 Bis zum 31. Dezember 1949 hatte der Verlag 2.412 Exemplare des Buches verkauft und 95 Gratisexemplare verteilt. Die Tantiemen beliefen sich auf 271,80 $ – eine Summe, die deutlich unterhalb dessen lag, was der Autor seinen Gläubigern schuldig war.
Kapitalismus und Sklaverei wurde breit rezensiert. Das Erscheinen des Buchs fand die Beachtung von akademischen Journalen, Literaturmagazinen und der öffentlichen Presse. Die Rezensionen fielen erwartungsgemäß gemischt aus. Bei Rezensent*innen afrikanischer Herkunft fand das Werk einhelligen Beifall, während es bei denen, die eine europäische Herkunft für sich beanspruchten, auf deutlich weniger Begeisterung stieß und letztere in ihrer Meinung gespaltener waren. Der berühmte schwarze Gelehrte Lorenzo Greene nannte das Buch in Negro College Quarterly»eine akademische Studie.« Er bemerkte, dass »ein Werk dieser Art schon lange überfällig war und Dr. Williams diese Lücke auf hervorragende Weise geschlossen hat.« Der Rezensent von Crisis, der Historiker J. A. Rogers, lobte den Autor, da er »besser als jeder andere, an den ich mich erinnern kann« gezeigt habe, »was die Neue Welt den Schwarzen – den Opfern der Sklaverei und des Sklavenhandels – für ihre Entwicklung schuldig ist, insbesondere in ihrem Pionierstadium; ebenso England für seinen Aufstieg von einer Regionalmacht zum größten Weltreich.« Carter G. Woodson pries im Journal of Negro History das Buch dafür, dass es »den Anfang in der wissenschaftlichen Erforschung der Sklaverei aus internationaler Perspektive machte.«24
Elizabeth Donnan, eine der weißen Rezensent*innen, hatte »manchmal das Gefühl, dass die These, so plausibel sie auch ist, zu simpel ist. Die Rigidität der ökonomischen Interpretation«, behauptete sie, »lässt kaum Raum für die Komplexität der menschlichen Motive und für das Spiel der Umstände, das oftmals völlig ungeplante und unerwartete Situationen schafft.« In einer sehr feindseligen Rezension schrieb Frank Tannenbaum, das Buch sei befleckt von »einem deutlichen Glauben an die ökonomische Interpretation der Geschichte, dem der durchscheinende Gedanke des N****–Nationalismus einen schrillen Eifer verleiht.« Der Rezensent des Times Literary Supplement, D. W. Brogan, behauptete, »einige Abschnitte des Buchs sind eher geistreiche Vermutungen als vollständige Beweise unwiderlegbarer Behauptungen von Ursache und Wirkung.« Dennoch, fuhr Brogan fort, »ist dies eine ausgezeichnet geschriebene und erörterte, originelle Arbeit.« Henry Steele Commager hielt das Buch für »eines der gelehrtesten, durchdringendsten und bedeutendsten, das auf diesem Gebiet der Geschichte erschienen ist.«25
Es ist kaum verwunderlich, dass einige englische Historiker versuchten, Williams Argumente mit gehässigen Angriffen anstatt mit vernünftigen Argumenten, gründlicher Forschung und Analyse zu entkräften. D. A. Farnie, ein Wirtschaftshistoriker, legte nahe, dass das Buch der Bevölkerungsgruppe, der der Autor selbst angehört, »den stützenden Mythos liefert, dass ›der Kapitalismus‹ für ihre Lage verantwortlich sei; eine Sichtweise, die in Westeuropa, wo die Geschichte von ihrer Wurzel im Mythos getrennt wurde, nicht viel Anklang gefunden hat, aber von den gebildeten Eliten in Afrika und Asien gerne angenommen wurde.«26 Deutlich weniger kritisch, aber unverhohlen herablassend, war J. D. Farge, der Afrikanist, der der Meinung war, dass Williams Angriff auf das »humanitäre Argument« für die Abschaffung der Sklaverei »von einem jungen schwarzen Radikalen aus den Kolonien zwangsläufig kommen musste; mehr noch von einem, der von den äußerst notleidenden Westindischen Inseln stammte und sah, dass er im Schatten der Schule der imperialen Geschichte arbeitete, die [Sir Reginald] Coupland hinter den Mauern der Oxford University etabliert hatte.«27
Die erste längere wissenschaftliche Kritik von Kapitalismus und Sklaverei erschien erst nach 1968. Im Economic History Review stellte der englische Historiker Roger Anstey die Behauptung infrage, dass es ein ausgereifter Kapitalismus gewesen sei, der die Sklaverei beseitigte.28 Andere Wissenschaftler*innen, die von Jahrzehnten der Forschung profitierten, die seit der Veröffentlichung des Buches im Jahr 1944 betrieben wurde, versuchten schon bald, dessen Kernaussagen zu entkräften. Ein Beispiel für die Debatten, die das Buch nach wie vor auslöst, ist die Zusammenkunft einiger der weltweit führenden Experten der Ökonomie der Sklaverei im Jahr 1984 in Bellagio, Italien, um die Ideen zu diskutieren, die Williams in seinem Klassiker entwickelt hat.29
Kapitalismus und Sklaverei erschien, als der Autor gerade einmal 33 Jahre alt war – ein Umstand, der manchmal übersehen wird. Trotz der Jugend des Verfassers ist es ein Werk gedanklicher Leuchtkraft – intellektuell ausgereift, mutig, durchdringend und enorm provokant. Einige zeitgenössische Forscher*innen haben an den Rändern der Argumente des Buches gekratzt, andere haben seinen Kern angegriffen, aber die zentralen Behauptungen wurden intellektuell nicht entkräftet. Tatsächlich bleibt die von Williams herausgearbeitete Problematik bestehen, auch wenn einige spätere Wissenschaftler*innen seine Fragen weiterentwickelt und andere Antworten zur Debatte gestellt haben.
Die Publikation von Kapitalismus und Sklaverei markierte einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichtsschreibung über die Karibik. Sie läutete eine neue Phase des Studiums der Beziehung zwischen der Kolonialmacht und den Kolonien ein und änderte für immer den analytischen Rahmen und den darauf folgenden Diskurs. Doch die Auswirkungen des Buchs gingen über die Karibik hinaus. Williams wies die zentrale Bedeutung der afrikanischen Sklaverei und des Sklavenhandels für die englische Wirtschaft nach und stellte damit die traditionelle Sichtweise in Frage, wonach die Kolonien eher Empfänger des Wohlwollens der Metropole waren und weniger die Hauptakteurinnen beim Aufbau des Wohlstands der imperialen Macht. Seine Schlussfolgerungen mögen abgelehnt werden, aber kein ernsthafter Historiker und keine ernsthafte Historikerin kann den wichtigen Fragen, die das Buch aufwirft, aus dem Weg gehen. Kapitalismus und Sklaverei bleibt ein historisches Kleinod.
Colin A. Palmer
Eric Williams: Inward Hunger: The Education of a Prime Minister. University of Chicago Press Chicago, 1971. S. 33.↩︎
ebd. S. 41↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 17. Februar, 1943, University of North Carolina Press Records, subgroup 4, Southern Historical Collection, University of North Carolina at Chapel Hill. Alle Aufzeichnungen die Veröffentlichung von »Kapitalismus und Sklaverei« betreffend lagern in dieser Sammlung.↩︎
ebd.↩︎
Lowell Ragatz an May T. Littlejohn, 14. März 1943.↩︎
Frank Pitman an May T. Littlejohn, ohne Datum (Hervorhebungen im Original).↩︎
Hugh Lefler an W. T. Couch, 17. April 1943.↩︎
Charles Robson an W. T. Couch, 10. Mai 1943.↩︎
W. T. Couch an Eric Williams, 22. April 1943.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 9. Juni 1943.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 14. September 1943.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 18. Dezember 1943.↩︎
Donald Goodchild an Eric Williams, 27. März 1944.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 4. September 1943.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 18. Dezember 1943.↩︎
Eric Williams an May T. Littlejohn, 3. Juni 1944.↩︎
Eric Williams an May T. Littlejohn, 19. Juni 1944.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 13. März 1944.↩︎
Eric Williams an May T. Littlejohn, 29. März 1944.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 25. April 1944.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 14. März 1945.↩︎
Porter Cowles an Eric Williams, 19. April 1947.↩︎
Eric Williams an W. T. Couch, 18. August 1945.↩︎
Negro College Quarterly 3, Nr. 1 (März 1945): S. 46–48; Crisis, 10. Juli 1945, S. 203–4; Journal of Negro History 30 (1945): S. 93–95.↩︎
Journal of Economic History 6, Nr. 2 (November 1946): S. 228; Political Science Quarterly 61 (1946): S. 247–53; Times Literary Supplement, 26. Mai 1945, S. 250; Weekly Book Review, 4. Februar 1945, S. 5.↩︎
D. A. Farnie, »The Commercial Empire of the Atlantic, 1607–1783,« Economic History Review, 2d ser., 15 (1962): S. 212.↩︎
J. D. Fage, introduction to The British Anti–Slavery Movement, 2. Auflage., by Sir Reginald Coupland (New York: Barnes and Noble, 1964), S. xvii–xxi. Coupland hob den humanitären Impuls der Britischen Emanzipation in seinen Arbeiten hervor.↩︎
Roger T. Anstey, »›Capitalism and Slavery‹: A Critique,« Economic History Review, 2d ser., 21 (1968): S. 207–20.↩︎
Einige der Beiträge, die auf der Konferenz vorgestellt wurden, erschienen in: Barbara L. Solow und Stanley L. Engerman (Hg.): British Capitalism and Caribbean Slavery: The Legacy of Eric Williams (New York: Cambridge University Press, 1987). Siehe insb.: Richard B. Sheridan, »Eric Williams and Capitalism and Slavery: A Biographical and Historiographical Essay,« in: ebd., S. 317–45.↩︎
Als Columbus 1492 als Repräsentant der Spanischen Krone die Neue Welt entdeckte, setzte er einen langen und erbitterten Kampf um koloniale Besitztümer in Gang, der bis heute – viereinhalb Jahrhunderte später – noch kein Ende gefunden hat. Portugal, das der Bewegung hin zur internationalen Expansion den Anstoß gegeben hatte, beanspruchte die neuen Territorien mit der Begründung, dies sei von einer päpstlichen Bulle abgedeckt, die es dazu autorisiere, alle ungläubigen Völker zu unterwerfen. Um einen Streit zu vermeiden, suchten die beiden Mächte nach einem Schlichter und wendeten sich, da sie katholisch waren, an den Papst – ein natürlicher und logischer Schritt in einer Zeit, in der die universellen Ansprüche des Papstes von Individuen und Regierungen noch nicht angefochten wurden. Nachdem er die Ansprüche der beiden Rivalen sorgfältig geprüft hatte, erließ der Papst eine Reihe von Bullen, die eine Demarkationslinie zwischen den kolonialen Besitzungen der beiden Staaten festlegte: Der Osten ging an Portugal und der Westen an Spanien. Den portugiesischen Bestrebungen war diese Teilung allerdings nicht ausreichend und im darauffolgenden Jahr erzielten die beiden Konfliktparteien mit dem Vertrag von Tordesillas einen befriedigenderen Kompromiss, der das päpstliche Urteil dahingehend korrigierte, dass Portugal nun Brasilien in Besitz nehmen durfte.
Weder die päpstliche Schlichtung noch der offizielle Vertrag beanspruchten, für andere Mächte bindend zu sein und in der Tat wurden beide abgelehnt. Englands unmittelbare Antwort auf die Teilung war Cabots Reise nach Nordamerika im Jahr 1497. Franz I. von Frankreich äußerte seinen berühmten Protest: »Die Sonne scheint für mich ebenso wie für andere. Zu gerne würde ich die Klausel in Adams Testament sehen, die mich von einem Anteil an der Welt ausschließt.« Was Ostindien betraf, weigerte sich der König Dänemarks, die Anordnung des Papstes hinzunehmen. Sir William Cecil, der berühmte elisabethanische Staatsmann, leugnete das Recht des Papstes »nach Belieben Königreiche zu vergeben und zu nehmen.« Im Jahr 1580 konterte die englische Regierung mit dem Prinzip der effektiven Besatzung als bestimmendem Faktor des Herrschaftsrechts.1 Danach gab es »unterhalb der Linie keinen Frieden mehr«, um es in der Sprache der Zeit auszudrücken. In den Worten eines späteren Gouverneurs von Barbados, war es ein Disput darum, »ob der König von England oder von Frankreich Monarch der Westindischen Inseln sein solle, da der König von Spanien sie nicht lange halten könne.«2 England und Frankreich, und selbst die Niederlande, begannen, die Iberische Achse anzufechten und ihren Platz an der Sonne einzufordern. Auch den Schwarzen wurde ihr Platz zugeteilt, auch wenn sie nicht darum gebeten hatten: unter der brütend heiße Sonne der Zuckerrohr–, Tabak– und Baumwollplantagen der Neuen Welt.
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Laut Adam Smith hängt der Erfolg einer neuen Kolonie von einem einfachen wirtschaftlichen Faktor ab – »Überfluß an guten Ländereien.«3 Die britischen Kolonialbesitzungen bis 1776 lassen sich allerdings in zwei Kategorien einteilen: Die erste ist die der diversifizierten Subsistenzwirtschaft kleiner Bäuer*innen, »bloße Erdscharrer«, wie Gibbon Wakefield sie spöttisch nannte4, die auf einem Boden lebten, der laut einer Beschreibung Kanadas aus dem Jahre 1840, »keine Lotterie mit ein paar exorbitanten Preisen und einer großen Anzahl an Nieten, sondern eine sichere und stabile Investition«5 war. In die zweite Kategorie fallen Kolonien, die über die nötigen Mittel verfügen, Massenartikel in großem Stil für einen Exportmarkt zu produzieren. Die nördlichen Kolonien des amerikanischen Festlands fielen in die erste Kategorie; die Tabakkolonien auf dem Festland und die Zuckerinseln der Karibik in die zweite. In Kolonien der letzteren Kategorie waren – wie Merivale aufzeigte – sowohl Land als auch Kapital nutzlos, solange man über keine Arbeitskräfte verfügte.6 Arbeitskräfte, die beständig und kooperativ waren oder zur Kooperation gebracht wurden. In solchen Kolonien musste der schroffe Individualismus der Bauernschaft aus Massachusetts, die eine intensive Landwirtschaft betrieb und einem widerspenstigen Boden im Schweiße ihres Angesichts einen kärglichen Ertrag abrang, der disziplinierten Clique großer Kapitalisten weichen, die extensive Landwirtschaft betrieben und in großem Maßstab produzierten. Ohne diesen Zwang hätten die Arbeiter*innen ihrer natürlichen Neigung nachgegeben, ihr eigenes Land zu bestellen und selbständig zu arbeiten. Man hört oft die Geschichte des großen englischen Kapitalisten Mr. Peel, der 50.000,00 £ und 300 Arbeiter*innen mit sich in die Swan River Colony nach Australien nahm. Seinem Plan nach sollten seine Arbeiter*innen für ihn arbeiten, so wie sie es in der in der alten Heimat getan hatten. Als er aber in Australien ankam, wo (über)reichlich Land vorhanden war, zogen die Arbeiter*innen es vor, als Kleineigentümer*innen für sich selbst zu arbeiten, anstatt gegen Lohn für den Kapitalisten. Australien war nicht England und der Kapitalist verblieb ohne Diener, die ihm das Bett machten oder ihm Wasser reichten.7
Für die Kolonien in der Karibik hieß die Lösung für diese Dispersion der Arbeitskräfte und das »Erdscharren« Sklaverei. Hier ist die frühe Geschichte Georgias lehrreich. Von Verwaltern – die in einigen Fällen selbst Sklav*innen in anderen Kolonien besaßen – davon abgehalten, Sklav*innen zu beschäftigen, fanden die Pflanzer Georgias sich – wie es Whitefield ausdrückte – in der Position von Leuten, denen man die Füße zusammengebunden und dann befohlen hatte, zu laufen. So sprachen die Magistrate Georgias Toasts aus auf »die eine notwendige Sache« – Sklaverei –, bis das Verbot aufgehoben war.8 Auch wenn sie – wie Merrivale es nannte – eine »abscheuliche Sache« sei9, war die Sklaverei eine ökonomische Institution von größter Wichtigkeit. Sie war die wirtschaftliche Grundlage Griechenlands gewesen und hatte das Römische Reich aufgebaut. In der Neuzeit sorgte sie für den Zucker in den Tee– und Kaffeetassen der westlichen Welt. Sie produzierte die Baumwolle, die dem modernen Kapitalismus als Basis diente. Sie formte den amerikanischen Süden und die Karibischen Inseln. Historisch gesehen bildete sie einen Teil des Gesamtkonstrukts aus der brutalen Behandlung der unterprivilegierten Klassen, der erbarmungslosen Armengesetzgebung und der Gleichgültigkeit, mit der die aufstrebende Kapitalistenklasse damit »begann, Wohlstand in Pfund Sterling zu bemessen, und ... sich mit dem Gedanken anfreundete, Menschenleben auf dem Altar steigender Produktion zu opfern.«10
Adam Smith, der intellektuelle Vorreiter der industriellen Mittelschicht mit ihrer neu entdeckten Freiheitslehre, propagierte später das Argument, dass es in der Regel der Stolz und die Machtgier der Herren waren, die zur Sklaverei führten und dass in denjenigen Ländern, in denen Sklav*innen eingesetzt wurden, die freie Lohnarbeit profitabler wäre. Die allgemeine Erfahrung zeige schlüssig, dass »die von Sklaven verrichtete Arbeit, obgleich sie nur den Unterhalt derselben zu kosten scheint, am Ende doch die teuerste von allen ist. Ein Mensch, der kein Eigentum erwerben kann, kann auch kein anderes Interesse haben als soviel als möglich zu essen und so wenig wie möglich zu arbeiten.«11
Damit behandelte Adam Smith etwas als abstrakte Annahme, das eine spezifische Frage der Zeit, des Ortes, der Arbeit und des Bodens ist. Die ökonomische Überlegenheit freier Lohnarbeit über Sklavenarbeit ist sogar für den Sklavenhalter offensichtlich. Sklavenarbeit wird nur widerwillig geleistet und ist ungelernt; auch mangelt es ihr an Flexibilität.12 Unter ansonsten gleichen Umständen wären freie Arbeiter*innen vorzuziehen. In den frühen Phasen der kolonialen Entwicklung waren die sonstigen Umstände allerdings nicht gleich. Wenn zur Sklavenarbeit gegriffen wird, dann nicht, weil man sich zwischen ihr und freier Arbeit entscheidet; man hat überhaupt keine Wahl. Die Gründe für die Sklaverei, schrieb Gibbon Wakefield, »sind nicht moralischer, sondern ökonomischer Natur; sie sind keine Frage von Lasterhaftigkeit und Tugend, sondern eine Frage der Produktion.«13 Bei der überschaubaren Bevölkerung im Europa des 16. Jahrhunderts konnte die freie Arbeitskraft, die nötig gewesen wäre, um Nutzpflanzen wie Zuckerrohr, Tabak und Baumwolle in der Neuen Welt zu kultivieren, nicht in nötiger Menge bereitgestellt werden, um eine Produktion in großem Maßstab zu ermöglichen. Hierfür war die Sklaverei vonnöten; und um an Sklav*innen zu gelangen, wendeten sich die Europäer erst den Aborigines und dann Afrika zu.
Unter gewissen Umständen weist die Sklaverei einige offensichtliche Vorteile auf. Bei der Kultivierung von Nutzpflanzen wie Zuckerrohr, Baumwolle und Tabak, bei denen die Produktionskosten bei größeren Mengen deutlich geringer ausfallen, kann der Sklavenbesitzer, der in großem Maßstab produziert und über organisierte Truppen von Sklav*innen verfügt, profitableren Gebrauch von seinem Land machen als die Kleinbäuer*innen oder der bäuerliche Kleinbesitzer*innen. Bei solcherlei Nutzpflanzen können die gewaltigen Profite die höheren Kosten ineffizienter Sklavenarbeit ohne Weiteres aufwiegen.14 Wo das gesamte notwendige Können nur eine Frage von Routine, Ausdauer und Kooperation bei der Arbeit ist, ist die Sklaverei unabdingbar, bis – durch den Import neuer Arbeiter*innen und durch Fortpflanzung – eine gewisse Bevölkerungsdichte erreicht wird und das für die Inbesitznahme zur Verfügung stehende Land aufgeteilt wurde. Wenn dieses Stadium erreicht ist – und nur dann – übersteigen die Kosten der Sklaverei in Form von Unterhaltskosten für produktive sowie unproduktive Sklav*innen die Kosten freier Lohnarbeiter*innen. Wie Merivale schrieb: »Sklavenarbeit ist dort teurer als freie Arbeit, woimmer sich freie Arbeit in großen Mengen beschaffen lässt.«15
Vom Standpunkt des Pflanzers liegt der größte Makel der Sklaverei darin, dass sie schnell den Boden auslaugt. Gefügige und billige Arbeitskräfte von niedrigem gesellschaftlichem Status können nur durch systematische Herabsetzung und willentliche Anstrengungen zur Unterdrückung ihrer Verstandeskraft im Zustand der Unterwürfigkeit gehalten werden. Fruchtfolge und wissenschaftliche Landwirtschaft sind Sklavenhaltergesellschaften deshalb fremd. So schrieb Jefferson über Virginia: »Wir können einen Acre neuen Landes billiger kaufen, als wir einen alten düngen können.«16 Der sklavenhaltende Plantagenbesitzer ist – in der malerischen Terminologie des Südens gesprochen – ein »Landfresser.« Dieser signifikante Nachteil der Sklaverei kann für eine gewisse Zeit ausgeglichen und aufgeschoben werden, solange fruchtbarer Boden praktisch unbegrenzt zur Verfügung steht. Expansion ist in Sklavenhaltergesellschaften eine Notwendigkeit; die sklavenhaltende Macht benötigt immer neue Eroberungen.17»Es ist profitabler« schrieb Merivale, »neuen Boden durch teure Sklavenarbeit zu kultivieren, als einen ausgelaugten durch die billige Arbeit freier Arbeitskräfte.«18 Von Virginia und Maryland bis Carolina, Georgia, Texas und dem mittleren Westen; von Barbados über Jamaica bis Saint Domingue und Kuba – überall verfolgte man dieselbe zwingende Logik. Es war ein Staffellauf; der Erste gab den Stab weiter an den Nächsten – wir können annehmen, widerstrebend – und humpelte dann traurig hinterdrein.
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Bei der Sklaverei in der Karibik fokussiert man sich zu stark auf die Schwarzen. So wurde einem eigentlich wirtschaftlichen Phänomen ein ethnischer Drall verliehen. Die Sklaverei entspross nicht dem Rassismus: vielmehr war der Rassismus eine Konsequenz der Sklaverei. Unfreie Arbeitskräfte in der Neuen Welt waren braun, weiß, schwarz und gelb; katholisch, protestantisch und heidnisch.
Der erste Fall von Sklavenhandel und Sklavenarbeit in der Neuen Welt betraf – ethnisch gesehen – nicht die Schwarzen, sondern die indigene Bevölkerung. Diese erlag rasch der immensen Arbeitslast, die man ihr auferlegte, der mangelhaften Ernährung, den Krankheiten des weißen Mannes und ihrer Unfähigkeit, sich ihrem neuen Leben anzupassen. Gewöhnt an ein Leben in Freiheit, war ihre Verfassung und ihr Temperament für die unerbittliche Sklaverei auf den Plantagen denkbar ungeeignet. So schreibt Fernando Ortiz:
»Den Indianer den Minen und ihrer monotonen, irrsinnigen und harten Arbeit auszusetzen – ohne Stammesgefühl, ohne religiöse Zeremonie – [...] war, als würde man ihm den Lebenssinn rauben. Man versklavte nicht nur seine Muskeln, sondern auch seinen Gemeinschaftssinn.«19
Wer Ciudad Trujillo [heute Santo Domingo; A.d.Ü.] – die Hauptstadt der Dominikanischen Republik (der heutige Name der Inselhälfte, die früher Hispaniola hieß) – besucht, wird dort eine Statue von Christopher Columbus vorfinden, die auch eine amerikanische Ureinwohnerin zeigt, die (laut Inschrift) dankbar den Namen des Entdeckers niederschreibt. Andererseits ist da die Geschichte des Häuptlings Hatuey, der sich – wegen seines Widerstands gegen die Invasoren zum Tode verurteilt – standhaft weigerte, den christlichen Glauben als Pforte zur Erlösung zu akzeptieren, nachdem er erfahren hatte, dass auch seine Henker hofften, in den Himmel zu gelangen. Es ist weitaus wahrscheinlicher, dass – statt der anonymen Frau – eher Hatuey die damalige Meinung der indigenen Bevölkerung bezüglich ihrer neuen Herren repräsentierte.
England und Frankreich folgten in ihren Kolonien mit der Versklavung der indigenen Bevölkerung der Praxis der Spanier. Es gibt allerdings einen auffälligen Unterschied: die Versuche der Spanischen Krone – so ineffektiv sie auch sein mochten – , die Versklavung der indigenen Bevölkerung auf diejenigen zu beschränken, die sich weigerten, sich zum Christentum zu bekennen, sowie auf die kriegerischen Kariben; auf Letztere mit der fadenscheinigen Begründung, dass es sich bei ihnen um Kannibalen handele. Aus Sicht der Britischen Regierung war die Versklavung der indigenen Bevölkerung – im Gegensatz zur späteren Versklavung der Schwarzen, bei der grundlegende imperiale Interessen involviert waren – eine rein koloniale Angelegenheit. So schreibt Lauber:
»Die Regierung im Heimatland war nur dann am Zustand der Sklaverei und der diesbezüglichen Rechtssprechung in den Kolonien interessiert, insofern es um den afrikanischen Sklavenhandel ging. Da sie [die Versklavung der indigenen Bevölkerung] nie so extensiv war, um die Versklavung der Schwarzen und den Sklavenhandel zu beeinträchtigen, wurde sie von der Regierung der Kolonialmacht nicht beachtet und verblieb im Status der Legalität, da sie niemals für illegal erklärt wurde.«20
Aber die Versklavung der Indigenen war in den britischen Dominions nie besonders umfassend. Ballagh schrieb über Virginia, dass die öffentliche Meinung nie nach einer »Unterwerfung der indianischen Rasse per se verlangte, wie es beim ersten Sklavengesetz von 1661 bei den Schwarzen der Fall war, sondern nur eines Teils davon – und zwar eines sehr kleinen Teils. ... Im Fall der amerikanischen Indigenen wurde die Sklaverei als eine ihrer Natur nach sporadische Sache angesehen – als eine Präventivmaßnahme, statt eines normalen und dauerhaften Zustands.«21 In den Kolonien Neuenglands war die Versklavung der indigenen Bevölkerung nicht profitabel, da sie für die diversifizierte Landwirtschaft ungeeignet war. Darüber hinaus waren die indigenen Sklav*innen ineffizient. Die Spanier entdeckten, dass ein schwarzer Sklave soviel wert war, wie vier indigene.22 Ein prominenter Amtsträger in Hispaniola bestand 1518 darauf, dass »eine Erlaubnis erteilt werde, Schwarze zu importieren; eine Rasse, die robust genug ist, um zu arbeiten – nicht wie die Indigenen, die so schwach sind, dass sie nur für Aufgaben verwendet werden können, die wenig Belastbarkeit erfordern, wie beispielsweise sich um Maisfelder und Bauernhöfe zu kümmern.«23
