Kelter Media Adventskalender 1 - Patricia Vandenberg - E-Book

Kelter Media Adventskalender 1 E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

E-Books statt Türchen! 24 Geschichten für die schönste Zeit des Jahres. Weihnachten steht vor der Tür. 24 Geschichten aus den Genres Arzt, Familie, Western, Adel und Heimat begleiten Sie in dieser besonderen Zeit. Arzt 1.Dr Norden Liebhaber Edition 6 2.Die neue Praxis Dr Norden 25 3.Der junge Norden 13 4.Notarzt Dr Winter 23 5.Chefarzt Dr Norden 1205 6.Der neue Dr Laurin 62 7.Dr Norden Digital 6 Familie 8.Sophienlust die nächste Generation 46 9.Sophienlust Extra 52 10.Sophienlust wie alles begann 10 11.Sophienlust Bestseller 47 12.Mami Bestseller 99 13.Der neue Sonnenwinkel 98 Mystery 14.Gaslicht – Neue Edition 5 15.Irrlicht – Neue Edition 6 Adel 16.Fürstenkinder 46 17.Fürstenkrone 217 18.Eden Palace 4 Krimi 19.Der exzellente BP 51 20.Butler Parker 233 Western 21.Doc Holiday Classic 31 22.Wyatt Earp Classic 77 Heimat 23.Toni der Hüttenwirt 296 24.Der Bergpfarrer 298

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 3190

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt

Kelter Media Adventskalender

Neues Leben – neue Hoffnung

Die Krankheit aus Amerika

Du musst leben!

Romanze unter freiem Himmel

Warum liebe ich dich?

Der Doppelgänger

Die Wahrheit über Anna M.

Bitte habt euch wieder lieb!

Ein treues Hundeherz

Gebrochene Flügel

Asisas dunkle Welt

Kleine Mädchen – große Pläne

Dunkle Wolken über dem Glück

Gefangene des Grauens

Wenn Tote plötzlich wieder sprechen

Die Kinder von Schloß Birkenhöh

Ein Herz und keine Krone

Der Liebesfluch

Parker duscht den "Kasino-Schreck"

Parker jagt die Hundefänger

Tramp Callagan

Blizzard

Lieber Besuch für Alois

Der Mann mit den zwei Gesichtern

Kelter Media Adventskalender – 1 –

Kelter Media Adventskalender

Patricia Vandenberg Carmen von Lindenau Carolin Grahl Nina Kayser-Darius Jenny Pergelt Viola Maybach Carolin Weißbacher Gert Rothberg Marietta Brem Silva Werneburg Jane Robinson Michaela Dornberg Anne Bodmann Chrissie Black Helga Torsten Leah Konstantin Günter Dönges Frank Laramy Friederike von Buchner Toni Waidacher

Neues Leben – neue Hoffnung

Leila wächst über sich selbst hinaus

Roman von Vandenberg, Patricia

Später konnte Scheich Ahmed nicht mehr sagen, wie er in seine Privatklinik gekommen war. Er kam erst wieder zu sich, als er im Laufschritt hinter Dr. Daniel Norden her durch die Klinikflure eilte. Schließlich erreichten sie die Gynäkologie, wo Leila, die Frau des Scheichs, auf einen Notkaiserschnitt vorbereitet wurde.

»Da sind Sie ja!« Eine Schwester begrüßte die beiden atemlosen Männer und wandte sich direkt an Dr. Norden. »Professor Masud erwartet Sie schon im OP.«

»Ich will auch bei der Operation dabei sein!«, hörte sich Ahmed zu seiner Verwunderung sagen.

Auf der Fahrt hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, wie es in der Klinik weitergehen würde.

Die Schwester wollte schon entsetzt widersprechen, als Dr. Norden ihr ein stummes Zeichen gab, ehe er sich selbst an den Scheich wandte.

»Ich würde Ihnen empfehlen, hier zu warten«, erklärte er sehr sanft, um Ahmed nicht noch mehr aufzuregen. »So ein Kaiserschnitt ist etwas anderes als eine normale Geburt. Noch dazu, wenn es sich um eine Notoperation handelt. Es könnte sein, dass es zu dramatischen Szenen kommt, die Sie nicht richtig einordnen können, zumal Ihr Kind viele Wochen zu früh auf die Welt kommt«, versuchte er, den Scheich so behutsam wie möglich von diesem Plan abzubringen.

Der Scheich überlegte nicht lange.

»Einverstanden!« Insgeheim war er dem deutschen Arzt dankbar für diesen Einwand. »Aber bitte informieren Sie mich sofort, sobald Sie Gewissheit haben, wie es Leila und meiner Tochter geht«, bat er inständig und vor Sorge bleich wie seine weiße Dischdascha, das traditionelle Gewand orientalischer Männer.

»Sie können sich auf mich verlassen«, versprach Daniel und nickte der sichtlich ungeduldigen Schwester zu.

Sie hatte dem Professor versprochen, den deutschen Arzt sofort in den Operationssaal zu bringen, sobald er in der Klinik angekommen war.

Während Dr. Norden ihr in den Vorraum zum OP folgte, wo er seine Straßenkleidung gegen eine sterile grüne Hose und ein ebensolches Hemd tauschte, lehnte sich der Scheich gegen die kühle Wand und schloss die Augen. Schwer atmend versuchte er, einen klaren Gedanken zu fassen. Das, was seine schöne junge Frau aushalten musste, war nur schwer zu ertragen für ihn. Und wieder einmal überkamen ihn entsetzliche Schuldgefühle.

»Warum konnte ich ihre unendliche, bedingungslose Liebe nicht würdigen?«, fragte er sich zum wohl tausendsten Mal verzweifelt. »Warum musste sie so furchtbar krank werden, ehe ich erkannte, was ich besitze?«

Zutiefst bereute er, dass er die Anwesenheit der wunderschönen jungen Frau in seinem Leben als Selbstverständlichkeit angesehen und sich nicht davor gescheut hatte, anderen Frauen den Hof zu machen und sie nach allen Regeln der Kunst zu verführen. Nicht umsonst war der Scheich des reichen Sultanats weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt als Frauenheld.

»Wie konnte ich nur?«, fragte er sich immer und immer wieder. Und obwohl Dr. Norden ihm mehrfach versichert hatte, dass keinesfalls psychische Gründe für den Zusammenbruch seiner schönen, klugen Leila verantwortlich gewesen waren, so fühlte er sich dennoch tief in ihrer Schuld. »Das ist die gerechte Strafe des Himmels dafür, dass ich mich so schändlich verhalten habe«, wiederholte er auch im Klinikflur seine tiefste Überzeugung. »Aber warum lässt der Himmel meine Leila leiden und nicht mich? Sie hat doch nichts verbrochen.« So sehr sich Ahmed dagegen sträubte, konnte er die bitteren Tränen doch nicht zurückhalten.

Obwohl er sich seit dem Ausbruch von Leilas Krankheit unermüdlich um seine Frau kümmerte, kaum von ihrem Krankenbett wich und alles Menschenmögliche tat, um ihr zu helfen, fühlte er sich schäbig und schlecht.

»Kommen Sie!« Als er spürte, wie sich eine Hand sanft auf seine Schulter legte, zuckte er zusammen und fuhr herum. Gleichzeitig wischte er sich rasch mit dem Ärmel der Dischdascha über die Augen. Schwester Indra lächelte ihn verständnisvoll an und tat so, als hätte sie seine Tränen nicht gesehen. Sie wusste, wie stolz der Scheich war, und wollte ihn in dieser angespannten Lage nicht auch noch blamieren. »Im Augenblick können Sie nichts für Ihre Frau tun. Warum machen Sie es sich nicht im Wartezimmer bequem? Von dort haben Sie den Operationssaal direkt im Blick und sehen sofort, wenn sich etwas tut.«

Mit diesem Vorschlag war der Scheich mehr als einverstanden. Erst als er sich in einen der bequemen Sessel setzte, fühlte er die Schwäche in den Gliedern und legte die zitternden Hände auf die Knie. Gebäck und heiße und kalte Getränke standen bereit. Doch er hatte keinen Hunger.

*

Über dem Operationssaal blinkte ein Schild »Nicht eintreten! Operation!« Dahinter herrschte die von Daniel Norden prophezeite Hektik.

Die Geburt des Kindes stand unmittelbar bevor. Mit sicheren, geübten Handgriffen setzte Professor Masud die Schnitte. Dann war es so weit.

»Fruchtwasser absaugen!«, verlangte er, als er die Fruchtblase öffnete.

Mit einem Griff fasste er in die Bauchhöhle der schlafenden Leila und holte ein winzig kleines Baby hervor.

»Herzlich Willkommen, kleine Prinzessin!« Dr. Daniel Norden, der Professor Masud assistierte, begrüßte den neuen Erdenbürger gerührt.

Das Gesichtchen des kleinen Mädchens war krebsrot und verzerrt. Es wand sich in den großen Händen des Arztes und öffnete den Mund. Doch es kam nur ein leiser, krächzender Ton heraus.

Ein Kinderarzt stand schon an seiner Seite bereit, um das Frühchen in einem angewärmten Tuch in Empfang zu nehmen.

»Schleim absaugen«, wies er die Krankenschwester an, die neben ihm stand, und legte den Säugling auf einen Tisch unter eine Wärmelampe.

Eine andere Schwester hielt eine Sauerstoffmaske über das kleine Gesichtchen, während der Arzt die Vitalwerte des Kindes überprüfte. Um die nötigen Medikamente zu verabreichen, musste er eine Nadel in eine feine Vene im Fuß des kleinen Mädchens legen. Nachdem das Kind stabilisiert war, bettete er es behutsam in einen bereitstehenden Brutkasten. Die richtige Lagerung des Säuglings war dabei unerlässlich, um einer drohenden Hirnblutung vorzubeugen.

»Das wäre geschafft«, seufzte er erleichtert, als Sauerstoffzufuhr, Luftfeuchtigkeit und Temperatur geregelt waren.

Das gesamte Ärzteteam hatte unter Hochdruck gearbeitet. Die Tatsache, dass es sich bei dem Frühgeborenen um eine kleine Prinzessin handelte, die möglicherweise einmal die Geschicke des Landes lenkte, hatte den Druck noch zusätzlich erhöht. Dr. Norden und Professor Masud tauschten erleichterte Blicke.

»Die Prinzessin muss sofort auf die Pädiatrie verlegt und dort intensiv überwacht werden«, erklärte der Kinderarzt in Richtung der Kollegen, die sich inzwischen um die Versorgung der schlafenden Sheikah gekümmert hatten.

Jetzt handelte es sich nur noch um Routinearbeiten, die den Ärzten und Schwestern gut von der Hand gingen. Als die Last von ihren Seelen genommen war, machte sich fast so etwas wie Übermut im Operationssaal breit, der sich positiv auf den Zustand der Sheikah auswirkte.

*

Scheich Ahmed sprang im selben Moment auf, in dem das rote Licht erlosch. Gleich darauf öffnete sich die Tür zum Operationssaal, und Ärzte und Schwestern, allen voran Professor Masud und Dr. Daniel Norden, kamen mit besorgten Gesichtern heraus. Sie schienen in großer Eile zu sein.

Mit wenigen Schritten war der Scheich bei den Ärzten.

»Alles in Ordnung?«, fragte er bangen Herzens.

»Das können wir noch nicht so genau sagen«, erwiderte Professor Masud geistesabwesend.

Er war so konzentriert, dass er nur am Rande wahrnahm, mit wem er es zu tun hatte.

Es war Dr. Daniel Norden, der sich des besorgten Ehemanns annahm.

»Leila liegt noch in Narkose. Ihre Vitalfunktionen sind stabil, und ganz offensichtlich hat sie den Eingriff gut überstanden«, versuchte er, den Scheich wenigstens für den Moment zu beruhigen. »Sie wird gerade noch versorgt und dann auf die Intensivstation zur engmaschigen Kontrolle und Überwachung gebracht.«

»Und das Baby?«, stellte Ahmed die Frage, die ihm am meisten auf der Seele brannte.

»Ihre Tochter wird gleich gebracht.« Daniel war stehen geblieben und wartete gemeinsam mit Ahmed auf den Kinderarzt, der den Inkubator begleitete. »Hier!«

Noch vor kurzer Zeit war der Scheich bitter enttäuscht gewesen, als er erfahren hatte, dass er statt des ersehnten Sohnes eine Tochter bekommen würde. Doch inzwischen hatte sich alles geändert. Aufgeregt wie selten zuvor in seinem Leben beugte er sich über den Inkubator, der ein wenig aussah wie ein Aquarium, und hieß sein Kind willkommen. Und erschrak zu Tode.

»Aber …, aber …« Ahmeds Herz raste, als er Daniel einen panischen Blick schickte. »Sie ist ganz blau …, und was sind das für Haare auf ihrem Körper?« Entgeistert starrte er auf den Winzling mit bläulich verfärbter Haut, der zwischen den Schläuchen und medizinischen Geräten kaum auszumachen war. »Sie sieht ja aus wie ein Affe.«

Daniel Norden ahnte, dass der Scheich grenzenlos überfordert war, möglicherweise sogar unter Schock stand.

»Die sogenannte Lanugobehaarung trägt dazu bei, dass die Käseschmiere am Körper des Säuglings haften bleibt. Beides schützt die empfindliche Haut davor, im Fruchtwasser aufzuweichen«, klärte er den frisch gebackenen Vater über den Nutzen dieser Behaarung auf, die von selbst verschwinden würde. »Außerdem dient sie zum Schutz vor Vibrationen, vor Schall und Druck.«

Ahmed nickte, ohne den Blick vom Brutkasten zu wenden. Wie gebannt starrte er auf seine kleine Tochter. In diesem Augenblick geschah das große Wunder: Das Mädchen öffnete die Augen. Und obwohl Neugeborene ihre Umgebung nur schemenhaft und undeutlich wahrnehmen, da die Sehschärfe noch nicht komplett ausgebildet ist, blieb sein Blick endlich an dem seines Vaters hängen.

»Sie sieht mich an! Schauen Sie sich das an!«, rief Ahmed wie vom Donner gerührt. »Meine Tochter sieht mich an.« Er hatte Daniel Norden am Arm gepackt und schüttelte ihn.

»Wir müssen weiter!«, unterbrach der Kinderarzt den Herrscher ungeduldig und trieb seine Mitarbeiter zur Eile an.

Trotz seiner Aufregung blieb Ahmed nichts anderes übrig, als gemeinsam mit Dr. Norden zur Seite zu treten und der kleinen Prozession nachzusehen, bis sie um die Ecke verschwunden war.

Erst dann besann er sich auf das Wesentliche.

»Ist meine Tochter krank? Ich meine, behindert?«, fragte er fast scheu, so sehr fürchtete er sich vor der Wahrheit.

Erschöpft fuhr sich Daniel Norden über die Augen. Die Tage im Sultanat waren lang und anstrengend, und auch dieser Notfall forderte seinen Tribut. Er fühlte sich müde und ausgelaugt.

»Soweit die Kollegen die Sachlage bisher beurteilen konnten, scheint die kleine Prinzessin gesund zu sein.« Dr. Norden drehte sich langsam zu Scheich Ahmed um und sah ihm ernst ins Gesicht. »Ihre Frau hat eine großartige Leistung vollbracht und in ihrem Zustand ein offenbar gesundes Kind zur Welt gebracht. Meines Wissens ist das ein bisher einzigartiger Fall in der Geschichte der Medizin.«

»Sie meinen …«, der Scheich konnte es nicht fassen und rang mit den Worten, »dass meine Tochter eines Tages ein ganz normales Leben führen wird? Dass sie nicht behindert sein wird?« Noch immer klangen ihm die Worte des Neurologen Dr. Fahim im Ohr, der weder der jungen Sheikah noch dem Baby eine Chance hatte geben wollen. Es war nur Dr. Nordens hartnäckigem und unermüdlichem Einsatz zu verdanken, dass alles Menschenmögliche für Leila und das Ungeborene getan worden war. Mit Erfolg, hatte doch die junge Frau nach und nach ein paar ihrer Fähigkeiten zurückgewonnen. Erst kurz vor dem dramatischen Notkaiserschnitt hatte der Scheich alles in die Wege geleitet, damit seine Frau nach Hause zurückkehren konnte. Doch nun stand es in den Sternen, wie es mit Leila weitergehen würde. Welche Folgen der Eingriff auf ihre Gesundheit und ihre körperlichen Fähigkeiten hatte.

»Ich bin sicher, dass die Geburt und die Tatsache, dass ihr Kind gesund ist, Leila anspornen wird.« Dr. Daniel Norden schien die Gedanken des Scheichs lesen zu können und nickte dem Mann, mit dem ihn inzwischen eine stille, aber nicht minder tiefe Freundschaft verband, innig zu.

Seit der mächtige orientalische Herrscher den deutschen Arzt und seine Familie in sein Reich eingeladen hatte mit der Bitte, seinen an einer geheimnisvollen Krankheit leidenden Sohn Hasher zu behandeln, war eine enorme Veränderung mit Ahmed vor sich gegangen, die Daniel niemals für möglich gehalten hätte und die ihn zutiefst beeindruckte.

»Ich glaube, dass wir bis jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen haben.« Während der deutsche Arzt sprach, öffnete sich erneut die Tür zum Operationssaal.

Eine Schwester sah sich suchend um. Als sie die beiden Männer auf dem Flur beieinander stehen sah, erhellte sich ihre Miene.

»Ihre Frau wacht gerade auf«, informierte sie den Scheich. »Die Anästhesistin meinte, Sie können die Sheikah jetzt sehen. Das tut ihr sicher gut und beruhigt sie.«

Ahmed schickte seinem Freund Daniel einen unsicheren Blick. Der nickte auffordernd.

»Worauf warten Sie noch?«

*

Vorsichtig, fast ein bisschen ängstlich, trat Scheich Ahmed ans Bett seiner Frau. Und erschrak. Obwohl Leila in der Zwischenzeit wieder gelernt hatte zu lächeln, sich ein wenig zu bewegen, rührte sie sich in diesem Augenblick nicht. Statt dessen lag sie stocksteif auf dem Bett und starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke.

Ahmed schluckte. Ein Glück, dass Daniel Norden hinter ihm stand. Den Freund in der Nähe zu wissen, gab ihm Kraft. Er beugte sich weit über seine Frau, damit sie ihn sehen konnte.

»Meine Gazelle, du Fixstern an meinem Firmament«, raunte er ihr heiser zu. »Wie geht es dir?«

Doch Leila reagierte nicht, und der Scheich bekam es mit der Angst zu tun. Unsicher sah er sich nach Daniel um.

»Warum antwortet sie nicht?«

»Sie sollten eine Frage stellen, auf die sie mit Ja oder Nein antworten kann«, erinnerte Daniel Norden seinen Freund.

Vor Erleichterung hätte Ahmed am liebsten laut aufgelacht. Doch er beherrschte sich, um seine Frau nicht zu erschrecken.

»Natürlich. Sie kann ja nur mit Blinzeln antworten.« Aufgrund der kompletten Lähmung, die ein Locked-In-Syndrom mit sich brachte, konnte sich Leila im Augenblick nur über Wimpernschläge mit ihrer Umwelt in Verbindung setzen.

In den vergangenen Wochen hatte sie gelernt, sich mit Hilfe einer Buchstabentafel zu äußern. Ein mühsamer, erschöpfender Prozess, der nach der anstrengenden Operation natürlich viel zu viel verlangt war.

»Geht es dir gut?«, besann sich Ahmed deshalb auf eine einfache Frage.

Ein Blinzeln und ein schwaches Lächeln, das wie der Flügelschlag eines Schmetterlings über ihr Gesicht huschte, war die Antwort.

Der Scheich wollte die Welt umarmen vor Glück und drückte die Hand seiner schönen jungen in ihrem Körper wie in einem Gefängnis eingeschlossenen Frau.

»Du hast ein gesundes Mädchen geboren, Leila, meine Wüstenblume!« Seine Stimme bebte, und er schämte sich noch nicht einmal dafür.

Gerührt bemerkte er die Tränen, die sich in Leilas Augenwinkeln sammelten. Sie blieben in den langen gebogenen Wimpern hängen, bevor sie über ihre Wangen liefen und vom Kinn auf das Operationshemd tropften. Es folgten immer mehr, bis schließlich das ganze Operationshemd am oberen Rand durchnässt war.

»Sind das Freudentränen?«, fragte Ahmed gerührt und konnte nicht verhindern, dass auch er anfing zu weinen, als Leila ein Mal blinzelte.

»Ja!«

Doch dieses eine Mal schämte er sich seiner Tränen nicht, und Daniel freut sich an dem Anblick des weinenden Ehepaares, das wie fast alle Eltern auf dieser Welt die Ankunft ihres Kindes gebührend würdigte. Und das, obwohl die Situation eine völlig andere war als bei normalen Paaren.

»Ich habe unser Mädchen schon gesehen. Und stell dir vor, sie hat mich auch angeschaut!« Ahmed ahnte, welche Fragen seiner geliebten Frau auf der Seele brannten. »Sie wird einmal eine Schönheit werden. Ganz wie ihre Mutter«, versicherte er innig.

Und in der Tat war Ahmed in diesem Augenblick zutiefst davon überzeugt, egal, wie schockiert er gewesen war, als er seine neugeborene Tochter, das kleine blaue Würmchen, zum ersten Mal gesehen hatte.

»Ich glaube, Leila will Ihnen etwas sagen«, machte Daniel den Scheich aufmerksam.

Tatsächlich blinzelte die junge Sheikah mehrmals hinter einander, wie immer, wenn sie sich bemerkbar machen wollte.

»Was ist, meine Blume? Was möchtest du mir sagen?«, fragte Ahmed beflissen.

Wenn es in seiner Macht stand, würde er seiner Frau jeden Wunsch erfüllen.

Leila blinzelte weiter heftig und sichtlich hilflos, bis Daniel Norden die rettende Idee hatte.

»Eine Buchstabentafel! Wir brauchen eine Buchstabentafel!«, rief er und eilte aus dem Operationssaal, um gleich darauf mit dem unerlässlichen Hilfsmittel zurückzukehren.

Schnell hielt Ahmed seiner Frau die Tafel vor die Augen.

»Geh zu Nasya!«, buchstabierte sie ihm unter Aufbietung all ihrer Kraft.

»Nasya?«, wiederholte der Scheich ehrfürchtig. »So soll sie heißen, unsere Tochter? Wunder?«

Leila blinzelte. Und diesmal gelang ihr auch ein vages Nicken.

»Ja!«

»Wie passend.« Wieder musste sich Ahmed über die Augen wischen. »Ein Wunder! Das ist unsere Tochter fürwahr!«

Ein paar Minuten blieb der Scheich noch am Bett seiner Frau, streichelte unablässig ihre Hand und redete leise mit ihr, bis Leila müde wurde. Ihre Augenlider flatterten vor Anstrengung, immer wieder kippte ihr Blick weg, und die Augen wollten ihr zufallen.

»Ihre Frau wird jetzt auf die Intensivstation verlegt.« Daniel Norden machte den Scheich auf die Schwestern und Pfleger aufmerksam, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatten und darauf warteten, die Sheikah abzuholen.

»Und ich besuche unsere Tochter Nasya«, versprach Scheich Ahmed.

Doch da waren Leila die Augen schon zugefallen. Sie schlief tief und fest und träumte von einem glücklichen, gesunden Leben mit ihrem Mann. Mit ihrer Tochter. Angefüllt mit Liebe. Mehr brauchte sie nicht.

*

»Ich habe wirklich alles ausprobiert, was Sie mir ans Herz gelegt haben.« Kalila, Tochter des Scheichs Ishfan, der wiederum ein enger Freund von Scheich Ahmed war, starrte blicklos durch die Psychotherapeutin der Privatklinik hindurch.

Bis vor wenigen Tagen war Kalila die erfolgreiche Absolventin einer amerikanischen Universität gewesen. Hatte ihren Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften in der Tasche und sollte, wenn es nach den Plänen der beiden Scheichs gegangen wäre, inzwischen Verlobte von Ahmeds Sohn Prinz Hasher sein. Modern erzogen, wie sie war, hatte sie sich diesem Arrangement widersetzt, ohne den Prinzen überhaupt kennenzulernen. Und als sie sich dann doch in ihn verliebt hatte –, ohne zu wissen, wer er war – zerstörte ein Missverständnis die zarten Bande zwischen ihnen.

»Was genau haben Sie denn schon alles versucht?«, hakte die Therapeutin Shiva nach.

»Ich treibe Sport, ich ernähre mich gesund, ich lenke mich mit Arbeit ab. Ich achte auf mein Äußeres und bin sogar zum Friseur gegangen.« Gedankenlos strich sie sich durch die weich gelockte schwarz glänzende Haarpracht. »Außerdem versuche ich, allem Neuen gegenüber aufgeschlossen zu sein. Tagsüber gelingt mir auch ab und zu, die Gedanken an Hasher zurückzudrängen. Aber gegen diese Träume bin ich machtlos. Ich wache jede Nacht auf und schwimme in Tränen.« Auch jetzt brannten Kalilas Augen wieder, und sie betupfte die geschwollenen Lider vorsichtig mit einem Taschentuch. Da half selbst das sorgfältige Make-up wenig. Im Augenblick war von ihrer betörenden Schönheit nicht viel übrig. Doch selbst das kümmerte Kalila nicht sehr. »Der Gedanke daran, durch meinen dummen Fehler Hash­er für immer verloren zu haben, lässt mich verzweifeln.«

»Sie müssen Geduld mit sich haben«, erklärte die Psychotherapeutin mit weicher Stimme. Dabei stand ihr die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. »So ein gebrochenes Herz heilt nicht von heute auf morgen.« Einen derart schwierigen Fall hatte sie bisher noch nicht erlebt, zumal die beiden noch nicht einmal ein Paar gewesen waren.

»Aber ich bin mir so sicher, dass ich meine große Chance auf die eine, große, immer währende Liebe für immer verspielt habe«, jammerte die sonst so ehrgeizige, zielorientierte Kalila und erkannte sich selbst nicht mehr.

Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie etwas nicht aus eigener Kraft erreichen. War sie auf das Wohlwollen eines anderen Menschen angewiesen. Doch seit der kranke Prinz zutiefst enttäuscht aus ihrem Krankenzimmer geflohen war, hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Und wollte schier daran verzweifeln. Ihr Anblick war so erbärmlich, dass sich selbst die Psychologin keinen Rat mehr wusste.

»Hier liegt der gravierende Fehler.« Froh, überhaupt einen Ansatzpunkt gefunden zu haben, hakte Shiva an dieser Stelle ein. »Sie müssen sich von dem Gedanken lösen, dass Liebe Schicksal ist.« In diesem Moment erinnerte sie sich an einen Artikel, den sie in einer Fachzeitschrift gelesen hatte. »Nüchtern betrachtet ist dieses Gefühl nicht mehr als das Resultat einer gut gemachten Inszenierung«, erläuterte sie, obwohl ihr Kalilas schockierter Blick durch und durch ging.

Aber wenn sie diese Patientin vor Schlimmerem bewahren wollte, musste sie zu harten Maßnahmen greifen. Sie erhob sich von ihrem Sessel und ging hinüber zum Bücherregal hinter der Tür. Mit gezieltem Griff nahm sie eine der Zeitschriften, die dort sorgfältig sortiert standen. Ein paar Mal blätterte sie hin und her, dann hatte sie gefunden, wonach sie suchte, und kehrte mit dem Heft in der Hand zu Kalila zurück. »Laut dem Direktor eines namhaften Forschungsinstituts ist Liebe mitnichten die Naturgewalt, für die wir sie halten. Dieses Ammenmärchen gehört ins Reich der Fantasie. In der Wirklichkeit reichen oft nur wenige Symbole aus, um dieses intensive Gefühl zu erzeugen«, las sie die entsprechende Passage aus dem mehrseitigen Artikel vor. »Ein romantisches Abendessen bei Kerzenschein, ein Sonnenuntergang am Strand, ein gefühlvolles Gespräch, ein tiefer Blick in die Augen bei langsamer Musik genügen meist, um das vielgerühmte Gefühl der Liebe zu erzeugen.«

»Wer sagt das?«, fuhr Kalila trotz ihrer tiefen Depression empört dazwischen. »Und diesen Unsinn glauben Sie auch noch? Dieser Mensch hat doch keine Ahnung von Liebe!« Sie ließ Dr. Shiva gar nicht zu Wort kommen. »Der hat dieses Gefühl der Vertrautheit noch nicht erlebt, das sich schon nach ganz kurzer Zeit einstellt.« Wehmütig und mit schmerzendem Herzen erinnerte sich Kalila an die wenigen Stunden, die sie mit Hasher verbracht hatte, und unwillkürlich wurde ihr Gesicht weich. Ihre strengen Züge entspannten sich. »Kennen Sie dieses unglaubliche Gefühl, wenn man sich erst kurz kennt, aber weiß, dass da eine geheimnisvolle Verbindung ist? Ein Band, das vielleicht schon über Zeit und Raum hinaus besteht?«, geriet die sonst so vernünftige und realistische Kalila unvermittelt ins Schwärmen.

»Das könnte daran liegen, dass Sie die Art des Prinzen an das vertraute Verhältnis erinnert, das Sie zu anderen, Ihnen wohlgesonnenen Menschen pflegen.«

»Schon möglich«, räumte Kalila unwillig ein. Sie wollte an eine höhere Macht, an Schicksal glauben. »Hasher hat mich von Anfang an an das liebevolle Verhältnis erinnert, das ich zu meinem Vater habe«, fühlte sie sich genötigt, der Therapeutin recht zu geben. »Mein Vater war für mich da, wann immer ich ihn brauchte. Er hat mich immer verstanden, egal, mit welchen Sorgen ich zu ihm gekommen bin. Dieses Gefühl hat mir Hasher auch gegeben wie kein Mann vor ihm. Und es wird auch keinen nach ihm geben.« Während ihrer leidenschaftlichen Rede waren ihre bleichen Wangen rot geworden.

Schweigend und fast ein wenig neidisch hatte Shiva gelauscht. Ein solches Liebesglück hatte sie selbst noch nie erfahren dürfen und daher bisher ins Reich der Fantasie verbannt.

»Wenn Sie so überzeugt davon sind, dass der Prinz der Mann Ihres Lebens ist, dann kann ich Ihnen leider auch nicht helfen«, gestand sie sichtlich ratlos und klappte die Zeitschrift zu, die noch auf ihrem Schoß lag. »Dann müssen Sie ihn entweder davon überzeugen, dass auch Sie die einzig Richtige für ihn sind. Oder damit leben lernen, dass sie ihn nicht haben können.«

Diese ernüchternden Worte ließ sich Kalila durch den Kopf gehen und nickte dann langsam.

»Wahrscheinlich haben Sie recht«, gab sie zu und stand auf, um sich von Shiva zu verabschieden.

Versonnen trat sie durch die Tür hinaus auf den Flur und wanderte den langen Gang hinunter. Hier und da wurde sie ehrerbietig begrüßt und nickte geistesabwesend zurück. Viele Menschen kannten die junge Prinzessin aus der Zeitung. Die Freundschaft zwischen ihrem Vater, Scheich Ishfan, und Scheich Ahmed war legendär.

Vor dem Aufzug blieb Kalila stehen und wartete darauf, dass sich die Türen öffneten.

»Prinzessin!« Eine bekannte, freundliche Stimme riss sie aus ihren Gedanken, die unablässig um Hasher und ihre verlorene Liebe kreisten. Sie drehte sich nach der Stimme um.

»Herr Dr. Norden, was machen Sie denn hier?«, fragte sie verwundert und rang sich mühsam ein Lächeln ab. »Ich dachte, Sie sind bei Prinz Hasher.«

Trotz seiner Euphorie nach der geglückten Entbindung der Prinzessin entging Daniel Kalilas depressive Verstimmung nicht.

»Geht es Ihrem Vater wieder schlechter?«, erkundigte er sich fürsorglich nach dem Gesundheitszustand von Scheich Ishfan.

Auf dem Weg in den Palast von Scheich Ahmed war das Taxi mit Vater und Tochter verunglückt, Ishfan und Kalila hatten in die Privatklinik eingeliefert werden müssen. Während Ishfan schwere Verletzungen erlitten hatte, war Kalila mit einem verletzten Arm davongekommen. Noch auf der Krankenliege auf dem Weg Richtung Notaufnahme hatte sie Prinz Hasher kennengelernt. Ohne zu wissen, wen sie vor sich hatte, hatte sie sich unsterblich in ihn verliebt. Und das, obwohl sie sich zuvor strikt dem Wunsch ihres Vaters verweigert hatte, den Prinzen zu heiraten.

»Meinem Vater geht es schon viel besser«, antwortete Kalila endlich auf die Frage des deutschen Arztes.

Dabei wollten ihr schon wieder die Tränen in die Augen steigen, und erschrocken legte Daniel die Hand auf ihren Arm.

»Alles in Ordnung?«

Wie aus einem Traum erwacht, zuckte sie zusammen.

»Meinem Vater geht es wirklich gut«, beeilte sie sich zu versichern, um dem fürsorglichen Arzt die Sorgen zu nehmen. »Die Ärzte meinen, dass Papa die Klinik morgen oder übermorgen verlassen kann.«

»Das ist wirklich eine gute Nachricht. Ahmed wird froh sein. Wie er überhaupt Grund zur Freude haben kann.« Daniel Norden wählte seine Worte mit Bedacht. Obwohl er den Grund für Kalilas Trauer nicht kannte, hoffte er, sie mit der Nachricht über die Geburt der kleinen Prinzessin aufmuntern zu können. Er lächelte warm, als er sagte: »Heute wurde Nasya geboren, seine kleine Tochter.«

»Nasya?«, wiederholte Kalila andächtig. »Das bedeutet ›Wunder‹!«

»Ich weiß. Und das, was heute in dieser Klinik geschehen ist, grenzt wirklich an ein Wunder«, fuhr er tief bewegt fort. »Als eine der ersten Frauen mit Locked-In-Syndrom in der Geschichte der Medizin ist Leila heute Mutter eines gesunden Mädchens geworden. Natürlich ist Nasya noch nicht über den Berg und braucht noch intensive Behandlung auf der Kinderstation. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie zu einem gesunden Kind heranwachsen kann.« Daniel Nordens Stimme bebte leicht vor Freude über das Ereignis, der sich auch Kalila nicht länger entziehen konnte.

Eine tiefe Ergriffenheit erfüllte sie, als sie in Dr. Nordens leuchtende Augen blickte. Obwohl er schon zahllose Kinder auf ihrem Weg in diese Welt begleitet hatte, stand ihm die Dankbarkeit dafür, dieses Wunder wieder einmal erlebt zu haben, ins Gesicht geschrieben. Gleichzeitig musste Kalila daran denken, dass es sich bei dem Kind um die Halbschwester ihrer großen Liebe handelte.

»Kann ich die Kleine sehen?«, gab sie ihrem spontanen Wunsch nach einer Begegnung mit diesem kleinen Wunder nach.

Nachdenklich wiegte Daniel den Kopf.

»Das müssen die Kollegen von der Pädiatrie entscheiden.« Er überlegte einen Moment lang, sann über die Situation des Scheichs nach, die sich mit der Geburt des Kindes durchaus verschärfte, und hatte plötzlich eine Idee. »Aber vielleicht sprechen Sie zuerst mit Scheich Ahmed«, machte er, seiner Intuition folgend, einen spontanen Vorschlag. »Für ihn wird es in den kommenden Wochen und Monaten nicht leichter werden. Schließlich hat er jetzt eine kranke Frau und ein Kind, um die er sich nach Kräften kümmern will. Das wird ein anstrengender Weg, auf dem Sie ihn bestimmt begleiten können.«

Augenblicklich fühlte Kalila, wie die dunklen Schatten ein wenig von ihrer Seele zurückwichen. Daniel Nordens Begeisterung, sein Enthusiasmus waren ansteckend.

»Woran haben Sie dabei gedacht?«, fragte sie und fühlte erleichtert, wie sie eine neue Welle der gewohnten Energie – noch vage zwar, aber immerhin – durchflutete.

»Sie könnten bei der Betreuung der kleinen Nasya helfen. Aber wie gesagt, das müssten Sie zunächst mit Scheich Ahmed besprechen.«

»Ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hätte. Schließlich wünschte er sich, dass ich seine Schwiegertochter werden sollte.« Dieser Gedanke durchzuckte Kalila erneut wie ein Dolchstoß. Doch diesmal ließ sie den Schmerz nicht zu und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf Dr. Norden. »Welche Aufgaben würden auf mich zukommen?«, fragte sie interessiert.

»In der Regel werden die Bezugspersonen von Frühchen so schnell wie möglich in die Pflege und Betreuung der Kleinen einbezogen«, erinnerte sich Daniel an seine Erfahrungen auf der Frühgeborenen-Station in der Behnisch-Klinik. »Besonders wichtig für die gesunde Entwicklung der Frühchen ist zum Beispiel Körperkontakt. Mehrmals täglich sollte das nackte Baby Hautkontakt mit den Bezugspersonen haben. Da Leila diese Aufgabe im Augenblick nicht erfüllen kann, ist Ahmed Ihnen sicher dankbar, wenn Sie das übernehmen.«

»Also Körperkontakt«, wiederholte Kalila, begierig darauf, mehr zu erfahren. »Und was kann ich sonst noch tun?« Der Gedanke daran, in ihrer hilflosen Situation einem anderen Menschen helfen zu können, noch dazu Hashers kleiner Halbschwester, machte sie stolz, verlieh ihr neue Kraft.

»Am besten wäre es natürlich, wenn Sie so viel Zeit wie möglich bei der Kleinen in der Klinik verbringen und mit ihr sprechen könnten. Singen Sie dem kleinen Wunder Lieder vor, erzählen Sie ihm Geschichten. Und für den Fall, dass Sie einmal nicht bei Nasya sein können, sollten Sie Ihre Stimme auf einen Tonträger aufnehmen. Ab der 26. Lebenswoche reagieren diese Kinder deutlich auf vertraute Stimmen. Sie hören aufmerksam zu und wenden das Köpfchen in Richtung der Stimme«, teilte Daniel der wissbegierigen Prinzessin alles mit, was er zu diesem Thema zu sagen hatte. »Außerdem hat die Erfahrung gezeigt, dass frühgeborene Kinder, deren Sinne auf diese Weise stimuliert werden, weniger lang beatmet werden und generell nicht so lange in der Klinik bleiben müssen.«

Mit immer lebhafterem Gesichtsausdruck hatte Kalila den Ausführungen von Dr. Daniel Norden gelauscht. Als er geendet hatte, seufzte sie tief.

»Das werde ich machen«, versprach sie innig. »Ich werde zu Ahmed gehen und ihm sagen, dass ich für sein Kind da sein werde. Wenn es sein muss, Tag und Nacht.« Sie lauschte dem Nachhall ihrer Worte. Wie um sie noch einmal zu bestätigen, nickte sie. Dann reichte sie Daniel Norden die Hand, um sich zu verabschieden. Plötzlich hatte sie es eilig.

»Sie haben mir soeben das Leben gerettet«, erklärte sie innig. »Vielen Dank dafür.«

Und ehe Daniel wusste, wie ihm geschah, drehte sich Prinzessin Kalila um und ging entschiedenen Schrittes davon. Endlich hatte sie wieder einen Plan, eine Aufgabe, und ehrgeizig, wie sie war, war sie wild entschlossen, alles dafür zu tun, dass sich die kleine Nasya gesund entwickeln konnte. Sie wollte es für Ahmed und Leila tun. Sie wollte es für das Baby tun. Und sie tat es für sich und Hasher.

*

Seit dem Aufbruch der Eltern in den Orient führte Danny Norden die Praxis seines Vaters mit großem Ernst und Verantwortungsbewusstsein. Seine beiden Geschwister Anneka und Felix gingen zur Schule und unterstützten ihren Bruder zumindest moralisch nach Kräften. Zu Hause sorgte wie immer die Haushälterin und gute Fee des Hauses Lenni für das leibliche Wohl der drei großen Kinder Anneka, Felix und Danny. Sie gestaltete das Haus warm und wohnlich und erfüllte es mit Geborgenheit und Liebe. Trotzdem konnte die Behaglichkeit die Kinder nicht ganz darüber hinwegtrösten, dass sie ihre Eltern vermissten. So suchten und fanden sie die fehlende Elternliebe bei den Großeltern, die sie immer öfter auf der Insel der Hoffnung besuchten.

»Meine Lieben, schön, dass ihr wieder hier seid!« Als Anne Cornelius, die zweite Frau von Johannes und Fees geliebte Stiefmutter, den Wagen ihres Enkelsohnes durchs Fenster gesehen hatte, war sie hinaus auf den gekiesten Vorplatz des Sanatoriums geeilt. Einen nach dem anderen umarmte sie ihre Enkel, die sie allesamt überragten. Sogar Anneka war inzwischen ein paar Zentimeter größer als die zierliche Frau. »Ich könnte mich glatt dran gewöhnen, dass ihr immer hier seid.« Liebevoll tätschelte sie hier eine Wange und streichelte dort über einen Kopf, als eine dunkle, ein wenig heisere Stimme erklang.

»Na, na, nur nicht unersättlich werden«, mahnte ihr Mann Johannes mit gutmütigem Spott.

Er hatte sich draußen von einem Gast verabschiedet und Dannys Wagen schon von Weitem gesehen.

»Wie läuft es in der Praxis, mein Junge?«, fragte er seinen ältesten Enkel, nachdem er auch Anneka und Felix begrüßt hatte.

Seite an Seite gingen sie durch den Empfang hinüber ins Restaurant, wo sich das Ehepaar Cornelius in einer Ecke ein privates und mit Pflanzen gemütlich abgeschirmtes Refugium geschaffen hatte.

Danny freute sich sichtlich über das Interesse an seiner Arbeit. Die große Verantwortung, die er viel eher als erwartet auf sich genommen hatte, belastete ihn immer wieder, und er vermisste seinen Vater auch als kompetenten Ratgeber.

»Neulich hatte ich einen vertrackten Fall«, berichtete er daher bereitwillig und machte es sich in einem der breiten Sessel bequem. Sein Großvater nahm ihm gegenüber Platz und lauschte andächtig und mit großem Interesse den Erlebnissen seines Enkelsohnes. »Ein älterer Patient kam zu mir, weil er unter ständigem Durst litt. Ein Blutbild hat ergeben, dass die Hormonregulation nicht mehr richtig funktionierte.«

»Hmm, das könnte auf eine Erkrankung der Hypophyse hinweisen«, dachte Johannes laut nach.

»Dass das Problem mit der Hirnanhangdrüse zusammenhängen könnte, war auch mein erster Verdacht«, nickte Danny Norden und dankte der jungen Bedienung, die Kaffee und Kuchen brachte, mit einem Lächeln.

»Ich wusste, dass du einmal ein guter Arzt werden wirst«, erklärte Johannes und strahlte seinen ältesten Enkel voller Stolz an.

»Leider genügt es offenbar nicht, den richtigen Verdacht zu haben.« Zur großen Verwunderung seines Großvaters seufzte Danny schwer und löffelte Zucker in seinen Kaffee. »Man muss auch genügend Überzeugungskraft besitzen, um die Patienten von den nötigen Untersuchungsmaßnahmen zu überzeugen.«

Sofort wusste Johannes, worauf er hinauswollte.

»Oh, war das einer von den Menschen, die niemand anderem als sich selbst glauben?«, mutmaßte er spontan.

Danny war sichtlich erstaunt. »Du kennst dieses Phänomen?«

Der Sanatoriumsleiter lachte laut auf.

»Und ob! Das ist ein besonderer Typus Mensch, den man schon von Weitem erkennt.« Er schüttelte den Kopf, wenn er an die zahllosen Diskussionen dachte, die er im Laufe seiner Tätigkeit als Arzt mit uneinsichtigen Patienten geführt hatte. »Diese Leute muss man förmlich zu ihrem Glück zwingen.«

»Das kannst du laut sagen!« Danny freute sich über das Verständnis, das ihm von Seiten seines erfahrenen Großvaters entgegenschlug. »Ich glaube, ich habe eine halbe Stunde auf den guten Mann eingeredet, um ihn von der Notwendigkeit eines MRTs zu überzeugen. Die ganze Zeit hat er mir widersprochen und dagegengehalten, dass früher auch kein solcher Aufwand betrieben wurde. Da haben die meisten Ärzte einfach ein paar Tabletten verschrieben und gut war’s.« Er trank einen Schluck Kaffee und schob eine große Gabel voll sahniger Schokoladentorte in den Mund. Genüsslich schloss er die Augen und seufzte glücklich.

»Ja, dieser Balanceakt ist nicht immer ganz einfach«, wusste Johannes aus seinem eigenen, reichen Erfahrungsschatz zu berichten. »Manche Patienten sind beleidigt, wenn man ihnen lediglich Tabletten verschreibt. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, wenn kein großer Aufwand nötig ist, um ihre Krankheiten zu behandeln. Und andere wollen am liebsten nur ein Rezept zur Beruhigung.«

»Ich bin gespannt, ob ich lerne zu erkennen, in welche Kategorie ein Patient gehört und wie ich ihm ein gutes Gefühl gebe, angemessen behandelt zu werden«, erklärte Danny aus tiefstem Herzen.

Johannes lächelte innig.

»Allein dein Wunsch, die Menschen zu verstehen und dich in sie einzufühlen, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung«, lobte er zufrieden. »Eines Tages wirst du ein sehr empathischer und beliebter Arzt sein. Wenn dein Vater das hören könnte, wäre er sehr stolz auf dich.«

»Das wird er ja mit Sicherheit bald«, mischte sich Anne in das Gespräch zwischen Enkel und Großvater. »Wie ich gehört habe, kommt Daniel demnächst nach Deutschland zurück.«

Ihrer Ansicht nach hatten die beiden Männer genug gefachsimpelt. Schließlich waren ihre Enkel nicht gekommen, um sich mit ihrer Arbeit zu beschäftigen, sondern um sich von ihrem Alltag zu erholen und die Sorgen für ein paar Stunden zu vergessen.

Als ihre Großmutter dieses Thema anschnitt, leuchteten Annekas Augen auf.

»Dann habt ihr es also auch schon gehört. Prinz Hasher soll bei euch auf der Roseninsel behandelt werden.« Doch sofort erlosch das Strahlen wieder, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. »Leider bleiben Mami, Jan und Dési noch länger im Sultanat«, bedauerte das Mädchen zutiefst.

»Warum eigentlich?«, erkundigte sich Felix, der bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich darüber Gedanken zu machen. »Mum und Dad sind doch wegen des Prinzen in den Orient gereist. Dann könnte sie doch eigentlich mit zurückkommen.«

»Da ist doch noch die kranke Sheikah, mit der Mami Freundschaft geschlossen hat«, wusste Anneka auch auf diese Frage eine Antwort. »Ich glaube, sie will Leila nicht das Gefühl geben, sie im Stich zu lassen. Schon gar nicht, solange es ihr nicht besser geht.«

»Außerdem sollen die Zwillinge nicht schon wieder aus dem Unterricht gerissen werden«, fügte Danny ein weiteres Argument hinzu und kratzte den letzten Rest Schokosahne von seinem Teller.

Traurig lehnte sich Anneka an ihre Großmutter und suchte Trost in der liebevollen Umarmung. Sie lauschte auf das leise Stimmengewirr im Hintergrund, auf Tellerklappern und Gelächter von den Patienten des Sanatoriums. All diese vertrauten Geräusche verstärkten die ziehende Sehnsucht in ihr.

»Ich wünschte trotzdem, dass sie bald alle wieder da sind und wir endlich wieder ein ganz normales Familienleben haben können«, murmelte sie. »Zusammen am Tisch sitzen, essen, erzählen und Spaß haben.«

Zärtlich strich ihr Anne über den Kopf. Ein paar Haare verfingen sich in ihren faltigen Händen.

»Nicht traurig sein, meine Kleine«, versuchte sie, Anneka mit zärtlichen Worten über die Sehnsucht hinweg zu trösten. Ein Gedanke kam ihr in den Sinn, eine Idee, die dem Mädchen Spaß machen konnte. »Hast du Lust, dir unser neues Tiergehege anzusehen?«, machte sie einen Versuch, ihre Enkelin abzulenken.

Der Plan ging auf. Tatsächlich wurde Anneka hellhörig.

»Ihr habt Tiere angeschafft?«

Anne schickte ihrem Mann einen triumphierenden Blick und fuhr zu dem Mädchen gewandt fort: »Wir haben Hasen und Meerschweinchen angeschafft, um die sich unsere Gäste kümmern, die sie füttern und streicheln können.«

An dieser Stelle wurde Felix hellhörig. Interessiert an allem, was mit Psychologie zu tun hatte, lieferte er seiner Schwester eine druckreife Erklärung für diese therapeutisch sinnvolle Maßnahme.

»Der Umgang mit Tieren dient nachweislich der Steigerung der Lebensfreude, einer Stabilisierung des Immunsystems und der Linderung von psychischen und psychosomatischen Krankheiten«, zitierte er das, was er im Internet über diesen neuen Therapieansatz gelesen hatte.

Obwohl Anneka sich des Öfteren mit ihrem zweitältesten Bruder kabbelte, war sie diesmal sichtlich beeindruckt über sein Wissen auf diesem Gebiet. Sie lächelte ihm dankbar zu, bevor sie Anne auf dem Weg zum Gehege begleitete.

»Was ihr euch für Arbeit macht!«, staunte sie unterwegs, während Felix und Danny beschlossen hatten, Johannes bei der täglichen Visite zu assistieren. »Und alles nur für die Patienten!«

»Das ist unser Leben, mein Liebes, eine Herzensangelegenheit«, erwiderte Anne Cornelius innig. »Wenn unsere Patienten von dem Aufenthalt auf der Roseninsel profitieren, haben wir unser Ziel erreicht. Dafür nehmen wir vieles in Kauf.«

Die Wolken hatten sich inzwischen verzogen, und die Sonne lachte von einem fast makellosen Himmel herab, strahlte Anneka direkt ins Gesicht und kitzelte sie an der Nase, dass sie lachen musste. Fürs Erste waren die traurigen Gedanken und Gefühle verflogen, und Anne tat alles dafür, dass sie nicht so schnell zurückkehrten. Die süßen Hasenkinder und kleinen Meerschweinchen, die Anneka zutraulich um die Beine hoppelten und an ihrer Hose knabberten, unterstützten sie erfolgreich in ihren Bemühungen.

*

Während Anneka ihre Unbeschwertheit auf der Insel der Hoffnung wiederfand, ging auch das Leben im Orient weiter.

»Das ist deine Halbschwester, Prinzessin Nasya!« Stolz präsentierte Scheich Ahmed seinem Sohn das neugeborene Baby.

Seitdem Hasher herausgefunden hatte, dass Ahmed und Scheich Ishfan hinter seinem Rücken eine Verbindung zwischen Kalila und ihm geplant hatten, war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht mehr so vertrauensvoll und offen wie bisher. Trotzdem bemühte sich der Scheich hartnäckig um ein gutes Verhältnis und deutete lächelnd auf das Frühchen.

Inzwischen hatte er sich an den Anblick gewöhnt. Doch für den Prinzen war die Begegnung mit dem Frühchen ein Schock.

»Sie ist ja so winzig!«, entfuhr es Hasher. Ergriffen starrte er in den Brutkasten, in dem das kleine Mädchen zwischen Kabeln und Schläuchen lag. Sogar die Windel war viel zu groß und bedeckte das halbe Kind. »Tut ihr das nicht weh?«, fragte er sichtlich schockiert und deutete auf den dünnen Schlauch, der in die Nase des Kindes führte und über Stirn und Wange mit einem riesenhaft erscheinenden Pflaster befestigt war.

»Ehrlich gesagt weiß ich es nicht.« Ratlos zuckte Ahmed mit den Schultern. Glücklicherweise lag das Baby mit friedlichem Gesichtsausdruck in seinem Brutkasten. Zumindest im Augenblick machte es nicht den Eindruck zu leiden. »Diese Maßnahmen sind leider nötig. Ohne medizinische Hilfe würde Nasya nicht überleben.« Ahmeds verliebter Blick ruhte auf seinem Kind, während Hasher nichts als Mitgefühl empfand für dieses Wesen, das viel zu früh und unter dramatischen Umständen das Licht der Welt erblickt hatte.

Nasyas Gefahr, ein Leben lang behindert zu sein, erinnerte ihn an seine eigenen Schmerzen, und er sah sich nach einem Stuhl um. Der neuerliche Krankheitsschub ließ jede Bewegung zur Qual werden. Und auch Kalilas unwissentliche Bemerkung über seinen Gesundheitszustand klang ihm noch in den Ohren und trug seinen Teil zu den auch psychisch bedingten Schmerzen bei. Die Prinzessin hatte ihn für einen Arzt gehalten. Doch das machte die Sache nicht besser.

»Natürlich würde ich den Mann an meiner Seite im Krankheitsfall unterstützen … Aber einen von vornherein kranken Mann zu heiraten mit dem Wissen, dass ihm nicht geholfen werden kann … Das ist nicht gerade das, wovon eine junge Frau mit so ehrgeizigen Plänen träumt«, hatte sie zu Hasher gesagt, als er nach ihrem Unfall verliebt wie nie zuvor an ihrem Krankenbett gesessen war.

Diese Worte hatten sein in Flammen stehendes Herz gebrochen. Zutiefst verletzt war er aus dem Krankenzimmer geflohen. Seither mied er jeden Kontakt zu der Prinzessin und ging ihr aus dem Weg, widerstand jedem ihrer zahlreichen Annäherungsversuche hartnäckig.

»Wie geht es Leila?«, fragte Hasher seinen Vater, um sich von den Gedanken an Kalila abzulenken.

Ahmed schickte einen liebenden Gedanken zu seiner über alles geliebten Frau. Sofort spielte ein Lächeln um seinen Mund.

»Stell dir vor: Dr. Norden hat recht behalten«, konnte der Scheich auch von der Sheikah Positives berichten. »Die Geburt von Nasya hat einen neuen Energieschub bei ihr ausgelöst«, fuhr er überglücklich fort. »Heute Morgen hat Leila zum ersten Mal die ganze Hand gehoben. Ganz langsam, aber immerhin.« Seine Augen leuchteten vor Freude, als er von diesem neuerlichen Wunder berichtete. »Wenn die Wunde des Kaiserschnitts verheilt ist, spricht nichts dagegen, dass sie nach Hause kommt. Ganz so, wie wir es vor dem Notkaiserschnitt geplant hatten.« Der Gedanke daran, seine junge unglückliche Ehefrau endlich nach Hause holen zu dürfen, ließ Scheich Ahmeds scharf geschnittene Gesichtszüge weicher wirken. Schon längst war alles vorbereitet, sämtliches medizinisches Gerät vorhanden, und Therapeuten, Schwestern und Pfleger standen bereit. Der ganze Palast wartete nur auf Leila.

Hasher konnte seinem Vater die Ungeduld nachfühlen. Auch er sehnte sich nach nichts mehr als nach einer Frau, die er lieben und auf Händen tragen, mit der er sein Leben teilen konnte. Doch die einzige Frau, mit der er sich all das vorstellen konnte, hatte ihm eine klare Absage erteilt. Mit ihren wenigen Worten hatte Kalila dem Prinzen zu verstehen gegeben, dass er in diesem Gesundheitszustand eine Zumutung für jeden anderen Menschen darstellte.

Unwillig schob Hasher diese Gedanken beiseite und dachte über den Plan seines Vaters nach.

»Nach Hause?« Er teilte den Enthusiasmus des Scheichs keineswegs. »Wie stellst du dir das vor?« Wieder glitt sein Blick hinüber zu dem winzigen Bündel Mensch, dessen Fingerchen im Schlaf zuckten. »Wer soll sich um Nasya kümmern, wenn du bei Leila im Palast bist? Du kannst sie nicht die ganze Zeit der Obhut der Schwestern überlassen. Sie braucht mindestens eine Bezugsperson, die sich intensiv um sie kümmert.«

Ahmed sah seinen Sohn erstaunt an.

»Wie meinst du das?«, fragte er sichtlich verwirrt. »Ich dachte, zu früh geborene Kinder brauchen nur Ruhe und Schlaf, damit sie in Ruhe weiterwachsen können. Und natürlich die medizinische Versorgung. Mal abgesehen davon, dass genügend Personal zur Verfügung steht«, fuhr er entschieden fort. »Zur Not stelle ich eine weitere Schwester ein.«

Angesichts der altmodischen Vorstellungen seines Vaters schüttelte Hasher unwillig den Kopf.

»Besonders diese Frühchen brauchen eine sehr liebevolle Betreuung, die im Idealfall natürlich eine der Bezugspersonen übernehmen sollte.«

»Woher weißt du denn das?«, platzte Ahmed überrascht heraus.

Zum ersten Mal, seit Kalila ihn so sehr verletzt hatte, huschte ein vages Lächeln über das schmale Gesicht des Prinzen, das durch die Krankheit nur interessanter geworden war.

»Ich habe mich vorhin ausführlich mit Felicitas Norden über dieses Thema unterhalten. Das solltest du vielleicht auch mal tun«, empfahl er seinem Vater. »Ich würde mich wirklich gern um Leila kümmern«, fuhr er bedauernd fort. »Leider kann ich dir in dieser Situation nicht zur Seite stehen. Die Planung für meinen Aufenthalt in dem deutschen Sanatorium ist so gut wie abgeschlossen. Ich denke, Dr. Norden und ich werden demnächst aufbrechen.«

Scheich Ahmed nickte versonnen.

»Ein Glück, dass Fee noch bei uns bleibt.« Er liebte es, die Arztfrau bei ihrem Kosenamen zu nennen. Damit brachte er seine besondere Bewunderung für die Frau zum Ausdruck, die seinen anfänglichen Avancen so hartnäckig widerstanden und ihm auf diese Weise eindrücklich den Wert wahrer Liebe demonstriert hatte. Auch Felicitas Norden war es zu verdanken, dass der Scheich sich endlich seiner grenzenlosen Liebe zu seiner wunderschönen jungen Frau bewusst geworden war, die er lange Zeit als weitere Selbstverständlichkeit in seinem Leben betrachtet hatte. »Fee ist inzwischen zu einer Art Vertrauter für Leila geworden und wird mich in ihrer Betreuung unterstützen«, erklärte er, was sie gemeinsam besprochen hatten. »Vielleicht kann sie mir auch bei Nasya helfen.«

»Ausgeschlossen«, widersprach Hasher entschieden. »Auch Felicitas Nordens Tag hat nur vierundzwanzig Stunden. Ich halte es für ungemein wichtig, sie nicht zu überfordern. Mal abgesehen davon, dass auch sie zwei Kinder hat, um die sie sich kümmern muss«, gab er vorausschauend zu bedenken. »Wann sollte da noch viel Zeit für Leila oder das Baby bleiben?«

Diesem Argument hatte Ahmed wenig entgegenzusetzen, und er betrachtete seinen Sohn ratlos.

»Ich könnte bei der Betreuung von Nasya helfen.«

Wie von der Tarantel gebissen fuhr der Prinz herum und starrte die Frau an, der die Stimme gehörte.

Getroffen von der unverhohlenen Feindseligkeit im Blick des Prinzen senkte Kalila rasch den Kopf. Sie war gerade auf die Kinderintensivstation gekommen und hatte die letzten Worte der beiden Männer aufgeschnappt.

»Es tut mir leid, ich wollte euch nicht belauschen«, entschuldigte sie sich leise. »Ich habe von Dr. Norden erfahren, dass Nasya geboren worden ist, und wollte sie willkommen heißen.«

Wie jedes Mal, wenn Hasher der Prinzessin begegnete, war er aufgeregt. Doch er war wild entschlossen, sich keine Blöße zu geben. Solange er nicht in der Lage war, ein normales Leben zu führen, konnte und wollte er sich Kalila nicht zumuten. Egal, in welcher Form.

Mit zusammengebissenen Zähnen, um sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen, erhob Hasher sich von seinem Stuhl.

»Ich muss zurück in den Palast«, behauptete er an seinen Vater gewandt. »In einer halben Stunde treffen sich die Berater. Es geht um unsere Außenhandelsbedingungen. Ein wichtiges Thema für die Zukunft des Sultanats.«

Ahmed war so beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken, dass er die Not, den inneren Aufruhr seines Sohnes nicht bemerkte. Kalilas Angebot beschäftigte den Scheich, und abwesend verabschiedete er sich von Hasher.

»Du wirst schon alles zu meiner Zufriedenheit regeln«, erklärte Ahmed lapidar, während er Kalila freundlich zulächelte.

Sie lächelte tapfer zurück und ignorierte so gut es ging den Prinzen, der die Zähne zusammenbiss und hoch erhobenen Hauptes und mit kaltem Stolz in den Augen an ihr vorbei in Richtung Ausgang strebte. Auch Kalila bebte innerlich, als sie ihre große Liebe durch die Tür verschwinden sah. Noch wusste sie nicht, dass Hasher im Begriff war, das Sultanat auf unbestimmte Zeit zu verlassen. So galten ihre einzigen Gedanken dem Weg, wie sie das, was geschehen war, wieder gut machen konnte. Instinktiv wusste sie, dass dieser Weg gleichbedeutend war mit Geduld. Viel Geduld.

*

»Du würdest dich wirklich um Nasya kümmern?«, fragte Ahmed in die Gedanken der Prinzessin hinein, nachdem sich die Türen lautlos hinter Hasher geschlossen hatten.

Kalila reagierte zunächst nicht. Erst als er ihr die Hand sanft auf den Arm legte, zuckte sie zusammen und wandte den Kopf zu ihm. Mit waidwundem Blick sah sie ihn an, und plötzlich erinnerte sich Ahmed an das, was geschehen war.

»Du liebst ihn, nicht wahr?« Gleichzeitig wurde sein Herz schwer, als er an die Vorwürfe dachte, die sein Sohn ihm zu Recht gemacht hatte.

»Kannst du nicht versuchen, ein gutes Wort für mich einzulegen?«, bat Kalila ihn, obwohl sie sich der Sinnlosigkeit dieses Unterfangens bewusst war.

»Ich hab alles versucht«, erwiderte Ahmed sichtlich geknickt. Auch für ihn war ein Traum geplatzt, und es fiel ihm nicht leicht, die Tatsachen zu akzeptieren. »Aber sobald die Sprache auf dieses Thema kommt, blockt er völlig ab. Mal abgesehen davon, dass er wegen meiner Heimlichkeiten ohnehin ein Problem mit mir hat«, gestand er zerknirscht. »Es wird noch eine Weile dauern, bis sich unser Verhältnis wieder normalisiert hat und er mir wieder vertraut.«

Um nicht in Tränen auszubrechen, presste Kalila die Lippen aufeinander und nickte tapfer. Zum Glück kam in diesem Augenblick die Schwester und lenkte sie von ihrem herzzerreißenden Kummer ab.

»Zeit, die Windel zu wechseln«, erklärte sie betont fröhlich, und Ahmed und Kalila traten einen Schritt zurück.

Gebannt sahen sie der Intensivschwester dabei zu, wie sie in aller Selbstverständlichkeit eines der runden Fenster im Inkubator öffnete. Sie redete leise und ununterbrochen mit dem Baby und streichelte es vorsichtig, um es nicht zu erschrecken. Trotzdem verzog Nasya unwillig das kleine Gesicht, und aus ihrem kleinen Mund kam ein abgehacktes, klägliches Schreien.

Sofort zog sich Kalilas Herz vor Mitgefühl zusammen.

»Das macht sie immer, wenn wir sie stören müssen«, erklärte die Schwester unbeeindruckt von dem Protest und erledigte geschickt die nötigen Handgriffe.

»Kein Wunder, dass sie sich wehrt. Schließlich musste sie in ihrem kleinen Leben schon unglaublich viel Stress aushalten«, bemerkte Kalila mit weicher Stimme und klang dabei so versiert, dass die Schwester ihr einen verwunderten Blick schickte. Besonders deshalb, weil sie wusste, mit wem sie es zu tun hatte. Dass Kalila eine Prinzessin und Tochter von Scheich Ishfan war.

»Kennen Sie sich aus mit Frühgeborenen? Mussten Sie so etwas womöglich selbst schon durchmachen?«

»Nein, glücklicherweise nicht«, entgegnete die Prinzessin schnell. »Ich habe noch keine eigenen Kinder. Aber ich engagiere mich ehrenamtlich, um Spenden für Kinderstationen zu sammeln. In Amerika habe ich auch schon bei der Einrichtung einer Pädiatrie in einer Klinik mitgewirkt«, fuhr Kalila fort, ohne den zärtlichen Blick von dem kleinen Mädchen wenden zu können, das immer noch unzufrieden, aber jetzt ohne einen Laut von sich zu geben, das Mündchen aufriss. »Dabei bin ich viel in Kontakt mit Müttern frühgeborener oder kranker Kinder gekommen. Ich habe zahllose Gespräche geführt und einiges von dem Leid erfahren, das so viele kleine Menschen tragen müssen. Deshalb kenne ich mich ein bisschen aus.«

Die Schwester hatte ihre Arbeit beendet und zeigte sich – genauso wie Ahmed – sichtlich beeindruckt von Kalilas Erzählung.

»Ich kenne keine junge Frau, die sich freiwillig mit so einer schwierigen Thematik auseinandersetzt«, lobte sie bewundernd, als ein durchdringender Piepton aus einem anderen Inkubator ein Problem ankündigte. »Ich muss weitermachen. Es war sehr interessant, sich mit Ihnen zu unterhalten.« Sie lächelte der Prinzessin noch einmal anerkennend zu und wandte sich ab, um sich um die anderen kleinen Patienten zu kümmern, die ihrer Hilfe bedurften.

Scheich Ahmed hatte die Unterhaltung der beiden Frauen mit wachsendem Interesse verfolgt.

»Dann ist es dir mit deinem Angebot, dich um Nasya zu kümmern, wirklich ernst?«, wandte er sich hoffnungsvoll an Kalila.

Die eindringlichen Worte seines Sohnes hatten ihn nachdenklich gestimmt. Der Gedanke an die Doppelbelastung, die ihn erwartete, sobald Leila zu Hause sein würde, machte ihm durchaus zu schaffen, auch wenn er sich den Anschein gab, über den Dingen zu stehen.

Sein Stolz verbot es ihm, um Hilfe zu bitten. Doch wenn ihm Hilfe angeboten wurde, noch dazu von der Frau, die er so gern zur Schwiegertochter gehabt hätte, konnte er nicht nein sagen.

»Ich liebe sie schon jetzt!«, antwortete Kalila innig.

Noch immer betrachtete sie Nasya mit unendlicher Zärtlichkeit. Beim Anblick dieses hilflosen, winzigen Menschen war ihr Herz weit geworden vor Liebe und Verantwortungsgefühl. Für einen Augenblick verdrängte dieses Gefühl sogar Hasher aus ihrem Herzen. »Ich könnte mir nichts Schöneres, nichts Sinnvolleres vorstellen, als meine Zeit in den Dienst von Nasya zu stellen«, murmelte sie ergeben. »Ich möchte für sie da sein und mich um sie kümmern, solange sie in der Klinik sein muss. Und darüber hinaus. Ich möchte ihr eine lebenslange Freundin werden, wie eine Schwester, die ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Auf die sie sich immer verlassen kann.« Während sie sprach, war ihre Stimme immer energischer und fester, sicherer geworden. Wenn sie schon Hasher nicht haben konnte, wollte sie wenigstens für seine Schwester da sein! Kalila riss sich vom Anblick des Kindes los und wandte sich an Ahmed.

Der Scheich sah, dass ihre Augen vor Rührung und Ergriffenheit feucht schimmerten, und konnte dem Impuls, sie in die Arme zu schließen, nicht widerstehen.

»Ich weiß gar nicht, wie ich dir für deine Freundschaft danken soll!«, raunte er ihr heiser ins Ohr.

Und so hinreißend Kalila auch war, so umarmte Scheich Ahmed doch nicht die Frau in ihr, sondern die Schwiegertochter, die Mutter, die Schwester, die Tochter. Alles Weibliche, das er in diesem Augenblick verehrte wie nichts anderes auf dieser Welt.

*

Als Daniel Norden an diesem Abend aus der Klinik nach Hause kam, fühlte er sich müde und ausgelaugt. Es war schon spät, und er freute sich darauf, endlich heim in das Sommerhaus des Palastes zu kommen. Als er den gepflasterten Weg vom Parkplatz durch den herrlich angelegten Park hinabwanderte, genoss er trotz seiner Erschöpfung die warme Luft, die über seine Haut streichelte.

»Um diese Tageszeit ist es angenehm und nicht mehr so heiß, nicht wahr?« Fee hatte den Wagen ihres Mannes gehört und war zur Tür gekommen.

Sie lehnte im Türrahmen, die Arme vor dem schmalen Körper verschränkt. Wie sie so dastand und lächelte, erschien sie Daniel in diesem Moment wie ein Traumbild.

»Du kannst meine Gedanken immer noch lesen«, begrüßte er seine Frau und legte den freien Arm um ihre schlanke Hüfte, um sie an sich zu ziehen.

Einen Moment lang sah sich das Paar tief in die Augen. Dann küsste Daniel seine Fee. Lange. Zärtlich. Innig.

»Schön, dass du endlich zu Hause bist«, raunte sie, als sie sich voneinander gelöst hatten. Ihr liebevoller Blick streichelte sein Gesicht. »Du siehst müde aus.«

»Ich sehe nicht nur so aus, ich bin es auch«, gestand Daniel und wehrte sich nicht, als Felicitas ihn an der Hand nahm und hinter sich ins Haus zog.

Mit leisem Klicken fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.

»Möchtest du gleich schlafen gehen?«, fragte sie verständnisvoll und machte im Flur Halt, wo die mit Cottofliesen belegte Treppe nach oben führte.

»Nein.« Daniel schüttelte entschieden den Kopf. »Wenn ich nicht noch eine Weile mit dir auf der Terrasse sitzen und plaudern kann, finde ich keine Ruhe. Dann ist der Tag einfach nicht abgeschlossen.« Er sah sich suchend um. »Die Kinder sind schon im Bett?«

Fee, die auf dem Weg in die Küche war, um eine Flasche Wein zu holen, drehte sich noch einmal um.

»Besonders Dési hat lange auf dich gewartet. Sie wollte dir unbedingt von dem geplanten Schulausflug erzählen. Als es zu spät wurde, hab ich sie aber ins Bett geschickt.«

»Hoffentlich gehen sie nicht zum Reiten!«, bemerkte Daniel mit einem Anflug von Sorge.

Mit Schrecken erinnerte er sich an die Reitstunde in der Schule, in der Janni durch die Schuld eines Mitschülers vom Pferd gefallen war. Dabei hatte er noch Glück im Unglück gehabt und sich lediglich eine Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen zugezogen. Sie war folgenlos ausgeheilt, und die beiden Jungen waren schließlich sogar beste Freunde geworden.

In seine Gedanken hinein lachte Fee.

»Nein. Zum Glück nicht. Sie wollen den berühmten Botanischen Garten des Sultanats besuchen. Aber ich bin sicher, dass sie dir das morgen beim Frühstück in epischer Breite selbst erzählen wird.«

»Gut.« Damit war Daniel einverstanden. Um diese Uhrzeit und nach diesem anstrengenden Tag war seine Aufnahmefähigkeit ohnehin begrenzt. »Hast du was dagegen, wenn ich schon in den Garten vorgehe? Oder kann ich dir was helfen?«

»Es ist alles fertig. Geh nur!«, versicherte Felicitas. »Ich bin gleich bei dir.«

Tatsächlich hatte Dr. Norden noch nicht richtig Platz genommen, als sich seine Frau schon zu ihm gesellte. Sie trug ein Tablett mit einer bereits entkorkten Weinflasche und zwei Gläsern darauf. In einem Korb lagen ein paar Scheiben des landestypische Fladenbrots. Außerdem brachte Fee drei verschiedene, selbst gemachte Dips mit. Eine Schale mit eingelegten Oliven komplettierte den abendlichen Snack.

»Du weißt einfach, wonach mir der Sinn steht«, lobte Daniel die Bemühungen seiner Frau, ihm den Feierabend so angenehm wie möglich zu machen.

Er schenkte den Wein ein. Dunkelrot und verheißungsvoll schimmerte er im Kerzenschein im Glas.

»Nun ja, nach all den Jahren habe ich dich ein bisschen kennengelernt«, lächelte Felicitas amüsiert.

Sie stieß mit Daniel an. Die Gläser klangen hell, und das Paar lauschte dem Geräusch nach, bis es verweht war.

Allmählich entspannte sich Daniel Norden. Sein Blick wanderte hinüber in den herrlichen Garten. Er streifte durch Orangen- und Jasminbäume, blieb an den blühenden Bougainvilleas hängen, die durch unsichtbar in den Beeten verborgene Lampen beleuchtet wurden und wirkten wie märchenhafte Zauberpflanzen. Allein dieser Anblick war erholsam, und fast sofort fühlte er sich noch besser.

»Ist das hier nicht wie im Paradies?«, fragte er und nippte zufrieden an seinem Glas.

»Es ist wirklich herrlich«, stimmte Fee ihm aus vollstem Herzen zu. »Ich wünschte nur, dass Anneka, Felix und Danny auch hier sein könnten. Sie wären genauso begeistert wie wir. Da bin ich mir sicher.«

»Ich mir auch.« Daniel bemerkte den wehmütigen Blick seiner Frau und legte seine Hand auf die ihre. »Möchtest du nicht doch mit mir zurück nach Deutschland kommen?«, fragte er sie zum wiederholten Male.

Sie allein mit den Kindern im Orient zurückzulassen, behagte ihm ganz und gar nicht. Obwohl er sich sicher sein konnte, dass Scheich Ahmed sie mit seinem Leben beschützen würde.

Doch wie auch die Male zuvor schüttelte Felicitas zwar traurig, aber entschieden den Kopf.

»Du weißt, dass das nicht geht. Die Kinder sollen wenigstens das Schuljahr hier zu Ende machen. So lange ist es ja nicht mehr«, versuchte sie, sich selbst zu trösten. Dabei wusste sie selbst nicht so genau, wie sie die Wochen ohne ihren Mann überstehen sollte. Noch nie waren sie so lange voneinander getrennt gewesen. Um nicht melancholisch zu werden, dachte sie schnell weiter. »Außerdem braucht Leila mich. Gerade jetzt, da sie solche Fortschritte macht, will ich den Genesungsprozess nicht durch meine Abreise gefährden. Möglicherweise fühlt sie sich dadurch gekränkt.« Nachdenklich nippte sie an ihrem Wein. »Wenn ich mir vorstelle, dass sie dann einen Rückfall erleidet und vielleicht nie mehr wieder gesund wird … Nein! Das kann ich nicht machen.«

Zutiefst bewegt hatte Daniel den Worten seiner Frau gelauscht. Ihre Selbstlosigkeit verblüffte ihn immer wieder. Spontan beugte er sich zu ihr, nahm ihr Gesicht in die Hände und küsste sie innig.

Als sie sich voneinander gelöst hatten, sah er ihr tief in die Augen.

»Du bist der edelste, selbstloseste Mensch, der mir je begegnet ist«, raunte er ihr zu, und Fee traten Tränen in die Augen.

Sie schlang die Arme um seinen Hals und drückte sich an ihn.

»Bitte, sag so was nicht«, bat sie ihn leise. »Damit machst du es mir nur noch schwerer.«

Sanft streichelte Daniel über ihren Rücken.

»Es tut mir leid. Das wollte ich nicht. Und glaub mir, mir fällt es mindestens genauso schwer wie dir. Aber ich muss Hasher einfach nach Deutschland begleiten und die Einzelheiten des Therapieplans mit Johannes besprechen. Der Prinz soll endlich ohne Beschwerden leben können.«

»Das verstehe ich doch«, versicherte Fee und löste sich tapfer lächelnd aus der Umarmung. »Weißt du was? Wir sollten die letzten Tage, die wir gemeinsam in diesem Paradies haben, so gut es geht genießen. Und am besten fangen wir sofort damit an.« Sie hob den Zeigefinger ans Ohr, um ihren Mann auf das Abendkonzert der Grillen aufmerksam zu machen, das inzwischen eingesetzt hatte. Dieses Geräusch zusammen mit der warmen Luft auf der Haut und den exotischen Gerüchen zauberte eine einmalige Stimmung, die es nur im Orient gab. Dessen war sich auch Daniel bewusst. Er hob sein Glas und sah seiner Frau tief in die Augen.