Karl Marx: Biografie - Franz Mehring - E-Book

Karl Marx: Biografie E-Book

Franz Mehring

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Beschreibung

Franz Mehrings "Karl Marx: Biografie" ist eine tiefgründige und meisterlich geschriebene Untersuchung des Lebens und Schaffens eines der einflussreichsten Denker der modernen Geschichte. In einem klaren und präzisen literarischen Stil verwebt Mehring historische Fakten mit biographischen Anekdoten, wodurch ein lebendiges Bild von Marx' Entwicklungsweg, seiner Ideen und der sozialen sowie politischen Kontexte, in denen diese entstanden, entsteht. Die Analyse reicht von Marx' Kindheit über seine kritischen Jahre als Journalist bis hin zu seinen philosophischen und wirtschaftlichen Theorien, die im 19. Jahrhundert und darüber hinaus eine revolutionäre Wirkung entfalteten. Franz Mehring, selbst ein prominenter Marxist und Historiker, war zu seiner Zeit ein leidenschaftlicher Verfechter der sozialistischen Bewegung. Sein tiefes Verständnis der marxistischen Theorie und sein Engagement für die sozialistische Ideologie prägen diese Biografie. Mehrings eigene Erfahrungen und Überzeugungen haben ihn dazu inspiriert, Marx nicht nur als eine entfernte historische Figur darzustellen, sondern als einen lebendigen Strahl des Wandels, dessen Einfluss auch im 20. Jahrhundert spürbar ist. Dieses Buch ist eine umfassende und kritische Auseinandersetzung mit Marx' Lebenswerk, die sowohl für Wissenschaftler als auch für interessierte Laien von großem Wert ist. Durch Mehrings einzigartige Perspektive wird der Leser nicht nur in die Welt von Marx eingeführt, sondern erhält auch einen tiefen Einblick in die sozialen und politischen Kämpfe seiner Zeit. Für jeden, der sich für die Wurzeln des Sozialismus und die Entwicklung von deren Ideologien interessiert, ist diese Biografie unverzichtbar. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Franz Mehring

Karl Marx: Biografie

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Frank Busch
EAN 8596547757399
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Karl Marx: Biografie
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der Unbedingtheit einer Idee und den widersprüchlichen Bedingungen eines Lebens entfaltet Franz Mehring in seiner Biografie Karl Marx’ als historische Persönlichkeit und intellektuelles Ereignis, dessen Gedankenwelt aus politischem Kampf, wissenschaftlicher Akribie und menschlicher Erfahrung hervorgeht, und zeigt dabei, wie Theorie nicht als abstraktes System, sondern als bewegte Praxis erscheint, die sich im Streit der Zeit bildet, in Freundschaften und Gegnerschaften schärft, an Niederlagen lernt, in Konstanten beharrt, sich korrigiert und erweitert – ein Spannungsbogen, der Lebenslauf und Werk wechselseitig beleuchtet und bis in die Gegenwart ausstrahlt und Leserinnen wie Leser zur Prüfung eigener Urteile auffordert.

Mehrings Werk ist eine politische und intellektuelle Biografie, angesiedelt im Europa des 19. Jahrhunderts – von den deutschen Staaten über Paris bis nach London – und 1918 unter dem Titel Karl Marx: Geschichte seines Lebens erstmals veröffentlicht, als Krieg und Umbrüche die Deutung der jüngsten Vergangenheit zuspitzten. Es verbindet Lebensbeschreibung, Zeitgeschichte und Ideengeschichte, ohne die eine in der anderen aufzulösen. Die Bühne bildet eine Epoche rasanter Industrialisierung, wachsender Städte, neuer Medien und sich organisierender Arbeiter. Vor diesem Hintergrund zeichnet die Biografie die Bedingungen nach, unter denen Marx dachte, schrieb und handelte, und macht erfahrbar, wie eng persönliche Wege und gesellschaftliche Prozesse ineinandergreifen.

Die Biografie setzt bei einem jungen Intellektuellen ein, der seine Fragen an Philosophie, Politik und Ökonomie nicht in Hörsälen belässt, sondern in die Öffentlichkeit trägt. Mehrings Erzählinstanz bleibt nüchtern, engagiert und quellennah zugleich: Er ordnet, kommentiert, vergleicht, spart aber die Ambivalenzen nicht aus. Der Stil ist klar, gelegentlich polemisch, immer erklärend, getragen von der Absicht, Zusammenhänge freizulegen, statt sie mit Anekdoten zu überdecken. Der Ton ist respektvoll, doch nicht hagiografisch, und er verschafft Leserinnen und Lesern das Erlebnis, einer dichten, gut strukturierten Argumentation zu folgen, die sich Schritt für Schritt aus Dokumenten entfaltet.

Methodisch stützt sich Mehring auf Briefe, Zeitungsartikel, politische Schriften und zeitgenössische Berichte, die er kontextualisiert, datiert und in größere Linien einordnet. Er verfolgt Entwicklungen über Jahre hinweg, zeigt Brüche und Kontinuitäten und lässt so die Entstehung zentraler Begriffe und Positionen als Prozess sichtbar werden. Die Struktur ist chronologisch, doch immer wieder von thematischen Knotenpunkten durchzogen, an denen Debatten, Milieus und Institutionen in den Blick rücken. Dadurch entsteht kein bloßes Nacherzählen, sondern ein begründendes Erzählen, das dem Leser Werkstattcharakter vermittelt: Man sieht, wie Argumente geschliffen, Irrtümer korrigiert und Perspektiven präzisiert werden.

Zentrale Themen durchziehen das Buch: das Verhältnis von Theorie und Praxis, von wissenschaftlicher Kritik und politischer Organisation; die Rolle von Öffentlichkeit, Presse und Verein im 19. Jahrhundert; die Erfahrung von Migration und Exil als Motor intellektueller Arbeit; die Spannungen zwischen Kooperation und Konflikt in Bewegungen. Mehring zeigt, wie Ideen in soziale Verhältnisse eingebettet sind und wie persönliche Entscheidungen unter strukturellen Zwängen getroffen werden. Dabei macht er deutlich, dass ökonomische Analyse, historische Recherche und politische Strategie keine getrennten Felder bleiben, sondern sich gegenseitig bedingen – ein Verständnis, das die Dynamik der dargestellten Epoche anschaulich erklärt.

Seit ihrem Erscheinen wurde die Biografie vielfach gelesen, diskutiert und neu aufgelegt; sie gilt als frühe, umfassende Darstellung, die über Parteigrenzen hinaus rezipiert worden ist. Ihr bleibender Wert liegt weniger in einer endgültigen Deutung als in der Sorgfalt, mit der sie Material ordnet und Argumentationsgänge offenlegt. Wer das Buch liest, gewinnt ein Panorama an Quellen, Kontexten und Kontroversen, das spätere Debatten vorbereitet und überprüfbar macht. Damit ist es nicht nur ein Werk über Marx, sondern auch ein Dokument der Geschichtsschreibung seiner Zeit, das den Umgang mit politischer Biografie beispielhaft vorführt.

Heute bleibt Mehrings Biografie relevant, weil sie fragt, wie Ideen in Krisen entstehen, wie Kritik sich organisiert und wie intellektuelle Arbeit gesellschaftlich wirksam wird. In Zeiten globaler Ungleichheit, digitaler Öffentlichkeiten und wiederkehrender ökonomischer Spannungen hilft sie, die Verflechtung von Analyse, Kommunikation und politischer Praxis zu verstehen. Wer nach Orientierung sucht, erhält kein Patentrezept, sondern ein Instrumentarium: präzise Begriffe, historisches Maß, Sensibilität für Konflikte. So lädt das Buch ein, über Schlagworte hinauszudenken und Marx’ Bedeutung im Kontext seiner Epoche zu prüfen – eine Übung, die Urteilsfähigkeit stärkt und aktuelle Debatten produktiv erdet.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Franz Mehrings Biografie über Karl Marx zeichnet mit umfangreicher Quellenkenntnis ein zusammenhängendes Bild von Leben, Werk und Zeit des Theoretikers. Aus einer historisch-materialistischen Perspektive ordnet Mehring die Stationen von Marx in die politischen und sozialen Konflikte des 19. Jahrhunderts ein und verbindet persönliche Erfahrungen mit der Entwicklung zentraler Ideen. Die Darstellung setzt auf quellengestützte Einordnung von Briefen, Schriften und Zeitzeugnissen und vermeidet anekdotische Ausschmückung. Leitend ist die Frage, wie sich wissenschaftliche Analyse und praktische Bewegung gegenseitig durchdringen. Der Band führt Leserinnen und Leser durch die Etappen vom bürgerlichen Bildungsweg bis zur internationalen Wirkung.

Zu Beginn zeichnet Mehring Marx’ Herkunft aus dem rheinischen Bürgertum nach, seine Schulzeit in Trier und die Studienjahre in Bonn und Berlin. Die Auseinandersetzung mit der Hegelschen Philosophie, die Nähe zu den Junghegelianern und eine frühe Hinwendung zur Religions- und Staatskritik bilden die intellektuellen Koordinaten. Mehring betont, wie sich aus philosophischer Kritik ein Bedürfnis nach gesellschaftlicher Analyse entwickelt. Erste publizistische Versuche markieren den Übergang vom akademischen Milieu zur öffentlichen Tätigkeit. In diesem Rahmen erscheint Marx nicht als isolierter Denker, sondern als Teil eines lebhaften Netzwerks, das theoretische Impulse mit aktueller politischer Erfahrung verschränkt.

Im nächsten Schritt behandelt Mehring Marx’ journalistische Arbeit bei der Rheinischen Zeitung und die zunehmende Konfrontation mit Zensur und staatlicher Repression. Die erzwungene Beendigung der Zeitung wird zum Katalysator für den Weg ins Exil. In Paris knüpft Marx Kontakte zu Arbeiterkreisen und Sozialisten, vertieft sich in politische Ökonomie und findet eine intellektuelle und praktische Erweiterung seines Horizonts. Hier beginnt auch die enge Zusammenarbeit mit Friedrich Engels, die fortan Theorieentwicklung und organisatorische Praxis prägt. Mehring zeigt, wie aus dem Zusammenspiel von Debatte, Kritik und Erfahrung die Umrisse einer materialistischen Geschichtsauffassung entstehen.

Es folgt die Brüsseler Zeit und die Hinwendung zu systematischer Organisationsarbeit. Mehring schildert den Eintritt in die Kommunistische Liga, die programmatische Klärung ihrer Ziele und die Abfassung eines grundlegenden programmatischen Textes, der die historische Rolle der Klassenkämpfe betont. Die Revolutionen von 1848/49 bilden den dramatischen Prüfstein: Marx kehrt zeitweise nach Deutschland zurück, gibt eine Zeitung heraus und ringt um politische Orientierung angesichts wechselnder Kräfteverhältnisse. Nach dem Scheitern der Erhebung und erneuter Verfolgung führt der Weg endgültig ins Londoner Exil. Der biografische Einschnitt markiert den Übergang von agitatorischer Phase zu langfristiger Forschung und Aufbauarbeit.

Die Londoner Jahre erscheinen bei Mehring als Phase großer Entbehrungen und zugleich intellektueller Konzentration. In Bibliotheken, Korrespondenzen und Debatten entwickelt Marx seine Kritik der politischen Ökonomie und arbeitet an den ökonomischen Studien, die sein Hauptwerk tragen. Zugleich engagiert er sich im Aufbau der internationalen Arbeiterbewegung und wirkt an der Formierung einer Organisation mit, die verschiedene Strömungen zusammenführt und Strategien erprobt. Die Veröffentlichung eines ersten großen Bandes seiner ökonomischen Forschung markiert einen Höhepunkt, dessen Rezeption widersprüchlich ausfällt. Mehring bettet diese Schritte in Krisen, Kontroversen und Lernprozesse der Bewegung ein, begleitet von Reflexion.

In der späteren Darstellung fokussiert Mehring auf theoretische Präzisierungen, politische Auseinandersetzungen und die internationale Resonanz. Er verfolgt Kontroversen über Organisation, Taktik und Programm sowie die Auswertung großer Ereignisse, die den Anspruch der Theorie herausfordern. Gesundheitliche Rückschläge, familiäre Belastungen und ein nicht abreißender Arbeitsplan strukturieren den Alltag. Mehring zeigt die enge Zusammenarbeit mit Engels bis in die letzten Jahre und die Anstrengungen, Forschungsergebnisse zu ordnen und zugänglich zu machen. Nach Marx’ Tod beschreibt er, wie die Sicherung und Weitergabe des Werks organisiert wird und welche Linien der Weiterführung sich abzeichnen lassen.

Am Ende verdichtet Mehring die Leitidee einer Einheit von Wissenschaft und Politik, die Marx’ Lebensweg durchzieht. Die Biografie arbeitet heraus, wie theoretische Kategorien aus konkreten Kämpfen gewonnen werden und ihrerseits praktische Orientierung liefern. Sie korrigiert verbreitete Missverständnisse, indem sie Kontext, Quellenlage und Entwicklungsschritte sorgfältig rekonstruiert, ohne die Person zu idealisieren. In ihrer Verbindung von Lebensgeschichte, Ideengeschichte und Bewegungsgeschichte wirkt die Darstellung über den unmittelbaren Gegenstand hinaus. Sie zeigt, wie sich kritisches Denken in wechselnden historischen Situationen bewähren muss, und hat die spätere Auseinandersetzung mit Marx’ Werk und dessen Wirkung nachhaltig beeinflusst.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Franz Mehrings Karl Marx: Geschichte seines Lebens entstand vor dem Hintergrund des langen 19. Jahrhunderts und des von Kriegen und Revolutionen geprägten Übergangs ins 20. Jahrhundert. Schauplätze sind das deutsche Vormärz und Kaiserreich sowie die europäischen Metropolen, in denen Marx wirkte: Trier, Bonn, Berlin, Paris, Brüssel und vor allem London. Prägende Institutionen waren Universitäten und Gelehrtenzirkel, preußische Zensurbehörden, Zeitungen wie die Rheinische Zeitung, Arbeitervereine, die Internationale Arbeiterassoziation, später die deutsche Sozialdemokratie mit Parteipresse und Bildungsarbeit, ebenso das British Museum als Forschungsort. In diesem institutionellen Gefüge verortet Mehring seine quellengestützte Darstellung von Marx’ Leben und Werk.

Karl Marx wurde 1818 in Trier geboren, studierte ab 1835 in Bonn und wechselte 1836 nach Berlin, wo er sich im Kreis der Junghegelianer bewegte. 1841 promovierte er in Jena über die antike Atomistik. Als Journalist übernahm er 1842 die Redaktion der Rheinischen Zeitung in Köln; die preußische Zensur untersagte das Blatt 1843. Marx ging nach Paris, arbeitete an den Deutsch-Französischen Jahrbüchern mit und traf 1844 Friedrich Engels, mit dem ihn fortan eine enge Zusammenarbeit verband. Frühere politische und philosophische Kritiken, darunter Zur Judenfrage, markierten den Übergang zu einer materialistischen Gesellschaftsanalyse, die Mehring ausführlich rekonstruiert.

Nach Ausweisung aus Paris lebte Marx ab 1845 in Brüssel, wo er mit Engels an der Deutschen Ideologie arbeitete und ökonomische Studien vertiefte. Im Auftrag des Bundes der Kommunisten verfassten beide das Manifest der Kommunistischen Partei, veröffentlicht 1848. Im Revolutionsjahr kehrte Marx nach Köln zurück und leitete die Neue Rheinische Zeitung, die 1849 erneut von den Behörden unterdrückt wurde. Nach der Niederlage der Revolutionen wurde Marx ausgewiesen und ließ sich 1849 im Londoner Exil nieder. Mehring verfolgt diese Stationen als Verbindung von politischer Praxis, Publizistik und theoretischer Arbeit in einer von Repression und Umbrüchen geprägten Zeit.

Im Londoner Exil lebte Marx zeitweise in großer materieller Not, betrieb jedoch systematische Forschung im Reading Room des British Museum. 1864 war er Mitbegründer der International Working Men’s Association und verfasste deren Eröffnungsadresse sowie Statutenentwürfe. In den Auseinandersetzungen mit Proudhonisten und Bakuninisten profilierte er eine organisations- und programmorientierte Arbeiterpolitik. Die Pariser Kommune von 1871 kommentierte er in Der Bürgerkrieg in Frankreich. Nach inneren Konflikten und staatlichem Druck verlegte der Generalrat 1872 seinen Sitz nach New York; 1876 löste sich die Internationale auf. Mehring ordnet diese Entwicklungen als Kulminationspunkt von Marx’ politischer Wirksamkeit.

Das ökonomische Hauptwerk Das Kapital erschien 1867 mit dem ersten Band; die Bände zwei und drei gab Friedrich Engels 1885 und 1894 aus dem Nachlass heraus. Erörtert werden darin Kapitalakkumulation, Ausbeutung und Krisenprozesse, die sich in der langen Depression ab 1873 eindrücklich zeigten. Gleichzeitig wuchsen Gewerkschaften und sozialistische Parteien, in Deutschland jedoch unter den Sozialistengesetzen von 1878 bis 1890 im halblegalen Rahmen. Marx starb 1883 in London; Engels folgte 1895. Mehring verfolgt diese Werk- und Rezeptionsgeschichte anhand zeitgenössischer Debatten und skizziert, wie ökonomische Theorie, Klassenorganisation und staatliche Repression ineinandergriffen. Er berücksichtigt auch internationale Resonanzen, etwa in England, Frankreich und Russland.

In Deutschland prägten nach Aufhebung der Sozialistengesetze das Erfurter Programm von 1891 und die theoretische Zeitschrift Die Neue Zeit die marxistische Debatte. Eduard Bernsteins Revisionismus provozierte zwischen 1896 und 1899 heftige Auseinandersetzungen mit Karl Kautsky und anderen. Franz Mehring, 1846 geboren, war seit den 1870er Jahren Journalist, trat 1891 der SPD bei und profilierte sich als marxistischer Historiker und Kritiker, unter anderem mit Die Lessing-Legende von 1893. Er schrieb für Vorwärts und Die Neue Zeit und trug zur historischen Selbstverortung der Partei bei. Seine Tätigkeit in der Partei eröffnete ihm Zugang zu Archiven und Publikationskanälen.

Der Erste Weltkrieg spaltete die deutsche Sozialdemokratie. Die Reichstagsfraktion bewilligte am 4. August 1914 Kriegskredite, während eine Minderheit um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht opponierte. Mehring schloss sich der Antikriegspolitik der Gruppe Internationale und des 1916 gegründeten Spartakusbundes an und wechselte 1917 zur USPD. Die USPD formierte sich im April 1917; der Spartakusbund wirkte darin als linkssozialistische Strömung. Inmitten von Zensur, Verfolgung und wachsender Unruhe verfasste er seine Marx-Biografie, die 1918 erschien, als die Novemberrevolution das Kaiserreich erschütterte. Kurz nach den Januarkämpfen 1919 starb Mehring in Berlin. Die politischen Brüche dieser Jahre rahmen die Entstehung des Buches und prägen Ton und Akzentsetzung der Darstellung.

Mehrings Biografie verbindet politische Chronik, Werkgeschichte und quellennahes Porträt. Sie stützt sich auf veröffentlichte Schriften und Briefe, zeitgenössische Presse sowie Erinnerungen aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung, noch vor den großen Editionsprojekten des 20. Jahrhunderts. Damit bietet sie eine frühe, geschlossene Gesamtdarstellung von Marx’ Lebensweg und Wirkung. Als Kommentar zur Epoche zeigt das Buch, wie Revolutionen, Industriekapitalismus, internationale Vernetzung und Parteibildung das Denken und die Praxis von Marx rahmten. Zugleich spiegelt die Darstellung die Konflikte der Vorkriegs- und Kriegsjahre innerhalb der Sozialdemokratie und hält die Erfahrungen einer Generation von Sozialisten im Umbruch fest.

Karl Marx: Biografie

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Erstes Kapitel: Junge Jahre
1. Haus und Schule
2. Jenny von Westphalen
Zweites Kapitel: Der Schüler Hegels
1. Das erste Jahr in Berlin
2. Die Junghegelianer
3. Die Philosophie des Selbstbewußtseins
4. Die Doktordissertation
5. »Anekdota« und »Rheinische Zeitung«
6. Der rheinische Landtag
7. Fünf Kampfmonate
8. Ludwig Feuerbach
9. Hochzeit und Verbannung
Drittes Kapitel: Das Pariser Exil
1. Die »Deutsch-Französischen Jahrbücher«
2. Eine philosophische Fernsicht
3. Zur Judenfrage
4. Französische Zivilisation
5. Der »Vorwärts!« und die Ausweisung
Viertes Kapitel: Friedrich Engels
1. Kontor und Kaserne
2. Englische Zivilisation
3. »Die heilige Familie«
4. Eine sozialistische Grundlegung
Fünftes Kapitel: Das Brüsseler Exil
1. »Die deutsche Ideologie«
2. Der »wahre« Sozialismus
3. Weitling und Proudhon
4. Der historische Materialismus
5. »Deutsche-Brüsseler-Zeitung«
6. Der Bund der Kommunisten
7. Propaganda in Brüssel
8. »Das Kommunistische Manifest«
Sechstes Kapitel: Revolution und Gegenrevolution
1. Februar- und Märztage
2. Junitage
3. Der Krieg gegen Rußland
4. Septembertage
5. Die Kölner Demokratie
6. Freiligrath und Lassalle
7. Oktober- und Novembertage
8. Ein Streich aus dem Hinterhalte
9. Noch ein feiger Streich
Siebentes Kapitel: Das Londoner Exil
1. »Neue Rheinische Revue«
2. Der Fall Kinkel
3. Die Spaltung des Kommunistenbundes
4. Flüchtlingsleben
5. »Der achtzehnte Brumaire«
6. Der Kölner Kommunistenprozeß
Achtes Kapitel: Engels - Marx
1. Genie und Gesellschaft
2. Ein Bund ohnegleichen
Neuntes Kapitel: Krimkrieg und Krise
1. Europäische Politik
2. David Urquhart. Harney und Jones
3. Familie und Freunde
4. Die Krise von 1857
5. »Zur Kritik der politischen Ökonomie«
Zehntes Kapitel: Dynastische Umwälzungen
1. Der italienische Krieg
2. Der Streit mit Lassalle
3. Neue Emigrantenkämpfe
4. Zwischenspiele
5. »Herr Vogt«
6. Häusliches und Persönliches
7. Die Agitation Lassalles
Elftes Kapitel: Die Anfänge der Internationalen
1. Die Gründung
2. »Inauguraladresse« und »Statuten«
3. Die Absage an Schweitzer
4. Die erste Konferenz in London
5. Der deutsche Krieg
6. Der Genfer Kongreß
Zwölftes Kapitel: »Das Kapital«
1. Die Geburtswehen
2. Der erste Band
3. Der zweite und dritte Band
4. Die Aufnahme des Werks
Dreizehntes Kapitel: Die Internationale auf der Höhe
1. England, Frankreich, Belgien
2. Die Schweiz und Deutschland
3. Die Agitation Bakunins
4. Die Allianz der sozialistischen Demokratie
5. Der Baseler Kongreß
6. Genfer Wirren
7. Die Konfidentielle Mitteilung
8. Irische Amnestie und französisches Plebiszit
Vierzehntes Kapitel: Der Niedergang der Internationalen
1. Bis Sedan
2. Nach Sedan
3. Der Bürgerkrieg in Frankreich
4. Die Internationale und die Kommune
5. Die bakunistische Opposition
6. Die zweite Konferenz in London
7. Der Spaltpilz der Internationalen
8. Der Haager Kongreß
9. Nachwehen
Fünfzehntes Kapitel: Das letzte Jahrzehnt
1. Marx in seinem Heim
2. Die deutsche Sozialdemokratie
3. Anarchismus und Orientkrieg
4. Morgenröte
5. Abendschatten
6. Das letzte Jahr

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Dies Buch hat seine kleine Geschichte. Als es sich darum handelte, den Briefwechsel zwischen Marx und Engels herauszugeben, machte Frau Laura Lafargue[1] ihre Zustimmung, soweit sie notwendig war, davon abhängig, daß ich als ihr Vertrauensmann an der Redaktion teilnähme; in einer, aus Draveil vom 10. November 1910 datierten Vollmacht beauftragte sie mich, die Bemerkungen, Erläuterungen und Streichungen vorzunehmen, die ich für unerläßlich hielte.

Von dieser Vollmacht habe ich jedoch keinen praktischen Gebrauch gemacht. Zwischen den Herausgebern oder vielmehr dem Herausgeber Bernstein - denn Bebel gab nur den Namen dazu her - und mir ergaben sich keine wesentlichen Meinungsverschiedenheiten, und ihm ohne zwingenden oder mindestens dringenden Grund ins Handwerk zu pfuschen, hatte ich, im Sinne meiner Auftraggeberin, keinen Anlaß, kein Recht und selbstverständlich auch keine Neigung.

Dagegen rundete sich mir in der langen Arbeit an diesem Briefwechsel das Bild ab, das ich aus jahrzehntelangen Studien von Karl Marx gewonnen hatte, und so erwuchs mir unwillkürlich der Wunsch, diesem Bilde einen biographischen Rahmen zu geben, zumal da ich wußte, daß Frau Lafargue daran ihre große Freude haben würde. Ich hatte mir ihre Freundschaft und ihr Vertrauen erworben, nicht etwa weil sie mich unter den Schülern ihres Vaters für den gelehrtesten oder scharfsinnigsten, sondern nur für denjenigen hielt, der in sein menschliches Wesen am tiefsten eingedrungen sei und es am treffendsten darzustellen wisse. Brieflich wie mündlich hat sie mir oft versichert, wie so manche halbverklungene Erinnerung aus ihrem elterlichen Hause durch die Schilderung in meiner Parteigeschichte und namentlich in meiner Nachlaßausgabe ihr wieder frisch und lebendig, wie mancher, von ihren Eltern oft gehörter Name ihr erst durch mich aus einem bloßen Schatten zu einer greifbaren Gestalt geworden sei.

Leider starb die edle Frau, lange ehe der Briefwechsel ihres Vaters mit Engels herausgegeben werden konnte. Wenige Stunden, ehe sie in den Freitod ging, sandte sie mir noch ein herzliches Wort des Grußes. Sie hatte den großen Sinn ihres Vaters geerbt, und ich danke es ihr noch im Grabe, daß sie mir manchen Schatz aus seinem Nachlaß zur Herausgabe anvertraut hat, ohne auch nur den leisesten Versuch, mein kritisches Urteil darüber zu beeinflussen. So erhielt ich von ihr die Briefe Lassalles an ihren Vater, obgleich sie aus meiner Parteigeschichte wußte, wie entschieden und wie oft ich das Recht Lassalles gegen ihren Vater vertreten hatte. Nicht ein Äderchen von dem Wesen dieser großherzigen Frau verrieten dagegen zwei Zionswächter des Marxismus, die, als ich nunmehr zur Ausführung meines biographischen Vorhabens schritt, in das Horn der sittlichen Entrüstung stießen, weil ich in der »Neuen Zeit« einige Bemerkungen über Lassalles und Bakunins Beziehungen zu Marx geäußert hatte, ohne dabei den gebührenden Kotau vor der offiziellen Parteilegende zu machen. Zuerst zieh mich K. Kautsky der »Marxfeindschaft« im allgemeinen und eines angeblich an Frau Lafargue begangenen Vertrauensbruchs« im besonderen, und als ich gleichwohl auf meiner Absicht beharrte, die Biographie von Marx zu schreiben, opferte er von dem bekanntlich sehr kostbaren Raum der »Neuen Zeit« nicht weniger als einige sechzig Seiten einem Pamphlet, worin mich N. Rjasanow - unter einer Flut von Beschuldigungen, deren Gewissenlosigkeit etwa auf gleicher Höhe mit ihrer Sinnlosigkeit stand - des schnödesten Verrats an Marx überführen wollte. Ich habe diesen Leuten das letzte Wort gegönnt, aus einer Empfindung heraus, die ich aus Gründen der Höflichkeit nicht beim richtigen Namen nennen will, schulde aber mir selbst festzustellen, daß ich ihrem Gesinnungsterrorismus nicht um Haaresbreite nachgegeben, sondern auf den nachfolgenden Blättern die Beziehungen Lassalles und Bakunins zu Marx, unter gänzlicher Mißachtung der Parteilegende, nach den Geboten der geschichtlichen Wahrheit dargestellt habe. Natürlich habe ich dabei wieder von jeder Polemik abgesehen, jedoch in den Anmerkungen einige Hauptanklagen der Kautsky und Rjasanow gegen mich ein wenig niedriger gehängt, zu Nutz und Frommen jüngerer Arbeiter auf diesem Gebiet, denen das Gefühl absoluter Wurstigkeit gegen die Anfälle des Marxpfaffentums nicht früh genug eingeimpft werden kann. Wäre Marx in der Tat der langweilige Musterknabe gewesen, den die Marxpfaffen in ihm bewundern, so hätte es mich nie gereizt, seine Biographie zu schreiben. Meine Bewunderung wie meine Kritik - und zu einer guten Biographie gehört die eine wie die andere in gleichem Maße - gilt dem großen Menschen, der nichts häufiger und nichts lieber von sich bekannte, als daß ihm nichts Menschliches fremd sei. Ihn in seiner mächtig-rauhen Größe nachzuschaffen, war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte.

Das Ziel bestimmte dann auch schon den Weg zum Ziele. Alle Geschichtsschreibung ist zugleich Kunst und Wissenschaft, und zumal die biographische Darstellung. Ich weiß im Augenblick nicht, welcher trockene Hecht den famosen Gedanken geboren hat, daß ästhetische Gesichtspunkte in den Hallen der historischen Wissenschaft nichts zu suchen hätten. Aber ich muß, vielleicht zu meiner Schande, offen gestehen, daß ich die bürgerliche Gesellschaft nicht so gründlich hasse wie jene strengeren Denker, die, um dem guten Voltaire eins auszuwischen, die langweilige Schreibweise für die einzig erlaubte erklären. Marx selbst war in diesem Punkte auch des Verdachts verdächtig: mit seinen alten Griechen rechnete er Klio zu den neun Musen. In der Tat, die Musen schmäht nur, wer von ihnen verschmäht worden ist.

Wenn ich danach die Zustimmung des Lesers zu der von mir gewählten Form voraussetzen darf, so muß ich um so mehr einige Nachsicht für den Inhalt erbitten. Ich stand hier von vornherein einer unerbittlichen Notwendigkeit gegenüber: der Notwendigkeit, den Band nicht zu sehr anschwellen zu lassen, wenn er, selbst für vorgeschrittene Arbeiter, noch erreichbar und verständlich bleiben sollte; ohnehin hat er schon das Anderthalbfache des ursprünglich geplanten Umfangs erreicht. Wie oft mußte ich mich mit einem Worte begnügen, wo ich lieber eine Zeile, mit einer Zeile, wo ich lieber eine Seite, mit einer Seite, wo ich lieber einen Bogen geschrieben hätte! Besonders hat unter diesem äußeren Zwange die Analyse der wissenschaftlichen Schriften von Marx gelitten. Um darüber von vornherein keinen Zweifel zu lassen, habe ich den, bei der Biographie eines großen Schriftstellers herkömmlichen Untertitel: Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, um die zweite Hälfte gekürzt.

Sicherlich beruht die unvergleichliche Größe von Marx nicht zuletzt darin, daß in ihm der Mann des Gedankens und der Mann der Tat unzertrennlich verbunden waren, daß sie sich gegenseitig ergänzten und unterstützten. Aber es ist doch nicht minder sicher, daß der Kämpfer in ihm allemal den Vortritt nahm vor dem Denker. Sie dachten darin alle gleich, unsere großen Bahnbrecher, wie Lassalle es einmal ausgedrückt hat: wie gerne wolle er ungeschrieben lassen, was er wisse, wenn nur endlich einmal die Stunde praktischen Handelns schlüge. Und wie recht sie damit hatten, haben wir schaudernd in unseren Zeitläuften erlebt, wo ernste Forscher, die drei oder sogar vier Jahrzehnte über jedem Komma in Marxens Werken gebrütet hatten, sich in einer geschichtlichen Stunde, wo sie einmal wie Marx handeln konnten und sollten, sich doch nur wie trillernde Wetterhähne um sich selbst zu drehen wußten.

Verhehlen will ich deshalb aber doch nicht, daß ich mich nicht vor anderen berufen gefühlt hätte, alle Grenzen des ungeheuren Wissensgebiets zu umschreiten, das Marx beherrscht hat. Schon für die Aufgabe, im engen Rahmen meiner Darstellung ein durchsichtig klares Bild vom zweiten und dritten Bande des »Kapitals« zu geben, habe ich die Hilfe meiner Freundin Rosa Luxemburg angerufen. Die Leser werden es ihr ebenso danken wie ich selbst, daß sie meinem Wunsche bereitwillig entsprochen hat; der dritte Abschnitt des zwölften Kapitels ist von ihr verfaßt worden.

Es macht mich glücklich, dieser Schrift ein Schmuckstück ihrer Feder einzuverleiben, wie es mich nicht minder glücklich macht, daß unsere gemeinsame Freundin Clara Zetkin-Zundel mir gestattet hat, mein Schifflein unter ihrem Wimpel auf die hohe See zu senden. Die Freundschaft dieser Frauen ist mir ein unschätzbarer Trost gewesen, in einer Zeit, in deren Stürmen so viele »mannhafte und unentwegte Vorkämpfer« des Sozialismus davongewirbelt sind wie dürre Blätter im Herbstwind.

Steglitz-Berlin, im März 1918

FRANZ MEHRING

Erstes Kapitel: Junge Jahre

1. Haus und Schule

Inhaltsverzeichnis

Karl Heinrich Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Über seine Abstammung ist wenig bekannt, dank der Verwirrung und Verwüstung, die die kriegerischen Zeitläufte um die Wende des Jahrhunderts in den rheinischen Standesregistern angerichtet haben. Wird doch heute noch um das Geburtsjahr Heinrich Heines gestritten!

Ganz so schlimm steht es nun freilich mit Karl Marx nicht, der in ruhigeren Zeiten geboren wurde. Aber als vor fünfzig Jahren eine Schwester seines Vaters gestorben war, mit Hinterlassung eines ungültigen Testaments, gelang es allen gerichtlichen Nachforschungen nach den Intestaterben doch nicht mehr, die Geburts- und Todestage ihrer Eltern festzustellen, also der Großeltern von Karl Marx. Der Großvater hieß Marx Levi, nannte sich später aber nur Marx und war Rabbiner in Trier; er soll 1798 gestorben sein und war 1810 jedenfalls nicht mehr am Leben. Seine Ehefrau Eva, geborene Moses, war 1810 noch am Leben und soll 1825 gestorben sein.

Von den zahlreichen Kindern dieses Paares widmeten sich zwei gelehrten Berufen: Samuel und Hirschel. Samuel wurde als Rabbiner in Trier der Nachfolger seines Vaters, während sein Sohn Moses als Rabbinatskandidat nach Gleiwitz in Schlesien verschlagen wurde. Samuel war 1781 geboren und starb 1829. Hirschel, der Vater von Karl Marx, war 1782 geboren. Er wandte sich der Jurisprudenz zu, wurde Advokatanwalt und später Justizrat in Trier, ließ sich 1824 als Heinrich Marx taufen und starb 1838. Er war mit Henriette Preßburg verheiratet, einer holländischen Jüdin, deren Ahnen nach Angabe ihrer Enkelin Eleanor Marx eine jahrhundertlange Reihe von Rabbinern aufweisen. Sie starb 1863. Beide hinterließen ebenfalls eine zahlreiche Familie, doch lebten zur Zeit jener Erbschaftsregulierung, deren Akten diese genealogischen Notizen verdankt sind, nur noch vier von ihren Kindern: Karl Marx und drei Töchter, Sophie als Witwe des Anwalts Schmalhausen in Maastricht, Emilie als Ehefrau des Ingenieurs Conrady in Trier und Luise als Ehefrau des Kaufmanns Juta in der Kapstadt.

Seinen Eltern, deren Ehe überaus glücklich war, verdankte Karl Marx, nächst der Schwester Sophie ihr ältestes Kind, eine heitere und sorgenfreie Jugend. Wenn seine »herrlichen Naturgaben« in dem Vater die Hoffnung weckten, daß sie dereinst zum Wohle der Menschheit dienen würden, so hieß ihn die Mutter ein Glückskind, dem alles wohl unter den Händen gerate. Doch ist Karl Marx weder, wie Goethe, der Sohn seiner Mutter, noch, wie Lessing und Schiller, der Sohn seines Vaters gewesen. Die Mutter ging, bei all ihrer zärtlichen Sorge für ihren Gatten und ihre Kinder, ganz in dem Frieden des Hauses auf; sie hat all ihr Lebtag nur ein mangelhaftes Deutsch gesprochen und an den geistigen Kämpfen ihres Sohnes keinen Anteil genommen, es sei denn mit der mütterlichen Bekümmernis, was aus ihrem Karl wohl hätte werden können, wenn er den rechten Weg eingeschlagen hätte. In späteren Jahren scheint Karl Marx seinen mütterlichen Verwandten in Holland näher gestanden zu haben, namentlich einem »Onkel« Philips; er spricht von diesem »famosen alten Jungen«, der sich ihm auch in den Nöten des Lebens hilfreich erwies, wiederholt mit großer Sympathie.

Jedoch auch der Vater blickte manches Mal mit geheimer Angst auf den »Dämon« in dem Lieblingssohne, obgleich er schon wenige Tage nach Karls zwanzigstem Geburtstage starb. Nicht die kleinliche und peinliche Sorge des Hausmütterchens um das gedeihliche Fortkommen des Sohnes quälte ihn, sondern die dumpfe Ahnung von der granitenen Härte eines Charakters, die seinem weichen Wesen völlig fremd war. Jude, Rheinländer, Rechtsgelehrter, so daß er gegen alle Liebreize des ostelbischen Junkertums dreifach hätte gepanzert sein müssen, war Heinrich Marx doch preußischer Patriot, nicht in dem faden Sinne, den dies Wort heute hat, sondern preußischer Patriot etwa von dem Schlage, wie ihn die älteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben: mit bürgerlicher Bildung gesättigt, in gutem Glauben an die altfritzige Aufklärung, ein »Ideologe«, wie sie Napoleon nicht ohne Grund haßte. Was dieser unter »dem tollen Ausdruck von Ideologie« verstand, schürte zumal den Haß des Vaters Marx gegen den Eroberer, der den rheinischen Juden die bürgerliche Gleichberechtigung und den rheinischen Landen den Code Napoléon[2] geschenkt hatte, ihr eifersüchtig behütetes, aber von der altpreußischen Reaktion unablässig angefeindetes Kleinod.

Sein Glaube an den »Genius« der preußischen Monarchie ist auch nicht dadurch erschüttert worden, daß ihn die preußische Regierung gezwungen hätte, um seines Amtes willen seine Religion zu wechseln. Das ist wiederholt behauptet worden und auch von sonst unterrichteter Seite, anscheinend um zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, was weder einer Rechtfertigung noch auch nur einer Entschuldigung bedarf. Selbst vom rein religiösen Standpunkt hatte ein Mann, der mit Locke und Leibniz und Lessing seinen »reinen Glauben an Gott« bekannte, nichts mehr in der Synagoge zu suchen und fand noch am ehesten einen Unterschlupf in der preußischen Landeskirche, in der damals ein duldsamer Rationalismus herrschte, eine sogenannte Vernunftreligion, die selbst auf das preußische Zensuredikt von 1819 abgefärbt hatte.

Aber die Lossagung vom Judentum war unter den damaligen Zeitläuften nicht nur ein Akt religiöser, sondern auch - und vornehmlich - ein Akt sozialer Emanzipation. An der ruhmvollen Geistesarbeit unserer großen Denker und Dichter war das Judentum nicht beteiligt gewesen; das bescheidene Licht eines Moses Mendelssohn[3] hatte seiner »Nation« vergebens den Weg in das deutsche Geistesleben zu erhellen gesucht. Und als just in den Jahren, wo Heinrich Marx zum Christentum übertrat, ein Kreis junger Juden in Berlin die Bestrebungen Mendelssohns wieder aufnahm, geschah es mit dem gleichen Mißerfolge, obgleich sich Männer wie Eduard Gans und Heinrich Heine unter ihnen befanden. Gans, der dies Schifflein steuerte, strich sogar zuerst die Flagge und ging zum Christentum über, und wenngleich Heine ihm zunächst einen derben Fluch nachsandte - »Gestern noch ein Held gewesen, Ist man heute schon ein Schurke« -, so war er doch bald darauf selbst gezwungen, den »Eintrittsschein zur europäischen Kultur« zu lösen. Beide haben ihren historischen Anteil an der deutschen Geistesarbeit des Jahrhunderts erworben, während die Namen ihrer Gefährten, die treuer als sie an der Kultivierung des Judentums arbeiteten, vergessen und verschollen sind.

So ist manches lange Jahrzehnt hindurch der Übertritt zum Christentum für die freien Köpfe des Judentums ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Und nicht anders ist der Religionswechsel zu verstehen, den Heinrich Marx im Jahre 1824 mit seiner Familie vollzog. Möglich, daß auch äußere Umstände nicht die Tat selbst, aber den Zeitpunkt der Tat bestimmt haben. Die jüdische Güterschlächterei, die in der landwirtschaftlichen Krisis der zwanziger Jahre einen heftigen Aufschwung nahm, hatte einen ebenso heftigen Judenhaß auch in den Rheinlanden erregt, und diesen Haß mitzutragen hatte ein Mann von der unantastbaren Redlichkeit des alten Marx weder die Pflicht, noch auch nur - im Hinblick auf seine Kinder - das Recht. Oder der Tod seiner Mutter, der in diese Zeit gefallen sein muß, hat ihn von einer Rücksicht der Pietät befreit, die ganz seinem Charakter entsprochen hätte, oder es mag auch mitgesprochen haben, daß im Jahre des Übertritts sein ältester Sohn das schulpflichtige Alter erreicht hatte.

Mag dem so oder anders sein, so besteht daran kein Zweifel, daß Heinrich Marx sich die freimenschliche Bildung erarbeitet hatte, die ihn von aller jüdischen Befangenheit befreite, und diese Freiheit hat er seinem Karl als wertvolles Erbe hinterlassen. Nichts in den immerhin zahlreichen Briefen, die er an den jungen Studenten gerichtet hat, verrät eine Spur von jüdischer Art oder Unart, sie sind in einem altväterischen, sentimental-weitläufigen Tone gehalten, im Briefstil noch des achtzehnten Jahrhunderts, wo der echte deutsche Mann schwärmte, wenn er liebte, und polterte, wenn er zürnte. Ohne jede spießbürgerliche Beschränktheit gehen sie willig auf die geistigen Interessen des Sohnes ein, nur mit entschiedener und durchaus berechtigter Abneigung gegen dessen Gelüste, sich als »gemeines Poetlein« aufzutun. Bei allem Schwelgen in den Gedanken an die Zukunft seines Karl kann sich freilich der alte Herr mit »seinen gebleichten Haaren und ein wenig gebeugtem Gemüt« doch nicht ganz des Gedankens entschlagen, ob das Herz dem Kopfe des Sohnes entspreche, ob es Raum für die irdischen, aber sanfteren Gefühle habe, die in diesem Jammertale den Menschen so wesentlich trostreich seien.

In seinem Sinne waren seine Zweifel wohl berechtigt; die echte Liebe, womit er den Sohn »im Innersten seines Herzens« trug, machte ihn nicht blind, sondern hellseherisch. Aber wie der Mensch niemals die letzten Folgen seines Tuns zu überblicken vermag, so hat Heinrich Marx nicht daran gedacht und nicht daran denken können, wie er durch das reiche Maß bürgerlicher Bildung, das er dem Söhne als kostbare Mitgift fürs Leben gab, doch nur den gefürchteten »Dämon« entbinden half, von dem er zweifelte, ob er »himmlischer« oder »faustischer« Natur sei. Wieviel hat Karl Marx im Elternhause schon spielend überwunden, was einem Heine oder einem Lassalle die ersten und schwersten Lebenskämpfe gekostet hat, Kämpfe, deren Wunden bei beiden niemals völlig verharscht sind!

Was die Schule dem heranwachsenden Knaben mitgegeben hat, läßt sich weniger klar erkennen. Karl Marx hat niemals von einem seiner Schulkameraden gesprochen, und so liegt auch von keinem dieser Kameraden eine Kunde über ihn vor. Früh genug hat er das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen; sein Abiturientenzeugnis ist vom 24. September [bei Mehring: 25. August] 1835 datiert. Es begleitet den hoffnungsvollen Jüngling in üblicher Weise mit seinen Segenswünschen, mit schablonenhaften Urteilen über die Leistungen in den einzelnen Fächern. Jedoch hebt es besonders hervor, daß Karl Marx häufig auch die schwierigeren Stellen der alten Klassiker zu übersetzen und zu erklären gewußt habe, besonders solche, wo die Schwierigkeit nicht so sehr in der Eigentümlichkeit der Sprache, als in der Sache und dem Gedankenzusammenhange bestehe; sein lateinischer Aufsatz zeige in sachlicher Hinsicht Reichtum an Gedanken und tieferes Eindringen in den Gegenstand, sei aber häufig mit Ungehörigem überladen.

In der eigentlichen Prüfung wollte es mit der Religion nicht gehen, aber auch mit der Geschichte nicht. Im deutschen Aufsatze jedoch fand sich ein Gedanke, der den prüfenden Lehrern schon als »interessant« erschien und uns noch viel interessanter erscheinen muß. Als Thema war gestellt »Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufs«. Das Urteil lautete, die Arbeit empfehle sich durch Gedankenreichtum und gute planmäßige Anordnung, sonst verfalle der Verfasser auch hier in den ihm gewöhnlichen Fehler, ein übertriebenes Suchen nach einem seltenen, bilderreichen Ausdruck. Dann aber wird wörtlich der Satz hervorgehoben: »Wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns berufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind.« So kündigte sich in dem Knaben das erste Wetterleuchten des Gedankens an, den allseitig zu entwickeln das unsterbliche Verdienst des Mannes werden sollte.

2. Jenny von Westphalen

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Im Herbste 1833 bezog Karl Marx die Universität Bonn, wo er ein Jahr lang vielleicht weniger Rechtswissenschaft studiert, als sich »Studierens halber« aufgehalten hat.

Unmittelbare Kunde liegt auch über diese Zeit nicht vor, aber so wie sie sich in den Briefen des Vaters spiegelt, scheint sich das junge Blut ein wenig ausgeschäumt zu haben. Von einem »wilden Toben« schrieb der Alte erst später in einer sehr ärgerlichen Stunde; zur Zeit klagte er nur über die »Rechnungen à la Karl, ohne Zusammenhang, ohne Resultat«, und mit diesen Rechnungen hat es auch später bei dem klassischen Theoretiker des Geldes nie recht stimmen wollen.

Nach dem lustigen Jahre in Bonn sah es vollends einem studentischen Geniestreiche gleich, als sich Karl Marx, in dem gesegneten Alter von achtzehn Jahren, mit einer Gespielin seiner Kinderjahre verlobte, einer vertrauten Freundin seiner älteren Schwester Sophie, die dem Bunde der jungen Merzen die Wege ebnen half. In der Tat aber war es der erste und schönste Sieg, den dieser geborene Herrscher über Menschen davontrug; ein Sieg, der dem eigenen Vater ganz »unbegreiflich« erschien, bis er ihm erklärlicher wurde durch die Entdeckung, daß die Braut auch »etwas Genialisches« hätte und Opfer zu bringen verstünde, deren gewöhnliche Mädchen nicht fähig wären.

Wirklich war Jenny von Westphalen ein Mädchen nicht nur von ungewöhnlicher Schönheit, sondern auch von ungewöhnlichem Geist und ungewöhnlichem Charakter. Vier Jahre älter als Karl Marx, stand sie doch erst im Anfange der zwanziger Jahre; im vollen Schmelz ihre jungen Schönheit war sie viel gefeiert und viel umworben, und als die Tochter eines hochgestellten Beamten einer glänzenden Zukunft sicher. Alle diese Aussichten opferte sie, wie der alte Marx meinte, einer »gefahrvollen und unsicheren Zukunft«, und er glaubte mitunter auch an ihr die ahnungsschwere Furcht zu beobachten, die ihn beunruhigte. Aber er war des »Engelsmädchens«, der »Zauberin« so sicher, daß er den Sohne zuschwor, kein Fürst werde sie ihm abwenden.

Die Zukunft gestaltete sich viel gefahrvoller und unsicherer, als Heinrich Marx in seinen bängsten Träumen vorhergesehen hatte, jedoch Jenny von Westphalen, deren Jugendbildnis von kindlicher Anmut strahlt, hat mit dem unbeugsamen Mut einer Heldin zu dem Mann ihrer Wahl gehalten, mitten in den furchtbarsten Leiden und Qualen. Nicht vielleicht im hausbackenen Sinne des Wortes hat sie ihm die schwere Last seines Lebens erleichtert, denn, ein verwöhntes Kind des Glückes, war sie den kleinen Miseren des täglichen Lebens nicht immer so gewachsen, wie es eine wetterfeste Proletarierin gewesen sein würde, aber in dem hohen Sinne, womit sie das Werk seines Lebens erfaßte, ist sie ihm eine ebenbürtige Gefährtin geworden. In allen ihren Briefen soviel ihrer erhalten sind, weht ein Hauch echter Weiblichkeit; sie war eine Natur im Sinne Goethes, gleich wahr in jeder Stimmung ihres Gemüts, in dem entzückenden Plauderton heiterer Tage wie in dem tragischen Schmerz der Niobe, der das Elend ein Kind entriß, ohne daß sie ihm auch nur ein bescheidenes Grab betten konnte. Ihre Schönheit war der Stolz ihres Mannes, und als ihre Geschicke nahezu schon ein Menschenalter verkettet waren, schrieb er ihr 1863 aus Trier, wo er zum Begräbnis seiner Mutter weilte: »Ich bin täglich zum alten Westphalenhause gewallfahrtet (in der Römerstraße), das mich mehr interessiert hat als alle römischen Altertümer, weil es mich an die glückliche Jugendzeit erinnert und meinen besten Schatz barg. Außerdem fragt man mich täglich, links und rechts, nach dem quondam ›schönsten Mädchen von Trier‹ und der ›Ballkönigin‹. Es ist verdammt angenehm für einen Mann, wenn seine Frau in der Phantasie einer ganzen Stadt so als ›verwunschene Prinzessin‹ fortlebt.« So auch hat der sterbende Mann, wie fremd ihm immer alle Sentimentalität geblieben ist, in wehmütig erschütterndem Ton von dem schönsten Teil seines Lebens gesprochen, der ihm in dieser Frau beschlossen gewesen sei.

Die jungen Leute verlobten sich zunächst, ohne die Eltern der Braut zu fragen, was seinem gewissenhaften Vater nicht geringe Bedenken erregte. Aber nicht lange danach gaben auch sie ihre Zustimmung. Der Geheime Regierungsrat Ludwig von Westphalen gehörte trotz seines Namens und Titels weder zum ostelbischen Junkertum noch zur altpreußischen Bürokratie. Sein Vater war jener Philipp Westphalen, der zu den merkwürdigsten Gestalten der Kriegsgeschichte zählt. Bürgerlicher Geheimsekretär des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der im siebenjährigen Kriege an der Spitze eines bunt zusammengewürfelten, von englischem Gelde besoldeten Heeres das westliche Deutschland erfolgreich vor den Eroberungsgelüsten Ludwigs XV. und seiner Pompadour schützte, hatte sich Philipp Westphalen zum tatsächlichen Generalstabschef des Herzogs zu machen verstanden, allen deutschen und englischen Generalen des Heeres zum Trotz. Seine Verdienste waren so anerkannt, daß ihn der König von England zum Generaladjutanten von der Armee ernennen wollte, was Philipp Westphalen jedoch ablehnte. Nur soweit mußte er seinen bürgerlichen Sinn zähmen, daß er den Adel »genehmigte«: aus ähnlichen Gründen, wie sich ein Herder oder Schiller zu dieser Erniedrigung bequemen mußte: um die Tochter einer schottischen Baronsfamilie heiraten zu können, die im Feldlager des Herzogs Ferdinand erschienen war, zum Besuch ihrer mit einem General der englischen Hilfstruppen vermählten Schwester.

Ein Sohn dieses Paares war Ludwig von Westphalen. Hatte er von seinem Vater einen historischen Namen geerbt, so reichte auch die Ahnenreihe der Mutter zu großen historischen Erinnerungen herauf; einer ihrer Vorfahren in gerade aufsteigender Linie hatte im Kampfe für die Einführung der Reformation in Schottland den Scheiterhaufen bestiegen, ein anderer, der Earl Archibald Argyle, war als Rebeller im Freiheitskampfe gegen Jakob II. auf dem Marktplatze in Edinburgh enthauptet worden. Mit solchen Familienüberlieferungen entwuchs Ludwig von Westphalen von vornherein den Dunstkreisen des bettelstolzen Junkertums und der dünkelhaften Bürokratie. Ursprünglich in braunschweigischen Diensten, hatte er sich nicht bedacht, diese Dienste fortzusetzen, als das kleine Herzogtum von Napoleon zum Königreich Westfalen geschlagen worden war, da ihm offenbar weniger an dem angestammten Welfen lag als an den Reformen, mit denen die französische Eroberung die verrotteten Zustände seines Heimatländchens heilte. Der Fremdherrschaft selbst blieb er deshalb nicht weniger abgeneigt und hatte im Jahre 1813 die harte Hand des Marschalls Davoust zu spüren. Vor Landrat in Salzwedel, wo ihm seine Tochter Jenny am 12. Februar 1814 geboren wurde, war er dann zwei Jahre später als Rat an die Regierung in Trier versetzt worden; im ersten Eifer besaß der preußische Staatskanzler Hardenberg noch die Erkenntnis, daß die tüchtigsten, von junkerlichen Schrullen freiesten Köpfe in die neugewonnenen Rheinland geworfen werden müßten, die mit ihrem Herzen immer noch an Frankreich hingen.

Karl Marx hat Zeit seines Lebens von diesem Manne mit größter Anhänglichkeit und Dankbarkeit gesprochen. Nicht nur als sein Schwiegersohn, hat er ihn seinen »teuren, väterlichen Freund« genannt und ihn seiner »kindlichen Liebe« versichert. Westphalen konnte ganze Gesänge Homers vom Anfang bis zum Ende hersagen; er kannte die meisten Dramen Shakespeares englisch wie deutsch auswendig; aus dem »alten Westphalenhause« holte sich Karl Marx viele Anregungen, die ihm das eigne Haus nicht bieten konnte und noch viel weniger die Schule. Er selbst ist schon von früh auf ein Liebling Westphalens gewesen, der seine Einwilligung in die Verlobung auch in der Erinnerung an die glücklich Ehe der eignen Eltern gegeben haben mag; im Sinne der Welt hatte die Tochter der altadeligen Baronsfamilie ebenfalls eine schlechte Partie gemacht, als sie sich mit dem armen bürgerlichen Geheimsekretär verband.

In dem ältesten Sohne Ludwig von Westphalens ist die Gesinnung des Vaters nicht lebendig geblieben. Er war ein bürokratischer Streber und schlimmeres als das; in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre hat er als preußischer Minister des Innern die feudalen Ansprüche des verstocktesten Zaunjunkertums sogar gegen den Ministerpräsidenten Manteuffel vertreten, der immerhin ein gewitzter Bürokrat war. Mit seiner Schwester Jenny hat dieser Ferdinand von Westphalen in keinen engeren Beziehungen gestanden, zumal da er fünfzehn Jahre älter als sie und auch nur, als Sohn aus einer ersten Ehe des Vaters, ihr Halbbruder war.

Ihr echter Bruder war dagegen Edgar von Westphalen, der nach links von den Pfaden des Vaters abwich wie Ferdinand nach rechts. Er ha gelegentlich die kommunistischen Kundgebungen seines Schwagers Marx mitunterzeichnet. Ein steter Gefährte ist er ihm freilich nicht geworden; er ging über das große Wasser, hatte dort wechselnde Schicksale, kehrte zurück, tauchte bald hier, bald dort auf, ein rechter Wildling, wo man von ihm hört. Aber ein treues Herz hat er immer für Jenny und Karl Marx gehabt, und sie haben ihren ersten Sohn nach ihm genannt.

Zweites Kapitel: Der Schüler Hegels

1. Das erste Jahr in Berlin

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Schon ehe Karl Marx sich verlobte, hatte sein Vater bestimmt, daß er seine Studien in Berlin fortsetzen solle; vom 1. Juli 1836 ist der noch erhaltene Schein datiert, worin Heinrich Marx[4] nicht nur die Erlaubnis erteilt, sondern es auch für seinen Willen erklärt, daß sein Sohn Karl im nächsten Semester die Universität Berlin[5] beziehe, um die in Bonn angefangenen Studien der Rechts- und Kameralwissenschaft fortzusetzen.

Die Verlobung selbst wird diesen Entschluß des Vaters eher bestärkt als geschwächt haben; bei ihren langen Aussichten hat sein bedächtiges Wesen vorläufig wohl eine weite Trennung der Liebenden als ratsam erwogen. Sonst mag er bei der Wahl Berlins durch seinen preußischen Patriotismus bestimmt worden sein und auch dadurch, daß die Berliner Universität die alte Burschenherrlichkeit[6] nicht kannte, die Karl Marx nach der vorsorglichen Meinung des Alten genügend in Bonn ausgekostet hatte; »wahre Kneipen sind andere Universitäten gegen das hiesige Arbeitshaus«, meinte Ludwig Feuerbach[7].

Keinesfalls hat der junge Student selbst sich für Berlin entschieden[1q]. Karl Marx liebte seine sonnige Heimat, und die preußische Hauptstadt ist ihm all sein Lebtag widrig gewesen. Am wenigsten konnte ihn die Philosophie Hegels anziehen, die nach dem Tode ihres Stifters die Berliner Universität noch unumschränkter beherrschte als schon bei dessen Lebzeiten, denn sie war ihm vollkommen fremd. Dazu kam die weite Entfernung von der Geliebten. Er hatte zwar versprochen, sich mit ihrem Jawort für die Zukunft zu begnügen und allen äußeren Liebeszeichen für die Gegenwart zu entsagen. Aber selbst unter ihresgleichen genießen solche Schwüre der Liebenden den besonderen Vorzug, ins Wasser geschrieben zu sein; seinen Kindern hat Karl Marx später erzählt, er sei damals in der Liebe zu ihrer Mutter ein wahrer rasender Roland gewesen, und so ruhte das junge glühende Herz nicht eher, bis ihm gestattet wurde, Briefe mit seiner Braut zu wechseln.

Allein den ersten Brief von ihr erhielt er doch erst, als er bereits ein Jahr in Berlin geweilt hatte, und über dies Jahr sind wir in gewisser Beziehung genauer unterrichtet, als über irgendeines seiner früheren oder späteren Lebensjahre: durch einen umfangreichen Brief, den er am 10. November 1837 an seine Eltern richtete, um ihnen »am Schlusse eines hier verlebten Jahres einen Blick auf die Zustände desselben« zu gewähren. Die merkwürdige Urkunde zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.

Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört. Von den offiziellen Universitätslehrern hat wohl nur Eduard Gans[8] einigen Einfluß auf seine geistige Entwicklung gehabt. Er hörte bei Gans Kriminalrecht und Preußisches Landrecht, und Gans selbst hat den »ausgezeichneten Fleiß« bezeugt, womit Karl Marx die beiden Vorlesungen besucht habe. Beweiskräftiger als solche Zeugnisse, bei denen es sehr menschlich herzugehen pflegt, ist die schonungslose Polemik, die Marx in seinen ersten Schriften gegen die Historische Rechtsschule[9] führte, gegen deren Enge und Dumpfheit, gegen deren schädlichen Einfluß auf Gesetzgebung und Rechtsentwicklung der philosophisch gebildete Jurist Gans seine beredte Stimme erhoben hatte.

Jedoch betrieb Marx nach seiner eigenen Angabe das Fachstudium der Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Geschichte und Philosophie, und in diesen beiden Fächern hat sich Marx überhaupt um keine Vorlesungen gekümmert, sondern nur das übliche Pflichtkolleg über Logik wenigstens belegt, bei Gabler, dem offiziellen Nachfolger Hegels, aber dem mittelmäßigsten unter dessen mittelmäßigen Nachbetern. Als denkender Kopf hat Marx schon auf der Universität selbständig gearbeitet, und in zwei Semestern einen Wissensstoff bewältigt, den in der langsamen Stallfütterung der akademischen Vorlesungen zu verarbeiten nicht zwanzig Semester genügt haben würden.

Nach seiner Ankunft in Berlin verlangte zunächst die »neue Welt der Liebe« ihr Recht. »Sehnsuchtstrunken und hoffnungsleer« entlud sie sich in drei Heften Gedichte, die alle »meiner teuren, ewig geliebten Jenny von Westphalen« gewidmet wurden. In deren Händen waren sie schon im Dezember 1836, mit »Tränen der Wonne und des Schmerzes begrüßt«, wie Schwester Sophie nach Berlin meldete. Der Dichter selbst urteilte ein Jahr später, in dem großen Briefe an die Eltern, sehr respektlos über diese Kinder seiner Muse. »Breit und formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflektionen statt poetischer Gedanken«: dies ganze Sündenregister entrollte der junge Dichter selbst, und wenn er »vielleicht auch eine gewisse Wärme der Empfindung und Ringen nach Schwung« als mildernden Umstand geltend machen möchte, so trafen diese löblicheren Eigenschaften doch nur etwa in dem Sinn und Umfange zu wie bei den Lauraliedern Schillers.

Im allgemeinen atmen seine jugendlichen Gedichte eine triviale Romantik, durch die selten ein echter Ton klingt. Dabei ist die Technik des Verses so unbeholfen und ungelenk, wie sie eigentlich nicht mehr sein durfte, nachdem Heine und Platen gesungen hatten. Auf so seltsamen Irrwegen begann sich das künstlerische Vermögen zu entwickeln, das Marx in reichem Maße besaß und gerade auch in seinen wissenschaftlichen Werken bekundete. Wie er in der Bildkraft seiner Sprache an die ersten Meister der deutschen Literatur heranreichte, so legte er hohen Wert auf das ästhetische Gleichmaß seiner Schriften, ungleich den dürftigen Geistern, denen lederne Langeweile die erste Bürgschaft gelehrten Schaffens ist. Aber unter den mannigfachen Spenden, die ihm die Musen in seine Wiege gelegt hatten, befand sich doch nicht die Gabe der gebundenen Rede.

Allein, wie er seinen Eltern in dem großen Briefe vom 10. November 1837 schrieb: die Poesie durfte nur Begleitung sein; er mußte Jurisprudenz studieren und fühlte vor allem Drang, mit der Philosophie zu ringen. Er nahm Heineccius, Thibaut und die Quellen durch, übersetzte die beiden ersten Pandektenbücher ins Deutsche und suchte eine Rechtsphilosophie auf dem Gebiete des Rechts zu begründen. Dies »unglückliche Opus« wollte er bis auf beinahe dreihundert Bogen geführt haben, was vielleicht doch nur auf einem Schreibfehler beruht. Am Schlusse sah er die »Falschheit des Ganzen« ein und warf sich der Philosophie in die Arme, um ein neues metaphysisches System zu entwerfen, an dessen Schlusse er abermals seiner bisherigen Bestrebungen Verkehrtheit einzusehen gezwungen war. Daneben hatte er die Gewohnheit, sich Auszüge aus allen Büchern zu machen, die er las, so aus Lessings »Laokoon«, Solgers »Erwin«, Winckelmanns »Kunstgeschichte«, Ludens »Deutscher Geschichte«, und so nebenbei Reflektionen niederzukritzeln. Zugleich übersetzte er die »Germania« des Tacitus, die »Trauergesänge« des Ovid und fing privatim, das heißt aus Grammatiken, Englisch und Italienisch zu lernen an, worin er noch nichts erreichte, las Kleins »Kriminalrecht« und seine Annalen und alles Neueste der Literatur, doch dies nur nebenhin. Den Schluß des Semesters bildeten dann wieder »Musentänze und Satyrmusik«, wobei ihm plötzlich das Reich der wahren Poesie wie ein ferner Feenpalast entgegenblitzte und alle seine Schöpfungen in nichts zerfielen.

Danach war das Ergebnis dieses ersten Semesters, daß »viele Nächte durchwacht, viele Kämpfe durchstritten, viele innere und äußere Anregung erduldet«, aber doch nicht viel gewonnen, Natur, Kunst, Welt vernachlässigt und Freunde abgestoßen worden waren. Auch litt der jugendliche Körper unter der Überanstrengung, und auf ärztlichen Rat siedelte Marx nach Stralau über, das damals noch ein ruhiges Fischerdorf war. Hier erholte er sich schnell, und nun begann das geistige Ringen von neuem. Auch im zweiten Semester wurden Massen des verschiedenartigsten Wissensstoffes durchgenommen, jedoch immer deutlicher zeichnete sich Hegels Philosophie als der ruhende Pol in der Flucht der Erscheinungen ab. Als Marx sie zuerst in Fragmenten kennenlernte, wollte ihm ihre »groteske Felsenmelodie« nicht behagen, aber während einer neuen Erkrankung studierte er sie von Anfang bis zu Ende und geriet zudem in einen »Doktorklub[10]« von jungen Hegelianern, wo er sich im Streite der Meinungen immer fester »an die jetzige Weltphilosophie» kettete, freilich nicht ohne daß alles Klangreiche in ihm verstummte und ihn »eine wahre Ironiewut nach so viel Negiertem« befiel.

Alles das offenbarte Karl Marx seinen Eltern und schloß mit der Bitte, sofort - und nicht erst zu Ostern des nächsten Jahres, wie ihm der Vater schon erlaubt hatte - nach Hause kommen zu dürfen. Er wollte sich mit dem Vater aussprechen über die »vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung« seines Gemüts; nur in der »lieben Nähe« der Eltern würde er die »aufgeregten Gespenster« besänftigen können.

So wertvoll uns heute dieser Brief ist als ein Spiegel, worin wir den jungen Marx leibhaftig erblicken, so schlecht wurde er in dem elterlichen Hause empfangen. Der schon kränkelnde Vater sah den »Dämon« vor sich, den er immer in dem Sohne gefürchtet hatte, den er doppelt fürchtete, seitdem er eine »gewisse Person« wie sein eigenes Kind liebte, seitdem eine sehr ehrwürdige Familie veranlaßt war, ein Verhältnis gutzuheißen, das anscheinend und nach dem gewöhnlichen Weltenlauf für dieses geliebte Kind voller Gefahren und trüber Aussichten war. Er war nie so eigensinnig gewesen, dem Sohne den Lebensweg vorzuschreiben, wenn es anders nur ein Weg war, der dazu führen konnte, »heilige Verpflichtungen« zu erfüllen; aber was er nun vor sich sah, war eine stürmisch bewegte See ohne jeden sicheren Ankergrund.

So entschloß er sich, trotz seiner »Schwäche«, die er selbst am besten kannte, »einmal hart« zu sein, und wurde in seiner Antwort vom 1. [bei Mehring: 9.] Dezember »hart« nach seiner Weise, maßlos übertreibend und dazwischen wehmütig seufzend. Er fragte, wie der Sohn seine Aufgabe gelöst habe, und antwortete selbst: »Das sei Gott geklagt!!! Ordnungslosigkeit, dumpfes Herumschweben in allen Teilen des Wissens, dumpfes Brüten bei der düsteren Öllampe; Verwilderung im gelehrten Schlafrock und ungekämmten Haaren statt der Verwilderung bei dem Bierglase; zurückscheuchende Ungeselligkeit mit Hintansetzung alles Anstandes und selbst aller Rücksicht gegen den Vater - die Kunst, mit der Welt zu verkehren, auf die schmutzige Stube beschränkt, wo vielleicht in der klassischen Unordnung die Liebesbriefe einer Jenny und die wohlgemeinten, und vielleicht mit Tränen geschriebenen Ermahnungen des Vaters zum Fidibus verwandt werden, was übrigens besser wäre, als wenn sie durch noch unverantwortlichere Unordnung in die Hände Dritter kämen.« Dann übermannt ihn die Wehmut, und er stärkt sich durch die Pillen, die ihm der Arzt verschrieben hat, um unbarmherzig zu bleiben. Die schlechte Wirtschaft Karls wird schwer getadelt. »Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben.« Gewiß sei Karl kein Prasser und kein Verschwender, aber wie könne ein Mann, der alle acht oder vierzehn Tage neue Systeme erfinden und die alten zerreißen müsse, sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Jeder habe die Hand in seiner Tasche und jeder hintergehe ihn.

In dieser Art ging es noch eine gute Strecke weiter, und zuletzt lehnte der Vater unerbittlich den Besuch Karls ab. »In diesem Augenblick hierher zu kommen, wäre Unsinn. Ich weiß zwar, daß Du Dir wenig aus Vorlesungen machst - wahrscheinlich doch bezahlst -, aber ich will wenigstens das Dekorum beobachten. Ich bin gewiß kein Sklave der Meinung, aber ich liebe auch nicht, daß auf meine Kosten geklatscht werde.« Zu den Osterferien dürfe Karl kommen, oder auch zehn Tage früher, denn so pedantisch wolle der Vater nicht sein.

Durch alle seine Klagen klang der Vorwurf, daß es dem Sohne an Herz fehle, und wie dieser Vorwurf wieder und wieder gegen Karl Marx erhoben worden ist, so mag hier, wo er zum erstenmal ertönt und noch am ehesten ertönen durfte, gleich das Wenige gesagt werden, was darüber gesagt werden kann. Mit dem modischen Schlagwort vom »Rechte des Auslebens«, das eine verzärtelte Kultur erfunden hat, um eine feige Eigenliebe zu beschönigen, ist natürlich nichts gesagt; und nicht viel mehr auch mit dem älteren Worte von dem »Rechte des Genius«, der sich mehr erlauben dürfe als gewöhnliche Menschenkinder. Bei Karl Marx entsprang das unablässige Ringen um die höchste Erkenntnis vielmehr der tiefsten Empfindung des Herzens; er war nicht, wie er sich einmal derb ausgedrückt hat, Ochse genug, um den »Menschheitsqualen« den Rücken zu kehren, oder wie schon Hutten den gleichen Gedanken ausgedrückt hat: Gott hatte ihn mit dem Gemüt beschwert, daß ihm gemeiner Schmerz weher tue und tiefer zu Herzen gehe als anderen. Kein einzelner hat je soviel geleistet, die Wurzeln der »Menschheitsqualen« zu zerstören als Karl Marx. Wie sein Lebensschiff auf hoher See kreuzte, im Sturm und Wetter und im ewigen Kugelregen der Feinde, so hat seine Fahne immer hoch am Maste geflattert, aber ein behagliches Leben an Bord ist es nicht gewesen, weder für den Kapitän, noch für die Mannschaft.

Deshalb war Marx nicht gefühllos gegen die Seinen. Der kämpfende Geist konnte die Empfindungen des Herzens wohl übertäuben, aber niemals ersticken, und oft hat noch der reife Mann schmerzlich beklagt, daß die ihm am nächsten standen, unter den ehernen Losen seines Lebens schwerer zu leiden hätten als er selbst. Auch der junge Student war nicht taub gegen die Notschreie seines Vaters; er verzichtete nicht nur auf den sofortigen Besuch in Trier, sondern auch auf die Osterreise, zum Kummer der Mutter, aber zur großen Genugtuung des Vaters, dessen Groll sich nun schnell zu besänftigen begann. Er hielt zwar an seinen Klagen fest, aber ihre Übertreibungen gab er preis; in der Kunst, abstrakt zu räsonieren, könne er es mit Karl doch nicht aufnehmen, und um die Terminologie zu studieren, bevor er nun gar ins Heiligtum eindringen könne, dazu sei er zu alt. Nur in einem Punkte wolle alles Transzendente nicht helfen, und da beobachte der Sohn klugerweise ein vornehmes Schweigen, nämlich über das lumpige Geld, dessen Wert für einen Familienvater er immer noch nicht zu kennen scheine. Aber aus Müdigkeit wollte der Vater die Waffen niederlegen, und das Wort hatte einen ernsteren Sinn, als es nach dem leisen Humor zu haben schien, der schon wieder durch die Zeilen dieses Briefes spielte.

Er ist vom 10. Februar 1838 datiert, als Heinrich Marx sich eben von einem fünfwöchigen Krankenlager erhoben hatte. Es war keine dauernde Besserung; die Krankheit, anscheinend ein Leberleiden, kehrte wieder und nahm zu, bis gerade ein Vierteljahr später, am 10. Mai 1838, der Tod eintrat. Er kam zur rechten Zeit, um diesem Vaterherzen die Enttäuschungen zu ersparen, an denen es Stück für Stück zerbrochen wäre.

Karl Marx aber hat immer dankbar empfunden, was ihm sein Vater gewesen war. Wie dieser ihn im Innersten des Herzens getragen hatte, so trug er ein Bild des Vaters auf seinem Herzen, bis er es mit ins eigene Grab nahm.

2. Die Junghegelianer

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Vom Frühjahr 1838, wo er den Vater verlor, hat Karl Marx noch drei Jahre in Berlin verlebt, in dem Kreise des Doktorklubs, dessen geistiges Leben ihm die Geheimnisse der Hegelschen Philosophie erschlossen hatte.

Diese Philosophie galt damals noch als preußische Staatsphilosophie. Der Kultusminister Altenstein und sein Geheimrat Johannes Schulze hatten sie unter ihren besonderen Schutz genommen. Hegel verherrlichte den Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee, als das absolut Vernünftige und den absoluten Selbstzweck, daher als das höchste Recht gegen die einzelnen, deren höchste Pflicht es sei, Mitglieder des Staats zu sein. Diese Lehre vom Staat schmeichelte sich der preußischen Bürokratie ausnehmend ein; warf sie doch einen verklärenden Schein selbst auf die Sünden der Demagogenjagd!

Hegel beging mit ihr auch keineswegs eine Heuchelei, denn es erklärte sich aus seiner politischen Entwicklung, daß ihm die Monarchie, in der die Staatsdiener das Beste tun müßten, als die idealste Staatsform galt; allenfalls eine gewisse mittelbare Mitherrschaft der herrschenden Klassen hielt er daneben für notwendig, doch nur in ständischer Beschränkung; von einer allgemeinen Volksvertretung im modern-konstitutionellen Sinne wollte er so wenig wissen wie der preußische König und dessen Orakel Metternich.

Aber das System, das sich Hegel für seine Person zurechtgemacht hatte, stand in unversöhnlichem Widerspruch mit der dialektischen Methode, die er als Philosoph vertrat. Mit dem Begriffe des Seins ist auch der Begriff des Nichts gegeben, und aus dem Kampfe beider entsteht der höhere Begriff des Werdens. Alles ist und ist zugleich nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehen begriffen. So war die Geschichte ein in ewiger Umwälzung begriffener, von Niederem zu Höherem aufsteigender Entwicklungsprozeß, den Hegel mit seiner universalen Bildung in den verschiedensten Fächern der historischen Wissenschaft nachzuweisen unternahm, wenn auch nur in der seiner idealistischen Anschauung entsprechenden Form, daß sich in allem geschichtlichen Geschehen die absolute Idee auswirke, die Hegel für die belebende Seele der ganzen Welt erklärte, ohne sonst etwas von ihr auszusagen.

Danach konnte das Bündnis zwischen der Philosophie Hegels und dem Staat der Friedrich Wilhelme nur eine Vernunftehe sein, die gerade so lange währte, wie sich beide Teile gegenseitig ihre Vernunft bescheinigten. Das ging etwa an in den Tagen der Karlsbader Beschlüsse und der Demagogenverfolgungen, aber schon die Julirevolution von 1830[12] gab der europäischen Entwicklung einen so starken Stoß nach vorwärts, daß Hegels Methode sich ungleich waschechter erwies als sein System. Sobald die immerhin noch schwachen Wirkungen der Julirevolution auf Deutschland erstickt worden waren und die Ruhe des Kirchhofs wieder über dem Volke der Dichter und Denker lag, beeilte sich das preußische Junkertum, den alten verschlissenen Kram der mittelalterlichen Romantik nochmals gegen die moderne Philosophie auszuspielen. Das wurde ihm um so leichter, als die Bewunderung Hegels weniger seine Sache, als die Sache der halbwegs aufgeklärten Bürokratie gewesen war, und Hegel, bei aller Verherrlichung des Beamtenstaats, doch gar nichts dazu getan hatte, dem Volke die Religion zu erhalten, was nun einmal das A und O der feudalen Überlieferung war und im letzten Grunde aller ausbeutenden Klassen ist.

Auf religiösem Gebiete erfolgte dann auch der erste Zusammenstoß. Hatte Hegel gemeint, die heiligen Geschichten der Bibel seien wie profane zu betrachten, den Glauben gehe das Wissen gemeiner, wirklicher Geschichten nichts an, so machte David Strauß, ein junger Schwabe, nun vollen Ernst mit dem Worte des Meisters. Er forderte, daß die evangelische Geschichte der historischen Kritik preiszugeben sei, und bewies die Berechtigung seiner Forderung durch sein »Leben Jesu«, das 1835 erschien und ungeheures Aufsehen erregte. Strauß knüpfte damit an die bürgerliche Aufklärung an, über deren »Aufkläricht« sich Hegel allzu verächtlich ausgesprochen hatte. Aber die Gabe des dialektischen Denkens gestattete ihm die Frage ungleich tiefer zu fassen als der alte Reimarus, der »Ungenannte« Lessings, sie gefaßt hatte. Strauß sah nicht mehr in der christlichen Religion ein Produkt des Betruges oder in den Aposteln eine Rotte von Gaunern, sondern erklärte die mythischen Bestandteile der Evangelien aus dem bewußtlosen Schaffen der ersten christlichen Gemeinden. Vieles aber aus den Evangelien erkannte er noch als geschichtlichen Bericht über das Leben Jesu und Jesus selbst als geschichtliche Person an, wie er überhaupt in den wichtigsten Punkten immer noch einen geschichtlichen Kern voraussetzte.