Keine Anleitung zum Mord - Anton Theyn - E-Book

Keine Anleitung zum Mord E-Book

Anton Theyn

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Beschreibung

Sie kennen das. Kleine Zufälligkeiten können den Verlauf des Lebens maßgeblich beeinflussen. Sei es ein kleiner Streit, der verpasste Zug oder ein kleiner Unfall. Kleine Ursache – große Wirkung. Ein wissenschaftlicher Angestellter wird von einem Tag auf den anderen aus der Bahn geworfen. Was kann er mit seinem Fachwissen anfangen? Ist ein Broterwerb als Krimineller für ihn machbar? Wird er Skrupel haben? Wie weit kann er gehen? Verfolgen Sie, wie sich sein Charakter ändert. Kann er eines Tages in ein bürgerliches Leben zurückfinden und seine Taten hinter sich lassen? Wird er am Ende überführt? Temporeich, mit vielen aktuellen Bezügen und realen Daten gespickt, reißt die Spannung nie ab. Es gibt immer wieder Überraschungen. Nur eines gibt es nicht: Sex.

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Anton Theyn

Keine Anleitung zum Mord

Kriminalroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

Mein Leben ändert sich

Ein erster Plan

Auf der Brücke

Nach der Brücke

Australien 1

Einkaufstour

San Francisco

Senior Garcia

Wieder in Deutschland

Prato

Auftrag Frau A.

Berlin 1 - Auftrag Herr B.

Urlaub in den Alpen

Geldsorgen

Berufliche Probleme

Insekten

Auftrag C.

Auftrag D.

Australien 2

Berlin 2 – Auftrag E.

Auftrag F.

Auftrag G.

Ein Skiurlaub

Auftrag H.

Viele Mörder und keine Opfer – die Lügen der Statistiker

Berlin 3 – Auftrag H.

Erste Schritte einer neuen Selbständigkeit

Ein Experiment – Auftrag I.

Impressum neobooks

Vorbemerkung

Der aufmerksame Leser wird es merken. Nicht alles in diesem Roman ist korrekt. Absichtlich habe ich einige Verfälschungen eingebaut. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen lebe ich weitab der Welt des Legalen und Erlaubten und dennoch möchte ich Ihnen einen Einblick in dieses Leben geben. Zum anderen will ich potentiellen Nachahmern keine Anleitung zum Mord an die Hand geben.

Vermutlich mache ich mich mit einer wissenschaftlich präzisen Beschreibung sogar strafbar. Angesichts meiner beruflichen Betätigung ist dieser Aspekt jedoch zu vernachlässigen. Bin ich ehrlich, ist der Hauptgrund ein anderer und ein sehr egoistischer. Ich halte es für einen Irrglauben, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Das gilt auch unter Mördern.

Mein Leben ändert sich

Das Telefon klingelt - interner Anruf. "Hallo Erwin, was gibt´s?". "Ich würde dich heute gerne zum Essen einladen. Hast du Zeit?" Nach der Trennung von meiner Frau und der anschließenden Scheidung habe ich abends meist nichts vor und somit folge ich gerne der Einladung.

"Lass uns in den Ratskeller gehen. Da kann man auch ungestört reden. Ist 20.00 Uhr ok? Wir treffen uns dort."

Noch bevor ich außer meinem Okay auch nur den Ansatz einer Frage stellen kann, ist der Hörer auf der anderen Seite aufgelegt.

Erwin kenne ich seit dem ersten Semester unseres Studiums. Wir haben beide Biochemie studiert. Ich war immer der bessere Student. Keineswegs war es Zufall, dass wir in derselben Firma angefangen haben. Während ich mich noch wissenschaftlich betätigen wollte, arbeitete Erwin bereits an seiner Karriere. Er hat mich gleich nach meiner Promotion in den USA zu sich in die Firma gelockt. Ich war ihm nützlich.

Erwin stieg nach dem Studium als Assistent der Geschäftsleitung ein. Da er nicht forschen wollte, war das nur konsequent. Er wollte Geld verdienen - viel Geld verdienen. Warum hat er nicht BWL studiert? Das hätte besser gepasst. Aber mittlerweile ist er Im Vorstand des Unternehmens und Kronprinz für den Sitz des Vorstandsvorsitzenden, der in zwei oder drei Jahren frei werden wird.

Sein Gehalt ist siebenstellig. Meines dagegen als Leiter der Forschungsabteilung zwar recht ordentlich, aber letztendlich nur ein Bruchteil dessen, was ein Vorstandsmitglied verdient. Ich bin aber nicht unzufrieden, was meine berufliche Situation angeht. Ich habe ein sehr interessantes Arbeitsfeld, tolle Mitarbeiter und komme mit meinem monatlichen Salär gut aus. Ich muss keinen Sportwagen fahren, der bei 330 km/h abgeregelt ist. Ich regele mich selbst.

Erwin und ich sind seit Jahren freundschaftlich verbunden und so lange ich verheiratet war, trafen wir uns auch regelmäßig als Ehepaare zu gemeinsamen Unternehmungen. Seit meiner Scheidung treffen wir uns seltener und ich habe den Eindruck, dass die gelegentlichen Einladungen weniger aus dem Bedürfnis nach gemeinsamer Kommunikation, sondern eher aus Mitleid erwachsen.

Aber als wirklichen Freund habe ich Erwin nie gesehen. Dafür hat er mir zu wenig Ehrlichkeit entgegengebracht. Er ist ein Egoist und nötigenfalls ginge er wahrscheinlich über Leichen. Er wäre bestimmt IM bei der Stasi gewesen - wenn er das nicht ohnehin war. Aber diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Begründet hingegen sind Zweifel an seiner ehelichen Treue. Vor Jahren habe ich durch Zufall mitbekommen, dass er sich neben seiner Ehe auch noch regelmäßig anders auslebt.

Geht mich nichts an. Ich glaube nicht, dass seine Frau Elke etwas ahnt. Er weiß auch nicht, dass ich es weiß. Und falls Elke es ahnt, nimmt sie das wohl als verschmerzbare Begleiterscheinung für ein angenehmes und luxuriöses Leben hin. Charakterlich würde eine derartige Einstellung wiederum gut zu Erwin passen.

Unsere gemeinsam bestellte Fischplatte hat sich deutlich reduziert. Unser bis dahin geführtes Gespräch reduzierte sich hauptsächlich auf Belanglosigkeiten und Erwins Ausführungen, wie erfolgreich seine beiden Söhne bereits im Beruf etabliert sind. Selbstredend haben beide Betriebswirtschaft studiert und arbeiten in einer Bank, dem Inbegriff von Ausbeutung und Geldgier.

Nach dem Wohlergehen meiner beiden Söhne, die fast im gleichen Alter sind, fragt er vorsichtshalber nicht. Ich weiß auch nicht, ob sich Erwin wirklich dafür interessiert. Die Welt dreht sich um Erwin und andere Menschen sind meistens nur ein Rädchen in seinem Getriebe für den eigenen Erfolg. Wären meine Söhne in beruflichen Positionen, die für Erwin oder das Unternehmen oder seine Söhne - ja, genau in dieser Reihenfolge – gewinnbringend sein könnten, dann hätten wir bestimmt lange über meine Söhne gesprochen oder gar ein zufälliges Wanderwochenende eingelegt. Aber so - kein Interesse.

„Tja“, sagt Erwin, „ich habe mir das lange überlegt und es fällt mir nicht leicht. Ich habe die Entscheidung auch nicht alleine getroffen, sondern ausführlich mit Dr. Meyer besprochen.“ Wenn Erwin von Dr. Meyer spricht, wird es mit der Präzision eines Meisterschützens unangenehm. Im Alltag spricht er gerne salbungsvoll von Karl.

„Ich habe mich auch noch lange mit deinem Laborleiter unterhalten. Du arbeitest ab morgen nicht mehr im Unternehmen. Du weißt auch warum. Die ethischen Grundsätze unseres Unternehmens sind eindeutig überschritten und du hast deinen Kompetenzbereich um Lichtjahre überschritten.“ Das ist Erwin.

Eiskalt. Menschenverachtend. Langsam, sehr langsam begreife ich, was für eine Bombe Erwin soeben gezündet hat. Ich habe ihn nie als wirklichen Freund gesehen. Aber das hätte ich ihm nie zugetraut. Die folgenden Sätze nehme ich wie im Rausch war. Ich habe nur ein Glas Wein getrunken, fühle mich aber wie nach zwei. Natürlich nicht wie nach zwei Gläsern Wein, nein, wie nach zwei Flaschen Wein. Oder betäubt, als hätte mich die Druckwelle einer Bombe zu Boden geworfen.

„Wir werden dir angesichts deiner Verdienste für das Unternehmen noch in diesem Jahr und im folgenden Jahr das Gehalt bezahlen. Das ist sehr großzügig und damit bekommen wir arbeitsrechtlich keine Probleme. Für diese großzügige Weiterbezahlung solltest du uns dankbar sein. Umgekehrt gilt natürlich in dieser Zeit ein Beschäftigungsverbot und wir erwarten von dir selbstverständlich die Wahrung der Betriebsgeheimnisse.“ Und er fügt noch den überflüssigen Nachsatz an. „Eine Leistungszulage kannst du leider nicht mehr bekommen. Das geht aus rechtlichen Gründen nicht.“

„Arschloch - großes Arschloch!“, liegt mir auf der Zunge. Früher habe ich oft emotional reagiert, habe oft schneller gesprochen, als es für mich gut war. Manchmal ist schweigen die bessere Waffe und wohlüberlegte Worte können schärfer sein, als jedes Samurai-Schwert.

Noch immer wie benommen sitze ich ihm gegenüber. „Du kannst dich morgen in Begleitung des Werkschutzes von deinen Mitarbeitern verabschieden und persönliche Dinge mitnehmen. Die Forschungsergebnisse bleiben natürlich in der Firma - alle, ausnahmslos alle, wirklich alle, auch die illegalen.“

Zu dem Rauswurf kommt auch noch die Demütigung in der Firma. Von meiner Forschungsarbeit spreche ich noch gar nicht. Außer meinen Ideen bleibt mir nichts. Alle für mich relevanten Unterlagen befinden sich im Unternehmen. Am liebsten würde ich schreiend aufstehen und dabei den Tisch nebst Menü umwerfen. Die Selbstdisziplin siegt und ich lasse mich nicht zu derartigen Reaktionen hinreißen.

Da mir gründlich der Appetit vergangen ist, lässt sich Erwin die Reste der Fischplatte alleine schmecken. Wie kann ein Mensch nur so skrupellos sein? Keine Vorwarnung oder, wie im Sport üblich, erst einmal die gelbe Karte. Nein, gleich die rote Karte ohne Verwarnung und lebenslange Sperre.

Erwin ergeht sich noch in weitschweifenden Ausführungen, mir die Vorstandsentscheidung nachvollziehbar zu machen. Ich verstehe kein Wort. Als würden tausend Stimmen auf mich einprasseln. Ich friere wie ein Hund, wenngleich der Raum eher überheizt ist. Ich will hier raus.

„Bist du mit dem Auto da?“, fragt mich Erwin scheinheilig. „Soll ich dich nach Hause fahren?“ „Nein, bestimmt nicht.“ antworte ich „Ich bin mit dem Auto da.“ Das stimmt zwar nicht, spielt aber für mich keine Rolle. Ich bevorzuge eine Heimfahrt mit dem Taxi.

Ich öffne die Eingangstür meines Hauses. Im Zuge der Scheidung habe ich meine Ex-Frau großzügig abgefunden und das Haus behalten, wenngleich es völlig überdimensioniert ist. Ich schalte meine Musikanlage an und lege eine CD mit Deep Purple ein. Zu laut - deutlich zu laut - das gibt Ärger mit den Nachbarn. Ich nehme die Kopfhörer. Nach einer halben Stunde reiß ich mir dir Kopfhörer von den Ohren und versuche mich zu konzentrieren. Es ist 23:00 Uhr.

Ab morgen - eigentlich bereits in einer Stunde bin ich nicht mehr im Unternehmen. Ich sollte die wenigen verbleibenden Zeit für mich nutzen. Vieles habe ich im Kopf und vieles - da muss ich doch schmunzeln - ja, die moderne Technik. Ich fahre ins Unternehmen. Für den Pförtner ist es nichts Ungewöhnliches, dass ich spätabends oder mitten in der Nacht auftauche und Ergebnisse aus dem Labor protokolliere. Organismen haben keinen Acht-Stunden-Tag. Sie arbeiten auch nachts. „Guten Abend Herr Dr. Lang - wieder mal ´n Protokoll notwendig.“ „Ja, ja - muss sein.“

Ich stehe vor der Tür meines Büros. Noch steht an der Tür „Dr. Franz Lang - Forschung und Entwicklung“. Mein Lebenswerk zerrinnt mir wie trockener Sand zwischen den Fingern. Ich glaube nicht, dass mich jemand stören wird.

Mit diesem Schachzug rechnet Erwin bestimmt nicht. Was ist das Wichtigste? Kopien? Papier nehme ich nicht mit. Die Laborauswertungen sind fast komplett als Dateien verfügbar. Das digitale Kopieren und Versenden wäre eine Sache von ein paar Minuten. Sämtliche relevanten Forschungsergebnisse liegen auf dem unternehmenseigenen Server, aus Sicherheitsgründen sind nachts die Netzwerke ausgeschaltet und somit habe ich keinerlei Zugriff.

Jetzt bin ich froh, dass ich immer darauf bestand, alle wesentlichen Ergebnisse auch auszudrucken und zu archivieren. Zum Arbeiten war mir immer die Papierform lieber, gerade im Labor. Auch wenn mir der digitale Weg versperrt ist, bleibt die Möglichkeit, die Ordner zum Kopierer zu schleppen und zu kopieren. Ich verwerfe den Gedanken sofort wieder. Wenn ich heute Nacht mit fünf Ordnern das Gebäude verlasse, steht morgen die Polizei wegen Betriebsspionage vor meiner Tür. Es bleibt nur eines: Alle Dokumente einscannen und auf einen USB-Stick ziehen. Das dauert jetzt ein paar Stunden, ist langweilig und nervt mich. Ich hasse stupides Arbeiten, aber es muss sein. Besser, ich will es so. Damit gibt es jetzt einen Kündigungsgrund. Egal.

Es ist drei Uhr in der Nacht. Ich hoffe, ich habe alle Kopien erstellt. Jetzt kommt der interessante und schwierige Teil. Eine Kühlbox - minus 20° Grad Celsius reicht. Ich nehme mit, was ich in der Hektik greifen kann. Ich weiß nicht wozu. Trotzdem - ich will eine Palette von Präparaten und Organismen mitnehmen. Eine Kiste von der Größe einer großen Aktentasche - für mich von unermesslichem Wert. Ich überzeuge mich, dass ich den USB-Stick habe. Alles ok. Kühlbox ins Auto. Der Pförtner öffnet das elektrische Tor und hebt mit verschlafenem Blick die Hand zum Gruß.

Ich steige aus dem Auto, gehe die wenigen Schritte zu Pforte und sage mit vertrauensvoller Mine: „Sagen Sie keinem, dass ich heute Nacht wieder hier war. Sonst heißt es wieder, der alte Spinner kennt nur die Firma. Dann noch eine ruhige Nacht und bis demnächst.“ Bis demnächst, wenngleich ich weiß, dass es kein Demnächst geben wird. Vielleicht beim Einkaufen in der Stadt, aber nicht mehr im Unternehmen.

Zum Frühstück trinke ich deutlich mehr Kaffee als sonst. Irgendwie muss ich wach werden. Ich habe kaum geschlafen. Schon sitze ich im Auto. „Verdammt!“, mit einem Mal wird mir flau. Das muss ich ändern. Kann ich es noch ändern? Noch einmal stürze ich ins Haus zurück. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der PC endlich hochgefahren ist. Ich rufe meine Cloud auf. Gestern konnte ich zwar alle Ergebnisse kopieren, an denen die Abteilung offiziell arbeitet. Die brisanten Laborergebnisse aus meinem Projekt sind jedoch nicht auf dem Unternehmensserver hinterlegt, sondern in meiner Cloud. Wenn darauf jemand Zugriff nimmt und das Passwort ändert, sind die Ergebnisse für mich unwiederbringlich verloren. Erwin wird die IT-Abteilung entsprechend instruieren.

Da ich oft auch am Wochenende und Zuhause gearbeitet habe, benutzte ich eine private Cloud. Endlich öffnet sich die Eingabemaske der Cloud, ich logge mich ein. Ich ändere das Passwort. Damit ist der Zugang von meinem Arbeitsplatz im Unternehmen gesperrt. Das war knapp.

Hätte das einer gesehen, wäre ich nicht mehr an die Daten herangekommen und ich hätte wirklich ein Problem bekommen. Bei der Fahrt in die Firma fliegen 28 Jahre Arbeit wie in einem Film an mir vorbei. All die Forschungen und Entwicklungen. Niederschläge, Fehlversuche, Spitzenerfolge, Anerkennungen. Die Ehrungen und Erfolge nahm die Unternehmungsleitung gerne mit. Bei Schwierigkeiten musste die zweite Reihe herhalten. Das hat mir nie viel ausgemacht.

Ich muss nicht auf der Bühne stehen, mit dem Ministerpräsidenten und seiner Gattin über das Golfspiel und das Reitturnier sprechen. Meine Welt ist das Labor. Ist das Labor oder war das Labor?

Vor dem Werkstor stoppe ich meinen Wagen. Ich gehöre zu den Mitarbeitern, die auf das Betriebsgelände fahren dürfen. Der Betriebsparkplatz befindet sich außerhalb des eigentlichen Betriebsgeländes. Als Zeichen der Wertschätzung der Mitarbeiter hat man den Zugang überdacht. In der Stahlindustrie hat man das bereits vor 100 Jahren gemacht. Findige Köpfe hatten schon damals herausgefunden, dass ein Wetterschutz vor den langen Zugängen zu den Fabrikhallen den Krankenstand erheblich reduziert. Hat Erwin einmal die Rentabilität der Überdachung berechnen lassen? Ich möchte fast darauf wetten. Neben dem Pförtner stehen heute zwei Herren vom Werkschutz und werfen mir vielsagende Blicke zu. Mit einer generösen Geste gestatten sie dem Pförtner das Öffnen der Schranke. Allein die Blicke geben mir zu verstehen, dass ich ohne die beiden Wichtigtuer heute keinen Schritt machen werde.

Einer von beiden telefoniert. Mit Sicherheit die interne Nummer 1947 - die Nummer von Erwin. 1947 - so was denkt sich Erwin aus. Sein Geburtsjahr? Nein, so alt ist er nicht. Nein. 1947 - das Gründungsjahr von Ferrari. Das ist Erwin.

Und noch ehe ich meinen Wagen abgestellt habe und aussteige sehe ich ihn schon kommen - flankiert von den beiden Herren. „Guten Morgen, bekomme ich Handschellen?“, frage ich sarkastisch. Für derartigen Humor hat Erwin wenig übrig. Alle drei grüßen mit einem „Guten Morgen.“ in einem fast militärischen Gleichklang und einer Kälte, dass das Wasser an dem winterlichen, aber frostfreien Januarmorgen in den Pfützen gefriert.

Haben die das abgesprochen und geübt? Es muss ein groteskes Bild sein. Ein Mitglied des Vorstandes, zwei Herren vom Werkschutz eskortieren mit versteinerten Mienen den Leiter der Forschungsabteilung wie einen Schwerverbrecher. Wahrscheinlich hat er das Firmenkonto geplündert, den Vorstandvorsitzenden umgebracht, das Unternehmen angezündet und wollte mit der Frau des Chefs nach Südamerika durchbrennen.

Was habe ich gemacht? Nichts anderes, als das, was jeder Forscher macht. Forscher verschieben die Grenzen des Machbaren. Was gestern noch Utopie war, ist morgen Wirklichkeit und übermorgen unverzichtbarer Alltag. Auf den Fluren begegnen uns immer wieder Mitarbeiter, die uns mit verständnislosen Blicken anstarren. Die Situation lässt mir keine Möglichkeit, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Die kurze Nacht, der viele Kaffee. Ich sollte mich krank melden. Wir stehen vor meiner Bürotür. Fassungslos stehe ich davor. Ich glaube es nicht. Heute Nacht war das Namensschild mit meinem Namen noch da. Heute früh ist es bereits entfernt. Ich denke an Offiziere, denen man früher als Zeichen ihrer Degradierung die „Schulterklappen" vor versammelter Mannschaft abriss. Wenigstens bleibt mir eine öffentliche Hinrichtung erspart. Vielleicht gibt man mir etwas mit, eine Pistole, eine unauffällige Kapsel mit Zyankali, damit ich das heute Zuhause erledige. Die Geschichte kennt dafür genügend Beispiele. In der Wirtschaft wäre das neu.

Nein, stimmt nicht. Am schwarzen Freitag haben sich auch Börsenspekulanten reihenweise das Leben genommen. „Hast du meine Frage nicht verstanden?“ „Ich muss sie wohl überhört haben. Bitte entschuldige, lieber Erwin, ich war mit den Gedanken bei meiner Arbeit. Du weißt ja, wenn ich in meine Arbeit vertieft bin, nehme ich Störgeräusche nicht wahr.“ Ich weiß, dass Erwin innerlich kocht. Seine Worte als Störgeräusche zu bezeichnen empfindet er als Majestätsbeleidigung. „Ich habe dich gefragt, ob du private Dinge in deinem Büro hast?“ Ich überlege, was mir privat gehört. Ein Ersatzhemd, ein paar Krawatten. Ich werfe Krawatten und Hemd zur Verwirrung der Umherstehenden demonstrativ in den Mülleimer. Natürlich genieße ich die Symbolik. Ich werfe alles, was mich noch mit der Firma verbindet, demonstrativ und öffentlich in den Mülleimer.

Ein Mitarbeiter nach dem anderen verabschiedet sich von mir. Sogar die Damen vom Reinigungspersonal drücken mir die Hand. Meine Sekretärin heult hemmungslos. Mein Laborleiter ringt um Fassung. „Franz, ich wurde unter Druck gesetzt. Ich habe das nicht gewollt.“ Er schüttelt den Kopf, blickt zu Boden. „Man hat mir gedroht. Du weißt das, ich habe dich nicht verraten. Das muss doch zu klären sein.“

Der verächtliche Blick von Erwin spricht Bände und sein Satz kommt mir vor wie blanker Hohn. „Die ethischen Werte unseres Unternehmens sind unantastbar und bleiben unantastbar.“ Lieber Erwin, denke ich mir, häng dich mal nicht so weit aus dem Fenster. Natürlich warst du damals noch nicht dabei, das Glück der Spätgeborenen. Auf ethische Werte hat man in dieser Firma oft genug wenig Wert gelegt.

Forschung um jeden Preis und mit menschenverachtenden Versuchen. Nur aufgrund wirtschaftlicher Interessen der Besatzungsmacht wurde das Unternehmen nach dem Krieg nicht dem Erdboden gleich gemacht. Den Namen hat man geändert und damit war der Persilschein ausgestellt. Die amerikanischen Anteilseigner hatten am Werterhalt der Firma großes Interesse. Knowhow und ein vielversprechender Markt waren viel zu wertvoll, als dass man auch nur den Gedanken an eine Vernichtung verschwendet hätte.

Und jetzt baden Nachfolgegeneration und Erben in ethischen Grundwerten, die in der Vergangenheit mit Lederstiefeln getreten wurden und die man bei Bedarf übermorgen neu definiert. Der Lederstiefel wird dann durch die unbarmherzige Gier des Shareholder Value ersetzt.

Ich habe keinem etwas getan. Nicht einmal einer Labormaus. Ich meine den vierbeinigen. Von den zweibeinigen habe ich ohnehin immer die Finger gelassen. Ich hätte die Assistentinnen auch nie als Labormäuse bezeichnet. Die Bezeichnung kommt aus anderen Ecken und entspricht weder meiner Sprechweise, geschweige denn meiner Denk- und Handlungsweise.

Als Studenten musste wir immer wieder einmal Laborratten töten und sezieren. Wie habe ich das gehasst. In meiner Erinnerung ist das mit Abstand der unangenehmste Teil meines Studiums gewesen.

Halb abwesend neigt sich die Verabschiedungszeremonie dem Ende zu. Selbst meine Scheidung empfinde ich im Nachgang als weniger schmerzhaft und einschneidend. Mein Gefühl sagt mir, ich bin am absoluten Nullpunkt meines Lebens angekommen. Bisher ging es, bis auf kleine Dellen, immer bergauf. Mein Leben war kalkulierbar. Es gab einen Lebensplan. Dieser Lebensplan ist seit gestern Abend zerstört. Ein jäher Absturz innerhalb von wenigen Stunden. Ich bin wie gelähmt. Wenn ich heulen könnte, würde ich heulen. Nicht einmal dazu bin ich in der Lage. Diesen Triumph würde ich Erwin nicht gestatten.

Ich gehe noch einmal zu meinem Laborleiter. „Ich weiß, du kannst nichts dafür. Mach dir keine Vorwürfe. Wir haben uns nah an der Grenze bewegt, ohne diese je zu überschreiten.“ Bei all dem Aufruhr beobachten mich permanent sechs Augen.

Als würde Erwin es genießen oder genießt er es wirklich? „Die Schlüssel, gib mir bitte die Schlüssel.“ Ich lasse Schlüssel, Codekarte und Werksausweis in seine schalenförmig geöffnete, weit ausgestreckte Hand fallen. Selbst mit dieser Geste muss er mir zeigen, dass er maximal möglichen Abstand zu mir wahren will.

Das letzte Mal die Treppe runter, ich habe fast nie für die drei Stockwerke den Fahrstuhl genommen. Meine drei Begleiter schauen mich mürrisch an. Eine weitere Minute, die ich zum Unmut der drei im Unternehmen verbringe. Sie begleiten mich bis zum Auto. Mein Hals ist wie zugeschnürt, trotzdem der Satz muss sein, auch wenn meine Stimme fremd und rau klingt.

„Erwin, denk bitte daran, ich benötige ein Arbeitszeugnis.“ Dem sonst so gefassten und berechnenden Erwin entgleisen die Gesichtszüge. Grußlos steige ich ins Auto, steige noch einmal aus, öffne den Kofferraum, starre in den leeren Kofferraum, schließe ihn wieder, öffne noch einmal die hintere Tür auf der Beifahrerseite, schließe diese umständlich, steige ins Auto, öffne noch einmal das Handschuhfach, um es gemächlich zu schließen, tippe idiotischer Weise in mein Navi als Ziel meine Wohnanschrift ein, lege umständlich den Sicherheitsgurt an und fahre langsam, ein letztes Mal Richtung Werkstor.

Die Luft knistert und ich kann fühlen und sehen, dass Erwin innerlich kocht. Ich vermute, seine Sekretärin wird heute einen schweren Arbeitstag haben. Irgendwer muss als Blitzableiter für seine Wut herhalten. Das Werkstor schließt sich hinter mir. Ich komme mir vor wie ein Gefängnisinsasse, hinter dem sich nach der Verurteilung für Jahre die Tür schließt. Nur wo ist bei mir innen und außen. Ich bin ein Gefangener auf der anderen Seite des Werkstores. Quo vadis? Wohin gehst du? Wohin soll ich gehen?

Wenigsten weiß mein Navi den Weg. Nein, ich fahre nicht nach Hause. Die erste Frage der Nachbarn wird lauten, ob ich denn Urlaub habe. Meiner Haushälterin will ich heute auch nicht begegnen. Wie fremdgesteuert fahre ich in den Wald. Für einen Waldspaziergang im Januar bin ich nicht wirklich angezogen. Egal - ich werde es überleben. Oder nicht? Dann ist es auch gut.

Ich muss erst einmal zu mir finden, verstehen, was passiert ist. Aber die Gedanken verlieren immer wieder die Richtung. Winterlich liegt der kahle Wald da, als spiegelte er meine eigenen trostlosen Gefühle. Der Herbst hat den Bäumen die Blätter genommen. Es fehlt das Leben. Mir hat man soeben meine berufliche Existenz genommen, meine Existenz, meinen Lebensmittelpunkt.

Ziellos laufe ich weiter durch den unwirtlichen Wald. Nasskalt, leichter Nebel, gedrückte Stimmung, alles grau in grau. Nicht einmal einzelne Sonnenstrahlen schaffen es, durch die Nebelschwaden zu dringen. Ohne auf den Weg zu achten, laufe ich weiter. Für mich völlig ungewohnt. Ob privat oder beruflich – ein Ziel gab es immer. Selbst sonntags vor einer Fahrradtour kannte ich immer das Ziel. Einfach losfahren, gab es für mich nie.

Was habe ich falsch gemacht? Ich werfe mir nichts vor. Als die ersten Menschen versuchten, das Feuer zu entzaubern und für sich zu nutzen, gab es bestimmt Mahner. Solche, die Gefahren sahen und versuchten, das zu unterbinden. Hätten sich die Skeptiker durchgesetzt, würden wir noch heute bei Kälte frieren und das Fleisch roh von den Knochen reißen - selbstverständlich in Höhlen.

Zweifellos gibt es auch Gefahren durch Feuer, Brandstifter und von mir aus auch andere Verbrechen. Hätten Franklin und andere nicht den Blitz und die Elektrizität in unseren Dienst gestellt, wären wir auf dem Stand der Dampfmaschine stehen geblieben. Es soll, bei aller Tragik, auch Todesopfer durch elektrischen Strom geben. Trotzdem käme kein vernünftiger Mensch auf den Gedanken, elektrischen Strom aus unserem Leben zu verbannen. Wer möchte deshalb heute ernsthaft auf die Möglichkeiten der Elektrizität verzichten?

Ich kann Tausende von Beispielen aufzählen. Ob ich die Kernforschung nehme, die Chemie, die Medizin, die Raumfahrt oder einfach nur ein Messer. Bei einem Messer reichen die Einsatzgebiete von der Hilfestellung beim Kochen und Essen, über das unverzichtbare Werkzeug vieler Handwerker und Instrument jedes Chirurgen bis hin zum Tötungswerkzeug. Verbieten wir Messer und verurteilen wir den Erfinder des Messers? Nein.

Als Biochemiker habe ich intensiv auf dem Feld der Medikamentenforschung gearbeitet. Die Grundlagen meiner beruflichen Entwicklung legte ich im Rahmen meiner Promotion. Die Amerikaner sind da offener. Es darf geforscht werden, wo es etwas zum Forschen gibt. Notfalls auch geheim oder hochgeheim oder in einem Hochsicherheitsbereich. Wir haben viele neue Medikamente auf den Markt gebracht. Ohne eitel zu sein, kann ich sagen, dass das Unternehmen wesentliche Teile des wirtschaftlichen Erfolgs der letzten Jahre meiner Abteilung zu verdanken hat.

Ich merke, dass ich viel weiter gegangen bin als beabsichtigt. Mein Interesse nach Hause zu kommen liegt bei null. Ein Rest von Vernunft oder besser, der Wille, mir keine Grippe einzufangen, lässt mich dennoch umkehren. Ich habe keine Vorstellung, was ich Zuhause machen soll.

Auf dem Rückweg und immer noch in Gedanken versunken. Mein unfreiwilliges Ausscheiden aus dem Unternehmen wird nach meiner Einschätzung keinen allzu großen Bruch in der Forschung und Entwicklung bedeuten. Es gibt in meiner Abteilung, ich stocke kurz, in meiner ehemaligen Abteilung, genügend fähige Leute, die meine Aufgaben übernehmen können.

Ist das strategisch falsch gewesen? Ich habe mein Wissen und meine Ergebnisse nicht abgeschottet. Alle durften an den Ergebnissen partizipieren. Der Vorteil einer solchen Berufseinstellung liegt in dem größeren Entwicklungspotential für neue Produkte. Die Mitarbeiter sind motivierter und bei Ausfällen von Mitarbeitern lassen sich die Lücken problemlos schließen.

Natürlich gibt es Nachteile einer solchen Arbeits- und Wissensteilung. Man kann von einem auf den anderen Tag als ungeliebter Mitarbeiter aussortiert werden. Aussortiert wie ein schlechtes Werkstück am Ende des Fließbandes. Erwin wusste das nur zu gut. Ich wusste es auch, aber ein derartiges Ende war außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Für mich gab es keine Veranlassung, meine Position durch Geheimhaltung von Forschungsvorhaben oder Forschungsideen vor meinen Mitarbeitern abzusichern.

Ein schwerer Unfall im Straßenverkehr, ein plötzliches gesundheitliches Problem oder ein längerer Urlaub, das waren für mich vorstellbare und mögliche Szenarien. Ein Ausfall meiner Arbeitskraft sollte sich nach meiner Philosophie nie zum Nachteil des Unternehmens auswirken.

Das Unternehmen stand für mich immer ganz oben. An meine eigene Absicherung habe ich nie gedacht. Durch geschickte oder offensiv betriebene Geheimhaltung hätte ich mich auf mehrere Jahre unentbehrlich machen können. Ich wollte das nicht. Selbst in Kenntnis dessen, was man heute mit mir gemacht hat, würde ich wieder genauso handeln.

Ich bereue nichts, gar nichts. Ich würde alles genau so wieder machen. Wenngleich ich beruflich erledigt bin. Es gibt in Deutschland, Europa, USA und Australien nur wenige Unternehmen, in denen ich mit meinen Spezialkenntnissen arbeiten könnte. Aber das ist rein hypothetisch. Keiner wird mich nehmen. Mein plötzliches Ausscheiden macht spätestens morgen die Runde in den Fachkreisen. Man kennt sich. Wir kennen uns. Im Rahmen der bekannten Forschungsergebnisse tauscht man sich auf Kongressen und Tagungen aus.

Und wenn ein Leiter der Forschungsabteilung freigesetzt wird, dann ist er freigesetzt. In der Branche ist für mich kein Platz mehr. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass mich doch jemand einstellen möchte, genügt ein Anruf bei Erwin und die Bewerbung hat sich erledigt. Sprich, ich bin erledigt, beruflich erledigt.

Ich bin in einem Wald ohne Erhebungen, ohne Berge, keine Felsen, keine Schluchten. Anders wäre es in Österreich, da hätte ich es jetzt leicht. Blick in eine Schlucht und nur einen Schritt weiter. Noch eine Traueranzeige des Unternehmens für den verdienten Mitarbeiter, ein letzter zynischer Gruß von Erwin.

Ich schüttle den Gedanken ab und versuche nach vorne zu sehen. Privat gibt es zu wenig, kein Familienleben, zu wenige Hobbys, um das Leben sinnvoll oder auch nur erträglich zu gestalten. Zu lange habe ich allein für das Unternehmen gelebt, war mehr oder weniger mit ihm verheiratet. Wie viele Wochenenden und Nächte habe ich im Labor verbracht? Nicht selten bin ich mitten in der Nacht aufgestanden, um Reaktionen von Organismen zu beobachten oder einfach nur nach dem Rechten zu sehen. Beim Essen mit Freunden und Bekannten, erinnere ich mich, habe ich wie oft unruhig auf die Uhr gesehen und gehofft, dass wir uns endlich verabschieden, um noch mal ins Labor zu fahren. Meine Söhne haben mich selten gesehen. Wenn bei mir Feierabend war, lagen sie meist schon im Bett. Und am Wochenende habe ich mir auch zu selten Zeit genommen. Das Versäumte erkennt man erst im Nachhinein. Trotz allem - ich bereue nichts. Die Tristesse des Winterwaldes verstärkt meine Stimmung.

Viele Stationen der letzten Jahre kommen mir in den Sinn. Wie aus einer Kiste mit unsortierten alten Bildern kommen die Erinnerungen aus Familie, Beruf, Studium, Kindheit und Schule. Ich weiß, von außen betrachtet, befinde ich mich in einer relativ komfortablen Situation. Und trotzdem, so wie ich müssen sich viele Menschen nach dem Krieg gefühlt haben. Alles in Trümmern. Nur bei mir nicht materiell, sondern emotional.

Wieder kreist mein Denken um mein berufliches Überleben. Es gibt Möglichkeiten: Südamerika oder Asien. Gut dotiert und mit bester Laborausstattung könnte ich dort meine Forschung fortsetzen. Dort gäbe es nicht diese Grenzen, die mir bislang Wege versperrt haben.

Aber Medikamentenentwicklung in diesen Ländern? Nein, das geht für mich gar nicht. Ich mache keine Experimente an Menschen. Nein, nein, nein. Ich kann und will nicht über meinen Schatten springen. Und ein Leben in diesen Ländern kann ich mir nicht vorstellen. Hinzu kommt, dass ich nach wie vor einen gültigen Arbeitsvertrag habe. Selbst wenn ich wollte, ich dürfte in keinem Unternehmen arbeiten, zumindest nicht in den nächsten zwei Jahren.

Vielleicht sollte ich mich perspektivisch in einem Baumarkt als Verkäufer bewerben? Da nimmt man mich vielleicht. Ich kann extrem wenig extrem gut; ich bin zu spezialisiert. Langsam zieht die klamme Kälte durch meinen ganzen Körper. Meine Schuhe sind durchnässt. Vereinzelt sind mir Spaziergänger begegnet. Wetterfest angezogen, gutes Schuhwerk und meist werden mir verstörte Blicke zugeworfen, bin ich doch für einen Waldspaziergang im Januar unzureichend angezogen.

Ich spüre schon, wie sich eine Erkältung ankündigt. Die Nase läuft, die ersten Halsschmerzen stellen sich ein. Widerwillig steige ich in mein Auto. Meine Haushälterin sollte mittlerweile gegangen sein und wenn nicht, werde ich ihr sagen, dass ich mich kurzfristig für den Ruhestand entschieden habe. Keiner wird es verstehen. Vielleicht interessiert es auch keinen. Wen soll es wirklich interessieren?

Ich weiß nicht, wie mein Auto und ich nach Hause gekommen sind. Mein Auto fährt noch nicht selbst und ich kann mich nicht erinnern, selbst gefahren zu sein. Ich bin völlig vernebelt. Ich stehe neben mir. Ich stehe vor einem riesigen Loch. Das Haus ist leer, meine Haushälterin ist bereits weg. Ich setze mich in meinem Arbeitszimmer auf das Sofa, meine Gegenwehr nützt nichts. Angesichts der kurzen Nacht falle ich in einen unruhigen Schlaf.

Irgendwann am Nachmittag werde ich wach und laufe durch mein Haus. Wie ein gefangenes Raubtier im Käfig komme ich mir vor. Ich esse mich einmal quer durch den Kühlschrank. Ich esse nicht, weil ich Hunger habe. Ich esse, da es mir ein paar Minuten Beschäftigung bringt. Meine Gedanken kehren wieder und wieder um das Geschehene zurück.

Jeder von uns ist froh, dass wir Gurt- und Airbagsyteme haben, die nach heutigem Stand der Wissenschaft optimal auf den Menschen angepasst sind. Zur Entwicklung und Verbesserung haben zwei Technologien maßgeblich beigetragen. Crash Test Dummies, vollgestopft mit Elektronik und Sensoren, sind aus der modernen Unfallforschung nicht mehr wegzudenken. Hochleistungscomputer und die entsprechende Software sind heute in der Lage, nahezu alle Folgen eines Unfalles mit fast 100%-iger Genauigkeit zu simulieren und bei geringen Kosten Schwachstellen zu analysieren und zu beseitigen. Tierversuche sind häufig widerlich und oft nur begrenzt aussagefähig, weil ihre Ergebnisse nur bedingt auf den Menschen zu übertragen sind.

Dieses Wissen und ein paar visionären Gedanken standen meinem Laborleiter Frank, ich habe es noch nicht verinnerlicht, meinem ehemaligen Laborleiter Frank, und mir bei einer Wanderung durch die Alpen Pate. „Stell dir vor“, klingen mir noch immer seine Worte im Ohr, „stell dir vor, wir können anhand einer Blutprobe vorhersagen, ob ein Medikament wirkt, worauf der Patient allergisch reagiert und welche Medikamentenunverträglichkeiten er zeigen wird. Ganz neue Möglichkeiten wären denkbar.“

Während ich meinen Gedanken nachhänge, räume ich sinnlos Dinge weg, in Schubladen, in denen ich sie kaum wiederfinden werde, kontrolliere grundlos die Heizungsanlage. Es wäre eine Revolution in der Medizin. Ich blicke aus dem Fenster auf die Straße. Seine Idee, und es war Franks Idee, ließ mich nicht mehr los. Ich habe Zuhause noch ein kleines Labor und habe immer wieder mit neuen Versuchsanordnungen Tests durchgeführt. Ab und zu kam auch Frank zu mir und wir haben stundenlang am Wochenende experimentiert - zum Leidwesen unserer Ehefrauen. Irgendwann hatten wir die entscheidende Idee. Noch weit weg von der Praxistauglichkeit.

Wir wussten nur, dass es so rein theoretisch gehen müsste. Der Laboraufbau ist bei Weitem nicht so kompliziert, wie man glauben möchte. Allerdings braucht man erhebliche Rechnerleistung, die war in meinem Privatlabor nicht verfügbar. Diese Investition hätte ich mir nicht leisten können. Was lag näher, als den Versuch im Unternehmenslabor aufzubauen?

Die Rechnerleistung war dort kein Problem. Es stehen dort entsprechende Hochleistungsrechner. Das Prinzip ist einfach. Auf der einen Seite Blut des Patienten und viel Knowhow, auf der anderen Seite das Medikament und viel Knowhow und das Ganze verbunden mit einem Computer, noch mehr Knowhow und der entsprechenden Software. Die Software habe ich und die Software habe nur ich, da sie auf der Cloud ist.

Und hier haben wir das getan, was in meinem früheren Unternehmen, mir geht das „Früher“ jetzt schon leichter von der Zunge, auf keinen Fall dulden wollte. Wir haben Genforschung betrieben und das Wissen über diese Genforschung in falschen Händen könnte zu einer mächtigen Waffe werden. Ich - oder ein anderer - könnte, wenn wir zum Ende unserer Forschung gekommen wären, Menschen ebenso leicht gesund wie krank machen.

Aber das wäre noch ein weiter, weiter Weg gewesen. Ich habe dem Unternehmen nicht geschadet, bestenfalls ein wenig Arbeitszeit genommen, die aber in keinem Verhältnis zu den Hunderten, nein Tausenden von Stunden stehen, die ich ohne Entgelt jahrzehntelang zusätzlich gearbeitet habe. Da brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben.

Genforschung wurde im Unternehmen nicht betrieben. Das war ein absolutes Tabu. Es war mehr ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung, wissenschaftliche Neugier. Es hat mich den Kopf gekostet. Mein Laborleiter hat Glück gehabt und wurde nur als mein Werkzeug angesehen. Ich freue mich für ihn, dass er bleiben darf. Man wird ihn immer sehr genau beobachten.

Ein erster Plan

Mittlerweile ist es spät im Frühling. Ich bin seit vier Monaten Ruheständler und ich habe das Gefühl, dass ich meinen Alltag halbwegs bewältige. Am Anfang war ich eher depressiv und es kamen mir tausend Gedanken, die meisten davon waren nicht gut. Ich fahre täglich große Strecken mit dem Fahrrad; entweder per Mountain-Bike durch den Wald oder mit dem Rennrad auf der Straße. Beim Radfahren kann ich am besten entspannen. Da habe ich die besten Ideen. Heute hatte ich eine gute Idee.

Ich fühle mich unheimlich gut. Ich male mir aus, wie es am besten geht. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde es tun. Egal was passiert. Nur dann werde ich zufrieden sein. Ich werde mich rächen. Das steht fest und davon werde ich mich nicht abbringen lassen. Ich werde mich an Erwin rächen. Ich werde ihn so zerstören, wie er mich zerstört hat. Er wird vor Trümmern stehen.

Steinewerfer gab es auf deutschen Autobahnen schon einige. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem die Steinewerfer eine konkrete Person im Blick gehabt hätten. Vielmehr ging es ihnen um niedere Beweggründe. Diese reichten, bei aller Tragik der Folgen, von jugendlichem Übermut bis hin zu Hass, der sich an irgendeinem zufälligen Opfer entlud.

Zumindest in den schweren Fällen sind nach meiner Kenntnis alle Täter ermittelt worden. Mein Ehrgeiz sagt mir, dass ich das besser machen will, deutlich besser. Ich werde mich nicht ertappen lassen. Ich weiß, dass Erwin jeden Mittwoch zum Managertreffen in eine andere Stadt fährt. Erwin ist mein Ziel.

Mit dem Managertreffen hat es eine besondere Bewandtnis. Das Managertreffen bezahlt er, es findet etwa 100 Kilometer vom seinem Wohnort entfernt statt und er ist der einzige Manager, der daran teilnimmt. Der andere Teilnehmer ist eine Managerin mit Spezialkenntnissen auf einem einzigen Gebiet. Sollte Erwin auf der nächtlichen Rückfahrt von seiner Managerin einen kleinen Unfall haben, käme er bei seiner Frau in große Erklärungsnöte.

Ob sie sich das gefallen lässt, weiß ich nicht. Im Unternehmen sollte es dazu führen, dass Erwin nicht mehr haltbar wäre. Man denke an amerikanische Politiker. So lange es nicht öffentlich wird, sei es die größte Schweinerei, ist alles in bester Ordnung. Sobald die Öffentlichkeit von den moralischen Verfehlungen erfährt, kommt klar das finale Aus.

Ein Ferrari - Erwins Ferrari - hat eine Bodenfreiheit von 11 cm. Ein Stein mit einer Größe von 15 cm auf der Straße wird seinen Ferrari in die Leitplanken setzen. Das wird unangenehme Fragen aufwerfen. Warum zu dieser Zeit an diesem Ort? Das sollte genügen. Ich habe auch schon eine Idee für den Ort meiner Rache. Eine Grünbrücke auf der Strecke ist ideal. Oft genug schon bin ich bei ausgiebigen Touren mit dem Fahrrad über die Brücke gefahren. Die Herausforderung wird für mich darin bestehen, keine Spuren zu hinterlassen. Es wäre schon eine Ironie des Schicksals, wenn ich meinen eigenen genetischen Fingerabdruck hinterlassen würde. Gentechnik wurde mir schließlich schon einmal zum Verhängnis. Ein zweites Mal sollte mir das nicht passieren, darf mir das nicht passieren.

Bei jeder Fahrradfahrt, und nicht nur da, überlege ich mir genau, wie ich es anstelle. Ich stecke mir immer ein paar unreife Äpfel und Tomaten aus meinem Garten ein und übe. Von einer Brücke versuche ich, mit den Früchten einen Güterzug zu treffen. Mit den tischtennisballgroßen Früchten kann nichts passieren und ich lerne schnell, die Früchte im richtigen Moment loszulassen und meine Ziele zu treffen.

Mal sind es Autos, die auf dem Zug transportiert werden, mal einfach nur Container. Wichtig ist nicht das Objekt, das ich treffe, sondern der richtige Abwurfmoment. Jeder Schüler lernt schon in der 10. Klasse, dass jeder Körper, ungeachtet seines Gewichts, gleich schnell fällt, sofern der Luftwiderstand keine Rolle spielt. Was mit einem kleinen Apfel funktioniert, funktioniert auch mit einem Stein, einem großen Stein.

Nachdem ich das beherrsche, steige ich in die nächste Schwierigkeitsklasse auf. Ich nehme mir den ICE vor. Ein kleiner Apfel sollte keinen größeren Schaden anrichten. Hier ist die Situation realistischer. Ich habe nur einen Versuch und die Geschwindigkeit eines ICE kommt etwa der eines Ferraris gleich. Um das Szenarium möglichst realistisch zu simulieren, fahre ich nach dem Abwurf sofort weg. Es erhöht die Spannung und ich laufe weniger Gefahr, dass mich eine alarmierte Polizeistreife aufgreift. Ich käme in arge Erklärungsnot. Leider sind die Abwurfübungen der einfachste Teil meines Unterfangens. Wie schaffe ich es, keine Spuren zu hinterlassen?

Den Stein durch einen Eisklotz zu ersetzen, könnte das Problem lösen. Die Wirkung dürfte etwa die gleiche sein. Der Eisklotz wird zerbersten, die Splitter in kürzester Zeit wegschmelzen und damit als Beweismittel wegfallen. Falls es erforderlich werden sollte, hätte ich kein Alibi. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Zuerst werde ich mir ein weiteres Fahrrad besorgen.

Gleich am nächsten Samstag kaufe ich mir bei einer Fundstellenversteigerung ein brauchbares Fahrrad. Ein unauffälliges Mountain-Bike, wie es hundertfach auf den Straßen zu sehen ist, in einem technisch einwandfreien Zustand. Ich werde es ein wenig verändern. Unplattbar muss es werden. Eine Spezialfüllung in den Reifen sorgt dafür, dass selbst bei einem Nagel die Weiterfahrt problemlos möglich ist. Ich muss mich auf mein Fahrrad verlassen können. Weiterhin bekommt meine Neuerwerbung einen Gepäckträger und eine Transportbox. Die Transportbox werde ich bei Gelegenheit noch so modifizieren, dass ich sie mit wenigen Griffen abmontieren kann.

Beim Eisklotz bin ich hin und hergerissen. Entweder absolut reines Wasser nehmen, da gibt es keine Spuren. Oder Wasser mit so viel Genmaterial, dass man bei einer Untersuchung eine halbe Stadt findet. Ich will sehr, sehr vorsichtig sein. Ich bin Naturwissenschaftler und ein gebranntes Kind.

Schon als Kind habe ich mit Interesse Bücher über Kriminalistik und die Entwicklung der Spurensuche gelesen. Nachweise der Fingerabdrücke stellten Mitte des 19. Jahrhunderts Gesetzesbrecher vor neue Herausforderungen. Der Handschuh schützt noch heute jeden Einbrecher vor der verräterischen und eindeutigen Spur des Fingerabdrucks. Ohne Schwierigkeiten hätte man im Nachhinein dem Täter die eine oder andere Straftat nachweisen können. In Unkenntnis des Wertes dieser Spuren und mangels kriminaltechnischer Möglichkeiten hat man diese seinerzeit jedoch nicht gesichert. Glück gehabt.

Seit Ende der 80-er Jahre kennt die Kriminalistik eine starke Waffe bei der Verbrechensaufklärung. Der traditionelle Fingerabdruck wurde durch den genetischen Fingerabdruck, kurz auch DNA-Nachweis genannt, erweitert. Durch entsprechende Kriminalarchive konnte man auch Spuren von Taten auswerten, die weit zurücklagen. Zur damaligen Zeit war aufgrund der kriminalistischen Methoden eine Täterüberführung unmöglich. Man hatte gelernt. Es wurden auch Spuren gesichert, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht verwertbar waren. Jahre und teilweise Jahrzehnte später konnten diese Taten teilweise aufgeklärt werden.

Die Täter fühlten sich in der Zwischenzeit sicher, hatten meist schon lange nicht mehr mit einer Überführung gerechnet, lebten häufig ein bürgerliches Leben und hatten nicht selten die Tat mehr oder weniger komplett verdrängt. Es werden auch in Zukunft Straftaten aufgeklärt werden können, bei denen die Labors heute noch passen müssen. In regelmäßigen Abständen nimmt sich die Polizei ungelöste alte Fälle, meist Kapitalverbrechen, vor, um zu prüfen, ob die ständig verbesserten kriminaltechnischen Methoden zu neuen Erkenntnissen führen. Und wer weiß, welche Überraschungen die Wissenschaft für uns noch bereithält?

Ich will sicher sein, dass keine Spuren von mir eines Tages die Ermittler zu mir führen. Tagelang, ob beim Radfahren, einer Tasse Kaffee am Nachmittag oder nachts vor dem Einschlafen - permanent überlege ich, welcher Weg der richtige ist. Ich plane alle Details.

Letztendlich entscheide ich mich für das Prinzip tarnen und täuschen. Griffe von Einkaufwägen, Geländer, Türgriffe sind nur drei Beispiele für ein riesiges Reservoir, um Genspuren von Hunderten von Menschen zu bekommen. Ein bei Regen im Garten aufgestellte Kunststoffwanne dient mir zur Gewinnung von Regenwasser. Ich darf kein Leitungswasser nehmen. Leitungswasser hat eine völlig andere Zusammensetzung als Regenwasser. Bei einer eventuellen Untersuchung der Eiswürfel wäre sofort klar, dass das Eis nicht natürlichen Ursprungs war.

Höchste Vorsicht ist geboten. Eine Hautschuppe, eine Wimper oder ein Schweißtropfen könnten verräterische Spuren hinterlassen. Durch meine Laborarbeit sind derartige Gebote für mich nichts Ungewöhnliches. Zwecks Konservierung friere ich das Regenwasser immer sofort ein. Bakterielle Verunreinigungen oder schlimmer noch die Eier einer Stechmücke wären verräterische Spuren. Mittlerweile habe ich nach meiner Einschätzung alle Vorbereitungen getroffen.

Und ich bewundere täglich mein Meisterwerk: ein einfacher Eiswürfel der Kantenlänge 20 cm und einem Gewicht von 8 kg. Der Stein wäre etwas kleiner ausgefallen. Das Gewicht ist etwas geringer als das des ursprünglich vorgesehen Steins. Wie ein Blitz durchfährt mich ein Gedanke. Ich fürchte, der Klotzt ist zu stabil und braucht nach dem Aufprall zu lange, bis er weggeschmolzen ist. Ich muss ein Experiment durchführen. Mein Original bleibt unberührt. Um das ist es zu schade. Ich brauche eine Kopie, die leicht herzustellen ist. Allerdings brauche ich etwas Zeit. Ein Eisklotz lässt sich nicht in zwei Stunden herstellen. Mindestens einen Tag muss ich mich gedulden.

Mit dem Mountainbike fahre ich den neuen Eisklotz zu einer alten Eisenbahnbrücke. Bevor ich mein Experiment durchführe, fahre ich ein paar Runden um die alte Brücke. Die vielen Stechmücken in dieser Ecke machen ein längeres Verweilen von Jugendlichen in Feierlaune oder Liebespärchen, die ein paar romantische Stunden verbringen möchten unmöglich. Trotzdem vergewissere ich mich, ob ich allein bin.

Nach diesen Sicherungsmaßnahmen fahre ich auf die Brücke und simuliere das Auftreffen des Eisklotzes auf der Autobahn. Der Klotz fällt und zerschellt. Zerborsten liegen einige Teile am Boden. Sie sind so groß wie eine Männerfaust, zu groß, um keine Aufmerksamkeit zu riskieren. Wenngleich die Temperaturen des lauen Sommerabends die Eisbrocken in wenigen Stunden zu unscheinbaren Pfützchen entsorgen würden, gehe ich auf Nummer sicher und werfe die Brocken in den angrenzenden Fluss.

Die Sicherungsmaßnahmen kosten mich viele Tropfen Blut, da die Stechmücken von meinem durchgeschwitzten Körper unwiderstehlich angezogen werden. Ich nehme eine wichtige Erkenntnis mit nach Hause. Der massive Eisklotz ist ungeeignet. Ich hinterlasse zu viele mögliche Spuren. Das Eis muss sich schneller auflösen. Es darf kein massiver Eisklotz sein. Viele kleine Eisklötzchen haben im Moment des Aufpralls die gleiche Schlagkraft, zerfallen dann aber und lösen sich in der Wärme schnell auf. Das Problem ist jedem Chemiker bestens bekannt: Styropor. Das Problem ist damit so gut wie gelöst. Styropor ist im Prinzip nichts anderes, als Kunststoff mit vielen eingeschlossene Luftbläschen. Schnee ist im Prinzip auch nichts anderes als Eiskristalle mit vielen Lufteinschlüssen.

Ich werde einen instabilen Eisklotz erstellen. Eine kleine Pumpe aus meinem Labor bläst bis zum Durchfrieren genügend Luft in meinen neuen Klotz. Ein paar Versuche und Veränderungen der Bedingungen und ich bin mit meinem neuen Klotz durchaus zufrieden. Ich lege ihn auf die Waage und aufgrund der deutlichen Gewichtsreduzierung weiß ich, dass genügend Luftbläschen eingeschlossen sind. Zwei Tage später mache ich mich wieder auf den Weg zur alten Eisbahnbrücke, checke schon routiniert die Umgebung und lasse wieder meinen Klotz in die Tiefe fallen. Tausend Splitter liegen weit verstreut um den Aufschlagpunkt.

Ich muss nur wenige Minuten warten und fast ausnahmslos haben sich die kleinen Eisbröckchen bei den abendsommerlichen Temperaturen rückstandsfrei in Wasser verwandelt. So werde ich es machen. Die zahlreichen Mückenstiche nehme ich fast mit Genugtuung hin. Wieder Zuhause angekommen gönne ich mir einen Drink und gehe wie in einem Film immer wieder meinen Plan durch. Zufrieden schlafe ich ein, werde irgendwann mitten in der Nacht meinen Schlafplatz verlassen und gehe ins Bett. Ich fühle mich einfach gut.

Seit Tagen grübele und grübele ich. Es gibt nach wie vor ein ungelöstes Problem. Ich werde kein Alibi haben und muss eventuell meine Nähe zum Tatort erklären. Plötzlich - eine Idee. Warum bin ich nicht früher darauf gekommen. Foto, ganz einfach Foto. Ich spiele die Rolle eines leidenschaftlichen Hobbyfotografen und werde das als Tarnung nutzen. Die Details werde ich mir noch überlegen. Mein Puzzle ist komplett. Selbstverständlich habe ich dann kein Alibi. Aufgrund meines Singlelebens ist es glaubwürdig, dass ich meistens keines habe. Zumindest gebe ich bei Bedarf eine plausible Erklärung für meine Anwesenheit.

Wir haben einen extrem heißen Sommer. Alle zwei bis drei Tage kommt eine Abkühlung durch ein Gewitter, um dann in den Folgetagen eine fast unerträgliche Schwüle zu erzeugen. Wieder einer dieser heißen Sommertage - schnell noch vor dem Gewitter, mähe ich den Rasen.

Kaum fertig, setzt wieder ein heftiges Gewitter ein und der Himmel sendet mir eine Botschaft. Hagel, taubeneiergroße Hagelkörner. Welche eine Pracht! Nie habe ich solch schöne Hagelkörner gesehen. Im Fernsehen wird von den vielerorts niedergegangenen Hagelschauern berichtet. Schäden in der Landwirtschaft, an Häusern und Fahrzeugen werden in eindrucksvollen Bildern gezeigt. Gebraucht hätte ich sie nicht. Ich habe meinen Plan bereits modifiziert.

Ich kaufe mir Formen für runde Eiswürfel. Runde Eiswürfel, was für eine idiotische Bezeichnung. Demnächst gibt es eckige Kugeln. Ich störe mich nicht weiter an der Bezeichnung, aber am Ergebnis. Die ersten Eiskugeln gefallen mir nicht. Google-Anfrage „Eiswürfel machen" und ich habe genügend Anleitungen.

Meine tischtennisballgroßen Eiskugeln sind fertig und das Ergebnis stellt mich zufrieden. Trotzdem, ich habe kein gutes Gefühl. War das ein Fehler, ein schwerer Fehler? So was darf mir nicht mehr passieren. So etwas darf mir nie mehr passieren. In Zeiten von NSA und Datenvorratsspeicherung kann ich nicht via Internet bei Google anfragen. Ich darf keine Fragen an Google richten, die mich verraten könnten. Entweder muss ich diese Google-Anfrage, diesen Fehler akzeptieren oder den Plan noch einmal ändern. Das könnte mich verraten. Selbst der schlechteste Ermittler wird sämtliche Internetspuren und vor allem die Suchbegriffe untersuchen. Ich entscheide mich für das Risiko.

Etwas anderes wird mir bewusst. Ich wollte einen Klotz erstellen. Jetzt habe ich lediglich einzelne Kugeln. Will ich das? Die Idee war die geringe Bodenfreiheit des Ferraris auszunutzen. Die Kugeln richten dort nichts an. Höchstens zerschlagen sie die Windschutzscheibe. Will ich das? Das wäre eine neue Dimension. Nein, das ist nicht meine Absicht.

Noch einmal muss ich meinen Plan modifizieren. Das Prinzip ist einfach und es mir aus der Modellbildung des Chemieunterricht entliehen. Fünf mal fünf Reihen aneinandergelegt ergibt die Basis. Leicht antauen und dann wieder anfrieren. Und das Ganze in fünf Schichten. Die ersten Haltbarkeitsversuche. Ich teste die Festigkeit mit dem Vorschlaghammer.

Jeden Durchlauf habe ich gründlich protokolliert. Das habe ich lange genug beruflich gemacht. Endlich wieder ein wenig wissenschaftliches Arbeiten. Erst als ich mit dem Ergebnis zufrieden bin, traue ich mich wieder an die Brücke. Schon fast wie ein Ritual prüfe ich erst die Umgebung auf mögliche Beobachter, um dann das Experiment zu beginnen. Das Ergebnis des Wurfversuches ist für mich überzeugend. Die Stechmücken haben sich wieder über meinen Besuch gefreut und können mit meinem Blut den Fortbestand der nächsten Generation absichern.

Mein erster Eisklotz muss heute umziehen. Ich nehme ihn aus der dem Tiefkühlschrank meines Privatlabors und gebe ihn in den Laborkühlschrank. Er muss heute leider geopfert werden. Ich muss den Aggregatzustand ändern. Er muss aufgetaut werden. Ich benötige das Wasser, das Regenwasser. Heute erzeuge ich die hoffentlich letzte Version meines Klotzes. Bisher gab es nur Testobjekte. Jetzt kommt die finale Phase. Um Verunreinigungen zu vermeiden, taue ich mein gefrorenes Regenwasser im Kühlschrank auf. Das dauert zwar deutlich länger, ist aber sicherer. Noch stehe ich nicht unter Zeitdruck.

Ich glaube, ich bin bestens vorbereitet. Ich hoffe, an alles gedacht zu haben. Nicht eine Sekunde kommt mir der Gedanke, dass ich von meinem Vorhaben ablassen sollte. Mein Bedürfnis, mich zu rächen, ist nach wie vor ungebrochen. Kameraausrüstung im Fotorucksack, das spezielle Mountainbike, ein spezielles Fernglas für Jäger und gerade nachts besonders geeignet, Regenschutz und mein selbstgemachter Klotz. Die von mir ausgewählte Brücke liegt etwa 60 km entfernt. Im Prinzip ist das in Ordnung. Ich muss nur auf den richtigen Tag warten. Oh verdammt, ich habe schon wieder einen Fehler gemacht.

Zwischen meiner Abfahrtszeit mit dem Fahrrad und dem Ereignis werden mindestens vier Stunden liegen. Bei meinen Tests an der Brücke musste ich immer nur eine halbe Stunde fahren. Bei vier Stunden laufe ich Gefahr, dass mein Klotz und die einzelnen Kugeln auftauen und damit nicht mehr hinreichend verbunden sind. Die Lösung ist für mich einfach. Ich muss es nur berücksichtigen.

Aus einem speziellen Isolierschaum fertige ich einen Transportbehälter, der zum einen gut isoliert und gleichzeitig die Kugelkonstruktion vor eventuellen Schäden durch den Transport auf dem Fahrrad schützt. Ich habe es im Garten ausprobiert. Vier Stunden in der prallen Sonne haben einem Eisklotz in seiner Verpackung so gut wie nichts anhaben können. Auch ein kräftiger Schubs über mehrere Treppenstufen hat die Transporteinheit problemlos überstanden.

Es ist Sonntag und für die kommende Woche sind für jeden Abend Hitzegewitter angekündigt. Der kommende Mittwoch könnte mein Tag werden. Ich werde wach. Wir haben Mittwoch und der Wetterbericht sagt für heute wieder Gewitter voraus. Gewitter haben leider den Nachteil, dass Sie in der Regel lokal auftreten und fast nicht kalkulierbar sind. Ich werde es versuchen und losfahren. Notfalls gibt es noch einige Mittwoche.

Jetzt wird es ernst. Ich bin bereits auf dem Weg und merke, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Es gibt doch sehr viele Möglichkeiten, Spuren zu hinterlassen. Ich habe mein Handy dabei. Das wäre eine fatale Spur und vor allem eine Spur, die nach Wochen und Monaten noch existieren würde. Wie kann mir nur so etwas passieren?

Aus Gründen der Tarnung fahre ich in den naheliegenden Baumarkt, kaufe die ohnehin benötigten Ersatzblätter für meine Stichsäge, um Zuhause Sägeblätter und vor allem das Handy zurückzulassen. Ich starte einen zweiten Versuch. Noch bin ich gut im Zeitplan; einen weiteren Zeitverlust kann ich mir allerdings nicht erlauben.

Auf der Brücke

Bestens vorbereitet trete ich in die Pedale. Noch knapp zwanzig Kilometer zu fahren und ich bin bester Dinge. Viele Male bin ich den Weg und den Ablauf durchgegangen und habe mein Vorhaben unter möglichst realistischen Bedingungen getestet. Ich stand sogar an einigen Mittwochen auf der Brücke, um zu prüfen, ob ich den Ferrari rechtzeitig erkenne. Auch das hat funktioniert. Ich komme mir vor wie ein Hochleistungssportler, der die Abläufe durch Tausende von Trainingseinheiten völlig automatisiert hat. Sofern das Wetter mitspielt, kann nichts schiefgehen. Es kann nichts passieren. Es wird genau nach meinem Plan ablaufen.

Gegen 22:00 Uhr bin ich auf der Tierbrücke. Zur Tarnung packe ich meine Kamera aus und setze sie auf das Stativ. Die Wolkenformation am Horizont wird von Minute zu Minute dramatischer und das Restlicht der schon lange untergegangenen Sonne wird letztendlich komplett durch das bedrohliche Dunkel des bevorstehenden Gewitters verzehrt. Vielleicht brauche ich wirklich noch einmal eine Begründung für meinen hiesigen Aufenthalt. Also mache ich von den Wolkenformationen und der Brücke ein paar Bilder.

Gegen 23:00 Uhr müsste Erwin die Autobahn an dieser Stelle passieren. Diese Art von Relativitätstheorie kennt jeder. Manchmal rast die Zeit - Stunden vergehen wie Sekunden. Manchmal steht die Zeit – Sekunden wollen nicht vergehen. Die Zeit will einfach nicht voranschreiten. Wir haben 22:45 Uhr. Es regnet bereits seit geraumer Zeit und ich gehe davon aus, dass sich zu dieser Zeit und bei diesem Wetter keine Spaziergänger mehr in dieser Gegend aufhalten. So bescheuert wird doch keiner sein!

Ich fange an zu frösteln. Sind es die gesunkenen Temperaturen, die mit dem einsetzenden Regen einhergehen? Oder fröstele ich, weil die Nässe langsam unter die Regenkleidung eindringt? Ich mag mir nicht eingestehen, dass das Frösteln auch der Situation geschuldet sein könnte. Nicht nur, dass ich einem Menschen, einem bestimmten Menschen nachhaltig Schaden zufügen will. Gepaart mit der gespenstischen Situation, nachts auf einer einsamen Tierbrücke bei Gewitterregen zu lauern. Mit einem Mal wird das Gewitter sehr heftig. Wie auf Bestellung.

Es blitzt. Es donnert. Als würde gleich die Welt untergehen. Meinen Klotz habe ich so bereit gelegt, dass ich ihn mit zwei, drei schnellen Griffen nehmen kann, nach wie vor geschützt vor dem heftigen Regen. Ein vorzeitiges Schmelzen muss ich vermeiden. Ein weiteres Problem taucht auf. Machen die Blitze meine Tarnung der Dunkelheit zunichte? Das wäre sehr gefährlich. Zum Glück bieten mir die Bäume und Büsche auf der Tierbrücke halbwegs Deckung.

Wie an einer Perlenschnur aufgereiht folgt auf der rechten Spur ein LKW dem anderen. Das habe ich erwartet und ist auch gut so. Den wenigen PKWs, und damit auch Erwin mit seinem Ferrari, bleibt fast zwangsweise nur die Überholspur. Das macht es mir leichter. Ich beobachte mit meinem Fernglas den Verkehr. Viele PKWs sind nicht mehr unterwegs. Ich bin bereit. Der Blick durch das Fernglas lässt die Fahrzeuge scheinbar mit Schrittgeschwindigkeit fahren. Ich darf mich nicht täuschen lassen. Sobald ich den Ferrari ausmache, muss alles blitzschnell gehen.

Hagel setzt ein, besser könnte es nicht sein. Eine weitere Unwägbarkeit ereilt mich - die Sicht wird schlechter. Dank meiner Regenkleidung bin ich wenigsten etwas gegen die Hagelkörner geschützt. Ein normaler Mensch verlässt bei dem Wetter und um diese Uhrzeit nicht freiwillig das Haus. Mehrmals höre ich laute Motorengeräusche und denke, das könnte der Ferrari sein.

Der Hagel wird heftiger und meine Sicht ist erheblich beeinträchtigt. Mein Fernglas bringt nichts. Den Ferrari mit seinen charakteristischen Scheinwerfern und dem einmaligen Profil sollte ich unter den wenigen Fahrzeugen auch ohne Fernglas erkennen können. Meine Anspannung wächst ins schier Unerträgliche. Parallel zu den Blitzen schießen mir Fragen und Gedanken durch den Kopf. Was ist, wenn er heute nicht kommt, weil der Mistkerl z.B. auf Geschäftsreise ist? Vielleicht kommt er gerade heute später? Vielleicht ist er schon durchgefahren? Was ist, wenn ich ihn zu spät erkenne? Treffe ich mein Ziel mit dieser Anspannung, mit dieser Aufregung und unter diesen schwierigen Bedingungen? Ich habe immer nur unter Laborbedingungen getestet, nie real. Halte ich dem Druck stand? Stehe ich beim Scheitern nächsten Mittwoch wieder hier?

Ich habe das Gefühl, mein Gehirn feuert nicht enden wollend Fragen und Zweifel ab. Ich habe keinen Schalter. Ich kann das Feuerwerk der Fragen so wenig unterbinden wie die Blitze am Himmel. Ich versuche, mich an einen Wanderurlaub in den Alpen zu erinnern, um damit dem gedanklichen Feuerwerk Einhalt zu gebieten. Mittlerweile zittere ich am ganzen Körper. Ich friere ohne Ende. Jeder Quadratzentimeter meiner Haut ist feucht, die Kleidung sowieso. Regenkleidung hin oder her, die Rinnsale fließen durch jede Ritze der Kleidung.

Das charakteristische Röhren eines Ferraris. Jäh werde ich aus der leicht einsetzenden Lethargie gerissen. Adrenalin flutet meinen Körper. Das Blut pulst in meinen Schläfen. Mein Herz pocht. Ich nehme den Klotz in die Hand. Fast wäre er mir aufgrund der Feuchtigkeit aus der Hand geglitten. Selbstverständlich trage ich Handschuhe, Fahrradhandschuhe.

Ein Blitz erhellt die Nacht. Nur eine Zehntelsekunde, und ich sehe den roten Ferrari, sogar den ersten Teil des Nummernschildes. Erwin? Richtig? Ich zucke und zögere für den einen Bruchteil einer Sekunde, halte den Klotz über das Geländer und überlasse meine Eiskonstruktion den Kräften der Physik. War es zu spät oder zu früh? Ich war nicht gut genug vorbereitet. Es war doch schwerer, als ich dachte. Nach etwas mehr als einer Sekunde, die mir wie Minuten vorkommen, ein erbarmungsloser Knall. War es der Donner aufgrund einer der vielen Blitze oder ein Treffer?

Noch bevor ich mir selbst die Frage richtig stellen kann, höre ich das heftige Quietschen, das man nur im Straßenverkehr hören kann. Ein undefinierbarer Lärmmix aus LKW-Dröhnen, Bremsen, ein Aufprall, Gewitter und das erbarmungslose Niederprasseln von Hagelkörnern lassen keine Beurteilung der Lage zu. Es muss etwas passiert sein. Ich will schnell weg.

Kurzer Kontrollblick - nichts zurück lassen. Die Kamera nebst Stativ hatte ich zuvor schon lange in meinem Rucksack verstaut. Regen und Hagel werden bei der Spurenbeseitigung meine besten Verbündeten sein. Weg, nichts wie weg. Ich trete kräftig in die Pedale und mein Rückweg durch den Wald bietet nur wenig Schutz vor dem nach wie vor heftigen Regen. Nur noch vereinzelte Hagelkörner mischen sich in den nicht nachlassen wollenden Regen. Das Fahren in dieser Situation und auf dem aufgeweichten Boden ist extrem beschwerlich. So hätte ich das nie und nimmer eingeschätzt.

Nach wenigen Minuten mischen sich unter das Donnern Martinshörner und die Nacht wird noch gespenstiger. Ich vermute, Einsatzfahrzeuge auf dem Weg zum Unfallort. Vollgepumpt mit Adrenalin fahre ich, wie vom Teufel gejagt, durch den Wald und nehme so gut wie nichts von meiner Umgebung wahr. Aufgrund des nassen und aufgeweichten Bodens laufe ich Gefahr zu stürzen. Die Reifen graben sich in den matschigen Untergrund.

Irgendwann, ich habe es nicht wirklich bemerkt, hat sich das Gewitter verzogen. Lediglich von den Blättern der Bäume fallen noch immer Wassertropfen, so dass ich nicht weiß, ob es noch regnet. Ich schwitze in die vom Regen völlig durchnässte Kleidung. Die Regennässe wird aufgrund der Anstrengung zu 100% durch Schweiß ersetzt. Ein kurzes Verschnaufen wäre unmöglich. Schon so jubeln sämtliche Stechmücken der Region über den reichlich gedeckten Tisch. Ich weiß nicht, ob ich an alles gedacht habe - ich hoffe schon. Irgendwann nach zwei Uhr in der Nacht nähere ich mich meinem Haus. Hoffentlich sieht keiner diesen verwirrten, vor Schmutz starrenden Radfahrer. Im schlimmsten Fall werde ich von einem Nachbarn erkannt.

Zuhause angekommen, stelle ich das Fahrrad im Garten ab. Nur keine unnötigen Geräusche machen. Selbst das Öffnen der Garage könnte Aufmerksamkeit erregen. Ich bin schon fast im Haus, als ich merke, dass ich etwas vergessen habe. Die Fahrrad Gepäckbox ist noch montiert. Morgen, nein nachher zwischen 6:00 und 7:00 Uhr kommt die Müllabfuhr. Nur ein paar Stunden sind es bis dahin. Da sollte nichts passieren. Ich zerstöre durch kurzes Überdehnen des Scharniers die Box, damit sie unbrauchbar wird und lege sie möglichst geräuschlos in die Mülltonne. Den Transportbehälter aus Isolierschaum entsorge ich auf dem gleichen Weg. In ein paar Stunden wird nichts mehr davon zu finden sein.

Nach einer ausgiebigen Dusche gönne ich mir einen Drink. Ich rede mir ein, dass ich nur so einschlafen könnte. Mit dieser Argumentation gönne ich mir gleich einen zweiten. Noch bevor ich den ersten Schluck des zweiten Drinks nehme, übermannt mich die Müdigkeit. Gerade noch schaffe ich es in mein Bett.

Nach der Brücke

Drückend gewinnt die Sommerhitze wieder die Oberhand und ich werde trotz der extrem kurzen Nacht gegen neun Uhr wach. Vielleicht war es auch das Telefonklingeln, das ich unbewusst im Schlaf wahrnehme. Oh – jetzt nur kein Anruf. Das kann ich gar nicht gebrauchen. Trotzdem nehme ich den Hörer ab und melde mich schroff nur mit meinem Namen. Dabei spreche ich meinen Namen mit ganzer Kraft, um den Eindruck zu erwecken, ich wäre schon lange wach. Ich will mir die Anstrengungen der Nacht nicht anmerken lassen.