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Magie habe ich mein ganzes Leben lang gemieden. Und trotzdem bin ich nun an einen Dämon gebunden – einen mächtigen, eigensinnigen Gefährten, der mich überraschenderweise beschützt … im Tausch gegen Selbstgebackenes. Während wir versuchen, unseren verbotenen Pakt geheim zu halten, geraten wir in eine gefährliche Intrige voller dunkler Magie und uralter Machtspiele. Je tiefer Zylas und ich in dieses Netz aus Lügen und Verrat gezogen werden, desto klarer wird: Hinter jeder Fassade lauert Gefahr. Doch wenn wir die Wahrheit über das Grimoire meiner Familie ans Licht bringen wollen, bleibt uns nur eines: zusammenzuarbeiten. Auch wenn manche Geheimnisse stark genug sind, um uns beide zu zerstören.
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2026
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KEIN KUCHEN FÜR VAMPIRE
GUILD CODEX: DEMONIZED 2
Aus dem Englischen von Jeannette Bauroth
Über das Buch
Magie habe ich mein ganzes Leben lang gemieden. Und trotzdem bin ich nun an einen Dämon gebunden – einen mächtigen, eigensinnigen Gefährten, der mich überraschenderweise beschützt … im Tausch gegen Selbstgebackenes.
Während wir versuchen, unseren verbotenen Pakt geheim zu halten, geraten wir in eine gefährliche Intrige voller dunkler Magie und uralter Machtspiele.
Je tiefer Zylas und ich in dieses Netz aus Lügen und Verrat gezogen werden, desto klarer wird: Hinter jeder Fassade lauert Gefahr. Doch wenn wir die Wahrheit über das Grimoire meiner Familie ans Licht bringen wollen, bleibt uns nur eines: zusammenzuarbeiten. Auch wenn manche Geheimnisse stark genug sind, um uns beide zu zerstören.
Über die Autorin
Annette Marie schreibt leidenschaftlich gern Fantasy mit starken Heldinnen und hat eine Schwäche für spannende Abenteuer und verbotene Liebesgeschichten. Auch Drachen findet sie faszinierend und baut sie deshalb in (fast) jeden ihrer Romane ein.
Sie lebt in der eisigen Winterwüste (okay, ganz so schlimm ist es nicht) von Alberta in Kanada, zusammen mit ihrem Mann und ihrem pelzigen Diener der Dunkelheit – alias Kater – Caesar. In ihrer Freizeit steckt sie oft ellbogentief in einem Kunstprojekt und vergisst dabei gern mal die Zeit.
Deutsche Erstausgabe Februar 2026
© der Originalausgabe 2019: Annette Marie
© Verlagsrechte für die deutschsprachige Ausgabe 2026:
Second Chances Verlag, Inh. Jeannette Bauroth,
Hammergasse 7–9, 98587 Steinbach-Hallenberg
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Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.
Umschlaggestaltung: Juliana Fabula
unter Verwendung von Motiven von freepik.com
Lektorat: Julia Funcke
Schlussredaktion: Daniela Dreuth
Satz & Layout: Judith Zimmer
ISBN E-Book: 978-3-98906-109-5
ISBN Klappenbroschur: 978-3-98906-110-1
Auch als Hörbuch erhältlich!
www.second-chances-verlag.de
Titel
Über das Buch
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Ich war im Himmel.
Der muffige Geruch von Papier und altem Leder stieg mir in die Nase, und es kribbelte mir in den Fingern, weil ich unbedingt die geprägten Buchrücken um mich herum berühren wollte. Ich schlenderte zwischen den hohen Bücherregalen umher und ließ den Blick über die dicken Wälzer gleiten. Schließlich gab ich dem Drang nach und strich mit den Fingerspitzen über eine Reihe von Enzyklopädien.
Und das waren nicht einfach irgendwelche Enzyklopädien. Es handelte sich um die Komplettausgabe der Encyclopaedia Alchemia – sechzehn dicke Lederbände, in denen alle unter Mythikern bekannten Alchemiezutaten detailliert beschrieben waren.
Euphorie durchströmte mich, und ich gestattete mir einen kleinen Freudensprung, bevor ich mich wieder konzentrierte. So gern ich auch in Hundert Transmutationen für den Alltag geblättert oder Verteidigungsalchemie: ein Kompendium für Lehrlinge aus dem Regal genommen hätte, ich war nicht hier, um meine unendliche Neugier zu stillen. Ich hatte eine Mission. Daher verließ ich die Alchemie-Abteilung und betrachtete die Schilder, mit denen die Regalreihen gekennzeichnet waren.
Ich ging an »Arcana – Sprachwissenschaften«, »Arcana – Zaubersprüche und Beschwörungen«, »Arcana – Artefakte und Artefakt-Technik« und »Arcana – Geschichte« vorbei. Allein der letzte Bereich nahm drei Gänge ein.
Als Nächstes kam Elementaria. Ich übersprang Psychica und bog dann in den Gang zu Spiritalis ein. Dort musste ich einfach kurz stehen bleiben, um ein paar Titel zu lesen, darunter Ein Leitfaden zu Familiaren für junge Hexen, Macht korrumpiert: eine Fallstudie zur Subversion der Dunkelfeen und Ist Druidentum eine Anomalie? Eine Dissertation der Nordamerikanischen Zirkelpartnerschaft. Beim dritten Titel schüttelte ich den Kopf. Die leidenschaftliche gegenseitige Abneigung von Hexen und Druiden war unter Mythikern legendär.
Ich gelangte in einen weiteren Korridor, in dem die Schmalseiten der Regale auf beiden Seiten dahinmarschierten wie Holzsoldaten. Weiter hinten fand ich das Schild, nach dem ich gesucht hatte: »Dämonica«.
Bildete ich mir das ein, oder fiel ein kühler Schatten auf mich, als ich den Gang betrat?
Ich schaute zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war. Ah, eine Sichtschutzwand um einen Arbeitsplatz herum blockierte das Licht von den Fenstern vorn in der Bibliothek. Ich war tatsächlich in den Schatten getreten. Hatten die Bibliothekare diese dunkle Ecke absichtlich für den Bereich über höllische Ungeheuer und Seelenbindungsverträge ausgesucht?
Ich rückte meine Brille gerade und überflog die Titel. Im ersten Regal stand eine Reihe identischer Exemplare eines Buches, das ich kannte: Legale Dämonica: das Handbuch der Beschwörer. Nützlich, aber nicht das, was ich brauchte. Ich suchte weiter. Kontraktorkontrolle – Dämoneneinsatz für Fortgeschrittene, Die ultimative Waffe – Dämonica-Gilden in der modernen Gesellschaft, Die Geschichte der Beschwörung und Handbuch der Selbstverteidigung für Gelegenheitskontraktoren.
Ein Buch für Gelegenheitskontraktoren? Wer würde schon »bei Gelegenheit« seine Seele an einen Dämon verkaufen? Ich nahm es aus dem Regal und betrachtete den glänzenden, modernen Einband mit der auffälligen roten Schrift und dem Comic-Dämon auf der Vorderseite. Mit hochgezogenen Brauen schlug ich das Buch auf und las die Einleitung. Wie versprochen handelte es sich um einen Ratgeber für Kontraktoren, die ausschließlich die Grundlagen lernen wollten.
Ich blätterte um. Kapitel 1, »Erste Schritte«. Große, fröhliche Buchstaben mit bunten Überschriften in einer serifenlosen Schriftart füllten die Seite, neben einem weiteren Comic-Dämon, der diesmal ein gruseliges »Buh«-Gesicht machte.
Herzlichen Glückwunsch! Du bist jetzt Kontraktor!
Du gehörst nun zu der kleinen Gemeinschaft von Mythikern, die Dämonen befehligen. Du musst nie wieder um deine Sicherheit fürchten. Du musst nie wieder hinter einem angeberischen Magier oder einem arroganten Kampfzauberer zurückstehen. Du bist jetzt ein Mitglied der mächtigsten Klasse!
Zuerst musst du jedoch die Grundlagen der Dämonenkontrolle lernen.
Du fragst dich, wo du anfangen sollst? Beginnen wir damit, deinen Dämon zu rufen.
Alle Kontraktoren verfügen über einen »Infernus« – das Artefakt, das die Kraft deines Dämons enthält. Verlier ihn nicht! Ohne ihn kannst du deinen Dämon nicht kontrollieren. Trag ihn an einer Kette um den Hals, bewahre ihn in deiner Tasche oder Handtasche auf, oder lege ihn an einen leicht zugänglichen Ort zu Hause. Je weiter der Infernus von dir entfernt ist, desto schwächer ist die Verbindung zu deinem Dämon.
So wie dieses Buch geschrieben war, hätte man glauben können, dass jedermann einen Infernus einfach im örtlichen Dämonenladen kaufen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Dämonenkontrakte kosteten, aber ich war mir ziemlich sicher, dass schon der Startpreis sechsstellig war. Die meisten Leute dürften kaum so viel Geld ausgeben und dann zum Erlernen ihrer Kontrolltechnik nach einem effekthascherischen Handbuch greifen.
Üben wir nun gemeinsam den ersten Schritt im Umgang mit deinem Dämon. Es gibt zwei magische Befehle, die mit deinem Infernus verbunden sind, und du musst dir beide merken.
KOMM ruft deinen Dämon aus dem Infernus hervor.
Befehl: Δαῖμον, ἀναστῆθι
Daimon, anastethi! (DÄ-mon, a-na-STIE-thie)
GEH schickt deinen Dämon zurück in den Infernus.
Befehl: Δαῖμον, ἡσύχαζε
Daimon, hesychaze! (DÄ-mon, ie-SIE-tscha-se)
Üb die Aussprache der beiden Befehle. Wenn du so weit bist, nimmst du deinen Infernus in die Hand und konzentrierst dich auf den Ort, wo sich der Dämon manifestieren soll – nicht zu nah bei dir! Sprich nun den Befehl »Komm« aus. Ist der Dämon erschienen? Perfekt.
Vergiss nicht, Konzentration ist wichtig! Wiederhole die Befehle »Komm« und »Geh« so oft wie nötig. Sobald du damit vertraut bist, kannst du anfangen, die Befehle nur noch zu denken.
(Die Befehle funktionieren nicht? Tipps zur Fehlerbehebung findest du auf S. 12.)
Ich schnaubte beim Gedanken an eine Seite mit »Fehlerbehebungstipps« und stellte mir die Vorschläge dort vor. Der Dämon startet nicht richtig? Versuch, deinen Infernus aus- und wieder einzuschalten.
Unter normalen Umständen kontrollierte ein Kontraktor seinen Dämon wie eine Marionette und löste jede seiner Bewegungen über eine telepathische Verbindung aus. Darüber brauchte ich mir allerdings keine Gedanken zu machen, ich hatte nämlich keinerlei Kontrolle über meinen Dämon.
Was alles in allem ein erschreckendes Problem war.
Ich tippte auf die Seite. »›Es gibt zwei magische Befehle, die mit deinem Infernus verbunden sind.‹ Hm.«
Befehlswörter, die mit dem Infernus verbunden waren. Das könnte bedeuten, dass sie in den Vertrag oder in die Magie des Infernus eingebaut waren. Da ich keinen richtigen Vertrag hatte, vermutete ich, dass die Befehle nicht funktionieren würden, aber es gab nur einen Weg, das herauszufinden.
Ich balancierte das Buch auf einer Hand, holte mit der anderen meinen Infernus unter der Jacke hervor und hielt ihn gegen das Licht, wobei die Kette klimperte. Dann untersuchte ich den handtellergroßen silberfarbenen Anhänger. Er war vollkommen rund, flach und dünn, mit einem zackigen Emblem in der Mitte. Arcana-Runen verzierten den äußeren Rand.
Ich konzentrierte mich auf den leeren Gang einen Meter weiter und murmelte skeptisch: »Daimon, anastethi.«
Als rotes Licht den Infernus überzog, hätte ich ihn beinahe fallen gelassen. In einem hellen Strahl schoss es aus dem Anhänger hervor, traf auf die staubigen Fliesen und sammelte sich, wuchs nach oben, als würde es eine unsichtbare Form ausfüllen. Bei ungefähr ein Meter achtzig verdichtete sich das Licht zur mir vertrauten Gestalt meines Dämons.
Meines äußerst verärgerten Dämons.
Karmesinrote Augen starrten auf mich herab. Inmitten des unheimlichen Leuchtens waren die dunklen Pupillen, die sich unter dem grellen Licht der Deckenleuchten zu Schlitzen verengt hatten, kaum auszumachen. Vier kleine Hörner, zwei über jeder Schläfe, versteckten sich in seinen zerzausten schwarzen Haaren, und eine Mischung aus dunklem Stoff, robustem Leder und glänzender Metallrüstung bedeckte Teile seiner glatten, rotbraunen Haut.
Er verzog die Lippen und enthüllte spitze Eckzähne. »Was hast du getan, payilas?«
Dämonen lösten bei allen Panik aus, und ich war da keine Ausnahme – aber mein plötzliches Entsetzen hatte einen anderen Grund. Hektisch überprüfte ich, ob jemand das Lichtschauspiel bemerkt hatte.
Als niemand anfing, wegen eines Dämons in der Bibliothek herumzuschreien, schaute ich von dem Buch zu Zylas. Hatte ich … Hatte ich ihn aus dem Infernus gerufen?
»Payilas«, knurrte er.
»Ähm.« Zögerlich hob ich das Buch an. »Ich habe die Befehle für den Infernus gefunden?«
Seine lavaähnlichen Augen verengten sich, dann wandte er den Blick von mir ab und sah sich um. Er atmete ein und rümpfte angewidert die Nase.
»Was ist das hier für ein Ort?«, fragte er mit seiner rauen Stimme und dem fremdartigen Akzent.
»Es ist eine Bibliothek. Sie gehört zur Gilde Arcana Historia. Was bedeutet, dass du zurück in den Infernus gehen solltest, bevor dich jemand bemerkt.«
Er ließ seinen langen, dünnen Schwanz hin und her peitschen. Die beiden gekrümmten Widerhaken am Ende verfehlten nur knapp ein Regal mit unschätzbar wertvollen Texten. Zylas neigte den Kopf, als würde er lauschen.
»Es ist niemand in der Nähe.« Er deutete auf den Gang. »Ist hier das, was du brauchst?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe gerade erst angefangen zu suchen. Wirst du jetzt zurück in den Infernus gehen?«
Er verzog die Oberlippe und entblößte erneut seine Eckzähne.
Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Mein Dämon stand mitten in einer mythischen Bibliothek. Wenn ihn jemand sah, würde ich im besten Fall rausgeworfen werden. Im schlimmsten Fall würde ich als illegale Kontraktorin entlarvt und mit dem Tod bestraft werden.
Es war Zeit, den Befehl »Geh« auszuprobieren. Ich konzentrierte mich auf meinen Infernus. Daimon, hechaze!
Nichts passierte. Mist. Hatte ich mich mit dem Altgriechischen vertan? Latein konnte ich besser. Ich schaute auf das aufgeschlagene Buch hinab.
Es verschwand aus meiner Hand. Zylas hielt es hoch, als würde er überlegen, ob er es an Ort und Stelle zu Asche verbrennen sollte. Er drehte sich um, stellte sich auf die Zehenspitzen, griff nach dem obersten Regalbord und schob das Buch ganz nach hinten.
Dann wandte er sich zu mir um. Bei einer Körpergröße von knapp über eins fünfzig hatte ich ohne Leiter keine Chance, das Buch zu erreichen. Das wusste er. Mit zusammengepressten Lippen drehte ich ihm den Rücken zu und starrte finster auf das nächste Regal. Wie lautete dieser Befehl? Hecheze … hesachaze … hesychaza …
Warmer Atem strich über meinen Kopf.
Ich warf Zylas, der unangenehm nah hinter mir stand, über die Schulter einen bösen Blick zu. »Rück ein Stück weg. Ich kann mich nicht konzentrieren.«
»Konzentrieren auf was? Du machst doch gar nichts.«
Ich biss die Zähne zusammen. Das Einzige, was schlimmer war als ein ungehorsamer Dämon, war ein mürrischer ungehorsamer Dämon.
»Du hast seit Wochen nichts gemacht«, beschwerte er sich. »Tag für Tag nichts als Schlafen und Faulenzen und Schlafen …«
»Ich habe nicht geschlafen, weil ich faul bin«, fuhr ich ihn an. »Ich war krank. Ich hatte die Grippe.«
»Du hast versprochen, nach einem Weg zu suchen, wie ich nach Hause zurückkehren kann.«
»Und das tue ich auch. Gerade jetzt in diesem Moment. Oder ich würde es tun, wenn du aufhören würdest, mich ständig zu stören.« Ich griff nach einem beliebigen Buch. »Je mehr du mich ablenkst, desto länger wird es dauern.«
Endlich trat er zurück, nahm den Duft von Hickoryholz und Leder mit sich und entfernte sich in mürrischem Schweigen. Ich entspannte mich ein wenig und kämpfte gegen den Drang an, ihn zurück in den Infernus zu beordern. Je mehr ich ihn drängte, desto mehr würde er sich widersetzen.
Wenn ich in den sechs Wochen, seit wir durch einen Vertrag aneinander gebunden waren, eins gelernt hatte, dann war es, dass Zylas aufreizend stur war. Und absichtlich ungehorsam. Trotzig. Widerspenstig. Streitlustig bis zum Äußersten …
»Soll ich dich beschreiben, payilas?«
Seine gezischten Worte ließen mich erröten. Dank der telepathischen Verbindung, die es mir ermöglichen sollte, ihn zu kontrollieren, konnte er meine Gedanken hören. Nicht immer – es hing davon ab, wie intensiv ich etwas dachte –, aber oft genug, dass es völlig unfair war.
Ich tat so, als hätte ich ihn nicht im Geiste beleidigt, schlug das Buch auf, das ich in der Hand hielt, und betrachtete die Titelseite. Dämonenpsychologie: geborene oder gemachte Monster?
Hmm. Ich blätterte um und überflog die Einleitung.
Die Debatte um »Natur versus Erziehung« dominiert seit Jahrhunderten die Diskussionen in der Psychologie. Sind Menschen von Natur aus gut, oder ist Moral ein erlerntes Verhalten?
Auf den folgenden Seiten werden wir untersuchen, inwiefern dieses Konzept auf die außernatürlichen Wesen zutrifft, die als Dämonen bekannt sind. Obwohl die Psychologie in Theorie und Praxis nur für Menschen und Mythiker relevant ist, wenden wir unsere bewährten Diagnosemethoden nun auf die Psyche von Dämonen an.
Die Symptome, die bei Dämonen am häufigsten auftreten (Aggression, Gewalt, Mangel an Empathie, Mangel an Reue, Unfähigkeit, emotionale Bindungen einzugehen, Narzissmus, Manipulationsbereitschaft), würden bei den meisten Menschen schnell zur Diagnose einer antisozialen Persönlichkeitsstörung führen, besser bekannt als Psychopathie.
Es bleibt jedoch die Frage: Ist Gewalt bei Dämonen ein Produkt ihrer mysteriösen Heimat-Umgebung, oder sind sie, wie lange Zeit angenommen wurde, von Geburt an Monster?
Ich linste über den Rand des Buchs. Zylas kauerte am Ende des Ganges und spähte um die Ecke. Sein Schwanz peitschte hin und her.
Aggressiv, gewalttätig, manipulativ – ja, ja und ja. Empathielos, reuelos, egoistisch – drei weitere Häkchen. Ich runzelte die Stirn, als ich die Seite umblätterte und das Inhaltsverzeichnis überflog, um zu sehen, ob es ein schönes, übersichtliches »Schlussfolgerungen«-Kapitel gab, das ich lesen konnte. Ich biss mir auf die Lippe und schaute wieder hoch.
Der Gang war leer.
Mit einem entsetzten Keuchen schob ich das Buch ins nächstbeste Regal und sprintete zum Ende des Gangs. Dort öffnete sich ein breiterer Korridor mit Tischen, die an der Wand aufgestellt waren. Auf halbem Weg den Flur hinunter schlich mein Dämon, in seiner ganzen Pracht mit Hörnern, Schwanz, Leder und Rüstung, gerade am dritten Tisch vorbei.
Ich rannte so schnell auf ihn zu, dass ich gegen seinen Rücken prallte und fast meine Brille verloren hätte, ehe ich ihn am Arm packte und nach hinten zog – oder es zumindest versuchte. Ich hatte in etwa so viel Erfolg damit, als wäre ich eine Ameise.
»Was machst du da?«, flüsterte ich panisch. »Geh zurück in den Infernus, bevor dich jemand sieht!«
»Sei still«, zischte er.
Ich zerrte an seinem Ellbogen. »Du musst – hierher – zurück – kommen.«
Ein letzter Ruck an seinem Arm, dann rutschten meine Hände ab. Ich taumelte rückwärts, stieß hart gegen einen Stuhl, der laut gegen den Tisch klapperte und zur Seite kippte. Rasch fing ich ihn auf und stellte ihn wieder aufrecht hin. Die Beine knallten auf den Boden.
»Dahganul«, knurrte Zylas.
Mir blieb nur ein Moment dafür, mich über die neue Beleidigung zu ärgern – es war definitiv eine Beleidigung, auch wenn ich nicht wusste, was sie bedeutete –, bevor ich das deutliche Geräusch von High Heels hörte, die auf Fliesen klackerten. Ich stürzte mich auf Zylas, als könnte ich ihn gewaltsam zurück in den Infernus zwingen – nur dass das rote Strahlen, das damit verbunden wäre, auf die herannahende Bibliothekarin wie ein Leuchtfeuer wirken würde.
Zylas warf mir einen vernichtenden Blick zu, ging dann in die Hocke und schlüpfte zwischen zwei Stühlen hindurch. Er verschwand unter dem Tisch.
Als das autoritäre Klacken der Absätze lauter wurde, geriet ich völlig in Panik und kroch hinter ihm her. Die Stühle, die unter den Tisch geschoben waren, und die Wand dahinter ließen nur ein schmales Rechteck frei, und Zylas nahm den größten Teil davon ein. Es war zu spät, um mich zurückzuziehen, also quetschte ich mich neben ihn.
Wobei es gar nicht notwendig gewesen wäre, sich vor der Bibliothekarin zu verstecken. Sie war eine Bibliothekarin. Ich musste an meiner irrationalen Angst vor Konfrontationen arbeiten.
Die Schritte kamen näher, dann wurden sie langsamer, ein paar Tische entfernt. Ich hielt den Atem an.
Mit Augen, die im Schatten glänzten, beugte sich Zylas zu mir und flüsterte: »Beweg dich.«
Ich schreckte vor der Nähe seines Gesichts zurück. »Was?«
»Beweg dich, payilas.«
»Warum? Wir müssen …«
»Du sitzt auf meinem Schwanz.«
Zu spät bemerkte ich, dass der Boden unter meinem Hintern uneben war, und zu meiner Rechten entdeckte ich den Rest seines Schwanzes, der sich über den Boden schlängelte. Mein Gesicht wurde heiß.
»Ich kann mich nirgendwo hinbewegen. Kannst du nicht einfach warten?« Seine Antwort bestand lediglich aus einem finsteren Blick. Ich zischte: »Das ist alles deine Schuld. Warum wanderst du herum, wo dich jeder sehen kann?«
»Niemand hätte mich gesehen. Du hast den Lärm gemacht, nicht ich.«
Die Bibliothekarin kam näher, und ich unterdrückte meine Erwiderung. Ein Paar schwarzer Pumps und eine graue Hose tauchten in meinem Blickfeld auf. Die Frau marschierte am Tisch vorbei, und ihre Schritte wurden leiser, als sie zur hintersten Ecke der Bibliothek weiterging.
»Du bist nutzlos«, fügte Zylas gnadenlos hinzu. »Du gehst laut, redest laut und atmest laut …«
»Ich atme nicht laut.« Ich richtete mich auf, kroch von seinem albernen Schwanz herunter und krabbelte in die Lücke zwischen zwei Stühlen.
Zylas packte den Saum meines Pullovers und riss mich zurück. Ich fiel nach hinten und landete mit einem dumpfen Schlag auf seinem Schoß. Er presste seine warme Hand auf meinen Mund.
Ein Paar Herrenlederschuhe kam in Sicht, die im Vergleich zu den klackernden Absätzen der Frau fast geräuschlos über den Fliesenboden liefen. Der Mann schritt an unserem Versteck vorbei und verschwand in einem Gang.
Zylas atmete gegen meine Wange – dann drückte er seine Nase unter mein Ohr. Ich quietschte in seine Hand und wand mich von seinem Gesicht weg. Sein raues Lachen war mehr Vibration als Geräusch. Er schob mich von seinem Schoß, kroch mit mehr Anmut, als eigentlich möglich hätte sein sollen, über meine Beine und schlüpfte zwischen die Stühle. Leise vor mich hin schimpfend folgte ich ihm eilig.
Bis ich wackelig aufstand, war er bereits wie ein Geist den Gang entlanggeschlichen – nicht zurück in die Dämonica-Ecke, sondern zur Vorderseite der Bibliothek.
»Zylas!« Ich eilte zu ihm, diesmal leise. »Wohin gehst du?«
Er hielt inne und ließ den Blick über die Gänge schweifen. »Hier entlang.«
»Wohin? Was machst du …«
Mit leisen Schritten betrat er einen kurzen Flur. Am Ende befand sich eine Tür mit einem Toilettenschild, aber Zylas interessierte sich für eine andere mit der Aufschrift »Nur für Gildemitglieder«.
»Wir dürfen da nicht rein«, sagte ich zu ihm.
Er griff nach dem Knauf. Weißes Licht zuckte darüber – eine Art Arcana-Zauber. Ein blasses Knistern lief über Zylas’ Knöchel und sein Handgelenk hinauf. Er kniff die Augen zusammen und rammte dann die Schulter gegen die Tür. Der Rahmen brach, und die Tür schwang auf. Der Zauber, der in den Knauf eingelassen war, war nutzlos gewesen.
Mist, er hatte die Tür kaputt gemacht. Wie sollte ich das erklären?
»Zylas, wir können nicht …«
Er ignorierte mich und trat ein. Warum überraschte mich das nicht?
Der Raum war dunkel, die Luft staubig. Ich tastete mich an der Wand entlang, fand einen Lichtschalter und drückte ihn. Neonröhren summten beim Einschalten.
Alles wirkte so vertraut. Auf einem langen Tisch stapelten sich Bücher in verschiedenen Stadien der Zerlegung. Werkzeuge, wie meine Mutter sie jeden Tag benutzt hatte, lagen auf der Arbeitsfläche – Klingen und Schneidewerkzeuge, Kleber, Schnur, Lederpressen, Stifte und Tinte. Eine große Lupe an einem verstellbaren Arm war über dem aktuellen Projekt des Buchrestaurators positioniert.
Zylas glitt zum Tisch, hielt inne, um tief einzuatmen, und wandte sich dann den Schränken an der Wand zu. Er steuerte auf den Eckschrank zu, dessen Metalltüren mit einem schweren Vorhängeschloss gesichert waren.
Ich eilte an seine Seite. Das Schloss hatte kein Schlüsselloch und war mit einer Reihe von Runen verziert. »Was ist das?«
Er schnupperte in der Luft. »Ich rieche Blut.«
Adrenalin ließ meinen Magen einen Salto schlagen. »Blut« stand nicht mal auf der Liste der Antworten, die ich erwartet hatte.
»Alt. Schwach.« Sein Schwanz zuckte zur Seite. »Der Geruch von Dämonenblut und Magie.«
Er griff nach dem Vorhängeschloss, aber ich packte sein Handgelenk. Ich zweifelte nicht daran, dass er es mit roher Kraft oder Magie aufbrechen konnte, doch genau das war das Problem.
»Nicht«, flüsterte ich eindringlich.
Sturheit trat in seinen Blick. Ich kannte diesen Ausdruck – den »Ich werde genau das Gegenteil von dem tun, was du willst, nur um zu beweisen, dass ich es kann«-Ausdruck.
Wenn er das Schloss zerstörte, würde ich in großen Schwierigkeiten stecken.
Ich zog an seinem Arm und bemühte mich hektisch, die Buchseite mit den Infernus-Befehlen vor meinem geistigen Auge aufzurufen. Zylas verzog den Mund und griff erneut nach dem Vorhängeschloss, wobei er mich an seinem Arm mitschleifte.
Von Panik erfasst, erinnerte ich mich plötzlich wieder an das Altgriechische. »Daimon, hesychaze!«
Karmesinrote Energie umschlang seine Gliedmaßen. Ich erhaschte einen Blick auf seine leuchtenden Augen, weit aufgerissen und wütend, kurz bevor sein Körper sich in Licht auflöste und zurück in den Infernus verschwand. Ich steckte den Anhänger unter meine Jacke und atmete schneller, als es die Situation erforderte.
Ich hatte Zylas in den Infernus gezwungen. Es war das erste Mal, dass ich ihn zu irgendwas gezwungen hatte.
Im Flur draußen klapperten Absätze. Meine Hochstimmung schwand und wurde von Angst ersetzt. Die Schritte wurden lauter, dann trat die Bibliothekarin durch die offene Tür. Schock und Wut standen ihr ins Gesicht geschrieben.
Dieser verdammte Dämon.
Manchmal hatte es auch seine Vorteile, eine winzige, heimatlose Zwanzigjährige zu sein. Meine schauspielerischen Fähigkeiten waren nicht besonders gut, aber ich musste meine tränenreichen Entschuldigungen samt Händeringen gegenüber der Bibliothekarin gar nicht vortäuschen. Es fiel mir auch nicht schwer, zu behaupten, dass ich die Tür nicht aufgebrochen hatte. Ich war auf dem Weg zur Toilette gewesen, als ich bemerkt hatte, dass sie offen stand. Das war alles.
Sie entschied, dass ich zu jung, zu unschuldig und zu schwach war, um magisch verschlossene Türen aufzubrechen, seufzte, forderte mich auf zu gehen und begann, den Restaurierungsraum auf fehlende Gegenstände zu untersuchen. Gott sei Dank hatte ich Zylas davon abgehalten, das Vorhängeschloss am Schrank zu zerstören.
Eine halbe Stunde später stieg ich im heruntergekommenen Downtown Eastside aus dem Bus. Die kalte Luft kündigte Regen an, und ich zog meine Jacke enger um mich, um mich vor dem Dezemberwind zu schützen. Da ich keine Lust hatte, länger als nötig dort herumzutrödeln, eilte ich an einer verwahrlosten Motorradwerkstatt und einem Tattoo-Studio mit vergitterten Fenstern vorbei.
Zwanzig Meter weiter stand ein dreistöckiges, würfelförmiges Gebäude zwischen einem kleinen Parkplatz und einer Baustelle. Der Eingang lag im Schatten und verlor sich fast in der schmucklosen Fassade. Ich holte mein Handy heraus, überprüfte, ob ich neue Nachrichten hatte – nein –, und schickte dann eine kurze SMS an Amalia, um sie daran zu erinnern, nicht zu spät zu kommen.
Ich nahm all meinen Mut zusammen – das war meine Gilde, ich sollte keine Angst vor ihr haben – und näherte mich der Tür, deren schwarzes Holz das verblasste Bild einer Krähe auf einem Hammer zierte. Darüber stand in altenglischer Schrift »Crow and Hammer«. Seit meinem ersten Besuch hier war über ein Monat vergangen, und in dieser Zeit war ich nur wenige Male hier gewesen. Zum einen, weil ich die schlimmste Grippe meines Lebens gehabt hatte – wahrscheinlich eine Folge von dem ganzen Stress zuvor –, und zum anderen, weil … nun ja …
Mit einem zittrigen Atemzug erinnerte ich mich daran, dass ich eine knallharte Dämonenkontraktorin war, und stieß die Tür auf. Geräusche drangen heraus, plaudernde Stimmen hießen mich in der Wärme und im Licht willkommen. Ich schlüpfte hinein.
Der Pub war gleichermaßen gemütlich und geräumig. Holzstühle umgaben die polierten Tische, und dunkle Balken zogen sich über die Decke. Gegenüber der Tür erstreckte sich eine Bar entlang der Rückwand des Pubs, davor standen Barhocker in Reih und Glied. An der Wand über den Spirituosenregalen war ein riesiger Streithammer befestigt.
Ich ging zum nächstbesten Tisch und hielt mich dabei bewusst von den kleinen Mythiker-Gruppen an der Bar fern. Alle waren damit beschäftigt, sich auszutauschen, und Gelächter untermalte die lebhaften Gespräche. Heute Abend fand das monatliche Treffen der Gilde statt, und sämtliche Mitglieder versammelten sich für eine Stunde voller Neuigkeiten, Präsentationen und Gruppentraining.
Ich rieb mir die Hände, um sie zu wärmen, und gestattete mir, mich zu entspannen. Es war gar nicht so übel. Die Atmosphäre hier war tausendmal besser als die in meiner letzten Gilde. Ich traute mich sogar, meine Jacke auszuziehen und sie über die Rückenlehne eines Stuhls zu hängen.
Keiner hatte mich bemerkt, und das war mir sehr recht. Aufmerksamkeit zu erregen, stand auf der Liste meiner Lieblingsaktivitäten ganz unten, besonders hier, wo sich alle kannten – und ich niemanden.
Die Tür zur Gilde wurde aufgerissen, begleitet vom fröhlichen Klingeln der Glocke darüber. Eine große, schlanke Frau, etwas älter als ich, und ein noch größerer, kräftig gebauter Mann marschierten herein. Sie trug die dunklen Haare offen, er hatte seine zu einem Knoten oben auf dem Kopf zusammengefasst.
»Wir sind da!«, rief der Mann. »Und diesmal sogar pünktlich!«
Ein leises Lachen ging durch den Raum, alle drehten sich zu ihnen um und winkten ihnen zur Begrüßung zu.
»Kier, Kaveri!«
»Wow, sie sind pünktlich!«
Das Paar schlängelte sich durch die Gruppe. Die Neuankömmlinge hatten mich nicht bemerkt, aber bei ihrem Eintreffen hatten mich andere entdeckt. Ich konnte mich nicht länger in der Ecke verstecken, ohne total merkwürdig zu wirken. Also schluckte ich meine Angst hinunter und folgte den beiden, wobei mich jeder Schritt der beängstigenden Aussicht auf soziale Interaktion näher brachte.
Ich sah mich unter den Mitgliedern des Crow and Hammer um. Altersmäßig rangierten sie zwischen »gerade volljährig« und den mittleren Jahren, und viele von ihnen strahlten eine gewisse Härte aus. Instinktiv wandte ich mich einer Gruppe zu, die mir vom Alter her am nächsten war, aber als ich ihre Blicke auffing, traf mich die Feindseligkeit darin wie eine eisige Welle.
Das war der andere Grund, warum ich keine Zeit in der Gilde verbracht hatte.
»Na, na«, sagte ein großer Mann mit braunen Haaren und einem dichten Bart, der es schwer machte, sein Alter abzuschätzen. »Wenn das nicht die kleine Kontraktorin ist.«
Ein schlaksiger Typ neben ihm musterte mich mit einem breiten Grinsen von Kopf bis Fuß, als würde er überlegen, ob er mich mit einer Hand hochheben könnte.
Eine Frau Mitte zwanzig drängte sich zwischen die beiden. Ihr hellblondes Haar war feucht, als hätte sie gerade geduscht. »Wir haben gewettet, ob du auftauchen würdest. Du bist bisher ja zu nichts anderem erschienen.«
Hatte ich während meiner Krankheit Gildeveranstaltungen versäumt? Niemand hatte mich darüber informiert.
Ich kämpfte gegen das drohende Hyperventilieren an und hob den Blick. »Ich wollte nichts verpassen, aber ich war …«
»Ich kann kein Wort verstehen«, unterbrach sie mich laut. »Mach doch den Mund richtig auf.«
Mein Gesicht glühte, und ich konnte mein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Ich krallte die Hände in die langen Ärmel meines schwarzen Pullovers und versuchte zu antworten, aber mein Kopf war wie leer gefegt. Am liebsten wäre ich im Boden versunken.
»Du bist sehr mysteriös«, stellte der Schlaksige fest. »Wir wissen bisher gar nichts über dich. Wie bist du zu Dämonica gekommen?«
Ich spähte durch meine Ponyfransen hindurch nach oben und drückte meine Ärmel fester, während ich herauszufinden versuchte, ob er wirklich neugierig war oder mich bloßstellen wollte.
»Also?«, fragte der große Mann und trat näher. »Welche Ausbildung hast du abgeschlossen? Wie lange bist du schon Kontraktorin?«
Diese Fragen waren definitiv nicht freundlich gemeint.
»Du hast den ungebundenen Dämon getötet, nicht wahr?« Die blonde Frau schnaubte abfällig. »Wie hast du das geschafft?«
Indem ich meinen illegal unter Vertrag genommenen Dämon die ganze Arbeit hab machen lassen. Aber das konnte ich nicht sagen. Sie warteten gespannt, also murmelte ich: »Der ungebundene Dämon war bereits verletzt.«
Von dieser Antwort waren sie nicht beeindruckt.
Der große Kerl spottete: »Warum bist du überhaupt Kontraktorin? Was will ein kleines Mädchen wie du mit einem Dämon?«
Ich zuckte zusammen und überlegte, ob ich eine Ausrede erfinden sollte, um zu verschwinden. Aber wohin sollte ich gehen? Die Anwesenheit beim monatlichen Treffen war obligatorisch.
»Wer hat die Moscow Mules bestellt?«, ertönte eine weibliche Stimme über das Stimmengewirr hinweg. »Kommt her und holt sie, bevor ich sie nach euch werfe.«
Aufgeschreckt spähte ich zur Bar hinüber, wobei mir plaudernde Gildemitglieder die Sicht versperrten. War das die Barkeeperin, die da gerufen hatte? Durfte sie Leute so bedrohen?
Der große Mann trat näher, er überragte mich um mehr als einen Kopf. Die Mienen der wenigen Mythiker, die in unsere Richtung schauten, waren neutral, und niemand kam zu meiner Verteidigung. Ich konnte es in den Untertönen der Gespräche um mich herum hören, in ihren aggressiven Fragen: Außenseiterin. Ich war ein Eindringling in ihrer Gilde.
Tränen stiegen mir in die Augen, und ich presste die Lippen aufeinander, bevor ihr Zittern mich verriet.
»Hey, Neuling!«
Ich zuckte erneut zusammen. War das an mich gerichtet? Mein Blick glitt über fremde Gesichter hinweg und fand eines, das ich tatsächlich kannte. Irgendwie. Nicht wirklich.
»Hier rüber«, befahl die rothaarige Barkeeperin herrisch. Ich blinzelte verwirrt – aber ich würde garantiert nicht mit ihr diskutieren. Ich duckte mich um den großen Mann herum, eilte an einer anderen Gruppe vorbei und blieb unsicher an der Bar stehen. Die Frau zeigte auf den Hocker gegenüber von ihr, also kletterte ich darauf und stellte meine Zehen auf die Fußstütze.
Sie musterte mich eindringlich aus grünbraunen Augen. Auf ihrer Nase und ihren Wangen prangten Sommersprossen. Ihre wilden Locken waren feucht und glänzend – warum sah die Hälfte der Mythiker hier aus, als kämen sie gerade aus dem Schwimmbad? – und hingen ihr über die Schultern. Vor sechs Wochen war ich dieser Frau während eines Dämonenangriffs begegnet. Nachdem Zylas Tahēsh getötet hatte, war sie mit drei Männern in ein Auto gesprungen und vom Tatort geflohen.
Meiner Meinung nach war sie hier die Verdächtige, aber sie musterte mich, als könnte sie mir mit ihrem Blick die Haut abziehen. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
Dann streckte sie mir zu meiner Überraschung die Hand entgegen. »Ich bin Tori.« Sie war die erste Person, die sich mir vorstellte.
Ich nahm ihre Hand und schüttelte sie vorsichtig. »Robin.«
»Möchtest du etwas trinken?«
Jemand stellte mir eine höfliche Frage? »Äh …«
»Hey!« Der große, aggressive Typ schubste einen kleinen Mann mit runder Sonnenbrille aus dem Weg. Sein finsterer Blick machte nur allzu deutlich, dass ich mich unserem »Gespräch« nicht so leicht entziehen konnte. »Wo ist dein Infernus? Bist du überhaupt Kontraktorin, oder tust du nur so …«
»Darren, halt die Klappe, bevor du mit deinem Geschwafel die ganze Bar kontaminierst.«
Mir klappte die Kinnlade herunter, und ich schaute Tori an.
Der große Mann wirbelte zu ihr herum. »Ich sage nur, was alle denken …«
»Niemand hat dich gefragt.«
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Tori starrte Darren böse an und beugte sich dann zu mir herüber. »Lass dich von ihm nicht herumschubsen.«
Mich herumschubsen? Mein Blick huschte zu ihm, danach zu der kalten blonden Frau, dem grinsenden Kerl und den anderen, die keinen Finger gerührt hatten, um ihr neues Mitglied zu verteidigen. Wieder einmal bemerkte ich ihre unterschwellige Härte, die raue Seite, die sich hinter ihrer unscheinbaren Fassade verbarg. Ich hatte gedacht, diese Gilde sei viel sanfter als Grand Grimoire, aber vielleicht hatte ich mich geirrt.
Zylas, hörst du das?, fragte ich ihn lautlos, während ich vorsichtig in den Ausschnitt meines Pullovers griff und meine Finger um den kühlen Silberanhänger schloss. Ich zog ihn heraus. Darrens Blick folgte meiner Hand. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen Neugier und Spott.
»Möchtest du meinen Dämon sehen?«, erkundigte ich mich bei ihm. »Jetzt gleich?«
Er verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust. »Ja, zeig mal.«
Ich fuhr mit dem Daumen über den Infernus. Spielen wir unser Spiel, Zylas.
Der Anhänger leuchtete karmesinrot auf. Energie floss nach unten, traf auf den Boden und sammelte sich zur Gestalt meines Dämons. Das Leuchten wurde zu einem festen Körper und verblasste dann. Zylas stand still und schweigend da und schaute ausdruckslos ins Leere, die perfekte Imitation eines versklavten Dämons ohne eigenen Willen.
Trotz seiner widerspenstigen Trotzhaltung war Zylas intelligent. Er wusste, dass dieser Moment zu entscheidend war für Ungehorsam. Unser beider Leben hing von seinen schauspielerischen Fähigkeiten ab.
Bei seinem Erscheinen ging ein Raunen durch den Pub, und ich widerstand dem Drang, mich kleinzumachen. Jetzt hatten wir die Aufmerksamkeit aller. Sie starrten Zylas an, musterten ihn, bildeten sich ein Urteil, und er konnte nichts anderes tun, als dazustehen und es zu ertragen. Zumindest lachte diesmal niemand.
»Ist das dein Ernst?«
Oder vielleicht hatte das Lachen einfach noch nicht begonnen.
»Das ist dein Dämon?« Darren stellte sich dicht vor Zylas und grinste ihn an. »In meinem ganzen Leben ist mir noch kein so kleines, erbärmliches Exemplar untergekommen!«
Die blonde Frau flüsterte dem schlaksigen Kerl spöttisch zu: »Glaubst du, sie hat ihn billig gekriegt, weil er so ein Wicht ist?«
Als Darius, der Gildemaster des Crow and Hammer, mir erlaubt hatte beizutreten, hatte ich gehofft, dass es hier anders sein würde als bei Grand Grimoire, aber vielleicht waren alle Gilden gleich. Vielleicht waren Zylas und ich zu klein und zu schwach, als dass uns irgendjemand respektieren würde.
Die stachelige Spitze seines Schwanzes zuckte ganz leicht, was die Mythiker um uns herum zum Glück nicht bemerkten.
»Habt ihr nicht was vergessen, ihr Knalltüten?« Toris bissige Bemerkung unterbrach meine Gedanken. »Robin und ihr Dämon haben an Halloween den Ungebundenen getötet. Offensichtlich sind sie nicht schwach.«
Sie verteidigte uns?
»Nicht schwach?«, spottete Darren. Er bewegte seine Hand auf Zylas zu. »Dieses Ding könnte nicht mal …«
Oh, oh, das war nicht gut. »Fass ihn nicht an.«
Darrens Hand stockte, dann rammte er Zylas ungerührt seine Handfläche gegen die Brust. Der Dämon rührte sich nicht, Darren stolperte rückwärts und verlor das Gleichgewicht. Kopfschüttelnd blickte er auf seine Hand hinab, als wäre er verwirrt, weil seine kräftigen Muskeln dem kleineren, leichteren Dämon nichts anhaben konnten.
Er hielt uns für schwach. Niemand hier respektierte uns. Unerwünscht und unbeachtet … aber was hatte Tori gesagt? Lass dich von ihm nicht herumschubsen.
Ich drückte meinen Daumen gegen das Siegel in der Mitte des Infernus. Zylas?
Ich brauchte den Gedanken nicht zu Ende zu führen – seine Hand schloss sich bereits um Darrens Kehle. Mit einer Kraft, von der der Mythiker nur träumen konnte, hob ihn Zylas hoch und knallte ihn auf die Bar.
Nicht zu grob, warnte ich ihn.
Er beugte Darren nach hinten über den Tresen. Der Mythiker stotterte und strampelte hilflos. Alle anderen hatten sich mit schockierten und ängstlichen Mienen zurückgezogen. Es widerstrebte mir zutiefst, dass wir unsere Stärke beweisen mussten, aber das hier lief immerhin viel besser als das letzte Mal. Zylas machte angemessen Eindruck, ohne die Hälfte der Gilde verprügeln zu müssen.
Ich rückte meine Brille zurecht, wandte mich der Barkeeperin zu und zwang mich zu einem Lächeln. »Könnte ich bitte ein Wasser haben, Tori?«
Ihr Mund stand offen, und ihr Blick huschte zwischen mir und Zylas hin und her. Dann riss sie sich zusammen, grinste mich an und stellte ein Glas auf die Theke. Zylas hielt Darren weiter gegen die Bar gedrückt, unbewegt wie eine Statue und wahrscheinlich unendlich gelangweilt. Jemanden reglos festzuhalten, war definitiv nicht gewalttätig genug für seinen Geschmack.
Noch eine Minute, sagte ich ihm. Dann …
Sein Kopf schnellte hoch.
Wie eine aufgeschreckte Herde Rehe sprangen alle Mythiker um uns herum ein Stück nach hinten. Was machte er da?
Zurück in den Infernus!, befahl ich eindringlich.
Karmesinrotes Licht huschte über ihn hinweg, löste seine Gestalt auf und strömte in den Infernus. Sobald Zylas verschwunden war, steckte ich den Anhänger weg und sah mich um, in der Hoffnung, dass niemand fragen würde, warum mein Dämon plötzlich hochgeschaut hatte. Darren stolperte von der Bar weg und rieb sich die Kehle.
Ich spähte in die Richtung, in die Zylas geblickt hatte.
Drei Männer waren am Ende der Bar aufgetaucht. Der Rothaarige in der Mitte, der ein paar Zentimeter größer war als die anderen beiden, beobachtete mich aus eindringlichen blauen Augen. Selbst sein Stirnrunzeln konnte seinen attraktiven Gesichtszügen nichts anhaben. Links von ihm stand ein dunkelhaariger Mann mit schlankerem Körperbau und einem Aussehen, das nicht nur gut, sondern geradezu umwerfend perfekt war. Sein Gesichtsausdruck war unlesbar, seine dunklen Augen blickten an mir vorbei. Der dritte Mann, der von der Größe her zwischen den beiden anderen lag, fuhr sich mit den Fingern durch das zerzauste braune Haar. Der Bronzeton seiner Haut wurde von einer Narbe unterbrochen, die von seiner linken Schläfe über sein Auge bis auf die Wange verlief.
Auch sie erkannte ich wieder: die drei Männer, die nach Tahēshs Tod mit Tori geflohen waren. Und unter ihnen verbarg sich ein Dämon.
Ich wusste nicht, wie das möglich war, aber Zylas war sich sicher. In dieser Nacht war ein dritter Dämon da gewesen, einer, der mächtige Magie einsetzte. Der Geruch des unbekannten Dämons haftete an Tori und diesen drei Männern.
Ein Wasserglas, in dem Eis klirrte, wurde vor mir abgestellt. Ich schaute hoch.
In Toris Augen brannte Misstrauen, ihre vollen Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Sie wusste, dass Zylas etwas Seltsames getan hatte. Sie hatte gesehen, wie er Tahēsh mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit bekämpft und getötet hatte, zu der ein vertraglich gebundener Dämon nicht fähig sein sollte.
Aber ich hatte gesehen, wie sie und ihre Begleiter vom Tatort geflohen waren. Ich wusste, dass sie selbst ein dämonisches Geheimnis hüteten.
Ich legte meine Hand um das kalte Glas und nickte ihr kaum merklich zu. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einem Mythiker zu, der darauf wartete, bedient zu werden, und als sie ihn nach seinem Getränkewunsch fragte, atmete ich zittrig aus. Diese Gilde sollte mein Zufluchtsort sein, aber vielleicht war sie in Wirklichkeit eine getarnte Schlangengrube.
Darius bat alle um Aufmerksamkeit. Er stand in der Nähe der Treppe, die zum ersten Stock führte. Sein grau meliertes Haar war nach hinten gekämmt und sein Bart ordentlich gestutzt – anders als bei unserer letzten Begegnung, als er einen Gandalf-Bart getragen hatte. Die Mitglieder seiner Gilde besetzten die Tische, fünfzig Personen, die ihren Anführer mit respektvoller Aufmerksamkeit beobachteten.
Tori stand hinter der Bar, die Ellbogen auf die Theke und das Kinn auf eine Hand gestützt. Ihre drei Freunde saßen auf Hockern vor ihr. Keiner von ihnen hatte mir seit Zylas’ Rückkehr in den Infernus Beachtung geschenkt.
Einige andere Barhocker waren belegt, ebenso wie fast alle Stühle … außer den drei leeren um meinen Tisch herum. Mein Magen zog sich zusammen bei dieser unausgesprochenen Ablehnung. Amalia sollte hier bei mir sein, aber – ich schaute erneut auf mein Handy – sie war immer noch nicht aufgetaucht. In ihrer letzten Nachricht vor zwanzig Minuten hatte gestanden, sie sei auf dem Weg. In Amalia-Sprache bedeutete das, dass sie in einer Stunde eintreffen würde.
»Für den Sicherheitsbeitrag heute Abend«, begann Darius mit lauter Stimme, damit ihn alle im Pub hören konnten, »wird Felix einen Vergleich zwischen den diesjährigen Arbeitsrisikobewertungen und den Unfallberichten vorstellen. Aber bevor wir uns mit diesem spannenden Thema befassen« – ein kurzes Lächeln –, »wollen wir die Leistungen von Mitgliedern im letzten Monat hervorheben.«
Er zog ein Blatt Papier aus seiner Tasche und faltete es auseinander.
»Zunächst einmal gratulieren wir Katherine zur Veröffentlichung ihres Artikels ›Wirkstoffkontrolle bei der alchemistischen Kristallisation‹ in der renommierten Fachzeitschrift Moderne Alchemie.«
Die Mitglieder vom Crow and Hammer klatschten und jubelten einer älteren Frau mit kurzem braunen Haar und Lachfalten um die Augen zu. Sie bedankte sich mit einer gespielten Verbeugung auf ihrem Platz.
»Eine besondere Auszeichnung geht an Philip«, fuhr Darius fort, »der vor dem Vollmond im letzten Monat erfolgreich einen neuen Gestaltwandler identifiziert, aufgespürt und exorziert hat.«
Während Applaus für einen Mann mittleren Alters mit freundlichem Lächeln ertönte, traf mich eine eisige Brise im Rücken. Ich schaute über meine Schulter und entdeckte eine zierliche Frau, die durch die Tür hereinschlüpfte. Sie war in eine Lederjacke gehüllt und hatte die Kapuze hochgezogen. Leise schloss sie die Tür, wobei sie versuchte, das verräterische Klingeln der Glocke zu dämpfen. Auf ihrem Rücken war ein riesiges Breitschwert festgeschnallt, dessen Griff über ihre Schulter ragte.
»Andrew führte Gwen, Bryce und Drew bei der Suche nach einem abtrünnigen Terramagier an, und sie sicherten sich nicht nur die Belohnung, sondern schafften das auch noch, kurz bevor ein Team von Pandora Knights eintraf.«
Die Gildemitglieder jubelten. Die zu spät Gekommene zögerte, ließ sich dann auf den Stuhl neben mir gleiten und zog ihre Kapuze herunter.
Ich hatte sie schon einmal gesehen! In der Nacht, als ich Grand Grimoire bei der Jagd auf Tahēsh geholfen hatte, hatte ich sie mit einem Team von drei anderen beobachtet, die ebenfalls die Straßen der Innenstadt durchkämmten.
Aus der Nähe konnte ich erkennen, dass sie Anfang dreißig war, mit großen braunen Augen in einem zarten Gesicht, einem blonden Pixie-Cut mit hellblauen und rosa Strähnchen und vier Piercings in einem Ohr. Ein Tattoo schlängelte sich an einer Seite ihres Halses entlang, zum größten Teil war es wohl unter dem Kragen verborgen. Sie strich sich die zerzausten Ponyfransen aus der Stirn und warf mir ein Lächeln zu.
Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der so cool war. Ich wollte so sein wie sie, wenn ich groß war.
»Zu guter Letzt«, sagte Darius, »gratulieren wir Aaron und Kai zur Festnahme von vier gesuchten Abtrünnigen mit einer Kopfprämie von insgesamt über zwanzigtausend Dollar. Und eine besondere Erwähnung verdient ihr fünfter Einsatz in diesem Monat – mit Tayes Hilfe verfolgten sie den berüchtigten Sunset-Beach-Stalker vom Stanley Park bis nach Yaletown … nur um festzustellen, dass sie in Wirklichkeit einem Hund auf der Spur gewesen waren.«
Lachen brandete auf. Ich reckte den Hals, um herauszufinden, wen Darius damit meinte.
»Da drüben«, flüsterte die Frau neben mir und zeigte auf die drei Männer, die vor Tori saßen. »Kai, Aaron und Ezra.«
»Ein sehr freundlicher Labrador Retriever«, fuhr Darius über das ausgelassene Gelächter hinweg fort, »wurde umgehend seiner erleichterten Besitzerin zurückgebracht. Aaron, wie hoch war die Belohnung?«
»Ich habe zwei Umarmungen und einen Kuss auf die Wange bekommen«, verkündete der rothaarige Mann stolz. »Kai ihre Telefonnummer.«
Ein Chor aus Pfiffen antwortete ihm. Der dunkelhaarige Mann neben Aaron winkte lässig ab, und Tori verdrehte die Augen.
Die Frau an meinem Tisch lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Ich fand ja, dass die drei Jungs allein schon für genug Aufregung sorgen, aber dann haben sie Tori als Unruhestifterin Nummer vier adoptiert.«
Ich blinzelte sie an.
Lachend streckte sie mir eine Hand entgegen. »Ich bin Zora. Du musst Robin sein, die neue Kontraktorin.«
Ich schüttelte ihre Hand. »Freut mich, dich kennenzulernen. Das ist ein großes Schwert.«
Eine herausragende Demonstration meiner Fähigkeit zu geschickter Konversation.
Zora grinste über meine unbeholfene Bemerkung. Als Darius zu den Unfallberichten überging, beginnend mit einer Zauberanordnung, die explodiert war – ausgerechnet auf dem Parkplatz –, schnallte sie ihren Waffenriemen auf, nahm das Schwert ab und lehnte es an die Wand.
»Ich war einem Vampir auf der Spur«, flüsterte sie, obwohl ihre Stimme für Darius auf der anderen Seite des Pubs unmöglich zu hören sein konnte. »Ich hätte den Blutsauger fast geschnappt, aber er ist mir entwischt.«
Vampir? Schon das Wort beunruhigte mich. »Warst du allein unterwegs?«
»Nur am Ende. Mein Partner war gerade gegangen, als ich die Spur aufnahm.« Sie beugte sich näher zu mir. »Erwähne gegenüber den Gilde-Officern nicht, dass ich allein einen Vampir verfolgt habe. Das würde garantiert einen Verweis nach sich ziehen.«
Das hörte ich gerne. Eine Gilde, die Sicherheit ernst nahm.
»Was lächelst du denn so?«, fragte Zora amüsiert. »Willst du mich erpressen?«
»Oh!« Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich lächelte. »Nein, überhaupt nicht. Es ist nur so, dass meine letzte Gilde nicht sehr sicherheitsorientiert war.«
»Grand Grimoire, richtig?« Sie nickte. »Das habe ich auch gehört. Ich habe ebenfalls gehört, dass sie gerade von der MPD untersucht werden. Die Chancen stehen gut, dass die Gilde dichtgemacht wird.«
Das war mir neu, aber angesichts der Tatsache, dass der GM einen Mord vertuscht und mich an eine zwielichtige Gilde verkauft hatte, überraschte mich das nicht.
»Da wir gerade beim Thema experimentelle Magie sind«, sagte Darius zu allen Anwesenden, »es scheint, als hätte unsere örtliche MPD-Dienststelle eine neue Agentin in ihre Reihen aufgenommen – eine beeindruckende junge Entschwörungszauberin. Ich bin mir sicher, dass ihr sie alle gerne kennenlernen würdet, aber solltet ihr aus irgendeinem Grund nicht unser gut ausgestattetes Atrium oder Labor nutzen, lasst uns bitte die zweite Regel im Hinterkopf behalten, okay?«
Im Raum brach Gelächter aus, und ich wurde neugierig. Die zweite Regel?
Zora flüsterte: »Wo ist deine Freundin? Die angehende Zauberin?«
Ich tippte auf mein Handy, das auf dem Tisch lag, um den Bildschirm zu aktivieren. Amalias neueste Nachricht: Habe gerade ein Taxi gerufen. Bis gleich. So viel zum Thema »auf dem Weg«.
»Sie hat Verspätung«, seufzte ich. »Bei diesem Tempo wird sie das ganze Treffen verpassen.«
Zora lächelte verschwörerisch. »Wer ohne triftigen Grund fehlt, bekommt die Protokollstrafe.«
»Die was?«
»Sie muss das gesamte Protokoll des Meetings mit der Hand abschreiben und es einem Officer vorlegen. Und sie wird automatisch dazu verpflichtet, in den nächsten vier Wochen bei jedem Meeting Protokoll zu führen.«
Oh, das würde Amalia gefallen.
Zoras Grinsen wirkte jetzt schadenfroh. »Vor ein paar Jahren hat Kai mal das monatliche Treffen verpasst. In diesem Monat organisierten Aaron und Ezra ein Dutzend völlig sinnlose Sitzungen mit fast allen Mitgliedern der Gilde und ließen ihn bei jeder einzelnen Protokoll führen.«
Ich warf einen Blick auf die drei Magier und die rothaarige Barkeeperin. Am anderen Ende des Raumes beschrieb Darius einen Beinaheunfall, bei dem ein Mythiker mit seinem Auto fast einen Teamkollegen überfahren hätte. Im Pub herrschte Stille; die Autorität, die Darius ausstrahlte, zog alle Mitglieder in ihren Bann.
Ich spielte nervös mit meinem Handy herum und legte es genau an die Tischkante. »Darf ich fragen, welcher Klasse Darius angehört?«
»Er ist ein Luminamagier – ein Lichtmagier.«
Oh, ein Lichtmagier. Das erklärte die »Blendmagie«, die Darius laut Zylas an ihm ausprobiert hatte.
»Er ist ein ausgezeichneter Gildemaster. Du wirst feststellen, dass er sich sehr vom GM von Grand Grimoire unterscheidet.« Sie warf mir einen amüsierten Blick zu. »Doch lass dich nicht täuschen. Er hat zwar seine sanften Momente, aber er ist knallhart. Niemand legt sich mit Darius King an.«
Das überraschte mich genauso wenig. »Was ist mit den anderen dreien – Aaron und … äh …«
»Aaron, Kai und Ezra«, ergänzte sie. »Pyromagier, Elektromagier und Aeromagier. Definitiv ein starkes Team. Übrigens sind sie alle Single.«
Mir klappte die Kinnlade herunter. »Hä?«
»Wolltest du mit deinen Fragen nicht darauf hinaus?«
Eigentlich nicht. Sie sahen zwar gut aus, waren aber auch groß und muskulös und wahrscheinlich laut. Ich würde wetten, dass sie dieses Jahr noch kein einziges Buch gelesen hatten. Nein, danke.
Ich konzentrierte mich wieder und überlegte, woher der Dämonengeruch, den Zylas wahrgenommen hatte, stammen könnte, wenn alle drei Männer Elementaria-Mythiker waren. »Zu welcher Klasse gehört Tori?«
»Äh … Spiritalis.«
Die unsichere Pause erregte meine Aufmerksamkeit, aber in diesem Moment stieg der Geräuschpegel im Pub. Darius hatte das Wort an einen blonden Mann mit Brille übergeben. Der bastelte an einem Projektor und einem Laptop herum, die nicht richtig funktionieren wollten, und während die Gruppe auf die Fortsetzung der Besprechung wartete, plauderten die Anwesenden miteinander. Der Stuhl mir gegenüber wurde zurückgezogen. Eine rundliche ältere Frau ließ sich mit einer schwungvollen Bewegung ihres bodenlangen Rocks mit Gänseblümchenmuster darauf nieder. Auf ihrer Nase saß eine Brille mit türkisfarbenem Gestell, und auf ihrem dünnen weißen Haar trug sie eine Strickmütze.
»Guten Abend, Zora«, murmelte sie, bevor sie mich aufmerksam musterte. »Kind, deine Aura ist aufgewühlt.«
Meine was war was?
Sie beugte sich vor. »Deine Energie hat mich zu dir gerufen. Du brauchst dringend Leitung und Führung, nicht wahr?«
Brauchte ich die? Ich sah verwirrt zu Zora. Die zierliche Frau schien eine Reaktion zu unterdrücken, aber ich war mir nicht sicher, welche.
»Mein Name ist Rose«, fügte die ältere Dame hinzu. »Ich bin die dienstälteste Wahrsagerin.«
Sie warf einen hochmütigen Blick zur Bar, wo eine junge Frau mit blondem Bob lebhaft mit Aaron sprach, während sie ihm etwas auf ihrem Handy zeigte.
Rose griff in ihre Umhängetasche und holte ein schwarzes Samttuch hervor. Sie breitete es auf dem Tisch aus und platzierte einen kleinen Holzständer darauf. Auf den Ständer legte sie eine blasse Kristallkugel. Verwirrt beobachtete ich, wie sie alles aufbaute.
»Darf ich für dich wahrsagen?«, fragte Rose.
Jetzt sofort? Im Ernst? »Ähm … Ich glaube, das Meeting geht gleich weiter.«
»Es dauert nicht lange. Die Bedingungen sind nicht ideal – die Energien im Raum könnten stören –, aber wir können mit einer Einsteiger-Séance beginnen.«
Ich schaute erneut zwischen ihr und Zora hin und her. »Jetzt scheint mir nicht der beste Zeitpunkt dafür zu sein.«
»Es hat keinen Sinn, es aufzuschieben, meine Liebe«, beharrte Rose. »Deine widersprüchliche Energie braucht ein Ventil, und wenn du wartest, könnte es sein, dass eine weniger begabte Wahrsagerin versucht, dir zu helfen.«
Ihr seltsam anklagender Blick schwenkte zu der jungen Frau an der Bar, als würde die gleich herüberspringen und Roses Kristallkugel vom Tisch stehlen. Zora hustete auf eine Weise, die verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klang.
»Ich habe die Fähigkeiten und die Erfahrung, die du brauchst«, erklärte Rose selbstbewusst. »Fangen wir an. Als Erstes musst du deinen Geist frei machen.«
