Texte - Gerda Brömel - E-Book

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Gerda Brömel

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Beschreibung

In Gerda Brömels Texten geht es um eine Jugendfreundschaft, um Liebe, moderne Abenteuer, Heimkehr, Leben in Corona-Zeiten, Trauer, um eine Begegnung, um Angst, Glück, Heimat, andere Leute, eine besondere Frau, eine seltene Fähigkeit.

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Gerda Brömel lebt in Mönkeberg an der Kieler Förde. Erst im Rentenalter begann sie mit ihrer literarischen Arbeit. Inzwischen hat sie zahlreiche Bücher mit Kurzgeschichten sowie zwei Romane veröffentlicht. Daneben betätigt sie sich als Herausgeberin/Bearbeiterin von Texten anderer Autoren.

Inhalt

Hannes

Zwei Menschen

Ein Anfang

Abenteuer Fliegen

Drei Freundinnen

Danach

Begegnung mit Frau W.

Tante Elsa

Bang

Im Paradies

Besuch in der Heimat

Eine Reisegesellschaft

Lindas Farbenlehre

Anmerkungen

Hannes

Er war mein bester Freund, und wahrscheinlich ist mir unsere kurze gemeinsame Zeit auch deshalb so deutlich in Erinnerung geblieben, weil wir uns nicht ausdrücklich voneinander verabschiedet hatten: Tschüss, ein Handschlag. Das war alles. In den nächsten Ferien würden wir uns wiedersehen – das stand für mich damals Zehnjährigen fest.

»Was wünschst du dir eigentlich zum Geburtstag?«, fragte Hannes. Er war drei Jahre älter als ich und hundert Mal klüger.

Es war in jenem heißen Sommer nach dem Krieg. Ich wohnte während der unterrichtsfreien Monate bei meinen Großeltern in der alten Schulkate. Hannes und seine Tante lebten mit anderen Flüchtlingen auf dem Gut – zwangsweise einquartiert; die Dorfleute sahen auf sie herab. Großmutter kannte dort einen Melker, von dem sie manchmal etwas Milch für ihren schmächtigen Enkel bekam. Bei einem dieser gemeinsamen Bittgänge traf ich ihn. Trotz des Altersunterschieds wurden wir Freunde.

Wir lagen am Knick und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Hin und wieder hörten wir hinter uns auf der anderen Seite den dicken Schleswiger schnauben, wenn er den Selbstbinder vorbeizog. Seit Tagen war die Getreideernte in vollem Gang.

»Ach …, weiß nicht«, antwortete ich träge.

»Wenn du’s niemandem verrätst, werde ich für dich zaubern. Aber nur, weil du heute zehn geworden bist. Schwörst du?«

Ich spuckte auf meinen linken Zeigefinger und legte den rechten zum Kreuz darüber.

»Gut. Der Schwur gilt aber auf ewig! Ist das klar?«

Er war aufgestanden und ging schon vor mir her auf dem schmalen Trampelpfad zwischen den Feldern. Mit einer Flanke übersprang er das erste Gatter. Verstohlen stieg ich über den seitlich angebrachten Holztritt. Zu meinem Kummer war ich der Kleinste in meiner Klasse und der schlechteste Sportler – mir fehlte einfach die Kraft.

»Ja«, sagte er, »hier könnte es funktionieren.«

Seine Sprache klang anders als unsere, etwas abgehackt und mit rollendem R. Auf einer leicht ansteigenden Koppel war er stehen geblieben. Die schwarzweißen Kühe drehten nur kurz ihre Köpfe in unsere Richtung, bevor sie weiterkauten. Hannes schirmte seine Augen mit einer Hand ab und spähte nach Osten.

»Mach die Augen zu! Und bei DREI guckst du nach rechts! Abrakadabra«, hörte ich ihn murmeln, »Hokuspokus Fidibus! Schiff erscheine …, Schiff erscheine …, Schiff …, DREI!«

Jetzt sah ich, was er gezaubert hatte: Einen Frachter! Er tauchte zwischen den Feldern auf und zog wie auf Kufen seine Bahn in Richtung Westen. Ich war sprachlos vor Bewunderung.

Merkwürdig, dass wir niemals richtig spielten! Weder kickten wir den schlaffen rotweißen Gummiball, noch versteckten wir uns oder holten Großvaters alte Hockeyschläger hervor. Stattdessen streiften wir durch die Gegend. Über lange Strecken blieben wir stumm, bevor wir dann oft gleichzeitig zu reden begannen. Er wollte wissen, wie es in der Stadt aussah, ob wirklich alles in Trümmern lag, oder ob es vielleicht doch ein Kino gab, das schon wieder geöffnet hatte. Und ob die Mädchen dort hübscher waren als hier. So gut ich konnte, gab ich Auskunft. Als ich ihm einmal von meiner Angst erzählte, vielleicht immer der Kleinste zu bleiben, lachte er nicht, sondern legte für einen Augenblick seine Hand auf meine Schulter.

Einmal verbrachten wir Stunden auf einem Hochsitz am Waldrand. Es regnete, die Tropfen prasselten aufs Holzdach, mit angezogenen Knien saßen wir an der Rückwand. Hannes hatte Tabak besorgt.

»Wegen der Mücken«, sagte er.

Wir hatten kurze weiße Tonpfeifen mit flachem eckigem Kopf.

Als der Regen aufhörte und die Abendsonne hervorkam, begann das Stoppelfeld vor uns zu dampfen. Gespannt beobachteten wir einen Bussard mit seinen mehrfingrigen Flügelspitzen. Wie selbstvergessen drehte er hoch oben seine Kreise, die allmählich enger wurden.

»Pass auf!«, rief Hannes.

Im gleichen Moment stieß der Raubvogel herunter aufs Feld. Als er mit der Beute in seinen Fängen wieder aufstieg, glaubte ich zu sehen, dass die Maus noch zappelte. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

Nach einer Weile sagte Hannes:

»Man muss abgehärtet sein, sonst geht man kaputt.«

Ich wusste nicht, was er meinte.

»Erst nachdem du Schreckliches durchgemacht hast, bist du gefeit.«

»Gefeit?«

»Das heißt geschützt, vorbereitet, du bist stark. – Hier …«, er knöpfte sein Hemd auf.

Auf seiner Brust sah ich eine großflächige Wunde mit neuer, noch rosafarbener Haut.

»Das war kochend heißes Wasser. An dem Tag …«, er brach ab und wandte den Kopf zur Seite, er schien den Bussard zu suchen. »Genau an dem Tag starb meine Mutter. Den ganzen Weg übers Haff und bis hier hatte sie durchgehalten …«. Immer noch suchte er den Bussard. »Das war im März, gerade erst waren wir angekommen.«

Warum er bei seiner Tante lebte, hatte ich mich nie gefragt.

»Seither bin ich abgehärtet«, jetzt sah Hannes mich an, »und gefeit.«

Beklommen nickte ich.

Aber mir wurde klar: Wer Furchtbares überstanden hatte, war stärker geworden und auch vorbereitet auf alles Mögliche. Es könnte doch wieder Krieg geben, vielleicht läge ich wieder verschüttet unter Trümmern, aber dann wüsste ich, dass ich’s aushalten kann.

Es war schon Herbst, die Ferien dauerten an, ich lebte immer noch in der Schulkate. Jetzt unternahmen Hannes und ich Wanderungen in weiter entfernt liegende Gegenden. Wir pflückten für Großmutter Fliederbeeren und sammelten Pilze, Hannes kannte sie alle. Einmal kamen wir sogar bis zum Kanal. Wir standen direkt am Ufer. Ein Frachter fuhr von Ost nach West, ein Matrose winkte. Nein, ich war nicht traurig und meinem Freund auch nicht böse, dass seine Zauberei nur auf einer optischen Täuschung beruht hatte. War ich denn in diesem Sommer nicht größer geworden und klüger?

Lange schaute Hannes dem Schiff nach:

»Spätestens wenn ich fünfzehn bin und die Schule hinter mir hab, heuer ich auf solch einem Kahn an und fahr nach Amerika!«

An einem kalten Oktoberabend kletterten wir zum letzten Mal auf den Hochsitz – am nächsten Tag musste ich zurück in die Stadt. Schweigend betrachteten wir den Nachthimmel mit seinen ungezählten Sternen. Manchmal löste sich einer von ihnen, schoss auf schräger Bahn nach unten und verlosch.

In der Ferne hörte ich Großvater nach mir rufen, es war spät geworden.

»Glaubst du an Gott?«, fragte ich.

Hannes antwortete nicht. Er zog die Wolldecke, mit der wir uns gegen die Kälte schützten, enger um seine Schulter.

»Ach, weißt du …«, sagte er schließlich, »bleibt uns denn etwas anderes übrig?«

In den nächsten Sommerferien fand ich das Dorf kaum verändert. Es gab immer noch die schwarzweißen Kühe, das Gut, die Flüchtlinge, die hochmütigen Bauern, denen die Städter ihre Habseligkeiten brachten im Tausch gegen Essbares. Doch den Hochsitz suchte ich vergeblich. Im Winter war daraus Brennholz gemacht worden, und den dicken Schleswiger hatte der Pferdeschlachter abgeholt. Das erfuhr ich von Großmutter. Aber wo war mein Freund? Darüber konnte mir auch seine Tante nichts sagen.

Hatte er sich vielleicht schon aufgemacht nach Amerika? Ich wanderte zum Kanal. Diesmal allein. Der Weg kam mir sehr lang vor. Ich stand direkt am Ufer. Ein Frachter fuhr von Ost nach West, ein Matrose winkte.

Hannes …, Hannes ...

(2009)

***

Zwei Menschen

Tor!« Peter starrt auf den eingeschalteten Fernseher, auf Fußballspieler, die sich umarmen, auf glückliche Zuschauer und begeistert geschwenkte Fähnchen. »Tor!«, ruft er, »Tor! Tor!« Er sieht zufrieden aus, sein eingefallenes altes Gesicht ist gerötet vor Freude, ein Speichelfaden läuft aus dem linken Mundwinkel, rinnt übers Kinn und bahnt sich einen Weg in Richtung Hals.

Marie weiß, dass ihr Mann nichts begreift. »Tor!« ruft er, weil er es von anderen hört. »Ja, mein Liebling«, sagt sie sanft, »zwei zu null für uns. – Wo willst du denn hin!«

Trotz seiner Gebrechlichkeit bewegt er sich manchmal sehr schnell. Er ist schon an der Haustür. »Hier geblieben!« Er will immer raus. Aber draußen wäre er verloren! Um aufzustehen, muss sie sich am Tisch abstützen. Es ist die rechte Hüfte, am schlimmsten sind stets die ersten Schritte.

Zum Glück hatte sie den Schlüssel abgezogen. Peter rüttelt an der Türklinke: »Feuer! Feuer!« Wie gut, dass sie in diesem Haus abseits der Siedlung wohnen, wo die Nachbarn ihn nicht hören können. Marie greift nach seiner Hand. Grob reißt er sich los, ballt die Fäuste und schlägt wild um sich. Sie schützt ihr Gesicht. Er meint es nicht so, er weiß doch gar nicht, was er tut. Schon hängen seine Arme wieder schlaff herunter: »Du meine Liebste …«

Für diese drei Worte, für solch immer seltener werdende Momente, in denen ein kurzes Erkennen, der Fetzen einer Erinnerung aufblitzt – dafür nimmt sie alles auf sich, dies hilft ihr durchzuhalten. Er lässt es zu, dass sie ihn ins Schlafzimmer führt: »Zeit, ins Bett zu gehen.« – »Jaja.« Er ist friedlich. Draußen scheint die Sonne, sie zieht die Rollos herunter, kleidet ihn aus, lotst ihn ins Bad, wäscht sein Gesicht, putzt seine Zähne, setzt ihn aufs Klo. Das Medikament von vorhin beginnt zu wirken, sein Gesicht ist entspannt. Sie deckt ihn zu, küsst ihn auf die Wange: »Schlaf gut, mein Liebling!« – »Ah!«, plötzlich guckt er böse und setzt sich auf. »Ach, dein Einschlafkissen.« Sie legt es ihm in den Arm.

Vielleicht hat sie ein paar Stunden Ruhe. Die Kinder haben angerufen, sie wollen am Geburtstag ihres Vaters kommen. Vor zwei Jahren waren sie zuletzt hier. Sie haben immer so viel zu tun, müssen sich um ihre eigenen Dinge kümmern und außerdem die weite Anreise ... Marie stellt sich vor, was und wie Ruth und Matthias denken: Mama und Papa sind noch gesund und kommen gut allein zurecht. Die Kinder …, jung sind sie nicht mehr, beide schon in mittleren Jahren. Wahrscheinlich wollen sie gar nicht wissen, wie es den Eltern geht. Sie haben Angst vor schlechten Nachrichten, auf die sie reagieren müssen, die ihren eigenen Lebensrhythmus durcheinanderbringen. Marie denkt an die immer distanzierter gewordene Beziehung zu ihren Eltern. Hatte sie sich damals anders verhalten?

Lange wird sie seine Krankheit nicht mehr verheimlichen können. Vielleicht sagt sie die Geburtstagsfeier ab. »Papa geht’s nicht so gut. Eine starke Erkältung. Kommt lieber ein andermal!« Er war solch liebevoller Vater. Solch fürsorglicher, zärtlicher Ehemann, so klug und dabei auch humorvoll. Manchmal entwirft sie schon den Text für die Todesanzeige. Nachts endlich durchschlafen können, die immer wieder aufgeschobene Hüftoperation machen lassen, danach vielleicht noch ein paar Jahre ohne Schmerzen … Träume …, Fluchten. »In guten wie in schlechten Tagen …«, das Heilige Sakrament der Ehe. Gläubig ist sie nicht, doch ein gegebenes Versprechen muss gehalten werden, wollte sie nicht Verrat an sich selbst begehen.

Wie absurd, Peter heute »Tor!« rufen zu hören! »Fußball ist nichts für mich«, pflegte er zu sagen – früher, als er jünger war. »Ein Tennismatch, das hat Stil!« Seine Freunde gingen ohne ihn zum Fußballplatz. Vermutlich hielten sie ihn für unsportlich, möglicherweise auch für arrogant. Viel später, erste Zeichen der Krankheit begannen sich zu zeigen, galt er als etwas überdreht. Dann bekam er diese plötzlichen Wutausbrüche. Ohne jeden Grund. Er beruhigte sich schnell wieder und wusste anschließend von nichts. Irritiert zogen die Freunde sich zurück.

Sein Zustand verschlimmerte sich. Maries