Keltenkind - Steffen Ziegler - E-Book

Keltenkind E-Book

Steffen Ziegler

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Beschreibung

Fortsetzung von Band i - III. Germanien zur Zeitenwende. Rom hat den Aufstand der Barbaren niedergeschlagen, es herrscht wieder Frieden im Land. Doch er wird nicht lange anhalten. "Keltenkind" Velent kehrt nach Mattiacum zurück, um seine große Liebe, das Römermädchen Luna, zu suchen.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Steffen Ziegler

Keltenkind

Keltenkind

Alle Rechte vorbehalten

© Copyright 2019

1. Auflage

Schwarzdorn-Verlag

Illustrationen: Anke Eißmann, Herborn

Gestaltung des Einbandes: Agentur FederhenSchneider, Siegen/Köln

www.keltenkind.de

„Wild verstreut liegt der Basalt,

Düstre Wolken jagen.

Über Halm und Dorn und Wald

Will die Nacht den Mantel bald

Leise um mich schlagen.

Rascheln – Flüstern ringsumher,

Windeslied in Zweigen.

In den Tälern grau und schwer

Kriecht der nasse Nebel her.

Bald wird alles schweigen.“

aus dem Gedicht „Westerwald“

des Herborners Heinzcarl Bender (1904-1978)

BAND IV

Was ich nun, da es hell wird, erblicke, mag ich kaum glauben.

Dieser Anblick ist angetan, jedem den Atem zu rauben!

Jedermann steht, auf dass er einen Blick auf das Schauspiel erhasche,

Vor seinem Haus und starrt auf den Berg und die Säule aus Asche.

Tief in der Nacht war es so, dass wir alle ein Zittern verspürten.

Noch aber ahnte hier niemand, woher diese Erdstöße rührten.

Ist es nicht seltsam: Gestern beschrieb ich ein ähnliches Beben.

Um es nur wenige Stunden darauf gleichsam selbst zu erleben.

Dass der Boden hier wackelt und zittert, geschieht zwar recht häufig –

Manchmal mehrmals pro Jahr und jedem ist dies geläufig –,

Doch, dass der Berg erwacht, scheint selbst den ältesten Greisen

Neu. Drum reizt es mich sehr, die Bucht schon bald zu bereisen.

Aber: Eins nach dem andern. Vorher gilt es dies Schreiben,

Noch in Ruhe zu Ende zu bringen. Drum will ich noch bleiben.

Wo warn wir gestern stehen geblieben? Lass mich rasch schauen.

Luna hatte sich Marcus versprochen. Im blinden Vertrauen,

Er und nicht Velent habe sie aus dem Eissee gerettet.

Argwohn und List hatten siegreich gegen die Liebe gewettet.

Ich kann es nicht mehr ändern. Ich wurde Opfer eines falschen Bildes, das sich für mich ergab, und Opfer meines damals mangelnden Mutes, meiner mangelnden Zuversicht.

Auch jetzt scheinen mir beide endlich. Eines nur nährt sie: Das Wissen, dass wir uns doch wieder fanden.

Venus indes ist zäh. Sie gab sich noch längst nicht geschlagen,

Hatte die Zwerge geschickt, um Velent nach Hause zu tragen,

Heim in die Höhle, um ihn dort treu und lang zu umsorgen,

Und ihn selbst durch die Nächte getragen, so dass er am Morgen –

Jeden Morgen seiner langen Genesung – erwachte,

Und am Ende nichts anderes tat, als Luna gedachte.

Nur ganz spärliche Bilder vom See waren Velent geblieben,

Dafür das sichre Gefühl, seine Luna ehern zu lieben.

Weil seine Träume ihm zusätzlich weitere Hinweise gaben,

Glaubte und hoffte er schließlich, sie auch gerettet zu haben.

Ja, so war es – war er sich sicher. Aber den Zwergen

War es nicht möglich, ihre Zweifel daran zu verbergen.

Hatten sie doch – und sollten dies auch offen bekunden –,

Draußen am Eissee keinerlei Spuren von Luna gefunden.

Velent entgegnete trotzig, es habe doch Neuschnee gegeben.

Wo sie hin sei, das wisse er nicht. Doch sie sei noch am Leben!

Sicherlich hätten die Götter entschieden, ihm Luna zu rauben!

Doch auch diese Geschichte wollten die Zwerge nicht glauben.

Noch nicht völlig genesen, entschied er, nicht länger zu streiten.

Nein, er brach einfach auf, um heimlich nach Süden zu reiten.

* *

Bild I

2 Jahre vor Lunas Brief an Velent –

im Wald nördlich von Mattiacum

Velent hörte die Horde Männer lange bevor er sie sah. Die grobschlächtigen Gestalten gaben sich aber auch nicht die geringste Mühe, unentdeckt zu bleiben. Die eisenbeschlagenen Räder ihrer schweren Wagen rumpelten über Stock und Stein, um sich im nächsten Moment wieder in einem tiefen Schlammloch festzufahren; die Ochsen, die sie zogen, schrieen unter den Mühen und den Schlägen, denen sie sich ausgesetzt sahen. Auch einige der Männer konnte Velent hören. Ihre Stimmen klangen müde und gereizt zugleich. Wenn sie ihre Zugtiere nicht anbrüllten, schienen sie zu streiten oder sich lauthals zu beklagen. Velent konnte kaum etwas verstehen, noch war er zu weit entfernt, doch schien es ihm auch, als ob sie sich zum Teil fremder Sprachen bedienten, denen er nicht mächtig war. Hier und da glaubte er jedoch auch das eine oder andere Wort Latein aufschnappen zu können.

Es fiel ihm nicht schwer, den langsamen Tross zu überholen. Er ritt einen weiten Bogen um ihn herum, um sich an einer geeigneten Stelle im dichten Unterholz des Waldes zu verbergen. Von hier aus wollte er den Zug an sich vorbeiziehen lassen, um sich einen genaueren Eindruck verschaffen zu können, mit wem er es zu tun hatte.

Velent zählte elf Männer. Es waren jedoch keine Legionäre, wie er zunächst vermutet hatte. Einige von ihnen trugen zwar ein paar entsprechende Ausrüstungsteile, die darauf hindeuteten, dass sie zumindest einmal als Hilfssoldaten gedient haben mochten, aber ansonsten schienen ihre Kleidung und ihre Waffen recht wahllos zusammengestellt. Trotzdem musste Velent nicht lange überlegen, um zu erkennen, wer da – so wie er auch – Richtung Mattiacum unterwegs war. Die ungewöhnliche Fracht, die die Männer auf ihren schweren Wagen mit sich führten, verriet sie. Es waren weder Soldaten noch Jäger, denn ihre Beute lebte noch; es waren Tierfänger. Ihren verärgerten Reaktionen zufolge wären sie wohl gerne ein paar wilderer Kreaturen habhaft geworden als lediglich einem Eber und einem Elch – wobei beide Tiere recht stattliche Exemplare waren und der Elch sogar so groß war, dass sie ihm seine langen Beine unter den Leib hatten binden müssen, um ihn überhaupt in einen der großen, hölzernen Käfige hinein zu bekommen.

Obwohl Velent lange Zeit allein in den Wäldern gehaust hatte, hatte er dabei höchst selten einen Elch gesehen. Doch wenn, war es ihm so ergangen, wie es ihm auch in diesem Moment erging: Er musste an seine Mutter denken und daran, dass sie ihm erzählt hatte, dass ein Elch am Tag seiner Geburt am Steinring gesehen worden war. Er nahm sich vor, sich vorzusehen, um nicht schon bald wie dieser Elch in Gefangenschaft zu geraten.

Doch gerade deshalb schien es ihm ratsam, sich den Männern nun zu zeigen, denn in ihrem Tross war es vermutlich wesentlich leichter, unbemerkt an den Torwachen Mattiacums vorbei zu kommen als wenn er es allein versucht hätte. Ein Risiko blieb, aber Luna – so viel stand fest – war es allemal wert, es einzugehen.

Als das Ende des Trosses seine Höhe erreicht hatte, ließ er Adlan aus dem Unterholz auf den Weg treten.

„Wolltet Ihr Bären fangen?“, rief er und ritt – in langsamen Trab und vorbei an den hintersten Männern – in Richtung der Spitze des Zuges. „Es gibt hier seit Jahren keine mehr. Im Krieg war der Hunger zu groß.“

Alle Hälse reckten sich nach ihm und seinem riesigen Pferd, auch der eines bulligen Südländers, den Velent als den Anführer der Tierfänger ausgemacht hatte, war jener doch der Einzige, der wie er selbst auch auf einem Pferd saß. „Wenn Ihr auf dem Weg nach Mattiacum seid, würde ich mich Euch gerne anschließen.“

„Dann sind wir also auf dem richtigen Weg dorthin! Immerhin etwas!“, konterte der Mann, der ähnlich müde wirkte wie die Männer, die ihm folgten. Ja, schwer wie ihm die Worte über die Lippen kamen, glaubte Velent sogar herauszuhören, dass er am Abend zuvor wohl etwas zu viel getrunken hatte. So rot unterlaufen und trüb wie die Augen des Mannes aussahen, ging er sogar davon aus, dass dies regelmäßig der Fall war.

„Du scheinst Dich ja hier auszukennen. Das kann nie schaden!“, ergänzte der Mann, ohne Velents Frage damit eindeutig beantwortet zu haben.

Überhaupt schien ihn der Fremde nicht weiter zu interessieren. Er schaute sich auch noch nicht einmal um, ob er womöglich nur Teil eines Ablenkungsmanövers war und ihnen ein Überfall von einer anderen Seite drohte, zu groß schien sein Vertrauen in die Schwerter, Bögen, Lanzen und Netze seiner Männer – oder zu schwer sein Kopf. Stattdessen fragte er gähnend: „Wie weit ist es denn noch?“

„Nicht sehr weit! Zwei, drei Hügel noch, dann könnt Ihr die Stadt schon sehen.“

„Stadt? Pah!“, blaffte der Mann zurück. „Damit steht fest, dass Du hier aus den Wäldern kommst und noch nichts von der Welt gesehen hast! Alles, was wir bislang gehört haben, deutet doch viel eher darauf hin, dass es sich bei dieser Stadt“, er verdrehte für einen Moment die Augen, um sodann etwas lauter zu werden, „um ein kleines, verlaustes Drecksnest handelt! Aber: Was soll’s!“ Ein Handzeichen genügte und der zwischenzeitlich kurz zum Stehen gekommene Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Velent verzichtete darauf, ein weiteres Mal um Erlaubnis zu fragen und schloss sich dem Tross einfach an. Schweigend ritt er eine Weile neben dem Anführer her, dann fragte er: „Wo kommt Ihr her?“

„Von überall und nirgendwo! Zuletzt aus Mogontiacum, wenn Dir das etwas sagt“, erwiderte der Mann. Seine Stimme klang gelangweilt und überheblich zugleich.

„Mogontiacum?“, wunderte sich Velent. „Dann seid Ihr an Mattiacum doch längst vorbei gekommen.“

„Vorbei ist genau das richtige Wort. Wir haben einen großen Bogen um Deine Stadt gemacht, um diese Mistviecher zu fangen.“ Er deutete mit dem Kopf kurz zurück auf die Wagen.

„Ihr seid also Tierfänger?“, sah sich Velent in seiner Vermutung bestätigt.

„Vorgestern, ja; und gestern auch noch!“, lachte der Mann verbittert. „Ab morgen dürfen diese armen Tölpel dann allerdings wieder Gladiatoren spielen. Und so tun, als wären sie ausgeruhte Kämpfer! Pah! In Wirklichkeit hat kaum einer von uns ein Auge zugemacht! Ich hätte mir auch den Magen in Mogontiacum verderben sollen, dann hätte ich jetzt auch frei!“  

„Gladiatoren?“ Velent konnte seine Verwunderung nicht verbergen. Er schaute sich um. Gladiatoren hatte er sich etwas anders vorgestellt. Größer, muskulöser, irgendwie glorreicher und verwegener. So hatte man sie ihm zumindest geschildert.

„Wir sind die Unbezwingbaren!“, warf sich der Anführer stolz ins Kreuz.

Velent bemerkte sehr wohl, dass er den Mann mit seiner Reaktion beleidigt hatte. In seinen eigentlich so trüben Augen glaubte er einen Moment lang, ein gefährliches Blitzen erkannt zu haben. Deshalb sagte er erstmal nichts mehr. Stattdessen überlegte er, da sie nun den schützenden Wald bald verlassen und zwei Meilen später ins Blickfeld Mattiacums geraten würden, wie er sich verhalten sollte. Auf Adlan weiter zu reiten, verbat sich eigentlich. Er schaute sich unauffällig um, ob er unter den Männern vielleicht einen ausmachen konnte, der humpelte und dem er, ohne dass es jemandem allzu seltsam vorkommen musste, sein Pferd anbieten konnte; doch ihm fiel niemand auf. Langsam ritt er weiter. Der Wald wurde im gleichen Maße lichter, wie sich die Zahl der gefällten Baumstämme am Wegesrand erhöhte. Doch kein Arbeiter war zu sehen, kein Baumfäller, keine Fuhrwerke, nichts. Da es noch nicht allzu spät am Tage war, konnte dies eigentlich nur eines bedeuten: In Mattiacum feierte man wohl ein größeres Fest; die Arbeit ruhte.

Luna mochte Feste. Ob sie in Mattiacum war? Wie oft hatte er sich diese Frage in den vergangenen Tagen nicht schon gestellt? Er musste es herausfinden! Und wenn sie dort war, musste er sie einfach sehen! Auch wenn er noch immer keine Idee hatte, wie es ihm gelingen sollte, ohne dass man ihn erkannte.

Mittlerweile konnte man jenseits der frisch gerodeten Flächen erste Felder erkennen. Da es jedoch noch früh im Jahr war, ließen ihre tiefbraunen Furchen schließlich auch im Vorbeireiten noch nicht erkennen, welche Früchte sie im späten Sommer tragen sollten. Doch Velent nahm die Felder ohnehin erst in dem Moment wahr, da ein schriller Ruf seinen Blick auf sie lenkte.

„Hey!“ Ein kleiner Mann in leuchtend blauer Tunika ritt auf sie zu. „Hey! Maximus! Das wurde aber auch Zeit!“

In vollem Galopp kam der Mann auf seinem stämmigen Pferd näher; schnell hatte er sie erreicht. Er mochte um die Vierzig Jahre alt sein, trug seine dunklen, im Ansatz gekräuselten Haare sehr kurz, hatte eine auffallend spitze Nase und einen stechenden Blick. Es war nicht zu übersehen, wie verärgert er war. „Was soll das?“ Er deutete mit einer missmutigen Bewegung in Richtung der Käfige. „Zwei Bären hatte ich Euch zu fangen befohlen! Oder wenigstens einen Wisentbullen!“

„Dann zieh doch nächstens selbst los und such sie Dir! Glaubst Du, die laufen einem hier einfach so über den Weg?“, verteidigte sich der Angesprochene, von dem Velent nun wusste, dass er Maximus genannt wurde, was aufgrund seiner Körperfülle nicht unberechtigt schien. „Sei froh, dass wir die hier fangen konnten.“, redete sich der Bulle in Rage. „Es war schwierig genug!“

„Hüte Deine Zunge!“, fuhr ihn der kleine Mann an. „Sonst …“

„Sonst was?“, ließ sich Maximus nicht einschüchtern. „Deinen Sklaven magst Du Befehle erteilen, mir nicht! Hörst Du! Ich kann auch anders!“

„So, was willst Du denn tun? Schau Dich doch an! Welche Truppe nimmt Dich denn noch? Du bist doch überall hochkant rausgeflogen!“

„Ich bin Maximus! Ich habe keinen Kampf verloren! Nicht einen!“

„Irgendwann glaubst Du Deinen Lügen noch selbst! Vielleicht warst Du ja tatsächlich mal ein großer Kämpfer, aber heute bist Du vor allem ein großer Maulheld und ein noch viel größerer Säufer!“

Velent wunderte sich sehr, dass dieser kleine Mann es wagte, einen solchen Ton anzuschlagen, war ihm Maximus doch körperlich weit überlegen. Doch der Bulle griff nicht zum Schwert; laut wurde er indes: „In Mogontiacum hat man mir zwei Angebote gemacht! Hörst Du! Als Leibwächter!“

„So? Du kannst ja dorthin zurückgehen, wenn Du Deine Schulden endlich bezahlt hast! Du säufst für zehn!“

„Einen Kampf noch, Valerius! Einen einzigen! Dann bist Du mich los!“

„Was glaubst Du eigentlich, wie viel wir in Mattiacum verdienen werden? He? Vergiss es! Bis zu den Saturnalien brauchst Du mal mindestens bis alles bezahlt ist! Und das auch nur, wenn ich Dir bis dahin kein neues Geld mehr leihen muss! Was ich ganz sicher auch nicht tun werde! – Und nun beeilt Euch! Es gibt viel zu tun! Die haben scheinbar noch nie eine Tribüne gebaut in dieser Stadt!“

Maximus hob mürrisch die Hand und wies den Tross an, weiter zu ziehen. Langsam setzte er sich in Bewegung.

Da Valerius ihm den Weg versperrte, schickte Velent sich bereits an, Adlan zur Seite zu lenken, doch da Valerius es sah, sprach er ihn an: „Und Du? Wer bist Du? He?“ Er musterte Velents schlanke, hoch aufgeschossene Figur. Zwar hatten seine Muskeln über den Winter erheblich gelitten, doch ihre Ansätze konnten dem sachkundigen Blick eines Mannes, der mit Gladiatoren sein Geld verdiente, nicht verborgen bleiben.

„Ein Schmied!“, hielt sich Velent bedeckt.

„So? Ein Schmied. Das würde schon mal erklären, wie Du zu diesem Schwert kommst“, er deutete auf die Waffe an Velents Gürtel, „aber ich kenne nicht einen Schmied Deines Alters, der sich ein derart teures Pferd leisten könnte …“

„Ich habe es mir nur geborgt!“

„Ah! So nennt man das hier! Aber ich will Dir mal glauben. Weil es besser für mich wäre, wenn es stimmt, was Du sagst! Darf ich also davon ausgehen, dass Du kein Pferd besitzt?“

Velent nickte; er hatte keine Ahnung, auf was der Mann hinaus wollte.

„Ja, ein Pferd ist teuer!“, holte sein Gegenüber aus und seufzte. „Da kann ein wenig schnell und einfach verdientes Geld sicher nicht schaden …!“

„Ihr wollt mir ein Angebot machen?“

„Kräftig, jung und klug! Beste Voraussetzungen!“

„Wofür? Für was?“

„Wir brauchen immer Nachwuchs! Was meinst Du? Gutes Essen, gute Bezahlung; und meist nur vier, fünf Kämpfe pro Jahr …“

„Ihr wollt mich … anwerben? Als Gladiator? Ihr kennt mich nicht einmal!“

Valerius blickte den beiden Männern hinterher, die den Abschluss des Trosses bildeten. Sie trotteten so aufreizend langsam hinter dem letzten Wagen her, dass es offensichtlich war, dass sie nur eins im Schilde führten: Sie wollten lauschen.

„Was glotzt Ihr so, he? Bezahl ich Euch fürs Glotzen?“, rief der kleine Mann mit der spitzen Nase nun, um sich, da die Männer ihren Blick eilig wieder nach vorne gerichtet und ihren Schritt deutlich beschleunigt hatten, wieder Velent zuzuwenden. „Glaubst Du, ich würde irgendeinen von denen genau kennen?“, fuhr er leise fort. „Ich weiß nur grob, dass sie irgendwann irgendwo irgendwen erschlagen oder beraubt haben sollen. Aber es interessiert mich auch nicht, verstehst Du? Ich leiste sie mir, weil sie gute Kämpfer sind. Und Du siehst aus als könntest Du auch ein guter Kämpfer werden! Oder am Ende bist Du es sogar bereits!“

„Nein, das ist nichts für mich!“, entschied Velent und drückte Adlan die Schenkel in die Seite. Scheinbar mühelos drückte sein treues Tier Valerius’ Pferd aus dem Weg.

„Im Vertrauen“, nahm Valerius die Zügel sofort wieder auf und folgte Velent, der seinen Weg Richtung Mattiacum langsam fortgesetzt hatte. Er sprach nun noch etwas leiser und zunächst nicht mehr ganz so bestimmt: „Wir haben da im Moment einen bedauerlichen Engpass. Der Pöbel in Mogontiacum, dieses verlauste Drecksgesindel, hat doch tatsächlich gleich dreimal den Tod gefordert! Drei meiner besten Männer! Tot! In acht Kämpfen! Das hat es noch nie gegeben!“, ereiferte er sich. „Das müsste verboten werden! Und zwei weitere haben sich die Mägen verdorben, an den Scheiß-Austern, die es auf dem Bankett gab! Und dann noch die Tiere! Ein Löwe, zwei Bären – wir konnten sie gar nicht mehr trennen! Es war fürchterlich! Nur das Nashorn ist uns geblieben!“

Velent schwieg.

„Nicht, dass Du Angst haben müsstest!“, wiegelte Valerius ab, „Im gesamten letzten Jahr hatten wir nur einen einzigen Mann zu ersetzen und nun gleich drei oder besser fünf! Das hat es wirklich noch nie gegeben, beim Mars! Und das konnte ich doch auch nicht wissen, als ich im Winter noch zugesagt hatte, für ein paar schöne Kämpfe zum Abschluss der Quinquatrus, hier in Mattiacum. – Also, was sagst Du?“

„Ihr werdet in Mattiacum bessere Männer als mich finden!“

„Mag sein, aber das Problem ist –“ Er unterbrach sich selbst, blickte kurz auf seine Männer und bat Velent dann: „Lass uns über das Feld reiten, da kommen wir schneller voran!“ Er lenkte sein Pferd vom Weg auf die braune, tiefe Erde und Velent tat ihm den Gefallen, ihm zu folgen.

„Das Problem ist“, setzte Valerius neu an: „Mein Auftraggeber hat bereits bezahlt, verstehst Du?! Er hat bezahlt, für drei Hetzen, zwei Jagden und zwölf Kämpfer. Du hast vielleicht selbst gesehen, dass mir einer fehlt, selbst wenn ich meine beiden Venatoren dazu zähle. Ich kann hier nicht einfach durch die Stadt laufen und mir irgendjemanden aussuchen. Hinterher, ja, gerne. Aber für morgen brauche ich einen wie Dich, der aussieht, als wäre er schon immer bei uns gewesen. Und Du siehst doch fast so aus – gut ein wenig dünn vielleicht, aber die Muskeln … Das könnte reichen – zumindest, um einen meiner Tierhetzer zu spielen. Zumindest für einen Tag, wenn Du schon nicht länger bei uns bleiben willst. Was ich, nebenbei gesagt, nicht verstehen könnte! Frag ruhig die anderen, sie sind alle zufrieden! Du könntest es kaum besser treffen! Gladiatoren sind die Helden unserer Zeit! Bejubelt und verehrt. Ein Sinnbild all dessen, für das Rom steht: Mut, Siegeswillen, Männlichkeit!“

Je länger Valerius redete, desto mehr verfiel er in die Rolle eines Marktschreiers, eine Rolle, die ihm nicht fremd war, musste er doch ein guter Händler sein, wenn er ein Gastspiel seiner Truppe zu verkaufen und die Konditionen mit den jeweiligen Veranstaltern auszuhandeln hatte.

Velent kam ins Grübeln. Vielleicht konnte ihm dieser Mann ja irgendwie behilflich sein, Luna näher zu kommen, wenn sie denn tatsächlich in der Stadt war. „Und wer ist Euer Auftraggeber?“, fragte er.

„Einer der beiden Männer, die in diesem Ort das Sagen haben! Ein gewisser Quirin“, entgegnete Valerius, ohne zu wissen, von welch ausschlaggebender Bedeutung diese Botschaft für Velent war.

„Wann sollen die Kämpfe stattfinden?“, hakte er nach und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgeregt er war.

„Morgen!“, sah sich Valerius deshalb seinem Ziel bereits nahe und bedrängte Velent: „Das heißt, Du bist dabei! Abgemacht?!“

„Nehmt mich mit in die Stadt und ich überlege es mir“, ließ Velent eine abschließende Antwort offen. Sie hatten das westliche Tor der Stadt fast erreicht. Velent zog seinen Mantel hoch über den Kopf. „Auf freiem Feld ist es doch kälter als im Wald!“, erklärte er sich.

„Sicher!“, grinste Valerius.

Bild II

2 Jahre vor Lunas Brief an Velent –

in Mattiacum an der Logana

„Valerius, der Eigentümer der unbezwingbaren Gladiatores mit einem seiner Kämpfer! Der Rest folgt gleich mit zwei Wagen!“, rief Valerius mit durchdringender Stimme, da er das westliche Tor Mattiacums erreicht hatte. Die Wachen nickten und winkten die beiden Männer durch – wobei sie Adlan dabei noch die meiste Beachtung schenkten.

Velent klopfte das Herz bis zum Hals, als sie das Tor passierten. Vor ihm lag Mattiacum. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Er konnte es nicht einmal mehr sagen. Es waren gewiss vier, nein, eher noch fünf lange Jahre! Der Ort hatte sich verändert. Etliche Gebäude kannte er noch gar nicht; andere schienen zu fehlen. Doch ließ er seinen Blick nicht allzu lange umherschweifen. Er galt alleine der breiten Hauptstrasse. Jeden Moment hoffte er, im Gedränge der Menschen Luna zu entdecken, und zugleich befürchtete er, selbst von irgendjemandem erkannt zu werden. Erste Kinder deuteten erstaunt auf sein Pferd. Adlan! Er hatte im Durcheinander seiner Gedanken erneut nicht an Adlan gedacht! Wenn nicht ihn selbst, so würde womöglich jemand sein Pferd erkennen! Wie hatte er aufs Neue so leichtsinnig und dumm sein können!

Wir fanden uns wieder, weil Du den Glauben an uns schließlich nicht mehr verloren und ihn eisern verteidigt hast. Weil Du in der Stille der Höhle der Zwerge fähig und willens warst, das Flüstern der Stimme der Liebe zu hören und mutig genug, ihrem Ruf zu folgen.

Auch deshalb bin ich mit Menelaos hierher nach Mattiacum zurückgekommen. Weil Du auch damals hierher kamst, auf den vagen Verdacht hin, ich könnte hier sein. Der Gefahr, in die Du Dich damit begabst, wie so oft schon, zum Trotz.

Doch genauso wenig wie Velent Luna entdeckte, sollte irgend jemand ihn oder sein Pferd erkennen, was nicht zuletzt aber auch daran gelegen haben mag, dass Valerius sein eigenes Pferd schon dicht hinter dem Stadttor nach links lenkte, zwischen ein paar – wie Velent sich recht sicher wahr – neu errichteten Häusern an der Hauptstrasse hindurch, in das Viertel der Stadt, das nach wie vor am meisten Platz bot.

Hier hatte die Gladiatoren ihr Lager aufgeschlagen. Velent zählte, da sie es bald darauf erreichten, fünf große Zelte, die sich in einem Halbkreis um einen runden, mit Stroh ausgestreuten Platz gruppierten. In seinem Boden steckten drei mannshohe Pfähle. Vervollständigt wurde der Kreis durch etliche Karren und Wagen, die dort bereits standen und wenig später durch jene der frisch gefangenen Tiere ergänzt wurden. Auch sie sollten mit Tüchern vor neugierigen Blicken abgeschirmt werden, so wie auch der Wagen, der Velents Blick am längsten gefangen halten sollte.

Durch ein zur Seite geschlagenes Tuch erkannte er ein ihm völlig fremdes, riesiges Tier. Es hatte einen massigen, gedrungenen Körper, mit langem Kopf, aus dem ein großes Horn entwuchs. Zwei Männer schoben gerade einige Köpfe Salat, Obst und Gemüse durch die Gitterstäbe des Wagens. Sie bannten Velents Blick schließlich nicht weniger als das Tier. Es waren Zwerge, die im Gegensatz zu jenen in den Bergen, aus denen Velent gerade kam, diesen Namen auch wirklich verdienten. Henar und die Seinen waren auch klein, jedoch im Allgemeinen. Bei diesen Männern war es anders. Ihre Köpfe und Hände und selbst ihre Rümpfe schienen eine normale Größe zu haben. Ihre Arme und Beine waren im Verhältnis aber deutlich zu kurz geraten. Das ließ ihre Bewegung tapsig und drollig erscheinen. Jeder Schausteller weiß darum. Bei Valerius war es nicht anders.“

„Gleich kommt Maximus!“, rief er den Zwergen zu, da sie sich gerade auf eine Kiste gesetzt hatten, um sich eine kurze Pause zu gönnen. „Seine Tiere müssen auch versorgt werden! Holt schon einmal Wasser und Heu! Die Zugtiere schafft ins Gatter und kümmert Euch dort um sie! Und lasst Euch die Waffen der Männer wieder geben! Und schließt sie weg! – Hier!“

Er warf ihnen einen Schlüsselbund zu, den der vorderste Zwerg unterwürfig nickend vom Boden auflas.

Velent wunderte sich ein wenig, wie gehorsam die grobschlächtigen Männer, da sie bald darauf eintrafen und ihre Wagen an die richtige Stelle gezogen hatten, den Zwergen ihre Waffen auslieferten – sie schienen es gewohnt zu sein und zugleich die Strafen zu kennen, die ihnen drohten, wenn sie sich widersetzen.  

Sie maulten auch nur kurz auf, da Valerius sie, gerade da sie ihren Eintopf  aus Bohnen und Gerste gekocht und herunter geschlungen hatten, schon wieder aufscheuchte, um beim Bau der Tribüne zu helfen, die nicht weit von ihrem Lagerplatz entfernt, auf halbem Weg zu Basilika und Forum aufgeschlagen worden war.

„Die Bande der Arena ist noch zu niedrig! Bis hinauf zu den ersten Plätzen, hatte ich gesagt! Besorgt noch mehr Bretter! Und Stroh und Sand für den Kampfplatz! Beeilt Euch, bis heute Abend muss alles fertig sein!“, rief er ihnen ungehalten hinterher, um sich selbst im Folgenden um Velent zu kümmern, der sich mittlerweile von Adlans Rücken geschwungen und seinem Pferd an einen nahen kleinen Haufen Heu geführt hatte.

„Die Arena hat genau diese Abmessungen“, deutete Valerius auf den Übungsplatz, ging aber gleichzeitig zu einem der Karren, um dessen Abdeckung zurückzuschlagen und eine Lanze zu ziehen. „Unsere Venatoren tragen nur eine