Karl IV. - Pierre Monnet - E-Book

Karl IV. E-Book

Pierre Monnet

0,0
14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ehrgeiziger Herrscher, geschickter Diplomat und Kunstmäzen: Karl IV. Karl IV. hat viele Kronen getragen: König von Böhmen und Italien, römisch-deutscher König und später Kaiser. Er galt als sehr intelligent, hochgebildet und beherrschte fünf Sprachen. Karl IV. (1316-1378) war in jeder Hinsicht ein ungewöhnlicher Herrscher des Spätmittelalters und gilt vielen als früher Europäer. Der Mediävist Pierre Monnet legt die erste moderne Biografie seit über 30 Jahren vor - elegant geschrieben und fundiert recherchiert: - Ein Leben in drei Akten: Erobern - Herrschen - Überdauern - Vom Prinzen zum römisch-deutschen Kaiser: Wie Karl IV. ein Reich schuf - Hoheitliches Selbstverständnis: Einblicke in die Autobiografie von Karl IV. - Die Goldene Bulle: die langlebigste Nachfolgeregelung der europäischen Geschichte - Vermächtnis eines Herrschers: Von Kritik bis zu HeldenverehrungAusnahmeherrscher in einer krisenreichen Zeit Das 14. Jahrhundert war geprägt von Pest, 100-jährigem Krieg und dem Abendländischen Schisma, der zeitweiligen Spaltung der Kirche. Vor diesem Hintergrund wirken der Lebenslauf Karl IV, seine lange Herrschaft und die Spuren, die er in Europa hinterließ, umso beeindruckender. Er schrieb nicht nur die einzige Autobiographie eines mittelalterlichen Herrschers und gründete die Karls-Universität in Prag. Die von ihm 1356 veröffentlichte Goldene Bulle behielt als einzige mittelalterliche "Verfassung" bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Gültigkeit und prägte das politische Denken Europas. Pierre Monnet zeigt in dieser spannenden Biografie die Wechselwirkung zwischen einem einflussreichen Herrscher und der Zeit, in der er lebte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 629

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das im Frankfurter Stadtarchiv aufbewahrte Original der 1356 erlassenen Goldenen Bulle mit kaiserlichem Siegel.

Die französische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel

Charles IV. Un empereur en Europe bei Les éditions Fayard.

© Librairie Arthème Fayard, 2020

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung

durch elektronische Systeme.

wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.

© 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Lektorat: Julia Niehaus, Berlin

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Printed in Europe

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-4271-3

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): 978-3-8062-4272-0

eBook (epub): 978-3-8062-4273-7

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Für Viktoria und Jean-Baptiste, Kinder Europas

Inhalt

Einleitung

Teil I: Erobern

Kapitel 1

Der Prinz: 1316–1346

Ein freudiges Ereignis

Im Schatten des Vaters

Zwischen Böhmen und dem Heiligen Römischen Reich: die römisch-deutsche Krone

Kapitel 2

Der König: 1346–1355

Böhmen: Karl IV. und sein Reich

Die Beilegung der Reichskrise

1355: Ein Kaiser wird gekrönt

Kapitel 3

Der Kaiser: 1356–1378

Auf dem Höhepunkt kaiserlicher Macht? Die Goldene Bulle

Die Konsolidierung der Hausmacht

Dauerbrenner Italien

Karl IV. und Frankreich

Erster Akt

1378: ein letztes Mal Paris

Teil II: Herrschen

Kapitel 4

Ländernamen

Das Luxemburg der Luxemburger

Böhmen: vom Herzogtum zum Königreich

Von den Přemysliden zu den Luxemburgern

Drei Kronen für ein Reich

Kapitel 5

König sein

Identität als Person, Identität als König

Siegel und Kronen

Der König und seine Königinnen

Kapitel 6

Regieren

Die Reichsvikariate

Kanzler, Berater und Finanziers

Prag: der Regierungssitz

Nürnberg: die Nebenhauptstadt

Aufenthalte und Reisen

Kapitel 7

Karl IV. und die Städte

Ein vorhandenes Netzwerk

Eine flexible Politik

Verschleuderte Städte?

Städte als Regierungsstützpunkte

Zweiter Akt

1378: die letzte Station oder Tod in Prag

Teil III: Überdauern

Kapitel 8

Schriften und Reliquien

Ein gelehrter König: Gedenken und Autorität des Geschriebenen

Die Autobiografie: über sich selbst schreiben

Die Schriften des Herrschers

Die Leidenschaft für Reliquien

Kapitel 9

Karl IV. in seinen Porträts

Den König zeigen

Karl IV. in Bild und Wort

Porträts und Kryptoporträts unterschiedlicher Tradition

Karls Bild in Prag: Karlsbrücke und Veitsdom

Karlstein oder die Obsession für königlich-kaiserliche Erhabenheit

Das Bild des Königs im Schnittpunkt von Zeit und Raum

In Stein gemeißelt

Kapitel 10

Der König der anderen

Pro und kontra: das facettenreiche Bild im 14. Jahrhundert

Im 15. Jahrhundert: Das Scheitern der Luxemburger befleckt Karl IV. – und wäscht ihn wieder rein

Nach dem 16. Jahrhundert: geografische Einengung und Wandel des karolinischen Andenkens

Karl IV. als romantischer Nationalheld des 19. Jahrhunderts

Karl IV. in den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts

Dritter Akt

In der Waagschale: Wer war Karl IV.?

Karl IV. – eine Bilanz

Dank

Anhang

Stammtafel der Luxemburger

Karten

Chronologie

Anmerkungen

Weiterführende Literatur

Personenregister

Ortsregister

Abbildungsnachweis

Einleitung

Ein Sommernachtstraum

Der König träumt. Er träumt in Terenzo, wenige Wegstunden südwestlich von Parma. Man schreibt den 15. August 1333, Mariä Himmelfahrt. Der Verfasser dieser Schilderung, der sich durch die Verwendung des Pluralis Majestatis als Chronist seiner selbst ausweist, ist Gegenstand des vorliegenden Buches. Am Tag seiner Vision ist er 17 Jahre alt und noch ein Niemand, nicht einmal Markgraf des fernen Mähren. Doch an jenem Tag um das Jahr 1350, als er davon berichtet, ist er bereits seit über drei Jahren König von Böhmen und römisch-deutscher König und damit Anwärter auf die Kaiserkrone.

„In jener Nacht aber, als uns der Schlaf übermannte, hatten wir eine Erscheinung. Denn ein Engel des Herrn trat zur Linken unseres Lagers, stieß uns in die Seite und sprach: ‚Steh auf und folge uns!‘ […] Und er nahm uns vorn an den Haaren und trug uns mit sich durch die Lüfte, bis wir uns über einem großen Reiterheer befanden […]. Er […] sprach: ‚Gib Acht und schau hin!‘ Und siehe, ein anderer Engel kam vom Himmel herab mit einem feurigen Schwert in der Hand. Damit durchbohrte er einen Menschen, der sich inmitten des Heeres befand, und schlug ihm das Geschlechtsteil ab. […] ‚Wisse, dies ist der Dauphin von Vienne, der wegen der Sünde der Ausschweifung so von Gott durchbohrt wurde. Nun also nehmt euch in Acht! Auch eurem Vater könnt ihr sagen, er solle sich vor solchen Sünden hüten.‘ […] Plötzlich waren wir wieder an unseren alten Ort zurückversetzt, während der Morgen schon graute. […] Da ließ der Vater uns rufen und fragte, ob das wahr sei und wir das so gesehen hätten. Wir antworteten ihm: ‚Herr, seid versichert, der Dauphin ist tot.‘ Der Vater aber schalt uns: ‚Glaub‘ doch nicht an Träume!‘ […] Nach einigen Tagen brachte ein Bote die Nachricht, der Dauphin sei […] gestorben. Als unser Vater diese Nachricht hörte, sagte er: ‚Wir wundern uns sehr darüber, denn unser Sohn hat uns dessen Tod vorhergesagt.‘“1

Für Historiker ist eine solche Traumschilderung2 eine wichtige Quelle, die sich jedoch als Falle erweisen kann, vor allem, wenn der Verfasser über sich selbst spricht, denn die Versuchung, sich der Person besonders nahe zu glauben, ist umso größer.3 Sei es aufgrund des Einblicks in ihr Innenleben, den ein Traum besser als jedes andere Ereignis in ihrem Leben zu gewähren scheint, sei es aufgrund der Aussagen dieser Person über sich selbst, wie sie im Übrigen jedes „autobiografische“ Zeugnis beinhaltet. Als autobiografisch darf der Text – mit den üblichen Vorbehalten – eingestuft werden. Sein Verfasser war Karl IV., geboren 1316, gestorben 1378, Herrscher über Luxemburg, Böhmen, Mähren und Brandenburg, deutsch-römischer, lombardischer und burgundischer König und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs.4 Der Traum, den er 1333 träumte, bietet viele Ansätze für eine verführerische, wenn auch trügerische Annäherung. Finden sich darin nicht sogar Stichworte für eine tiefenpsychologische Analyse? Eine moderne Lesart könnte eine zwanghafte Beschäftigung mit dem Tod (des Dauphins) und der Sexualität (Amputation der Genitalien), den Vater-Sohn-Konflikt, die augenscheinliche Spaltung von Körper und Geist sowie die hellseherische Vorahnung hervorheben. Eine solche (Psycho-)Analyse würde jedoch den festen Platz, den die mittelalterliche Gesellschaft jedem Einzelnen, zumal einem König, zuwies, völlig unberücksichtigt lassen, und sie würde ausblenden, dass die Geschehnisse aus der Erinnerung niedergeschrieben wurden. Denn als die Vita in den Jahren 1349/50 entstand, war ihr Verfasser bereits 33 Jahre alt, so alt wie Jesus Christus bei seinem Tod.

Doch auch wenn wir uns vor Anachronismen hüten, bleibt die königliche Traumerzählung aufschlussreich. Sie gliedert sich in drei Schritte: den Traum selbst, die Erinnerung an ihn und die Niederschrift. Ganz zu Beginn „spricht“ der Traum. Er eröffnet den unmittelbaren Dialog zunächst zwischen Engel und Träumendem, später zwischen Vater und Sohn. Danach lässt er den Träumenden eine Reihe bewegter Szenen „sehen“. Und wie der Traum ist auch die Wiedergabe in drei Phasen unterteilt: Aufstieg, Vision und Schilderung. In der Niederschrift Karls oder desjenigen, dem er diktierte, ist der Traum weder Trugbild noch Lügengespinst, sondern Ausdruck der Überzeugung, dass Gott sich Karl im Traum offenbart hat. Hierin liegt der grundlegende Unterschied zwischen dem modernen „psychoanalysierten“ Traum und dem mittelalterlichen Traum. Für die Menschen des 14. Jahrhunderts enthüllte ein Traum keine verborgenen oder verdrängten Aspekte der Seele, sondern eine von außen kommende Botschaft, die dem Träumenden aufzeigte, welchen Weg er als Christ und als König einschlagen sollte – als Christ insofern, als der Wortlaut mit Zitaten aus der Heiligen Schrift gespickt ist, und als König, weil der Traum einer Erweckung ähnelt, symbolisiert durch den Aufstieg zum Himmel und die Rückkehr zur Erde.

Könnte es in dieser Schwebe zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Heranwachsenden und dem gestandenen Mann, zwischen dem jugendlichen Prinzen und dem späteren König, zwischen privater und erlauchter Person, an diesem Übergangsort also, der an das gut erforschte Sinnbild des Fegefeuers erinnert,5 nicht auch um persönliche Freiheit gehen – hier in Gestalt einer autobiografischen Traumerzählung? Dieses Zwischenreich bildet auch den Raum, der das christliche vom königlichen Subjekt trennt und die beiden zugleich eint. Nach der biblischen Überlieferung kennzeichnen Träume, die eine Wahrheit enthüllen, Personen höchster Autorität, und in der Tradition von Konstantin bis zu Karl dem Großen zeigte der Traum eines Königs immer dessen Macht an. Das Bewusstsein seiner selbst galt als königliche Tugend, verknüpft mit der Überzeugung, nur ein König, der seinen eigenen Körper beherrsche, könne auch sein Reich beherrschen. In der Welt, in der Karl IV. aufwuchs und regierte, bildete der Traum das Bindeglied zwischen den Lebenden und den Toten, Himmel und Erde, Vätern und Söhnen und regte einen politischen Diskurs über das Königtum an. Vielleicht ist gerade dieser Aspekt das Neue an dieser Traumerzählung: Karl ist König nicht trotz, sondern aufgrund des Traums. Vielleicht war es erst in jenem Jahrhundert und erst für diesen König überhaupt möglich, sich so zu äußern. Doch über welches Jahrhundert sprechen wir hier?

Das 14. Jahrhundert

Das 14. Jahrhundert – soweit diese Einteilung Historiker noch überzeugt6 – hat einen schlechten Ruf. Das Zentennium zwischen dem glänzenden 13. Jahrhundert mit seinen aufblühenden Städten und seinem demografischen und wirtschaftlichen Wachstum, und dem 15., das bereits einen Vorgeschmack auf die Neuzeit gab, ist gleichbedeutend mit Seuchen, Hungersnöten und Kriegen.7 Es wirkt wie der Inbegriff all der Ängste, die sich in einer uralten Litanei widerspiegeln: „Herr, erlöse uns von der Pest, vom Hunger und vom Krieg.“ Nicht genug, dass ab 1318 erste Missernten die Kleine Eiszeit ankündigten, zwischen den beiden größten Königreichen des Abendlands – Frankreich und England – Krieg ausbrach, der gesamte Alpenraum im Januar 1348 von einem bis Venedig spürbaren Erdbeben erschüttert wurde, 1338 und 1346 Schwärme von Heuschrecken über Europa herfielen, die Pest ab 1347 innerhalb weniger Jahre 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung dahinraffte und blutige Pogrome in Hunderten jüdischer Gemeinden auslöste und eine Währungskrise eintrat, zerriss 1378 zu allem Überfluss das Abendländische Schisma die Christenheit. Ein Jahrzehnt lang erschütterten immer wieder Aufstände die großen Städte, und schließlich drangen die Türken nach ihrem Sieg in der Schlacht bei Nikopolis 1396 in das christliche Europa vor.8 Dieses von Todeshauch durchwehte Zeitalter, ferner Spiegel9 unserer eigenen Ängste, inspirierte Historiker seit der Renaissance zu gewaltigen, düsteren Tableaus von verblüffender Aktualität in ihrer Voraussage, das Anthropozän werde zunehmend durch Wirren geprägt sein. Und dennoch schrieb Johan Huizinga in Herbst des Mittelalters 1919 – bezeichnenderweise unmittelbar nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs –, diese Epoche habe den „Geruch von Blut und Rosen in einem Atemzug“ ertragen.10 Nicht zuletzt war das 14. Jahrhundert auch die Epoche, in der Karl V., genannt der Weise, seine Bibliothek gründete, Petrarca und Dante, Froissart und Christine de Pizan schrieben, die Fresken der Guten und der Schlechten Regierung in Siena entstanden11 und Jean de Mandeville von seiner Reise ins Heilige Land berichtete, der Papstpalast in Avignon gebaut, in Brügge die erste Börse gegründet wurde und Venedig sich als wirtschaftliche Weltmacht etablierte.

Und es ist auch das Jahrhundert Karls IV., inmitten einer umfassenden Verschiebung oder eher noch Neuausrichtung der Machtverhältnisse zwischen West und Ost in Europa. Karl IV. ist Zeuge und zugleich Akteur dieses Wandels, der vielleicht erst dazu führte, dass dieser Teil des Kontinents sich als Europa zu verstehen beginnt.12 Die bedeutendsten Messen finden nun nicht mehr in der Champagne statt, sondern in Flandern, in den Städten am Rhein, in Frankfurt und in Leipzig; Silber aus den Minen in Kuttenberg, Freiberg und Iglau überschwemmt die Münzprägestätten in ganz Europa; die Nürnberger Hütten verarbeiten Luppen aus Rennöfen in der Oberpfalz, im Bayerischen Wald, Niederösterreich und dem Erzgebirge zu Eisenwaren für das ganze Abendland; Süddeutschland orientiert sich an den dynamischen Innovationen Norditaliens; die Hanse erhält 1358 eine konkrete Struktur und dominiert den Handelsaustauch zwischen England und Russland; in Preußen und östlich davon weitet der Deutschherrenorden sein Territorium aus und bekehrt die letzten „Heiden“ des Kontinents; in Polen, Böhmen und Ungarn schließlich entstehen neue Metropolen, werden neue Kathedralen errichtet und neue Universitäten gegründet.

Die Versuchung, einen einzelnen Mann, und sei er noch so herausragend, lediglich als Aufhänger für die Schilderung eines von Krisen geschüttelten Zeitalters zu benutzen, war groß. Doch nicht weniger gering war die Gefahr, nichts als die spannende Lebensbeschreibung eines Königs von der Wiege bis zum Grab zu präsentieren. Für beides hätte es eine solide Grundlage gegeben. Doch erst in der Schnittmenge beider Perspektiven lässt sich einerseits Karl IV. als Individuum anschaulich darstellen und andererseits der methodische Ansatz auf den Prüfstand heben. In der Tat geht es in diesem Buch weniger um die Lebensumstände eines einzelnen Mannes als vielmehr um Fragen, die eine Betrachtung der Epoche, in der er lebte, im Licht seiner Überlegungen und Bedenken aufwirft. Aus den von ihm eingeführten Neuerungen – das Regieren durch Wort und Bild, die Verwaltung einer Vielfalt von Territorien und Kulturen, die Umstrukturierung seines Reiches, die Annäherung der Randbereiche an die Mitte, die Anbindung von Ost- und Westeuropa oder die Begründung einer Tradition – ergab sich für die Zeitgenossen Karls IV. ein Problem, das auch heutige Historiker beschäftigt und dessen sich der Kaiser zweifellos mehr als jeder andere bewusst war: die Frage nach dem Individuum und seinem Aufstieg zum Herrscher. In diesem Fall das Problem der Definition und Darstellung der Person des Königs, die, allen Porträts, Unterschriften, Siegeln und seiner Autobiografie nach zu urteilen, im 14. Jahrhundert trotz – höchstwahrscheinlich sogar aufgrund ‒ aller Wirren eine neue Dimension erhielt.13 Insofern geht es in dieser biografischen Annäherung unter anderem um eine Form der Selbstfindung.

Doch ist ein solcher Ansatz angesichts einer mittlerweile offenbar global ausgerichteten Geschichtswissenschaft, die ihren Blick auf die ganze Welt und alle Jahrtausende erweitert, überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage legt zwei Arten der Annäherung nahe: über die Erinnerung und über die Geschichte. Beide sind untrennbar und dennoch grundverschieden, und gerade ihre Verknüpfung ist für Historiker von Interesse.

Erinnerung

Zunächst die Erinnerung. Was Karl IV. von Luxemburg (1316–1378) betrifft, wüssten tschechische Leser die im Raum stehende Frage kurz und knapp zu beantworten. Jede Umfrage im Land würde den Spitzenplatz bestätigen, den dieser Monarch im kollektiven Gedächtnis und Selbstverständnis als Pater Bohemiae oder Pater patriae einnimmt,14 zweifellos auch infolge seiner Stilisierung zum tschechischen Nationalhelden im 19. Jahrhundert.15 Weder die Integration Böhmens in das Österreich-Ungarische Kaiserreich der Habsburger bis 1918 noch die schwierige Geburt der Tschechischen Republik zwischen den Weltkriegen noch die Annexion durch das NS-Regime 1939 konnten diesem Erinnerungsgebäude das Geringste anhaben. Auch die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (1948–1989) trübte keineswegs dieses Bild, das übrigens die Kommunisten bei ihrer Machtübernahme im Zuge des Februarumsturzes 1948 sehr geschickt zu instrumentalisieren wussten. Diese kollektive Symbolik und Erinnerung an den großen Karl IV., auf einer Stufe mit dem Reformator Jan Hus, den das Konzil von Konstanz 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ, als legendären Gründer des böhmischen Staates und Beschützer der tschechischen Sprache im Mittelalter, wurde bei der Samtenen Revolution 1989 ebenso reaktiviert und mobilisiert wie bei der Teilung in Tschechien und die Slowakei 1993. Bereits ein kurzer Spaziergang durch Prag zeigt, wie präsent Karl IV. noch immer in der Stadt ist, von der Karlsbrücke mit ihrem Figurenschmuck bis zu den Mosaiken und Büsten im und am Veitsdom. Die Universität, Orte und Straßen sind nach ihm benannt, Hotels und Speisekarten schmücken sich mit seinem Namen. Das Andenken an den großen König ist allgegenwärtig. Nur wenige andere Bauwerke in Europa sind bis heute so fest mit der Erinnerung an eine einzige Person verbunden wie die rund 20 Kilometer vor den Toren Prags gelegene Burg Karlstein, die nicht nur kaiserliche Residenz, sondern auch privater Rückzugsort war und als Schatzkammer für die Reichskleinodien und Karls IV. Reliquiensammlung diente und damit zum Inbegriff einer einzigen Regierungszeit, eines einzigen Königs und all dessen, was ihn antrieb, wurde.

Doch wie steht es außerhalb Tschechiens? Sobald man die Grenze hinter sich lässt, verblasst das Bild Karls IV. rasch, doch im Gebiet des einstigen Königreichs Böhmen wird sein Andenken noch immer gepflegt. Vor allem ist Karl IV. ein Musterbeispiel für die großen Könige des Raumes, den wir in der Neuzeit unter dem im Spätmittelalter noch unbekannten Begriff „Mitteleuropa“ kennen und der im Laufe der letzten tausend Jahre umfassendere Grenzverschiebungen erlebte als jeder andere Teil des Kontinents.16 Das gilt auch für Böhmens großen Nachbarn Deutschland mit seiner lebendigen Erinnerung an Karl IV., vor allem als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und damit als ein Kettenglied in der langen Reihe von Königen und Kaisern, die bis 1806 über ein Gebiet herrschten, das doppelt so groß war wie die heutige Bundesrepublik. Er sprach Deutsch, residierte häufig im Land und ließ dort Schlösser, Burgen und andere Bauwerke errichten, von denen einige noch heute existieren. Über Heiraten und überkreuzte dynastische Bündnisse knüpfte er enge Bande zu den Fürstenhäusern von Bayern, Brandenburg und Österreich. Vor allem aber schenkte er diesem Flickenteppich aus Reichsstädten, Fürstentümern und Königreichen mit der 1356 verkündeten Goldenen Bulle die einzige dauerhafte „Verfassung“ des ausgehenden Mittelalters. Bis zum Untergang des Reiches zu Beginn des 19. Jahrhunderts legte dieses Dokument fest, dass der römisch-deutsche König in Frankfurt von den deutschen Fürsten gewählt und in Aachen gekrönt wurde und damit für die Kaiserkrone designiert war.17 Der unvollendet gebliebene Text ist die älteste und langlebigste Erbfolgeregelung des Abendlands und führt neben der Erblichkeit den Grundsatz der Königswahl durch die Kurfürsten ein, der nicht nur das politische Denken Europas langfristig prägte, sondern in Deutschland eine Territorialstruktur entstehen ließ, die auf Gleichgewicht, Kompromissbereitschaft und Zusammenhalt fußte.

Die kaiserliche Residenz Burg Karlstein.

Natürlich darf in diesem paneuropäischen Panorama des Gedenkens auch Luxemburg nicht fehlen, das als Stammhaus und Familiensitz Karls IV., als Grafschaft und späteres Herzogtum in der hier behandelten Epoche ein strategisch wichtiges, wohlhabendes Gebiet zwischen Flandern, dem Königreich Frankreich und den deutschsprachigen Ländern bildete. Für die Grafen von Luxemburg wendete sich das Blatt 1308 mit der Wahl von Karls Großvater Heinrich VII. zum römisch-deutschen König und seiner Kaiserkrönung 1312 in Rom. Karl IV. erbte hierdurch ein Fürstentum, dem es in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelang, drei Teilstücke in seinen Besitz zu bringen, die den Bogen vom Westen bis zum Osten Europas schlagen konnten: Luxemburg, das Heilige Römische Reich und Böhmen. Aus diesem Ehrgeiz, dieser Herausforderung speist sich das Andenken der Luxemburger an eine Dynastie, die nach dem Tod von Karls Zweitgeborenem Sigismund keinen europäischen Monarchen mehr stellte. Man darf sich aber durchaus ausmalen, was aus Europa bis zur Französischen Revolution geworden wäre, hätten die Habsburger die Luxemburger nicht abgelöst.18 Zumindest die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland in der Neuzeit hätten sich völlig anders entwickelt, doch auch der Kontinent sähe anders aus.19

Apropos Frankreich: Mit ziemlicher Sicherheit gehört der König, über den wir hier sprechen, im kollektiven Gedächtnis der Franzosen nicht zu den herausragenden Vertretern des Mittelalters. Dennoch bildete vor allem im 14. Jahrhundert das Bündnis zwischen den Luxemburgern und den Kapetingern und später dem Haus Valois in diesen beiden Reichen eine diplomatische Konstante, vor allem in der Frühphase des Hundertjährigen Krieges. Karl IV. wurde nach Karl IV. von Frankreich benannt, verbrachte sieben Jahre in Paris, heiratete in dieser Zeit eine französische Prinzessin und gestaltete seine eigene Hauptstadt Prag nach französischem Vorbild. Auch hinsichtlich Kunst und Kultur lässt sich durchaus von einem kontinuierlichen Austausch zwischen beiden Höfen sprechen. Bezeichnenderweise führt seine letzte Reise Karl IV. 1377/78 nach Paris, um dort noch einmal die Paläste, Kirchen, Reliquien und Burgen seiner Kindheit wiederzusehen. Doch all diesen engen, fruchtbaren Beziehungen zum Trotz ist in Frankreich von diesem Atemzug der Geschichte (fast) nichts mehr zu spüren. Warum ihn also wieder heraufbeschwören?

Geschichte: ein Leben (be)schreiben

Kommen wir zur zweiten Form der Annäherung, der Geschichte. Die Haltung von Historikern zum Nutzen einer „Biografie“ hat selbst bereits eine Geschichte.20 Die Romantik und die positivistische Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen begeisterten sich für Biografien, nicht nur, weil sie für ein breites Publikum interessant waren, dem Nationalstolz schmeichelten und Stellung und Rolle des Historikers untermauerten, sondern auch aufgrund der Art, die Vergangenheit zu konstruieren, auszumalen und den Lauf der Zeit in Regierungszeiten und aufeinanderfolgende Reiche zu unterteilen. Eine bedeutende Person verkörperte eine ganze Epoche, ein Jahrhundert und seinen Geist: Ihr Leben mit seinen Höhen und Tiefen stand stellvertretend für das ihrer Zeitgenossen und spiegelte die kollektiven Vorgänge, die diese Person durch ihr Handeln ihrerseits mitgestaltete. Für das Mittelalter standen in diesem Sinne unter anderem Karl der Große, Ludwig der Heilige, Jeanne d’Arc und Friedrich II.

Aus eben diesen Gründen kritisierte die neue historiografische und erkenntnistheoretische Strömung, in Frankreich unter anderem vertreten durch die Annales-Schule, das Genre der Biografie als zu eng, zu emotional, zu personalisiert.21 Nach der Abkehr von den großen systemischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, der Rückbesinnung auf Subjekt und Akteur und eine dichte, nah am Gegenstand bleibende Schilderung durch die fachübergreifende Zusammenarbeit insbesondere mit Kunst und Literatur, den Aufbau von Spannungsbögen und schließlich das, was man Mikrogeschichte nennen könnte, gesteht man dem Genre der Biografie seit einigen Jahrzehnten wieder eine Deutungsfähigkeit zu, die man ihm eine Zeit lang abgesprochen hatte. Nun jedoch aufgrund seines hybriden, transversalen und experimentellen Charakters, der sich nicht auf den Triumph des Willens einer überragenden Persönlichkeit über den Lauf der Ereignisse beschränkt.22

Das ist das Anliegen des vorliegenden Bandes: Es geht weder (nur) darum, das Privatleben eines Königs aufzudecken, noch ein umfassendes Bild seiner Regierungszeit zu zeichnen, erst recht nicht um die Wiederherstellung einstigen Ruhms. Man möchte vielmehr diese Einzelperson quasi zum Beobachtungsposten erklären und mit ihrer Hilfe einen Zeitausschnitt ausleuchten.23 Als Jacques Le Goff 1996 seine Biografie Ludwigs des Heiligen in Angriff nahm, definierte er mehrere methologische Prämissen für eine solche Lebensgeschichte: Die betreffende Person muss dokumentarisch hinreichend belegt sein, sei es von eigener Hand oder durch andere, damit man von ihr ausgehend weiterreichende Fragen diskutieren kann; sie muss im kollektiven Gedächtnis Spuren hinterlassen haben, die bis heute relevant sind; die oder der Historiker*in muss das Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft aufzeigen können; und er oder sie muss eine gewisse Sympathie für die biografierte Person verspüren.24 Le Goff strebte eine „Gesamtgeschichte“ Ludwigs des Heiligen an. Im Fall Karls IV. sind diese Prämissen erfüllt. Hinzu kommt eine Dimension, die bei Ludwig dem Heiligen fehlte, nämlich die der Autobiografie.25 Sie bestärkt den Eindruck, dass dieser Mann sich seiner Individualität bewusst war, oder zumindest dessen, was seine Zeit sich darunter vorzustellen vermochte.

Somit ist geklärt, welche Ziele die nachstehende Biografie verfolgt und welche Vorbehalte zunächst ausgeräumt werden mussten. Bleibt noch zu gestehen, dass sie zweifellos zu wenig tschechisch ist, weil ihr Autor diese Sprache nicht beherrscht.26 Stattdessen kommt Karl IV. in diesem Fall (hoffentlich) französischer und deutscher, ja sogar möglichst europäisch daher, und zwar nicht aus politischer Korrektheit und Konvention, sondern zum einen aus der Überzeugung heraus, dass dieser Monarch, der fünf Sprachen in Wort und Schrift beherrschte, zu seiner Zeit ein Herzogtum, mehrere Markgrafentümer, vier Königreiche und ein Kaiserreich zu einem Gebiet verschmolz, in dem zehn bis zwanzig Sprachen oder Dialekte gesprochen wurden, das sich über vier Klimazonen mit warmen und kalten Meeresküsten, Gebirgen, Ebenen, Strömen und Fernstraßen erstreckte, auf eine Weise regierte und Unvereinbares zusammenzuhalten verstand, die bis heute zum Nachdenken anregt. Der zweite Aspekt ist die Gewissheit, dass die Pluralität der Blickwinkel auf Karl IV. in seiner französischen, italienischen, deutschen, tschechischen und Luxemburger Gestalt beileibe kein Hindernis, sondern Voraussetzung dafür ist, ihn zu verstehen. Was auch beinhaltet, dass der Rückzug auf einen engen, nationalen Blickwinkel fatal und wissenschaftlich unangebracht wäre.

Auch auf die Gefahr hin, gelegentlich zu verwirren, hält sich dieser Band deshalb nicht immer an den traditionellen Lebenslauf von der Jugend bis zum Tod, sondern wechselt immer wieder die Perspektive und verlässt die Chronologie, um nicht nur einen, sondern mehrere Karl IV. zu entdecken. Sein Leben entfaltet sich in drei Akten wie in drei Daseinszuständen eines dem Herrschen geweihten Lebens, drei Zeitstufen und damit drei Atemzügen der Geschichtsschreibung. Im ersten Akt – Erobern – konstituieren sich die Gestalten eines Fürsten, Königs und später Kaisers. Im zweiten – Herrschen – geht es um die ungewöhnlichen neue Wege des Königtums. Im Mittelpunkt des letzten Akts schließlich stehen Porträts, Reliquien, Schriften und Gedenken. Von diesen drei Ansätzen, in denen sich Ereignisse und Strukturen vermischen, erscheint uns keiner wahrhaftiger oder legitimer als die anderen. Jeder davon hilft uns zu klären, was in jener Epoche möglich und unmöglich war, welche Entscheidungen Karl IV. mit Blick auf seine diversen Kronen traf oder vermied und welche Vorbehalte er hegte, um die Verflechtungen und Widersprüche einer Geschichte zu entwirren, die zur Erinnerung geworden ist.

I. EROBERN

Es dauerte 30 Jahre, bis der spätere Karl IV. zum König gekrönt wurde. Im damaligen Europa war dergleichen keine Seltenheit, und selbst in Monarchien, deren Nachfolge strikt durch das Erblichkeitsprinzip geregelt war, mussten nicht wenige Prinzen lange warten, bis sie nach dem Tod ihres Vaters dessen Thron besteigen durften. Doch selbst unter Berücksichtigung der zunächst bescheidenen Rolle seines Hauses und des Wahlprinzips, dem die Weitergabe der Königskrone im Heiligen Römischen Reich unterstand, war die Krönung des jungen Luxemburger Prinzen ein langwieriger, zäher und Zufällen unterworfener Prozess. Um 1346 und 1347 innerhalb weniger Monate zum römisch-deutschen und böhmischen König gekrönt zu werden, führte Karl sämtliche Waffen ins Feld, die ihm als Prinz zur Verfügung standen: Er kämpfte, verhandelte, heiratete, setzte auf Geld, Gesetze und dynastisches Denken, brach Bündnisse, studierte und lernte regieren und versicherte sich der Unterstützung Mächtigerer, angefangen mit dem König von Frankreich, dem Papst und dem deutschen Hochadel. Hinzu kam, sagen wir es ruhig, eine frühzeitige klare Vorstellung von seinem Leben, seinen Titeln und seiner Person.

Auch dies war nicht außergewöhnlich, denn der Werdegang vieler Prinzen verlief nach einem ähnlichen Muster. Origineller ist dagegen, dass er diesen Aufstieg und später seine Machtentfaltung in jeder Etappe im vollen Bewusstsein der bereits zurückgelegten und der noch vor ihm liegenden Strecke betrachtete und reflektierte. Unter diesem Aspekt lässt sich die von Karl IV. um 1350 im Pluralis Majestatis verfasste Vita vielleicht als frühe Manifestation und zugleich als Medium einer Form der Erklärung und Rechtfertigung des eigenen Handelns verstehen, die später Schriften, Porträts, Reliquien und Bauwerke immer wieder vermitteln. Kurz gesagt als eine ihm eigene, für einen amtierenden König ungewöhnliche Art und Weise, über das enge Band zwischen Mensch und Macht, die private Dimension seiner Person und die öffentliche Tragweite seines Amtes nachzudenken. Via est vita, lautet ein lateinisches Sprichwort: Der Weg ist das Leben. Nur wenige Könige des 14. Jahrhunderts machten sich so intensiv Gedanken über den Sinn dieser Sentenz im Schnittpunkt zwischen persönlichem Schicksal, Vorbestimmung und Heil im Dienste einer königlichen und später kaiserlichen Regierung. Er war sich – wohl als letzter Monarch seiner Epoche – sehr bewusst, dass er das Universelle und Himmlische mit den Zufälligkeiten des Irdischen verweben musste, noch dazu in einer Zeit voller Krisen, die Ängste vor einem bevorstehenden Weltuntergang schürten.

Vor diesem Hintergrund sollten wir die drei Phasen seines Lebens als Prinz, König und Kaiser neu betrachten und miteinander verknüpfen. Es war darauf ausgerichtet, Gegensätze miteinander zu versöhnen: Vater und Sohn, Königtum und Kaisertum, König und Mensch, Ost und West, Nord und Süd, und letzten Endes auch sich selbst mit sich selbst. Dieses dynamische Spiel der Gegensätze definiert das, was man einen Individuationsprozess nennen könnte, zumindest die Selbst-Werdung eines Mannes und Herrschers, der über einen Namen, ein Bewusstsein, ein Ziel, eine Erinnerung und ein Selbstbild verfügte. Ein Selbstbild, das Karl mit Hingabe in Bildern, Schriften und Symbolen ausdrückte.

Kapitel 1

Der Prinz: 1316–1346

Ein künftiger König wird geboren. „Diesem König Johann von Böhmen schenkte Königin Elisabeth im Jahre 1316, in der ersten Stunde des 14. Mai, zu Prag seinen ersten Sohn Wenzel.“1 So schildert Karl in seiner Lebensbeschreibung die eigene Geburt. Dass er Tag und Stunde der Niederkunft nennt, ist der neuen Aufmerksamkeit für die astrologische Planetenkonstellation2 ebenso geschuldet wie der Tatsache, dass man in dieser Zeit begann, nicht mehr den Sterbetag, sondern den Geburtstag zu feiern.3 Die Angabe zur Geburt Wenzels/Karls folgt auf einen Absatz, in dem er das Haus Luxemburg in den Mittelpunkt der Fürstentümer rückt, deren rechtmäßiger Erbe er ist, bestehend aus der Grafschaft Luxemburg nach seinem Vater, dem Königreich Böhmen nach seiner Mutter und der Aussicht auf die Kaiserwürde nach seinem Großvater. Als er diese Zeilen Mitte des 14. Jahrhunderts verfasst, ist er längst König und kennt seinen Lebenslauf. Doch zum Zeitpunkt seiner Geburt war all das noch ungewiss.

Wie viele zeitgenössische Fürsten und Könige ging auch Karl IV. aus einer Verbindung in einer Reihe von dynastischen Verknüpfungen und strategischen Heiraten hervor, deren Erfolg oder Scheitern nicht nur von demografischen und territorialen oder politischen Faktoren abhing, sondern auch von zufälligen Zusammentreffen. So war keineswegs vorhersehbar, dass eine relativ bescheidene Grafenlinie wie die Luxemburger letztlich bis 1437 auf der europäischen Bühne Bestand haben und, zählt man sämtliche Äste des Stammbaums und alle Kronen zusammen, insgesamt dreizehn Könige, zwölf Königinnen und drei Kaiser hervorbringen würde. Und wer hätte 1316 geahnt, dass der Sohn, den Johann von Luxemburg und Elisabeth von Böhmen nach zwei totgeborenen Kindern bekamen, einst zu den einflussreichsten Herrschern des 14. Jahrhunderts gehören würde?

Zwei dieser Ehebande sind besonders interessant. Das eine entsteht 1292 durch die Heirat von Karls Großvater Heinrich VII. (1274–1313), Graf von Luxemburg, mit Margarete von Brabant. Mit ihr beginnt ein kometenhafter Aufstieg, dessen Früchte letztlich Karl IV. erntet: Heinrich festigt die Grafschaft seiner Familie durch eine Ehe, die eine langjährige Fehde mit dem nahen, mächtigen Herzogtum Brabant beendet, wird zum römisch-deutschen König gewählt und später zum Kaiser gekrönt, und vermählt schließlich seine drei Kinder mit den einflussreichsten Königshäusern des Kontinents. Johann heiratet 1310 Elisabeth, letzter Spross und seit 1306 Erbin der böhmischen Přemysliden, Beatrix ehelicht 1318 den ungarischen König Karl I. Robert von Anjou, Marie 1322 König Karl IV. den Schönen von Frankreich. Der Tod Heinrichs VII. 1313 in Buonconvento bei Siena bringt diese Erfolgsstory zwar vorübergehend ins Stocken, die königlichen Hochzeiten seiner beiden Töchter finden ohne den Vater statt, aber man sollte seine Regierungszeit keinesfalls allein im Licht dieser Tragödie betrachten. Das belegen kürzlich veröffentlichte Urkunden aus seiner Regierungszeit.4 Heinrich VII. war eindeutig derjenige, der das Haus Luxemburg an die Spitze des räumlich, politisch und symbolisch größten westlichen Reiches katapultierte.5 Dante als rückhaltloser Unterstützer der Ghibellinen und des Kaisertums war sich dessen sehr wohl bewusst, als er allein Heinrich VII. einen Platz im Paradies zuwies. Im 30. Gesang der Göttlichen Komödie heißt es: „In diesem großen Stuhl, zu dem die Krone / mit welcher er schon prangt, dein Auge lenkte, / wird, eh’ an diesem Hochzeitsmahl du teilnimmst, / des hohen Heinrichs Seele, der auf Erden / den Purpur tragen wird, und der Italien / zu heilen kommt, eh’ es bereit ist, thronen.“6

Das zweite wichtige Eheband knüpfen 1310 Karls Eltern Johann und Elisabeth im Speyerer Dom, nachdem eine zwölfköpfige böhmische Gesandtschaft offiziell darum geworben hat. Wie damals üblich, sind die Brautleute blutjung: Johann ist 14, Elisabeth 18 Jahre alt.7 Sicher nicht zufällig reserviert Johanns Onkel Balduin dieser Hochzeit in der Bilderchronik, die er anlässlich der Krönung seines Bruders Heinrich zum römisch-deutschen König und zum Kaiser in Auftrag gibt, einen Ehrenplatz. Mit Bedacht steht die Episode im Codex Balduini unmittelbar unter einer Buchmalerei, die Heinrich und Margarete in Anbetung der Heiligen Drei Könige in Köln zeigt, so als kündigten die drei zusätzlichen Kronen (zusammen mit denen des königlichen Paares sieht man in der Miniatur fünf) bereits die Häufung von Königreichen an.8 Ebenfalls kein Zufall ist, dass die erste bedeutende Chronik in tschechischer Sprache, die sogenannte Chronik des Dalimil, 1326 mit einem Kapitel über Johanns Heirat und Regierung endet: „Dann, als die Böhmen erkannten, dass sie in dem Kärntner [Heinrich von Kärnten] keinen Verbündeten hatten, gaben sie die Königstochter Elisabeth Johann zur Frau, dem Sohn des Kaisers und Grafen von Luxemburg, und luden ihn ein, den Thron zu besteigen. Sie vertrieben den Kärntner wegen des Mährers und krönten Johann von Luxemburg zum König von Böhmen. Gebe Gott, dass es lange hält!“9 Auch in dieser Hinsicht wurden Johanns Regierungs- und Handelsweise kürzlich neu bewertet. Gewiss war er ein Heißsporn, als Ritter stets darauf bedacht, auf dem Schlachtfeld Ruhm und Ehre zu erwerben. Gewiss war er weder der eifrigste noch der bestorganisierte König, den Böhmen je hatte. Gewiss hatte er bei seinen Vorstößen nach Italien nicht immer eine glückliche Hand. Aber er konsolidierte das Bündnis mit Frankreich, verstand es, Böhmen unter Kontrolle zu halten und um Schlesien zu vergrößern, und er manövrierte geschickt durch das Spannungsfeld zwischen den Wittelsbachern und den Habsburgern – den beiden großen deutschen Fürstenhäusern seiner Zeit –, und erwirkte so 1346 die Wahl seines Sohnes Karl zum König.

Ein freudiges Ereignis

Die Geburt Wenzels (später Karls) von Böhmen am 14. Mai 1316 in Prag fand nicht nur in seiner eigenen Lebensbeschreibung Erwähnung, sondern auch bei einem anderen bedeutenden Chronisten jener Zeit. Der gebürtige Böhme Peter von Zittau war 1305 in das Zisterzienserkloster Königsaal (Aula Regia) eingetreten und dort 1316 zum Abt aufgestiegen.10 Die Abtei, die Wenzel II. 1292 wenige Kilometer südlich von Prag gegründet hatte, war zum bevorzugten Kloster des přemyslidischen Königshauses geworden und diente ihm als Grablege. Ihre letzte Ruhe fanden dort neben dem Gründer und seiner Tochter Elisabeth, der Mutter Karls IV., auch Angehörige des Hauses Luxemburg, allen voran Margarete, eine Schwester Karls IV., und Johanna von Bayern, die Gemahlin Wenzels IV. Mit seinen königlichen Gruften rühmte sich das Kloster Königsaal, Hüterin des böhmischen Königtums zu sein, so wie die Abtei Saint-Denis für Frankreichs Monarchen. Ab den 1290er-Jahren führte Abt Otto von Thüringen das Chronicon Aulae Regiae,11 in dem sich die Geschichte des Klosters mit der Böhmens und des Heiligen Römischen Reiches seit 1253 vermischt. Sein Nachfolger Peter von Zittau setzte die Chronik bis zu seinem Tod 1339 fort. Er war außerordentlich gut informiert, nachdem er 1305 das lange Sterben König Wenzels II. miterlebt, die Anfänge der neuen Dynastie der Luxemburger in Böhmen verfolgt und Heinrich VII. nach Italien zur Kaiserkrönung in Rom begleitet hatte.12 Zudem war er der Beichtvater von Königin Elisabeth. Die Königsaaler Chronik galt schon früh historisch und literarisch als so bedeutend, dass sie als Blaupause für alle großen spätmittelalterlichen Chroniken Böhmens diente. Im 127. Kapitel des Ersten Buchs heißt es: „Im Jahre des Herrn 1316 am Vortag der Iden des Mai in der ersten Stunde wurde in der Stadt Prag Wenzel, der erste Sohn des Herrn Königs Johann und der Frau Elisabeth, Königin von Böhmen und Polen, geboren. Bei seiner Geburt erhoben sich Freude und Jubel bei allen, die das Glück für König und Königreich liebten. Dieser Knabe wurde am dritten Tag vor den Kalenden des Juni am heiligen Pfingsttag in der Kathedralkirche zu Prag in Gegenwart des Herrn Balduins, Erzbischofs von Trier, der Bischöfe Herrn Johannes von Prag und des Herrn Hermann von Prizren durch Herrn Peter, den Erzbischof von Mainz, unter freudigen Zurufen aller Anwesenden feierlich aus dem heiligen Taufbrunnen wiedergeboren.“13

Auffallend ist hier nicht nur die Wiederholung der Ordinalzahl „erster“, die gleich zu Beginn den mit dieser Geburt verknüpften Aspekt des Neuanfangs hervorheben soll, sondern auch die fast wörtliche Übereinstimmung zwischen dem ersten Satz des Chronicon Aulae Regiae und der 1350 von Karl IV. in seine Autobiografie eingebetteten Chronik. Interessanterweise ist das Ereignis nur in zwei zeitgenössischen Schilderungen bezeugt, aus denen alle späteren Quellen lediglich zitieren.14 Es finden sich also nur wenige Erwähnungen, noch dazu alle in Böhmen. Die Geburt dieses Kronprinzen erhielt bei Weitem nicht die Aufmerksamkeit wie rund 50 Jahre später diejenige von dessen Erstgeborenem Wenzel 1361 in Nürnberg. Als dritter Aspekt fällt auf, dass die eingehendere Schilderung von Geburt und Taufe des späteren Karl IV. bei Peter von Zittau, wie ab dem Mittelalter unter anderem bei Krönungen, Hochzeiten und Beisetzungen üblich, auch auf das soziale Umfeld eingeht und damit Einblick in den Kreis seiner Verbündeten und Unterstützer gewährt. Abgesehen von Vater und Mutter des kleinen Prinzen nennt die Chronik neben dem Bischof von Prag als Hausherrn die Erzbischöfe von Trier und Mainz, zwei der mächtigsten Kirchenfürsten des Reiches, beide noch dazu de facto Kurfürsten, schon bevor sie 1356 dieses Amt offiziell ausübten. Der Erzbischof von Trier, den die Chronik an erster Stelle nennt, war Balduin, Großonkel des späteren Karl IV. und Bruder des verstorbenen Kaisers Heinrich VII. Bis zu seinem Tod 1354 war er derjenige, der die Geschicke des Hauses Luxemburg auf dem politischen Parkett Europas lenkte. Balduin hatte in Paris studiert und am französischen Hof gelebt. Ab 1308 stand er der mächtigen Kirchenprovinz Trier vor und betrieb noch im selben Jahr mit Unterstützung des Erzbischofs von Mainz, Peter von Aspelt (dessen Anwesenheit bei der Taufe die Chronik ebenfalls erwähnt), die Wahl seines Bruders zum römisch-deutschen König, denn schließlich ist ein großer Kirchen- und Kurfürst auch, vielleicht sogar an erster Stelle, ein Landesherr. Sein Erzbistum reformierte er mit einer Reihe von Kodifikationen, die unter seinem Namen in den Balduineen15 zusammengefasst sind und später die Gesetzgebung seines Großneffen beeinflussten. Zudem setzte er seine Berufung zum Administrator mehrerer weiterer Bistümer und Erzbistümer im mächtigen, wohlhabenden Rheinland durch und trug bei seinem Tod den Titel Erzkanzler des Reiches.16 Seine Territorialpolitik, seine enge Bindung an das Königreich Frankreich, seine Neigung zu kaiserlichem Glanz, seine Liebe zur zeitgenössischen Kunst und Literatur waren für Karl IV. zweifellos prägend. Um 1340 gab Balduin eine prachtvolle Bilderhandschrift in Auftrag, die als Kaiser Heinrichs Romfahrt bekannt ist, da sie vom Italienzug von Balduins Bruder Heinrich VII. berichtet.17 Balduins eigene Taten sind Gegenstand der ebenso ausführlichen wie schmeichelnden Gesta Baldewini.18

Der bereits erwähnte Peter von Aspelt war von 1306 bis zu seinem Tod 1320 Metropolit von Mainz.19 Seine Gegenwart im Dunstkreis der Häuser Luxemburg und Böhmen beruhte auf seiner vormaligen Stellung als Kanzler des Přemysliden-Königs Wenzel II. Diesen Titel behielt er unter Heinrich VII. bei, als sein Erzbistum für Böhmen zuständig war. Zudem hatte Peter von Aspelt den Vorsitz bei den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Johanns und Elisabeths zu König und Königin von Böhmen 1311 in Prag übernommen. Der illustre Kreis, der um die Wiege des künftigen Karl IV. versammelt war, bildete eine solide Grundlage für Wohlstand und Macht des Hauses Luxemburg in dieser Zeit.

Nach Ausschaltung seines Gegenspielers Heinrich von Kärnten 1310 konnte Johann trotz seiner oft monierten Abwesenheit im Königreich, die im Übrigen diversen Mitgliedern des böhmischen Hochadels gar nicht ungelegen kam, ab 1316 in Prag unangefochten regieren. Nach einem Aufstand von Teilen des Reichsadels unter der Führung von Heinrich von Leipa, den möglicherweise Königin Elisabeth verschärft hatte, gelangte er 1318 mit dem Adel zu einem Kompromiss, der den Fortbestand der Feudalrechte der böhmischen Großen sicherte. Fortan musste jede allgemeine Steuer durch eine Versammlung der böhmischen Landstände genehmigt werden, und zum Heerbann durfte der König nur noch zur Verteidigung des Königreichs aufrufen. Als Preis für die endgültige Akzeptanz eines Luxemburgers auf dem Přemysliden-Thron waren dies nicht unerhebliche Zugeständnisse, denn letztlich ging es bei Steuern und Waffendienst um die beiden Grundpfeiler des Herrschaftsverhältnisses zwischen König und Adel. Andererseits bildete Böhmen im ausgehenden Mittelalter, als die Neuerungen der Monarchien fast überall mit den Vorrechten des alten Adels kollidierten und dessen Widerstand weckten, in dieser Hinsicht keine Ausnahme.20 Diese gegenläufigen Interessen gaben, wie wir heute wissen, den Anstoß zur Weiterentwicklung der aristokratischen Eliten zu Adelsklassen mit entsprechendem Selbstverständnis.21 Einen Nachhall dieser Geschehnisse bildete die ablehnende Haltung der adligen Landstände Böhmens gegen die Maiestas Carolina, das von Karl IV. 1355 für sein Reich verfasste Gesetzbuch.

Im Schatten des Vaters

Bei der Geburt seines ersten Sohnes ist der 20-jährige Johann jedenfalls nicht nur König von Böhmen, sondern auch Markgraf von Mähren und Graf von Luxemburg und erhebt zudem Anspruch auf den polnischen Königsthron, dessen Titel sein Schwiegervater Wenzel II. bereits getragen hatte. Diese Forderung Johanns, obwohl er schon alle Hände voll damit zu tun hat, die Lage in Böhmen zu beruhigen und seine Stellung im Reich zu festigen, ist seiner Politik der Vereinigung der Kronen geschuldet, die im Übrigen das ganze 14. Jahrhundert hindurch immer wieder verfolgt wurde, später auch von Ungarn, dem Heiligen Römischen Reich und den österreichischen Habsburgern. 1320 jedoch wollen die Polen von einer Doppelherrschaft nichts wissen und vertrauen den Thron dem Piasten Wladislaus I. an.22 Auf anderen politischen Bühnen hingegen zeigt Johann in der Mitte des Jahrzehnts Stärke. Seine Teilnahme an mehreren Feldzügen des Deutschherrenordens in Polen und bis nach Litauen und sein Anspruch auf Schlesien, den er nie aufgibt, zeigen, dass der junge Luxemburger von seinem Königreich Böhmen aus politisch große Pläne hegt.

Die erste und zugleich größte Herausforderung stellte sich Johann im Reich. 1314 stand endgültig fest, dass er seinem Vater nicht auf den römischdeutschen Thron nachfolgen würde. Diese Schlappe hatte mehrere Gründe. Johann war sehr jung und hatte noch keinen sicheren Stand in seinem eigenen Königreich Böhmen. Auf der anderen Seite hatte sein Vater als Kaiser einen Ehrgeiz bewiesen, der manchen Kurfürsten argwöhnisch machte. Als mächtiger Hüter und Berater der Dynastie sprach sich sein Onkel Balduin dafür aus, in diesem Fall den Wittelsbacher Ludwig IV. zu unterstützen,23 denn Friedrich der Schöne von Habsburg konnte in seinen Augen den im Westen gelegenen Gebieten der Luxemburger und letztlich sogar dem Königreich Böhmen weitaus gefährlicher werden. Auf Betreiben seines Onkels versuchte Johann vom Machtkampf zwischen den beiden Kandidaten zu profitieren, die jeder etwa gleich viele Stimmen der Kurfürsten für sich verbuchen konnten. Beide ließen sich am selben Tag krönen: Friedrich in Aachen und Ludwig in Bonn. Ohne hier auf die einzelnen Phasen der Auseinandersetzungen zwischen den beiden Widersachern einzugehen, ist erstens interessant, dass Papst Clemens V. als gewiefter Taktiker keinen der beiden als König anerkannte, mit dem Ziel, das Heilige Römische Reich entsprechend der schon von seinen Vorgängern seit dem 13. Jahrhundert verfolgten Strategie möglichst zu schwächen, das Kurkollegium zu spalten und im Hinblick auf eine spätere Kaiserkrönung in Rom Druck auf die deutschen Königshäuser auszuüben. Die Kaiser-Frage war allerdings von heiklen Differenzen und Animositäten zwischen den italienischen Parteien überschattet, die für die Päpste immer undurchsichtiger wurden, seit sie ab 1309 quasi unter der Kuratel des französischen Königs in Avignon residierten. Zweitens gab die Konfrontation zwischen Habsburgern und Wittelsbachern den Luxemburgern nicht nur Gelegenheit, das eine Haus gegen das andere auszuspielen und Kapital aus ihrer Unterstützung zu schlagen, sondern kam Johann auch angesichts der Politik, die er im Osten, in Frankreich und Italien zur Durchsetzung eigener dynastischer Interessen zu verfolgen gedachte, gar nicht ungelegen. Drittens schließlich deuteten die 1314 zur Bewältigung der Krise im Reich getesteten Lösungen einen politischen und territorialen Kurswechsel an, der den Luxemburgern langfristig in die Hände spielen mochte.

Nach seiner Niederlage 1322 in der Schlacht bei Mühldorf wurde Friedrich der Schöne von Ludwig IV. inhaftiert. Der Wittelsbacher, der sich als einzigen legitimen römisch-deutschen König sah, stellte sich damit gegen den Papst und verlor dadurch auch den Rückhalt Johanns von Böhmen, der im Feld an seiner Seite gestanden hatte, auch wenn der weiterhin die Habsburger bekämpfte, denen nun Friedrichs jüngerer Bruder Leopold vorstand.24 Ludwig IV. wurde 1324 von Johannes XXII. exkommuniziert und musste im Jahr darauf Friedrich freilassen und als Mitkönig des römischdeutschen Reiches anerkennen, wenn auch nur per Vertrag und ohne Krönung. Diese aus Sicht vieler Historiker erstaunliche Doppelherrschaft warf zwei unlösbare Probleme auf. Zum einen ließ sich der Wittelsbacher 1328 in Rom durch den von ihm selbst designierten Gegenpapst Nikolaus V. zum Kaiser krönen und delegitimierte damit seine anderen Titel. Zum anderen brachte das 1325 ausgehandelte und 1326 erneut proklamierte „Mitkönigtum“ keine Klärung in der Frage, die jedes mittelalterliche Fürstenhaus umtrieb: die der Erblichkeit und Weitergabe von Königreichen, in diesem Fall des Kaiserreichs.

Friedrich, der keinen männlichen Erben hatte, zog sich nach dem Verlust der Krone bis zu seinem Tod 1330 auf sein Herzogtum Österreich zurück. Ganz anders Ludwig IV., der zehn Kinder aus zwei Ehen vorzuweisen hatte, darunter seinen ältesten Sohn Ludwig, der später seine eigene Stellung in Bayern, Brandenburg und Tirol festigen konnte. Immerhin hatte er ab 1330 sogar als exkommunizierter Kaiser von den Habsburgern keine Konkurrenz mehr zu befürchten. Blieben noch die Luxemburger, allen voran Johann und dessen inzwischen 14-jähriger Sohn Karl. Das Haus hatte seit 1314 teils mehr, teils weniger fest aufseiten der Bayern gestanden, und der Turnierheld Johann, der keinem ritterlichen Kampf auswich, hatte sich an der Seite des Wittelsbachers bei dessen Sieg 1322 hervorgetan. Trotz des Kirchenbanns blieb Ludwig IV. fest im Sattel. Zum einen konnte er in Italien auf die Unterstützung der kaisertreu gebliebenen „ghibellinischen“ Städte und Fürstentümer wie Verona, Ferrara und Mailand zählen, zum anderen auf die Schützenhilfe von Gelehrten, die für ihn und gegen den Papst waren, darunter Marsilius von Padua, der ihm zwischen 1324 und 1326 seine Schrift Defensor pacis widmete. Zudem war auch keiner der Kurfürsten im Reich gewillt, Ludwig abzusetzen, zumal dieser bereits 1323/24 in Nürnberg und Frankfurt mit den „Appellationen“ Macht und Eigenständigkeit der deutschen Fürsten bestätigt und gefordert hatte, ein Konzil einzuberufen, das gegen das seiner Meinung nach korrupte, autokratische und dem König von Frankreich hörige Papsttum vorgehen sollte. Nicht zuletzt pflegte Ludwig auch Bündnisse mit den einflussreichsten Reichsstädten, die ihm treu ergeben waren und seine Kassen mit Steuergeldern füllten. Diesen Herrscher vom Thron zu stoßen, erforderte einiges.

Johann beschloss, sich Unterstützung in der Peripherie zu suchen, um von außen nach innen zum Ziel zu gelangen. Im Osten sicherte er sich 1335 in Schlesien und in der Lausitz Gefolgsleute. Im selben Jahr schlossen in Visegrád (Plintenburg) die Könige von Böhmen, Polen und Ungarn ein Bündnis gegen die Habsburger.25 Ähnlich wie die Habsburger, deren Motto tu felix Austria nube (du, glückliches Österreich, heirate) den Legendenschatz der Dynastie bereicherte, verfolgten die Luxemburger nach allen Seiten eine stringente Heiratspolitik: Johanns Schwester Beatrix war 1318 mit dem ungarischen König Karl I. von Anjou, seine Schwester Marie 1322 mit dem französischen König Karl IV. vermählt worden. Johann verlobte eine seiner Töchter (Margarete) 1341 mit dem polnischen König Kasimir III. und gab eine andere (Guta) 1332 dem französischen Kronprinzen Johann Herzog der Normandie zur Frau. Für seinen Sohn Karl stiftete er 1324 die Ehe mit einer ebenfalls französischen Prinzessin, Blanca von Valois. Im Reich wurde eine weitere Tochter Johanns mit einem Herzogssohn von Österreich, ein Sohn mit einer Grafentochter von Tirol verheiratet, während er sich selbst in Teilen Brandenburgs in Position brachte, die ihm Ludwig IV. zur Belohnung für die 1322 gewährte Unterstützung überlassen hatte. Was also zog Johann nach Italien? Zum einen hatte die Halbinsel einen festen Platz im Blickfeld der großen Fürstenhäuser Deutschlands, die davon träumten, aus ihren Reihen den Kaiser zu stellen, und immerhin war ja Johanns Vater als erster römisch-deutscher König seit dem berühmten Friedrich II. in Rom gekrönt worden. Zweitens lockte Norditalien mit Reichtümern, Innovationen, berühmten Künstlern und Gelehrten. Auch der Papst behielt selbst von Avignon aus die Besitzungen des Heiligen Stuhls und die Ewige Stadt fest im Blick; außerdem wollte er den exkommunizierten Ludwig IV. zur Räson bringen. Es bestand also die Aussicht, dass Johann von Böhmen diese Sehnsucht nach Italien in Ruhm und klingende Münze verwandeln und dabei womöglich sogar die Gunst des Papstes gewinnen konnte.

Wenn er dieses Risiko 1330 einging, dann auch, weil ihm das Kräfteverhältnis günstig erschien: Ludwig IV. saß zwar nach wie vor fest auf dem römisch-deutschen Thron, war jedoch durch seine zweifelhafte kaiserliche Krönung und die anhaltende Feindschaft des Papstes angeschlagen. Auf Johanns Habenseite standen Böhmen, die Unterstützung des Königs von Frankreich und das Wohlwollen des Heiligen Stuhls. Nach einem Treffen mit Ludwig am 6. August 1330 in Hagenau war Johann überzeugt, dass der Bayer ihm freie Hand lassen würde, in seinem Namen den Norden Italiens als integralen Teil des Reiches zurückzuerobern und den deutschen Machtanspruch dort zu festigen.

Zweifellos gab es noch einen weiteren Grund für Johanns Italienzug. Sein Sohn Karl hatte inzwischen das richtige Alter erreicht, um sich auf dem Schlachtfeld als Ritter zu bewähren. Sieben Jahre lang – von 1323 bis 1330 – hatte ihn sein Vater am französischen Hof erziehen lassen, damit er dort Kultur, feine Lebensart und die traditionelle Verbundenheit der Luxemburger mit dem französischen Königshaus kennenlernte; genauso hatte es Johann selbst getan und vor ihm sein Vater Heinrich VII., der am Hof Philipps des Schönen aufgewachsen war.

Während Karl seine frühe Kindheit in Böhmen in seiner Vita mit keinem Wort erwähnt, erstreckt sich die Schilderung der Pariser Jahre über mehrere Seiten. Französische Chroniken bestätigen seine Darstellung dieser Zeit, die im Wesentlichen seiner Erziehung gewidmet war. Karl lernt Lesen und Schreiben, Französisch, Liturgie und Gebete. Sein Hauslehrer ist der Abt Peter Roger von Fécamp, der von 1342 bis 1352 als Clemens VI. auf dem Papstthron sitzen wird und den Karl als „gebildete und gelehrte Persönlichkeit von hohem moralischem Ansehen“ beschreibt.26 In Paris legt Wenzel seinen böhmischen Vornamen ab und erhält stattdessen von seinem Firmpaten, dem französischen König Karl IV., den ruhmreichen fränkischen Namen Charles/ Karl. Und er heiratet im Alter von acht Jahren die französische Prinzessin Blanca von Valois. So weit die Einführung des jungen Prinzen bei Hofe. An diese Jugendzeit knüpft er wehmütig nochmals an, als er an seinem Lebensabend, wenige Monate vor seinem Tod, 1378 ein letztes Mal nach Paris reist. Seine Vita spiegelt die schönen persönlichen Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit wider: „Der französische König ließ mich durch einen Bischof firmen und gab mir seinen eigenen Namen Karl. Außerdem vermählte er mich mit der Tochter seines Oheims Karl. Sie hieß Margareta, wurde aber Blanca genannt. […] Dieser König liebte mich sehr. Er vertraute mich seinem Kaplan an, damit dieser mir ein wenig Unterricht erteile, obwohl er selbst keine solche Ausbildung genossen hatte.“27 Johann wollte seinen Sohn jedoch nicht für immer in Paris lassen. Der inzwischen 14-jährige Prinz sollte nicht am Ufer der Seine verkümmern, wo er lediglich „in der Heiligen Schrift las“, wie Karl seine Zeit in Paris rückblickend mehrfach beschrieb. Sein Vater habe ihn schließlich von Italien aus zu sich beordert: „In jener Zeit schickte mein Vater nach mir in die Grafschaft Luxemburg.“ Als Karl im März 1331 in Norditalien eintrifft, steht Johann bereits seit dem Herbst 1330 mit rund 400 Rittern im Feldlager. Kaum in Pavia angekommen, wird der junge Prinz auf brutale Weise mit den rauen Sitten konfrontiert, die südlich der Alpen herrschen: „Am Ostermontag […] wurde mein Gefolge vergiftet. Geschützt durch die göttliche Gnade entging ich diesem Anschlag […].“28 Auch die weiteren Ereignisse in Karls Erzählung sind nicht erfreulicher: 1332 kommt es zu einem Komplott gegen seinen Vater und ihn, zu fruchtlosen Belagerungen und Kämpfen bei Modena und Pavia, zu einer Schlacht vor Florenz, gefolgt von einem strengen Winter, einem Attentat in einer Kirche, einem Aufstand in Cremona und einer Verschwörung 1333 in Lucca. Nichts bleibt dem jungen Prinzen erspart. Vielleicht will Johann auf dem Schlachtfeld seine Ausbildung zum Thronanwärter abrunden. Nach Erreichen des Mindestalters von 16 Jahren erhält Karl den Ritterschlag. Möglicherweise hat man ihn bislang zu einseitig als König der Feder, des Talars und des Wortes dargestellt, denn bis hin zur Schlacht von Crécy 1346, wo er eine schwere Verwundung davonträgt, und zum tragischen Unfall bei einem Turnier 1350, tut er alles, was einem Ritterkönig geziemt: Wo notwendig, zieht er bewaffnet an der Spitze seiner Truppen ins Feld und nennt rückblickend in seiner Vita peinlich genau deren Zahl und Zusammensetzung. Allerdings sind Johanns Ambitionen in Italien nicht von Erfolg gekrönt. Sein Feldzug endet 1333 ohne Gebietsgewinne und ohne Subsidien; vor allem aber gelingt es ihm nicht, Norditalien zum Brückenkopf für eine Rückeroberung oder einen nachdrücklichen Widerstand gegen Ludwig IV. auszubauen. Für Karl hingegen hat der Italienfeldzug letztlich vier entscheidende Konsequenzen für sein weiteres Handeln. In erster Linie erkennt er, dass planlose Kämpfe ohne klare diplomatische Ziele ins Leere führen. An zweiter Stelle lernt er die Situation in Italien hautnah kennen: im Süden das stabile Königreich Neapel, fest in der Hand des Hauses Anjou, von dem ein Zweig zudem im Königreich Ungarn herrscht; in Mittelitalien Gebiete, die nach wie vor unter der Knute der Guelfen stehen oder wo sich der lange Arm der Päpste selbst von Avignon aus bemerkbar macht; im Norden ein Flickenteppich von Stadtstaaten und Fürstentümern, die teils die Sache des Kaisers und der Deutschen, teils die des Papstes vertreten, teils aber auch, wie die Visconti, eigene Interessen verfolgen, ganz zu schweigen von der Serenissima, der Republik Venedig. Auch bei seinen eigenen beiden Feldzügen 1355 und 1368 sind Karl IV. diese Verhältnisse sicher gegenwärtig. Der dritte Schluss, den Karl aus den beiden Jahren in Italien zieht, hat mit wahrscheinlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und seinem Vater zu tun. Jedenfalls muss Johann im Oktober 1333 endgültig das Feld räumen, als Karl der Meinung ist, es sei höchste Zeit, heimzukehren und sich um Böhmen zu kümmern. Zu alledem fasst der junge Prinz den glücklichen Ausgang bestimmter Ereignisse als Fingerzeig der Vorsehung auf, dass ihm das Königtum vorherbestimmt ist, etwa seinen Sieg in San Felice bei Modena im November 1332 (den er dem Eingreifen der hl. Katharina zuschreibt, die er sein Leben lang glühend verehrt), den Bau einer Burg, die man zur Feier seines Sieges in der Feldschlacht bei Lucca „Mons Karoli“ (Monte Carlo) taufte, oder die Tatsache, dass er mit viel Glück einem Attentat und einem Giftanschlag entging.

Die Schilderung der Anfänge und Handlungsweisen Johanns bis zu dessen fast völliger Erblindung 1340 in der Rückschau ist für Karl IV. schon deshalb notwendig, weil er als junger Prinz den Anordnungen des Vaters hatte Folge leisten müssen, nach Erreichen der Volljährigkeit jedoch seine eigenen Entscheidungen unter anderem auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Mängel stützte, die er im Verhalten seines Vaters zu erkennen glaubte. Wir kommen hierauf später noch zurück: Der so oft beschworene Konflikt zwischen Karl und seinem Vater ist zweifellos übertrieben worden, und zwar primär von Historikern, aber auch von Karls Zeitgenossen, angefangen bei ihm selbst, denn in seiner Vita bildet dieser Gegensatz fast schon ein Leitmotiv für seine Lebensgeschichte und die Emanzipation vom Vater. Seine Mutter hingegen erwähnt Karl kaum, obwohl er das Erbe und die Tradition der Přemysliden ja seiner Abstammung von ihr verdankt. Dass Elisabeth zwischen 1315 und 1320 offenbar den böhmischen Adel bei einem Aufstand gegen ihren Mann unterstützte, dürfte zur Entfremdung zwischen König und Königin beigetragen haben. Ab 1323 wurde sie von der Erziehung des kleinen Wenzel ausgeschlossen. Zuvor war 1320 ein Bruder Karls zweijährig verstorben. Von den Zwillingsmädchen, die Elisabeth 1323 zur Welt brachte, lebte das eine nur wenige Monate, das andere wuchs in Bayern auf. Auch ihre übrigen drei Kinder wurden an Höfen im Ausland erzogen. Sie selbst durfte erst 1325 nach Böhmen zurückkehren und starb 1330 vereinsamt außerhalb von Prag, während Johann in der Ferne von Schlachtfeld zu Schlachtfeld zog.29

Zwischen Böhmen und dem Heiligen Römischen Reich: die römisch-deutsche Krone

Nach seiner Rückkehr aus Italien war Karls erstes Ziel in Böhmen das Grab seiner Mutter im Kloster Königsaal, bevor er weiterreiste und am 30. Oktober 1333 in Prag eintraf. Wenig später erhob ihn sein Vater zum Markgrafen von Mähren. In seiner Autobiografie zeichnet Karl ein recht trostloses Bild von dem Böhmen, das er im Auftrag seines Vaters verwalten soll. Baufällige Schlösser, menschenleere Ortschaften und eine verlotterte Hauptstadt, die königlichen Güter verfallen oder verpfändet: „Und so fanden wir bei unserer Ankunft in Böhmen weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schwester, noch irgendeinen Vertrauten. […] Auch die böhmische Sprache hatten wir völlig verlernt. […] Dieses Königreich trafen wir derart verwahrlost an, dass wir keine einzige freie Burg fanden, die nicht schon mit allen königlichen Gütern verpfändet war. So hatten wir keine andere Bleibe außer in Stadthäusern, wie jeder andere Bürger auch. Die Prager Burg aber war […] verwahrlost, verfallen und heruntergekommen.“30 Die Lage war aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ganz so verzweifelt, wie der junge Prinz sie darstellt, um seine eigene Rolle beim Wiederaufbau aufzuwerten. Es stimmt aber wohl, dass er das Königreich, das er nach zehnjähriger Abwesenheit vorfand, kaum wiedererkannte. Nicht einmal die Sprache beherrschte er noch richtig. Er war mit dem empfindlichen Gleichgewicht innerhalb des Hochadels nicht vertraut und wusste noch nicht, auf welche Ressourcen er zurückgreifen konnte. Innerhalb weniger Jahre, so Karls Schilderung, setzt er die Ansprüche des Königshauses wieder durch, verschönert Prag und andere Städte, erwirbt die verpfändeten königlichen Güter zurück, baut eine funktionierende Justiz auf und bringt die aufsässigen Freiherren dazu, sich ihm wieder zu unterwerfen. Doch mit alledem verletzt er die Eitelkeit und den kleinlichen Stolz seines Vaters so empfindlich, dass dieser ihm die Verwaltung Böhmens entzieht: „So blieb uns nur der leere Titel eines Markgrafen von Mähren.“31 Die Realität dürfte etwas differenzierter ausgesehen haben: Die wichtigen Entscheidungen im Rahmen der Wiederherstellung der königlichen Macht in Böhmen fielen sicher in Abstimmung zwischen Vater und Sohn. In Frankreich und in Luxemburg standen beiden Berater zur Seite, die den jungen Prinzen schon in den 1330er-Jahren auch in Prag begleiteten. Ebenso wurden die großen diplomatischen Vorstöße gemeinsam vorbereitet, namentlich das 1335 mit dem polnischen König geschlossene Übereinkommen zu Schlesien und das im November desselben Jahres in Visegrád vereinbarte Neutralitätsabkommen zwischen den Königreichen Polen, Böhmen und Ungarn. Ohne eine solche enge Abstimmung innerhalb des Hauses Luxemburg, die Karls Großonkel Balduin als Kurfürst und Erzbischof von Trier aufmerksam überwachte, wären die zielgerichtet aufeinander abgestimmten Schritte zwischen 1340 und 1346 nicht nachvollziehbar, an deren Ende sich Karl bei der Königswahl gegen den mächtigen Ludwig den Bayern durchsetzen konnte.

In der Tat lassen sich schon 1340 erste Anzeichen dafür ausmachen, dass die gesamte Luxemburger Dynastie für Karl hohe Ziele verfolgte. 1341 trat Johann nach seiner endgültigen Erblindung alle Ansprüche auf Böhmen an seinen Sohn ab. Schon 1340 war bei einem Treffen mit Papst Benedikt XII. auf Vermittlung von Peter Roger von Fécamp, Karls Hauslehrer in seiner Zeit in Paris und zwei Jahre später Nachfolger Benedikts auf dem Papstthron, offenbar eine Allianz zwischen Avignon und Prag geschmiedet worden, um den exkommunizierten Kaiser zu schwächen und möglichst bald abzulösen. Bei dieser Gelegenheit, so die Vita, sagte Peter Roger von Fécamp zu Karl: „Du wirst noch römischer König werden.“ Daraufhin antwortete der Luxemburger seinem Mentor: „Zuvor wirst du Papst sein.“32 Im selben Jahr hatte Karl seine älteste Tochter Margarete fünfjährig mit dem ungarischen König Ludwig I. von Anjou verlobt. Den Anlass zu einer ersten Konfrontation zwischen Karl und Ludwig IV. lieferte der Wittelsbacher, als er 1342 die 1330 geschlossene Ehe zwischen Karls jüngerem Bruder Johann Heinrich und Herzogin Margarete von Tirol und Kärnten für nichtig erklärte. Margarete (die später den Beinamen „Maultasch“ erhielt) hatte nämlich den verhassten Ehemann mit Unterstützung eines Teils des Tiroler und Kärntner Adels hinausgeworfen und behauptet, er habe die Ehe wegen Impotenz nie vollzogen. An seiner Stelle heiratete sie Ludwig I. von Brandenburg, den ältesten Sohn Ludwigs des Bayern, der diese neue Ehe umgehend anerkannte, obwohl die erste Ehe nach dem Kirchenrecht noch gar nicht wirksam geschieden war. Die Luxemburger, allen voran Karl als junges Oberhaupt dieses Hauses, forderten Genugtuung für die Demütigung, die Ludwig IV. durch sein Verhalten Karls Bruder und damit der gesamten Dynastie beigebracht hatte, und wollten zugleich mit aller Macht die drohende Gefahr abwenden, dass sich an der Süd- und Ostgrenze Böhmens Bayern und Österreich zusammentaten. 1342 exkommunizierte der neue Papst Clemens VI. das frisch vermählte Paar und wendete sich damit in erster Linie gegen den amtierenden Kaiser. 1344 versuchte Ludwig IV. zwar, vor einem Kassationsgericht die Aufhebung des 20 Jahre zuvor gegen ihn selbst verhängten Kirchenbanns zu erreichen, jedoch ohne Erfolg, denn Clemens setzte auf Karl von Luxemburg, von dem er sich ein Bündnis oder zumindest Unterstützung versprach, sobald dieser König und später womöglich Kaiser wurde. Diese Präferenz unterstrich Clemens durch ein prestigeträchtiges Privileg, das er Johann und Karl von Böhmen gewährte: Am 30. April 1344 erhob er das Bistum Prag, das bis dahin Teil des Mainzer Metropolitanverbandes gewesen war, zum Erzbistum. Zusammen mit den beiden Suffraganbistümern Olmütz und Leitomischl, die er Prag zuschlug, entsprachen die Grenzen des neuen Erzbistums denen des böhmischen Königreichs. Als entscheidendes Signal an die Reichsfürsten entließ der Papst 1346 schließlich den bayerntreuen Kurfürsten und Erzbischof der mächtigen Metropolitanprovinz Mainz, Heinrich von Virneburg, und setzte an seine Stelle Gerlach von Nassau, einen Verwandten der Landgrafen von Hessen und erklärten Gefolgsmann Karls und Balduins. Letzterer musste nun nur noch von Tür zu Tür gehen und sich als Königsmacher betätigen.