Kassel Rock City - Yvonne Henseler - E-Book

Kassel Rock City E-Book

Yvonne Henseler

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Beschreibung

Manu steht Anfang der 1990er Jahre mit seiner Rockband Screaming Gun aus Kassel kurz vor dem Durchbruch. Er lernt die attraktive, aber verschlossene Dortmunderin Laura kennen, die in Kassel ihrer Vergangenheit zu entfliehen versucht. Die gegenseitige Faszination und das wachsende Vertrauen zwischen Manu und Laura scheinen eine vielversprechende Zukunft für beide bereitzuhalten. Screaming Gun sind bald in ganz Deutschland bekannt, doch der Erfolg birgt Gefahren. Können Manu und Laura dem drohenden Verhängnis entgehen?

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für Markus und Peter, die mich jeweils auf ihre Weise dazu inspiriert haben dieses Buch zu schreiben, und denen ich dafür von Herzen danken möchte.

Inhaltsverzeichnis

ERSTER TEIL: November 1993 – Januar 1994

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

ZWEITER TEIL: Februar 1994 – Dezember 1996

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

DRITTER TEIL: Januar 1997 – November 2005

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

ERSTER TEIL

November 1993 – Januar 1994

1

Der kalte Novemberregen prasselt auf Kassel nieder. Laura entscheidet sich dazu, ihren Hausmüll zu entsorgen, der im Abfalleimer überquillt. Im Erdgeschoss des Apartmentkomplexes, den sie im Zentrum der Stadt bewohnt, wirft sie die prall gefüllte Mülltüte in einen der Container, steigt dann wieder die Treppen zu ihrer Wohnung auf der vierten Etage hoch.

Vor ihrer Tür wird ihr schlagartig bewusst, dass sie ihren Wohnungsschlüssel nicht mitgenommen hat. In ihren Hosentaschen ist er nicht zu finden, als sie danach kramt. Auf den Schreck, dass sie sich ausgesperrt hat, lehnt sie sich an die Wand und überlegt krampfhaft, was sie nun tun soll.

Es ist fast Mitternacht an diesem Montagabend, und sie traut sich nicht, auf gut Glück bei ihren Nachbarn zu klingeln, so spät möchte sie niemanden mehr stören. Stattdessen horcht sie auf ihrer Etage an den verschiedenen Wohnungstüren, um festzustellen, ob noch Geräusche aus dem Inneren dringen. Doch in jeder Wohnung ist es still. Allmählich wird ihr klar, dass sie die Nacht vor ihrer Tür verbringen muss, wenn nicht noch etwas geschieht. Sie lässt sich vor ihrer Türschwelle nieder und ärgert sich, dass ihr ein solches Missgeschick passiert ist.

Nach einer halben Stunde schaltet jemand das Flurlicht an. In einer der Etagen unter ihr vernimmt Laura Stimmen und Schritte, die die Treppenstufen hochsteigen. Es ist doch noch jemand wach, denkt sie aufgeregt, sie muss die Leute unbedingt abfangen! Mit einem Ruck erhebt sie sich, läuft die Treppen bis zum zweiten Stock hinab, wo sie nur noch die Schatten der Personen sieht, die in einer Wohnung verschwinden, bevor sie sie erreichen konnte. Kurzerhand klopft sie dort an.

Die Tür wird geöffnet, und ein schwarz gekleideter, hochgewachsener, schmaler junger Mann mit einer Kappe auf dem Kopf und einem Piercing im rechten Nasenflügel sieht sie verwundert an. Laura freut sich, dass sie jemanden gefunden hat, den sie nach einem Telefon fragen kann. Ihr Nachbar schmunzelt, als sie ihm die Situation schildert und sich bei der Gelegenheit als Bewohnerin aus der vierten Etage vorstellt. Er nickt ihr zu und lässt sie in seine Wohnung, aus der Musik und Männerstimmen dringen. Sie erfährt von ihm, dass er Manuel heißt, aber von allen nur Manu genannt wird.

Laura betritt das Wohnzimmer, wo zwei Männer mit jeweils einer Bierflasche in der Hand auf einem Sofa sitzen und sie mit interessierten Blicken ansehen.

Manu: (zu Laura) Das sind Bernd und Schlumpf, wir lassen gerade die Nacht mit ein paar Bierchen ausklingen.

Laura: (belustigt) Schlumpf?

Schlumpf: (grinst vergnügt) Also, eigentlich heiß ich ja Stefan. Aber das ist so ein beknackter Vorname, da find ich Schlumpf viel netter. Und den Namen hab ich halt einfach weg.

Bernd: (scherzhaft) Fehlt nur noch, dass wir dich blau anmalen und dir so ´ne blöde Zipfelmütze aufsetzen.

Schlumpf: Ha, blau bin ich schon längst! (hält seine Bierflasche hoch, Manu, Bernd und Laura lachen)

Im Wohnzimmer, in dem sich das Telefon befindet, entdeckt Laura etliche leere Bierflaschen, die im Raum verteilt herumstehen. Ihr fällt sofort auf, dass die Wohnung spärlich eingerichtet ist.

Manu: (geht mit ihr Richtung Telefon) Durch meinen verschobenen Tagesablauf komme ich leider nicht dazu, meine Nachbarn kennenzulernen. Wie lange wohnst du schon hier im Haus?

Laura: Seit knapp einem Monat. Und mach dir nichts draus, ich hab genau dasselbe Problem. Ich schlafe, wenn andere wach sind, und treffe hier auch nie jemanden.

Manu: (interessiert) Ja? Was machst du denn, wenn ich fragen darf?

Laura: Ich arbeite in einer Kneipe, an der Theke. Und du?

Manu: Ich spiele in einer Band. Bin dadurch ständig unterwegs und kaum zuhause. (reicht ihr den Telefonhörer) Ich hab leider kein Telefonbuch, kennst du die Nummer der Auskunft?

Laura: (nickt, nimmt den Hörer) Ja, danke.

Sie ruft die Auskunft an, um mit einem Schlüsselservice in Kassel verbunden zu werden. Bernd macht in diesem Augenblick eine Bemerkung zu Manu, die Laura nicht versteht, da sie gerade verbunden wird, sieht aber noch, wie Manu sich die Kappe vom Kopf zieht und sie Richtung Bernd schleudert. Daraufhin brechen die drei Männer in Gelächter aus. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Schlosser, der allerdings erst in einer Stunde kommen kann. Laura fragt Manu, ob der Schlosser bei ihm klingeln könne oder ob er bald schlafen gehe. Manu winkt ab und entgegnet, das sei kein Problem, und dass er die dritte Klingel von unten benutzen solle.

Nach dem Telefonat drückt ihr Manu eine Bierflasche in die Hand und fordert sie freundlich auf zu trinken, denn das verkürze die Wartezeit. Sie versteht dies so, dass sie bei ihm in der Wohnung auf die Ankunft des Schlossers warten solle.

Manu, Schlumpf und Bernd beziehen sie umgehend in ihre Gespräche ein, davon ist sie angenehm berührt. Mit der Zeit beginnt sie, sich zu entspannen und die Gesellschaft zu genießen. Die drei Männer sind in bester Trinklaune und reißen manchmal schmutzige Witze. Laura findet sie trotzdem sympathisch. Sie beginnt sie näher zu betrachten.

Bernd ist kräftig gebaut, hat kurz geschorenes Haar, seine Arme und Hände sind von Tattoos bedeckt, was sie nicht verwundert, als sie von ihm erfährt, dass er ein Tattoostudio im Zentrum der Stadt betreibt.

Schlumpf ist schlank, nicht besonders groß, hat dunkle Augen und dunkelbraunes, schulterlanges, zerzaustes Haar. Sein Lachen wirkt auf Laura witzig und ansteckend. Er studiert an der Kasseler Universität im vierten Semester Medienwissenschaften.

Manus rabenschwarzes Haar wächst scheinbar gerade aus einem Kurzhaarschnitt heraus und wirkt dadurch wild und wuschelig. Dazu hat er auffällige grüne Augen, und beim Lächeln erscheinen kleine Grübchen neben seinen Mundwinkeln.

Die Zeit verfliegt für Laura, und plötzlich ertönt die Türklingel. Der Schlosser ist eingetroffen. Laura begleitet ihn in die vierte Etage, wo er lediglich eine Minute braucht, um ihre Tür zu öffnen. Sie bezahlt die Rechnung auf der Stelle, bringt ihn anschließend zum Ausgang. Auf dem Weg zurück nach oben stoppt sie bei Manu, um sich zu bedanken und sich zu verabschieden. Manu bittet sie wieder herein, auch Bernd und Schlumpf rufen ihr zu, dass sie ihnen noch etwas Gesellschaft leisten solle.

Laura setzt sich zu ihnen und erzählt von der Bar, in der sie seit einem Monat arbeitet und die sich Bogen nennt. Der Bogen ist eine kleine Bar mit bogenförmigem Eingang, daher der Name. Er befindet sich auf der kleinen Kneipenmeile von Kassel. Die drei kennen und mögen den Bogen. Schlumpf bemerkt grinsend, dass er die ganze Zeit das Gefühl gehabt hatte, sie irgendwo schon einmal gesehen zu haben, dass dies wohl im Bogen gewesen sein muss. Laura lacht angenehm berührt auf und nickt. Sie lädt ihn, Manu und Bernd kurzerhand dorthin ein und verspricht ihnen einen Gratis-Shot bei ihrem nächsten Besuch.

Manu schlüpft in seine schwarze Lederjacke, steckt Laura eine Zigarette zu und tritt mit ihr auf den Balkon, um zu rauchen. Dort philosophieren sie über Gruftis, Skater und Punks. Manu meint, er wäre von jedem etwas und grinst dabei. Laura erwähnt, dass sie ein Grunge-Fan sei. Er betrachtet sie und findet, dass man diese Vorliebe bei ihr feststellen kann. Sie trägt eine abgewetzte Jeans, ein gestreiftes Oberteil und Stiefeletten mit flachem Absatz. Die vollen kastanienbraunen Haare, die ihr über die Schulter reichen, trägt sie offen. Seiner Ansicht nach verleihen ihr die ausdrucksvollen, haselnussbraun-grünen Augen und ihre Stupsnase ein überaus attraktives Gesicht.

Laura blickt in den Nachthimmel und stößt genüsslich eine Zigarettenrauchwolke aus. Sie fühlt sich wohl in Manus Gesellschaft. Zufrieden bemerkt sie, dass sie anscheinend auf derselben Wellenlänge sind. Außerdem fasziniert sie etwas an ihm, sie kann nur nicht genau ausmachen, was es ist.

Sie blickt wieder zu ihm, in seinen Augen erscheint ein benebelter Blick, und einige Haarsträhnen fallen ihm in die Stirn. Trotz seines leicht berauschten Gesichtsausdrucks lässt sein einnehmendes Lächeln sie wissen, dass er sie klar wahrnimmt.

Nach einer Weile verabschiedet sie sich von Manu, Bernd und Schlumpf und bittet sie nochmals, bei nächster Gelegenheit in den Bogen zu kommen. Sie versprechen es und wünschen ihr eine gute Nacht.

2

Am nächsten Vormittag schreibt Laura Manu eine Nachricht:

„Hallo Manu, danke noch einmal für deine Hilfe gestern Abend. Kann ich dich vielleicht mal zu einem Drink einladen? Aber besser an einem Abend, an dem ich nicht arbeite, damit ich mittrinken kann. Sag mir einfach Bescheid. Vierte Etage, zweite Wohnung rechts, wenn du die Treppe hochkommst. Würde mich freuen. Lieben Gruß, Laura.“

Sie begutachtet ihr Geschriebenes noch einmal, bevor sie den Zettel zusammenfaltet und ihn unter Manus Wohnungstür hindurch schiebt.

Anschließend hört sie tagelang nichts von ihm, bis er überraschend mit Schlumpf im Bogen auftaucht. Sie freut sich die beiden zu sehen und gibt ihnen, wie versprochen, eine Runde aus. Schlumpf und Manu setzen sich zu ihr an die Theke. Manu beginnt von den Proben mit seiner Band Screaming Gun zu erzählen.

Er fragt Laura in diesem Zusammenhang nach ihren musikalischen Vorlieben. Zu Lauras Lieblingsbands zählen Nirvana, Guns n‘ Roses und The Cure. Manu hingegen schwärmt von den Rolling Stones und den Ramones. In diesem Zusammenhang erzählt er ihr, dass es vor allem diese beiden Bands waren, die in ihm erstmals die Lust geweckt haben, selbst Musik zu spielen, und dass es Screaming Gun ohne sie nicht geben würde.

Laura fällt auf, dass Schlumpf und Manu diesmal ruhiger, aber genauso nett wie beim ersten Treffen sind. Auf sie wirken sie wie lockere Typen, die gerne scherzen. Sie kann solche Gesellschaft im Moment gut gebrauchen angesichts der Strapazen, die sie in der letzten Zeit hatte und die der Grund für ihren Umzug von ihrer Heimatstadt Dortmund nach Kassel waren.

Nach dem Getränk müssen Manu und Schlumpf aufbrechen, da sie mit Freunden verabredet sind.

Manu: (zu Laura) Ach ja, nochmal wegen deiner Nachricht. Wir können gerne zusammen etwas trinken gehen, gute Idee eigentlich. Aber nur, wenn du mir nichts ausgibst.

Laura: Wieso ´n das?

Manu: (zuckt mit den Schultern) Is´ halt so.

Laura: Wie soll ich mich sonst bedanken?

Schlumpf: (ruft) Ha, mit ´nem Kuss, oder?

Schlumpf und Manu lachen, doch Laura beugt sich vor und drückt Manu tatsächlich einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

Manu: (verwundert) Ui …

Laura: (verschmitzt) Reicht dir das etwa als Dank?

Manu: Ja … nee, kannst gerne nochmal. (Schlumpf lacht auf)

Laura: Ihr zwei seid echt Granaten. (schüttelt den Kopf)

Schlumpf: Okay, wir müssen jetzt aber wirklich los. Mach´s gut, Laura, man sieht sich.

Schlumpf und Manu stehen auf. Laura und Schlumpf umarmen sich zuerst. Manu grinst Laura an, als sich ihre Blicke treffen.

Laura: (zu Manu) Abschiedskuss, oder was?

Sie wirft ihm ein keckes Lächeln zu. Manus Grinsen wird breiter. Er lässt sich von ihr drücken und einen Kuss auf die andere Wange geben.

Manu: Wow, heute Nacht kann ich bestimmt saugut schlafen. (alle drei lachen)

Als Manu und Schlumpf fortgehen, hängt Laura eine Weile ihren Gedanken nach. Sie kann es nicht fassen, dass sie jemanden, den sie erst zum zweiten Mal gesehen hat, auf die Wange geküsst hat. Zwar versteht sie sich nach nur so kurzer Bekanntschaft blendend mit Manu, aber sie kennt ihn doch eigentlich gar nicht. Das Temperament geht ihr manchmal durch, stellt sie verlegen fest. Sie spürt, dass sich durch die Anwesenheit der beiden ihre Laune verbessert hat und hofft, sie bald wiederzusehen.

3

Manu hat wegen der Proben mit Screaming Gun in den nächsten Tagen wenig Zeit. Das macht Laura neugierig. Sie fragt sich, welche Musik sie wohl spielen. Manu hinterlässt ihr eine Nachricht, in der er ihr mitteilt, dass er demnächst noch einmal in den Bogen kommt, wo sie sich unterhalten können.

Schlumpf begegnet sie mittlerweile öfters im Bogen, er stellt ihr jedes Mal seine Begleiter vor. Immer, wenn sie gerade die Möglichkeit hat, gesellt sie sich für einige Minuten hinzu. Schlumpfs durchdringendes Lachen ist unverkennbar und bringt Laura jedes Mal zum Mitlachen. Er richtet ihr häufig Grüße von Manu aus, der mit Screaming Gun nach wie vor beschäftigt ist.

***

An einem Abend betritt Schlumpf mit einem breiten Grinsen den Bogen. Ein Mann in karierten Hosen und einer Jeansjacke, die mit Nieten beschlagen ist, folgt ihm. Schlumpf stellt ihn ihr vor, er heißt Tom. Tom ist ein Freund und Bandkollege von Manu. Er ist in etwa so groß wie Schlumpf und trägt mittelbraune, halblange Haare, die von einem Stirnband zurückgehalten werden.

Laura: Was wollt ihr denn trinken? Kann ich euch einen Shot als Begrüßung ausgeben?

Tom: (verwundert) Ist das dein Ernst? (flötet anerkennend)

Laura: Ja, sicher! (hebt den Zeigefinger) Aber nur heute noch, ich soll nämlich nicht mehr so viele Leute abfüllen, hat man mir hier gesagt. (zwinkert ihnen zu)

Schlumpf: Haha, so freigiebig, wie du die Getränke ausschenkst, ist das leicht zu glauben!

Laura: (zuckt mit den Schultern) Was soll ich sagen, so läuft´s eben. Hier, Kräuterschnaps. Hoffe, ihr mögt das.

Tom blickt erstaunt zu ihr, nimmt den Schnaps dankend an. Laura beugt sich zu Schlumpf vor.

Laura: (leise) Nur mal so ´ne Frage…Manu?

Schlumpf: (nickt) Ja, er kommt heute endlich auch mal. Wenn schon Tom hier ist, dann kommen die Anderen auch. Bleibt nur zu hoffen, dass Manu bei den Proben nicht so viel gesoffen hat, denn der hier … (stößt Tom an) … ist schon etwas durch den Wind. (grinst kurz) Danke übrigens für den Shot, find‘ ich klasse von dir! Kommst du heut‘ noch irgendwann von der Theke weg und kannst dich zu uns setzen?

Laura: Klar! Noch ´ne Stunde, dann bin ich hier durch! Ihr könnt euch aber schon mal hinsetzen, dahinten ist noch ein Tisch frei.

Schlumpf: Okay, bis dann.

Schlumpf und Tom gehen zum Tisch und setzen sich.

Kurz darauf betritt ein großer Dunkelhaariger in verwaschener hellblauer Jeans, Turnschuhen und Lederjacke den Bogen. Er geht sogleich an die Theke, schaut sich um, als ob noch jemand nachkommen würde, dreht sich dann Laura zu. Sie blickt erwartungsvoll zu ihm und stellt fest, dass er eine muskulöse, aber schlanke Gestalt, dunkelblaue Augen und einen 3-Tage-Bart hat.

Laura: ´N Abend. Ich denke schon, dass du hier richtig bist. Wenn du was trinken willst, jedenfalls. (lächelt ihn ungezwungen an)

Der Dunkelhaarige: (lächelt zurück) Ich wart‘ noch auf jemanden. Aber egal. Was haste denn Schönes vom Zapfhahn?

Laura: Was du willst. Frisches Pils aus der Region kann ich zum Beispiel empfehlen.

Schlumpf und Tom blicken zu ihnen. Tom ruft laut: „Frankyboy!“, daraufhin drehen sich Laura und ihr Gesprächspartner zu ihnen um.

Der Dunkelhaarige: Ach, da seid ihr! Hab schon gedacht, ich wäre schon wieder der Erste!

Schlumpf und Tom kommen an die Theke, wo sie ihn begrüßen.

Schlumpf: (zu Laura) Das ist Frank, auch aus der Gurkentruppe. (zu Frank) Und das ist Laura, Manus Nachbarin.

Frank: Oh, echt? Der hat ´ne Nachbarin, die Bier zapft?

Laura versteht das als Aufforderung und macht sich ans Zapfen. Schlumpf bestellt ein weiteres Bier, Tom ebenfalls. Sie ist ins Zapfen vertieft, während sich die Männer an der Theke unterhalten. Auf einmal hört sie eine vertraute Stimme, die ihr zuruft: „Haste auch noch eins für mich übrig?“. Sie sieht auf, Manu lächelt sie freundlich an.

Laura: Hey, da bist du ja, super! (kehrt mit drei gezapften Bier zurück) Ja, da fehlt wohl noch eins, aber erst mal … komm her. (legt einen Arm um ihn, sie umarmen sich) Und, wie läuft´s?

Manu: Ganz gut, aber brauche was zum Kehle Anfeuchten. Hab zu viel gesungen, das macht durstig.

Laura: Kommt sofort. (geht zurück zum Zapfhahn) Wie viele willste denn?

Manu: Erst mal nur eins. Nachher sicher noch mehr.

Laura: (lacht leise) Na klar.

Manu: Und du? Hast du bald Feierabend hier?

Laura: (kommt mit dem Bier) Ja, in einer knappen Stunde ungefähr.

Manu: Geht doch noch. Haste die Flaschen dahinten schon getroffen?

Er deutet zu Frank, Tom und Schlumpf, die mit den Getränken zurück zum Tisch gegangen sind.

Laura: Ja, Schlumpf ist zusammen mit Tom gekommen, und der andere Typ hat Bier bestellt, wie heißt er noch gleich?

Manu: Ach so, Frank. Ist unser Schlagzeuger.

Laura: Ach ja, genau. Find ich toll, dass ihr heute in den Bogen kommt.

Manu: Klar, wieso nicht? Bei so ´ner netten Bedienung doch gerne. (zwinkert ihr zu)

Laura: Ach komm, geh weg.

Manu: Glaubst mir wohl nicht? (grinst über ihre Verlegenheit)

Laura: Naja, ich tu mein Bestes.

Manu: (steckt sich eine Zigarette an, hält ihr auch eine hin) Komm, Begrüßungsziggy.

Laura: (zögert) Ähm, eigentlich rauch ich nicht so gerne bei der Arbeit. Aber okay, weil du´s bist. (lässt sich ihre Zigarette von Manu anzünden)

Manu nippt an seinem Bier, sieht zum Tisch mit seinen Freunden, zu denen sich mittlerweile noch mehr Leute gesellt haben, und dann wieder zu ihr.

Laura: Willst du nicht zu deinen Leuten gehen?

Manu: (winkt ab) Die hab ich heute schon den ganzen Tag gesehen. Oder willst du mich loswerden?

Laura: Natürlich nicht. (lächelt kurz) Aber es dauert leider noch etwas, bis dass ich mit euch bechern kann.

Manu: Jo, passt schon. (Tom kommt zu ihnen)

Tom: Hey, ihr Schnuckelchen, können wir noch was von dem köstlichen Gebräu haben?

Manu: (legt einen Arm um den kleineren Tom, zieht ihn an sich heran) Jaja, der übermütige Gitarrist hat Durst, was?

Tom: Genau! (ergreift Manus Glas, doch der nimmt es ihm sofort wieder ab) Vor allem Gitarrist und nicht Bassist, damit das mal klargestellt ist! (knufft Manu in die Seite)

Laura: (zu Tom) Wie viele Bier kriegste denn eigentlich?

Tom: So viele, wie geht! (grinst breit)

Laura: Hm, okay.

Sie wendet sich zum Zapfhahn und beobachtet beim Zapfen, wie Manu und Tom miteinander diskutieren. Sie kann nicht verstehen, was sie sagen, da es zu laut im Bogen ist. Mit drei vollen Biergläsern kommt sie zu ihnen zurück.

Laura: (zu Tom) So, mehr kannste eh‘ nicht tragen.

Tom: Doch, wetten?

Laura: Lieber nicht. (Manu lacht kurz auf)

Tom: Super, danke dir! (hält inne und überlegt)

Manu: So, jetzt zeig mal, wie du´s machst.

Laura: Kannst auch gern zweimal gehen.

Tom: Ha! Unsinn! (pfeift, die Anderen wenden ihm ihre Blicke zu) Bier is´ hier!

Schlumpf und ein korpulenter, kleiner Mann mit kurzen blonden Haaren kommen zur Theke.

Schlumpf: Hey, Laura hat Mika noch nicht getroffen!

Manu: Genau, unseren Dicken.

Mika: Hallöle! Bin der Mika.

Laura: Hi! Auch aus der Band? (Mika grinst und nickt) Lass mich raten, du spielst bestimmt Gitarre.

Mika: (erstaunt) Sieht man mir das an? Stimmt genau!

Tom: Aber nicht so gut wie ich! (lacht)

Manu: (spaßend zu Tom) Nee, du spielst doch Bass, schon vergessen?

Tom: (drohend) Halt’s Maul, Manu! Ich komm dir gleich dahin!

Schlumpf: Leute, diskutiert sowas im Proberaum, nicht hier!

Tom reicht Mika und Schlumpf jeweils ein Bier und nimmt sich selbst das dritte, wendet sich an Laura.

Tom: Kannste bitte noch zwei machen?

Manu: (ebenfalls zu Laura) Und eins für dich!

Laura: (am Zapfhahn) Nee du, erst bei Dienstschluss, dafür aber dann umso mehr!

Manu: Au ja!

Mika: Saufen tut ihr wohl oft zusammen, was?

Laura: Nö, bis jetzt nur einmal.

Manu: Wird Zeit für ein zweites.

Laura: Hm?

Manu: Mal.

Laura: Ach so, ich dachte Bier.

Manu: Ja, das auch.

Laura: (verdreht die Augen) Ihr habt vielleicht ´nen Zug drauf.

Mika: Haben ja auch schwer geschuftet heute.

Tom: Nö, find ich nicht. (läuft zurück zum Tisch)

Mika: Na, Hauptsache er widerspricht mir! Sack! Hat er heute schon den ganzen Tag gemacht!

Laura lacht und wendet sich von ihnen ab, um eine weitere Bestellung aufzunehmen. Sie ist mit dem Ausschenken von Getränken beschäftigt, während mehr und mehr Gäste aufbrechen. Nach einer Weile geht sie zu mehreren Tischen, um zu kassieren. Dabei scherzt sie mit denjenigen Leuten, die regelmäßig in den Bogen kommen und sie schon kennen. Einige Männer sehen ihr hinterher, wenn sie vorbeigeht, nun auch Mika und Manu.

Mika: (stößt Manu an, grinst) Is’n bisschen ausgeflippt, die Kleine, was?

Manu sieht ihn nur an und weiß nicht, was er dazu sagen soll.

Schlumpf: Ja, und? Is´ doch gut. Hoffe, sie hat gleich endlich mal Feierabend.

Mika: Ja, hat sie doch gesagt.

Sie beobachten, wie Frank zu Laura eine Bemerkung macht, sie daraufhin lächelt und zurück zur Theke geht. Etwas später verschwindet sie hinter einer Tür. Ihr Chef erscheint, um die Schicht bis zum Ende zu übernehmen. Laura tritt mit ihrer Umhängetasche und Jacke zu Schlumpf, Manu und deren Freunde an den Tisch. Alle freuen sich, dass sie endlich hinzukommen kann. Schlumpf und Tom jubeln ihr zu.

Laura (verwundert): Werde ich etwa so sehnsüchtig erwartet?

Schlumpf: Na sicher! Komm, setz dich und nimm das!

Er stellt ein Glas Bier vor sie auf den Tisch. Alle nehmen ihre Getränke hoch und stoßen miteinander an. Laura sitzt neben Mika und vertieft sich mit ihm in ein Gespräch. Sie erzählt, wie sie Manu und Schlumpf kennengelernt hat, als sie ihre Schlüssel in der Wohnung vergessen hat.

Während der Unterhaltung fällt Laura auf, dass Mika weniger angetrunken scheint als der Rest. Tom macht einen aufgedrehten Eindruck, Frank sieht müde aus. Schlumpf ist gut gelaunt, lacht oft schallend, vor allem mit Tom zusammen. Manu dagegen bleibt ruhig und scheint in Gedanken versunken zu sein. Laura erhebt sich, als Mika auf die Toilette geht, ihr Blick trifft den von Manu. Aufmerksam beobachtet er, wie sie sich auf den freien Platz neben ihn setzt.

Laura: Na, was ist? Denkst du nach, oder was?

Manu: Hm, bin irgendwie kaputt. Aber ich hab absolut keinen Bock, schlafen zu gehen.

Laura: Kenn ich, das Gefühl. Ich brauche auch immer ´ne Weile um runterzukommen. Also, um zur Ruhe zu kommen, meine ich. Aber es ist doch noch lang hin, bis dass du schlafen gehst, oder? (lächelt ihn an)

Manu: Na klar, keine Sorge. Die Nacht wird lang. (lächelt zurück) Es gibt genug Schuppen, in denen man bis sechs oder so bechern kann.

Laura: Genau, und wenn die zumachen, macht der Weihnachtsmarkt auf, da kann man dann fleißig Glühwein hinterher schieben.

Manu: Igitt. (rümpft die Nase) Süße Scheiße. (Laura muss lachen) Du bist zwar noch nicht so lange in Kassel, aber kennst du den Joker?

Laura: Hab ich von gehört. Das ist die Graffiti Bar, stimmt’s?

Manu: Genau, da hängen die ganzen Skater rum. Und die Punks. Und –

Schlumpf: (mischt sich ein) – die Junkies!

Manu: Naja.

Schlumpf: (zu Laura) Die harten Burschen. (zuckt mit den Schultern) Unsere Freunde halt.

Manu: (zu Schlumpf) Da müssen wir auch mal wieder hin und dem Chris Guten Tag sagen.

Schlumpf: Ja, stimmt. (zu Laura) Der Chris schmeißt den ganzen Laden da, is‘n super Typ! Durch den haben Manu und ich uns kennengelernt, er ist ein gemeinsamer Bekannter von uns.

Laura: Cool. Wenn ihr dahin wollt, wäre ich dabei. Zeigt mir ruhig all die wichtigen Plätze in Kassel.

Als sie aus dem Bogen hinaustreten, möchte Mika nicht mit in den Joker kommen und bricht nach Hause auf. Tom und Frank sind müde und machen sich ebenfalls auf den Heimweg. Laura schließt sich Schlumpf und Manu auf dem Weg zum Joker an.

4

Im Joker gefällt es Laura auf Anhieb. Es stört sie keinesfalls, dass dort viele mit Alkohol oder Rauschmitteln vollgedröhnte Leute anzutreffen sind. Da sie selbst bereits mit Drogen experimentiert hat, macht ihr dieses Umfeld nichts aus. Es erinnert sie jedoch stark an ihren Freundeskreis in Dortmund, den sie zuletzt dort hatte. Er bestand zum großen Teil aus Drogenabhängigen. Dunkle Gedanken an ihre Vergangenheit steigen aus ihrem Unterbewusstsein hoch und wühlen sie auf.

An diesem Abend, zwischen all den zerstörten Gestalten im Joker, nimmt sie an, was ihr angeboten wird. Eine Prise Kokain von einem jungen, niedlichen Kerl mit Dreadlocks kann ja nicht schaden, findet sie, und geht mit ihm hinaus. Sie hofft, dass sich ihr Gemüt durch das Schnupfen des weißen Pulvers wieder beruhigen wird.

Schlumpf und Manu merken bald, dass sie Laura aus den Augen verloren haben. Schlumpf macht sich darüber keine Gedanken, doch Manu wird unruhig. Er verlässt den Freundeskreis und sucht sie. Schließlich findet er sie draußen mit Matze, einem Kokainabhängigen, der dicht bei ihr steht und ihr über die Wange streicht. Manu erkennt sofort, dass beide auf Kokain sind, und dazu Matze sehr an Laura interessiert ist. Das passt ihm nicht, er schreitet ein, indem er Matze von ihr wegzerrt. Matze bewundert und respektiert den älteren Manu, der so viel mehr Lebenserfahrung als er selbst hat. Er versteht, dass Laura zu Manu gehört und entfernt sich daher unverzüglich.

Laura: (sieht Manu vor sich und packt seinen Oberarm, begeistert) Manu, da bist du ja wieder!

Manu: Jetzt sag mir nicht, du hast mit Matze was genommen! Der hat ganz übles Zeug, von dem man besser die Finger lässt!

Laura: Tja, zu spät würd ich sagen. (lächelt unschuldig)

Manu: Na, Scheiße. Komm, wir gehen zu Schlumpf.

Laura kichert leise, als Manu sie in den Arm nimmt und mit sich zieht. Manus markante Augen nehmen sie gefangen. In ihrer Euphorie hält sie ihn für einen äußert interessanten Typen.

Sobald sie Schlumpf erreichen, erklärt Manu ihm, dass Laura mit Matze Kokain genommen hat. Schlumpf versteht, was das bedeutet. Es wird nicht lange dauern, dass sie von ihrem Trip herunterkommt, denn Matzes Kokain taugt nichts. Es wirkt nur kurzzeitig, und nach dem Trip geht es niemandem gut, das haben er und Manu schon selbst erfahren. Schlumpf stimmt nachdrücklich zu, als Manu ihm mitteilt, dass er Laura besser nach Hause bringt.

***

Auf dem Nachtmarsch nach Hause ist Laura derart vergnügt, dass sie Manu von seiner Befangenheit ablenkt und zum Lachen bringt. Wie von Manu vorausgesehen, lässt die Wirkung des Kokains bald nach. Lauras Beine knicken vor Erschöpfung ein. Sie stürzt mehrere Male beinahe hin, so dass er sie in einen Stützgriff nimmt. Als sie beginnt von Dämonen zu erzählen, wird Manu hellhörig. Sofort begreift er, dass nun ihr Unterbewusstsein zutage tritt. Betroffen zieht er die Augenbrauen hoch. Er spürt, dass sie großen Schmerz in sich birgt und fragt sich, was sie bloß erlebt hat.

Sie gelangen zu Lauras Wohnungstür, sie schließt auf. Manu verabschiedet sich, als Laura ihn durchdringend ansieht. Er entzieht sich ihrem Blick, es ist ihm unangenehm, sie so verstört zu sehen. Zudem beginnt er, sie sehr gerne zu mögen und möchte sich diesen Gefühlen nicht zu stark aussetzen, denn sie steigen ihm zu Kopf und gefallen ihm nicht.

5

Am nächsten Vormittag stellt sich bei Laura durch die Nachwirkungen des Kokains eine leichte Depression ein. Ihre Augen brennen und ihr ist kalt, deshalb bleibt sie im Bett.

Allmählich macht sie sich Selbstvorwürfe, dass sie so dumm gewesen ist und von irgendeinem Dahergelaufenen billiges Kokain angenommen hat, dessen aufputschende Wirkung ohnehin nicht lange anhielt. Der Stoff schwächte sie eher noch zusätzlich, so dass sie kaum gehen konnte. Vielleicht hätte sie nicht in den Joker gehen sollen. Am Anfang war es ja noch witzig bei Schlumpf, Manu und deren Freunden, die sie kennengelernt hat. Plötzlich kam dann aber dieser gutaussehende Typ mit dem gewinnenden Lächeln auf sie zu und bot ihr einen kleinen Trip an. Er versicherte ihr, dass sein Kokain leicht zu vertragen und Horrortrips ausgeschlossen seien. Es ärgert sie, dass sie sich von ihm so leicht überzeugen ließ. Sie erinnert sich, wie Manu auf einmal wieder da war und sich um sie gekümmert hat. Er hat sie sogar nach Hause begleitet. Was für eine Schmach für sie, sie hasst es, einen schutzbedürftigen Eindruck zu hinterlassen. Sie möchte nur auf sich selbst gestellt und nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Zwar meinte es Manu gut mit ihr, das ist ihr klar, trotzdem ist sie wütend darüber, dass sie ihn nicht abgeschüttelt hat. Was sie auf ihn für einen Eindruck gemacht hat, möchte sie lieber nicht wissen. Aber eigentlich sollte sie das nicht kümmern, schließlich ist sie niemandem Rechenschaft schuldig.

Gefangen zwischen Zorn auf sich selbst und tiefer Verzweiflung steht sie am Mittag auf und duscht. Danach ruft sie ihre beste Freundin Janine an, die in Kassel als Kurierfahrerin arbeitet und gerade eine ihrer Belieferungstouren fährt. Janine ist dank eines geschäftlichen Mobiltelefons auch während der Touren erreichbar. Laura erzählt ihr nichts vom vorigen Abend, aber Janine merkt, dass es Laura schlecht geht. Sie schlägt ihr vor, sich nach ihrer Tour in einer Stunde im Stadtzentrum zu treffen. Dort könnten sie weiterreden, bevor Laura in den Bogen muss.

Laura macht sich schon früher auf den Weg ins Zentrum. Sie schlendert, ihren Gedanken nachhängend, die Straßen entlang. Das kalte und windige Wetter macht ihr nichts aus. Janine muntert sie schließlich auf und verspricht ihr außerdem, am nächsten Abend nach der Arbeit in den Bogen zu kommen.

Später lenken die Besucher im Bogen Laura von ihrer Verstimmung ab, und sie fühlt sich wieder ausgeglichener.

***

Nachts um zwei kehrt Laura nach Hause zurück. Sie findet einen Zettel, der unter ihrer Wohnungstür hindurch geschoben worden ist. Es ist eine Nachricht von Manu, die sie sofort liest:

„Hi, ich wollte nur mal nachhören, wie es dir geht, aber du bist nicht zuhause. Naja, ich muss jetzt auch zu den Proben. Bis bald, Manu.“

Laura fühlt Unsicherheit in sich aufkommen. Was denkt er eigentlich von ihr, wieso will er wissen, wie es ihr geht? Warum sollte es ihr nicht gut gehen? Sie kann doch auf sich selbst aufpassen, sie braucht niemanden, der sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt. Jetzt ist sie sich sicher, dass sie am Vorabend einen hilflosen Eindruck auf Manu gemacht hat. Diese Erkenntnis lässt erneut die Wut auf sich selbst in ihr auflodern.

6

Am nächsten Tag geht Laura tagsüber lange spazieren. Sie hat Manu keine Antwort hinterlassen, nichts mehr von ihm gehört und nicht einmal an ihn gedacht.

Abends im Bogen erscheint, wie versprochen, Janine. Sie setzt sich zu Laura an die Theke. Es ist noch früh und nicht viel los in der Bar, die beiden können in Ruhe miteinander reden.

Janine: Geht‘s dir wieder besser?

Laura: Jaja, passt schon.

Janine: Was war denn los gestern, wieso warst du so verstimmt?

Laura: Ach … (seufzt) Die ganze Situation, weißt du. Ich hab mich nicht so gut im Griff im Moment.

Janine: (vorsichtig) Denkst du wieder an deine Eltern?

Laura: Die ganze Zeit. Sie fehlen mir, Janine. Ich fühl‘ mich so alleine.

Janine: (legt eine Hand auf ihre, leise) Ich weiß, Süße. Es tut mir unendlich leid.

Laura: (sieht ihr direkt in die Augen) Ich hab‘ wieder Kokain gesnifft.

Janine: (sorgenvoll) Pass bloß auf damit.

Laura: Hm. Verdammt. Es war dazu auch noch mieser Stoff, der hatte fast keine Wirkung, und danach ging‘s mir beschissen, ich hab wieder Depris geschoben. Es hat mich an meine Freunde zuhause in Dortmund erinnert. (kurze Pause) Du weißt ja, dort kannte ich ja genug von denen, die waren fast alle richtig drauf.

Janine: Ja, ich weiß. Du musstest da echt weg, Laura. Ich bin froh, dass du nach Kassel gezogen bist. Vielleicht kriegst du hier ein bisschen Abstand von allem, was passiert ist.

Laura: (missmutig) Sieht nicht danach aus.

Janine: Du bist doch erst seit einem Monat hier, hab mal ein bisschen Geduld. Das wird schon noch. (streicht über ihren Unterarm) Ich bin immer da, wenn du reden willst, aber das weißt du ja.

Laura: Danke Janine, du bist lieb. (lächelt leicht, dann erscheinen erneut Sorgenfalten auf ihrer Stirn) Ich hab Angst, dass Björn rauskriegt, wo ich bin.

Janine: Wie soll er es denn rauskriegen? Du hast doch keiner Menschenseele gesagt, dass du in Kassel bist, oder?

Laura: Nein.

Janine: Na, also. Und deine Tante weiß es auch nicht, oder?

Laura: Nein, sie weiß es auch nicht. Aber ich glaube, sie ist froh, dass sie mich losgeworden ist.

Janine: Wie bitte?

Laura: Ja, sie kam damit nicht klar, dass ich die Ausbildung abgebrochen und stattdessen gekokst hab. Meine Cousine ist so ´ne Mustertochter mit Einsen in der Schule und den ganzen Sportmedaillen, die sie schon gewonnen hat und so’n Zeug, da war meine Tante überfordert mit so einer wie mir, die gar nichts mehr auf die Reihe kriegte.

Janine: Mach dir nichts draus, das ist jetzt vorbei.

Laura: (bestimmt) Außerdem kann ich auf mich selbst aufpassen.

Janine: Genau.

Plötzlich stellt sich jemand an die Theke und grüßt mit einem freundlichen „Hallo“.

Laura: (verwundert) Oh, hallo. (überlegt kurz) Tom, stimmt’s?

Tom: (lacht) Erraten! Wie geht’s dir?

Laura: Gut, und dir? (Tom nickt als Antwort) Das ist Janine, eine gute Freundin von mir.

Janine: (reicht Tom die Hand) Hi.

Tom: (drückt Janines Hand) Ah, hallo.

Laura: Und was gibt’s Neues bei dir?

Tom: Ich bin am Wochenende umgezogen und wohne jetzt hier in der Nachbarschaft. Wirst mich wohl von nun an öfter im Bogen antreffen, denke ich.

Laura: Ah, cool. Ist die neue Wohnung billiger, oder wieso? Oder hattest du einfach nur Bock auf einen Wechsel?

Tom: Tapetenwechsel, genau! (lacht auf) Nee, die neue ist schon billiger und liegt näher an den guten Plätzen der Stadt. So wie zum Beispiel am Bogen. (lässiges Grinsen)

Laura: Das ist ein guter Grund für den Umzug, muss ich zugeben.

Janine schmunzelt und hört dem Gespräch schweigend zu, erblickt dann zwei Männer, die sich ihnen nähern.

Tom: (dreht sich zu den Männern um, dann zurück zu Laura und Janine) Hier, das sind Alex und Erik, zwei Freunde von mir. (zu seinen Freunden) Laura und ich kennen uns eigentlich durch Manu, die beiden sind Nachbarn.

Laura: Aber du bist damals mit Schlumpf hierhin gekommen, er hat uns einander vorgestellt, nicht Manu.

Tom: Oh verdammt, ich schmeiß ja alles durcheinander! Hatte wohl einen Filmriss an dem Abend. (Janine und Laura lachen)

Erik: (grinst Tom neckisch an) Wen wundert’s. Und was geht heute Abend?

Tom: Was soll schon gehen? Wir lassen uns jetzt ein paar leckere Bierchen von Laura zapfen und knallen uns dahinten an einen Tisch, was meinste?

Erik: Bin ich dafür.

Alex: Ja, ich auch.

Laura: Gut, dann setzt euch schon mal, ich bring euch gleich das Bier.

Erik und Alex steuern auf einen Tisch zu. Laura spricht Tom nochmals an, bevor er sich zum Gehen wendet.

Laura: Apropos Manu, wie geht es ihm denn so?

Tom: Ganz gut, denk‘ ich, er war jedenfalls gut drauf heute beim Proben. Hast du ihn länger nicht gesehen, oder wieso fragst du?

Laura: Ja, wir haben uns verpasst. (Tom blickt fragend) Na, ich war nicht zuhause, als er vorbeikommen wollte. Egal. (winkt ab) Er kommt heute nicht hierhin, oder?

Tom: Keine Ahnung. Ich glaube, er ist nach den Proben nach Hause gegangen. Soll ich ihm was von dir ausrichten, oder was?

Laura: Nee, schon gut. War einfach nur so ´ne Frage. Also, ich zapf euch jetzt mal das Bier, bis gleich.

Tom: Ja, bis gleich. (geht zu Alex und Erik an den Tisch)

Janine: Seit wann kennst du Punks?

Laura: (beim Zapfen) Punks?

Janine: Ja, der sieht voll nach einem aus mit diesen Stiefeln und den Nieten überall. Fehlen nur noch die bunten Haare.

Laura: Stimmt. (lacht)

Janine: Du, ich muss jetzt gehen, morgen fange ich mal wieder früher an. Muss schon um sieben in Lohfelden sein.

Laura: Ja sicher. Schön, dass du hier warst. Schlaf gut.

Sie umarmen sich herzlich zum Abschied, Janine verlässt daraufhin den Bogen.

Laura bringt Tom, Alex und Erik die Getränke. Sie bemerkt, dass die drei in ein ernstes Gespräch vertieft sind. Nachdem sie ihnen die Gläser hingestellt hat, kehrt sie wieder zur Theke zurück.

Alex: (lehnt sich vor) Sach ma‘ Tommy, was ist aus dem Vorspiel bei dieser Band geworden? Wolltest du nicht überlegen, vielleicht zu wechseln?

Tom: Ja, da war ich gestern. Die Musik von denen war gar nicht so schlecht, aber irgendwie ist der Funke nicht übergesprungen. Denen haftete so’n bisschen was Überhebliches an, dabei waren die eigentlich recht dilettantisch, jedenfalls im Gegensatz zu Screaming Gun. War’n schon ein paar gute Beats dabei, aber der Sänger überzeugte nicht richtig. Denen fehlte eindeutig ein genialer schräger Vogel wie Manu. (grinst)

Erik: Wieso willst du überhaupt wechseln, wenn ihr sowieso besser als andere Bands seid?

Tom: Will ich doch gar nicht, aber mir geht’s tierisch auf den Sack, wenn Manu mir den Bass aufzwingt, nur weil er meint, seine akustische Gitarre spielen zu müssen!

Erik: Aufzwingt? Wie meinste das?

Tom: Ach, er liebt seine elektro-akustische Klampfe heiß und innig. Da hat er es sich in den Kopf gesetzt, sie auch bei manchen der neuen Songs einzusetzen. Aber ich bin dann derjenige, der den Bass übernehmen muss, und das nervt langsam.

Alex: Wieso ist es so schlimm, Bassgitarre zu spielen? Du warst doch früher irgendwann mal Bassist in einer Band, oder nicht?

Tom: Ja, aber nur kurz. Nee, es ist ja gar nicht schlimm, aber ich find’s viel amüsanter, die Rhythmen auf meiner Epiphone runterzuschrammeln, da kommt bei mir einfach viel mehr Stimmung auf. Außerdem spielt Manu viel besser und lieber Bass als ich.

Alex: Aber du hast doch nicht ernsthaft vor, Screaming Gun nur wegen dieses Bass-Problems zu verlassen, oder?

Tom: Hm… (unschlüssiger Blick)

Alex: Das sind doch deine Freunde!

Tom: Ja, die Jungs sind wie Brüder für mich, das stimmt. Weiß nicht, ob ich dazu imstande wär, abzuhauen. Ich gehöre fest dazu, und wir sind eigentlich schon ganz cool. Wenn ich mich so umhöre, find ich keine Band, die so klingt wie wir.

Erik: Stimmt. Und die große Knete machst du sowieso mit Musik nicht, von daher …

Alex: Sag Manu einfach, er soll nicht so ein Softie sein und das Akustische gleich ganz weglassen. Ihr seid doch gerade so gut, weil ihr richtig rocken könnt.

Tom: Naja, bei manchen Songs hört sich das aber schon ganz gut an. Aber vielleicht hast du Recht. Mal sehen, wie’s sich bei den Proben so ergibt, wir experimentieren ja immer noch rum. Und ich werd’s mit ihm demnächst mal richtig ausdiskutieren.

Alex: Bin mir sicher, dass ihr eine Lösung findet.

In diesem Moment steuert eine kleine Frau in roten, engen Jeans und mit langen, schweren Ketten um den Hals auf sie zu. Besonders auffällig sind ihre knallorangefarbenen, mit Haarspray aufgerichteten Haare und die Piercings in beiden Augenbrauen und im linken Nasenflügel. Tom stellt sie seinen Freunden vor. Ihr Name ist Nadine, mit ihr ist er seit zwei Monaten zusammen. Laura kommt hinzu, um eine neue Bestellung aufzunehmen, auch ihr wird Nadine vorgestellt. Laura hat jedoch viel zu tun an diesem Abend und keine Zeit für ein Gespräch.

***

Eine Stunde später schließt der Bogen. Laura ist alleine, putzt die Tische ab, stellt die Stühle hoch, damit die Putzfrau am nächsten Morgen den Boden wischen kann. Kurz nach Mitternacht sperrt sie die Tür zu. Sie hat nicht bemerkt, dass jemand in der Nische einer Hauswand steht und sie beobachtet.

Als sie nach draußen tritt, erblickt sie den Unbekannten. Der Silhouette nach zu urteilen handelt es sich um einen Mann. Sein Gesicht erkennt sie nicht, da die schwarze Kappe auf seinem Kopf einen Schatten darauf wirft. Sie erschreckt sich fürchterlich, denn sie denkt instinktiv, dass es ihr Ex-Freund Björn ist, der sie gefunden hat. Doch dann fällt ihr auf, dass diese Gestalt ein ganzes Stück größer als Björn ist. In aufkommender Unruhe fragt sie sich, wer das sonst sein kann. Während die nackte Angst in ihr hochkriecht, hört sie den Unbekannten leise mit einer ihr bekannten Stimme ihren Namen sagen, das macht sie stutzig. Sie bleibt unbeweglich, als er sich ihr nähert. Das Laternenlicht fällt auf sein Gesicht, und sie erkennt Manu.

Manu: (leise) Sorry, ich hab dich erschreckt, ne?

Laura: (atmet erleichtert aus) Oh Mann … was machst du denn so spät noch hier?

Manu: Nachtspaziergang. (lächelt leicht)

Laura: Hier?

Manu: (zuckt mit den Schultern) Ich glaub‘, Tom war hier. Er wollte mit mir noch etwas besprechen, aber ich bin wohl zu spät dran.

Laura: Ja, der war hier. (zieht die Augenbrauen hoch) Was hast du jetzt vor?

Manu: Hm … magst du irgendwo etwas trinken gehen?

Laura: (überlegend) Ich …

Manu: Nur ´n Absacker.

Laura: Okay. (nickt) Dann mal los.

Manu: Wohin?

Laura: Auf dem Nachhauseweg irgendwas, woran wir vorbeikommen. Oder gehst du nicht nach Hause?

Manu: Doch, lass uns gehen. (sie setzen sich in Bewegung)

Laura: Wie läuft´s bei den Proben?

Manu: Gut, wir sind bald soweit. Dann geht´s wieder los. Komm doch auch mal vorbei zu ´nem Konzert.

Laura: (grinst) Ist das ´ne Einladung? Dann gerne.

Manu: Cool.

Seine Augen leuchten, ihre Blicke treffen sich, aber sie wendet den Blick schnell wieder ab.

Laura: Ich hab deine Nachricht bekommen. (Manu blickt fragend) Den Zettel!

Manu: Ach ja, genau. (lacht leise)

Laura: Hast du gedacht, mir würde es nicht gut gehen?

Manu: Keine Ahnung, wieso? (wird unsicher durch die plötzliche Härte in ihrer Stimme)

Laura: Ich mag das nicht gefragt werden.

Manu: Oh. Tut mir leid. (verwirrt durch ihre Reaktion, aber fragt nicht weiter nach)

Laura: Ich brauche keine Hilfe, okay?

Manu: In Ordnung. (lächelt zuversichtlich, obwohl er nicht weiß, was sie meint)

Laura: (bleibt vor einer Bar stehen) Hier rein? (Manu nickt)

Sie betreten die Kneipe und setzen sich mit ihrem Bier an einen Tisch. Schnell lockert die Unterhaltung auf. Sie verstehen sich nach wie vor hervorragend, lachen viel und bestellen ein zweites Bier.

Allmählich gewöhnt sich Laura an Manu und ist letztendlich froh, dass sie ihn wiedertrifft. Manu genießt Lauras Gesellschaft. Es ist anregend für ihn, sich mit ihr zu unterhalten und sie anzuschauen. Er merkt, dass sie dabei ist, ihm den Kopf zu verdrehen und muss aufpassen, dass sein Flirten nicht allzu deutlich wird.

Auf dem Nachhauseweg fragt Laura Manu nach den anstehenden Konzerten. Manu zählt ihr auf, in welchen Städten die Konzerte stattfinden werden. Die meisten liegen in Hessen und einige in Nordrhein-Westfalen.

Laura würde sich sehr gerne einmal die Musik von Screaming Gun anhören. Manu schlägt vor, ihr am nächsten Tag etwas vorzuspielen. Sie hält das für eine gute Idee und verspricht ihm, um zwei Uhr nachmittags zu ihm zu kommen. Manu freut sich, dass sie an dem, was er tut, Interesse zeigt. Vor allem freut er sich, dass er sie bereits am nächsten Tag wiedersehen wird.

7

Am nächsten Vormittag, als Manu sich nach dem Duschen rasiert, überlegt er länger als sonst, was er anziehen soll. Seine Wohnung mit den herumliegenden Bierflaschen kennt Laura zwar schon, aber er findet, dass er trotzdem aufräumen, die Bierpfützen wegwischen und das Geschirr in der Küche abspülen sollte. Um kurz vor zwei ist er mit allem fertig, hat jedoch keine Zeit gehabt etwas zu essen. Seine Nervosität verschlägt ihm ohnehin den Appetit.

Laura klopft bei ihm an, und als er ihr öffnet, lächelt er sie erfreut an. Zur Begrüßung umarmen sie sich herzlich. Seit dem vorigen Abend sind sich Manu und Laura vertrauter geworden. Laura hat eine Flasche Wein mitgebracht, die sie gerne probieren würde, doch bis jetzt hat sich noch keine Gelegenheit dazu ergeben.

Zunächst gehen sie auf den Balkon und rauchen. Laura fällt auf, dass Manu teilweise dieselben Angewohnheiten wie sie selbst hat. Er schnipst seine Zigarettenasche in einen leeren Blumentopf, der auf einer umgedrehten Bierkiste steht. Sie selbst benutzt ebenfalls umgedrehte Kisten als Abstellfläche. Ihre Wohnungseinrichtung ist seiner ähnlich. Bis jetzt hat sie kein Geld für eine ansprechende Dekoration übrig gehabt.

Manu und Laura rauchen zu Ende und treten wieder zurück in die Wohnung. Manu ergreift eine seiner Akustikgitarren, setzt sich damit auf das alte Sofa. Laura nimmt auf dem einzigen Stuhl in der Wohnung Platz. Erwartungsvoll sieht sie ihm zu, wie er seine Gitarre stimmt. Er räuspert sich kurz, sein Plektrum fällt ihm hin, aber er winkt ab und meint, es sei egal, er brauche es sowieso nicht. Dann hält er inne und fragt, ob er loslegen solle. Sie nickt ihm zu, er lächelt verlegen wegen ihres gespannten Blicks.

Anschließend trägt er das einzige akustisch gehaltene Lied vom gerade erst eingespielten Album vor, das davon handelt, gelangweilt zuhause zu sitzen und zu viel nachzudenken. Der Text ist auf Englisch. Die Melodie und Manus Gesang gefallen Laura auf Anhieb. Sie hört aufmerksam zu und merkt, dass Manu kein Amateur, sondern musikalisch tatsächlich begabt ist. Er spielt das Lied zu Ende, blickt sie danach mit einem leichten Lächeln an.

Laura: Wow, das hat mir total gut gefallen, Manu!

Manu: Ja?

Laura: Oh ja! Das hast du selbst geschrieben? (Manu nickt) Boah, geil! Ich könnte keinen Song schreiben und vor allem keine so schöne Melodie komponieren.

Manu: Hm … ich kann aber auch was spielen, was man kennt. Warte mal … (stimmt „Paint it black“ von den Rolling Stones an, bricht nach einer kurzen Weile ab) Nee, doch nicht, keinen Bock drauf. (Laura lacht, Manu lächelt ihr zu)

Laura: Du bist ganz schön talentiert, scheint mir. Kann ich mir auch was wünschen?

Manu: Äh, also alles kann ich auch nicht, bin doch keine Jukebox.

Laura: (lacht leise auf) Na gut, dann noch eins von dir.

Manu: (überlegt) Hm … na gut, ´was Kleines.

Er spielt ein kurzes, melancholisch klingendes Lied an, sie findet die Melodie und seinen Gesang erneut großartig.

Manu: Also, mehr geht akustisch schlecht, dafür sind wir eine zu laute Band.

Laura: (begeistert) Mann, ich muss wirklich mal zu einem Konzert kommen, spielt ihr im Moment welche?

Manu: (rümpft die Nase) Eins nächste Woche, aber das ist zu weit weg, bei Düsseldorf irgendwo. Ansonsten um Weihnachten herum einige, die sind dann eher hier in der Nähe. Bist du dann da?

Laura: Wo, da?

Manu: Hier in Kassel, meine ich. Oder nimmst du Urlaub?

Laura: Nee, nichts geplant. Muss ja auch in den Bogen, da ist bestimmt viel Betrieb.

Manu: Ach so, hätt ja sein können, dass du zu deinen Eltern fährst über die Feiertage.

Laura: (schluckt, bestimmt) Nein.

Manu: Woher kommst du nochmal?

Laura: Dortmund.

Manu: Ach so.

Er bemerkt, dass sich ihr Blick verfinstert und fragt sich, was in ihr vorgeht und warum sie manchmal so merkwürdig reagiert.

Manu: Stimmt was nicht?

Laura: Nee, alles klar.

Manu: Naja, wie auch immer. Wenn du hier bist, kannst du ja mal kommen. Schau einfach mal, ob das klappt.

Laura: Ja, mit der Arbeit muss ich gucken. Und du, du arbeitest ja quasi auch, wenn du Auftritte hast.

Manu: Ich seh´ das nicht als Arbeit an. (grinst)

Laura: (grinst zurück) Stimmt.

Manu: Sag mal, hast du eigentlich Hunger?

Laura: Ja, so langsam. Wieso?

Manu: Ich bin noch nicht dazu gekommen, was zu essen.

Laura: Ich auch nicht, weil ich nie was im Haus hab.

Manu: Ich auch nicht! (beide lachen)

Laura: Hey, ich lade dich zu ´nem Essen ein, was sagst du dazu? Als späte Revanche für letztens, mit dem Aussperren.

Manu: Wie, meinste so richtig Restaurant und so?

Laura: (zuckt mit den Schultern) Du entscheidest.

Manu: (rümpft die Nase) Nee, da komm ich mir blöd vor. Ein Imbiss reicht auch, ehrlich.

Laura: Wie gesagt, du entscheidest. Aber was Anständiges, keine abgefuckte Frittenbude. Kennst du da was?

Manu: Sicher, einiges.

Laura: Dann folge ich dir einfach.