Karl Mannheim - Amalia Barboza - E-Book

Karl Mannheim E-Book

Amalia Barboza

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Beschreibung

Karl Mannheim (1893–1947) gilt gemeinsam mit Max Scheler als Begründer der Wissenssoziologie. Sein wissenssoziologischer Ansatz rückt die "Sozialverbundenheit" der Wissensproduktion von Intellektuellen ins Zentrum der Analyse. Mannheim wollte zeigen, dass nicht nur das Denken des Alltagsmenschen sozial bedingt ist, sondern dass auch Spezialisten und Wissenschaftler in ihren Forschungen und Abhandlungen bestimmten Weltanschauungen unterliegen. Er entwickelte deshalb eine eigene wissenssoziologische Methodik zur Analyse der weltanschaulichen Unterschiede zwischen Denkern verschiedener Traditionen und sozialer Standorte. In diesem Einführungsband stellt Amalia Barboza in systematischer und allgemeinverständlicher Form das wissenssoziologische Werk Karl Mannheims vor. Sie führt dabei in Mannheims Wissenssoziologie als Methodenlehre wie auch als empirische Disziplin ein. Die Präsentation von Mannheims Forschungsarbeiten zeigt, dass der Autor sich nicht auf die Untersuchung verschiedener Denkstile beschränkte. Vielmehr verstand Mannheim es ebenso als originäre Aufgabe der Wissenssoziologie, die verschiedenen weltanschaulichen Standorte der eigenen Disziplin zu analysieren sowie auch selbst mit verschiedenen Denkstilen zu experimentieren.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.ddb.de abrufbar.

Amalia Barboza

Karl Mannheim

Klassiker der Wissenssoziologie, 9

Halem: Köln 2020

2., überarbeitete Auflage

Die Reihe Klassiker der Wissenssoziologie wird herausgegeben von Prof. Dr. Bernt Schnettler.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

© 2020 by Herbert von Halem Verlag, Köln

ISSN 1860-8647

ISBN (Print):978-3-7445-2031-7

ISBN (PDF):978-3-7445-2032-4

ISBN (ePub):978-3-7445-2033-1

Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im Internet unter http://www.halem-verlag.de

E-Mail: [email protected]

EINBAND: Herbert von Halem Verlag; Susanne Fuellhaas, Konstanz

SATZ: Herbert von Halem Verlag

LEKTORAT: Julian Pitten

DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg

Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry.

Lexicon® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundry.

Klassiker der Wissenssoziologie

Amalia Barboza

Karl Mannheim

Inhalt

Vorwort zur zweiten Auflage

I.Einleitung

II.Karl Mannheims Entwicklung zu einer Zentralfigur der deutschen Soziologie

Die deutsche Soziologie um 1900

Karl Mannheim in der deutschen Soziologie: Ein Ausblick

Budapest: Pluralität der Weltanschauungen

Heidelberg: Der Weg zur Wissenssoziologie er die Arbeit an den Grundlagen einer Kultursoziologie

Mannheims Auftritt auf dem Soziologentag in Zürich

Ideologie und Utopie:Wissenssoziologie als Experimentieren mit Denkstilen

Mannheims soziologisches Seminar in Frankfurt: Konkurrenz und Kooperation

Tagung der Soziologiedozenten in Frankfurt

Die Wissenssoziologie angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus

Mannheims Wissenssoziologie als ›Innovationstendenz‹

III.Mannheims Kultur- und Wissenssoziologie als Methode

Immanente und genetische Betrachtung

Die dokumentarische Interpretation

Die dokumentierte Weltanschauung

Die erweiterte Stilanalyse und die Verklammerungsproblematik

Sinngemäße, faktische und soziologische Zurechnung

Seinsverbundenheit: Klassen, Stile, Generationseinheiten

IV.Die wissenssoziologische Analyse konservativer und liberaler Denkstile

Die Entstehung des Konflikts zwischen liberalem und konservativem Denkstil

Die Analyse der Denkstile

V.Ideologie und Utopie: Das Experiment mit Denkstilen

Die relativistische Lösung: Der totale Ideologiebegriff

Die harmonisch-synthetische Lösung: Synthese und freischwebende Intelligenz

Die aktivistisch-utopische Lösung

Die Kontroverse um Mannheims Wissenssoziologie

VI.Der Denkstil der Distanzierung und die Regressionen

Die Einstellung der Distanzierung

Distanzierung als soziologisches Verfahren

VII.Wirkungen

Norbert Elias

Mannheims Studentenkreis im Exil

Mannheims Wissenssoziologie im Exil

Die dokumentarische Interpretation

Kultursoziologie und soziologische Ästhetik

Denkstile

Generation

Die freischwebenden Intellektuellen

Relationismus: eine selbstreflexive Soziologie

Wissenssoziologie als Experiment mit Denkstilen

Wissenschaftssoziologie

Literatur

Primärliteratur

Weiterführende Literatur

Sekundärliteratur

Zeittafel

Personenregister

Sachregister

Vorwort zur zweiten Auflage

Als die erste Auflage dieses Buches erschien, war es mir wichtig, Mannheims Wissenssoziologie als ein konkretes Forschungsprogramm vorzustellen: als Analyse der Pluralität und der Konkurrenz von Denkstilen, von Ideologien und Utopien. Ich bin weiterhin der Meinung, dass es das größte Verdienst von Mannheims Wissenssoziologie ist, uns im Feld der Sozialwissenschaft auf die Standortgebundenheit des Denkens und auf die Dynamiken der Konkurrenz in der wissenschaftlichen Wissensproduktion gezielt und methodisch aufmerksam gemacht zu haben. Durch seinen wissenssoziologischen Ansatz ist die Selbstreflexion in der Wissenschaft zu einem wichtigen Desiderat geworden. Man darf aber nicht vergessen, dass Mannheim sich nicht nur mit der wissenschaftlichen Produktion von Wissen beschäftigte, sondern auch in seiner Kultursoziologie, sich mit weiteren ›Gebieten des Geistes‹ befasste und die Wechselwirkungen (Verklammerungen) zwischen diesen ebenso zum Forschungsgegenstand machte. Die Dynamik der Produktion des Wissens lässt sich deshalb nicht nur innerhalb der etablierten wissenschaftlichen Disziplinen beobachten, sondern auch in den Beziehungen und Verhandlungen, die mit anderen Bereichen der Wissensproduktion stattfinden. Alle Felder, würde Pierre Bourdieu sagen, oder alle ›Gebiete des Geistes‹, wie Mannheim diese bezeichnet, sind weder statisch noch geschlossen, sondern in ständiger Dynamik und Erweiterung ihrer Grenzlinien. Und so wie es im Kunstfeld Bestrebungen zur Entgrenzung des eigenen Bereiches gibt – bis hin zum Apell der Aufhebung des Unterschieds zwischen Kunst und Leben –, so gibt es auch in der Wissenschaft viele Tendenzen, den institutionellen Rahmen der Disziplin zu überschreiten, um sich anderen Wissenspraktiken anzunähern (z.B. nichteuropäischen, alltäglichen, magischen, religiösen, politischen oder künstlerischen Wissenspraktiken). In diesen Grenzüberschreitungen finden immer wieder Verhandlungen und Gelegenheiten statt, um erneut die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen zu anderen Feldern, wie die Kunst oder die Politik, zu überdenken.

Karl Mannheim war immer geneigt, sich in diesen Grenzzonen zu bewegen. Heute würde man sagen, dass er ein Musterbeispiel dafür war, was interdisziplinäres Forschen und Wissenstransfer verlangt. Er gehörte zu verschiedenen interdisziplinären Kreisen, zunächst zum literarisch-künstlerischen Sonntagskreis in Budapest, dann zu einem politischtheologisch-philosophischen Kränzchen in Frankfurt am Main, und schließlich zum literarisch-theologischen Moot-Kreis im Londoner Exil. Aus all diesen Kreisen schöpfte er für ein Weiterdenken der eigenen Fragestellungen und Methoden.

Es wäre heute wichtig, die Relevanz dieser ›Exkursionen‹, in die Grenzzonen zu betonen. Man würde dabei allerdings schnell den engeren Forschungsbereich der Wissenssoziologie innerhalb der Disziplin verlassen. Da diese Publikation Teil einer Einführungsreihe zu Klassikern der Wissenssoziologie ist, wurde zusammen mit dem Verlag entschieden, den Inhalt des Buches, so wie ursprünglich veröffentlicht zu belassen. Nur einige formale Änderungen wurden unternommen.

Mit diesem Vorwort zur zweiten Auflage möchte ich die LeserInnen dennoch darauf aufmerksam machen, dass Mannheims Wissenssoziologie auffordert, uns zu anderen Ufern außerhalb der eigenen Disziplin zu bewegen. Gerade in diesen Erweiterungen werden zur Zeit Mannheims wissenssoziologische Prämissen relevant: Sein Apell für eine Wissenssoziologie, die nicht nur die Pluralität der Denkstile reflektiert, sondern auch für eine selbstreflexive Analyse der eigenen Perspektivität plädiert, erlebt heute in den Diskussionen über das »situierte Wissen« (Donna J. Haraway),a die Auto-Ethnologie oder das Phänomen der Multiperspektivität eine breite disziplinübergreifende Diskussion. Mannheims Wissenssoziologie könnte in diesem Forschungsfeld dazu beitragen, mehr Klarheit in den methodischen Zugängen zu erlangen, um diese Situiertheit (oder Standortgebundenheit) zu analysieren. Die Wissenssoziologie fordert uns auf, nicht nur der eigenen Situiertheit bewusst zu werden, sondern diese auch in ihrem sozialen, kulturellen oder politischen Ursprung bzw. Ursprüngen aufzudecken.

Interessant für die aktuellen Debatten über das situierte Wissen ist außerdem Mannheims Ansicht zur Frage der Funktion bzw. des Nutzens dieses selbstreflexiven Unternehmens. Die Funktionen sind schließlich ebenso plural und kontextabhängig: In der Weimarer Republik sah Mannheim in der Analyse der Pluralität der Denkstile und in der Selbstreflexion eine Möglichkeit zur Dynamisierung des eigenen Standortes und eine Bereitschaft zum Perspektivenwechsel. Er hoffte dabei, in einer demokratischen Gesellschaft totalitäre Absolutismen und die faschistische Welle überwinden zu können. In der Wissenssoziologie sah er, so wie auch Max Scheler, eine Agentin bei der Verhandlung von Konkurrenzen, in der Hoffnung, in einem »Zeitalter des Ausgleichs« (Scheler) angekommen zu sein. Mit der Ankunft des Nationalsozialismus konnte Mannheim nicht mehr an ein solches Zeitalter glauben. Deswegen wandte er sich Fragen der Planbarkeit und der Erziehung zu, um eine Basis für eine künftige demokratische Gesellschaft aufzubauen. Heute wäre es wichtig zu untersuchen, inwieweit eine Wissenssoziologie auch in dieser letzten Phase von Mannheims Werk implizit vorhanden ist, auch wenn er nicht mehr explizit über Wissenssoziologie schrieb. Es ließe sich überzeugend argumentieren, dass ein Zeitalter des Umbaus, wie Mannheim sein Buch, das er auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus veröffentlichte, betitelte,b eine andere Wissenssoziologie verlangt, die gezielt danach sucht, den Zerfall der Gesellschaft zu beenden. Es handelt sich dann nicht mehr um eine Wissenssoziologie, welche die Pluralität von Denkstilen untersucht und für einen Ausgleich der Unterschiede plädiert. Statt des Ausgleichs ist jetzt, so Mannheims Auffassung, Umbau und Planung notwendig. Das Buch Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus handelt von dem Übergang von einer »laisser-faire-Einstellung« und »planloser Regulierung«, die seine erste Wissenssoziologie charakterisiert, zu einer Wissenssoziologie im Dienst der Planung, um die Lebensfähigkeit der Demokratie gewährleisten zu können. Mannheim verlangte nach einer »freiheitlichen Planung«, die anders aussehen sollte, als die Planung in einer Diktatur: Eine Planung, die nicht »auf unsere wahren Freiheiten oder auf das Prinzip der demokratischen Selbstbestimmung« verzichtet.c

Interessant wäre es heute, Mannheims Reflexionen über ein Zeitalter des Umbaus mit den Diskussionen über das Projekt einer Radikalen Demokratie (Laclau und Mouffe) zusammen zu denken.d In den Debatten des Postmarxismus wird nach einer Demokratie verlangt, welche nicht durch totalitäre und hierarchische Strukturen zusammengehalten wird, sondern durch die Bildung beweglicher Artikulationen, welche die Pluralität von Positionen und die Antagonismen und die damit verbundenen Konflikte aushalten.

Eine Wissenssoziologie im Dienste der Planung für eine radikale Demokratie würde sich der politischen und erzieherischen Aufgabe zuwenden, in der Pluralität von Positionierungen bewegliche Artikulationen zu entwerfen. Mannheims Experiment mit Denkstilen, wie er es in seinem Buch Ideologie und Utopie durchführte, könnte als eine hilfreiche Methode verwendet werden, um in einer pluralen Demokratie Übungen in der Kunst des Perspektivenwechselns und der Multiperspektivität zu entwickeln.

In diesem Feld der Planung und der Intervention bewegt sich die Wissenssoziologie Karl Mannheims sicherlich außerhalb des engeren Rahmens der Disziplin, aber sie erreicht Anwendungsmöglichkeiten, die heute mehr denn je Aktualität bekommen.

aDonna Haraway, Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective, in: Feminist Studies 14, 3, 1988, 575-599. Über Mannheims Selbstreflexion und seine Aktualität siehe: Amalia Barboza, Karl Mannheim’s Sociology of Self-Reflexivity, in: David Kettler/Volker Meja (Hrsg.), The Anthem Companion to Karl Mannheim, Anthem Press, London/New York 2018, S. 174-198.

bKarl Mannheim, Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus, Sijthoff, Leiden 1935.

cEbd.: 7.

dErnesto Laclau und Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Passagen-Verlag, Wien 2012

I.Einleitung

In der Reihe Klassiker der Wissenssoziologie sind vor diesem Buch über Karl Mannheim bereits diverse andere Autoren vorgestellt worden. Die Serie zeigt damit, dass die Richtungen, aus denen Wissenssoziologie betrieben werden kann, überaus zahlreich und vielfältig sind. Alle diese Autoren vertreten eigene Ansätze und gehören unterschiedlichen Schulen an. Ihre jeweilige Position entfalten sie dabei in Anlehnung, mitunter aber auch in Konflikt und durch proklamierte Abgrenzung zueinander oder sogar in der beabsichtigten Überwindung vorangehender Programmatiken. So entwickeln zum Beispiel die sogenannten zweiten Klassiker der Wissenssoziologie Thomas Luckmann und Peter L. Berger ihren wissenssoziologischen Ansatz in Abgrenzung von den Begründern der Wissenssoziologie Max Scheler und Karl Mannheim (BERGER/LUCKMANN 1966). Auch die Frankfurter Schule mit dem Institut für Sozialforschung positioniert sich in der Landschaft soziologischer Traditionen, indem sie sich zu bestimmten Traditionen bekennt und sich zugleich anderen entgegenstellt. Karl Mannheims Wissenssoziologie spielt für die Frankfurter Schule die Rolle eines Gegners, der entweder als idealistischer und unkritischer (HORKHEIMER 1930; ADORNO 1953, 1998 [1937], 1998 [1955]) oder als relativistischer Ansatz (HORKHEIMER 1937) bekämpft wird (vgl. BARBOZA 2007b; JAY 1981, 1974; HUKE-DIDIER 1985).

Die Vielfalt der Theorieansätze sowie ihre Konkurrenz untereinander tritt nicht nur innerhalb der Wissenssoziologie hervor. Jeder, der zum ersten Mal mit der Soziologie als Disziplin in Kontakt kommt, wird schnell feststellen, dass sie keineswegs von allen Soziologen gleich verstanden wird. Ungeduldige Studierende werden zu Recht nervös, wenn sie von der Disziplin ein klares Programm erwarten, während das Fach sie mit höchst unterschiedlichen Denktraditionen, divergierenden Begrifflichkeiten und stark voneinander abweichenden Auffassungen konfrontiert. Man könnte versuchen, Studierende mit einem künstlich hergestellten kohärenten Kanon in die Soziologie einzuführen. Aussichtsreicher wäre aber stattdessen, Studierenden von Anfang an klar zu machen, dass man in dieser Disziplin zahlreiche Traditionen und Schulen vorfindet und nicht nervös werden sollte, wenn gegensätzliche Auffassungen auftauchen. Man kann aus diesen Unterschieden vielmehr eine Lehre ziehen: Eine Erkenntnis der Wissenssoziologie besteht genau darin, dass es auch in den wissenschaftlichen Disziplinen Konkurrenz und Freundschaft gibt und diese Beziehungsaspekte für die Werke alles andere als belanglos sind. Die Wissenssoziologie fordert dazu heraus, sich von Anfang an auf diese Komplexität einzulassen und die Landschaft der verschiedenen Ansätze der Disziplin mit soziologischem Blick zu erfassen. Zur Entwicklung eines solchen wissenssoziologischen Blicks auf das eigene Fach verhilft Mannheims Wissenssoziologie. Mit seiner Wissenssoziologie machte er Konkurrenz und soziale Unterschiede in den wissenschaftlichen Diskussionen des eigenen Faches zum Gegenstand. Deswegen ist er zu einer für die Soziologie polemischen Figur geworden. Wer sich mit Mannheims Wissenssoziologie beschäftigt, wird rasch mit einem Sturm von Vorwürfen und leidenschaftlichen Ablehnungen, aber ebenso mit begeisterter Zustimmung konfrontiert. Seine Kritiker werfen ihm vor, mit seiner Wissenssoziologie Verwirrungen und Unsicherheiten gestiftet zu haben. Eine solche Wissenssoziologie bringe nur Relativismus mit sich und verunmögliche objektive Erkenntnis. Andere hingegen zeichnen Mannheims Wissenssoziologie als konsequente Haltung aus, welche alle Soziologen annehmen sollten, um der sozialen Perspektivität des eigenen Standpunkts bewusst zu werden. In diesem Rahmen hat sich die Auseinandersetzung um Mannheims Wissenssoziologie hauptsächlich bewegt und mündet oft zu einem Streit über die epistemologischen Grundlagen der Sozialwissenschaften.

Im vorliegenden Buch wird also eine Wissenssoziologie vorgestellt, die sich besonders auf eine soziologische Analyse der Wissensproduktion des Fachwissens der Sozial- und Geschichtswissenschaften spezialisiert hat. Die zweiten Klassiker der Wissenssoziologie Thomas Luckmann und Peter L. Berger trennen sich von der Mannheim’schen Wissenssoziologie an genau diesem Punkt. Sie kritisieren eine Wissenssoziologie, die sich auf das Wissen des eigenen Faches konzentriert und plädieren in ihrem programmatischen Buch Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit für eine ›neue‹ Wissenssoziologie, die sich mit dem Alltagswissen beschäftigt. Für Berger und Luckmann ist die ›alte‹ Wissenssoziologie Erkenntnistheorie oder Methodenlehre, aber keine Soziologie des Wissens (BERGER/LUCKMANN 1966). Sie betrachten die erkenntnistheoretischen Implikationen einer Soziologie der eigenen Wissensproduktion als eine Art Last, welche die erforderliche Analyse der Strukturen des Wissens im Alltag ausspart. Deshalb entwerfen sie die Grundlagen einer anderen, ›neuen‹ Wissenssoziologie, die nicht auf der Soziologie Mannheims oder Schelers gründet, sondern auf der Phänomenologie von Alfred Schütz und der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners und Arnold Gehlens.

Was von Berger und Luckmann als Last bezeichnet wurde, kann heute dennoch als Gewinn betrachtet werden. Denn mit einer solchen Wissenssoziologie wird es möglich, eine soziologische Lektüre der Soziologiegeschichte und der soziologischen Theorien zu entwerfen – mithin eine Soziologie der Soziologie. Mannheims Wissenssoziologie muss aber nicht allein als eine Wissenssoziologie sozialwissenschaftlicher Denkstile rezipiert werden. Seine wissenssoziologische Methode lässt sich ebenso auf die Denkstile des Alltagslebens anwenden. Mannheims in den 1920er-Jahren skizziertes Programm einer Kultur- bzw. Geistessoziologie verfolgt genau dieses Ziel, alle sozialen und kulturellen Phänomene als Lebensstile bzw. Weltanschauungen zu interpretieren. Die Methode der Stilanalyse, die dokumentarische Interpretation und die Methode der soziologischen Zurechnung sind aktuelle und produktive Verfahren der gegenwärtigen soziologischen Forschung, die auf unterschiedliche Forschungsbereiche angewendet werden (vgl. BOHNSACK/NENTWIG-GESEMANN/NOHL 2001). Man muss also der selbstreflexiven Anwendung einer Wissenssoziologie des soziologischen Denkens nicht folgen, um von Mannheims Wissenssoziologie heute Gebrauch zu machen.

Diese Einführung in Karl Mannheims Wissenssoziologie folgt einer thematischen und zugleich chronologischen Gliederung. Man kann in Mannheims Wissenssoziologie zwischen einer Methodenlehre und einer empirischen Disziplin unterscheiden. Mannheim selbst hat diese Trennung vorgeschlagen (MANNHEIM 1931/1995: 227) und es lässt sich zeigen, dass er diese zwei einander ergänzenden Seiten seiner Wissenssoziologie in Verlaufe seines Lebens konsequent verfolgt. In seinen Frühschriften führt Mannheim hauptsächlich eine Analyse der Methoden und der damit verbundenen erkenntnistheoretischen Implikationen durch. Mit der Zeit arbeitet er jedoch immer mehr an konkreten empirischen Analysen. Diese Hinwendung zur empirischen Forschung beginnt mit seiner Habilitationsarbeit über den konservativen Denkstil (1925a), entwickelt sich mit seinem Buch Ideologie und Utopie (1929a) weiter und wird zum Forschungsprogramm, als Mannheim Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt wird (1930-1933). Methodenlehre und erkenntnistheoretische Überlegungen sind nun zwar immer noch präsent, treten aber zugunsten der konkreten wissenssoziologischen Forschung zunehmend in den Hintergrund.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wird Mannheims Programm seiner Wissenssoziologie abrupt unterbrochen. Wegen seiner jüdischen Abstammung muss er Deutschland verlassen und emigriert nach England. Im englischen Exil widmet Mannheim sich dann anderen Themen. In dieser Einführung wird deswegen diese Zeit in England ausgeklammert, obwohl es möglich wäre, seine Hinwendung zu Themen wie Erziehung und demokratische Planung in der modernen Massengesellschaft als Weiterentwicklung seiner Wissenssoziologie in Zeiten totalitärer Diktaturen zu verstehen. Hier konzentrieren wir uns auf die Zeit in Deutschland, in der er seine Wissenssoziologie als ein systematisches Programm der Analyse von Denkstilen entwirft.

Die Kapitel des Buches folgen einer werkgeschichtlichen Logik, sie sind jedoch gleichzeitig darauf gerichtet, eine systematische Rekonstruktion von Mannheims Wissenssoziologie zu erarbeiten. Im ersten Kapitel wird sein Lebenslauf im Entwicklungskontext der deutschen Soziologie vorgestellt. Dieser biografische Überblick zeigt, welche Funktionen Mannheim seiner Wissenssoziologie beigemessen und welche Rolle diese in der deutschen Soziologie der Weimarer Republik gespielt hat.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Mannheims methodologischen Schriften. Hier werden zentrale Kategorien der Methode seiner Wissenssoziologie präsentiert, wie zum Beispiel die immanente und genetische Betrachtung, die dokumentarische Interpretation, der Weltanschauungsbegriff, die Stilzurechnung, die soziologische Zurechnung oder der Generationsbegriff. Mannheims Methode wird systematisch rekonstruiert – eine Methode, die er für die Analyse verschiedenster sozialer und kultureller Phänomene entwickelt und ab Mitte der 1920er-Jahre hauptsächlich auf die Analyse von Denkstilen anwendet.

Das dritte Kapitel stellt Mannheims erste empirische Anwendung seiner Wissenssoziologie vor: die Untersuchung über den Konservatismus. In dieser Untersuchung analysiert er die zentralen Merkmale des konservativen Denkstils in Abgrenzung zum liberalen Denkstil.

Das vierte Kapitel präsentiert Mannheims zweite wissenssoziologische Untersuchung, das Buch Ideologie und Utopie, und gibt einen Überblick über die Kontroversen, die dieses Buch in Deutschland auslöst. Mit diesem Buch präsentiert Mannheim nicht nur eine Analyse verschiedener Denkstile, sondern verfolgt auch ein Experiment. Die These dieses Kapitels ist, dass Mannheim in Ideologie und Utopie mit drei verschiedenen Denkansätzen und Lösungen experimentiert, um mit dem Stilpluralismus der modernen Gesellschaft umzugehen.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit Mannheims wissenssoziologischen Analysen in den Jahren als Professor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Es handelt sich um die letzte Etappe von Mannheims Wissenssoziologie in Deutschland. Das Kapitel widmet sich hauptsächlich der ersten Vorlesung von Mannheim in Frankfurt, in der er den Studenten seine Wissenssoziologie als die Lebenshaltung des modernen Menschen präsentiert – eines Menschen, der gelernt hat, mit dem Pluralismus zu leben und diesen zu reflektieren.

Zum Schluss betrachtet das sechste Kapitel die wirkungsgeschichtliche Dimension des Mannheim’schen Denkens. Obwohl er keine Schule gebildet hat, hat er mit seinen Schriften wichtige Impulse gegeben. Am Ende wird daher skizziert, in welchen Bahnen sich Mannheims Wissenssoziologie bis heute bewegt.

II.Karl Mannheims Entwicklung zu einer Zentralfigur der deutschen Soziologie

Als Karl Mannheim nach dem Sturz der Räterepublik 1919 aus Ungarn emigrieren muss, kommt er als 36-jähriger promovierter Philosoph nach Deutschland. In wenigen Jahren, zwischen 1920 und 1929, entwickelt sich Mannheim mit seiner Wissenssoziologie zu einem der wichtigsten Soziologen hierzulande. Um seine Bedeutung für die deutsche Soziologie verstehen zu können, soll zuerst ein Überblick über die Situation gegeben werden, in der sich die Soziologie in Deutschland damals befindet. Denn wie wir sehen werden, macht Mannheim in seiner Wissenssoziologie die Konflikte, welche die deutsche Soziologie an ihrem Anfang bewegen, zu seinem Forschungsgegenstand. Nach dieser Einführung in die deutsche Soziologie um 1900 soll Mannheims Weg von seiner Budapester Zeit bis zu der Etablierung als einer der wichtigsten Soziologen in der Weimarer Republik vorgestellt werden.

Die deutsche Soziologie um 1900

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befindet sich die deutsche Soziologie in ihrem Anfangsstadium. Der erste Lehrstuhl für Soziologie wird erst 1919 an der Universität Frankfurt eingerichtet, mit Franz Oppenheimer als erstem Inhaber. Oppenheimer hat Medizin studiert, ist lange Zeit Arzt eines Armenviertels in Berlin gewesen und beschäftigt sich mit sozialpolitischen Fragestellungen, als er 1896 mit seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit Die Siedlungsgenossenschaft beginnt, sich der Soziologie zuzuwenden. Alle Gelehrten, die sich damals als Soziologen zu verstehen beginnen, haben andere Fächer studiert. Die meisten der ersten deutschen Soziologen kommen aus der Philosophie, der Nationalökonomie oder den Geschichtswissenschaften. All diese Wissenschaftler prägen im Anfangsstadium das Profil des neuen Faches. Unter anderem weil sie aus unterschiedlichen Fächern kommen, zeigt die Soziologie dieser Zeit verschiedene Richtungen und Konzeptionen.

Eine zentrale Rolle in der Institutionalisierung der Soziologie in Deutschland spielt die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS). Sie wird am 3. Januar 1909 im Berliner Hotel Esplanade von einer Gruppe von 39 Wissenschaftlern gegründet. Eines der Ziele der DGS ist die Schaffung von eigenen Lehrstühlen für Soziologie an deutschen Universitäten. So fällt die DGS nach dem Ersten Weltkrieg einen Beschluss, der das Staatsministerium ersucht, »an allen preußischen Universitäten ordentliche Lehrstühle für allgemeine Soziologie zu errichten« (zit. n. STÖLTING 1986: 239). Die DGS ist in ihrem Ziel, die Soziologie in Deutschland institutionell zu verankern, in den 1920er-Jahren überaus erfolgreich. Soziologie wird nun zu einer Art ›Modewissenschaft‹ (vgl. STÖLTING 1986: 237; HAMMERSTEIN 1989: 130). Im Jahr 1932 zählt man in Deutschland bereits fünfzehn Lehrstühle für Soziologie (ebd.: 105). Ebenso werden in dieser Zeit verschiedene Institute und spezialisierte Zeitschriften gegründet. Was aber unter ›Soziologie‹ zu verstehen sei, wird auf diesem Weg der Institutionalisierung allerdings noch keineswegs auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.

Die Geschichte der DGS spiegelt die Situation der Soziologie in Deutschland wider. Die hier stattfindenden Konflikte zeigen, dass die Soziologie schon in ihrer Gründungsphase aus konkurrierenden Gruppen besteht. In der heutigen DGS sind die Lager nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar. Gegenwärtig umfasst die DGS über 1600 Mitglieder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Kreis von Soziologen jedoch wesentlich kleiner und die konkurrierenden Gruppen treten deshalb deutlicher in Erscheinung. An zahlreichen Punkten spalten sich die Soziologen. Zwei der bedeutendsten sind: (1) Die Bestimmung der Grenzen zwischen der Soziologie und anderen Disziplinen, und (2) die Bedeutung von ›Werten‹ und ›Werturteilen‹.

(1) Die Grenzen der ›Soziologie‹: Max Weber, der bei der Gründung der DGS eine zentrale Rolle spielt, will die Soziologie als Fach etablieren, in dem an bestimmten Themen in interdisziplinärer Forschung gearbeitet wird. Er versteht die DGS also als Organ, das diese Zusammenarbeit organisieren soll (STÖLTING 1986: 54). Im Sinne eines solchen interdisziplinären Programms kann die Soziologie schwerlich als eigenständige Disziplin verstanden werden, da ihr gerade die Aufgabe zugemessen wird, alle bereits bestehenden ›Sozialwissenschaften‹ (z.B. Geschichte, Psychologie, Jurisprudenz, Ökonomie oder Sozialphilosophie) zur Kooperation zu bewegen. Georg Simmel und Leopold von Wiese hingegen sprechen sich für eine eigene Disziplin mit klaren Grenzen aus. Ihrer Konzeption einer ›formalen Soziologie‹ zufolge soll die Soziologie die verschiedenen ›Vergesellschaftungsformen‹ analysieren, also verschiedene Formen erfassen und unterscheiden, wie Menschen sich miteinander verbinden oder sich voneinander trennen können. Diese Analyse der Vergesellschaftungsformen müsse unabhängig von den historischen Perioden und konkreten Bereichen (Kunst, Religion, Politik, Wissen) unternommen werden, in denen sie stattfänden. Auf diesem Weg solle die Soziologie ihren eigenen klar definierten Bereich finden. Wir haben also einen Flügel, der für einen weiten Begriff der Soziologie plädiert, für eine Soziologie als interdisziplinäre Forschung aller Sozialwissenschaften, und einen anderen, der versucht, einen engen Begriff der Soziologie als eigene Disziplin zu etablieren. Ein noch stärkerer Konflikt kristallisiert sich an einem anderen Punkt heraus, nämlich an der Frage nach der politischen Funktion der Soziologie.

(2) Politische Soziologie oder wertfreie Soziologie? Schon in seinem Geschäftsbericht des Ersten Deutschen Soziologentages (1910) formuliert Weber programmatisch, die DGS müsse wissenschaftliche Forschung zur Aufgabe haben und nicht die Propagierung praktischer Ideale. Weber ist dabei selbst alles andere als ein unpolitischer Mensch, wie beispielsweise sein Engagement in der Münchner Räterepublik deutlich macht. Zeit seines Lebens trennt er aber sorgfältig seine politischen Aktivitäten von seinen wissenschaftlichen und vermeidet jegliche Vermischung. An dieser Frage spaltet sich die DGS in zwei Gruppen: Eine Gruppe stellt die Anforderung, der Wissenschaftler müsse seine politischen Einstellungen und Interessen ausklammern, um objektive Erkenntnisse zu gewinnen. Max Weber machte diese Haltung durch das Postulat der Werturteilsfreiheit bekannt, was auch unter ›Wertfreiheit‹ bekannt wird.1 Eine andere Gruppe der DGS vertritt eine konträre Position. Sie plädieren für eine Wissenschaft, welche bestrebt ist, die Welt zu verbessern. Einige Vertreter dieser Gruppe plädieren in ihren Forschungen für Sozialreformen (Oppenheimer), andere verstehen die Soziologie teilweise sogar als Wissenschaft mit dem Ziel, Änderungen und Revolutionen in der Gesellschaft selbst aktiv voranzutreiben.

Die Frage nach der Rolle der Werturteile in der Soziologie führt zu heftigen Konflikten. 1912 kündigt Max Weber seinen Austritt aus dem Vorstand der DGS an, weil er in diesem Punkt keine Kompromisse eingehen will. Er verabschiedet sich 1914 endgültig von der DGS, als er einsehen muss, dass seine Vorstellung über die Soziologie von den meisten Mitgliedern nicht geteilt wird (vgl. WEBER 2003: 442).

Zu Webers Rücktritt trägt maßgeblich der Einfluss von Reformpolitikern wie Rudolf Goldscheid und Franz Oppenheimer sowie sozialdemokratischen Politikern wie Eduard Bernstein und Eduard David auf die DGS bei. Nach Oppenheimer soll die Soziologie mit ihren gewonnenen Erkenntnissen dazu beitragen, Freiheit von Herrschaft und Ausbeutung zu schaffen. Oppenheimer verknüpft seine Soziologie mit der Arbeit an Sozialreformen – wie zum Beispiel der Gründung von Siedlungsprojekten – und sieht hierin die praktische Konsequenz seiner Soziologie (STÖLTING 1986: 58). Anhand dieser Meinungsunterschiede wird deutlich, dass in der Bestimmung dessen, was Soziologie sein soll, die Unterschiede zwischen den Teilnehmern zu unversöhnlichen Konflikten führen. Es gibt Austritte, öffentlichen Streit, Proklamationen und die Gründung von parallelen Institutionen.

Karl Mannheim in der deutschen Soziologie: Ein Ausblick

In diesem Umfeld von Konflikten und Streitigkeiten in der deutschen Soziologie kurz nach ihrer Gründung spielt Karl Mannheim eine wichtige Rolle. Mannheim kommt Anfang der 1920er-Jahre aus Budapest – wie wir sehen werden aus einer Umgebung, in der er bereits mit einflussreichen Kontakten zur deutschen Soziologie ausgestattet ist. Er lässt sich 1921 in Heidelberg nieder, wo er in kurzer Zeit einige Schriften zur Kultursoziologie und Wissenssoziologie verfasst, die ihn in der deutschen Soziologie bekannt machen. Nachdem er 1928 in die DGS aufgenommen wird (ebd.: 120), tritt Mannheim in den öffentlichen Veranstaltungen als aktives Mitglied auf und wird rasch zu einer zentralen Figur der deutschen Soziologie. Als denkwürdiger Auftritt gilt sein Vortrag auf dem siebten Soziologentag der DGS 1928 in Zürich. Dieser Vortrag macht Mannheim schlagartig berühmt – nicht etwa, weil er sich hier zu der einen oder der anderen der beiden konkurrierenden Fraktionen bekennt. Vielmehr macht er die internen Konflikte zwischen den Soziologen seiner Zeit zum Gegenstand einer ›reflexiven‹ soziologischen Untersuchung und erlangt damit seinen Ruhm.

Mannheim betont in dem Vortrag, dass sich nicht nur im Alltag, sondern auch in den Theoriedebatten der Sozial- und Geisteswissenschaften soziale Konkurrenzen abspielen. Diese Konkurrenzen erläutert Mannheim, indem er sich unter anderem auf das Problem bezieht, das so viele Spaltungen und Konflikte in der DGS verursacht hat: das Problem der Werturteilsfreiheit, von Mannheim als ›Problem der Wertfreiheit‹ bezeichnet (MANNHEIM 1928b/2009: 109). Er zeigt, wie je nach Gruppenzugehörigkeit verschiedene Positionen in Bezug auf dasselbe Problem eingenommen werden. Mannheim bezieht sich auf idealtypische Einstellungen, die er in drei politische Richtungen einordnet: Liberale, Konservative und Marxisten. Er versucht deutlich zu machen, wie sich aus all diesen politischen Standorten verschiedene Perspektiven auf das Problem der Wertfreiheit ergeben.

Mannheim will seine Kollegen überzeugen, die Tatsache verschiedener Meinungen zu akzeptieren: Sie ergeben sich aus unterschiedlichen sozialen Lagern, und gerade der Soziologe müsse diese ›Seinsverbundenheit‹ anerkennen und mit dieser Erkenntnis weiterarbeiten. Die Wissenssoziologie, so wie Mannheim sie konzipiert, soll diese sichtbar gewordene Seinsverbundenheit des wissenschaftlichen Denkens zu ihrem Gegenstand machen. Sowohl bezüglich einzelner Themen als auch anhand von Merkmalen wie etwa der Argumentationsweise zeigt Mannheim die wichtige Rolle weltanschaulicher Konflikte in den Fachdiskussionen der Soziologie – obwohl andere, etwa die Liberalen, meinten, diese ausschalten zu können. Kurz: Die auf den ersten Blick rein theoretischen und methodologischen Diskussionen sind aus wissenssoziologischer Perspektive Manifestationen politischer und sozialer Differenzen.

Mit diesem soziologischen Blick auf die internen Konflikte macht Mannheim sich wenig Freunde. Denn viele der Teilnehmer des Soziologentags fühlen sich direkt angegriffen. Die Verteidiger des Wertfreiheitspostulats sehen sich von Mannheims Wissenssoziologie angegriffen, weil diese annimmt, es gäbe keinen wertfreien Standort der Wissenschaft, da weltanschauliche Hintergründe immer eine Rolle spielen. Aber auch die marxistischen Denker finden Mannheims wissenssoziologische Analyse hoch problematisch, da sie bemüht sind zu zeigen, dass es einen Ort gibt, an dem objektive Erkenntnis möglich ist, während andere Standorte als falsche Ideologien aufgedeckt werden müssen. Die Wissenssoziologie will aber beweisen, dass es an allen Standorten weltanschauliche bzw. ideologische Hintergründe gibt.

Mannheim schlägt von allen Fronten Kritik entgegen. Sein Vortrag macht ihn indes schlagartig zu einer kontroversen Zentralfigur der deutschen Soziologie. Wer ist dieser Mann, der 1920 aus Ungarn gekommen ist und der in wenigen Jahren zum »akademischen Shooting-Star« (MATTHIESEN 1989: 72) der deutschen Soziologie avanciert? Wie kommt ein ausländischer Soziologe zu einer solch zentralen Position? Und welche Rolle spielt seine Wissenssoziologie in der Soziologie der Weimarer Republik? Weil sein früherer Lebensweg eine wichtige Rolle für die Entwicklung seines Programms spielt, werfen wir zuerst einen Blick auf diese Zeit.

Budapest: Pluralität der Weltanschauungen