Kieler Deern Wie es weiterging 1949 - 1951 - Gerda Brömel - E-Book

Kieler Deern Wie es weiterging 1949 - 1951 E-Book

Gerda Brömel

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Beschreibung

"Kieler Deern Wie es weiterging 1949 - 1951" hat die Autorin eigentlich ausschließlich für ihre Familie geschrieben. Doch Leser/innen von "Kieler Deern 1945 - 1948", die dieses Buch angeblich "verschlungen" haben, erwarten davon unbedingt eine Fortsetzung! Nun, hier ist sie. Die inzwischen siebzehnjährige Kielerin beobachtet aufmerksam, was um sie herum geschieht. Allmählich scheint alles etwas besser zu werden, wenn auch für "Otto Normalverbraucher" das Leben immer noch einfach und mühselig ist. Im Stadtbild sind inzwischen die meisten Ruinen verschwunden, an deren Stelle breiten sich leere Flächen aus. Doch in der Holstenstraße gibt es erste wieder aufgebaute Geschäftshäuser, zunächst nur einstöckig. Gerda geht nach wie vor ungern zur Schule, der Unterricht erscheint ihr langweilig. Stattdessen begeistert sie sich in ihrer Freizeit für Theateraufführungen, Neue Musik, Literatur, Malerei. In einer für sie wichtigen Angelegenheit setzt sie sich gegen den Widerstand ihrer Eltern durch; sie beginnt über ihre Zukunft selbst zu entscheiden.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Brömel lebt in Mönkeberg an der Kieler Förde. Bis zu ihrem Ruhestand war sie in der Verwaltung verschiedener Institutionen tätig. Danach begann sie mit ihrer literarischen Arbeit. Inzwischen hat sie zahlreiche Bücher mit Kurzgeschichten, Reiseberichten sowie zwei Romane veröffentlicht. Daneben arbeitet sie auch als Herausgeberin/Bearbeiterin von Texten anderer Autoren.

Inhalt

Liebe Leserinnen und Leser,

Wie es weiterging

1949

1950

1951

Anhang

Quellen

Für

Inga, Olaf,

Hanno, Svea, Merle, Simon,

Rieke, Johan, Leo

Liebe Leserinnen und Leser,

wer seine alten Briefe, Zeugnisse, Dokumente liest oder Fotos betrachtet, ist erstaunt über die Fülle von Begebenheiten, Gefühlen und sogar Gerüchen, die unerwartet als Erinnerung auftauchen. Hierbei handelt es sich nicht nur um besondere Ereignisse, sondern durchaus auch um scheinbar Nebensächliches.

Werden Erinnerungen weitererzählt, können sie das alltägliche Leben vergangener Zeiten auch für folgende Generationen deutlich werden lassen. Und vielleicht sogar verstehbar.

Zum Text: Die Briefe an meine Eltern und an meinen Jugendfreund Erich habe ich unbearbeitet in der damaligen Rechtschreibung übernommen (bis auf erforderliche Kürzungen und Einfügungen […].) – Für die mangelhafte Druckqualität der jahrzehntealten Vorlagen und Dokumente bitte ich um Nachsicht.

Gerda Brömel

Wie es weiterging

1949

Silvester 1948/49 hatten wir bei meiner Schulfreundin Lore ausgelassen gefeiert, bis mein Freund Cherry und ich uns mal wieder in die Haare kriegten – vermutlich wegen nichts. Trotzdem brachte er mich den weiten Weg von Lores elterlicher Wohnung nach Hause. Denn immer noch war es nachts stockdunkel in der Stadt. Erst wenige Straßenlaternen leuchteten wieder, nachdem die meisten im Bombenkrieg beschädigt oder ganz verschwunden waren.

Mutter und Vater schliefen noch, als ich frühmorgens unsere Haustür aufschloss. Deshalb brauchte ich auch nicht mit Vaters Donnerwetter zu rechnen, so wie Anna es vor ein paar Jahren erlebt hatte. Nicht nur hierbei, sondern auch bei anderen Dingen hatte meine fünf Jahre ältere Schwester mir sozusagen den Weg geebnet. Dies wurde mir allerdings erst viel später klar.

Obwohl die Weihnachtsferien noch andauerten, ging ich am nächsten Tag in die Griesingerstraße zur Klavierstunde bei Fräulein Gennrich. Sie meinte, demnächst könne ich mich wohl an Beethovens G-Dur-Sonate wagen. Die schien mir nach dem Notenbild allerdings ziemlich schwer zu sein, und so war ich etwas verzagt. Fräulein Gennrich sei jedoch mit meinen Fortschritten sehr zufrieden, hatte sie Tante Hanna erzählt – sie waren Kolleginnen im Kieler Rathaus. Taha, wie Anna und ich unsere Tante nannten, hatte das Lob an Mutter weitergegeben. Und Mutter erwähnte es dann mir gegenüber. Natürlich versehentlich, denn allzu viel Lob tat jungen Leuten gar nicht gut.

Am ersten Tag des neuen Jahres waren meine Schulfreundinnen Käthe und Elke überraschend zu mir in die Kantstraße gekommen. Sie wohnten in Kronshagen und hatten sich trotz des starken Schneefalls zu Fuß auf den knapp halbstündigen Weg gemacht. Es war Kaffeezeit. Wir saßen im Esszimmer, denn in Annas und meiner ungeheizten Dachkammer war es buchstäblich eiskalt. Das im Krieg mehrmals zerstörte Dach unseres Reihenhauses hatte immer noch nicht fachmännisch repariert werden können. Nur provisorisch hatte Anna es im Frühjahr 1945 mit gebrauchten Ziegeln abgedichtet. Auch in den anderen Räumen war es kalt. Da das angrenzende Nachbarhaus zerbombt war, drangen Kälte und Feuchtigkeit ungehindert durch unsere ungeschützte Hauswand. Hinzu kam, dass Kohlen, Koks oder Briketts knapp rationiert und über Monate überhaupt nicht erhältlich waren.

Wir saßen am Esstisch und sprachen leise miteinander, denn meine Eltern hielten sich im angrenzenden Wohnzimmer auf und sollten natürlich nicht alles mitkriegen, was wir uns erzählten.

Mit Käthe und Elke war ich seit der zwei Jahre dauernden KLV (Kinderlandverschickung) eng befreundet. Damals waren wir zeitweise sogar Stubengenossinnen gewesen. Jetzt hatten sie eine Theaterkarte für den nächsten Tag zu verschenken und dabei an mich gedacht. Theaterkarten waren zwar teuer, aber nach wie vor sehr begehrt. Da die Zeiten alles andere als rosig waren, ließ man sich im Theater gern in eine andere, buntere Welt versetzen. Für uns war es auch ein Ort, an dem wir Sechzehnjährigen uns schon fast wie Erwachsene fühlen durften. Käthe, Elke und ich verabredeten, am nächsten Tag gemeinsam zum Neuen Stadttheater in der Holtenauer Straße zu gehen. Auf dem Spielplan stand: »Was ihr wollt« von William Shakespeare.

Übrigens kann ich mich nicht daran erinnern, dass wir Schulfreundinnen in den ersten Nachkriegsjahren untereinander jemals über den Krieg und über unsere Ängste während der Luftangriffe geredet hätten. Und auch nicht über den straff geregelten Alltag im KLV-Lager mit dem kommissmäßig durchgeführten Dienst als JM (Jungmädel)). Oder über die politischen Schulungsstunden, in denen wir neben anderem die Lebensdaten Adolf Hitlers auswendig lernen mussten, um sie jederzeit hersagen zu können.

Mit den Jungs, mit denen ich vorher getanzt und herumgealbert hatte, unterhielt ich mich auf dem Nachhauseweg hin und wieder auch ganz ernsthaft. Doch selbst mit ihnen kam das Gespräch niemals auf ihre Zeit als FLAK-Helfer oder Volkssturm-Mann. Obwohl sie 1945 doch als Fünfzehnjährige zu »Hitlers letztem Aufgebot« gehört hatten.

Warum blieben wir stumm? Vermutlich, weil wir das ersehnte Kriegsende als eine so tiefgreifend befreiende Zäsur erlebt hatten, dass wir die vergangenen schrecklichen Jahre einfach vergessen wollten: Offenbar hatte eine erfolgreiche Verdrängung stattgefunden. Jedoch nicht lebenslang: Als Anfang des Jahres 2022 in den Medien vom Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine berichtet wurde, kamen die sich in der Kindheit festgesetzten Ängste plötzlich in aller Deutlichkeit an die Oberfläche. Wie mir Anna und auch meine Freundinnen gestanden, hätten sie bei dieser Nachricht plötzlich laut weinen müssen. Ich selbst war auch wieder das siebenjährige Kind von 1939, das bei Beginn des Krieges die Angst der Eltern miterlebt hatte.

Am sechsten Januar begann nach den Weihnachtsferien wieder der Schulunterricht, außerdem hatte Taha Geburtstag. Deshalb verzichtete Mutter auf ihre abendliche Abonnementsvorstellung von Mozarts »Zauberflöte« und schenkte mir ihre Karte. Ich besaß einen Taschenkalender 1949, in den ich mir wichtig erscheinende Ereignisse eintrug. »Sehr schön!«, notierte ich damals nach diesem musikalischen Erlebnis.

Seit der Währungsreform im letzten Jahr mit Einführung der D-Mark war ganz allgemein das Geld knapp. Und so hieß dann auch der Refrain eines neuen und sehr populären Karneval-Schlagers »Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Wer hat so viel Pinkepinke, wer hat das bestellt?« Erst ab Ende Januar 1949 gab es auch wieder Pfennigmünzen. Bisher war die niedrigste Währungseinheit ein Schein im Wert von fünf Pfennigen gewesen.

Vor knapp einem halben Jahr war ich Mitglied geworden im Musikkreis (MK) unter Heinrich Grahls Leitung. Die Übungsabende fanden jeden Mittwoch in der Schule am Ravensberg statt, die inzwischen »Ricarda-Huch-Schule« hieß. Im Januar gaben wir dort ein privates Konzert für Eltern und Freunde. Ich sang im Alt, mein Freund Cherry im Tenor. Nach unserem Streit in der Silvesternacht hatten wir uns wieder vertragen. Der erste Schritt dazu war von ihm gekommen, nachdem ich mich eine Woche lang unnahbar gezeigt hatte.

An einem Nachmittag im Januar war unser »Hausfreund« Heini (Sohn von Flensburger Freunden meiner Eltern) mal wieder bei uns. Er überließ mir seine verbilligte Studentenkarte für das abendliche Sinfoniekonzert im »Empire House«. Denn er wollte abends zurück nach Flensburg fahren, um die Semesterferien lieber zu Hause als in seiner ungeheizten Studentenbude zu verbringen.

Gespielt wurden das Klavierkonzert b-Moll von Tschaikowsky mit der damals sehr bekannten Margot Pinter sowie die Sinfonie Nr. 9 in Es-Dur von Schostakowitsch. Ich weiß noch, dass ich es wieder aufregend fand – neben diesem für mich erstmaligem Konzert-Erlebnis –, Musik von noch lebenden Komponisten zu hören! Interessant waren dabei auch die ungewohnten Tonfolgen und neuen Harmonien. Ganz fremd waren sie mir nicht, denn schon im vergangenen Jahr hatte ich bei Aufführungen der Kieler Bühnen Bekanntschaft gemacht mit Musik von Blacher, Hindemith und Strawinsky. Die Solistin begeisterte mich nicht nur durch ihr virtuoses Spiel, sondern ebenso durch ihre elegante Erscheinung in einem wunderschönen Kleid, mit dazu passenden Schuhen und perfekter Frisur.

Mein erster Freund Erich und ich schrieben einander immer noch regelmäßig. Er war vor einem Jahr nach Berlin zu seinen Eltern gezogen, nachdem er die erste Nachkriegszeit bei seinen Großeltern in Kiel verbracht hatte. Doch jetzt war seit zwei Wochen kein Brief von ihm gekommen. Er habe Diphterie gehabt und längere Zeit im Krankenhaus zubringen müssen, schrieb er später.

Brief an Erich, »16.01.49: […] Ich war zum ersten Mal in einem Sinfoniekonzert! Ich ging ganz ohne Erwartungen hin, war aber nachher schwer begeistert. Komischerweise fand ich dann alles, was der Kritikus in der VZ [Schleswig-Holsteinische Volkzeitung] schön fand, schlecht und umgekehrt. Hast du schon mal was von Schostakowitsch gehört? Der Komponist ist nämlich gut. […] Das Ereignis des Tages ist übrigens ein Telefonanruf aus London für unseres Hauses Sonnenschein [so nannten Anna und ich liebevoll-spöttisch unseren älteren Bruder Fritz]. Die ganze Familie wagte kaum zu atmen, damit unser Fritzilein auch alles gut verstehen konnte. Fritz ist überhaupt gut. In der letzten Nummer von ›Blick in die Welt‹ ist nämlich eine gut bekrittelte Kurzgeschichte von ihm drin. Und ich bin seine Schwester! […]«

Bei der Anruferin handelte es sich um Fritz‘ Freundin Susi Schwarzwälder. Er hatte sie während seiner Zeit als englischer Kriegsgefangener bei dem Dichter Erich Fried kennengelernt. Sie war eines der jüdischen Kinder gewesen, die 1938/1939 von Berlin aus nach England transportiert worden waren und somit vorm Holocaust gerettet werden konnten. Englische Familien hatten sich bereit erklärt, jeweils eines dieser Kinder aufzunehmen. Inzwischen war Susi Anfang zwanzig und lebte und arbeitete in London.

Die Schule fand ich immer noch langweilig. Für die meisten Fächer arbeitete ich schriftlich nur das Nötigste und blieb auch im Unterricht häufig teilnahmslos. Lebhaft beteiligte ich mich nur in den Deutsch- und Geschichtsstunden. Meine Freundin Ilse und ich waren oft die Einzigen, die dies taten. Die naturwissenschaftlichen Fächer interessierten mich dagegen absolut nicht. Ich sah nicht ein, warum wir komplizierte Formeln, Gesetze oder chemische Verbindungen auswendig zu lernen hatten – etwas, das wir nach meiner Meinung niemals brauchen würden! Ich hoffte, mein erwartet schlechtes Zeugnis würde Mutter und Vater endlich davon überzeugen, dass ich unmöglich das Abitur schaffen würde! Und da wäre es doch nur vernünftig, wenn sie mich – genau wie meine Freundinnen – nach der Untersekunda von der Schule abgehen ließen. Die Lateinstunden hatte ich ohnehin schon seit einem Jahr geschwänzt. Sie lagen immer in der ersten Stunde und so konnte ich etwas länger schlafen. Merkwürdigerweise war mein Fehlen niemandem aufgefallen! Weder der Latein-Lehrerin noch Mutter, die meine Zeugnisse immer arglos unterschrieb. Damals gab es dreimal im Jahr Zeugnisse: vor den Oster-, Herbst- und Weihnachtsferien.

U IIa mit Lehrer Ohnesorge

Ich hatte allerdings nur verschwommene Vorstellungen von dem, was ich nach der Schule eigentlich machen wollte. Vielleicht eine Lehre im Buchhandel? Dann könnte ich doch alles lesen, wonach mir der Sinn stand! Oder eine Ausbildung zur Organistin? Am liebsten würde ich jedoch erstmal ein Jahr ins Ausland gehen. Viele Leute wollten sogar für immer weg, nämlich auswandern – nur raus aus dem trostlosen kaputten Deutschland! Kanada, Australien, Schweden waren die Sehnsuchtsländer.

Um intensiv für die Schule zu arbeiten – sie hieß inzwischen Käthe-Kollwitz-Schule –, waren der Nachmittag und Abend sowieso immer viel zu kurz. Montags und donnerstags ging ich zur Klavierstunde, für die ich vorher natürlich tüchtig üben musste, mittwochs war Chorprobe im MK, freitags gingen Anna und ich zum Segelunterricht. Zu Letzterem waren wir durch den schüchternen Klaus gekommen, der ein begeisterter Segler war und ebenfalls ein zuverlässiger Chorsänger im MK. Im letzten Jahr hatte er mich einmal zu einem Törn auf einer Jolle eingeladen. Da ich jedoch etwas Bammel davor gehabt hatte, überredete ich Anna mitzukommen. Dieser Törn hatte uns beiden dann so gut gefallen, dass wir beschlossen, den Segel-Grundschein zu machen.

Auch halfen Anna und ich Mutter natürlich im Haushalt. Zum Beispiel gehörte zu unseren täglichen Pflichten die Abwäsche nach dem Mittagessen. Mit Mutter, Fritz, Anna, Tante Hanna und mir (Vater aß in einer Kantine am Düsternbrooker Weg) saßen wir zu fünft am Esstisch. Es wartete also immer viel gebrauchtes Geschirr auf uns.

Unser Küchentisch besaß eine damals übliche sinnvolle Einrichtung. Die zogen wir an zwei Griffen unterhalb der Tischplatte hervor, und heraus kam ein Abwaschtisch. Ausgezogen ruhte er am hinteren Ende auf einem Gestänge unterhalb der Tischplatte und vorn auf zwei Beinen. In diesem Abwaschtisch hingen in passenden Öffnungen zwei Emaille-Schüsseln: eine fürs heiße Wasser, die andere für die gereinigten Teile. In einer kleinen Küche wie unserer war dies praktisch, denn nach dem Abwasch verschwand die Vorrichtung wieder unter dem Tisch. Wasser für den Abwasch wurde im Kessel auf dem Herd erhitzt – warmes Wasser aus der Leitung lag in so weiter Ferne, dass wir nicht einmal davon träumten!

Anna wusch, ich trocknete ab. Meistens sangen wir dabei zweistimmig alte und neue Lieder. Wegen der Melodie mochte ich besonders gern »Mit Lieb bin ich umfangen, Herzallerliebster mein …«. Wenn Vater uns einmal singen hörte, bat er, doch auch sein Lieblingslied zu singen: »Ein Schäfermädchen weidete, zwei Lämmer an der Hand …« Wir kannten unzählige Volkslieder, denn bei geselligen Zusammenkünften wurde oft gesungen. Abends gab es unter Freunden auch gern ein gemeinsam gesungenes Lied, bevor man auseinander ging. Es waren »Kein schöner Land in dieser Zeit …«, »Ade nun zur guten Nacht …«, »Över de stillen Straaten «, »Der Mond ist aufgegangen …«, »Guten Abend, gut Nacht…« und ähnliche. Im Musik-Kreis hatten wir gerade ein neues Lied gelernt: »Will die Nacht hernieder sinken …«, das ich besonders schön fand.

Ich erinnere mich, dass ich neben dem Abtrocknen manchmal auch das Bohnern der Linoleum-Fußböden übernommen hatte. Linoleum lag im Flur, Esszimmer und in Fritz‘ Stube sowie in der Dachkammer. Das Elternschlafzimmer, Tante Hannas und das Wohnzimmer besaßen einen Dielen-Fußböden. Den Bohnerbesen über das vorher gewachste Linoleum hin und her zu schieben, bis die stumpfen Böden glänzten, war keine leichte Arbeit. Während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich als Kleinkind einen Mini-Bohnerbesen besaß, mit dem ich Mutter eifrig »half«. Zu der Zeit hatte ich mein erstes Gute-Nacht-Gebet gelernt: »Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein«. In der Familie wurde erzählt, ich hätte damals einmal vorm Einschlafen gebetet: » … soll niemand drin bohnern als Jesus allein.«

Die Holzdielen mussten in zwei- oder mehrjährigen Abständen neu lackiert werden. Dies betraf bei uns aber meistens nur die abgetretenen Stellen im Wohnzimmer, auf denen kein Teppich lag. Lackieren war Mutters Aufgabe. Der Lack musste anschließend mindestens zwei Tage trocknen. Während dieser Zeit durften wir die Stube natürlich nicht betreten. Vater hatte dann immer schlechte Laune, weil er nicht an seinen Schreibtisch kam.

Laut meinem Taschenkalender gingen Elke und ich im Januar einmal spätnachmittags »studienhalber« zum Elternabend der U IIb in der Humboldtschule. Er fand dort statt, da unsere Aula im völlig zerstörten Teil unserer Schule lag. Die U IIb war unsere Parallelklasse, und deshalb fanden wir den Abend natürlich »blöde«. So hatte ich es jedenfalls notiert.

Anschließend war ich mit Mutter und Vater »bei Röhls zu einer Gesellschaft«. Eine Erinnerung hieran habe ich allerdings nicht. Das ist erklärlich, denn bereits im letzten Jahr war ich einige Male mit den Eltern in der Esmarchstraße bei Maler Karl Peter Röhl1 gewesen und deshalb war für mich ein Besuch wohl nichts Außergewöhnliches mehr.

Am 18. Januar feierten wir nachmittags Mutters 53. Geburtstag bei Kaffee und Kuchen. Es waren Freunde meiner Eltern gekommen, die sich schon während der NS-Zeit regelmäßig in einem Kreis von Antinazis bei uns getroffen hatten. Mutters Geburtstagswunsch war eine Springform. In der Stadt waren inzwischen schon einige im Krieg zerstörte Geschäftshäuser wieder aufgebaut worden, zunächst jedoch nur einstöckig. Der Bedarf an Konsumgütern jeglicher Art war nach den vielen Jahren des Mangels natürlich enorm, während deren Produktion erst nach und nach wieder in Gang gebracht werden konnte. Ich hatte Glück: Tatsächlich fand ich eine Springform, und zwar im Geschäft von Leopold in der Holstenstraße.

Frauke, meine Kindheits- und Schulfreundin, hatte mich zur Feier ihres siebzehnten Geburtstags eingeladen. Früher wohnte sie in der Kantstraße 65. Es war eines der sieben im Januar 1944 zerstörten Reihenhäuser. Danach war die Familie in einer winzigen Wohnung am Hohenzollernring [jetzt Westring] untergekommen.

Weitere mir damals als notierenswert erscheinende Ereignisse dieser Woche waren: »prima neue Schuhe und Blusenstoff gekauft. Im Kino: ›Bedelia‹ mit Margaret Lockwood, spannend!«

Bei Fräulein Gennrich begann ich jetzt den ersten Satz der G-Dur-Sonate Nr. 20 von Beethoven, Op. 49, einzuüben.

Schon wieder war ich in einem Sinfonie-Konzert. Diesmal nicht allein, sondern mit Heini, der für mich die Studentenkarte einer Kommilitonin besorgt hatte. Es gab »Die Jahreszeiten« von Joseph Haydn. Heini – er war fünf Jahre älter als ich – erklärte mir dabei die Orchesterinstrumente, von denen ich erst wenige kannte. Und es hieße nicht »erster Geiger«, sagte er, sondern »Konzertmeister«. In Kiel war dies Lothar Ritterhoff, der im schwarzen Anzug und mit seinen zurückgekämmten welligen Haaren eine elegante Erscheinung war.

Eines Abends besuchte uns Fräulein Dellnitz. Ich kannte sie nicht, denn sie hatte unsere Dachkammer bewohnt, während ich mit der Kinderlandverschickung in Grömitz war und Anna in Ahrensbök in der Lehrerausbildung. Fräulein Dellnitz bekleidete damals einen höheren Rang im Reichsarbeitsdienst (RAD) und durfte wohl deshalb statt in einer Massenunterkunft privat wohnen. Vater erzählte später, er, Mutter und Tante Hanna hätten zunächst starke Vorbehalte gegenüber dieser vom Wohnungsamt eingewiesenen neuen Untermieterin gehabt. Wie leicht hätte sie mithören können, wenn im Haus politisiert wurde! Als Führerin in einer NS-Organisation wäre sie sogar verpflichtet gewesen, etwaige »staatsfeindliche« Äußerungen bei der Gestapo zu melden. Es sollte sich dann aber herausstellen, dass es sich bei Fräulein Dellnitz um eine »bekehrte Nazisse« handelte, wovon es im Laufe der zwölfjährigen NS-Diktatur wohl einige gab. Ihre politische Einstellung hatten nächtliche Gespräche im häuslichen Kohlenkeller während der Luftangriffe ergeben.

Jetzt, am letzten Januarabend 1949, saß Fräulein Dellnitz in unserem Wohnzimmer und erzählte, wie es ihr inzwischen ergangen war. Noch unmittelbar vor Ende des Krieges habe man sie mit ihren »Maiden« (18 bis 21-jährige zum RAD verpflichtete Mädchen) an die Ostfront kommandiert. Zur Ausführung des Befehls sei es dann aber zum Glück nicht mehr gekommen, denn inzwischen hatte »Großdeutschland« kapituliert. Zurück in Kiel, fand sie nur noch auf dem berüchtigten Wohnschiff BARBARA einen Schlafplatz. Dort herrschten tatsächlich schlimme Zustände, sagte sie. Es sei unvorstellbar schmutzig, vor allem im Sanitärbereich, und den Ratten gegenüber sei man absolut machtlos. Sie hoffe, nach Kanada auswandern zu können, wo Arbeitskräfte für die Landund Bauwirtschaft gebraucht würden. Schwere körperliche Arbeit zu leisten, habe sie während ihres Pflichtjahres auf einem Bauernhof ja zur Genüge gelernt. Nach Island könne sie sogar sofort auswandern. »Island sucht Dienstmädchen für Landhaushalte«, habe in der Zeitung gestanden. Aber dafür sei sie vermutlich schon zu alt (sie war Anfang Dreißig), denn deutsche Frauen würden nicht nur als Arbeitskräfte gesucht, sondern auch als Ehefrauen in dem Land mit großem Männerüberschuss.

Die Geschichte von Fräulein Dellnitz, die »ganz mutterseelenallein auf der Welt ist«, wie Mutter sagte, beeindruckte mich damals sehr.

Schon im Februar schrieben wir in fünf Fächern insgesamt acht Klassenarbeiten, denn Ende März würde es die Versetzungs-Zeugnisse geben. In den Nebenfächern wurden diese Arbeiten oft überraschend angesetzt. Wir erfuhren davon erst, wenn die Lehrkraft zu Beginn der Stunde die unter Verschluss gehaltenen Hefte austeilte. Vorherige Tests waren nicht üblich.

An Filmen sah ich »Martin Roumagnac« mit Marlene Dietrich, den ich »blöd« fand, spannend dagegen »Der Glöckner von Notre Dame« und »Fregola« mit Marika Rökk – ihr erster Film nach 1945. Darin sang sie »Mama sagt, ich darf nicht küssen…«, ein Lied, das meine Freundinnen und ich mit Begeisterung nachsangen.

Unsere Klasse war wieder einmal von unserer »Patenklasse« der Max-Planck-Schule eingeladen worden. Diesmal zu einem Kostümfest. Wo, weiß ich nicht mehr. Notiert hatte ich »Reimers« (Hotel Reimers?). Jedenfalls war das Fest »Prima!« gewesen.

»Noch besser!« fand ich jedoch den »Maskenball« (ohne Masken) am nächsten Tag in der Pädagogischen Hochschule. Anna und ich waren zusammen hingegangen. Für die Kostüme improvisierten wir immer etwas aus Vorhandenem. Ich erinnere mich, dass Mutter mir einmal sogar erlaubt hatte, die Gardine (»Kappe«) über dem Küchenfenster vorübergehend abzunehmen, um daraus einen kurzen weiten Rock zu zaubern.

Gerda rechts als »Cow Girl«