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In "Karl Marx - Geschichte seines Lebens" bietet Franz Mehring eine umfassende biografische Darstellung des Lebens des herausragenden politischen Denkers Karl Marx. Der Autor zeichnet nicht nur die wichtigsten Stationen im Leben Marx' nach, sondern diskutiert auch dessen philosophische Entwicklungen und politischen Einflüsse. Mehrings literarischer Stil ist geprägt von einer klaren, analytischen Sprache, die es dem Leser ermöglicht, die Komplexität von Marx' Gedankenwelt und gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Durch die Verknüpfung von Marx' Lebensereignissen mit den historischen Fortschritten des 19. Jahrhunderts gelingt es Mehring, ein lebendiges Bild des Mannes zu entwerfen, der die Weltanschauung des Marxismus prägte. Franz Mehring, selbst ein einflussreicher Sozialdemokrat und Literaturwissenschaftler, widmet sein Werk dem Verständnis der sozialistischen Bewegungen seiner Zeit. Sein tiefes Engagement für die Arbeiterklasse und seine fundierten Kenntnisse über die sozialistische Theorie verleihen der Biografie eine authentische Perspektive. Mehring war nicht nur ein Historiker, sondern auch ein leidenschaftlicher Verfechter des Marxismus, was seine Herangehensweise an die Biografie besonders prägt und informativ macht. Dieses Buch ist nicht nur für Historiker und Politikwissenschaftler von Bedeutung, sondern für alle, die sich für die komplexen Verflechtungen von Leben, Denken und sozialer Revolution interessieren. Mehrings eindringliche Erzählweise und tiefgehende Analysen machen diese Biografie zu einem unverzichtbaren Werk, das das Verständnis von Karl Marx und dessen Einfluss auf die moderne Gesellschaft bereichert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Im Spannungsfeld zwischen dem scharfsinnigen Denker und dem streitbaren Zeitgenossen erkundet Franz Mehring die Frage, wie ein einzelnes Leben sich mit der Geschichte einer Epoche verschränkt, deren politische Erschütterungen, sozialen Konflikte und intellektuellen Umwälzungen den Blick auf Karl Marx sowohl als Menschen wie als Autor einer grundlegenden Gesellschaftskritik formen; Dabei stellt sich fortlaufend die Frage nach der Wechselwirkung von Idee und Praxis, von wissenschaftlicher Strenge und politischer Intervention, von privaten Zwängen und öffentlicher Wirkung, wodurch die Biografie den Mythos erdet und zugleich die Spannweite eines Lebens sichtbar macht, das Denken in Handeln übersetzte und unter widrigen Umständen intellektuelle Unabhängigkeit behauptete.
Mehrings Karl Marx – Geschichte seines Lebens ist eine quellengestützte politische Biografie, die zugleich als Beitrag zur Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts gelesen werden kann. Ihre Schauplätze reichen über das Europa der Industrialisierung und Revolutionen, besonders die deutschsprachigen Länder, Frankreich, Belgien und Großbritannien. Erstveröffentlicht 1918, entsteht das Werk im Umfeld des Ersten Weltkriegs und tiefgreifender Umbrüche, die den Blick auf Marx’ Zeit neu schärfen. Ohne akademischen Jargon zu häufen, formt Mehring ein erzählerisch strukturiertes, doch methodisch nüchternes Porträt, das Lebensstationen, Debatten und Publikationen einbettet und die historische Bühne der europäischen Öffentlichkeit konsequent mitdenkt.
Als Ausgangssituation entwirft die Biografie das Panorama eines Europa in Transformationskrisen, in dem ein junger Gelehrter seine intellektuelle Position zwischen Universität, Presse und politischer Öffentlichkeit sucht. Das Leseerlebnis ist geprägt von einer ruhigen, argumentativen Stimme, die erklärend statt behauptend vorgeht und Konflikte aus der Perspektive ihrer Entstehungsbedingungen nachvollzieht. Mehring schreibt klar, mit langen, sorgfältig gebauten Abschnitten, die Ursachen und Wirkungen entfalten, ohne Effekthascherei. Der Ton bleibt engagiert, aber kontrolliert, was die Distanz zum Stoff wahrt und gleichzeitig die Dringlichkeit der behandelten Fragen spürbar macht. Immer wieder führt er die Entwicklung zentraler Begriffe parallel zu sozialen Erfahrungen vor und legt Wert auf Übergänge, statt auf isolierte Wendepunkte.
Die Darstellung ist überwiegend chronologisch organisiert, doch immer wieder durch thematische Einschübe unterbrochen, wenn Debatten, Netzwerke oder Publikationszusammenhänge eine Querschnittsperspektive verlangen. Mehring stützt sich erkennbar auf Briefe, Zeitungsartikel und frühere Forschung seiner Zeit und prüft Aussagen im Lichte der politischen Konjunkturen, in denen sie entstanden. Das Ergebnis ist kein neutrale Pose vortäuschendes Sachbuch, sondern eine offene, argumentierende Biografie, die ihre Perspektive kenntlich macht. Gerade dadurch gewinnt sie Überzeugungskraft: Positionen werden nicht behauptet, sondern hergeleitet; die Konturen des historischen Umfelds bleiben sichtbar, ohne den Fokus auf die Entwicklung von Werk und Person zu verlieren.
Zentrale Themen sind die produktive Spannung zwischen Denken und politischem Handeln, die Erfahrung von Migration und Exil als Motor intellektueller Beweglichkeit, die Rolle von Medien und Öffentlichkeit sowie die Belastungen, die materielle Unsicherheit für Forschung und Schreibarbeit bedeuten. Mehring interessiert sich für die Entstehung von Theorie im Konfliktfeld gesellschaftlicher Kämpfe, für Allianzen und Gegnerschaften, die Ideen schärfen, und für die Geduld, mit der langfristige Projekte verfolgt werden. So entsteht ein Bild, das große Begriffe an konkrete Lebensvollzüge bindet und zeigt, wie aus Arbeit am Text Interventionen in der Welt werden können.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es die Verbindung von theoretischer Kritik und gesellschaftlicher Praxis als offenes Problem zeigt, das jede Generation neu lösen muss. Angesichts globaler Ungleichheiten, technologischer Umbrüche und wiederkehrender Krisen hilft Mehrings Biografie, die Genese zentraler Kategorien der Gesellschaftsanalyse historisch zu verorten, ohne ihre Gegenwartsbedeutung zu überdehnen. Sie sensibilisiert für die Bedingungen von Wissensproduktion, die Notwendigkeit öffentlicher Debatte und die Mühen kollektiver Organisation. Gleichzeitig erinnert sie daran, dass intellektuelle Arbeit auf Übersetzung angewiesen ist: zwischen Disziplinen, Klassenlagen, Sprachen und politischen Räumen. Diese Perspektive schärft den Blick für Kontinuitäten und Brüche der Moderne, ohne historische Differenzen zu glätten.
Als Lektüre eignet sich Mehrings Biografie sowohl für Einsteigerinnen und Einsteiger, die eine verlässliche, gut erzählte Orientierung suchen, als auch für Fortgeschrittene, die die Verzahnung von Lebensweg, Werk und Zeitdiagnose nachvollziehen möchten. Sie bietet einen Zugriff, der historische Präzision mit interpretativer Klarheit verbindet und wichtige Kontroversen in ihren Voraussetzungen ausleuchtet, ohne sie abschließend zu entscheiden. Wer verstehen will, wie sich intellektuelle Produktion unter politischem Druck formt und welche Rollen Öffentlichkeit, Organisation und Kritik dabei spielen, findet hier ein maßgebliches Bezugswerk, das Anregungen für heutiges Denken und Handeln bereitstellt, ohne einfache Antworten zu versprechen.
Franz Mehrings Karl Marx – Geschichte seines Lebens, erschienen 1918, zeichnet eine umfassende, chronologisch geordnete Biografie des Philosophen, Ökonomen und Publizisten. Das Werk verbindet Lebensbeschreibung mit einer Darstellung der Entstehung und Wirkung von Marx’ Ideen im politischen, sozialen und wissenschaftlichen Umfeld des 19. Jahrhunderts. Mehring stützt sich auf veröffentlichte Schriften, Briefe und zeitgenössische Dokumente und will das Denken nicht vom Lebenszusammenhang trennen. Die Darstellung folgt den Stationen von Herkunft, Ausbildung und publizistischer Tätigkeit über Exil, politische Kämpfe und wissenschaftliche Arbeit hin zu internationaler Wirksamkeit. Leitend ist die Frage, wie Theorie und Praxis sich gegenseitig bedingen.
Der erste Teil schildert Marx’ Herkunft aus Trier, seine Studien in Bonn und Berlin sowie die intellektuelle Prägung durch die zeitgenössische Philosophie. Im Umfeld der Junghegelianer schärft sich sein Blick für Religions- und Gesellschaftskritik, zugleich wächst die Distanz zu rein spekulativen Systemen. Der Einstieg in den Journalismus, insbesondere bei der Rheinischen Zeitung, markiert den Übergang vom akademischen Diskurs zur politischen Öffentlichkeit. Mehring arbeitet die Konflikte mit Zensur und Behörden heraus, die aus der radikalen Kritik an sozialen Missständen resultieren. Das Ende des Blattes wird als Scharnier beschrieben, das Marx zur Suche nach neuen Wirkungsorten zwingt.
In Paris und später in Brüssel verdichten sich nach Mehrings Darstellung die theoretischen Grundlagen: die materialistische Geschichtsauffassung, die Kritik am bisherigen Sozialismus und die Hinwendung zur politischen Ökonomie. Die Begegnung und Zusammenarbeit mit Friedrich Engels wird als entscheidender Wendepunkt konturiert, der sowohl methodische Klarheit als auch organisatorische Perspektiven bringt. Im Umfeld der entstehenden kommunistischen Kreise reifen programmatische Texte, die die Lage der Arbeiterklasse und die Dynamik des Kapitalismus analysieren. Vor dem Hintergrund europäischer Spannungen bereiten sich politische Erschütterungen vor, die die Verbindung von Theorie und revolutionärer Praxis auf eine harte Probe stellen.
Die Revolutionen von 1848 bilden einen Prüfstein: Mehring schildert Marx’ publizistische und organisatorische Tätigkeit, unter anderem in Köln, und die Auseinandersetzung mit bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kräften. Nach der Niederlage der Bewegung folgen Repressionen und erneute Emigration. In London, dem weiteren Hauptort seines Lebens, verbindet sich materielle Not mit intensiver Forschung. Mehring betont die systematische Arbeit in Bibliotheken, die Ausarbeitung der historischen Materialismuskonzeption und den Übergang zu einer umfassenden Kritik der politischen Ökonomie. Aus Rückschlägen, Streitigkeiten und langen Arbeitsprozessen kristallisiert sich ein theoretisches Projekt, das den Kapitalismus als geschichtlich bestimmte Gesellschaftsform untersucht.
Mit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation erhält Marx nach Mehring eine neue organisatorische Plattform. Die Darstellung verfolgt die programmatischen Kämpfe um Gewerkschaften, politische Parteien und die Haltung zu Nationalbewegungen. Konflikte mit konkurrierenden Strömungen, insbesondere mit anarchistischen Positionen, verdeutlichen unterschiedliche Strategien und Organisationsverständnisse. Die Ereignisse der Pariser Kommune werden als Zäsur präsentiert, aus der Marx Schlussfolgerungen für Staat, Demokratie und Klassenkampf zieht. Zugleich zeigen sich Grenzen transnationaler Koordination und innere Spannungen. Mehring legt dar, wie theoretische Positionen unter Druck realer Ereignisse präzisiert, korrigiert oder verteidigt werden. Der internationale Rahmen bleibt dabei ständig im Wandel.
Im Zentrum des wissenschaftlichen Werks steht die mehrbändige Kritik der politischen Ökonomie, deren erster Band zu Lebzeiten erscheint. Mehring erläutert Ziel und Methode als Analyse der Bewegungsgesetze kapitalistischer Produktion, die ökonomische Kategorien historisiert und gesellschaftliche Verhältnisse offenlegt. Der Weg dorthin ist von langen Vorarbeiten, Umbrüchen und gesundheitlichen Belastungen geprägt. Unterstützung durch Weggefährten, allen voran Engels, sichert die Fortführung des Projekts und die Veröffentlichung weiterer Teile aus dem Nachlass. Rezeption, Kontroversen und Missverständnisse begleiten die Wirkungsgeschichte und spiegeln den Spannungsbogen zwischen wissenschaftlichem Anspruch und politischer Deutung. Mehring verfolgt diese Debatten mit kritischer, aber dokumentierender Haltung.
Abschließend interpretiert Mehring Leben und Werk als Einheit von Erkenntnisinteresse und praktischer Veränderungsabsicht. Er zeichnet Marx als Gelehrten, Publizisten und Organisator, dessen Denken aus konkreten Konflikten herauswächst und auf gesellschaftliche Umwälzung zielt. Die Biografie bietet dafür einen Rahmen, der individuelle Entscheidungen, historische Konstellationen und theoretische Innovationen zusammendenkt. Ohne hagiografische Geste, doch aus klarer weltanschaulicher Position, begründet das Buch seinen anhaltenden Rang als wirkungsmächtige Gesamtdarstellung. Es zeigt, warum Marx’ Analysen Debatten über Arbeit, Staat und Ökonomie weiter prägen, und lädt dazu ein, Entstehung und Tragweite dieser Ideen nüchtern zu prüfen. Seine Aktualität bleibt damit Gegenstand fortgesetzter Auseinandersetzung.
Franz Mehrings Karl Marx – Geschichte seines Lebens entstand in den letzten Kriegsjahren des Deutschen Kaiserreichs und erschien 1918 im sozialdemokratischen Verlag J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart. Mehring arbeitete in Berlin, im Umfeld der Sozialdemokratie, deren Institutionen seine Forschung trugen: die Zeitschrift Die Neue Zeit als theoretisches Forum, die Parteischule (SPD-Parteischule) als Lehrstätte und die Verlags- und Archivinfrastruktur der Arbeiterbewegung. Unter Zensurbedingungen des Ersten Weltkriegs verfasste er eine quellengestützte Lebensbeschreibung, die zugleich auf die politischen Brüche der Zeit reagierte. Ort, Zeit und Institutionen prägten Ton, Auswahl der Dokumente und die Adressierung an ein organisiertes Arbeiterpublikum.
Franz Mehring (1846–1919) war ein deutscher Historiker, Literaturkritiker und führender Publizist der Sozialdemokratie. Vom liberalen Journalismus kommend, wandte er sich in den 1890er Jahren dem Marxismus zu und publizierte grundlegende Studien wie Die Lessing-Legende (1893) und die mehrbändige Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (1897–1898). Er lehrte Geschichte an der SPD-Parteischule in Berlin (1906–1911) und arbeitete eng mit Parteiorganen zusammen. Während des Ersten Weltkriegs schloss er sich der oppositionellen Linken an und beteiligte sich an der Gruppe Internationale beziehungsweise dem späteren Spartakusbund. Diese politische und wissenschaftliche Prägung bestimmte Anlage, Fragestellungen und Adressaten seiner Marx-Biografie.
Mehring stützte sich auf veröffentlichte Schriften und Briefe von Karl Marx und Friedrich Engels, auf zeitgenössische Presse, parlamentarische Protokolle sowie auf sozialdemokratische Archivbestände. Eine umfassende kritische Gesamtausgabe existierte damals noch nicht; die von David Rjazanov initiierte MEGA begann erst Ende der 1920er Jahre. Daher prägten Engels’ Vorreden, Nachlassausgaben und Editionen des späten 19. Jahrhunderts die Textbasis. Mehring verband quellensatte Darstellung mit einer am historischen Materialismus orientierten Interpretation. Er korrigierte verbreitete Legenden, ordnete Kontroversen ein und verfolgte die intellektuelle Entwicklung von Marx in enger Verzahnung mit politischen Kämpfen und Organisationsgeschichte der Arbeiterbewegung.
Die Biografie spiegelt die Frühphase von Marx im Kontext der europäischen Umbrüche der 1840er Jahre: Rheinische Zeitung (1842–1843) unter preußischer Zensur, Exil nach Paris und Brüssel, Zusammenarbeit mit dem Bund der Kommunisten und die Ausarbeitung des Manifest der Kommunistischen Partei (1848) gemeinsam mit Engels. Im Revolutionsjahr 1848/49 gründete Marx in Köln die Neue Rheinische Zeitung, die nach militärischer Niederschlagung der Bewegung verboten wurde. Die Ausweisung und erneute Emigration stehen exemplarisch für die Repressionsmechanismen der deutschen Staaten. Mehring betont hier die Verbindung von publizistischer Intervention, Organisationsarbeit und theoretischer Präzisierung. Marx’ Beteiligung an demokratischen Vereinen und Arbeiterbildungsinitiativen erscheint als Teil eines transnationalen Netzwerks.
Für die Londoner Exiljahre hebt Mehring die Gründung der International Working Men’s Association (Erste Internationale) 1864 hervor, in deren Generalrat Marx eine zentrale Rolle spielte. Er verfolgt die Auseinandersetzungen mit Proudhonisten und später mit Mikhail Bakunin ebenso wie die Wirkung der Pariser Kommune von 1871, die Marx in Der Bürgerkrieg in Frankreich analysierte. Die Repression gegen die Kommune und innere Konflikte beschleunigten die Verlagerung und Auflösung der Internationale in den 1870er Jahren. Diese Stationen verknüpft Mehring mit der Herausbildung einer modernen, international vernetzten Arbeiterbewegung, deren Erfahrungen seine Darstellung strukturell rahmen.
Parallel dazu zeichnet Mehring Marx’ ökonomische Studien im Lesesaal des British Museum nach, die in Das Kapital, Band I (1867, Otto Meissner, Hamburg), mündeten. Er ordnet die posthume Edition der Bände II (1885) und III (1894) durch Engels ein und zeigt, wie Debatten über Wert, Akkumulation und Krisen in die Programmatik der deutschen Sozialdemokratie einflossen. Unter dem Sozialistengesetz (1878–1890) formierte sich die Partei illegal und über die Presse; nach der Aufhebung folgten Erfurter Programm (1891) und organisatorische Konsolidierung. Mehring vergleicht Marx’ theoretische Prämissen mit der Parteipraxis und den dominierenden Interpretationen um Karl Kautsky.
In den Debatten der Jahrhundertwende betont Mehring die Kontroversen um Eduard Bernsteins Revisionismus (1896–1899) und die Auseinandersetzungen über Massenstreik und Organisation, befeuert durch die Revolution von 1905 im Russischen Reich. Der Kriegsbeginn 1914, die Burgfriedenspolitik und die Spaltung der Sozialdemokratie (USPD 2017) bilden den unmittelbaren Zeitkontext seiner Arbeit. Mehring stand der Kriegsopposition nahe und arbeitete im Umfeld des Spartakusbundes publizistisch. Vor diesem Hintergrund liest sich seine Marx-Biografie als Rückgriff auf Grundpositionen gegen nationalistische Vereinnahmungen, ohne die Quellenlage zu übergehen. Diese Spannung prägt Argumentation, Auswahl und Akzentsetzung. Die Novemberrevolution 1918 markierte den Umbruch, in dessen Tagen das Buch erschien.
Die Erstausgabe von 1918 wurde in sozialistischen Kreisen rasch rezipiert und prägte über die Weimarer Jahre hinaus die deutschsprachige Marx-Forschung; Übersetzungen folgten in mehreren Ländern. Mehring starb 1919, kurz nach Erscheinen, doch das Werk blieb ein Referenzpunkt, auch nachdem mit der von Rjazanov angestoßenen Marx-Engels-Gesamtausgabe ab 1927 neue Quellen zugänglich wurden. Als Kommentar zu seiner Epoche verbindet das Buch biografische Genauigkeit mit einer Bilanz der Arbeiterbewegung von 1848 bis 1918 und stellt Marx’ Denken den zentralen Konflikten der Moderne zur Seite, ohne den dokumentarischen Rahmen zu verlassen. Es wurde vielfach neu aufgelegt und diente Parteischulen und Bildungsvereinen als Lehrtext.
Dies Buch hat seine kleine Geschichte. Als es sich darum handelte, den Briefwechsel zwischen Marx und Engels herauszugeben, machte Frau Laura Lafargue[1] ihre Zustimmung, soweit sie notwendig war, davon abhängig, daß ich als ihr Vertrauensmann an der Redaktion teilnähme; in einer, aus Draveil vom 10. November 1910 datierten Vollmacht beauftragte sie mich, die Bemerkungen, Erläuterungen und Streichungen vorzunehmen, die ich für unerläßlich hielte.
Von dieser Vollmacht habe ich jedoch keinen praktischen Gebrauch gemacht. Zwischen den Herausgebern oder vielmehr dem Herausgeber Bernstein - denn Bebel gab nur den Namen dazu her - und mir ergaben sich keine wesentlichen Meinungsverschiedenheiten, und ihm ohne zwingenden oder mindestens dringenden Grund ins Handwerk zu pfuschen, hatte ich, im Sinne meiner Auftraggeberin, keinen Anlaß, kein Recht und selbstverständlich auch keine Neigung.
Dagegen rundete sich mir in der langen Arbeit an diesem Briefwechsel das Bild ab, das ich aus jahrzehntelangen Studien von Karl Marx gewonnen hatte, und so erwuchs mir unwillkürlich der Wunsch, diesem Bilde einen biographischen Rahmen zu geben, zumal da ich wußte, daß Frau Lafargue daran ihre große Freude haben würde. Ich hatte mir ihre Freundschaft und ihr Vertrauen erworben, nicht etwa weil sie mich unter den Schülern ihres Vaters für den gelehrtesten oder scharfsinnigsten, sondern nur für denjenigen hielt, der in sein menschliches Wesen am tiefsten eingedrungen sei und es am treffendsten darzustellen wisse. Brieflich wie mündlich hat sie mir oft versichert, wie so manche halbverklungene Erinnerung aus ihrem elterlichen Hause durch die Schilderung in meiner Parteigeschichte und namentlich in meiner Nachlaßausgabe ihr wieder frisch und lebendig, wie mancher, von ihren Eltern oft gehörter Name ihr erst durch mich aus einem bloßen Schatten zu einer greifbaren Gestalt geworden sei.
Leider starb die edle Frau, lange ehe der Briefwechsel ihres Vaters mit Engels herausgegeben werden konnte. Wenige Stunden, ehe sie in den Freitod ging, sandte sie mir noch ein herzliches Wort des Grußes. Sie hatte den großen Sinn ihres Vaters geerbt, und ich danke es ihr noch im Grabe, daß sie mir manchen Schatz aus seinem Nachlaß zur Herausgabe anvertraut hat, ohne auch nur den leisesten Versuch, mein kritisches Urteil darüber zu beeinflussen. So erhielt ich von ihr die Briefe Lassalles an ihren Vater, obgleich sie aus meiner Parteigeschichte wußte, wie entschieden und wie oft ich das Recht Lassalles gegen ihren Vater vertreten hatte. Nicht ein Äderchen von dem Wesen dieser großherzigen Frau verrieten dagegen zwei Zionswächter des Marxismus, die, als ich nunmehr zur Ausführung meines biographischen Vorhabens schritt, in das Horn der sittlichen Entrüstung stießen, weil ich in der »Neuen Zeit« einige Bemerkungen über Lassalles und Bakunins Beziehungen zu Marx geäußert hatte, ohne dabei den gebührenden Kotau vor der offiziellen Parteilegende zu machen. Zuerst zieh mich K. Kautsky der »Marxfeindschaft« im allgemeinen und eines angeblich an Frau Lafargue begangenen Vertrauensbruchs« im besonderen, und als ich gleichwohl auf meiner Absicht beharrte, die Biographie von Marx zu schreiben, opferte er von dem bekanntlich sehr kostbaren Raum der »Neuen Zeit« nicht weniger als einige sechzig Seiten einem Pamphlet, worin mich N. Rjasanow - unter einer Flut von Beschuldigungen, deren Gewissenlosigkeit etwa auf gleicher Höhe mit ihrer Sinnlosigkeit stand - des schnödesten Verrats an Marx überführen wollte. Ich habe diesen Leuten das letzte Wort gegönnt, aus einer Empfindung heraus, die ich aus Gründen der Höflichkeit nicht beim richtigen Namen nennen will, schulde aber mir selbst festzustellen, daß ich ihrem Gesinnungsterrorismus nicht um Haaresbreite nachgegeben, sondern auf den nachfolgenden Blättern die Beziehungen Lassalles und Bakunins zu Marx, unter gänzlicher Mißachtung der Parteilegende, nach den Geboten der geschichtlichen Wahrheit dargestellt habe. Natürlich habe ich dabei wieder von jeder Polemik abgesehen, jedoch in den Anmerkungen einige Hauptanklagen der Kautsky und Rjasanow gegen mich ein wenig niedriger gehängt, zu Nutz und Frommen jüngerer Arbeiter auf diesem Gebiet, denen das Gefühl absoluter Wurstigkeit gegen die Anfälle des Marxpfaffentums nicht früh genug eingeimpft werden kann. Wäre Marx in der Tat der langweilige Musterknabe gewesen, den die Marxpfaffen in ihm bewundern, so hätte es mich nie gereizt, seine Biographie zu schreiben. Meine Bewunderung wie meine Kritik - und zu einer guten Biographie gehört die eine wie die andere in gleichem Maße - gilt dem großen Menschen, der nichts häufiger und nichts lieber von sich bekannte, als daß ihm nichts Menschliches fremd sei. Ihn in seiner mächtig-rauhen Größe nachzuschaffen, war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte.
Das Ziel bestimmte dann auch schon den Weg zum Ziele. Alle Geschichtsschreibung ist zugleich Kunst und Wissenschaft, und zumal die biographische Darstellung. Ich weiß im Augenblick nicht, welcher trockene Hecht den famosen Gedanken geboren hat, daß ästhetische Gesichtspunkte in den Hallen der historischen Wissenschaft nichts zu suchen hätten. Aber ich muß, vielleicht zu meiner Schande, offen gestehen, daß ich die bürgerliche Gesellschaft nicht so gründlich hasse wie jene strengeren Denker, die, um dem guten Voltaire eins auszuwischen, die langweilige Schreibweise für die einzig erlaubte erklären. Marx selbst war in diesem Punkte auch des Verdachts verdächtig: mit seinen alten Griechen rechnete er Klio zu den neun Musen. In der Tat, die Musen schmäht nur, wer von ihnen verschmäht worden ist.
Wenn ich danach die Zustimmung des Lesers zu der von mir gewählten Form voraussetzen darf, so muß ich um so mehr einige Nachsicht für den Inhalt erbitten. Ich stand hier von vornherein einer unerbittlichen Notwendigkeit gegenüber: der Notwendigkeit, den Band nicht zu sehr anschwellen zu lassen, wenn er, selbst für vorgeschrittene Arbeiter, noch erreichbar und verständlich bleiben sollte; ohnehin hat er schon das Anderthalbfache des ursprünglich geplanten Umfangs erreicht. Wie oft mußte ich mich mit einem Worte begnügen, wo ich lieber eine Zeile, mit einer Zeile, wo ich lieber eine Seite, mit einer Seite, wo ich lieber einen Bogen geschrieben hätte! Besonders hat unter diesem äußeren Zwange die Analyse der wissenschaftlichen Schriften von Marx gelitten. Um darüber von vornherein keinen Zweifel zu lassen, habe ich den, bei der Biographie eines großen Schriftstellers herkömmlichen Untertitel: Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, um die zweite Hälfte gekürzt.
Sicherlich beruht die unvergleichliche Größe von Marx nicht zuletzt darin, daß in ihm der Mann des Gedankens und der Mann der Tat unzertrennlich verbunden waren, daß sie sich gegenseitig ergänzten und unterstützten. Aber es ist doch nicht minder sicher, daß der Kämpfer in ihm allemal den Vortritt nahm vor dem Denker. Sie dachten darin alle gleich, unsere großen Bahnbrecher, wie Lassalle es einmal ausgedrückt hat: wie gerne wolle er ungeschrieben lassen, was er wisse, wenn nur endlich einmal die Stunde praktischen Handelns schlüge. Und wie recht sie damit hatten, haben wir schaudernd in unseren Zeitläuften erlebt, wo ernste Forscher, die drei oder sogar vier Jahrzehnte über jedem Komma in Marxens Werken gebrütet hatten, sich in einer geschichtlichen Stunde, wo sie einmal wie Marx handeln konnten und sollten, sich doch nur wie trillernde Wetterhähne um sich selbst zu drehen wußten.
Verhehlen will ich deshalb aber doch nicht, daß ich mich nicht vor anderen berufen gefühlt hätte, alle Grenzen des ungeheuren Wissensgebiets zu umschreiten, das Marx beherrscht hat. Schon für die Aufgabe, im engen Rahmen meiner Darstellung ein durchsichtig klares Bild vom zweiten und dritten Bande des »Kapitals« zu geben, habe ich die Hilfe meiner Freundin Rosa Luxemburg angerufen. Die Leser werden es ihr ebenso danken wie ich selbst, daß sie meinem Wunsche bereitwillig entsprochen hat; der dritte Abschnitt des zwölften Kapitels ist von ihr verfaßt worden.
Es macht mich glücklich, dieser Schrift ein Schmuckstück ihrer Feder einzuverleiben, wie es mich nicht minder glücklich macht, daß unsere gemeinsame Freundin Clara Zetkin-Zundel mir gestattet hat, mein Schifflein unter ihrem Wimpel auf die hohe See zu senden. Die Freundschaft dieser Frauen ist mir ein unschätzbarer Trost gewesen, in einer Zeit, in deren Stürmen so viele »mannhafte und unentwegte Vorkämpfer« des Sozialismus davongewirbelt sind wie dürre Blätter im Herbstwind.
Steglitz-Berlin, im März 1918
FRANZ MEHRING
Karl Heinrich Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. ber seine Abstammung ist wenig bekannt, dank der Verwirrung und Verwstung, die die kriegerischen Zeitlufte um die Wende des Jahrhunderts in den rheinischen Standesregistern angerichtet haben. Wird doch heute noch um das Geburtsjahr Heinrich Heines gestritten!
Ganz so schlimm steht es nun freilich mit Karl Marx nicht, der in ruhigeren Zeiten geboren wurde. Aber als vor fnfzig Jahren eine Schwester seines Vaters gestorben war, mit Hinterlassung eines ungltigen Testaments, gelang es allen gerichtlichen Nachforschungen nach den Intestaterben doch nicht mehr, die Geburts- und Todestage ihrer Eltern festzustellen, also der Groeltern von Karl Marx. Der Grovater hie Marx Levi, nannte sich spter aber nur Marx und war Rabbiner in Trier; er soll 1798 gestorben sein und war 1810 jedenfalls nicht mehr am Leben. Seine Ehefrau Eva, geborene Moses, war 1810 noch am Leben und soll 1825 gestorben sein.
Von den zahlreichen Kindern dieses Paares widmeten sich zwei gelehrten Berufen: Samuel und Hirschel. Samuel wurde als Rabbiner in Trier der Nachfolger seines Vaters, whrend sein Sohn Moses als Rabbinatskandidat nach Gleiwitz in Schlesien verschlagen wurde. Samuel war 1781 geboren und starb 1829. Hirschel, der Vater von Karl Marx, war 1782 geboren. Er wandte sich der Jurisprudenz zu, wurde Advokatanwalt und spter Justizrat in Trier, lie sich 1824 als Heinrich Marx taufen und starb 1838. Er war mit Henriette Preburg verheiratet, einer hollndischen Jdin, deren Ahnen nach Angabe ihrer Enkelin Eleanor Marx eine jahrhundertlange Reihe von Rabbinern aufweisen. Sie starb 1863. Beide hinterlieen ebenfalls eine zahlreiche Familie, doch lebten zur Zeit jener Erbschaftsregulierung, deren Akten diese genealogischen Notizen verdankt sind, nur noch vier von ihren Kindern: Karl Marx und drei Tchter, Sophie als Witwe des Anwalts Schmalhausen in Maastricht, Emilie als Ehefrau des Ingenieurs Conrady in Trier und Luise als Ehefrau des Kaufmanns Juta in der Kapstadt.
Seinen Eltern, deren Ehe beraus glcklich war, verdankte Karl Marx, nchst der Schwester Sophie ihr ltestes Kind, eine heitere und sorgenfreie Jugend. Wenn seine herrlichen Naturgaben in dem Vater die Hoffnung weckten, da sie dereinst zum Wohle der Menschheit dienen wrden, so hie ihn die Mutter ein Glckskind, dem alles wohl unter den Hnden gerate. Doch ist Karl Marx weder, wie Goethe, der Sohn seiner Mutter, noch, wie Lessing und Schiller, der Sohn seines Vaters gewesen. Die Mutter ging, bei all ihrer zrtlichen Sorge fr ihren Gatten und ihre Kinder, ganz in dem Frieden des Hauses auf; sie hat all ihr Lebtag nur ein mangelhaftes Deutsch gesprochen und an den geistigen Kmpfen ihres Sohnes keinen Anteil genommen, es sei denn mit der mtterlichen Bekmmernis, was aus ihrem Karl wohl htte werden knnen, wenn er den rechten Weg eingeschlagen htte. In spteren Jahren scheint Karl Marx seinen mtterlichen Verwandten in Holland nher gestanden zu haben, namentlich einem Onkel Philips; er spricht von diesem famosen alten Jungen, der sich ihm auch in den Nten des Lebens hilfreich erwies, wiederholt mit groer Sympathie.
Jedoch auch der Vater blickte manches Mal mit geheimer Angst auf den Dmon in dem Lieblingssohne, obgleich er schon wenige Tage nach Karls zwanzigstem Geburtstage starb. Nicht die kleinliche und peinliche Sorge des Hausmtterchens um das gedeihliche Fortkommen des Sohnes qulte ihn, sondern die dumpfe Ahnung von der granitenen Hrte eines Charakters, die seinem weichen Wesen vllig fremd war. Jude, Rheinlnder, Rechtsgelehrter, so da er gegen alle Liebreize des ostelbischen Junkertums dreifach htte gepanzert sein mssen, war Heinrich Marx doch preuischer Patriot, nicht in dem faden Sinne, den dies Wort heute hat, sondern preuischer Patriot etwa von dem Schlage, wie ihn die lteren von uns noch in den Waldeck und Ziegler gekannt haben: mit brgerlicher Bildung gesttigt, in gutem Glauben an die altfritzige Aufklrung, ein Ideologe, wie sie Napoleon nicht ohne Grund hate. Was dieser unter dem tollen Ausdruck von Ideologie verstand, schrte zumal den Ha des Vaters Marx gegen den Eroberer, der den rheinischen Juden die brgerliche Gleichberechtigung und den rheinischen Landen den Code Napolon[2] geschenkt hatte, ihr eiferschtig behtetes, aber von der altpreuischen Reaktion unablssig angefeindetes Kleinod.
Sein Glaube an den Genius der preuischen Monarchie ist auch nicht dadurch erschttert worden, da ihn die preuische Regierung gezwungen htte, um seines Amtes willen seine Religion zu wechseln. Das ist wiederholt behauptet worden und auch von sonst unterrichteter Seite, anscheinend um zu rechtfertigen oder doch zu entschuldigen, was weder einer Rechtfertigung noch auch nur einer Entschuldigung bedarf. Selbst vom rein religisen Standpunkt hatte ein Mann, der mit Locke und Leibniz und Lessing seinen reinen Glauben an Gott bekannte, nichts mehr in der Synagoge zu suchen und fand noch am ehesten einen Unterschlupf in der preuischen Landeskirche, in der damals ein duldsamer Rationalismus herrschte, eine sogenannte Vernunftreligion, die selbst auf das preuische Zensuredikt von 1819 abgefrbt hatte.
Aber die Lossagung vom Judentum war unter den damaligen Zeitluften nicht nur ein Akt religiser, sondern auch - und vornehmlich - ein Akt sozialer Emanzipation. An der ruhmvollen Geistesarbeit unserer groen Denker und Dichter war das Judentum nicht beteiligt gewesen; das bescheidene Licht eines Moses Mendelssohn[3] hatte seiner Nation vergebens den Weg in das deutsche Geistesleben zu erhellen gesucht. Und als just in den Jahren, wo Heinrich Marx zum Christentum bertrat, ein Kreis junger Juden in Berlin die Bestrebungen Mendelssohns wieder aufnahm, geschah es mit dem gleichen Mierfolge, obgleich sich Mnner wie Eduard Gans und Heinrich Heine unter ihnen befanden. Gans, der dies Schifflein steuerte, strich sogar zuerst die Flagge und ging zum Christentum ber, und wenngleich Heine ihm zunchst einen derben Fluch nachsandte - Gestern noch ein Held gewesen, Ist man heute schon ein Schurke -, so war er doch bald darauf selbst gezwungen, den Eintrittsschein zur europischen Kultur zu lsen. Beide haben ihren historischen Anteil an der deutschen Geistesarbeit des Jahrhunderts erworben, whrend die Namen ihrer Gefhrten, die treuer als sie an der Kultivierung des Judentums arbeiteten, vergessen und verschollen sind.
So ist manches lange Jahrzehnt hindurch der bertritt zum Christentum fr die freien Kpfe des Judentums ein zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Und nicht anders ist der Religionswechsel zu verstehen, den Heinrich Marx im Jahre 1824 mit seiner Familie vollzog. Mglich, da auch uere Umstnde nicht die Tat selbst, aber den Zeitpunkt der Tat bestimmt haben. Die jdische Gterschlchterei, die in der landwirtschaftlichen Krisis der zwanziger Jahre einen heftigen Aufschwung nahm, hatte einen ebenso heftigen Judenha auch in den Rheinlanden erregt, und diesen Ha mitzutragen hatte ein Mann von der unantastbaren Redlichkeit des alten Marx weder die Pflicht, noch auch nur - im Hinblick auf seine Kinder - das Recht. Oder der Tod seiner Mutter, der in diese Zeit gefallen sein mu, hat ihn von einer Rcksicht der Piett befreit, die ganz seinem Charakter entsprochen htte, oder es mag auch mitgesprochen haben, da im Jahre des bertritts sein ltester Sohn das schulpflichtige Alter erreicht hatte.
Mag dem so oder anders sein, so besteht daran kein Zweifel, da Heinrich Marx sich die freimenschliche Bildung erarbeitet hatte, die ihn von aller jdischen Befangenheit befreite, und diese Freiheit hat er seinem Karl als wertvolles Erbe hinterlassen. Nichts in den immerhin zahlreichen Briefen, die er an den jungen Studenten gerichtet hat, verrt eine Spur von jdischer Art oder Unart, sie sind in einem altvterischen, sentimental-weitlufigen Tone gehalten, im Briefstil noch des achtzehnten Jahrhunderts, wo der echte deutsche Mann schwrmte, wenn er liebte, und polterte, wenn er zrnte. Ohne jede spiebrgerliche Beschrnktheit gehen sie willig auf die geistigen Interessen des Sohnes ein, nur mit entschiedener und durchaus berechtigter Abneigung gegen dessen Gelste, sich als gemeines Poetlein aufzutun. Bei allem Schwelgen in den Gedanken an die Zukunft seines Karl kann sich freilich der alte Herr mit seinen gebleichten Haaren und ein wenig gebeugtem Gemt doch nicht ganz des Gedankens entschlagen, ob das Herz dem Kopfe des Sohnes entspreche, ob es Raum fr die irdischen, aber sanfteren Gefhle habe, die in diesem Jammertale den Menschen so wesentlich trostreich seien.
In seinem Sinne waren seine Zweifel wohl berechtigt; die echte Liebe, womit er den Sohn im Innersten seines Herzens trug, machte ihn nicht blind, sondern hellseherisch. Aber wie der Mensch niemals die letzten Folgen seines Tuns zu berblicken vermag, so hat Heinrich Marx nicht daran gedacht und nicht daran denken knnen, wie er durch das reiche Ma brgerlicher Bildung, das er dem Shne als kostbare Mitgift frs Leben gab, doch nur den gefrchteten Dmon entbinden half, von dem er zweifelte, ob er himmlischer oder faustischer Natur sei. Wieviel hat Karl Marx im Elternhause schon spielend berwunden, was einem Heine oder einem Lassalle die ersten und schwersten Lebenskmpfe gekostet hat, Kmpfe, deren Wunden bei beiden niemals vllig verharscht sind!
Was die Schule dem heranwachsenden Knaben mitgegeben hat, lt sich weniger klar erkennen. Karl Marx hat niemals von einem seiner Schulkameraden gesprochen, und so liegt auch von keinem dieser Kameraden eine Kunde ber ihn vor. Frh genug hat er das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen; sein Abiturientenzeugnis ist vom 24. September [bei Mehring: 25. August] 1835 datiert. Es begleitet den hoffnungsvollen Jngling in blicher Weise mit seinen Segenswnschen, mit schablonenhaften Urteilen ber die Leistungen in den einzelnen Fchern. Jedoch hebt es besonders hervor, da Karl Marx hufig auch die schwierigeren Stellen der alten Klassiker zu bersetzen und zu erklren gewut habe, besonders solche, wo die Schwierigkeit nicht so sehr in der Eigentmlichkeit der Sprache, als in der Sache und dem Gedankenzusammenhange bestehe; sein lateinischer Aufsatz zeige in sachlicher Hinsicht Reichtum an Gedanken und tieferes Eindringen in den Gegenstand, sei aber hufig mit Ungehrigem berladen.
In der eigentlichen Prfung wollte es mit der Religion nicht gehen, aber auch mit der Geschichte nicht. Im deutschen Aufsatze jedoch fand sich ein Gedanke, der den prfenden Lehrern schon als interessant erschien und uns noch viel interessanter erscheinen mu. Als Thema war gestellt Betrachtung eines Jnglings bei der Wahl eines Berufs. Das Urteil lautete, die Arbeit empfehle sich durch Gedankenreichtum und gute planmige Anordnung, sonst verfalle der Verfasser auch hier in den ihm gewhnlichen Fehler, ein bertriebenes Suchen nach einem seltenen, bilderreichen Ausdruck. Dann aber wird wrtlich der Satz hervorgehoben: Wir knnen nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns berufen glauben; unsere Verhltnisse in der Gesellschaft haben einigermaen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind. So kndigte sich in dem Knaben das erste Wetterleuchten des Gedankens an, den allseitig zu entwickeln das unsterbliche Verdienst des Mannes werden sollte.
Im Herbste 1833 bezog Karl Marx die Universitt Bonn, wo er ein Jahr lang vielleicht weniger Rechtswissenschaft studiert, als sich Studierens halber aufgehalten hat.
Unmittelbare Kunde liegt auch ber diese Zeit nicht vor, aber so wie sie sich in den Briefen des Vaters spiegelt, scheint sich das junge Blut ein wenig ausgeschumt zu haben. Von einem wilden Toben schrieb der Alte erst spter in einer sehr rgerlichen Stunde; zur Zeit klagte er nur ber die Rechnungen la Karl, ohne Zusammenhang, ohne Resultat, und mit diesen Rechnungen hat es auch spter bei dem klassischen Theoretiker des Geldes nie recht stimmen wollen.
Nach dem lustigen Jahre in Bonn sah es vollends einem studentischen Geniestreiche gleich, als sich Karl Marx, in dem gesegneten Alter von achtzehn Jahren, mit einer Gespielin seiner Kinderjahre verlobte, einer vertrauten Freundin seiner lteren Schwester Sophie, die dem Bunde der jungen Merzen die Wege ebnen half. In der Tat aber war es der erste und schnste Sieg, den dieser geborene Herrscher ber Menschen davontrug; ein Sieg, der dem eigenen Vater ganz unbegreiflich erschien, bis er ihm erklrlicher wurde durch die Entdeckung, da die Braut auch etwas Genialisches htte und Opfer zu bringen verstnde, deren gewhnliche Mdchen nicht fhig wren.
Wirklich war Jenny von Westphalen ein Mdchen nicht nur von ungewhnlicher Schnheit, sondern auch von ungewhnlichem Geist und ungewhnlichem Charakter. Vier Jahre lter als Karl Marx, stand sie doch erst im Anfange der zwanziger Jahre; im vollen Schmelz ihre jungen Schnheit war sie viel gefeiert und viel umworben, und als die Tochter eines hochgestellten Beamten einer glnzenden Zukunft sicher. Alle diese Aussichten opferte sie, wie der alte Marx meinte, einer gefahrvollen und unsicheren Zukunft, und er glaubte mitunter auch an ihr die ahnungsschwere Furcht zu beobachten, die ihn beunruhigte. Aber er war des Engelsmdchens, der Zauberin so sicher, da er den Sohne zuschwor, kein Frst werde sie ihm abwenden.
Die Zukunft gestaltete sich viel gefahrvoller und unsicherer, als Heinrich Marx in seinen bngsten Trumen vorhergesehen hatte, jedoch Jenny von Westphalen, deren Jugendbildnis von kindlicher Anmut strahlt, hat mit dem unbeugsamen Mut einer Heldin zu dem Mann ihrer Wahl gehalten, mitten in den furchtbarsten Leiden und Qualen. Nicht vielleicht im hausbackenen Sinne des Wortes hat sie ihm die schwere Last seines Lebens erleichtert, denn, ein verwhntes Kind des Glckes, war sie den kleinen Miseren des tglichen Lebens nicht immer so gewachsen, wie es eine wetterfeste Proletarierin gewesen sein wrde, aber in dem hohen Sinne, womit sie das Werk seines Lebens erfate, ist sie ihm eine ebenbrtige Gefhrtin geworden. In allen ihren Briefen soviel ihrer erhalten sind, weht ein Hauch echter Weiblichkeit; sie war eine Natur im Sinne Goethes, gleich wahr in jeder Stimmung ihres Gemts, in dem entzckenden Plauderton heiterer Tage wie in dem tragischen Schmerz der Niobe, der das Elend ein Kind entri, ohne da sie ihm auch nur ein bescheidenes Grab betten konnte. Ihre Schnheit war der Stolz ihres Mannes, und als ihre Geschicke nahezu schon ein Menschenalter verkettet waren, schrieb er ihr 1863 aus Trier, wo er zum Begrbnis seiner Mutter weilte: Ich bin tglich zum alten Westphalenhause gewallfahrtet (in der Rmerstrae), das mich mehr interessiert hat als alle rmischen Altertmer, weil es mich an die glckliche Jugendzeit erinnert und meinen besten Schatz barg. Auerdem fragt man mich tglich, links und rechts, nach dem quondam ›schnsten Mdchen von Trier‹ und der ›Ballknigin‹. Es ist verdammt angenehm fr einen Mann, wenn seine Frau in der Phantasie einer ganzen Stadt so als ›verwunschene Prinzessin‹ fortlebt. So auch hat der sterbende Mann, wie fremd ihm immer alle Sentimentalitt geblieben ist, in wehmtig erschtterndem Ton von dem schnsten Teil seines Lebens gesprochen, der ihm in dieser Frau beschlossen gewesen sei.
Die jungen Leute verlobten sich zunchst, ohne die Eltern der Braut zu fragen, was seinem gewissenhaften Vater nicht geringe Bedenken erregte. Aber nicht lange danach gaben auch sie ihre Zustimmung. Der Geheime Regierungsrat Ludwig von Westphalen gehrte trotz seines Namens und Titels weder zum ostelbischen Junkertum noch zur altpreuischen Brokratie. Sein Vater war jener Philipp Westphalen, der zu den merkwrdigsten Gestalten der Kriegsgeschichte zhlt. Brgerlicher Geheimsekretr des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der im siebenjhrigen Kriege an der Spitze eines bunt zusammengewrfelten, von englischem Gelde besoldeten Heeres das westliche Deutschland erfolgreich vor den Eroberungsgelsten Ludwigs XV. und seiner Pompadour schtzte, hatte sich Philipp Westphalen zum tatschlichen Generalstabschef des Herzogs zu machen verstanden, allen deutschen und englischen Generalen des Heeres zum Trotz. Seine Verdienste waren so anerkannt, da ihn der Knig von England zum Generaladjutanten von der Armee ernennen wollte, was Philipp Westphalen jedoch ablehnte. Nur soweit mute er seinen brgerlichen Sinn zhmen, da er den Adel genehmigte: aus hnlichen Grnden, wie sich ein Herder oder Schiller zu dieser Erniedrigung bequemen mute: um die Tochter einer schottischen Baronsfamilie heiraten zu knnen, die im Feldlager des Herzogs Ferdinand erschienen war, zum Besuch ihrer mit einem General der englischen Hilfstruppen vermhlten Schwester.
Ein Sohn dieses Paares war Ludwig von Westphalen. Hatte er von seinem Vater einen historischen Namen geerbt, so reichte auch die Ahnenreihe der Mutter zu groen historischen Erinnerungen herauf; einer ihrer Vorfahren in gerade aufsteigender Linie hatte im Kampfe fr die Einfhrung der Reformation in Schottland den Scheiterhaufen bestiegen, ein anderer, der Earl Archibald Argyle, war als Rebeller im Freiheitskampfe gegen Jakob II. auf dem Marktplatze in Edinburgh enthauptet worden. Mit solchen Familienberlieferungen entwuchs Ludwig von Westphalen von vornherein den Dunstkreisen des bettelstolzen Junkertums und der dnkelhaften Brokratie. Ursprnglich in braunschweigischen Diensten, hatte er sich nicht bedacht, diese Dienste fortzusetzen, als das kleine Herzogtum von Napoleon zum Knigreich Westfalen geschlagen worden war, da ihm offenbar weniger an dem angestammten Welfen lag als an den Reformen, mit denen die franzsische Eroberung die verrotteten Zustnde seines Heimatlndchens heilte. Der Fremdherrschaft selbst blieb er deshalb nicht weniger abgeneigt und hatte im Jahre 1813 die harte Hand des Marschalls Davoust zu spren. Vor Landrat in Salzwedel, wo ihm seine Tochter Jenny am 12. Februar 1814 geboren wurde, war er dann zwei Jahre spter als Rat an die Regierung in Trier versetzt worden; im ersten Eifer besa der preuische Staatskanzler Hardenberg noch die Erkenntnis, da die tchtigsten, von junkerlichen Schrullen freiesten Kpfe in die neugewonnenen Rheinland geworfen werden mten, die mit ihrem Herzen immer noch an Frankreich hingen.
Karl Marx hat Zeit seines Lebens von diesem Manne mit grter Anhnglichkeit und Dankbarkeit gesprochen. Nicht nur als sein Schwiegersohn, hat er ihn seinen teuren, vterlichen Freund genannt und ihn seiner kindlichen Liebe versichert. Westphalen konnte ganze Gesnge Homers vom Anfang bis zum Ende hersagen; er kannte die meisten Dramen Shakespeares englisch wie deutsch auswendig; aus dem alten Westphalenhause holte sich Karl Marx viele Anregungen, die ihm das eigne Haus nicht bieten konnte und noch viel weniger die Schule. Er selbst ist schon von frh auf ein Liebling Westphalens gewesen, der seine Einwilligung in die Verlobung auch in der Erinnerung an die glcklich Ehe der eignen Eltern gegeben haben mag; im Sinne der Welt hatte die Tochter der altadeligen Baronsfamilie ebenfalls eine schlechte Partie gemacht, als sie sich mit dem armen brgerlichen Geheimsekretr verband.
In dem ltesten Sohne Ludwig von Westphalens ist die Gesinnung des Vaters nicht lebendig geblieben. Er war ein brokratischer Streber und schlimmeres als das; in der Reaktionszeit der fnfziger Jahre hat er als preuischer Minister des Innern die feudalen Ansprche des verstocktesten Zaunjunkertums sogar gegen den Ministerprsidenten Manteuffel vertreten, der immerhin ein gewitzter Brokrat war. Mit seiner Schwester Jenny hat dieser Ferdinand von Westphalen in keinen engeren Beziehungen gestanden, zumal da er fnfzehn Jahre lter als sie und auch nur, als Sohn aus einer ersten Ehe des Vaters, ihr Halbbruder war.
Ihr echter Bruder war dagegen Edgar von Westphalen, der nach links von den Pfaden des Vaters abwich wie Ferdinand nach rechts. Er ha gelegentlich die kommunistischen Kundgebungen seines Schwagers Marx mitunterzeichnet. Ein steter Gefhrte ist er ihm freilich nicht geworden; er ging ber das groe Wasser, hatte dort wechselnde Schicksale, kehrte zurck, tauchte bald hier, bald dort auf, ein rechter Wildling, wo man von ihm hrt. Aber ein treues Herz hat er immer fr Jenny und Karl Marx gehabt, und sie haben ihren ersten Sohn nach ihm genannt.
Schon ehe Karl Marx sich verlobte, hatte sein Vater bestimmt, daß er seine Studien in Berlin fortsetzen solle; vom 1. Juli 1836 ist der noch erhaltene Schein datiert, worin Heinrich Marx nicht nur die Erlaubnis erteilt, sondern es auch für seinen Willen erklärt, daß sein Sohn Karl im nächsten Semester die Universität Berlin beziehe, um die in Bonn angefangenen Studien der Rechts- und Kameralwissenschaft[4] fortzusetzen.
Die Verlobung selbst wird diesen Entschluß des Vaters eher bestärkt als geschwächt haben; bei ihren langen Aussichten hat sein bedächtiges Wesen vorläufig wohl eine weite Trennung der Liebenden als ratsam erwogen. Sonst mag er bei der Wahl Berlins durch seinen preußischen Patriotismus bestimmt worden sein und auch dadurch, daß die Berliner Universität die alte Burschenherrlichkeit[5] nicht kannte, die Karl Marx nach der vorsorglichen Meinung des Alten genügend in Bonn ausgekostet hatte; »wahre Kneipen sind andere Universitäten gegen das hiesige Arbeitshaus«, meinte Ludwig Feuerbach[6].
Keinesfalls hat der junge Student selbst sich für Berlin entschieden[1q]. Karl Marx liebte seine sonnige Heimat, und die preußische Hauptstadt ist ihm all sein Lebtag widrig gewesen[2q]. Am wenigsten konnte ihn die Philosophie Hegels anziehen, die nach dem Tode ihres Stifters die Berliner Universität noch unumschränkter beherrschte als schon bei dessen Lebzeiten, denn sie war ihm vollkommen fremd. Dazu kam die weite Entfernung von der Geliebten. Er hatte zwar versprochen, sich mit ihrem Jawort für die Zukunft zu begnügen und allen äußeren Liebeszeichen für die Gegenwart zu entsagen. Aber selbst unter ihresgleichen genießen solche Schwüre der Liebenden den besonderen Vorzug, ins Wasser geschrieben zu sein; seinen Kindern hat Karl Marx später erzählt, er sei damals in der Liebe zu ihrer Mutter ein wahrer rasender Roland gewesen, und so ruhte das junge glühende Herz nicht eher, bis ihm gestattet wurde, Briefe mit seiner Braut zu wechseln.
Allein den ersten Brief von ihr erhielt er doch erst, als er bereits ein Jahr in Berlin geweilt hatte, und über dies Jahr sind wir in gewisser Beziehung genauer unterrichtet, als über irgendeines seiner früheren oder späteren Lebensjahre: durch einen umfangreichen Brief, den er am 10. November 1837 an seine Eltern richtete, um ihnen »am Schlusse eines hier verlebten Jahres einen Blick auf die Zustände desselben« zu gewähren. Die merkwürdige Urkunde zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.
Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört. Von den offiziellen Universitätslehrern hat wohl nur Eduard Gans[7] einigen Einfluß auf seine geistige Entwicklung gehabt. Er hörte bei Gans Kriminalrecht und Preußisches Landrecht, und Gans selbst hat den »ausgezeichneten Fleiß« bezeugt, womit Karl Marx die beiden Vorlesungen besucht habe. Beweiskräftiger als solche Zeugnisse, bei denen es sehr menschlich herzugehen pflegt, ist die schonungslose Polemik, die Marx in seinen ersten Schriften gegen die Historische Rechtsschule[8] führte, gegen deren Enge und Dumpfheit, gegen deren schädlichen Einfluß auf Gesetzgebung und Rechtsentwicklung der philosophisch gebildete Jurist Gans seine beredte Stimme erhoben hatte.
Jedoch betrieb Marx nach seiner eigenen Angabe das Fachstudium der Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Geschichte und Philosophie, und in diesen beiden Fächern hat sich Marx überhaupt um keine Vorlesungen gekümmert, sondern nur das übliche Pflichtkolleg über Logik wenigstens belegt, bei Gabler, dem offiziellen Nachfolger Hegels, aber dem mittelmäßigsten unter dessen mittelmäßigen Nachbetern. Als denkender Kopf hat Marx schon auf der Universität selbständig gearbeitet, und in zwei Semestern einen Wissensstoff bewältigt, den in der langsamen Stallfütterung der akademischen Vorlesungen zu verarbeiten nicht zwanzig Semester genügt haben würden.
Nach seiner Ankunft in Berlin verlangte zunächst die »neue Welt der Liebe« ihr Recht. »Sehnsuchtstrunken und hoffnungsleer« entlud sie sich in drei Heften Gedichte, die alle »meiner teuren, ewig geliebten Jenny von Westphalen« gewidmet wurden. In deren Händen waren sie schon im Dezember 1836, mit »Tränen der Wonne und des Schmerzes begrüßt«, wie Schwester Sophie nach Berlin meldete. Der Dichter selbst urteilte ein Jahr später, in dem großen Briefe an die Eltern, sehr respektlos über diese Kinder seiner Muse. »Breit und formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflektionen statt poetischer Gedanken«: dies ganze Sündenregister entrollte der junge Dichter selbst, und wenn er »vielleicht auch eine gewisse Wärme der Empfindung und Ringen nach Schwung« als mildernden Umstand geltend machen möchte, so trafen diese löblicheren Eigenschaften doch nur etwa in dem Sinn und Umfange zu wie bei den Lauraliedern Schillers.
Im allgemeinen atmen seine jugendlichen Gedichte eine triviale Romantik, durch die selten ein echter Ton klingt. Dabei ist die Technik des Verses so unbeholfen und ungelenk, wie sie eigentlich nicht mehr sein durfte, nachdem Heine und Platen gesungen hatten. Auf so seltsamen Irrwegen begann sich das künstlerische Vermögen zu entwickeln, das Marx in reichem Maße besaß und gerade auch in seinen wissenschaftlichen Werken bekundete. Wie er in der Bildkraft seiner Sprache an die ersten Meister der deutschen Literatur heranreichte, so legte er hohen Wert auf das ästhetische Gleichmaß seiner Schriften, ungleich den dürftigen Geistern, denen lederne Langeweile die erste Bürgschaft gelehrten Schaffens ist. Aber unter den mannigfachen Spenden, die ihm die Musen in seine Wiege gelegt hatten, befand sich doch nicht die Gabe der gebundenen Rede.
Allein, wie er seinen Eltern in dem großen Briefe vom 10. November 1837 schrieb: die Poesie durfte nur Begleitung sein; er mußte Jurisprudenz studieren und fühlte vor allem Drang, mit der Philosophie zu ringen. Er nahm Heineccius, Thibaut und die Quellen durch, übersetzte die beiden ersten Pandektenbücher ins Deutsche und suchte eine Rechtsphilosophie auf dem Gebiete des Rechts zu begründen. Dies »unglückliche Opus« wollte er bis auf beinahe dreihundert Bogen geführt haben, was vielleicht doch nur auf einem Schreibfehler beruht. Am Schlusse sah er die »Falschheit des Ganzen« ein und warf sich der Philosophie in die Arme, um ein neues metaphysisches System zu entwerfen, an dessen Schlusse er abermals seiner bisherigen Bestrebungen Verkehrtheit einzusehen gezwungen war. Daneben hatte er die Gewohnheit, sich Auszüge aus allen Büchern zu machen, die er las, so aus Lessings »Laokoon«, Solgers »Erwin«, Winckelmanns »Kunstgeschichte«, Ludens »Deutscher Geschichte«, und so nebenbei Reflektionen niederzukritzeln. Zugleich übersetzte er die »Germania« des Tacitus, die »Trauergesänge« des Ovid und fing privatim, das heißt aus Grammatiken, Englisch und Italienisch zu lernen an, worin er noch nichts erreichte, las Kleins »Kriminalrecht« und seine Annalen und alles Neueste der Literatur, doch dies nur nebenhin. Den Schluß des Semesters bildeten dann wieder »Musentänze und Satyrmusik«, wobei ihm plötzlich das Reich der wahren Poesie wie ein ferner Feenpalast entgegenblitzte und alle seine Schöpfungen in nichts zerfielen.
Danach war das Ergebnis dieses ersten Semesters, daß »viele Nächte durchwacht, viele Kämpfe durchstritten, viele innere und äußere Anregung erduldet«, aber doch nicht viel gewonnen, Natur, Kunst, Welt vernachlässigt und Freunde abgestoßen worden waren. Auch litt der jugendliche Körper unter der Überanstrengung, und auf ärztlichen Rat siedelte Marx nach Stralau über, das damals noch ein ruhiges Fischerdorf war. Hier erholte er sich schnell, und nun begann das geistige Ringen von neuem. Auch im zweiten Semester wurden Massen des verschiedenartigsten Wissensstoffes durchgenommen, jedoch immer deutlicher zeichnete sich Hegels Philosophie als der ruhende Pol in der Flucht der Erscheinungen ab. Als Marx sie zuerst in Fragmenten kennenlernte, wollte ihm ihre »groteske Felsenmelodie« nicht behagen, aber während einer neuen Erkrankung studierte er sie von Anfang bis zu Ende und geriet zudem in einen »Doktorklub[9]« von jungen Hegelianern, wo er sich im Streite der Meinungen immer fester »an die jetzige Weltphilosophie» kettete, freilich nicht ohne daß alles Klangreiche in ihm verstummte und ihn »eine wahre Ironiewut nach so viel Negiertem« befiel.
Alles das offenbarte Karl Marx seinen Eltern und schloß mit der Bitte, sofort - und nicht erst zu Ostern des nächsten Jahres, wie ihm der Vater schon erlaubt hatte - nach Hause kommen zu dürfen. Er wollte sich mit dem Vater aussprechen über die »vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung« seines Gemüts; nur in der »lieben Nähe« der Eltern würde er die »aufgeregten Gespenster« besänftigen können.
So wertvoll uns heute dieser Brief ist als ein Spiegel, worin wir den jungen Marx leibhaftig erblicken, so schlecht wurde er in dem elterlichen Hause empfangen. Der schon kränkelnde Vater sah den »Dämon« vor sich, den er immer in dem Sohne gefürchtet hatte, den er doppelt fürchtete, seitdem er eine »gewisse Person« wie sein eigenes Kind liebte, seitdem eine sehr ehrwürdige Familie veranlaßt war, ein Verhältnis gutzuheißen, das anscheinend und nach dem gewöhnlichen Weltenlauf für dieses geliebte Kind voller Gefahren und trüber Aussichten war. Er war nie so eigensinnig gewesen, dem Sohne den Lebensweg vorzuschreiben, wenn es anders nur ein Weg war, der dazu führen konnte, »heilige Verpflichtungen« zu erfüllen; aber was er nun vor sich sah, war eine stürmisch bewegte See ohne jeden sicheren Ankergrund.
So entschloß er sich, trotz seiner »Schwäche«, die er selbst am besten kannte, »einmal hart« zu sein, und wurde in seiner Antwort vom 1. [bei Mehring: 9.] Dezember »hart« nach seiner Weise, maßlos übertreibend und dazwischen wehmütig seufzend. Er fragte, wie der Sohn seine Aufgabe gelöst habe, und antwortete selbst: »Das sei Gott geklagt!!! Ordnungslosigkeit, dumpfes Herumschweben in allen Teilen des Wissens, dumpfes Brüten bei der düsteren Öllampe; Verwilderung im gelehrten Schlafrock und ungekämmten Haaren statt der Verwilderung bei dem Bierglase; zurückscheuchende Ungeselligkeit mit Hintansetzung alles Anstandes und selbst aller Rücksicht gegen den Vater - die Kunst, mit der Welt zu verkehren, auf die schmutzige Stube beschränkt, wo vielleicht in der klassischen Unordnung die Liebesbriefe einer Jenny und die wohlgemeinten, und vielleicht mit Tränen geschriebenen Ermahnungen des Vaters zum Fidibus verwandt werden, was übrigens besser wäre, als wenn sie durch noch unverantwortlichere Unordnung in die Hände Dritter kämen.« Dann übermannt ihn die Wehmut, und er stärkt sich durch die Pillen, die ihm der Arzt verschrieben hat, um unbarmherzig zu bleiben. Die schlechte Wirtschaft Karls wird schwer getadelt. »Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben.« Gewiß sei Karl kein Prasser und kein Verschwender, aber wie könne ein Mann, der alle acht oder vierzehn Tage neue Systeme erfinden und die alten zerreißen müsse, sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Jeder habe die Hand in seiner Tasche und jeder hintergehe ihn.
In dieser Art ging es noch eine gute Strecke weiter, und zuletzt lehnte der Vater unerbittlich den Besuch Karls ab. »In diesem Augenblick hierher zu kommen, wäre Unsinn. Ich weiß zwar, daß Du Dir wenig aus Vorlesungen machst - wahrscheinlich doch bezahlst -, aber ich will wenigstens das Dekorum beobachten. Ich bin gewiß kein Sklave der Meinung, aber ich liebe auch nicht, daß auf meine Kosten geklatscht werde.« Zu den Osterferien dürfe Karl kommen, oder auch zehn Tage früher, denn so pedantisch wolle der Vater nicht sein.
Durch alle seine Klagen klang der Vorwurf, daß es dem Sohne an Herz fehle, und wie dieser Vorwurf wieder und wieder gegen Karl Marx erhoben worden ist, so mag hier, wo er zum erstenmal ertönt und noch am ehesten ertönen durfte, gleich das Wenige gesagt werden, was darüber gesagt werden kann. Mit dem modischen Schlagwort vom »Rechte des Auslebens«, das eine verzärtelte Kultur erfunden hat, um eine feige Eigenliebe zu beschönigen, ist natürlich nichts gesagt; und nicht viel mehr auch mit dem älteren Worte von dem »Rechte des Genius«, der sich mehr erlauben dürfe als gewöhnliche Menschenkinder. Bei Karl Marx entsprang das unablässige Ringen um die höchste Erkenntnis vielmehr der tiefsten Empfindung des Herzens; er war nicht, wie er sich einmal derb ausgedrückt hat, Ochse genug, um den »Menschheitsqualen« den Rücken zu kehren, oder wie schon Hutten den gleichen Gedanken ausgedrückt hat: Gott hatte ihn mit dem Gemüt beschwert, daß ihm gemeiner Schmerz weher tue und tiefer zu Herzen gehe als anderen. Kein einzelner hat je soviel geleistet, die Wurzeln der »Menschheitsqualen« zu zerstören als Karl Marx. Wie sein Lebensschiff auf hoher See kreuzte, im Sturm und Wetter und im ewigen Kugelregen der Feinde, so hat seine Fahne immer hoch am Maste geflattert, aber ein behagliches Leben an Bord ist es nicht gewesen, weder für den Kapitän, noch für die Mannschaft.
Deshalb war Marx nicht gefühllos gegen die Seinen. Der kämpfende Geist konnte die Empfindungen des Herzens wohl übertäuben, aber niemals ersticken, und oft hat noch der reife Mann schmerzlich beklagt, daß die ihm am nächsten standen, unter den ehernen Losen seines Lebens schwerer zu leiden hätten als er selbst. Auch der junge Student war nicht taub gegen die Notschreie seines Vaters; er verzichtete nicht nur auf den sofortigen Besuch in Trier, sondern auch auf die Osterreise, zum Kummer der Mutter, aber zur großen Genugtuung des Vaters, dessen Groll sich nun schnell zu besänftigen begann. Er hielt zwar an seinen Klagen fest, aber ihre Übertreibungen gab er preis; in der Kunst, abstrakt zu räsonieren, könne er es mit Karl doch nicht aufnehmen, und um die Terminologie zu studieren, bevor er nun gar ins Heiligtum eindringen könne, dazu sei er zu alt. Nur in einem Punkte wolle alles Transzendente nicht helfen, und da beobachte der Sohn klugerweise ein vornehmes Schweigen, nämlich über das lumpige Geld, dessen Wert für einen Familienvater er immer noch nicht zu kennen scheine. Aber aus Müdigkeit wollte der Vater die Waffen niederlegen, und das Wort hatte einen ernsteren Sinn, als es nach dem leisen Humor zu haben schien, der schon wieder durch die Zeilen dieses Briefes spielte.
Er ist vom 10. Februar 1838 datiert, als Heinrich Marx sich eben von einem fünfwöchigen Krankenlager erhoben hatte. Es war keine dauernde Besserung; die Krankheit, anscheinend ein Leberleiden, kehrte wieder und nahm zu, bis gerade ein Vierteljahr später, am 10. Mai 1838, der Tod eintrat. Er kam zur rechten Zeit, um diesem Vaterherzen die Enttäuschungen zu ersparen, an denen es Stück für Stück zerbrochen wäre.
Karl Marx aber hat immer dankbar empfunden, was ihm sein Vater gewesen war. Wie dieser ihn im Innersten des Herzens getragen hatte, so trug er ein Bild des Vaters auf seinem Herzen, bis er es mit ins eigene Grab nahm.
Vom Frühjahr 1838, wo er den Vater verlor, hat Karl Marx noch drei Jahre in Berlin verlebt, in dem Kreise des Doktorklubs, dessen geistiges Leben ihm die Geheimnisse der Hegelschen Philosophie erschlossen hatte.
Diese Philosophie galt damals noch als preußische Staatsphilosophie. Der Kultusminister Altenstein und sein Geheimrat Johannes Schulze hatten sie unter ihren besonderen Schutz genommen. Hegel verherrlichte den Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee, als das absolut Vernünftige und den absoluten Selbstzweck, daher als das höchste Recht gegen die einzelnen, deren höchste Pflicht es sei, Mitglieder des Staats zu sein. Diese Lehre vom Staat schmeichelte sich der preußischen Bürokratie ausnehmend ein; warf sie doch einen verklärenden Schein selbst auf die Sünden der Demagogenjagd!
Hegel beging mit ihr auch keineswegs eine Heuchelei, denn es erklärte sich aus seiner politischen Entwicklung, daß ihm die Monarchie, in der die Staatsdiener das Beste tun müßten, als die idealste Staatsform galt; allenfalls eine gewisse mittelbare Mitherrschaft der herrschenden Klassen hielt er daneben für notwendig, doch nur in ständischer Beschränkung; von einer allgemeinen Volksvertretung im modern-konstitutionellen Sinne wollte er so wenig wissen wie der preußische König und dessen Orakel Metternich.
Aber das System, das sich Hegel für seine Person zurechtgemacht hatte, stand in unversöhnlichem Widerspruch mit der dialektischen Methode, die er als Philosoph vertrat. Mit dem Begriffe des Seins ist auch der Begriff des Nichts gegeben, und aus dem Kampfe beider entsteht der höhere Begriff des Werdens. Alles ist und ist zugleich nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehen begriffen. So war die Geschichte ein in ewiger Umwälzung begriffener, von Niederem zu Höherem aufsteigender Entwicklungsprozeß, den Hegel mit seiner universalen Bildung in den verschiedensten Fächern der historischen Wissenschaft nachzuweisen unternahm, wenn auch nur in der seiner idealistischen Anschauung entsprechenden Form, daß sich in allem geschichtlichen Geschehen die absolute Idee auswirke, die Hegel für die belebende Seele der ganzen Welt erklärte, ohne sonst etwas von ihr auszusagen.
Danach konnte das Bündnis zwischen der Philosophie Hegels und dem Staat der Friedrich Wilhelme nur eine Vernunftehe sein, die gerade so lange währte, wie sich beide Teile gegenseitig ihre Vernunft bescheinigten. Das ging etwa an in den Tagen der Karlsbader Beschlüsse und der Demagogenverfolgungen, aber schon die Julirevolution von 1830 gab der europäischen Entwicklung einen so starken Stoß nach vorwärts, daß Hegels Methode sich ungleich waschechter erwies als sein System. Sobald die immerhin noch schwachen Wirkungen der Julirevolution auf Deutschland erstickt worden waren und die Ruhe des Kirchhofs wieder über dem Volke der Dichter und Denker lag, beeilte sich das preußische Junkertum, den alten verschlissenen Kram der mittelalterlichen Romantik nochmals gegen die moderne Philosophie auszuspielen. Das wurde ihm um so leichter, als die Bewunderung Hegels weniger seine Sache, als die Sache der halbwegs aufgeklärten Bürokratie gewesen war, und Hegel, bei aller Verherrlichung des Beamtenstaats, doch gar nichts dazu getan hatte, dem Volke die Religion zu erhalten, was nun einmal das A und O der feudalen Überlieferung war und im letzten Grunde aller ausbeutenden Klassen ist.
