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Baro, ein Mann des Zorns, und sein feinsinniger Bruder Kalo verlassen ihr ärmliches Romadorf am Rande der Karpaten. Ihre Reise führt sie durch wilde Berglandschaften zu geheimnisvollen Dörfern und Klöstern. Auf ihren Wegen begegnen sie blutrünstigen Wiedergängern, rätselhaften Mythengestalten und handfesten Gegnern. Sie stellen sich der Angst, dem Tod - und ihren eigenen Dämonen. Werden sie als gefestigte Männer zurückkehren oder an ihren Prüfungen zerbrechen? Ein mystischer Roman über Ohnmacht und Macht, Angst und Vertrauen, Gewalt und Tod, die Kraft der Liebe - und ein geheimnisvolles Volk.
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Das Buch:
Roma in Europa. Verfolgt, verachtet und auf der Flucht. Wer aber weiß um die enge Verbindung dieses Volkes zur unsichtbaren Welt? Wer kennt seine Mythen, Traditionen und Legenden? Sie sind geheimes, uraltes Wissen, von den Roma gehütet wie ein kostbarer Schatz, der durch Erzähler von Generation zu Generation weitergegeben wird –und mit jeder neuen Geschichte wächst.
Baro, ein Mann des Zorns, und sein feinsinniger Bruder Kalo verlassen ihr ärmliches Romadorf am Rande der Karpaten. Ihre Reise in die Ferne führt durch wilde Berglandschaften zu geheimnisvollen Dörfern und Klöstern. Auf ihren Wegen begegnen sie blutrünstigen Čohane, vampirartigen Wesen, dem Mulo, einem Totengeist, und dem weisen Gnom Cosmin. Sie stellen sich dem Tod, der Angst – und ihren eigenen Dämonen. Werden sie ihre Prüfungen bestehen oder daran zerbrechen?
Der Autor:
Hans-Dieter Kreuzhof, Jahrgang 1950, ist Reisender, Unternehmer, Geschichtenerzähler und Autor. Seine Lebensstationen waren Deutschland, Spanien, Frankreich, Österreich, Polen und Südosteuropa, wo er immer noch im Bereich der erneuerbaren Energien tätig ist. Neben seiner Arbeit faszinierten ihn von jeher fremde Kulturen und Glaubenswelten. Er studierte die Bücher des Judentums, traf religiöse Mystiker und lernte bei seinen herzlichen Begegnungen mit Sinti und Roma, sich auch der Wahrnehmung des Übersinnlichen zu öffnen. Kreuzhof bezeichnet sich selbst als Pendler zwischen den Welten und Brückenbauer zwischen Kulturen. Seine Romane und Erzählungen sind dem Magischen Realismus zuzuordnen, einer Literaturform, in der das Alltägliche und Mythen als Spiegel des Unsichtbaren so miteinander verwoben sind, dass für den Leser eine neue Realität entsteht.
Hans-Dieter Kreuzhof
K A R P A T E N S A G A
I N D E R F E R N E
www.tredition.de
© 2015 Hans-Dieter Kreuzhof
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Coverdesign: Vidimento GmbH, Sabina Acker, Wangen CH
Lektorat: Barbara Münch-Kienast, Andechs; Anni Bürkl, Wien
ISBN
Paperback:
978-3-7323-5609-6
Hardcover:
978-3-7323-5610-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Durch die Enthüllung so vieler Geheimnisse
kommt uns der Glaube an das Unerklärliche abhanden.
Aber nichtsdestotrotz existiert es
– und leckt sich still seine Lippen.
H. L. Mencken
Prolog
Während in den großen Städten Rumäniens das moderne Europa angekommen ist, scheint die Zeit in den Dörfern am Rande der Karpaten vor hundert Jahren stehen geblieben zu sein. In der gleißenden Sonne des Sommers wirbeln feine Windhosen aus Staub über ungepflasterte Straßen, die schon beim nächsten Regen wieder in knöcheltiefem Schlamm versinken. Statt Autos holpern einfache Leiterwagen hinter dürren Pferden durch die Dörfer. Die Menschen sind arm und leben von der Hand in den Mund. An abendlichen Lagerfeuern erzählen sie von geheimnisvollen Wesen und Totengeistern, die in den Bergen ihr Unwesen treiben.
Was die Städter als Mythen abtun, ist hier lebendige, unheimliche Wirklichkeit.
In einem kleinen Romadorf am Nordrand der Südkarpaten, der Muntii Fagaras, leben die Brüder Baro, Kalo und Dikno zusammen mit ihren jüngeren Schwestern Mina und Husa im Hause ihrer Eltern. Der Vater arbeitet nicht, denkt nie an morgen. Die Mutter trägt die ganze Verantwortung. Baro und Kalo sind unzufrieden mit ihrem Leben.
»In der Ferne ist alles besser«, hat ihnen ihr Onkel Vlad gesagt.
Sie machen sich auf, diese Ferne zu suchen.
1
Baro hatte sein Heimatdorf in Richtung Muntii Fagaras verlassen. Die Spätsommersonne brannte auf sein dichtes schwarzes Haar und Schweißperlen rannen von seiner derben Stirn, verfingen sich in seinen buschigen Augenbrauen. Auf den strohigen Wiesen blühten Glockenblumen und Enzian, die Bergluft roch nach dem ersten verwitterten Laub und nach würzigen Kräutern. Begierig sog er den Duft der unberührten Natur in sich ein und versuchte, Abstand zu gewinnen von den bitteren Ereignissen, die ihn aus seinem Elternhaus vertrieben hatten.
Nach der ersten Biegung in Richtung Hochwald sah er plötzlich einen klapperdürren Mann aus dem Schatten der Bäume auf sich zurennen. Der fuchtelte wild mit seinen Armen. »Herr! Hilfe! Herr!«, schrie er mit schriller Stimme und übertönte dabei sogar das Gezirpe der unzähligen Zikaden, die im September noch die Wiesen bevölkerten.
Er kam näher, wurde größer, aber zu Baros Verblüffung nicht dicker. Im Gegenteil. Je mehr er sich näherte, desto ausgemergelter wirkte er.
Seltsam, so was Dürres hab ich noch nie gesehen, dachte Baro und hoffte, den Erbarmungswürdigen mit seiner hünenhaften und muskelstrotzenden Erscheinung nicht zu erschrecken.
Er legte seinen Proviantsack ab, schob die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen hoch, beschattete seine Augen mit einer Hand und blinzelte dem aufgeregten Mann entgegen. Der rannte und schrie unentwegt weiter. Dann stand der Dürre zitternd und nach Atem ringend vor ihm. »Herr, Herr, bitte!«, flehte er ihn wieder an und krallte sich an Baros Hemd fest, als hielte er ihn für einen rettenden Engel. »Ich brauche deine Hilfe!«
Der Mann wirkte vollkommen durcheinander. Sein aschfahles Gesicht verriet, dass er Entsetzliches erlebt haben musste. Die in tiefen Höhlen liegenden, viel zu kleinen Augen flackerten und waren vor Angst weit aufgerissen.
»Was ist passiert?«, fragte Baro und hob sein Kinn.
»Ich war mit dem Fuhrwerk unterwegs und heute Nacht … Ich war in den Bergen, da ist es passiert.« Der Dürre schnaufte durch, sein Atem beruhigte sich, doch er wirkte nach wie vor völlig aufgelöst. »Es ist das passiert, wovor alle hier Angst haben. Aber Gott sei Dank«, stammelte er und schlug dabei drei Kreuzzeichen über seinen ausgemergelten Leib, »haben sie mich nicht gewollt.«
Er ließ sich auf einen großen Stein am Wegesrand fallen, stützte die Ellbogen auf die schlotternden Knie und schlug die Hände vor die Augen.
»Wer hat was nicht gewollt? Und warum und wo?«, brummelte Baro, nahm den verwirrten Mann bei den Schultern und schüttelte ihn vorsichtig in der Hoffnung, ihn damit aus seinem schockartigen Zustand zu holen.
»Vampire, Herr, Čohane!« Der Unglückliche fing sich ein wenig, nahm die Hände vom Gesicht und schaute mit immer noch wirrem Blick zu Baro auf. »Hier im Gebirge gibt es alte Schlösser und Ruinen, da treiben sie ihr Unwesen! Ich musste die Berge während der Nacht mit meinem Fuhrwerk durchqueren. Alles war ruhig und eigentlich war es eine schöne Reise. Aber dann plötzlich, kurz vor Morgengrauen, kamen diese Leichengesichter in ihren schwarzen Anzügen aus den Büschen gesprungen und fielen mit ihren dolchartigen Zähnen über uns her wie eine Horde übergroßer Fledermäuse.«
»Uns?«, fragte Baro und runzelte die Stirn.
»Über mein Pferd und mich«, sagte der Dürre. »Aber da ich ihnen wohl zu dünn war und so blutleer wirke, haben sie nur meinen Gaul leer gesoffen. Danach waren sie weg, so rasch, wie sie gekommen waren. Das Tier ist nun mausetot und ich weiß nicht, wie ich den Wagen in mein Dorf bringen soll. Er ist voll beladen.«
»Und wieso nennst du die Blutsauger Čohane? Das ist ein Romawort.«
Der Dürre hob die Schultern. »Mein Vater war ein Rom.«
»Aha. Na, wenn das so ist …«, Baro klopfte dem Armen vorsichtig auf die schmale Schulter, »… dann zieh ich dir den Wagen nach Hause.«
»Wie heißt du eigentlich?«
»Razvan«, antwortete der Erbarmungswürdige.
»Ich heiße Baro.«
Razvan atmete tief durch, ließ die Hände sinken und bedankte sich mit zittriger Stimme: »Gott sei Dank, dass ich dich getroffen habe, Baro! Ich gehe vor und zeige dir den Weg!«
Der Mann drehte sich um und stapfte los, geradewegs auf den Wald zu, aus dem er gekommen war. Baro nahm seinen Sack auf und folgte ihm.
Die Sache mit den blutrünstigen Čohane machte Baro neugierig. Er hatte schon von ihnen gehört. Wenn er mit seinen Geschwistern, den Eltern und Papu, seinem Großvater – Gott hab ihn selig –, an lauen Sommerabenden am Feuer gesessen hatte, hatte der alte Mann gern mit geheimnisvoll umwölktem Gesicht Geschichten über schauerliche Wesen erzählt, die sich hier im Bergland herumtrieben. Dann waren alle trotz der Wärme fröstelnd näher aneinandergerückt und hatten sich unsicher nach allen Seiten umgeschaut.
Sollte es diese Kreaturen wirklich geben? Angeblich handelte es sich um die Seelen unerlöster Verstorbener, die in Menschen oder Tiere fuhren und ihre Gestalt wandeln konnten. Sie brauchten hin und wieder frisches Blut, da sie kein eigenes hatten, trieben aber nur im Dunkeln ihr Unwesen wie alle Vampirartigen, weil das Licht der Sonne sie vernichten würde.
Jeder Unbekannte, dem man nachts begegnete, konnte also ein Čohano sein. Eine gruselige Vorstellung. Aber eigentlich glaubte Baro nicht wirklich daran. Und wenn schon, er fürchtete sich nicht. Er vertraute auf seine Bärenkräfte.
Nach einer Stunde wortlosen Fußmarsches bergauf tauchten sie in die grün-dunstige Dämmerung des Laubwaldes ein. Forschen Schrittes – der Dürre schien in Baros Gegenwart etwas Mut gefasst zu haben – ging es weiter und weiter bergauf, bis hinter einer Wegbiegung die gleißende Sonne durch die ausladenden Kronen der Bäume brach und eine Insel aus Licht auf den jetzt breiteren Weg zauberte.
Und auf dieser Insel stand etwas. Etwas, das von Weitem wie ein Haufen Gerümpel ausschaute. Baro ahnte, dass dies der Ort des Grauens war. Als sie an der Stelle ankamen, musste er erst einmal stehen bleiben.
»Unglaublich …«, murmelte er und schüttelte den Kopf. Es bot sich ihm ein Anblick, den er noch nie gesehen hatte und den er wohl sein Leben lang nicht mehr vergessen würde: Ein mit Gemüse und Fässern voll beladener Wagen mit alten, schiefen Holzrädern stand mitten auf dem von dichtem Buschwerk gesäumten Weg. Über die Deichsel hing etwas, das einmal ein Pferd gewesen sein musste. Nun sah es eher aus wie eine alte, weggeworfene Lederjacke. Auf dem Hals des toten Tieres befanden sich mehrere paarweise Einstichstellen. Es war vollständig leer gesaugt. Selbst die Knochen schienen sich nach dem Biss der Čohane aufgelöst zu haben.
Baro kratze sich seinen massigen Schädel und betrachtete den Kadaver eine Weile.
»Das sieht nicht gut aus, Razvan«, bemerkte er schließlich.
»Nein, sieht es nicht«, antwortete der Dürre und zitterte wieder an allen Gliedern.
»Wenn das wirklich Čohane waren, sind sie jetzt weg. Sie leben nur nachts. Entspann dich«, brummelte Baro und legte den Sack ab.
Der Dürre kam aber nicht zur Ruhe. Er lief hin und her und schickte unablässig lautstark geflüsterte Stoßgebete gen Himmel: »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns, jetzt und in der Stunde unsers Todes! Heiliger Erzengel Michael, erhebe dein Schwert und zerschlage die Macht der Teufel! Heiliger …«. Er rannte um den Wagen, verdrehte die Augen und zu guter Letzt kniete er vor den Überresten seines Tieres und strich liebevoll über dessen Ohren, die als Einziges noch steif zum Himmel ragten. Dabei liefen ihm Tränen über die zerklüfteten Wangen.
»Das mit den Ohren ist seltsam«, überlegte Baro laut und strich sich mit der Hand über sein Kinn. »Warum stehen die noch aufrecht? Wieso hängen die nicht runter wie alles andere?«
»Keine Ahnung«, schniefte Razvan und ließ seinen Blick noch einmal über den schlaffen Körper des Pferdes gleiten. »Vielleicht – äh – hat die Seele sie mit hochgerissen, als sie den Körper verließ?«
Baro schaute mit einem ungläubigen Seitenblick auf den Dürren, fand aber trotz intensiven Nachdenkens auch keine bessere Erklärung.
Warum sollen Pferde keine Seele haben …
»Nun gut, an die Arbeit!«, sagte Baro entschlossen, riss sich von der bizarren Szenerie los und trat an den Karren heran. Er löste das Geschirr des Tieres von der Deichsel und vermied es, den Kadaver zu berühren. Dann schob er den Wagen von dem toten Tier weg. Er packte den vor sich hin brabbelnden Dürren und hievte ihn auf den Kutschbock.
»Können wir – äh – das Pferd nicht mitnehmen?«, fragte Razvan weinerlich.
Baro holte tief Luft und verdrehte die Augen. »Der Gaul ist tot! Was willst du damit?«
»Weiß ich nicht …«, antwortete der Dürre, starrte vor sich hin und schüttelt langsam den Kopf.
»Dann vergiss es!«, sagte Baro. »Wohin müssen wir?«
»Den Weg zurück, den wir hinaufgegangen sind – glaube ich. Äh, ja. Oder nicht? Doch, ja, den Weg zurück!«, haspelte Razvan. »Danach … geht es irgendwann links ab.«
Baro hob seinen abgelegten Sack auf, warf ihn sich über die Schulter, ergriff die Deichsel des Wagens und setzte sich in Bewegung. Zunächst zog er das schwere, polternde Gefährt mit einer Hand hinter sich her. Bald wurde der Pfad jedoch abschüssig und Baro brauchte den Wagen nicht mehr zu ziehen. Er musste sich nun viel mehr dagegenstemmen, damit er nicht unkontrolliert den Berg hinunter raste und sich womöglich überschlug.
An einer Gablung am Ende des Waldes wurde der Weg etwas flacher. »Hier links!«, rief der Dürre vom Kutschbock. Der Wagen rollte nun nicht mehr von allein und Baro musste ihn wieder ziehen, was ihm aber nicht sonderlich schwerfiel.
Sie durchquerten ein kurzes Waldstück und erreichten eine kleine Hochebene, deren saftig-grüne Wiesen von roten Mohnblumen übersät waren. Von Weiten hörte Baro schon das Blöken von Schafen. Dann erblickte er die Tiere. Sie sahen aus wie kleine weiße Wollknäuel. Nahe der Schafherde erkannte Baro eine riesige eingezäunte Koppel, auf der sich mehrere Pferde tummelten.
Bald schon erschienen auch die ersten Gebäude. Das Dorf war größer als das, aus dem Baro kam. Aber die Häuser sahen ähnlich aus, wenn auch etwas gepflegter. Sie waren fast alle verputzt und auf ihren blassroten Ziegeldächern konnte er hohe Schornsteine erkennen, aus denen sich hier und da feiner weißer Rauch kräuselte. Er fragte sich, warum die Leute zu dieser Jahreszeit heizten. Aber dann fiel ihm ein, dass der Ofen in den meisten Häusern auf dem Land ja gleichzeitig die einzige Kochgelegenheit ist. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen.
Sie erreichten das Dorf des Dürren im Abendrot. Baro war froh, dass es lange nicht geregnet hatte. Die lehmige Dorfstraße, an der sich die kleinen Häuschen links und rechts aufreihten, war trocken und nicht so schlammig wie das sonst oft um diese Jahreszeit der Fall war. Die Holzräder des polternden Fuhrwerkes wirbelten feinen Staub auf, der schon bald Baros Schuhe und Hosenbeine bedeckte.
Nachdem sie das erste Haus passiert hatten, öffneten sich die Türen und aufgeregte Menschen rannten auf das seltsame Gespann zu: Männer mit ernsten Mienen, zeternde Frauen und rotwangige Kinder. Sie begleiteten Baro und Razvan bis zu einem weiten runden Platz, der sich in der Mitte des Dorfes befand.
Dort angekommen hielt Baro den Wagen an und legte die Deichsel ab. Der Dorfplatz war nun voll mit Männern, Frauen und Kindern. Sie umringten Baro und seinen Schützling. Einige gestikulierten, andere schrien, alle redeten durcheinander. Kinder stritten sich um den besten Platz nahe am Geschehen. Dazu läuteten hell die Glocken der kleinen Dorfkirche.
Nun löste sich ein unrasierter älterer Mann mit braunem, vom Wetter zerfurchtem Gesicht aus der Gruppe. Seine weißen Haare schauten wirr unter einem alten Schlapphut hervor. Er ging auf Baro zu und reichte ihm die Hand.
»Danke, dass du unserem Dürren geholfen hast!«, sagte er mit rostiger Stimme. Dabei blickte er Baro fest in die Augen. »Ich heiße Ioan, ich bin der Dorfälteste. Wie heißt du?«
»Baro.«
»Du bist stark wie ein Pferd!«, sagte Ioan anerkennend. »Wie kann ein einzelner Mensch so einen Wagen ziehen?«
»Siebzehn Jahre Training, von sechs bis dreiundzwanzig«, antwortete Baro mit einem leichten Unterton von Stolz. Dann hob er fragend sein Kinn: »Wieso habt ihr Razvan über die Berge geschickt? Es hätte ihn beinahe erwischt.«
»Wir wissen um die Untoten«, antwortete Ioan. »Aber wir brauchen die Lebensmittel. Ich habe nicht umsonst den Dürren geschickt. Sicher ist sicher. An dem würden sich die Čohane garantiert nicht vergreifen. Sein Blut reicht ihnen nicht einmal als Nachtisch. Nur das Pferd ist jetzt weg.« Er hob die Schultern. »Ein bisschen Verlust gibt’s immer. Wir sind das gewohnt. Aber meist passiert nichts. Wir leben seit vielen Jahren damit. Hauptsache, kein Mensch ist zu Schaden gekommen und die Waren sind hier. Pferde haben wir genug. Die wachsen immer nach. Wir züchten sie.«
»Trotzdem schade drum«, brummelte Baro.
Dann wandte Ioan sich dem Dürren zu: »Alles in Ordnung, Razvan?«
»Die Čohane, sie haben – das Pferd leer gesoffen. Einfach leer gesoffen …«, brabbelte der vor sich hin, starrte mit glasigen Augen ins Nichts und sah aus, als nähme er überhaupt nichts wahr von dem, was um ihn herum passierte.
Ein paar junge Männer hoben den Verwirrten vom Kutschbock und geleiteten ihn zu einem der kleinen Ziegelhäuschen. Eine weißhaarige magere Frau rannte ihm weinend entgegen. Sie nahm ihn überschwänglich in die Arme und führte ihn ins Haus, während sie sanft seinen Rücken tätschelte.
Ioan klopfte Baro unbeholfen auf die Schultern. »Bleib hier, wir wollen das feiern! Du bist heute Nacht unser Gast.«
»Danke!«, sagte Baro. »Wenn ich darf …«
»Sonst hätte ich dich nicht eingeladen«, entgegnete Ioan mit strenger Miene.
»Gut«, sagte Baro.
Der Dorfälteste geleitete Baro zu seinem Haus am Ende der Straße. In der Türe stand eine rundliche Frau mit roten Wangen und leicht angegrautem Haar. Ioan stellte die beiden vor: »Das ist Ani, meine Frau. Ani, das ist Baro. Er hat unseren Dürren heimgebracht und den Karren. Er ist heute Nacht unser Gast.«
Ani reichte Baro die Hand und nickte anerkennend.
»Guten Tag«, grüßte Baro, schaute sie kurz an und dann zu Boden.
»Guten Tag, Baro!«, antwortete Ani mit warmer Stimme. »Und danke für deine Hilfe – auch von mir. Komm herein. Ich zeige dir das Bad und dein Zimmer.«
Ioan verabschiedet sich: »Wir sehen uns gleich bei der Feier! Ich muss mich um das Feuer und den Braten kümmern.« Er drehte sich um und ging in Richtung Dorfplatz.
Ani führte Baro durch die Küche. Es roch nach Hefeteig und vom Ofen stieg der verführerische Duft frisch gebackenen Brotes in Baros Nase.
Baro schnupperte, traute sich aber nicht, sich genauer umzusehen. Er wollte nicht neugierig wirken. Nach der Küche traten sie in einen langen Flur, dort sah er fünf Türen. Ani öffnete die erste auf der linken Seite und ließ Baro einen Blick auf das einfache Bad werfen: ein großes Waschbecken, eine Wanne, eine Stehtoilette, weiße Kacheln. Baro war beeindruckt. Zu Hause gab es nur einen Brunnen im Hof.
Baros Gastgeberin ging weiter zur Tür am Ende des Ganges. »Hier kannst du dich ausruhen«, sagte sie. »Es ist einfach, aber wir haben nicht mehr.« Sie hob die Schultern und winkte ihn in das Gästezimmer, einen kargen Raum mit sauber gekalkten Wänden und einem kleinen Fenster. Rechts stand eine blau gestrichene Kommode, deren Farbe an manchen Stellen abblätterte. An der Wand links befand sich eine einfaches Bett mit einer Strohmatratze.
»Wenn du im Bad bist, stelle ich dir etwas Milch und Brot auf die Kommode. Danach muss ich bei den Vorbereitungen zur Feier helfen. Wir sagen Bescheid, wenn wir fertig sind«, sagte Ani.
Sie drehte sich um und verschwand in der Küche.
Baro legte seinen Sack im Gästezimmer ab und ging ins Bad. Er zog Hemd, Hose und die Schuhe aus und klopfte über der Stehtoilette den Staub aus der Kleidung. Dann betrachtete er den Wasserhahn. So etwas hatte er schon einmal bei Verwandten gesehen. Er drehte ihn auf und wusch seine Hände, den Oberkörper und das Gesicht. Das kalte Wasser tat gut. An der Wand hing ein graues Handtuch an einem Haken, das wohl einmal weiß gewesen war. Aber es roch sauber. Er trocknete sich ab, zog sich an und ging in sein Zimmer. Milch und Brot standen schon auf der Kommode.
Baro stärkte sich ein wenig und legte sich auf das Bett, das unter seinem Gewicht ächzte. Er verschränkte die Hände unter dem Kopf und dachte, dass er noch nicht weit gekommen war. Die Ferne war noch ziemlich fern. Aber egal. Er hatte Zeit.
Es klopfte, Baro fuhr hoch. Er musste eingenickt sein.
»Es ist soweit!«, hörte er die Stimme des Dorfältesten von draußen. »Komm zu uns ans Feuer!«
Baro stand auf und schaute aus dem kleinen Fenster. Die Welt lag schon in tiefer Dunkelheit, nur der flackernde Widerschein von Flammen beleuchtete die Wände der umliegenden Häuser. Baro streckte sich und freute sich auf das Fest. Den Sack ließ er neben dem Bett stehen, verließ sein Zimmer, schloss die Tür und machte sich auf den Weg.
Als er sich auf dem Dorfplatz zu den anderen gesellte, sah er die Freude über die Rettung des Dürren und die heil angekommenen Waren in den Augen der Dorfbewohner. Eine junge Frau reichte ihm ein Glas Schnaps. Sie stieß mit ihm an, er kippte das scharfe Getränk in sich hinein, schüttelte sich und gab ihr das Glas zurück.
Über dem Feuer drehte sich ein großer Hammel. Es duftete nach schmorendem Fleisch und Knoblauch, das Fett triefte zischend in die auflodernden Flammen. Die Stimmung war heiter und übermütig. Alle tranken und schwatzten. Ein Akkordeonspieler hämmerte zu den Rhythmen einer Gitarre in die Tasten seines Instrumentes. Männer sangen und ein paar Frauen tanzten ausgelassen.
Baro hatte sich einen bequemen Platz etwas abseits der Musik an einem großen Stein ausgesucht. Gleich darauf setzte sich sein dürrer Schützling neben ihn. Razvan lächelte etwas dümmlich und wirkte ziemlich angetrunken. Er hielt eine Flasche in der Hand und roch nach Rachiu.
»Danke, mein Großer«, lallte er und prostete seinem Retter zu. Baro mochte zwar keine Betrunkenen, aber er lächelte Razvan milde an und zwinkerte ihm zu. »Kein Problem, Dürrer. Iss nicht so viel heut Nacht! Ist sicherer!«
Zwei Minuten später lag der Dürre schnarchend neben dem Stein und bewegte sich nicht mehr.
War wohl doch zu viel für ihn heute …
Endlich war der Hammel gar. Zwei Männer nahmen ihn behutsam vom Feuer und legten ihn auf eine Blechwanne, die man auf einem großen Tisch platziert hatte. Der Dorfälteste kam mit einem riesigen Messer und hatte das Privileg, den Braten zu zerteilen.
»Komm rüber, Großer!«, rief er Baro zu und schnitt ihm die besten Stücke heraus. Als Baro bei ihm angekommen war, füllte er dessen Teller bis zum Rand mit duftendem Fleisch.
»Danke!« Baro nickte seinem Gastgeber zu, griente und saugte genussvoll das Aroma des saftigen, knusprigen Bratens ein.
Ani hatte tatsächlich Brot gebacken. Sie schnitt für Baro ein Stück ab und legte es zu dem Fleisch. Baro starrte gedankenverloren den Brotlaib an. Sie nahm ihm sein Stück wieder weg, musterte ihn von oben bis unten. Dann reichte sie ihm fröhlich lächelnd den ganzen Laib.
»Das steht dir besser!«, meinte sie augenzwinkernd.
»Hmmm, danke!«, freute sich Baro.
Er schlenderte zu seinem Stein, neben dem friedlich schnarchend der Dürre lag, setzte sich mit überkreuzten Beinen davor, lehnte sich genüsslich an und begann zu essen. Das Fleisch schmeckte genauso gut wie es roch. Köstlich! Und erst das Brot! Der Teller war schnell leer und auch der Brotlaib hatte seinen Platz in Baros Bauch gefunden. Das war ein Festessen!
Aber wirklich satt war er noch nicht. Ob er noch etwas bekommen könnte? Er wollte den anderen nichts wegessen. Als er sah, dass immer weniger Dorfbewohner nachfassten, gab er sich einen Ruck und ging mit seinem Teller los.
»Darf ich noch was haben?«, fragte er schüchtern.
»Klar!«, schmunzelte der Dorfälteste, pickte mit einer großen Gabel gezielt ein paar besonders fette Fleischbrocken zwischen den zerteilten Stücken heraus und streifte sie mit dem Messer auf Baros Teller, bis dieser wieder randvoll war. »Iss! Du kannst es gebrauchen!«
»Danke!« Der ewig hungrige Baro strahlte und stiefelte selig zu seinem Platz, wo er mühelos die zweite Riesenportion verdrückte.
»Baaaaaarb!« Baro rülpste laut und vernehmlich. Dann wischte er sich mit dem Hemdsärmel den Mund ab, lehnte sich wieder an den großen Stein, streckte die Beine aus und hielt sich voller Wonne den prall gefüllten Bauch. Gedankenverloren und glücklich starrte er ins Feuer.
Er war zufrieden und satt, so satt wie lange nicht mehr. Hunger war ihm ein bekannteres Gefühl als das eines vollen Magens und dieses warme Gefühl, das Gefühl, ganz satt zu sein, genoss er nun in vollen Zügen.
Als er nach einer Weile den Kopf hob und sich unter den Menschen am Feuer umschaute, begegnete sein Blick dem eines Mannes, den er vorher nicht wahrgenommen hatte. Er stand aufrecht zwischen den Sitzenden am anderen Ende und war in eine schwarze Soutane gekleidet. Auf dem Kopf trug er die typische hohe Kopfbedeckung eines Popen, sein weißer langer Bart reichte bis an die Brust. Der Mann nickte Baro freundlich und würdevoll zu. Als der sein Nicken erwiderte, setzte er sich in Bewegung, kam herüber und nahm neben Baro Platz.
»Friede sei mit dir, Großer! Wie heißt du?« fragte er. Seine Augen strahlten.
»Baro. Sei gegrüßt, heiliger Mann!«, antwortete Baro und lächelte den Priester offen an. Seiner Freundlichkeit konnte man nicht widerstehen.
»Danke, dass du unserem Dürren geholfen hast. Das war nicht selbstverständlich«, sagte der Priester.
»Der Mann tat mir leid.« Baro dachte kurz nach. »Der Weg in die Ferne ist lang. Da kommt’s auf einen Tag mehr oder weniger nicht an.«
»In die Ferne willst du …« Der Pope nickte versonnen.
»Ja.«
»Du hast sehr viel Liebe in dir, mein Sohn!«
»Eher Zorn.« Baro zog die Brauen hoch. »Du kennst mich nicht, guter Mann!«
»Komm morgen früh zu mir in die Kirche, bevor du weiterziehst. Ich habe etwas für dich, das ich vor langer Zeit bekommen habe und das darauf wartet, an den Richtigen weitergegeben zu werden!«, lud ihn der Pope ein. »Aber jetzt lasse ich dich die Feier genießen.«
»Was ist es?« Baro war neugierig.
»Ich kann dir nur so viel sagen, dass es eine Waffe ist im Kampf gegen die Gewalten des Bösen«, erklärte der Pope. »Lass dich überraschen!«
Dann legte er die Hand auf Baros Schulter, schenkte ihm noch einmal ein Lächeln, stand auf und ging gemütlich weiter, um sich mit den anderen Dorfbewohnern zu unterhalten.
Baro war erstaunt über sich selbst. So offen wie gerade mit dem Popen hatte er noch nie mit jemandem geredet, außer vielleicht mit seinem Bruder. Die warme Ausstrahlung des Mannes zog ihn an. Und dass der Priester Liebe in ihm erkannt hatte, gab ihm ein gutes Gefühl. Er war mehr als nur ein Berg von Muskeln.
»Hallo, starker Mann!«, hörte er unvermittelt eine weiche Frauenstimme neben sich. Als er sich zur Seite drehte, blickte er in zwei kokett blinzelnde rehbraune Augen.
»Ich heiße Rona. Du hast wunderschöne, starke Hände!«, stellte sich die junge Frau vor und streifte seine Unterarme mit einem kurzen Blick.
Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg und er puterrot wurde. Gut, dass es so dunkel war und das wechselnde Licht des Feuers keine wirklichen Farben erkennen ließ. Er schaute auf seine Hände und fragte sich, was an denen so schön sein sollte.
»Ich? Äh, ja. Ziemlich groß sind sie halt …«, brachte er schließlich heraus. Er sah sich vorsichtig um.
Meint sie wirklich mich?
»Ja, du bist gemeint!«, schien Rona seine Gedanken zu lesen und ihre Augen vergruben sich in seinen, wühlten in seiner Seele. In Baro stiegen Gefühle hoch, die er bisher nicht kennengelernt hatte. Wäre doch jetzt sein Bruder Kalo hier! Der kannte sich mit Frauen aus.
Nun musste er selbst sehen, wie er mit dieser Situation zurechtkam. Aber das war nicht so einfach, da sich unter Ronas Blick in seiner zerrissenen weiten Hose etwas regte. Regte? Nein. Steif war es. Steif wie ein Hammelknochen.
»Bist du überall so stark?«, wollte Rona nun wissen und ihr Blick wurde etwas verschwommen.
Baros Einsilbigkeit war absoluter Sprachlosigkeit gewichen.
Dann spürte er den Griff des Mädchens zwischen seinen Schenkeln.
»Oh, der passt zu dir!« Sie zwinkerte ihm auffordernd zu und bewegte langsam ihre Hand auf und ab. Baro verdrehte die Augen und glaubte einen Moment, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein.
Doch plötzlich nahm er hinter sich eine heftige Bewegung wahr. Etwas streifte seinen Kopf. Das Mädchen ließ ihn unvermittelt los, fiel von einer schallenden Ohrfeige getroffen mit einem spitzen Schrei vor seine Füße und Baro spürte den eisigen Stahl einer rasiermesserscharfen Klinge an seiner Kehle.
2
Baro erstarrte. Wie im Zeitraffer lief sein bisheriges Leben an ihm vorbei.
Plötzlich war er wieder sechs Jahre alt. Es war sein erster Schultag. Er hatte Brot und Tee gefrühstückt und seine Schultasche übergeworfen. Seine Mutter hatte ihn gesegnet und mit einem Kuss verabschiedet. Dann hatte er sich mit einem freudigen Kribbeln im Bauch auf den Weg gemacht und war gemütlich vorbei an Wiesen und Feldern zur nahen Kleinstadt gelaufen, an deren anderem Ende sich die Schule befand.
Jetzt rannte er verzweifelt durch dunkle, ihm unbekannte Gassen. Nackte Angst, rasendes Herz, Schweiß, der in den Augen brannte.
Schneller, sonst haben sie dich …
Er rannte um sein Leben. Eben noch geöffnete Fenster über ihm wurden zugeschlagen. Er lief schneller, schrie sich die Seele aus dem Leib: »Hilfe! Hilfe!«
Warum kam ihm niemand zur Hilfe? Keuchender Atem hinter ihm. Das Aufklatschen von Schuhsohlen auf dem Asphalt. Seine Verfolger kamen näher. »Hiiilfe!!!« Verzweiflung.
Baro riss sich die Schultasche vom Rücken und warf sie hinter sich. Er hörte einen der Burschen stolpern und fallen. Fluchen: »Dreckszigeuner! Wir kriegen dich!«
Er drehte sich im Lauf kurz um. Die wutverzerrte narbige Fratze eines Jungen, fast einen Kopf größer als Baro. Der Narbige hatte Baro fast erreicht. Nur einige Meter hinter ihm ein dicker schwammiger Bursche, der keuchte und schnaufte. Auch er größer als Baro. Weiterlaufen. Schneller.
Atemnot.
Ich kann nicht mehr …
Umschauen im Lauf. Der dritte, der über die Tasche gestürzt war, hatte aufgeholt. Fettiges Haar, schiefe Zähne. Hassaugen. Noch etwas größer. Sie kamen näher.
Eine schmale Gasse öffnete sich links von Baro. Er rannte hinein. Vielleicht zwanzig Meter. Ende.
Sackgasse.
Baro blieb stehen und drehte sich um.
Wie eine Wand gingen die Großen nebeneinander auf ihn zu. Er fühlte sich wie gelähmt, blieb mit offenem Mund und angstvoll aufgerissenen Augen stehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Die Burschen nahmen Baro in ihre Mitte, schubsten ihn brutal von einem zum anderen. Die Stöße gegen seine Brust taten weh. Aber das Schlimmste war die Ohnmacht. Niemand half. Niemand griff ein.
»Was willst du in unserer Schule, Dreckszigeuner? Ihr könnt sowieso nicht schreiben und lesen!«, warf einer der Burschen Baro verächtlich an den Kopf. Es war der mit dem narbigen Gesicht.
»Warum tut ihr das? Ich kann mich gegen euch nicht wehren, ihr Feiglinge!«, schleuderte Baro seinen Angreifern verzweifelt entgegen und Tränen der Wut sammelten sich in seinen Augen.
»Da hast du deinen Feigling!« Der Dicke holte aus. Eine Ohrfeige schallte. Baros Wange brannte wie Feuer. Er holte ebenfalls aus, schlug dem Dicken mit der Faust auf die Nase. Ein wenig Blut rann heraus. Der Dicke wischte mit dem schwammigen Handrücken über seine Oberlippe, schaute auf das Blut und schlug noch einmal zu. Diesmal mit der Faust. Er traf Baros Kinn. Es fühlte sich taub an. Baro wankte. Kein Schmerz. Aber Verzweiflung.
Jetzt nur nicht heulen. Das wollen sie.
»Drei gegen einen. Allein traut ihr euch nicht, ihr Schwächlinge!«, schrie Baro den Burschen mit tränenerstickter Stimme entgegen.
Am liebsten wäre er weggelaufen. Aber das ging nicht. Sie versperrten ihm den Weg.
Plötzlich prasselten Tritte gegen seine Schienbeine. Baro schlug blind um sich, bis die kleinen Fäuste weh taten. Aber seine Schläge waren zu schwach, konnten die Gegner nur kurz aufhalten. Sie waren größer und stärker. Dazu noch zu dritt. Keine Chance gegen eine solche Übermacht. Er fiel zu Boden. Binnen Sekunden waren seine Verfolger in einem wilden Knäuel über ihm und traktierten ihn mit Fausthieben und Tritten. Baro schrie, rollte sich zusammen wie ein Igel und hielt die Arme schützend vor das Gesicht.
Endlich hörten sie auf, ließen von ihm ab. Der mit den schiefen Zähnen spuckte noch auf Baro. Dann wandten alle drei sich ab und gingen ihres Weges.
»Dem haben wir’s gezeigt! Zigeunerpack!«, hörte Baro die Stimme des Dicken leiser werden. »Der taucht nicht mehr so schnell auf!«
Als nichts mehr von den Angreifern zu sehen war, rappelte Baro sich auf, klopfte die zerrissene Kleidung sauber und machte sich schluchzend und mit hängendem Kopf auf den Heimweg. Sein Dorf lag nicht weit von der kleinen Stadt entfernt. Er kam an seiner Schultasche vorbei, die er auf der Flucht abgeworfen hatte. Er ließ sie im Staub der Straße liegen. Was sollte er noch damit? Den Hass in den Augen seiner Verfolger, die Statur des schwammigen Monstrums, die schiefen Zähne des Schmächtigen und das Narbengesicht des Kräftigen würde er nie vergessen.
Tränen rannen Baros Wangen hinab in die Mundwinkel, er konnte sie nicht zurückhalten. Warum weinte er noch? Es war doch vorbei. Es war der Hass, der ihm entgegengeschlagen war, der ihn schmerzte. Ja, der war es. Der hatte ihn mehr verletzt als die Schläge. Und die Demütigung. Und die Ohnmacht. All diese Gefühle waren noch da und gingen nicht weg. Mit dem Ärmel seines zerrissenen Hemdes wischte er sich durch das Gesicht, sah sich den Ärmel an: Blut und Tränen.
Er bemerkte, dass er nicht mitbekommen hatte, welchen Weg er schon zurückgelegt hatte. Das Städtchen lag schon ein Stück hinter ihm. Es war nicht mehr weit zu seinem Elternhaus. Er zwang sich, an etwas anders zu denken, wollte nicht mehr weinen, schaute auf die Wiesen und Felder am Rande der Straße. Einige Blumen ließen die Köpfe hängen. Andere standen aufrecht und gaben in ihrer roten, gelben und blauen Farbenpracht der Umgebung etwas von ihrem Leben ab. Kraft ging von ihnen aus.
Baro wischte sich noch einmal die Tränen ab, klemmte Daumen und Zeigefinger über die Nase und schnäuzte Blut in den Ackerrain. So etwas werde ich mir nie wieder gefallen lassen. Ich werde mich wehren. Eines Tages werde ich diese Schweine erwischen. Und dann Gnade ihnen Gott!
Wut stieg in ihm hoch. Er verdrängte die Tränen. Grenzenloser Zorn machte sich in ihm breit. Er würde es noch allen zeigen!
Die letzten Meter entlang der Dorfstraße ging er wieder hoch erhobenen Hauptes. Dann war er zu Hause und trat durch die offene Eingangstür des kleinen Ziegelhäuschens in die Wohnküche. Mutter stand am Herd und warf gerade Kartoffeln in einen Topf. Selbst bei der Arbeit trug sie eine weiße puffärmelige Bluse, schützte nur ihren bodenlangen bunten Rock durch eine rote Schürze. Er wusste, dass sie all ihre Kleidung selber nähte.
Baro schaute ihr eine Weile zu. Er liebte seine Mutter. Sie passte auf die ganze Familie auf. Sie tröstete die Kinder, wenn sie traurig waren, sie war eine wunderbare Köchin und sie wusste so viel zu erzählen. Außerdem war sie eine schöne Frau mit ihrer zarten Figur, ihrem feinen Gesicht, ihren großen braunen Augen und dem krausen schwarzen Haar, das vorwitzig unter ihrem roten, im Nacken gebundenen Kopftuch hervorlugte. So stellte sich Baro immer einen Engel vor, nur dass diese Himmelswesen sicher nicht so bunt angezogen waren. Ob Engel auch so schöne goldene Ohrringe trugen?
»Was machst du denn schon hier, mein Süßer?«, fragte die Mutter und schaute ihn besorgt von oben bis unten an. »Das Hemd ist ja zerrissen. Du blutest. Hast du dich geprügelt?«
»Ich hab mich nicht geprügelt. Ich bin verprügelt worden. Ich geh nicht mehr zur Schule«, stellte Baro fest.
Die Mutter wandte sich von ihrer Arbeit am Herd ab, kam zu Baro und nahm ihn in den Arm. Das tat gut. Sie streichelte über seine Haare, gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Wer hat dich verprügelt?«, fragte sie.
»Drei Burschen. Sie waren größer als ich. Ich konnte mich nicht wehren.«
»Warum haben sie das getan?«
»Sie hassen mich. Ich geh nicht mehr in die Schule. Nie mehr!«
»Wasch dich erst mal, Baro, und zieh dich um. Dann reden wir«, sagte die Mutter. »Ich weiß, wie du dich fühlst. Du musst nicht zur Schule gehen. Wir sind frei in unserer Entscheidung. Die Pflicht gilt nur für die anderen.«
»Welche anderen? Was ist der Unterschied zwischen ihnen und uns?«
»Geh, wasch dich. Danach erkläre ich es dir in Ruhe.« Die Mutter seufzte und griff zum Schrank, um etwas Brot herauszuholen.
Baro verließ das Haus und ging zum Brunnen. Er zog sein zerrissenes Hemd aus und wusch sich das zerkratzte Gesicht. Sein schmächtiger Körper war übersät mit Platzwunden und Blutergüssen. Er ging wieder hinein. Es war warm. Er brauchte kein Hemd.
»Komm, iss ein wenig!« Mutter hatte ihm ein Stück Wurst abgeschnitten und reichte ihm eine Scheibe Brot. Auch ein Becher Milch stand auf dem Tisch. Das war selten.
»Was sind Zigeuner, Dai?«, wollte Baro plötzlich wissen und begann, langsam und bedächtig die Wurst zu kauen. Sie war wertvoll. Es gab sie nicht oft. Eigentlich war nie wirklich genug Essen da, außer während der Gemüseernte im Sommer.
»Zigeuner ist kein schönes Wort. Wir sind Roma«, erklärte ihm seine Mutter geduldig. Dabei leuchteten ihre Augen und ihr Körper richtete sich auf. »Es gibt Roma und es gibt Gadje. Rom heißt ›Mann‹, Romni heißt ›Frau‹. Roma heißt ›die Menschen‹. So nennen wir uns seit vielen tausend Jahren. Gadje sind alle, die nicht Roma sind, also die Fremden.«
»Du bist die Romni und Dade der Rom«, stellte Baro fest.
»Richtig. Und während die Gadje ihre Eltern Papa und Mama nennen, sagt ihr Dade und Dai.«
»Wieso hassen die Gadje uns?« Baro konnte das nicht verstehen.
»Weil wir anders sind als sie. Und was anders ist, macht den meisten Leuten Angst.«
»Warum sind wir anders?« Baro gab nicht auf.
»Unsere Vorfahren kamen vor vielen hundert Jahren aus Indien hierher. Unsere Hautfarbe ist brauner als die der Gadje. Schau in den Spiegel. Wir haben schwarze Haare. Und wir leben nach unseren Regeln. Das verstehen sie nicht. Sie wollen, dass alle gleich aussehen und sich gleich verhalten.« Die Mutter klang etwas hilflos, doch in ihrer Stimme schwang Stolz mit. »Wir können Dinge, die sie nicht können. Wir haben zum Beispiel einen besseren Orientierungssinn. Wir fühlen die Himmelsrichtungen. Sie sind wichtig für uns.«
»Stimmt!«, bestätigte Baro. »Wieso können die Gadje das nicht?«
»Keine Ahnung. Sie sind sowieso ein wenig eingeschränkt in ihrer Wahrnehmung. Sie trauen sich selber nicht, müssen immer alles beweisen. Dafür machen sie das, was sie machen, ganz genau und pünktlich. Müssen sie auch, sonst kommen sie durcheinander.«
»Komisch. Was noch?«
»Wir haben Reinheitsgebote, waschen uns, sooft es geht, besonders vor dem Essen.«
Baro unterbrach seine Mutter. »Ich habe aber schon mal Roma gesehen, die durch die Gegend zogen und ganz dreckig waren …«
»Die gibt es auch. Arme Leute, noch ärmer als wir. Sie sind verwildert, haben unsere Kultur verloren. Am Schlimmsten aber hat es die Roma am Rande der großen Städte getroffen. Sie leben dort in der Hölle. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich daran denke!«
»Was haben wir denn noch für Regeln, die anders sind als bei den Gadje?«
»Hm. Wir benutzen beispielsweise nicht dieselben Tücher für reine und unreine Dinge, hängen nicht unsere Unterwäsche auf eine Leine, wo sie jeder sehen kann, und stellen keine Lebensmittel auf den Boden. Wir setzen uns nicht auf Tische. Die Ehre ist uns wichtig und die Freiheit. Wir ehren vor allem die Alten. Sie sind etwas Besonderes. Sie haben mehr Lebenserfahrung und sie haben schon viel geleistet im Leben. Deshalb sprechen wir alte Leute auch mit ›Ihr‹ an. Sei zu Alten immer höflich, hörst du? Wir erkennen uns untereinander – du wirst das später noch selber merken. Wir erkennen uns nicht nur an Hautund Haarfarbe, an Augen oder Gesten, sondern auch auf einer unsichtbaren Ebene. Wir sind einfach stärker mit der unsichtbaren Welt und allem, was ist, verbunden als die Gadje. Wir müssen nicht immer alles sehen, hören, riechen, zählen und berechnen. Wir nehmen mit dem Herzen wahr, spüren, was andere denken, fühlen oder vorhaben. Wir spüren, wenn Gefährliches auf uns zukommt. Die Gadje haben nur fünf Sinne: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Tasten. Wir haben einen sechsten Sinn, auf den wir uns verlassen können – unser Herz.«
»Die Gadje sind arm, wenn sie nur fünf Sinne haben.«
»Ja, sind sie.«
»Was ist unsichtbar?«, bohrte Baro nach.
»Mule, Dämonen, Gott, Beng – das ist der Teufel –, innere Kräfte, Gedankenübertragung, die Heilkräfte unserer Zauberfrauen, Fluch und Segen …«, zählte die Mutter auf. »Die Gadje glauben nicht daran und wundern sich dann, wenn ihnen diese Mächte doch irgendwann begegnen. Alles, was einen Namen hat, gibt es auch!«
»An Mule, die Totengeister, glaub ich auch nicht. Aber ich glaub an meine inneren Kräfte. Die hab ich heute gespürt. Erst hab ich geweint. Dann hab ich Wut gekriegt. Denen werd ich’s zeigen!«, verkündete Baro.
Baro verließ das Haus. Er musste seine inneren Kräfte in äußere verwandeln. Seine äußeren hatten für eine Verteidigung gegen die großen Kerle auf dem Schulweg nicht gereicht. Was konnte er tun?
Sein Onkel Vlad fiel ihm ein. Vlad war ein unglaublich starker Mann. Baro bewunderte ihn. Er lief zu Vlads Haus. Es lag nicht weit weg gleich am Anfang der Dorfstraße – eine niedrige Hütte unter einem grauen Wellblechdach, deren ehemals roter Putz im Laufe der Jahre ausgebleicht war und nun eher schmutzig-rosa aussah. Vlads altes Pferd stand, vor einen kleinen Leiterwagen gespannt, an der offen stehenden Haustür und wieherte Baro freundlich zu. Er hörte seinen Onkel in der Stube herumwerkeln. Es klapperte und schepperte. Vlad handelte mit alten Töpfen und Kesseln und flickte sie für die Leute. Baro klopfte an den Türrahmen.
»Herein!«, hörte er die sonore Stimme seines Onkels von drinnen. Baro trat ein.
Der einzige Raum des Hauses stand voll mit Töpfen, Pfannen und großen Kupferkesseln. Ein heilloses Durcheinander. Und mittendrin Onkel Vlad, eine beeindruckende Erscheinung. Vlad war für einen Rom außergewöhnlich groß und muskulös. Er trug ein rotes, halb offenes Hemd und eine schwarze Hose, dazu glänzende schwarze Schuhe. Seine Haare waren schon etwas schütter, schwarz und mittellang. Er trug sie glatt nach hinten gekämmt. Sein Dreitagebart und die Augenbrauen, die wie dunkle Balken wirkten, gaben ihm etwas Respekteinflößendes. An seinem markanten hageren Gesicht mit den wenigen scharfen Falten liebte Baro besonders die Lachfalten, die sich von den Augenwinkeln bis auf die Schläfen zogen.
»Latscho d’es, Kako! Guten Tag, Onkel!«, grüßte Baro.
»Latscho d’es, Baro!« Vlad musterte seinen Neffen von oben bis unten. »Siehst nicht gut aus. Gefallen?«
»Nein, die Gadje haben mich verprügelt.«
»Warum hast du dich nicht gewehrt?«
»Hab ich versucht. Sie waren zu dritt und sie waren größer und stärker.«
»Dann musst du noch stärker werden als sie!«
»Will ich auch. Ich will stärker werden als die Stärksten. Wie mach ich das?«
Onkel Vlad ging zu einem windschiefen Schrank in der hintersten Ecke des Raumes, direkt neben einem rostigen Ofen. Er holte zwei Gläser und eine Milchflasche aus dem Schrank und stellte sie auf den wackeligen alten Tisch in der Mitte, neben dem zwei ebenso alte Stühle standen.
»Setz dich, Baro!«, sagte Onkel Vlad. Dann ging er zurück zum Schrank, kramte wieder darin herum und holte einen kleinen Pappkarton, eine weitere Flasche und einen Löffel hervor.
Er setzte sich zu Baro an den Tisch, öffnete die Schachtel und nahm zwei Löffel eines braunen Pulvers heraus, das er in eines der Gläser beförderte. »Kakao!«, sagte er und goss Milch darauf. Er reichte Baro den Löffel und zwinkerte ihm gönnerhaft zu. »Rühr um, bevor du trinkst!«
Baro strahlte und rührte um. Kakao. Den gab es nur bei Onkel Vlad. Purer Luxus. »Danke!«
Onkel Vlad zog den Korken aus der anderen Flasche und goss ein wenig von der klaren Flüssigkeit in sein Glas. Sie roch scharf. Den Geruch kannte Baro. Sein Vater trank auch gern davon. Selbstgebrannter Rachiu, Obstschnaps.
Vlad hob das Glas, nahm einen Schluck und schüttelte sich. Baro trank von seinem Kakao und leckte sich genussvoll die Lippen.
»Du willst also stark werden«, stellte Onkel Vlad fest und schaute Baro mit einem prüfenden Blick an.
»Ja. Der Stärkste!«
»Dafür musst du aber etwas tun.«
»Dafür werd ich alles tun!«
Vlad krempelte den rechten Ärmel seines Hemdes bis zur Schulter hoch, stützte den Ellbogen auf den Tisch und sah Baro an. »Schau hin!«, sagte er und spannte seinen Bizeps an.
Baro hatte das schon oft gesehen, aber Onkel Vlads Muskeln beeindruckten ihn immer wieder. Vlad war der stärkste Rom in der Umgebung – und er war gefürchtet. Kein friedlicher Mann. Vor ihm empfand jedermann Respekt, manche hatten sogar Angst und gingen ihm vorsichtshalber aus dem Weg.
»Wie wird man so stark?«, fragte Baro.
»Ich verrate dir das Geheimnis«, sagte Onkel Vlad mit verschwörerischer Miene und schob sich den Ärmel wieder herunter. Er nahm noch einen Schluck von dem Rachiu, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug ein Bein über das andere.
»Strenge deine Muskeln so lange an, bis sie brennen und weh tun, Baro. Mach mindestens hundert Klimmzüge und hundert Liegestütze. Jeden Tag. Hörst du? Jeden! Geh in den Wald und hebe erst Äste, dann Holzblöcke und wenn du stärker bist, kleine Stämme. Fordere deinen Körper bis er schmerzt. Wenn du dann glaubst, es geht nicht mehr, tu das, womit du deine Muskeln angestrengt hast, noch einmal. Das wird dann noch mehr weh tun. Dann wachsen deine Muskeln. Kein Schmerz, kein Wachstum! Und gib nie auf! Es dauert lange, bis du etwas siehst!«
Baro nickte. »Aufgeben? Ich? Nie!«, verkündete er. »Ich werd sofort anfangen. Ich geh jetzt in den Wald.«
Baro trank seinen Kakao aus und stand auf. »Danke!«
»Du schaffst es!«, zwinkerte ihm Vlad zu.
Baro rannte aus dem Haus in Richtung Wald. Er hatte nur noch ein einziges Ziel: stärker zu werden als alle Menschen, die ihm jemals begegnet waren.
Der Boden des dichten Waldes war übersät von Baumresten und umgefallenen Stämmchen, die nur darauf zu warten schienen, hochgestemmt zu werden.
Als ihn endlich niemand aus dem Dorf mehr sehen konnte, begann Baro mit dem Training. Er machte Liegestütze, bis Brust und Arme brannten, Klimmzüge an hohen Ästen und als er keine Kraft mehr in sich spürte, begann er mit dem Heben dickerer Äste, immer und immer wieder. Er traktierte seinen kleinen Körper, bis er sich völlig verausgabt hatte. Von nun an würde er täglich üben, wie Onkel Vald es ihm geraten hatte. Das würde seine Schule sein.
Als Baro an diesem Abend wieder heimkam, hing ihm der Magen auf den Schuhsolen. Er hatte Hunger von seinen übergroßen Kraftanstrengungen – Bärenhunger! Die Eltern waren nicht da, deshalb suchte und fand er die Vorräte, nahm sich von dem Selchfleisch, fand noch alte Brotreste und aß und aß. Dann fielen ihm die Augen zu, sein Kopf sank auf die Tischplatte. Er schlief friedlich ein – bis ihn das laute Fluchen seines Vaters unsanft weckte.
»Heilige Mutter Gottes!«, schimpfte der Vater, »was ist in den Burschen gefahren? Er hat uns alles weggefuttert. Was sollen wir nun essen? Wie sollen wir die anderen Kinder satt kriegen? Was haben wir da nur in die Welt gesetzt? Du weißt genau, dass wir das wenige, was wir haben, gerecht teilen müssen!« Dabei packte er Baro am Arm, riss ihn unsanft vom Tisch und zerrte seinen zappelnden, schreienden und vor Wut um sich schlagenden Sohn in das Zimmer, in dem die Betten der Kinder standen. Dort stieß er ihn unsanft auf die Matratze.
»Zur Strafe darfst du morgen nicht raus!«, brüllte er ihn an.
»Ich werde schnell groß, Dade – sehr groß!«, schrie der kleine Baro mit Tränen in den Augen seinem Vater entgegen. »Und dann gehe ich! Dann habt ihr eure Ruhe vor mir und genug zu essen!«
Die Ungerechtigkeit und das Gefühl, eine Last zu sein, war für Baro kaum zu ertragen. Er warf sich auf den Bauch, trommelte mit den Fäusten auf die Matratze und schrie in sein Kissen. Sein Vater war doch vorher immer so lieb gewesen … Schutz hätte er sich gewünscht, Mitgefühl oder eine Anleitung, wie er sich wehren konnte. Und wieso gab es in diesem Hause nie genug zu essen?
Doch schnell wich diese Ohnmacht einem eisenharten Trotz und einem neu geborenen, unbändigen Zorn. Er würde niemanden brauchen. Er würde sich von nun an auf sich selbst verlassen. Die würden schon sehen.
Der Vater hatte wortlos mit gesenktem Haupt und hängenden Schultern den Raum verlassen. Baro hatte ihm angesehen, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Recht geschieht ihm, dachte er trotzig und hoffte auf ein »Tut mir leid …«, eine Entschuldigung aus dem Munde des Älteren. Aber sein Vater tat nichts, um es wieder geradezurücken. Er blieb stumm. Baro auch.
Von nun an verging kein Tag, an dem Baro nicht in den Wald ging, um seinen Körper zu stählen. Schon ein halbes Jahr später hob er kleine Baumstämmchen und sein Vertrauen in sich selbst wuchs von Tag zu Tag.
Bei seinen Ausflügen hatte er die alte verlassene Schmiede des Dorfes entdeckt. Der Schmied war vor einigen Jahren weggezogen. Hier hatte es für ihn nicht genug zu tun gegeben. Es gab nicht einmal genügend Pferde zum Beschlagen. Gerade einmal Onkel Vlad besaß eines und der alte Buchlonakh, der eine Korbmacherwerkstatt am anderen Ende des Dorfes betrieb. Nun verfiel die Schmiede mehr und mehr.
In der Werkstatt hatte Baro einen riesigen Hammer gefunden. Der wog mindestens zehn Kilo. Er schleppte ihn in den Wald und versteckte ihn bei seinem Trainingsplatz unter einem Haufen Laub. Er liebte dieses Werkzeug, auch wenn es lange dauerte, bis er es wirklich schwingen konnte. Aber dann benutzte er es gern und ausgiebig, um sich vor seinen eigentlichen Übungen damit aufzuwärmen. Wenn das schwere Eisen auf dicke Äste niederschmetterte, die dann mit dumpfem Krach entzweibrachen, machte sich in ihm ein warmes und gutes Gefühl breit. Schade, dass es die Schmiede nicht mehr gab. Schmied wäre er gern geworden.
Sein Training beendete Baro erst abends. Dann allerdings hatte er unbändigen Hunger. Wenn es zu Hause wieder einmal nicht genug Essen gab, machte er regelmäßig noch einen kleinen Umweg durch eines der Nachbardörfer. Dort stahl er in der Dämmerung eines der fetten, frei laufenden Hühner und bereitete es über einem Feuer am nahen Bach zu. Weit abseits der Wege hatte er eine Stelle gefunden, an der er ganz für sich allein sein und nachdenken konnte. Dieser Ort gehörte nur ihm. Er war sein Geheimnis, ein Geheimnis, das er mit niemandem teilen würde.
Während dann der Braten über den Flammen brutzelte, mochte Baro es, gedankenverloren und mit geschlossenen Augen dem leisen Plätschern und Gurgeln des Wassers zu lauschen. Das Geräusch gab ihm eine tiefe innere Ruhe.
Am liebsten aber beobachtete er die Forellen, wie sie aus dem kühlen Nass sprangen, um nach unvorsichtigen Insekten zu jagen, die sich im glitzernden Licht der untergehenden Sonne tummelten. Zu gern hätte er einen dieser Fische gefangen, die hier im unberührten Bergwasser riesig groß wurden. Aber das erforderte eine besondere Geschicklichkeit. Sein Vater konnte das, aber den würde er nicht mehr fragen.
Baro liebte das kräftige schmackhafte Fleisch der Forellen. Aber er liebte es auch, der gierigen und geschickten Jagd dieser starken Räuber einfach nur zuzusehen.
Eines Tages werde ich meine Feinde jagen!
3
Baro war jetzt zehn. Das körperliche Training der letzten vier Jahre hatte Früchte getragen. Er war stark. Sehr stark für einen Zehnjährigen. Er war stolz auf seinen sehnigen und muskulösen Körper.
Heute war Kalos erster Schultag. Baros jüngerer Bruder war sieben. Baro wollte ihn begleiten und auf seinem Weg in die Schule beschützen.
Kalos Ranzen lag gepackt neben dem Küchentisch, zwei Marmeladenbrote waren von der Mutter liebevoll vorbereitet worden. Daneben standen zwei Gläser Milch. So etwas gab es nur an besonderen Tagen.
Draußen war es noch kühl, der erdige Geruch des in den ersten Sonnenstrahlen erwachenden Grases drang durch das kleine Fenster in die Stube. Kalo und Baro waren schon fertig angezogen. Baro spürte die Unruhe seines Bruders. Klar, dass er aufgeregt ist. Ist ja das erste Mal, dass er unser Dorf verlässt.
Aber Baro war nicht minder aufgeregt. Er hoffte, dass Kalos erster Schulweg friedlicher verlaufen würde als seiner. Er hatte dem Bruder nie von seinem Erlebnis erzählt.
»Na, Brüderchen, freust du dich schon?« Baro stand breitbeinig in der schief hängenden Stubentür, an die er sich nicht anzulehnen wagte, weil er Angst hatte, dass sie in sich zusammenfallen könnte. In diesem Haus war alles marode und brüchig: Türen, Fenster, Möbel und das Dach. Sein Vater reparierte nie etwas. Mutter hatte alle Hände voll zu tun, die Familie zu versorgen. Geld für Handwerker hatten sie nicht.
Baro erinnerte sich noch sehr gut an seinen ersten Schultag, den Tag, der sein damaliges Leben auf den Kopf gestellt hatte. Er war dort nie wieder hingegangen, aber er wollte, dass sein jüngerer Bruder klüger würde als er. Es war Baro unangenehm, dass er nicht lesen und schreiben konnte. Meist war er in der Lage, das vor anderen zu verstecken und zu überspielen. Aber manchmal kam er in Situationen, in denen es auffiel und er sich wie ein Versager vorkam.
»Ich bring dich zur Schule«, schlug er seinem jüngeren Bruder nun vor, »ist sicherer. Ich will nicht, dass dir dasselbe passiert wie mir.«
»Was ist dir denn passiert?«, fragte Kalo.
»Erzähl ich dir später«, antwortete Baro. Er wollte seinem kleinen Bruder keine Angst machen.
Kalo war zart, schlank und noch sehr kindlich. Baro wusste, dass die Eltern gewartet hatten, bis er sieben wurde, weil er vorher noch zu klein war für die Schule.
»Komm, lass uns gehen!«, sagte Baro. Er hatte an diesem Morgen keinen Appetit. Kalo aß sein Brot und leerte das Glas Milch in einem Zug. Dann schwang er den abgeschabten, speckigen Lederranzen auf seinen Rücken. Baro lächelte verträumt, als er ihn beobachtete. Der Ranzen war ein Geschenk von Tante Galina. Das gute Stück sah so aus, als sei es schon auf dem Buckel von Generationen von Kindern in der Verwandtschaft durch die Gegend geschleppt worden.
Baro ging zur Türe, während Kalo der Mutter noch einen Kuss gab und sich von ihr segnen ließ. Dann verließen die beiden Brüder gut gelaunt das Haus. Ihr Weg zur Schule führte sie durch goldgelbe Kornfelder, vorbei an grünen Wiesen und Waldstücken. Alle paar Meter blieb Kalo stehen, betrachtete eine Mohnblume, riss eine Ähre ab und aß die Körner. Dann fand er eine blaue Kornblume, die er nicht stehen lassen konnte. Er pflückte sie und steckte sie sich in das oberste Knopfloch seines Hemdes.
»Komm, wir müssen weiter, sonst kommst du zu spät!«, ermahnte ihn Baro immer wieder. Sein Bruder war manchmal ein kleiner Träumer.
»Warum gehst du nicht zur Schule?«, frage Kalo unvermittelt.
»Das erzähl ich dir, wenn du groß bist«, vertröstete ihn Baro.
»Ich möchte schreiben und lesen können«, plapperte Kalo weiter, „dann lese ich alles über Pflanzen und Tiere.«
»Das wirst du bald können. Schade, dass ich das nicht kann«, bedauerte Baro.
»Du wirst es auch lernen«, tröstete ihn der Jüngere.
»Ja, aber erst will ich der Stärkste weit und breit werden.«
Baro wurde schweigsam. Langsam kamen sie an den Stadtrand, in den engen Gassen würde er sehr aufmerksam sein müssen. Die Erinnerung an seinen ersten Schultag, die Verfolger, ihre Schläge und ihr Hass saßen ihm noch in den Knochen. Auch heute mussten sie mitten durch die Stadt.
Der Morgen war noch jung, es waren nicht viele Menschen unterwegs. Noch hundert Meter und sie hatten die ersten Häuser erreicht. Je mehr sie in das Innere des Ortes gelangten, umso mehr Menschen waren in den engen Gassen und Gässchen zu sehen, die die kleine Stadt wie ein Spinnennetz durchzogen. Ein paar Frühaufsteher wankten schlaftrunken irgendwo hin. Frauen unterhielten sich quer über die Gassen hinweg von einem Fenster zum anderen. Nach der nächsten Abbiegung war alles menschenleer.
Baros Sinne waren jetzt überwach, seine Nackenhaare standen ihm zu Berge. Waren da nicht Schritte? Er ließ seinen Bruder vorangehen. So könnte er Überraschungsangriffe von hinten abfangen und vorn alles überblicken.
Niemand soll dem Kleinen etwas antun. Dafür sorg ich!
Baro drehte sich vorsichtig um, doch da war nur ein Hund, der durch die Straßen streunte, an jeder Laterne sein Bein hob und den vor den Hauseingängen abgestellten Müll durchwühlte. Baro beruhigte sich wieder und atmete durch.
Dann sah er die drei Burschen. Er erkannte sie sofort. Immer noch waren sie größer als er. Er hatte ihre Gesichter nie vergessen. Die Sackgasse, in der Baro seinen Verfolgern nicht mehr hatte entkommen können, lag jetzt direkt links neben ihm. Höchstens zwanzig Meter entfernt gingen seine alten Peiniger ihm und seinem Bruder entgegen und bildeten wieder diese undurchdringliche Mauer – genau wie damals. Zwischen Baro, Kalo und ihnen lag nur die Sackgasse und es gab zwei Möglichkeiten: entweder in diese Gasse hineinlaufen – oder die Flucht nach hinten.
Das ist die Chance für meine Rache …
»Kalo, lauf! Lauf links in die Gasse! Schnell!«
Kalo rannte sofort los. Baro drehte sich um, begann ebenfalls zu laufen und täuschte eine Flucht vor. Die Burschen hatten ihr Opfer: Kalo!
Sie folgten ihm und bogen in die Gasse ein, Baro drehte wieder um und ging ihnen nach. Sie waren so auf ihr Opfer konzentriert, dass sie ihn nicht bemerkten. Baro wunderte sich, wie schnell Kalo laufen konnte, obwohl der schwere Lederranzen auf seinem kleinen Rücken hin und her zappelte. Die Verfolger schienen sich ihres Opfers sicher zu sein und beeilten sich nicht besonders. Baro blieb ihnen ruhig auf den Fersen. Dann sah er Kalo am Ende der Gasse ankommen. Nichts ging weiter. Ein Haus, das sich links und rechts an die anderen Häuser anschloss, versperrte den Weg. Das kannte Baro. Er hatte dieses Gefühl der Ausweglosigkeit nie vergessen. Was sein Bruder jetzt wohl fühlte?
Kalo drehte sich um. Baro konnte sich das höhnische Grinsen vorstellen, mit dem die Burschen nun langsam auf seinen Bruder zugingen. Er hatte es erlebt.
Baro war hinter ihnen, dicht hinter ihnen. Die Schultern des Dicken befanden sich fast in Griffnähe. Der Rücken des Narbigen wirkte von Nahem gar nicht so kräftig, wie er den Burschen in Erinnerung hatte. Baro meinte, die fettigen Haare auf dem Hinterhaupt des Schmächtigen mit den schiefen Zähnen riechen zu können. Das war genau die Situation, auf die er gewartet hatte, das war die Falle, in der nun sie steckten. Er war stark, er war zornig und er wollte Rache. Neben seinem Training hatte Onkel Vlad ihm im Laufe der Jahre einige üble Kampftechniken beigebracht. Mit allen dreien würde er es aufnehmen. Immer und immer wieder hatte er sich diese Szenerie in den buntesten Farben ausgemalt. Er gab keinen Laut von sich.
Nun standen sie vor Kalo. Baro bemerkte, dass sein Bruder ihn sah und sich ein Grinsen verkniff. Baro legte ruhig seinen Zeigefinger über die Lippen.
»Was willst du hier, Zigeunerkrüppel?«, blaffte der Dicke den Kleinen an.
»Selber Krüppel!«, hörte Baro seinen Bruder sagen. Dann spuckte der Kleine dem Dicken ins Gesicht.
Der Wabbelige holte weit zu einem Schlag aus. Zu weit. Mit der Rechten fasste Baro sein Handgelenk, mit dem linken Arm umspannte er den Ellenbogen. Dann brach mit einem widerlichen Krachen das Gelenk. Der Dicke schrie wie am Spieß, hielt sich den Arm und drehte sich um. Baro sah in seinen weit aufgerissenen Augen, dass er ihn erkannte. Mit beiden Händen riss er den Kopf des Burschen zu sich herunter, holte dabei mit dem eigenen aus und stieß ihm seine Stirn mit voller Wucht gegen die Nasenwurzel. Der Bursche krachte bewusstlos aufs Pflaster.
»Gute Nacht!«, sagte Baro.
Der Narbige drehte sich zu Baro um. Kalo sprang ihm mit beiden Füßen in die Kniekehlen. Der Angreifer knickte in sich zusammen.
Kalo …
Ein gewaltiger Tritt Baros gegen das Kinn des Narbigen. Der Bursche fiel. Er klatschte mit dem Rücken auf den Boden, ohne einen Ton von sich zu geben.
Dann war der Kampf zu Ende. Hinter Kalo stand der große Schmächtige. Er hatte Kalo einen Arm auf den Rücken gedreht und hielt ihm die Spitze eines Messers unter das Kinn.
Wo zum Teufel hat ein Zwölfjähriger so ein Messer her?
»Geh zur Seite!«, befahl er Baro mit nervös bebender Stimme, »sonst steche ich zu!«
Baro spürte eisige Kälte in sich. »Willst du neue Zähne haben?«, provozierte er den Schmächtigen.
Kalo deutete mit den Augen hinter sich. Was meinte er damit? Baros Gedanken flogen.
Sein Bruder verdrehte wieder die Augen. Wo schaute er hin?
Baro folgte seinem Blick und suchte die Wand der Sackgasse nach Hinweisen ab. Irgendetwas wollte sein Buder ihm sagen. Da war er sich sicher. Es war eine ganz normale Häuserfront: eine Türe, Fenster, Wäsche, Blumentöpfe. Blumentöpfe?
»Geh zur Seite!«, wiederholte der Schmächtige.
Ein kurzer Blick Baros auf das Straßenpflaster. Die beiden anderen Burschen lagen noch, regten sich nicht. Eine Blutlache hatte sich unter dem Kopf des Narbigen ausgebreitet. Sein Gesicht sah nicht gut aus.
Dann wanderte Baros Blick wieder zu den Blumentöpfen. Ihm war plötzlich klar, was Kalo meinte.
»Achtung! Der Topf!«, schrie Baro plötzlich mit ganzer Kraft und starrte mit vor Schreck aufgerissenen Augen auf das Fenster über dem Schmächtigen. Gleichzeitig kreischte Kalo. Der Peiniger fuhr herum, schaute ebenfalls nach oben und ließ für einen Moment das Messer sinken. Kalo ließ sich fallen.
Das war’s.
