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Die Autorin war dreizehn Jahre alt, als 1945 der Krieg zu Ende ging. Mit dem unverstellten Blick eines wachen jungen Mädchens beobachtete sie, was um sie herum geschah. In "Kieler Deern 1945 - 1948" berichtet sie von den ersten Nachkriegsjahren, vom mühseligen Leben im bombenzerstörten Kiel, als die Menschen unter primitivsten Bedingungen ihren Alltag bewältigen mussten. Aber sie erzählt auch von hellen Tagen. Von einer ersten Liebe, von Klassenfesten, vom Jahrmarkt, Kino und Theater, von Begegnungen mit Künstlern, von einer beherzten Initiative ihrer Schulklasse u. v. a. m. Dabei stützt sie sich -- neben mündlichen und schriftlichen Quellen -- auch auf ein damals von ihr stichwortartig geführtes Tagebuch. "Kieler Deern 1945 -- 1948" ist eine Fortsetzung von "Auf der Schaukel -- Kindheitsbilder 1936 -- 1945" von Gerda Brömel.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Gerda Brömel lebt in Mönkeberg an der Kieler Förde. Bis zu ihrem Ruhestand war sie in der Verwaltung verschiedener Institutionen tätig. Danach begann sie mit ihrer literarischen Arbeit. Inzwischen hat sie zahlreiche Bücher mit Kurzgeschichten, Reiseberichten sowie zwei Romane veröffentlicht. Daneben arbeitet sie auch als Herausgeberin/Bearbeiterin von Texten anderer Autoren.
Für Anna, Inga, Olaf, Hanno, Svea, Merle, Simon, Rieke, Johan, Leo
Wieder zu Hause
1945
1946
1947
1948
Ausblick auf 1949
Literatur, Quellen, Erinnerungshilfen
Mit Erinnerungen ist es so eine Sache …
Kann man ihnen wirklich trauen? Oder gaukelt das Gedächtnis dem Menschen etwas vor? Werden Ereignisse dabei unbewusst verändert, passend gemacht, geschönt? Wahrscheinlich ist dies so. »Mein Gedächtnis, die Erinnerung, ist eine Dichterin …«, soll die aus Flensburg stammende Schauspielerin und Schriftstellerin Emmy Hennings (1884 – 1948) einmal gesagt haben, und damit hatte sie wohl recht.
Bei der Schilderung meiner ersten Jugendjahre in Kiel nach dem Krieg habe ich mich bemüht, so genau wie möglich zu sein. Garantieren für die absolute Wahrheit dessen, was ich erinnere, kann ich allerdings nicht. Denn »Mein Gedächtnis ist eine…«
Gerda Brömel
Es war morgens gegen vier Uhr am dritten Mai 1945. Hin und wieder schoss die FLAK, wir hörten Explosionen, feindliche Flugzeuge allerdings nicht mehr. Nach der langen Fahrt auf dem LKW von Grömitz war ich müde und erschöpft, aber glücklich, nach zwei Jahren in Lagern der Kinderlandverschickung (KLV) wieder in Kiel bei meiner Familie zu sein.
Mein Zuhause in der Kantstraße sah anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Nach den letzten Bombenangriffen fehlten Fensterscheiben, Zimmertüren hingen schief in den Angeln, Gardinen waren zerfetzt. Auch der Garten sah traurig aus mit dem behelfsmäßig wieder aufgefüllten Bombentrichter und ohne meine geliebte Schaukel. Neben unserem Haus klaffte die Lücke der vier im Januar 1944 zerstörten Reihenhäuser. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren drei Häuser weg – nur noch Trümmer und Ruinen. Gerade war ich auf dem Sofa in Tante Hannas Zimmer eingeschlafen, als Mutter mich weckte. »Vater will mit dir zum Bunker!« – »Und ihr?« – »Wir gehen hier in den Keller.«
Eine Sirene heulte, sie klang verstimmt und etwas kläglich – offenbar wurde sie von Hand betrieben. Vater hatte berichtet, dass es schon seit Tagen keinen Strom mehr gab. »Festungsalarm ist es jedenfalls nicht«, meinte er, »der hört sich anders an. Oder sollte doch noch irgendein wild gewordener Nazi die Stadt verteidigen wollen?« Vorhin im Bunker hatte er nämlich Gerüchte gehört, Kiel solle kampflos übergeben werden.
»Mach schnell, Gerda, wir müssen los!« Die FLAK schoss jetzt fast ununterbrochen, auch andere heftige Detonationen waren zu hören. Ich spürte, dass Vater sich nur widerwillig zum Bunker aufmachte. Eine weinende junge Mutter mit ihrem Neugeborenen hatte ihn jedoch angefleht, mit ihr und dem Baby dort Schutz zu suchen. Sie war gerade bei uns aufgetaucht, weil sie nicht wusste wohin, denn das Haus mit ihrer Wohnung war heute Nacht zerbombt worden. In der Not war ihr da die Fürsorgerin Fräulein Reumann eingefallen – Mutters Schwester und unsere Tante Hanna, die bei uns wohnte und zu unserer Familie gehörte.
Mir steckten die Erlebnisse unserer fast sieben Stunden dauernden Fahrt von Grömitz nach Kiel noch in den Knochen. Unterwegs hatten Tiefflieger uns mehrere Male beschossen. Wir waren dann vom Lastwagen runtergesprungen, hatten uns hingeworfen und an die Erde gepresst.
Immer noch voller Angst lief ich jetzt hinter Vater her, der das Baby auf dem Arm trug. Wie er rannte auch ich immer nur ein paar Schritte, um dann kurz unter dem Vordach einer Haustür Deckung vor möglichen Tieffliegern oder FLAK-Splittern zu suchen. Unser Ziel war ein Schutzraum auf der Dubenhorstkoppel. Als wir dort ankamen, war der kleine behelfsmäßige Bunker gerammelt voll, man konnte nur stehen. Einer der Anwesenden bestätigte das Gerücht, Kiel sei zur »offenen Stadt«1 erklärt worden, er hätte die Meldung vorhin im Drahtfunk gehört. Als es nach einiger Zeit draußen etwas ruhiger wurde, machten wir uns auch ohne Entwarnungssignal auf den Rückweg.
Mutter hatte inzwischen Frühstück zubereitet. Sie war an unsere »eiserne Reserve« gegangen, und so gab es als Brotaufstrich nicht nur die aus Rüben und Möhren bestehende Marmelade, sondern für jeden eine dünne Scheibe gekochten Dosen-Schinken.
»Wir haben jedenfalls noch ein Dach überm Kopf«, stellte Mutter fest, dabei blickte sie auf die fremden Leute, die jetzt mit uns am Tisch saßen. Es waren ein Lehrer und seine Frau aus der Geibelallee, die Mutter vom Sehen her kannte. Sie hatten – wie die junge Mutter – heute Nacht ihre Wohnung durch eine Sprengbombe verloren. In ihrer Verzweiflung hatten auch sie bei uns ersten Unterschlupf gesucht.
Das mit dem Dach überm Kopf durfte man nicht wörtlich nehmen, denn durch Splitter und den Luftdruck in der Nähe gefallener Sprengbomben und Luftminen waren zahlreiche Ziegel heruntergefallen. Im Dachstuhl klafften große Löcher, und das Mansardenzimmer meiner fünf Jahre älteren Schwester Anna und mir war unbewohnbar geworden.
Unser Gespräch am Esstisch drehte sich inzwischen darum, wie es nun weitergehen würde. War bald oder vielleicht schon jetzt für uns Zivilisten die größte Gefahr vorüber? Das Lehrer-Ehepaar brach bald auf, um nach seinem zerbombten Haus zu sehen. Sie hofften, jetzt bei Tageslicht vielleicht doch noch etwas von ihrer Habe bergen zu können.
Irgendwann drang ein gleichbleibendes Dröhnen zu uns, das wir nicht deuten konnten. Dessen Ursache erfuhren wir erst später: Es war das Geräusch einer langen Kolonne von Wehrmachtsfahrzeugen, die auf der Eckernförder Straße (damals Straße der SA) auf dem Rückzug in Richtung Norden waren.
Immer noch hörten wir FLAK- und Explosionslärm, allerdings schien er nicht von Bomben zu kommen, denn am klaren Himmel waren keine feindlichen Flugzeuge mehr zu sehen. Es gab Gerüchte, die Deutsche Kriegsmarine versenke befehlsgemäß ihre im Hafen liegenden Schiffe oder jage sie in die Luft und die FLAK vernichte ihre Munition. Nichts solle in die Hände der Feinde fallen!
Mutter hatte von Nachbarinnen erfahren, Vorratslager in Nähe des Eichhofs seien für die Bevölkerung geöffnet worden. Dort gebe es etwas zu ergattern, viele Frauen seien schon losgelaufen. Anna und ich rannten nun auch Richtung Eichhof. Um die Lagerhallen herrschte ein heilloses Durcheinander. Frauen sahen weder links noch rechts, sie rafften zusammen, was sie gerade noch tragen konnten: Fischdosen, Senftuben, Milch- und Eipulver, Bekleidung, Decken und anderes. Anna und ich hatten keine Chance, wir wurden weggeschubst, bevor wir überhaupt fündig werden konnten. »Wir sollten lieber wieder nach Hause laufen«, sagte Anna, »eigentlich ist dies ja auch Plündern, darauf steht doch die Todesstrafe! Und womöglich explodiert hier noch irgendwas oder es fallen Bomben! Und«, fügte sie hinzu, während sie eine zertrampelte, im Schmutz liegende Männersocke aufsammelte und hochhielt, »für sowas will ich jedenfalls nicht krepieren! Du etwa?« Tatsächlich fielen wenig später noch Bomben. Allerdings nicht auf unser Viertel, sondern auf Holtenau und den Kanal. Alarm hatte es vorher nicht gegeben.
Die Strom-, Gas-, Wasserversorgung und die Kanalisation waren seit Tagen zerstört, offenbar funktionierten die Telefonleitungen aber noch. Wir selbst besaßen keinen Apparat. Doch Vater hatte schon vor längerer Zeit vom Telefonanschluss außen an der Mauer des Nachbarhauses ein Stück Kupferdraht zu unserem Volksempfänger (Radio) geleitet, so dass wir den »Drahtfunk« und damit die »Luftlagemeldungen« über die zu erwartenden Fliegerangriffe empfangen konnten. Zwar war das Nachbarhaus ein Trümmerhaufen – der Drahtfunk funktionierte jedoch nach wie vor! Hierüber hörten wir übrigens – es war am dritten Mai – mit ungläubigem Staunen einen Aufruf von Rüstungsminister Albert Speer an Verantwortliche »zur Reparatur der Bahnanlagen und Aufrechterhaltung der Wirtschaft«.
Im Laufe des Tages war tatsächlich Festungsalarm ausgerufen worden. Gerüchte sagten, Militär-und Polizeipatrouillen seien im Stadtgebiet unterwegs; auf alles, was sich bewege, werde geschossen. Nachts hörten wir fernen Sirenen-Alarm, doch wir waren zu müde, um darauf zu reagieren.
Der vierte Mai begann mit Sonnenschein, es wurde ein warmer Tag. Die Nachbarn waren aus ihren Kellern gekommen oder zurück aus dem Hochbunker in der Sedanstraße und machten sich daran, die in den letzten Tagen und Nächten entstandenen Schäden an ihren Häusern notdürftig zu reparieren. Anna kletterte auf unser Dach, Vater stand auf der Leiter und reichte ihr die vorsorglich aus den Trümmern zerstörter Häuser geborgenen und noch brauchbaren Dachpfannen. »Sie hat das schon öfter gemacht«, sagte er, als ich ängstlich hinaufsah. »Anna ist geschickter als ich und absolut schwindelfrei.«
Gegen Abend kursierte ein Gerücht, nachmittags sei vorm Rathaus ein feindliches Militärfahrzeug gesehen worden, es hätte einen aufgemalten weißen Stern gehabt. Wir hofften, dass es sich um ein Gefährt der Engländer oder Amerikaner und nicht um ein sowjetisches handelte. Vater versuchte uns zu beruhigen. Aus den »Nachrichten für Deutschland« des regelmäßig heimlich abgehörten Londoner Rundfunks hatte er nämlich schon vor einiger Zeit erfahren, dass die Russen östlich von Lübeck bleiben würden.
Auch heute hörten wir den ganzen Tag Explosionen. Vielleicht waren es immer noch Sprengungen kriegswichtiger Anlagen? Hin und wieder gab es Alarm, und wir rannten in den Hochbunker. Er war überfüllt, denn viele Leute hatten keine sonstige Bleibe mehr, andere trauten sich wegen der ungewissen Lage überhaupt nicht mehr nach draußen.
Dann erfuhren wir, für das Gebiet südlich des Kanals sei ab morgen, dem fünften Mai, ein Waffenstillstand oder eine Teilkapitulation vereinbart worden. Wir wagten es kaum zu glauben!
Am nächsten Tag wurde es Gewissheit: Die Engländer waren in der Stadt! Anna hatte es gehört, als sie wieder auf unserem Dach tätig war, die Nachbarn hatten es sich von Haus zu Haus zugerufen. Ich erinnere mich noch deutlich an ein Gefühl der Erleichterung über diese Nachricht. Denn im KLV-Lager war uns von den Gräueltaten der russischen »Untermenschen« erzählt worden.
Doch Genaues wussten wir nicht. Deshalb bewegten wir uns in den nächsten Tagen nur im Garten oder in unmittelbarer Nähe unseres Hauses. Merkwürdig fanden wir, dass immer noch ein Flensburger Sender des »Großdeutschen Rundfunks« Nachrichten verbreiten konnte.
Der Aufruf des Rüstungsministers vom dritten Mai hatte offenbar Erfolg. Denn wie sonst hätten wir uns erklären können, dass mein Bruder Fritz im fernen Amerika aus diesen in Deutschland chaotischen Tagen eine Nachricht von uns erhielt? Fritz war als Soldat Ende 1944 in Südfrankreich in die Gewalt von Partisanen geraten und von ihnen an die US-amerikanischen Invasionstruppen ausgeliefert worden. Inzwischen lebte er in einem Kriegsgefangenenlager in den USA. Dies hatten meine Eltern durch die Benachrichtigungskarte des Roten Kreuzes erfahren.
Vater hatte auf gut Glück eine KriegsgefangenenPostkarte geschrieben. »Ich versuche es einfach mal«, meinte er, »denn deutsche Postbeamte tun so lange ihre Pflicht, bis sie von dieser entbunden werden!« Ich erinnere mich deshalb so gut an diese unglaubliche Geschichte, weil ich damit beauftragt worden war, die Karte einzustecken. Und so lief ich den Gartenweg hinter unserer Reihenhausstraße entlang, vergewisserte mich, dass keine englischen Soldaten zu sehen waren, und überquerte schnell die Langenbeckstraße. »Lieber Fritz!«, las ich unterwegs. »Wir leben und sind alle gesund, unser Haus steht noch! Gruß, Vater.«
Das kleine Fenster an der Frontseite des roten Postbriefkastens an der Hauswand von Schlachter Tanck zeigte exakt die nächste Leerungszeit an. Hatte also ein Postbeamter tatsächlich heute den Kasten geleert und die Zeitangabe weitergedreht? Und dies am sechsten Mai 1945 und damit nach der Teilkapitulation, als das Gebiet nördlich des Nordostsee-Kanals noch Kampfgebiet war! Fritz erzählte später, er sei der Einzige seiner kriegsgefangenen Kameraden gewesen, der schon unmittelbar nach dem Krieg Nachricht von seinen Angehörigen erhalten hatte.
Erst ab dem siebenten Mai galt die Stadt auch offiziell als von britischem Militär besetzt. Spät in der Nacht des achten Mai kapitulierte »Großdeutschland« bedingungslos, der Krieg war zu Ende. Bei dieser Nachricht rief Anna impulsiv: »Endlich kann ich wieder ausgezogen zu Bett gehen!« Wie alle hatte sie in den letzten Wochen in voller Kleidung schlafen müssen, um bei Alarm schnell zum Bunker rennen zu können.
Trotz aller Ungewissheit darüber, was jeweils am nächsten Tag sein würde, ging das Leben weiter und musste irgendwie bewältigt werden. Erst später wurde mir klar, was die Frauen und hier besonders die Mütter in dieser Zeit des Hungers und Mangels hatten leisten müssen!
Im April war ich dreizehn Jahre alt geworden. Auch wenn ich eigentlich noch ein Kind war, erinnere ich mich lebhaft an das Ende des Krieges und mein Gefühl der Erleichterung und der Befreiung. Befreiung von Angst um das eigene Leben und das meiner Familie im von Bomben heimgesuchten Kiel. Befreiung von Angst, mein Zuhause zu verlieren und allein zurückzubleiben. Befreiung von Angst, Vater würde »abgeholt« und für immer verschwinden. Jetzt hatte ich das Gefühl, uns könne überhaupt nichts Schlimmes mehr passieren!
Dass das Grauen des Krieges außerhalb Europas noch über Monate weiterging, hatten wir vermutlich ausgeblendet. Erst, als im August 1945 die Nachricht von den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki zu uns drang, kam das Entsetzen zurück. Der erste Gedanke galt den armen Menschen! Doch dann: Wären die Bomben früher einsatzbereit gewesen, hätten sie vermutlich uns getroffen!
1 eine »offene« Stadt wird nicht mehr verteidigt
Der Sommer 1945 war sehr warm und trocken.
Das war gut, denn noch längere Zeit gab es in Kiel weder Strom und Gas noch Wasser. Die Leitungen, Rohre und auch die Kanalisation waren von Bomben zerstört worden. Jetzt fuhren an bestimmten Tagen Wasserwagen durch die Straßen, von denen wir uns Trinkwasser holten. Dafür griffen Anna und ich nach Eimern und Milchkannen und stellten uns an die Schlange der Nachbarinnen. Brauchwasser holten wir aus dem Feuerlöschteich am Ende des Gartenweges. Außerdem hatte Mutter vor längerer Zeit unsere Badewanne mit Wasser gefüllt, denn vorübergehend hatte es auch früher schon kein Wasser gegeben. Zum Glück besaßen wir einen Garten, in dem wir den Inhalt unserer Nachttöpfe vergraben konnten. Doch für Bewohner der Mietshäuser war die zerstörte Kanalisation ein großes Problem. Die Wasserversorgung war dann auch das Erste, was wieder funktionierte.
Strom entbehrten wir zunächst kaum. Im Sommer war es noch hell, wenn wir zu Bett gingen, denn von Mai bis September galt eine doppelte Sommerzeit, das heißt, dass die Uhren zwei Stunden vorgestellt worden waren.
In unserer kleinen Küche hatten wir einen Gasherd, der jetzt nutzlos herumstand. Ich erinnere mich, dass Mutter zunächst im Garten auf einer Feuerstelle aus Mauersteinen gekocht hatte – die Steine stammten von den zerstörten Nachbarhäusern. Diese Feuerstelle wurde aber nach wenigen Tagen in die Waschküche verlegt. Dort befand sie sich vor dem Feuerloch des Waschkessels, sodass der Rauch durch den Schornstein abziehen konnte.
Tante Hanna, die als Fürsorgerin viel herumkam, hatte bald das Glück, einen kleinen Herd aus Eisenblech aufzutreiben, eine sogenannte »Brennhexe«. Sie stand auf dem jetzt unbrauchbaren Gasherd und wurde mit einem Rohr an den Schornstein angeschlossen. Beheizt wurde sie mit Abfallholz, das wir aus den Trümmern bargen. Später mussten wir uns zeitweise auch mit Torf behelfen. Noch heute kann ich mir den beißenden Geruch des glosenden, manchmal noch feuchten Torfs in Erinnerung rufen.
Die Brennhexe sollte in den extrem kalten Wintern 1945/46 und 1946/47 auch für Wärme sorgen. Damals war unsere Küche der einzige warme Raum im Haus, das heißt: relativ warm. Denn das in kleine Scheiben unterteilte Küchenfenster schloss nach den Bombenangriffen nicht mehr richtig und fehlende Scheiben waren durch Holz oder Pappe ersetzt worden. Brennmaterial für die Zentralheizung – wie Koks oder Briketts – war schon während des Krieges sehr knapp rationiert gewesen und jetzt überhaupt nicht mehr erhältlich.
Alle Zeitungen und sonstigen Druckerzeugnisse waren von der Besatzungsmacht verboten worden. Die Anordnungen der britischen Militärregierung wurden von Lautsprecherwagen, die durch die Straßen fuhren, bekannt gemacht. So erfuhren wir zum Beispiel auch von der Verhängung einer Ausgangssperre (curfew) von 19 bis 7 Uhr, in den Sommermonaten erst ab 22 Uhr. Und davon, dass alle Waffen abgeliefert werden mussten. So etwas besaßen meine Eltern natürlich nicht. Doch Mutter fiel ein, dass irgendwo im Keller noch der Säbel ihres im Ersten Weltkrieg gefallenen Bruders sein musste. Er war ein Bestandteil seiner Uniform als Marineoffizier gewesen. Vorsichtshalber lieferte sie die Waffe auf der Sammelstelle ab. Auch alle privaten Fotoapparate mussten abgegeben werden. Das betraf Tante Hanna, die sich schweren Herzens von ihrer AGFA-Box trennte. Ebenfalls über Lautsprecherwagen bekannt gemacht – unterstützt durch Anschläge auf den wenigen noch vorhandenen Litfaßsäulen –, erfuhren wir von Impfaktionen. Angesichts der katastrophalen hygienischen Verhältnisse in der Stadt befürchteten die Besatzer offenbar den Ausbruch von Seuchen. Nach meiner Erinnerung mussten wir uns gegen Cholera und Ruhr impfen lassen. Bei Nichtbefolgen all dieser Anordnungen wurden hohe Strafen angedroht, Gerüchte sprachen vom Entzug der Lebensmittelkarten bis hin zur Todesstrafe.
Wann unser Kaufmann Harder seinen Laden wieder öffnen durfte, weiß ich nicht mehr. Vorläufig lebten wir jedenfalls von Mutters Vorräten, die hauptsächlich aus eingewecktem Gemüse und Obst bestanden. Außerdem hatten wir Kaninchen, die uns helfen würden, nicht zu verhungern. Es waren aber nur noch zwei. Alle hatten das Weite gesucht, als beim letzten Angriff die Stalltüren wieder vom Luftdruck explodierender Bomben aufgesprungen waren. Diese zwei waren von netten Nachbarn eingefangen und zu uns zurückgebracht worden. Für das Suchen nach Futter war ich zuständig. Das war gar nicht so einfach, denn auch andere Leute in der Nachbarschaft hielten Kaninchen, und das als Futter begehrte Unkraut am Wegesrand in der näheren Umgebung hatte häufig schon jemand vor mir abgerupft.
Verhältnismäßig schnell wurden wieder Lebensmittelkarten ausgegeben. Die Zuteilung für Nahrungsmittel war bald jedoch so gering, dass ausschließlich damit ein Überleben nicht möglich war. Alle – und so auch wir – waren ständig auf der Suche, etwas zusätzlich zu essen aufzutreiben. Das galt vor allem für uns Städter. Den Bauern ging es besser, sie saßen an der Quelle und hatten genug zu essen.
Besonders elend ging es allein lebenden alten Leuten. Sie konnten weder Schlange stehen, noch sich an der Jagd nach etwas »ohne« (ohne Marken), wie Fisch oder Gemüse, beteiligen. Tante Hanna als Fürsorgerin und andere sozial Tätige versuchten zu helfen, so gut es ging. Adolf Plath, Pastor unserer Vicelin-Kirchengemeinde, sei sehr erfinderisch, berichtete Tante Hanna, für Alte etwas zu essen oder eine warme Unterkunft zu organisieren. Oft kam aber jede Hilfe zu spät – viele verhungerten oder erfroren.
Es war immer noch Mai, als ein britischer Militär-Jeep vor unserem Haus hielt. Zwei Soldaten stiegen aus und klopften an die Tür. Aufgeregt rief ich nach Vater und lief dann zu Mutter in die Küche. Ich hatte Angst, dass nun auch unser
