Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Dieses Buch hat die Kraft, Schule zu verändern. Es erklärt in verständlicher Form, was das lernende Gehirn im Schulalltag braucht, um optimal funktionieren zu können. Es beschreibt exakt den spezifischen Körper-Geist Modus, der Lust auf Lernen macht. Für gute Denk- und Gedächtnisprozesse sind das Gefühl des Angenommenseins in der Gruppe und der positive Kontakt zu der Bindungsperson "Lehrkraft" von heraus-ragender Bedeutung. Neueste Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass wir effektive-re, intelligentere und humanere Unterrichtsstrukturen als bisher benötigen. Wir brauchen eine neue, weniger perfektionistische Betrachtung des Fehlers, eine faire Rede, einen gute Umgangs-ton und das Gefühl psychischer Sicherheit für alle an unseren Schulen, wollen wir lerntechnisch und menschlich fit für die Herausforderungen einer vielversprechenden Zukunft sein. Um gemeinsam dahingehend etwas bewirken zu können ist für alle Beteiligten ein Grundwissen über Lernen, Denken, Begabung und Menschlichkeit hilfreich. Dann gelingt eine humane, demokratische Schule als Basis für eine glückliche Gesellschaft.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
für alle jungen Menschen
Vorwort
1. Das Gehirn zeigt uns den Weg
1.1. Reptil frisst Großhirn
1.2. Das Großhirn, unser Menschenorgan
1.3. Das Zwischenhirn
1.4. Gefühl braucht Beziehung
1.5. Vom Reflexwesen zum Menschen
1.6. Der Hirnstamm mit Kleinhirn
1.7. Die Lernbasis sitzt im Kleinhirn
1.8. Das Reptil in uns schläft nie
1.9. Unterdrückte Bewegung ist Gift für unser Gehirn
1..10 Lernbooster „Handlungsmodus“
2. Das Gedächtnis neurobiologisch klug benutzen
2.1. Unser Kurzzeitspeicher hat Notizblöcke
2.2. Seepferdchen und Glückscocktail
2.3. Gedächtnis und Achtsamkeit
2.4. Chillen für die Vernunft
3. Die Lust zu lernen
3.1. Das Bedürfnis nach Sicherheit kommt vor dem Bedürfnis nach Lernen
3.2. Wir lernen weil es uns glücklich macht
3.3. Extrinsische Lernmotivation
3.4. Vermeidungsmotivation
4. Für gute Bindungen sorgen
4.1. Spiegelneuronen machen Lernen möglich
4.2. Auch Gefühle werden gespiegelt
4.3. Gespiegelt werden heißt: „ich bin wichtig.“
4.4. Fatale Erziehungsprägungen
4.5. Unsichere Bindungserfahrungen werden weitergegeben
5. Fehlgeleitete Bindungsprozesse und die Optimierungsideologie an unseren Schulen
5.1. Bildungsfalle Perfektionismus
5.2. Bildungsfalle Narzissmus
5.3. Psychopathie
5.4. Bindungsmuster kann man durchbrechen
5.5. Lehrende sind Bindungspersonen und damit Spiegelmodell
5.6. Das Perfektionieren der Lehrperson
5.7. Zielvorgabe AlleskönnerIn
5.8. Der Default Effekt in Bildungsinstitutionen
5.9. Lehrkräfte als psychische Entlastungsfiguren
6. Schulischer Alltag
6.1. Lernen unter Anspannung
6.2. Auch SchülerInnen spiegeln
6.3. Grenzübertritte, Rollenkonflikte und ein dicker Schutzpanzer
6.4. Verletzte Lehrkräfte – verletzte SchülerInnen
6.5. Bindung Lehrende-Lernende
7. Knowledge of Psychology, Mornings for Democracy
8. Lernkiller Mobbing
8.1. Was passiert wenn unser Ansehen bedroht ist
8.2. Der Supergau für unser Gehirn
8.3. Demokratie braucht einen guten Ton
9. Lernkiller Stoppmuster
9.1. Anatomie der Angst
9.2. Der richtige Blick auf`s Display
9.3. Raumgreifende Bewegungen und (Tanz)pausen
10. Gestaltung und Kontrolle der digitalen Welt
11. Persönliche Lernvorlieben
11.1. Handelnd lernen
11.2. Akustisch lernen
11.3. Sehen und Lernen
11.4. Der abstrakt verbale Lerntyp
11.5. Bildliches Lernen
11.6. Der haptisches Lerntyp
11.7. Lernen über verschiedene Kanäle
12. Teilbereiche fördern
12.1. Sprache, die Pforte zur Welt
12.2. Fit auf dem Ohr
12.3. Sehen und lernen
12.3.1. Die Anpassung der Augen an verschiedene Entfernungen
12.3.2. Versteckte Sehfunktionsdefizite
12.3.3. Das Talent der Visuellen – LRS und Dyskalkulie
12.4. Was Reflexe mit Lernen zu tun haben
12.5. Wer hilft genau
12.6. ADHS
13. Neue Lernmaximen
13.1. Den Fehler schätzen lernen
13.2. Unterschiede bei Mädchen und Jungen berücksichtigen
13.3. Das Talent bestimmt den Weg
13.4. Das Lernrevier muss sicher sein
13.5. Einstehen für Gesundheit, Schutz, Wohlbefinden und Respekt
14. Zugewandtheit lebt von Freiheit und klarem Denken
Was haben Schule und Schokolade gemeinsam?
Mehr als man denkt. Beide können das Leben versüßen. Beide können Zufriedenheit und Glücksgefühle erzeugen.
Dies jedoch nur mit guten Inhaltsstoffen und dem richtigen Rezept. Derzeit sind unsere Bildungseinrichtungen leider keine hochwertigen Produkte, sondern eher billige Massenartikel, die Bauchschmerzen verursachen und sich nicht selten als Zerstörer der Lebenslust und Lebenskraft junger Menschen entpuppen.
Kicks for School möchte dies ändern.
Es erforscht die Ursachen des derzeitigen Ungemachs und erklärt in anschaulicher Weise, wie (schulisches)Lernen, biologisch betrachtet, vernünftig funktioniert.
In den ersten Kapiteln nehmen wir deshalb erst einmal unsere Denkzentrale „Gehirn“ unter die Lupe. Wir betrachten Organisation und spezielle Funktionsaufgaben der entwicklungsgeschichtlich verschieden angelegten Teile, Großhirn, Zwischenhirn und Hirnstamm. Wir überlegen uns, wie es beim Lernen zu passenden elektrischen und chemischen Vorgängen der Abspeicherung kommen kann. Anschließend betrachten wir, wie vernunftbasierte Denkprozesse entstehen, und welche Rolle ein positives Grundgefühl für ein aufnahmebereites und verlässliches Gedächtnis spielt.
In diesem Zusammenhang erfahren wir, dass der Hirnstamm der Boss im Gehirn ist. Nur wenn wir uns sicher, geborgen und von unseren Mitmenschen angenommen fühlen ist unser archaischer Sicherheitswächter besänftigt. Nur dann sind wir in der Lage, feine Unterschiede wahrzunehmen, komplex zu denken und das, für schulisches Lernen zuständige Großhirn optimal anzuzapfen.
Vernunft und Denken stehen also entscheidend in Zusammenhang mit mitmenschlichen Erfahrungen.
Neueste Ergebnisse der Hirnforschung offenbaren, dass einfühlsame Bezugspersonen messbar den Aufbau und die Funktionsweise neuronaler Netze und damit die Lernfähigkeit eines Menschen beeinflussen.
Eine gute Bindung zu empathischen Bezugspersonen entscheidet, wie sich unser neuronales System mit neuen Reizen auseinandersetzen kann. Sie beeinflusst positiv, wie komplex unser sprachliches System wird, wie wir uns Raumdimensionen, mathematische und geometrische Begriffe erobern.
Sie prägt auch das, was wir von uns selbst denken, wie wir uns und unsere Gefühle unter Kontrolle haben und wie offen wir auf die Welt zugehen.
Eine sichere Bindung, mit gelungenen Spiegelprozessen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter, erzeugt ein im Hirnstamm eingeschriebenes beruhigtes Grundlebensgefühl, ein neuronales Muster, welches lebenslang das Lernen erleichtert.
Unsichere, unfreie Bindungserfahrungen dagegen beeinträchtigen die Psyche und das Lernen. Menschen, deren Bindung beispielsweise durch Nichtbeachtung, Unterordnung, Anpassung und übertriebene Sauberkeitserziehung geprägt ist, leiden an einer Auflösung der eigenen Grenzen sowie massiven Verlustängsten, häufig kompensiert durch übermäßigen Leistungsdrang, einen Hang zu Grandiosität und optimierungsgetriebener Perfektion.
Unser Gesellschafts- und Erziehungssystem ist nicht nur während des letzten Krieges, sondern fatalerweise noch heute, Jahrzehnte danach, in diese narzisstisch-perfektionistische Richtung geschlittert.
So lastet verbreitet ein riesengroßer Druck durch überhöhte Ansprüche aller Art auf unseren jungen Menschen. Seien dies Erfolgsdruck, Leistungsdruck, sozialer Druck oder Druck durch überhöhte mediale Leitbilder.
Unsere Bildungsanstalten verstärken diesen Druck. Mehr denn je werden unter gesundheitsbelastenden Verhältnissen Faktenmassen in die Köpfe junger Menschen gepresst . Es besteht keine Zeit, diese mental zu integrieren und abwägend zu kombinieren. Raum zu tiefem selbständigen Nachdenken, zu Kreativem und Miteinander ist an unseren Schulen Mangelware.
Ein Herauskommen aus diesen Angst-, Druck- und Zwangsschleifen ist aber möglich, wenn man deren Mechanismen kennt. Dann kann man aus den Spiralen von Gier Konkurrenz, Gegeneinander und Besserwisserei aussteigen. Lehrkräfte wären eigentlich dazu die Schlüsselfiguren. Sie sind aber gefangen in ihren Strukturen und werden es nicht richten. Eltern auch nicht. Sie leiden zwar mit ihren Kindern, haben aber zu viel Angst vor schlechten Konsequenzen wenn sie gegen den schulpolitischen Mainstream handeln.
Wie bei der Bewusstseinsschaffung zur Klimasituation seid wahrscheinlich wieder Ihr, liebe jungen Leute, die Hauptakteure der Aufgabe, Lernen neu zu denken und Schule menschlich zu machen. Wie Momo in Michael Endes gleichnamiger Geschichte seid ihr noch immun gegen den eiskalten Faktenzauber der „grauen Herren“, der euch kostbare Lebenszeit raubt. Ihr habt noch die Gabe, mit ganzem Herzen und unverfälschtem Blick einen Neuanfang zu gestalten .
Kicks for School möchte euch dabei unterstützen.
Was passiert während eines Lernvorgangs eigentlich genau mit uns?
Angenommen, wir sind bei Freunden und sehen einen neuen, interessanten Gegenstand.
Instinktiv möchten wir ihn anfassen, spüren und begutachten, bewahren aber natürlich erst einmal höfliche Distanz. Als kleines Kind würden wir das Ding spontan in die Hand nehmen, untersuchen, in den Mund stecken und auf den Boden werfen.
Wir, als clevere Weltbürger, erinnern uns an Gegenstände oder Erlebnisse, die wir mit so ähnlich kantigen Sachen schon hatten und sind vielleicht erst einmal ein bisschen vorsichtig.
Vielleicht sagt irgendwann unser Gastgeber mit einem verschmitzten Blick „Zackül“ und hält uns das Gerät mit einer schwungvollen Schraubbewegung vor die Augen. Da wird uns wahrscheinlich dämmern, dass es sich bei dem stylischen Ding um einen Korkenzieher handeln muss.
Durch das tolle Design, die raffinierte Konstruktion, die versteckte Funktion und vor allem durch das verschmitzte Gesicht unseres Freundes lassen wir uns jetzt so begeistern, dass wir kichernd ausprobieren, was man außer Flaschenöffnen sonst noch damit anstellen kann.
Stellen wir uns vor, wir würden eine Woche später unseren Kumpel mit einer Flasche des derzeit angesagtesten Getränks besuchen. Wir würden wahrscheinlich sofort in die Küche gehen und lässig nach „Zackül“fragen. Wir würden sofort wissen, was wir bräuchten. Denn wir hatten geradezu unter optimalsten Bedingungen gelernt:
Wir waren neugierig und hatten uns wohlgefühlt. Unser Freund ist ein ganz Netter. Wir mögen seine Stimme und seine lustige Art. Fritz sorgt immer für Spaß und Neues. Wir lieben es, zusammen Dinge, die wir nicht kennen, auszuprobieren und dabei Wortspielereien zu betreiben. Zackül, Zackol, Zackeel, Zacköl, gröl....
Lernen funktioniert, grob gesagt, erst einmal so, dass alles, was man in einem offenen neugierigen Zustand sieht, tastet, spürt, hört, riecht und schmeckt, auf dem Weg über elektromagnetische Felder und elektrische Impulse über Nervenbahnen an das Gehirn weitergeleitet wird.
Entsprechend dieses Inputs von Schwingungen entstehen dann im Gehirn besondere Verbindungen von Nervenzellen, ein für jede Person einzigartiges Nervennetz, das den ganz persönlichen Begriff einer wahrgenommenen Sache repräsentiert. Je aufregender oder spannender die Sache ist, je öfter man auf verschiedene Art mit ihr in Berührung kommt, desto stabiler wird das Netz, desto besser hat man gelernt.
Fachbegrifflich nennt man Nervenzellen mit ihren Verbindungen „Neuronen“.
Das Gehirn besteht aus Milliarden solcher Neuronen. Diese haben sich im Laufe der menschlichen Entwicklung in miteinander verbundene Gebiete für spezialisierte Aufgaben geordnet.
Es gibt im Gehirn Neuronengebiete für alles Mögliche. Für Seheindrücke, für Höreindrücke, für Spüreindrücke, für das Gleichgewicht, für die Lage im Raum, für Gerüche, für die Wahrnehmung von gesprochener und geschriebener Sprache, für Sprachverarbeitung und Sprachproduktion.
Es gibt aber auch Neuronengebiete für unsere Körperfunktionen, für den Schutz unseres Körpers, für unsere Gefühle, für unser Selbstbild, für soziales Lernen, für moralische Werte, Selbstkontrolle, bewusstes Denken und Erinnern.
Gebiete für die Sicherheit und den Schutz unsere Körpers sind in der menschlichen Entwicklungsgeschichte früher entstanden, und Gebiete, die mit bewusstem Denken, Erinnern oder auch mit Selbstkontrolle in Verbindung gebracht werden, später.
Die früheren Gebiete, im Hirnstamm gebündelt, funktionieren beim Menschen automatisch. Sie sind im Gegensatz zu den später entwickelten Hirnregionen immer online. Denn sie beherbergen unsere lebenswichtigen Programme. Sicherheit ist vorrangig für das Gehirn.
Geht es um überlebenswichtige Dinge werden reflexartig die Programmanweisungen „fliehe!, kämpfe!“ oder „erstarre!“ an den Körper ausgegeben.
Wird aber gemeldet „mit dir und deinem Körper ist alles in Ordnung“, dann bekommt das Gehirn Lust auf Abwechslung und neue Eindrücke. Erst in diesem Zustand können im Großhirn ankommende Sinnesreize so verarbeitet werden, dass wir auch Feinheiten wahrnehmen und abspeichern. Und somit logisch, geplant und sinnvoll denken können.
Erst jetzt kann bewusstes, gesteuertes Lernen stattfinden.
Es ist also in der Schule noch lange nicht getan mit „Aufgepasst, jetzt lernen wir“ .
Denn nur ein für uns subjektiv wichtiger Reiz kommt als elektrischer Impuls auf verschiedenen Sinneskanälen ins Gehirn.
Geschieht das wiederholt und intensiv, entsteht ein sichtbares Nervennetz aus Nervenzellen. Diese kann man sich als kleine Bäume mit einem Kern und Ästen vorstellen. Die Äste, die Dendriten, können aneinander andocken und sich verlängern. Wie wenn ein Mensch dem anderen die Hand gibt und der Arm dabei wächst.
So nehmen in unserem Beispiel mit Zackül die Hörneuronen mit den Sehneuronen, den Fühlneuronen, den Raum-Lage-Neuronen usw. Kontakt auf und docken aneinander an. Sie knüpfen immer neue Verbindungen zwischen den Arealen, die dadurch größer werden. So, wie ein Muskel anschwillt, wenn man ihn trainiert.
Je mehr Sinneseindrücke und Erfahrungen man zu etwas hat, desto vernetzter ist das Gehirn dazu, und desto stabiler ist das Wissen im Gehirn verankert.
Würde man das Gehirn nach unserer Lernerfahrung mit Zackül an einen Computertomografen anschließen, könnte man überall auf der Gehirnlandkarte bunte Lämpchen aufleuchten sehen. Bunte Lämpchen als Zeichen dafür, dass im Gehirn ganz verschiedene Netzwerke aktiv sind.
Jedes Gehirnareal, hat bestimmte eigene Aufgaben. Aber die spinnennetzartige Landkarte des Gehirns macht es auch möglich, dass ein Areal die Aufgaben eines anderen übernimmt. Vielleicht nicht ganz so gut wie das Original, aber immerhin.
Persönlich sinnvoll empfundenes Lernen ist für die Entwicklung unserer Gehirnnetze besser als fremdmotiviertes. Deshalb ist die selbstgesteuerte Suche nach neuen interessanten Reizen beim Lernen in der Schule so wichtig.
Informationen, die wir aufnehmen möchten, werden um so dauerhafter eingelagert und können um so besser wieder abgerufen werden, je mehr Sinneszentren beteiligt sind.
Wenn uns zum Beispiel bei der nächsten Party das Wort für den Korkenzieher Zackül nicht gleich einfällen würde, hätten wir vielleicht einen Klang wie ,,Zacköl“ oder „Gröl“, im Kopf. Oder wir würden uns an die Drehbewegung unseres Freundes mit dem Designerteil, oder auch an Töne wie „Ü“ oder „Ö“ erinnern. Und ganz bestimmt daran, wie wir beide mit dem Korkenzieher herumexperimentiert und gelacht haben.
Sollen Lernvorgänge dauernhaft etwas bringen, ist es wichtig, dass im Gehirn stabile, gute Spuren bei der ersten Aufnahme einer neuen Information gelegt werden.
Denn die ersten Spuren werden beim späteren Hinzufügen von Frequenzmustern, also wenn wir später im entsprechenden Bereich unser Wissen erweitern, immer wieder benutzt.
Die klarsten, zu unserem menschlichen Gehirn passenden Spuren werden durch dreidimensionale Erfahrungen im Raum und durch das Hantieren mit Dingen angelegt.
Nur wenn ich Begriffe wie „rechts, links, vorwärts, rückwärts, mehr, weniger“ im Raum körperlich erlebt habe gelingen mir in Mathe später die Rechenoperationen.
Nur wenn ich weiß, was „oben, unten, vorne, hinten“ bedeutet, habe ich eine gute Raumvorstellung für geometrische Aufgaben.
Vielfältiges Erleben und Greifen führen zum „Begreifen“.
Zweidimensionales kann in den ersten Lebensjahren nicht ins Gehirn eingelagert werden.
Das konkrete Handeln ist so durch nichts zu ersetzen. Es führt zu den stabilsten Gedächtnisspuren. Nur etwas erzählen oder am Bildschirm zeigen reicht, wie viele Lehrkräfte meinen, beim schulischen Lernen, eben nicht aus.
Mit dem Gehirn ist es wie mit einem Schrank.
Wenn man ihn mit Schrott füllt frisst, erzeugt das eben auch, leider meist unterschwellig, ein „Schrottgefühl“.
Wenn man den Schrank mit schönen Dingen füllt, hat man auch davon die guten Gefühle.
In der Vergangenheit glaubte man in der Schulpädagogik, und viele tun es noch heute, dass unser Gehirn wie eine Art Blackbox funktioniert. Hirn auf, Wissen rein, Hirn zu.
Man meinte, jeder Mensch kann seinen Lernwillen einfach anschalten. Wenn er nur richtig will. Dass das aber so nicht stimmt, konnte man mit Hilfe moderner Messmethoden der Hirnforschung beweisen. Denn die Intelligenz des gesamten Körpers hat beim Lernen ein gewaltiges Wörtchen mitzureden. Ohne harmonisches Körpergefühl geht gar nichts in unserem Oberstübchen. Reptil frisst Großhirn ist die Devise, wie wir noch sehen werden.
Man hat mittlerweile entdeckt, dass das Gehirn, gemäß der menschlichen Entwicklung, aus drei senkrecht vernetzten Schichten, dem Großhirn, dem Zwischenhirn und dem Hirnstamm besteht. Diese können sich unterstützen, aber auch blockieren. Entsprechend des Zeitpunkts ihrer Entstehung in der menschlichen Entwicklungsgeschichte sind die drei Teile auf ganz bestimmte Aufgaben spezialisiert.
Hinsichtlich unseren Themen „ Lernen und Schule“ wollen wir natürlich wissen, wer letztlich der Boss in unserem Gehirn ist. Ist es das Großhirn? Wenn nicht, wer dann? Wie aber kann ich dann das Großhirn, unser menschliches Denk- und Wahrnehmungsorgan so unterstützen, dass mir seine Vorzüge in vollem Umfang zugute kommen?
Betrachten wir die einzelnen Teile des Gehirns und ihre Funktionen genauer.
Die oberste Hirnregion, das Großhirn ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil des Gehirns. Sie ist zuständig für bewusstes Denken und Planen.
Das Großhirn ist auch der Sitz für die Wahrnehmung unserer Seh-, Hör-, Tast-, Riech- und Geschmacksempfindungen, es ist Ort unseres Arbeitsgedächtnisses und unserer Sprache.
Es ist das entscheidende Organ, das uns als bewusst denkende Menschen ausmacht.
Im Idealfall ist unser Großhirn mit den Anweisungen der unteren Schaltkreise Zwischenhirn und Hirnstamm einverstanden. Dann sind wir in einem harmonischen geistigkörperlichen Zustand, der unser menschliches Dasein eigentlich weitgehend bestimmen sollte.
Nicht selten gibt es aber zwischen den Gehirnteilen Diskussionen. Verstand, Gefühl und Instinkt kämpfen in diesen Fällen gegeneinander. Und meist hat das Großhirn hierbei nur eingeschränkt Einfluss.
Das Zwischenhirn im mittleren Gehirnbereich hat bei Konflikten im Kopf schon mehr zu sagen.
Es entspricht entwicklungsgeschichtlich dem Säugetiergehirn und liegt, grob gesagt, unter dem Großhirn.
Hier im Zwischenhirn sind wichtige Schaltstellen nach unten in den Hirnstamm und nach oben in die Großhirnbereiche. Eine davon ist der seepferdchenähnliche Hippoampus, in dem die Einlagerung von Informationen ins Langzeitgedächtnis gesteuert wird.
Das Zwischenhirn ist die Zentrale für Gefühle und Emotionen. Mit dem Begriff „Emotionen“ sind verschiedenartigste Empfindungen aus allen Körperbereichen gemeint, welche durch Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, über das Nervensystem vom Körper ins Gehirn transportiert werden.
Von „Gefühlen“ spricht man, wenn Körperempfindungsreize ins Bewusstsein gelangen und sozusagen „ein Gesicht bekommen“.
Die Existenz von Gefühlen ist mittlerweile faktisch bewiesen. Seit einigen Jahren weiß die Wissenschaft, dass auch im Magen-Darmsystem eine besonders hohe Zahl von Botenstoffen, also gefühlsauslösenden Impulsen produziert wird. Man spricht sogar von einem zweiten Gehirn in unserem Körper. So hat das berühmte Bauchgefühl also tatsächlich eine anatomische Grundlage.
Gefühle und Emotionen spielen in unserem Leben als Steuerungshilfen bei dem Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen eine maßgebliche Rolle. Sie ermöglichen dem Hirnstamm schnelle Entscheidungen, wenn uns etwas bedroht, und sie signalisieren uns durch Wohlbefinden, wenn alles in Ordnung ist.
Gefühle sind schnelle, aber ziemlich pauschale Anweisungen an uns selbst.
Über unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, Macht und Anerkennung sind wir Menschen hinsichtlich unserer Gefühle leider auch manipulierbar.
Inzwischen weiß man, dass starke negative Gefühle mit starken Bedürfnissen zu tun haben. Der Körper drückt durch sie einen Mangel aus.
Gefühle haben eine bestimmte Lebensdauer. Sie existieren so lange, bis die verursachenden Neurotransmitter durch Bedürfnisbefriedigung, durch Bewegung oder durch bewusstes Betrachten und Ziehenlassen vom Körper wieder abgebaut worden sind.
Wenn das nicht möglich ist, wie bei zu langem Stillsitzen am Computer oder im Klassenzimmer, signalisiert uns der Körper ständig unterschwellige Spannungen.
Allen Informationen, die ins Gehirn gelangen, ist ein bestimmter Gefühlswert beigegeben. So können wir eine schnelle Vorabentscheidung treffen, ob etwas für uns zuträglich ist oder nicht. Hierfür gibt es im limbischen System einen zentralen neuronalen Wächterknoten, den Mandelkern. In ihm werden alle ankommenden Reize gebündelt und verarbeitet.
Der Mandelkern, fachbegrifflich Amygdala genannt, kann bei Gefahr ganze Bereiche des Großhirns lahmlegen, und dadurch veranlassen, dass die automatischen Sicherheitsprogramme unseres Körpers hochfahren. Damit übernimmt dann aber der Hirnstamm die Kontrolle und engt die Wahrnehmung auf die berühmte Scheuklappensicht ein. Paradebeispiel, wenn man ohne Vorbereitung unter den strengen Augen einer Lehrkraft an der Tafel die Lösung eines Matheproblems präsentieren soll.
In gewisser Weise kann man aber auf die Amygdala, unseren Angstwächter Einfluss nehmen und hochgefahrene neuronale Schaltkreise entspannen. Schon einfache Atem- und Körperübungen beruhigen unsere Angstschaltkreise und führen somit zu einer besseren Großhirnfunktion.
Das offenbaren Hirnscans und das wussten auch schon die alten Weisen.
Wir Menschen sind von Anfang an dialogisch, das heißt auf andere Menschen hin orientiert. Wir brauchen zum Überleben die sichere Bindung zu mindestens einer Person.
Für die Entwicklung eines sicheren Grundgefühls, für den Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls brauchen wir die einfühlsame Zuwendung einer Bezugsperson (fachbegrifflich Bindungsperson), die mit uns in direktem, freundlichem, einfühlsamem Körper- und Blickkontakt ist.
Am meisten brauchen wir das als kleines Baby, damit wir uns sich sicher fühlen, spüren und beruhigen können. Aber auch später als SchülerInnen und Heranwachsende, sind wir enorm auf die Unterstützung zumindest einer für uns wichtigen Person angewiesen.
