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»Selbst erfahrenste Thrillerfans werden sich bei dieser rasanten Achterbahnfahrt an ihrem Sitz festklammern.« Publishers Weekly
An einem kalten New Yorker Abend lernen sich zwei Frauen in einer Selbsthilfegruppe für Trauernde kennen: Amanda und Wendy können nicht mit der Vergangenheit abschließen, nachdem sie ihre Liebsten durch brutale Verbrechen verloren haben. Beide warten vergeblich darauf, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird. So schließen sie einen Pakt: Amanda wird den Mann töten, der Wendys Tochter vergewaltigt und ermordet hat. Und Wendy wird Wallace Crone umbringen, den Mörder von Amandas kleiner Jess. Doch der Plan geht schrecklich schief. Denn eine der beiden spielt ein falsches Spiel …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
An einem kalten New Yorker Abend lernen sich zwei Frauen in einer Selbsthilfegruppe für Trauernde kennen: Amanda und Wendy können nicht mit der Vergangenheit abschließen, nachdem sie ihre Liebsten durch brutale Verbrechen verloren haben. Beide warten vergeblich darauf, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird. So schließen sie einen Pakt: Amanda wird den Mann töten, der Wendys Tochter vergewaltigt und ermordet hat. Und Wendy wird Wallace Crone umbringen, den Mörder von Amandas kleiner Jess. Doch der Plan geht schrecklich schief. Denn eine der beiden spielt ein falsches Spiel …
Weitere Informationen zu Steve Cavanagh sowie zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie am Ende des Buches.
Steve Cavanagh
Thriller
Aus dem Englischenvon Peter Beyer
Kapitel 1 und 2 übersetzt von Jörn Ingwersen
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Kill For Me, Kill For You« bei HEADLINE PUBLISHING GROUP, An Hachette UK Company
Carmelite House
50 Victoria Embankment
London EC4Y 0DZ
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Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2026
Copyright © der Originalausgabe
2022 by Steve Cavanagh
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München, nach einer Vorlage von Roald Tiebels unter Verwendung eines Bildes von gettyimages/tmeks
Umschlagmotiv: © gettyimages/tmeks
Redaktion: Regina Carstensen
AB · Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-30547-5V003
www.goldmann-verlag.de
Für Marie und Tom
Stärker als die Liebe der Liebenden ist der Hass in den Wunden, die sie einander schlagen.
Euripides
Rache, der süßeste Gaumenschmaus, der je in der Hölle gekocht wurde.
Walter Scott, Das Herz von Midlothian
Amanda White nahm den Deckel vom elektrischen Babyflaschen-Sterilisator und betrachtete den darin liegenden Revolver Kaliber .22. Er sah aus, als würde er schwitzen, so wie der stählerne Griff und der Lauf von heißen Kondenswasserbläschen überzogen waren und der Dampf langsam vom Boden aufstieg. Sie wandte sich ab, nahm ihre weichen Lederhandschuhe, streifte sie über und holte den Revolver vorsichtig hervor.
Die Waffe musste heute makellos sauber sein. Ohne einen Fingerabdruck. Ohne Spuren ihrer DNA. Gestern Abend war ihr die Idee gekommen, die Waffe mithilfe des Sterilisators zu reinigen. Irgendwie schien es ihr ganz passend, wenn sie etwas nahm, das Jess gehört hatte. Sie war nur überrascht, dass der Sterilisator überhaupt noch funktionierte. Das Gerät war seit Jess’ erstem Geburtstag nicht mehr benutzt worden, weil die Kleine damals auf Schnabeltassen umgestiegen war. Gemeinsam mit ihrem Mann Luis hatte Amanda beschlossen, den Sterilisator aufzubewahren, für den Fall, dass Jess irgendwann ein Brüderchen oder Schwesterchen kriegen sollte.
Dazu würde es nun nicht mehr kommen.
Durch die Hitze im Sterilisator löste sich das Klebeband allmählich vom Griff des Revolvers. Er lag noch immer seltsam in der Hand. Daran hatten auch all die Tage nichts geändert, an denen Amanda raus in den Wald gefahren war, um zur Übung auf Blechdosen zu schießen. Sie würde sich wohl nie daran gewöhnen, mit einer Waffe umzugehen. Sie war eine liberal eingestellte New Yorkerin. Gegen Schusswaffen. Eine gesetzestreue Steuerzahlerin. Aber möglicherweise war sie mittlerweile auch nichts dergleichen mehr. Todesfälle verändern einen Menschen. Und wenn der Tod deine sechsjährige Tochter holt und eine Woche später deinen Ehemann, dann bleibt mehr als nur Trauer zurück. So ein Tod kommt nicht allein. Ihm folgen weitere Reiter der Apokalypse – Arbeitslosigkeit, Schulden, Sucht und Schmerzen, die manchmal nicht mehr zu ertragen sind. Amandas Leben war durch den Verlust implodiert.
Sie legte die Waffe auf den Esstisch, trocknete sie mit Papiertüchern ab und lud sie mit fünf Patronen.
Sie würde nur eine dieser Patronen brauchen, um ihrem Elend ein Ende zu bereiten. Sie konnte ihr Ziel gar nicht verfehlen. Ihr Arm würde sich heben, sie würde die Waffe auf den Kopf des Mannes richten, und dann – würde sie abdrücken. Sie sah zur Uhr. Halb sieben. Bald würde er seine Wohnung verlassen. Sie musste sich langsam auf den Weg machen.
Um Viertel nach sieben betrat Amanda die Art-déco-Eingangshalle des U-Bahnhofs 96th Street auf der Upper West Side. Eben fing es draußen an zu regnen. Ein dunkelhaariger Mann im schwarzen Mantel zog seine MetroCard durch das Lesegerät am Drehkreuz. Amanda wartete einen Moment, zog die Kapuze ihres Sweatshirts über die Baseballkappe. Fünf Leuten ließ sie den Vortritt, dann zog auch Amanda ihre Karte durch den Schlitz und bog nach links ab, zum Bahnsteig in Richtung Downtown & Brooklyn.
Zügig lief sie zwei Treppen hinunter. Noch bevor sie unten ankam, fand sie den Mann im Mantel wieder. Seitenansicht. Er trug einen gepflegten, dunklen Bart, AirPods in den Ohren und einen dicken Schal um den Hals, vorn in seinen Mantel gestopft. Wie die anderen etwa zwanzig Leute auf dem Bahnsteig hielt auch er seinen Kopf gesenkt und war mit seinem Handy beschäftigt.
Ein Blick auf die Uhr. Neunzehn Minuten nach sieben. Eben hatten sie den Zug der Linie 1 verpasst, den Express nach South Ferry, der nur am Times Square, der Penn Station, der 14th und der Chambers Street hielt. Hätte er den Express genommen, hätte er an der Chambers Street aussteigen müssen, um einen Zug der Linien 2 oder 3 in Richtung Flatbush zu nehmen, wenn er zur Wall Street wollte.
Amanda behielt ihn im Blick, stellte sich schräg hinter ihn. Nicht direkt dahinter, weil er sonst in den Scheiben der Bahn gesehen hätte, dass sich hinter ihm etwas bewegte. Ihr Gesicht wurde von Mütze und Schal fast ganz verdeckt, aber sie wollte nicht riskieren, dass er sie entdeckte – und erkannte.
So wie beim letzten Mal.
Um 7.21 Uhr fuhr die Linie 2 mit einem Schwall von eisigem Septemberwind in den Bahnhof ein. Der Zug bremste ab, hielt an. Amanda trat vor. Eine Stimme aus dem Lautsprecher verkündete die Ankunft des Zuges. Mittlerweile standen etwa hundert Leute über den Bahnsteig verteilt. Rushhour in der U-Bahn. Menschen, die ihrem Lebensunterhalt nachgingen, auf dem Weg zur Arbeit, schon vertieft in Gedanken daran.
Nicht so Amanda. Nicht mehr.
Die Türen glitten auf, und Pendler strömten daraus hervor. Amanda musste sich an einem Teenager in Schuluniform und einem Bauarbeiter mit Helm an der Schultertasche vorbeischieben. Beide schimpften leise, als Amanda an ihnen vorbeidrängelte. Es war ihr egal. Sie durfte nicht riskieren, dass der Mann im Mantel ohne sie in den Zug stieg und sie auf dem Bahnsteig zurückließ. Das war ebenfalls schon mal passiert.
Sie trat vor. Er war ihr fünf Schritte voraus. Die aussteigenden Fahrgäste hatten im Zug etwas Platz gelassen, wenn auch nicht viel. Links waren zwei der begehrten orangefarbenen Sitze frei. Wie üblich steuerte er darauf zu und schaffte es, rechtzeitig einen davon zu ergattern. Amanda wandte ihm den Rücken zu, hielt sich an einer Stange in der Mitte des Wagens fest und ließ die Leute nachrücken. Ließ sich von den einsteigenden Fahrgästen so weit durchschieben, bis sie ihm so nah war, dass sie ihn hätte berühren können. Sie wandte ihm den Rücken zu.
Die Türen schlossen sich. Überall um sie herum standen die Menschen dicht gedrängt. Und doch hatte sie genug Platz, um sich umzudrehen. Was sie auch tat. Eine halbe Drehung. Zwei Leute befanden sich Rücken an Rücken vor dem Mann im Mantel, hielten eine Handbreit Abstand voneinander. Der Mann im Mantel machte sich breit. Die Frau auf dem Sitz rechts neben ihm warf ihm einen bösen Blick zu, dann widmete sie sich rasch wieder dem Laptop auf ihren Knien. Der junge Mann links von ihm war mit einem Videospiel auf seinem Handy beschäftigt. Sie alle achteten nicht auf den Mann. Oder gaben sich zumindest Mühe, es nicht zu tun.
Amanda entsperrte ihr Handy, wählte einen der vorprogrammierten Timer aus und startete ihn, als sich die Bahn in Bewegung setzte.
Der Timer zählte eine Minute und dreizehn Sekunden rückwärts – die durchschnittliche Zeit zwischen dem Schließen der Türen an der 96th Street und dem Öffnen der Türen an der 86th Street.
Als sie noch einen Job hatte, war sie Leiterin eines Seniorenheims gewesen, hatte sich von einer normalen Pflegerin zu derjenigen hochgearbeitet, die den Laden für die Firma schmiss. Damals war ihr klar geworden, dass sie sich, wenn sie etwas erreichen wollte, hinsetzen und einen Plan ausformulieren musste. Schritt für Schritt. So hatte sie ihren Abschluss an der Abendschule geschafft. So hatte sie ihre Beförderung zur Abteilungsleiterin, dann zur stellvertretenden Leiterin und schließlich zur Heimleitung geschafft. So hatte sie ihre Bilder und Skizzen geplant, an denen sie bis spät in die Nacht arbeitete. So hatte sie den Mord geplant, den sie begehen wollte.
Amanda warf noch einen Blick zu dem Mann hinüber. Sie ging nicht davon aus, dass er sie von hinten oder selbst von der Seite erkennen würde, obwohl sie einander so nah waren. Er konnte ihr Gesicht in der Scheibe nur sehen, wenn er aufstand. Sie trug Sneakers, weite schwarze Sweatpants, eine wattierte Jacke und darunter einen Kapuzenpulli. So verhüllt wie möglich, ohne aufzufallen.
Es gab drei Haltestellen dieser Linie, die ihr die nötige Gelegenheit verschafften. Timing war von entscheidender Bedeutung. Der Schuss musste erfolgen, sobald sich die Türen öffneten. Solange im Gedränge nicht zu sehen war, dass sie ihre Waffe auf den Mann richtete. Dann würde sie schreien, so wie alle anderen, würde die Waffe fallen lassen und so schnell wie möglich ins Freie drängen. In der überfüllten U-Bahn würde der Schuss eine Panik auslösen, alle würden sich in Sicherheit bringen. Sie wäre eine unter vielen, die hinausdrängten, die Treppe rauf und auf direktem Weg raus aus dem U-Bahnhof, mit gesenktem Kopf in der Menschenmenge, sodass niemand in der Lage wäre, sie zu identifizieren. Keine Augenzeugen, keine Überwachungskameras. Sie würde sich einfach in Luft auflösen.
Der nächste Halt war an der 86th Street. Noch zehn Sekunden, dem Timer nach. Zehn Sekunden, bis die Türen aufgingen.
Amanda neigte ihren Kopf leicht hin und her, um zu sehen, wer ausstieg. Sie wollte nicht ohne Deckung dastehen. Sie brauchte Leute zwischen sich und diesem Mann. Allem Anschein nach fuhren auch die beiden weiter, die vor ihm standen.
Die Bahn bremste ab und hielt an. Zehn, zwölf Leute stiegen aus, zehn, zwölf Leute stiegen ein. Ein Mann in Anzug und Regenmantel, mit halb zusammengefaltetem Regenschirm in der Hand, stieg zu und stellte sich neben Amanda, wandte ihr den Rücken zu. Die Türen schlossen sich, der Zug setzte sich in Bewegung, und sie drückte den zweiten Timer.
Eine Minute und zweiundzwanzig Sekunden, bis sich die Türen an der 79th Street öffnen würden. Die längste durchschnittliche Fahrtzeit zwischen den drei Haltestellen bis zum Times Square. Es dauerte nur eine Minute und fünfzehn Sekunden von der 79th zur 72nd Street, aber die Ausgänge an der 79th Street waren besser. Es machte keinen Sinn, die durchschnittliche Fahrtzeit zwischen der 72nd Street und dem Times Square zu schätzen, da der Zug immer wieder langsamer werden musste, um andere Züge durchzulassen, weil an dieser Haltestelle so viel los war.
Sie hatte alles detailliert durchgeplant.
Jetzt war es so weit.
Der Timer zeigte einundfünfzig Sekunden.
Amanda holte tief Luft, atmete langsam aus und schob ihre Hand in die Manteltasche. Nahm den Revolver. Ihre Handschuhe waren aus dünnem Leder, und doch fiel es ihr gar nicht so leicht, den Finger um den Abzug zu legen, ohne irgendwo hängen zu bleiben.
Die Leute neben ihr wandten einander immer noch den Rücken zu, sodass Amanda durch die Lücke dazwischen den gesenkten Kopf des Mannes im Blick behalten konnte, auf den sie es abgesehen hatte – er war mit seinem Handy beschäftigt.
Der Zug bremste ab.
Fünfzehn Sekunden, bis die Türen aufgingen.
Fünfzehn Sekunden, bis sie abdrücken würde.
Der klackernde Rhythmus der Räder auf den Schienen verlangsamte sich.
Sie kamen aus dem Tunnel. Abrupt wurde es hell in der Bahn. Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Draußen auf dem Bahnsteig war einiges los. Rechts neben ihr schoben sich ein paar Leute durch den überfüllten Waggon zur Tür.
Stahl kreischte auf Stahl, als die Bremsen fester zugriffen.
Acht Sekunden.
Klick-klack.
Sie wandte sich dem Mann mit dem Mantel zu.
Fünf Sekunden.
Klick-klack.
Sie holte tief Luft. Hielt sie an.
Drei Sekunden.
Klick----klack.
Amanda spannte den Hahn an dem Revolver in ihrer Tasche, als sie etwas hörte …
Der Mann blickte abrupt auf. Sah sie direkt an.
»Sie …«, sagte er und erhob sich.
Amanda wollte die Waffe ziehen, zögerte aber. Er hatte sie gesehen. Er hatte sie angesprochen. Und das hatte sicher jemand mitbekommen. Wenn sie ihn jetzt erschoss, würde es vielleicht jemand mitkriegen. Seit sie ihre Familie verloren hatte, wechselte Amanda manchmal tagelang kein Wort mit irgendjemandem. Dieser Mann, Wallace Crone, war der letzte Mensch auf der Welt, der sie ansprechen sollte. Und es war, als würde seine Stimme sie aus einem langen Traum reißen. Der Zugführer trat hart auf die Bremse, was alle aus dem Gleichgewicht warf.
Das kurze Zögern reichte, um Crone einen Vorteil zu verschaffen und ihr die Gelegenheit zu nehmen. Er stand auf, packte sie bei ihrem Mantel und rief: »Hilfe! Polizei, Hilfe!«
Er trat vor, sodass Amanda mit dem Hinterkopf an eine der Haltestangen schlug.
»Lassen Sie mich los!«, fauchte sie.
Sein Gesicht war direkt vor ihrem. Sie konnte den Kaffee in seinem Atem riefen. Er knirschte mit den Zähnen.
»Hilfe! Polizei!«, rief er noch mal.
Amanda schaffte es, die Waffe aus ihrer Tasche zu holen. Hielt sie auf Hüfthöhe, wo er sie nicht sehen konnte.
»Was ist hier los?«, rief jemand. Eine tiefe, Respekt einflößende Stimme. Ein Mann. Ein Cop. Bahnpolizei. Sie hörte, dass er auf sie zukam.
Unbemerkt ließ sie die Waffe in den halb geöffneten Regenschirm des Geschäftsmanns neben ihr fallen. Er nahm Abstand, wirkte erschrocken angesichts dessen, was da vor seinen Augen passierte – wusste nicht, ob er eingreifen sollte, und wenn ja, auf wessen Seite.
Amanda verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts hin. Crone landete auf ihr.
Sie sah den Cop, der sich über sie beugte, an Crones Arm zerrte und wissen wollte, was zum Teufel hier los war.
Crone ließ los, doch als er aufstand, raunte er ihr noch etwas zu, das sie ihn schon hundertmal hatte sagen hören. Doch jetzt, als diese Worte in ihre Stille aus Schmerz und Einsamkeit drangen, klangen sie so hohl wie alte Knochen.
Sie hatte diese Worte nicht geglaubt, als sie sie zum ersten Mal hörte. Und sie glaubte sie auch jetzt nicht.
»Ich habe Ihre Tochter nicht ermordet.«
Ruth Gelman goss den Rest der Flasche Pinot Grigio in ihr Glas und bereute es noch im selben Augenblick. Es war Freitagabend, und Scott saß ihr am Esstisch gegenüber, seit einer halben Stunde vor einem leeren Glas. Er hatte ihr dabei zugesehen, wie sie sich Wein einschenkte, die Flasche auf den Kopf stellte, bis sie ihr den letzten Tropfen entlockt hatte. Aber er beschwerte sich nicht. Sein abfälliger Blick sagte alles.
»Ich hatte einen schweren Tag«, sagte Ruth, als müsste sie sich dafür entschuldigen.
»Alles gut«, erwiderte er. »Vor dem Spiel sollte ich sowieso lieber nüchtern bleiben.«
Ruth fiel auf, dass er gar nicht wissen wollte, wie ihr Tag gewesen war. Das kam an solchen Freitagen immer öfter vor. Sie schob ihren Teller von sich. Den Lachs hatte sie kaum angerührt, der Spargel lag unangetastet daneben. Schon als sie das Essen zubereitet hatte, war ihr die bloße Vorstellung, es zu sich zu nehmen, zuwider. Sie mochte an diesem Abend nichts essen. Hatte keinen Appetit. Nur Durst. Wenn Ruth auf die Idee kam, sich zu betrinken, wollte sie nichts essen. Essen war kontraproduktiv. Es half ihr nicht dabei, diesen seligen Zustand nach dem fünften Glas zu erreichen. Scott war heute Abend unterwegs. Jeden zweiten Freitag traf er sich mit seinen Jungs. Poker. Bowling. Manchmal brauchten sie gar keinen Vorwand und gingen einfach gleich was trinken.
»Poker?«, fragte sie.
Er nickte. »Bei Gordon zu Hause.«
»Wie geht es ihm?«
»Der arme Kerl hat sich die ganze Woche über zugeschüttet.«
Gordon war einer von Scotts ältesten Freunden. Ein Anwaltskollege aus Manhattan, dessen Leben sich gerade in seine Bestandteile auflöste. Seine Frau Alison hatte ihn letzte Woche vor die Tür gesetzt, nachdem sie in seinem Handy die Nachricht einer anderen Frau gefunden hatte. Gordon hatte eine Affäre gehabt, und jetzt zahlte er den Preis dafür.
»Wie geht es Alison und den Kindern?«, fragte Ruth.
»Sie will nicht mit ihm reden. Vielleicht solltest du ihr eine Nachricht schicken, um was rauszufinden«, sagte Scott.
»Damit du es an Gordon weitergeben kannst? Ich glaube kaum. Alison und ich standen uns noch nie besonders nahe. Wenn sie sich an mich wenden würde, wäre das was anderes, aber ich werde sie nicht für Gordon aushorchen. Er ist dein Freund. Da möchte ich nicht mit reingezogen werden. Und hey, sag nicht, dass Jack heute Abend auch dabei ist!«
Scott rollte mit den Augen. »Glaub ich nicht. Soweit ich weiß, macht er noch Urlaub in Atlantic City.«
Wenigstens das. Jack war ein alter Freund von Scott, den er einfach nicht loswerden konnte, oder – was wahrscheinlicher war – nicht loswerden wollte. Sosehr Ruth auch auf ihn einwirken mochte. Sie waren Highschool-Freunde gewesen, und während Scott danach aufstieg, stürzte Jack ab. Drogen, Glücksspiel, Internetbetrug. Bei allem, was böse und illegal war – Jack war dabei.
»Na, wenn Jack nicht mit von der Partie ist, kommst du wenigstens nicht total breit nach Hause«, sagte Ruth.
Scott seufzte, stand mit seinem Teller vom Tisch auf und ging damit zur Spüle. Er ließ Wasser darüber laufen und stellte den Teller in den Geschirrspüler, dann kehrte er zurück.
»Keinen Hunger, hm?«, sagte er.
Es stand mehr hinter dieser Frage, und sie wusste es. Seit Monaten versuchten sie nun schon, ein Kind zu zeugen. Mit neununddreißig, dachte Ruth, könnte sie es nicht mehr viel länger hinausschieben. Sie wollte Kinder, wirklich. Aber am liebsten hätte sie einen festeren Stand in der Immobilienfirma gehabt, bevor sie ins kalte Wasser sprang. Sie wollte nicht von Scott und dem abhängig sein, was er als Firmenanwalt verdiente.
»Was glaubst du, wann du nach Hause kommst?«, fragte Ruth.
»Warte nicht auf mich. Wenn ich sehe, wie Gordon drauf ist, gehe ich davon aus, dass es spät wird. Er wird sich abschießen wollen, um seine Probleme zu vergessen – und sei es nur für einen Abend.«
Sie nickte. Er nahm ihren Teller und schüttete ihr Essen in den Abfalleimer. Er hatte sie noch immer nicht gefragt, was mit ihr los war. Dabei war es gar nichts Bestimmtes, das ihr an diesem Tag an die Nieren ging. Nur der übliche Stress, eine Immobilienmaklerin in Manhattan zu sein. Kreuz und quer durch die Stadt zu hetzen, um sich mit potenziellen Interessenten zu treffen, und diese Verkäufe dann zu regeln. Der Wettbewerb war gnadenlos, und in dieser Woche hatte sie einen Kunden verloren. Das kam schon mal vor, lag ihr aber trotzdem auf der Seele. Und wenn sie Scott ihren Ärger aufbürdete, hätte er nur ein schlechtes Gewissen, dass er sich mit seinen Freunden traf. Natürlich würde er trotzdem ausgehen, und das würde Ruth nur noch mehr verletzen. Fünf Jahre waren sie jetzt verheiratet, und es hatte sich nicht viel verändert, seit sie zusammengezogen waren. Scott spielte nach wie vor zweimal die Woche Squash, ging nach wie vor jeden zweiten Freitag mit seinen Kumpels aus, als wäre das gesetzlich vorgeschrieben, aber seit er darauf bestanden hatte, dass Ruth ihre Antibabypille absetzte, warf er ihr strenge Blicke zu, wenn sie sich eine Flasche Wein aufmachte.
Wenn sie eine zweite Flasche aufmachte, konnte sie davon ausgehen, dass am nächsten Morgen ein Artikel auf sie wartete, noch warm aus Scotts Drucker, daneben eine Schale mit Müsli auf dem Küchentresen. Unweigerlich handelte es sich bei dem Artikel um irgendeine Studie über den Zusammenhang zwischen Unfruchtbarkeit und Alkoholkonsum. Ruth traf sich kaum jemals mit Freundinnen. Was das anging, hatte sie sich nie sonderlich bemüht. Schon seit dem Ende der Highschool. Ruth war nie gut darin gewesen, Freundschaften zu pflegen. Immer zu beschäftigt mit irgendwas. Sie hatte wohl Leute, die sie anrufen konnte, tat es aber nie. Alte Freundschaften zu vernachlässigen und keine neuen zu suchen, war ein Fehler. Das war ihr wohl bewusst. Regelmäßig fand sich die Absicht, alte Schulfreunde anzurufen und neue Leute kennenzulernen, auf der Liste ihrer unausgegorenen Vorsätze fürs neue Jahr wieder. Ein gelegentlicher Feierabenddrink mit einem der Partner ihrer Firma war alles, was sie an sozialen Kontakten hatte.
Scott hatte im ersten Jahr ihrer Beziehung als Ankläger beim Büro des Bezirksstaatsanwalts gearbeitet. Es sollte nur vorübergehend sein. Er wollte etwas Zeit investieren, um Erfahrungen im Strafrecht zu sammeln – und der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Das letzte halbe Jahr im Dienst hatte er mit Bewerbungsgesprächen bei großen Anwaltskanzleien verbracht, deren Geschäfte sich über den gesamten Globus erstreckten. Er nahm eine Stelle als Prozessanwalt an. Das war kein Job mit normalen Arbeitszeiten. Anfangs machte es Ruth nichts aus – Immobilienmakler hatten selbst hin und wieder Abendtermine. Aber angesichts von Scotts Freunden und seinen sonstigen sozialen Kontakten fragte sich Ruth manchmal, ob sie in seinen Plänen eigentlich mehr war als die kleine Frau, die eines Tages seine Kinder austragen würde.
Ruth holte sich eine neue Flasche Wein aus dem Kühlschrank, schenkte ihr Glas voll und ging rüber ins Wohnzimmer. Sie setzte sich auf das weiche Plüschsofa und zappte sich durch die Fernsehsender. Scotts Arme schlangen sich um ihre Schultern, und sie spürte seinen Atem an ihrem Hals. Erst kratzten seine Bartstoppeln über ihre Haut, dann fühlte sie seine weichen Lippen an dieser bestimmten Stelle direkt unter ihrem Ohr. Er stieg über die Rückenlehne des Sofas, setzte sich neben Ruth, und die beiden küssten sich. Dann hielt er sie eine Weile im Arm und sagte: »Tut mir leid.«
»Mir auch«, sagte Ruth.
»Es muss dir nicht leidtun. Du bist hier nicht das Arschloch.« Er lächelte, wartete kurz, dann fügte er hinzu: »Zur Abwechslung.«
Ruth kicherte, griff sich ein Kissen und schlug es ihm mit gespielter Empörung an den Kopf.
»Ich bin nie das Arschloch in dieser Beziehung.«
»Natürlich nicht. Hör mal, soll ich mir ein Glas holen und mich zu dir gesellen? Ich könnte den Jungs ja heute ausnahmsweise mal absagen.«
»Nein, geh du nur. Ich weiß, du brauchst deine Jungs. Wir können ja vielleicht morgen was zusammen unternehmen.«
»Wir könnten was essen gehen und dann ins Kino.«
»Abgemacht. Jetzt los und amüsiere dich.«
Er drückte sie fest an sich, dann ließ er los und stand vom Sofa auf.
Genau das hatte sich Ruth immer gewünscht. Sich in den Armen ihres Liebsten sicher und geborgen zu fühlen. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie gerade mal sieben war. Ruth hatte überhaupt nichts davon mitbekommen, dass etwas in der Ehe ihrer Eltern im Argen lag. Alles war gut und dann auf einmal nicht mehr. Eben saßen noch alle in gleichen Pyjamas unterm Tannenbaum und packten Geschenke aus, schon sah sie ihren Dad nur noch an jedem zweiten Wochenende. Ihr Blick ging zu dem Hochzeitsfoto auf dem Beistelltischchen. Scott trug sie zum geschmückten Auto. Umrahmt von Konfetti und – etwas unscharf – Freunden und Familie. Sie sahen beide so glücklich aus. Das Foto war leicht eingestaubt. In gewisser Weise fand Ruth diesen Staub tröstlich. Sie waren kein neues Paar, das sich erst noch kennenlernen musste, das sich immer noch fragte, was der andere wirklich dachte.
Scott schenkte ihr Liebe. Aber mehr noch schenkte er ihr Geborgenheit.
Und dieses Gefühl bedeutete Ruth alles. Dass es nicht nur eine lange, aber schlussendlich zum Scheitern verurteilte Beziehung war. Sie waren eine Einheit. Unzertrennlich. Sie hatten schon Staub auf ihrem Hochzeitsfoto.
»Okay, ich hau ab. Hab dich lieb!«, rief er aus dem Flur.
»Ich dich auch«, antwortete Ruth. Sie überlegte, ob sie einen Artikel über die Auswirkungen von Alkohol auf Sperma suchen sollte, um diesen dann auszudrucken und so hinzulegen, dass Scott ihn am Morgen fand, natürlich als Scherz. Sie entschied sich dagegen. Sie hörte seine Stiefel auf dem Parkettboden im Flur, das Klappern des Türriegels, dann die knallende Eingangstür ihres Altbaus, dann das kurze Rauschen eines vorbeifahrenden Autos.
Sie nahm einen großen Schluck Wein, stellte ihr Glas ab, ging rüber in die Küche. Sie stieg auf einen Stuhl, holte eine flache, rechteckige Blechdose vom Schrank, stieg wieder herunter und öffnete die Dose auf dem Tresen. Rollte einen Joint, stellte sich an die Hintertür mit Blick auf den Garten, der kaum als solcher zu bezeichnen war. Ein handtuchgroßes Rasenstück, aber dadurch erhöhte sich der Listenpreis für das Haus um eine halbe Million. Sie klemmte den Joint zwischen ihre Lippen, um ihn anzuzünden. Sie wollte nicht, dass das Kiffen zur Gewohnheit wurde. Den letzten Joint hatte sie am Dienstag geraucht, vor gerade mal drei Tagen. Sie war raus in den Garten gegangen – Scott schlief schon – und hatte sich das Tribute in Light angesehen, die beiden Lichtsäulen, die vom Battery Park aus in den Himmel projiziert wurden, zu Ehren der Opfer des 11. September. So wie für viele New Yorker war dieser Jahrestag auch für Ruth nur schwer zu ertragen, und sie brauchte etwas, um runterzukommen.
Das Gras half ihr mit ihren Ängsten, und so ein kleiner Joint könnte nicht schaden. Sie war nicht schwanger. Langsam, aber sicher füllte sich der Müllbeutel im Bad mit negativen Schwangerschaftstests. Mit etwas mehr Zeit und mehr wohlhabenden Klienten hätte sie ein besseres Gefühl dabei, sich eine Auszeit zu nehmen, um eine Familie zu gründen. Wenn sie vor Schaufenstern von Babyläden stand und die Strampler und die kleinen Stiefelchen betrachtete, wurde ihr jedes Mal ganz warm ums Herz. Ruth zog erneut an ihrem Joint. Es war milder Stoff, schon vor langer Zeit gekauft. Sie musste an ihr zweites Date mit Scott denken. Sie hatten sich auf einer Party kennengelernt. Eine von Ruths alten Freundinnen hatte ihn eingeladen. Sie waren ins Plaudern geraten, und er hatte sie nach ihrer Nummer gefragt. Bald darauf hatte er sie zu einem eher unverbindlichen Date auf eine andere Party in der Wohnung eines Freundes in Brooklyn mitgenommen. Sie hatten sich angeregt unterhalten, wie man es beim zweiten Date so tut, um sich näher kennenzulernen, da war Ruth in der Küche mit ein paar Leuten ins Gespräch gekommen, die um eine Bong versammelt saßen. Sie hatte daran gezogen – und es noch im selben Moment bereut. Joints hatte Ruth schon probiert, aber noch nie eine Bong, und so kriegte sie einen schrecklichen Hustenanfall. Scott führte sie auf die Dachterrasse des Gebäudes. Noch heute konnte sie sich an den Himmel in dieser Nacht erinnern. Nur ein paar Wolkenfetzen am schwarz-blauen Himmel und mehr Sterne, als sie je zuvor gesehen hatte.
»Atme ein paarmal durch«, riet Scott.
Ruth holte tief Luft, und wenn ihr Hals und ihre Lunge auch nicht mehr brannten, wurde ihr vom vielen Sauerstoff plötzlich ganz übel.
»Ich glaub, ich muss mich übergeben«, sagte Ruth. »Es tut mir so leid. Das ist ein furchtbares Date.«
»Alles gut«, erwiderte Scott. »Normalerweise warten meine Dates mit dem Kotzen, bis sie mich nackt gesehen haben.«
Ruth musste lachen, und ihr wurde schwindlig. Sie taumelte gegen Scott, und ihre Hand landete auf seiner festen Brust, um sich dort abzustützen. Er war gut gebaut, hatte sein Licht nur unter den Scheffel gestellt.
Ruth blickte zu ihm auf, sah ihm offen ins Gesicht und sagte: »Wir befinden uns auf einer Dachterrasse in New York. Ich bin ein bisschen high, und wir stehen ganz nah beieinander. Willst du jetzt nicht einen schmierigen Spruch bringen und versuchen, mich zu küssen?«
»Du möchtest einen schmierigen Spruch?«
»Je schmieriger, desto besser.«
»Dein Vater muss ein Dieb sein«, sagte Scott, »denn mir scheint, er hat Sterne vom Himmel geholt und sie in deine Augen gesetzt.«
»O mein Gott, das ist ja sooo was von schmiiiieeerig«, sagte Ruth. Und beide mussten lachen.
»Was hast du noch gesagt, was du beruflich machst?«, fragte sie.
»Ich bin bei der Staatsanwaltschaft.«
»Na, dann solltest du dich selber verhaften oder so was in der Art, denn das war echt bööööse.« Sie hob ihr Kinn ein wenig an und schloss die Augen.
»Ich denke, ich sollte dich lieber nach Hause bringen«, sagte Scott.
Eine halbe Stunde später hielt das Taxi vor Ruths Wohnhaus. Sie stiegen beide aus, und Scott gesellte sich zu ihr auf den Gehweg.
»Möchtest du noch mit raufkommen?«, fragte Ruth.
»Gern, aber nicht heute Abend. Ich glaube, du brauchst jetzt vor allem einen Kaffee.«
Ruth wusste noch, wie enttäuscht sie gewesen war. Das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Jetzt wollte Scott sie nicht mehr wiedersehen.
»Wenn du nicht mit zu mir willst, wieso bist du dann im Taxi mitgefahren?«, fragte sie.
Er beugte sich zu ihr vor und sagte: »Ich wollte sichergehen, dass du heil nach Hause kommst.«
Und zum ersten Mal hatte Ruth gespürt, wie eine Flut vertrauter und lang vergessener Gefühle über sie hinwegging. Gefühle von Trost und Geborgenheit.
»Zwei Blocks weiter gibt es ein Eiscafé. Treffen wir uns da morgen um eins? Fühl dich eingeladen. Die haben auch Rum-Rosinen.«
Ruth kicherte: »Du willst wohl wirklich, dass mir übel wird!«
Bei dem Gedanken an diesen Abend zuckte ein leises Lächeln an ihrem Mundwinkel. Ruth drückte den Joint aus. Sollten sie und Scott ein Baby bekommen, wäre für alles gesorgt. Die Eltern würden für immer zusammenbleiben. Ihr Kind würde niemals durchmachen, was Ruth hatte ertragen müssen. Scott und Ruth waren unzertrennlich.
Im Wohnzimmer schnappte sie sich die Flasche Wein und fand einen alten Film auf TCM. Hatte eben erst angefangen. Sie machte es sich auf dem Sofa bequem. Trank die zweite Flasche aus und ging dann zu Bett.
Als Ruth aus einem bösen Traum hochschreckte, war es stockfinster. Der Wecker auf dem Nachtschränkchen zeigte 23:45 Uhr. Mit der linken Hand langte sie hinter sich. Da war niemand auf der anderen Seite des Betts. Nur kalte Laken. Sie schüttelte den Kopf, setzte sich auf. Die Zeit zwischen dem Ende des Films und dem Zubettgehen war etwas verschwommen, aber sie wusste noch, dass sie sich ein Glas Wasser mitgenommen hatte. Sie trank einen Schluck und versuchte, die Reste ihres Traums abzuschütteln. Gerade hatte sie noch im Büro ihres Chefs gestanden und war dafür gefeuert worden, dass sie einen wichtigen Kunden aus der Baubranche verloren hatte, und ihr stand nicht der Sinn danach, zu diesem Albtraum zurückzukehren. Diesen Traum hatte sie nicht zum ersten Mal gehabt.
Sie setzte sich ganz auf und wollte nach ihrem Handy greifen. Es lag nicht neben dem Bett. Offenbar hatte sie es unten auf dem Sofa vergessen. Sie trank das Wasser aus und wollte das Glas wieder wegstellen, als es mit lautem Klirren gegen das Schränkchen schlug. Das Geräusch von Glas, das auf hartem Untergrund zersprang.
Ruth richtete sich auf, tastete nach dem Fuß der Nachttischlampe, um sie anzuknipsen.
Ihr leeres Glas war heil. Unversehrt.
Sie hörte Schritte auf knirschenden Scherben. Ein gläsernes Knacken. Scherben schlitterten über die Fliesen. Es kam von unten.
Stille.
Jemand trat auf geborstenes Glas.
Stille.
Knirschendes Glas.
Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Sie hatte eine Gänsehaut, bekam es mit der Angst zu tun, da hörte sie etwas, eine Stimme vielleicht, von unten.
Scott.
Scott war unten und hatte – betrunken, wie er war – ein Glas oder einen Teller fallen lassen.
Das war schon mal vorgekommen. Mehr als einmal. Besonders wenn er mit seinem durchgeknallten Kumpel Jack um die Häuser zog. Vielleicht war Jack zurück aus Atlantic City und hatte Scott den ganzen Abend zum Koksen verleitet.
Ruth warf ihre Decke von sich, band die dunkelbraunen Haare zusammen und tappte nach unten. Am Treppenabsatz machte sie Licht, dann stieg sie die letzten Stufen zum Erdgeschoss hinunter.
Noch bevor sie unten ankam, fing sie an, nach Scott zu rufen.
»Du hast mir einen mörderischen Schrecken …«
In der Küche war alles dunkel. Im Lichtschein von der Treppe her sah sie Glasscherben auf dem Küchenboden. Sie tastete nach dem Schalter. Legte ihn um.
Der Küchenboden war mit Scherben übersät. Sie sah sich um, da merkte sie, dass eine von den kleinen Scheiben der Hintertür eingeschlagen war. Direkt über dem Türgriff. Alle anderen Scheiben waren unversehrt. In diesem Moment sah Ruth, dass sich in einer dieser kleinen Scheiben etwas spiegelte. Ein Mann, groß, dunkel gekleidet. Stechend blaue Augen, lange, schmale Nase und ein kantiges Kinn.
Er stand direkt hinter ihr.
Ein Arm um ihre Kehle und eine Hand auf ihrem Mund erstickten ihren Schrei. Da war etwas in dieser Hand. Etwas Weiches. Es roch eklig. Chemisch.
Ruth sank zu Boden, als ihre Knie nachgaben.
Alles verschwamm vor ihren Augen, da hörte sie seine Stimme. Tief und knurrend aus muskulöser Kehle. Rau und kaputt und zutiefst, zutiefst Furcht einflößend.
»Hallo, mein Schatz …«
Und dann ergriff die Finsternis von ihr Besitz.
Seit fast drei Stunden wartete Amanda nun schon im ersten Stock des Strafgerichtsgebäudes in der Centre Street in Manhattan auf ihre Anwältin. Zwei Wochen zuvor war sie in der U-Bahn festgenommen worden, hatte es jedoch irgendwie geschafft, gegen Kaution auf freiem Fuß zu bleiben, obwohl ihr Belästigung und Missachtung einer gerichtlichen Anordnung vorgeworfen wurden.
Die Eichenholzbank vor dem Gerichtssaal war gnadenlos hart, und allmählich tat Amanda der Rücken weh. Unablässig hatten Personen den Gerichtssaal betreten, allein oder mit Angehörigen, einige waren wieder herausgekommen, andere nicht. Sie vermutete, dass einige derer, die nicht von Angehörigen mit verweinten Augen begleitet wieder den Saal verlassen hatten, direkt nach Rikers Island oder gleich nebenan nach The Tombs überstellt worden waren. Amanda war sich bewusst, dass auch sie am Ende des Tages hinter Gittern landen konnte. Ihre Pflichtverteidigerin, Gail Sweet, hatte ihr dies letzte Woche am Telefon beigebracht. Sie hatte zwar versprochen, ihr Bestes für sie zu tun, hatte ihr jedoch auch den Rat gegeben, für alle Fälle eine Zahnbürste einzupacken.
»Mrs White?«, fragte in diesem Moment jemand.
Die Dame, die auf sie hinabschaute, war in den Fünfzigern, trug eine Dauerwellenfrisur und eine leuchtend blutrote Bluse zu einem hellblauen Businesskostüm. Sie hatte sich einen Stapel Akten unter den Arm geklemmt und umfasste zugleich eine große Tasche, aus der Ladekabel, Stifte und zusammengefaltete Notizzettel quollen.
Amanda nickte.
»Ich bin Gail Sweet«, stellte sich die Frau vor.
Die beiden besprachen sich eine halbe Stunde lang, dann zog Gail los, um mit dem Staatsanwalt zu reden. Sie kam mit einem Deal zurück. Einem Deal, den Amanda nicht wollte. Es bestand allerdings kein Zweifel daran, dass es unter den gegebenen Umständen ein guter Deal war, und sie hatte kaum eine andere Wahl, als zuzustimmen. Jetzt musste nur noch das Einverständnis des Richters eingeholt werden.
Der Richter war ein Weißer Anfang sechzig mit teigigem Gesicht. Er sah so aus, als wäre er mit feinem Puder bestäubt worden – als hätte ihn jemand in einer jahrzehntelang verschlossenen Schublade entdeckt und nicht gründlich abgestaubt, bevor er ihn für diesen Tag auf den Richterstuhl gesetzt hatte.
»Mrs White, treten Sie bitte vor«, ordnete der Richter an.
Amanda ging ein wenig näher an den Richtertisch heran, Gail folgte ihr.
Die Stimme des Richters klang leise, monoton und völlig emotionslos. Er wollte von Amanda wissen, ob sie aus freien Stücken auf die Verständigung im Strafverfahren eingegangen sei und sich schuldig bekannte, weil sie schuldig war und nicht aus anderen Gründen. Sie bejahte dies.
»Diese Anklage stützt sich auf eine einstweilige Verfügung, gemäß der Sie sich wegen Missachtung des Gerichts schuldig machen, sollten Sie dem Wohnhaus oder dem Arbeitsplatz von Mr Wallace Crone weniger als einhundertfünfzig Meter näher kommen oder an einem öffentlichen Ort ohne triftigen Grund die Grenze von fünfzehn Meter Abstand unterschreiten. Sie haben gegen diese Anordnung am 14. September verstoßen und geben diesen Verstoß zu. Die Staatsanwaltschaft zieht die Anklage wegen Tätlichkeit aufgrund Ihrer Gegenklage zurück, der zufolge Mr Crone Sie in der U-Bahn tätlich angegriffen hat. Beide Anzeigen wegen Tätlichkeit werden nun zurückgezogen. Ich bin bereit, das Strafmaß von einem Jahr zur Bewährung auszusetzen. Sie müssen die Termine bei Ihrer Bewährungshelferin wahrnehmen und eine Traumatherapie in Anspruch nehmen. Glauben Sie nicht, dieses Gericht sei blind gegenüber Ihrem Leid, Mrs White. Aber Sie sind einundvierzig, und das ist kein Alter, um auf die schiefe Bahn zu geraten. Sie müssen diese obsessive Fixierung auf Mr Crone in den Griff bekommen. In den Augen des Gesetzes ist er unschuldig, was die Ermordung Ihrer Tochter betrifft. In der Hoffnung, dass Sie sich an die genannten Vereinbarungen halten, stimme ich der Einigung im Strafverfahren zu.«
Und das war’s. Amanda verließ das Gerichtsgebäude mit den Kontaktdaten der Bewährungshelferin in der Tasche. Sie musste dort einen Termin vereinbaren und an einer gerichtlich angeordneten Traumatherapie teilnehmen. So ganz hatte sie nicht damit gerechnet, das Gerichtsgebäude an diesem Tag als freier Mensch zu verlassen. Mitleid. Das war der Grund. Staatsanwalt und Richter hatten Mitleid mit ihr gehabt wegen Jess. Amandas Lebensgeschichte war geprägt von schrecklichen Verlusten.
So war das nicht immer gewesen. Früher war ihr Leben anders gewesen, voller Hoffnung und Träume. Damals hatte sie geglaubt, sie, Luis und Jess könnten ihre Zukunft selbst gestalten.
Jess hatte es geliebt, Geschichten erzählt zu bekommen.
»Erzähl mir eine Geschichte«, bettelte sie Abend für Abend, wenn sie sich unter der Bettdecke eingekuschelt hatte. Kinder entwickeln eine Routine vor dem Schlafengehen. Für Jess hieß das Schlafanzug anziehen, auf die Toilette gehen und Zähne putzen – um anschließend von Luis eine Geschichte vorgelesen zu bekommen. Doch der wichtigste Teil ihrer abendlichen Routine bestand darin, sich auf die Suche nach Sparkles zu machen. Wenn Sparkles nicht neben ihr im Bett lag, rief sie laut: »Wo ist Sparkles? Wo ist Sparkles?«, und dann begann eine Suchaktion kreuz und quer durch die Wohnung. Jess brauchte kein neues Spielzeug. Ihr Zimmer war voll mit Plüschtieren und Puppen, sie besaß sogar ein kleines Puppenhaus für ihre wachsende Zahl von Sylvanian Families. Doch Sparkles war ihr absolutes Lieblingsplüschtier. Ein kleines, flauschiges weißes Einhorn mit einem glitzernden violetten Horn auf dem Kopf. Jess hatte es Sparkles getauft. Es sah billig aus, und in seinem Körper steckte nicht genug Füllung, sodass es immerzu schlaff herumlag. Jess hatte es als Vierjährige während eines Ausflugs nach Coney Island an einem Greifautomaten gewonnen. Es war ihr erster Versuch an diesem Automaten gewesen. Luis hatte Jess daraufhin überschwänglich gelobt, weil sie gewonnen hatte, doch Jess wollte es nicht gelten lassen.
»Ich habe nicht gewonnen. Sparkles wollte einfach mit mir nach Hause kommen!«, hatte sie an jenem Tag erklärt.
Normalerweise rief Jess nach Luis, worauf dieser ihr eine Gutenachtgeschichte vorlas, während Amanda nach dem Abendessen aufräumte oder sich der Suche nach Sparkles anschloss, weil Jess ohne das Kuscheltier neben sich nicht einschlafen konnte. Eines Abends aber war Amanda geblieben und legte sich auf den Boden von Jess’ Kinderzimmer. Jess, deren blonde Locken über ihr Kissen fielen, hatte sich Sparkles fest unter den Arm geklemmt.
Amanda hatte zugeschaut, wie Luis sich auf die Bettkante setzte und eines von Jess’ Büchern zur Hand nahm. Auf dem Cover war ein kleines Mädchen in einem Ruderboot auf stürmischer See zu sehen.
»Das hier? Noch einmal?«, hatte Luis gefragt.
Jess hatte genickt, hatte sich Sparkles zugewandt und diesen dann mit einer Bewegung ihres Handgelenks ebenfalls zustimmend nicken lassen.
»Also schön«, hatte Luis eingewilligt.
Amanda hatte gelauscht, wie Luis die Geschichte eines kleinen Mädchens vorlas, das auf einer winzigen Insel lebte. Dort hatte sie alles, was sie sich nur vorstellen konnte – Früchte, Fische und Gemüse –, und ihre ganze Familie liebte und beschützte sie. Doch das kleine Mädchen war völlig fasziniert vom Meer. Ihre Eltern erlaubten ihr jedoch nicht, mit einem Boot der Fischer rauszufahren, weil das zu gefährlich sei. Eines Nachts, als ihre Eltern schliefen, schlich sich das Mädchen aber auf eines der Boote und stieß es vom Ufer ab. Wenig später wurde die See rau und das Boot zum Spielball im Wind. Ohne Mondlicht konnte das kleine Mädchen nicht erkennen, wo ihre Insel lag.
»Sie bekam enorme Angst«, hatte Luis vorgetragen. »Es war dunkel und kalt, und sie wünschte, sie wäre nicht ungehorsam gegenüber ihren Eltern gewesen und wäre nicht mit dem Boot aufs Meer gefahren.«
Amanda erinnerte sich an Jess’ Augen. Groß und intensiv blau waren sie gewesen, beleuchtet von ihrer Nachttischlampe, und sie hing an Luis’ Lippen.
»Dann erblickte sie plötzlich ein Licht. Jemand hatte am Strand ein Feuer entfacht. Das kleine Mädchen ruderte und ruderte mit aller Kraft, kämpfte gegen Wellen an, die so hoch wie Berge waren, und schließlich gelangte sie zu ihrer Insel, und dort standen ihre Mutter und ihr Vater am Strand neben dem Feuer. Das kleine Mädchen fuhr nie wieder aufs Meer hinaus.«
»Wow!«, war es Amanda entfahren. »Das ist aber eine ziemlich beängstigende Geschichte. Alles in Ordnung, Jess?«
»Mir geht es gut«, hatte Jess versichert. »Sparkles war ein bisschen ängstlich, aber ich wusste ja, dass es dem Mädchen am Ende der Geschichte gut gehen würde.«
»Gute Nacht, Jess. Gute Nacht, Sparkles«, hatte sich Amanda verabschiedet, hatte Jess einen Gutenachtkuss gegeben und war dann Luis in die Küche gefolgt.
»Du bist ein guter Geschichtenerzähler«, hatte Amanda konstatiert.
»Übung macht den Meister«, hatte Luis erwidert und eine Flasche Rotwein entkorkt.
»Und ihr zwei seid mir richtige Künstlerinnen«, hatte er seinerseits gelobt, während er mit dem Kopf auf die beiden Leinwände wies, die auf Staffeleien trockneten. Auf der einen war Amandas neuestes Werk zu sehen, fast vollendet. Sie hatte den East River im Stil des Impressionismus festgehalten. Das andere Bild stammte von Jess. Amanda liebte es zu malen, aber noch mehr Freude fand sie darin, Jess beim Malen zuzusehen. Diese hatte sich von klein auf dafür begeistert, ihre pummeligen Finger in Ölfarben zu tauchen und diese, jauchzend vor Freude über die leuchtenden Farben, auf einer alten Leinwand zu verteilen.
»Noch ein, zwei Tage, dann ist mein Bild vollendet. Noch ein paar mehr Werke, dann habe ich wieder ausreichend für eine Ausstellung«, hatte Amanda erklärt.
Sie besaß Talent und hatte bei ihrer ersten Ausstellung in einer kleinen Galerie in SoHo sogar einige Werke verkauft.
»Mir gefällt das von Jess immer noch besser«, hatte Luis sie augenzwinkernd geneckt. »Wie wäre es übrigens, wenn ich mit Jess morgen früh in den Park gehe? Ich hatte eigentlich ein Treffen mit einem neuen Kunden vereinbart, aber es wurde in letzter Minute abgesagt. Dann hast du Zeit zum Arbeiten.«
Dieser Abend blieb Amanda in Erinnerung, weil er so vergnügt und herzlich, erfüllt von Liebe für ihren Mann und ihre Tochter gewesen war. Sie konnte ja damals nicht ahnen, dass es der letzte gemeinsame Abend sein würde.
Am nächsten Morgen hatte Luis sie mit einem Kuss geweckt. Ein Kuss, wie sie ihn schon tausendmal bekommen hatte. Luis stand immer früh auf und aß zum Frühstück eine Orange. Ohne Ausnahme. Sie konnte den Zitrusduft, der an seinen Händen haftete, riechen, und durch den Saft schmeckten seine Lippen noch süßer. Luis war in einer ländlichen Gegend Mexikos aufgewachsen. Als Kind hatte er auf dem Schulweg immer eine reife Navel-Orange vom Baum gepflückt und gegessen. Dieser Gewohnheit war er treu geblieben, auch nachdem seine Eltern nach Juárez gezogen waren. Ihre Schwiegereltern mochten sie nicht. Weil sie keine Katholikin war, waren sie nicht zu ihrer Hochzeit erschienen. Luis hatte vor, mit Jess nach Kalifornien zu reisen, um sie seinen Eltern vorzustellen, sobald seine Arbeit als Headhunter im Sommer dies erlauben würde.
Er reichte ihr ein Tablett mit Eiern, Toast und Kaffee, küsste sie noch einmal und sagte, er und Jess würden in den Park gehen und später zurückkommen.
Der letzte Kuss.
Drei Stunden später, als ihre Hände von Farbe verschmiert waren, erreichte sie der Anruf von Luis. Er war völlig außer sich. Nur einzelne Satzfetzen waren zu verstehen. Er atmete so schwer, dass er kaum etwas hervorbringen konnte.
Am See … Jess rannte voraus … Eiscreme … sah sie … mit einem Mann mit dunklen Haaren sprechen … Er nahm Jess’ Hand … Ich rannte … rannte … rannte … Polizei …
Rasch wurde eine Vermisstenmeldung in Radio und Fernsehen herausgegeben. Auch das NYPD schaltete sich schnell ein. Die Detectives Andrew Farrow und Karen Hernandez hielten ihre Hand und beruhigten auch Luis, der in helle Panik geraten war. Farrow übernahm weitestgehend das Gespräch. Er war ein großer, schlanker Mann. Er trug seinen Anzug nicht wirklich, er haftete eher an ihm. Der Detective hatte eine tiefe Stimme, und da war etwas in seinen Augen, das Amanda erkennen ließ, dass er verstand, was sie durchmachte. Farrow hatte schon oft mit Eltern zusammengesessen, die so etwas oder noch Schlimmeres durchgemacht hatten, und auf diese Weise mit ihnen gesprochen. In ihrer kleinen Wohnung wimmelte es von Polizisten, aber diese beiden Detectives waren das Einzige, was Amanda davor bewahrte, vollends den Verstand zu verlieren. Farrow versprach ihr, er werde Jess wieder nach Hause bringen. Er versprach auch Luis, er werde Jess nach Hause bringen.
Und das tat er.
Drei Tage später.
In einem kleinen weißen Sarg.
Jess war gerade einmal sechs Jahre alt gewesen, als sie ermordet wurde. Ihre Leiche war nackt in einem Müllcontainer in Queens gefunden worden. Das war am 25. April gewesen. Der Tag, an dem sich Amandas Leben für immer veränderte. Als man ihnen beiden mitteilte, dass ihre Tochter gefunden worden war, versagte Amanda die Stimme. Sie wimmerte nur noch, und Luis saß erstarrt da, wie betäubt. Er gab keinen Laut von sich, versuchte nicht, sie zu trösten, legte nicht den Arm um sie. Er gab sich die Schuld. In einem Moment hatte er sein Töchterchen noch im Blick gehabt und sich dann für wenige Sekunden abgewandt.
Eine Woche später beging Luis Suizid. Er hatte Amandas Schlaftabletten an sich genommen, die Wohnung verlassen und eine Flasche Wodka gekauft. Er checkte in ein Motel ein und checkte nie wieder aus.
Tochter und Vater wurden zusammen beerdigt. Amanda war nicht in der Lage, zur Beisetzung zu gehen, denn sie war ins Gracie Square Hospital eingeliefert und dort sediert worden. Während sie unter Beruhigungsmitteln vor sich hin dämmerte, flogen Luis’ Eltern aus Juárez ein, begruben ihren Sohn und ihre Enkelin und flogen wieder nach Hause zurück.
Drei Wochen später wurde Amanda aus dem Krankenhaus entlassen, um sofort danach eine Therapie zu beginnen. Es sollte die erste von vielen sein, die sie abbrach. Versucht hatte sie es: zwei verschiedene Trauerbegleiterinnen, eine Psychologin und ein Psychiater. Die Medikamente ließen sie schläfrig werden, und das Reden machte alles nur noch schlimmer. Für Amanda war der Verlust ihrer Tochter und ihres Mannes keine traumatische Veränderung in ihrem Leben – es war das Ende ihres Lebens.
Ihre Eltern waren beide verstorben, und weitere Verwandte hatte sie nicht, also lag es in den Händen anderer, zu versuchen, ihr Trost zu spenden. Arbeitskolleginnen, andere aufstrebende Künstlerinnen, alte Schulkameradinnen – sie alle kamen sie besuchen. Einige wechselten sich nacheinander ab. Doch es endete immer gleich. Sie setzten sich zu ihr auf die Couch und versuchten, mit ihr ins Gespräch zu kommen, hielten sie im Arm, wenn sie zu weinen begann – und verstummten schließlich.
Sie wussten nicht, wie sie sie trösten sollten. Sie begannen, an jedem ihrer Worte zu zweifeln, und fragten sich, ob sie ihrer Freundin mit ihren Besuchen wirklich einen Gefallen taten oder es nur noch schlimmer machten. Einige brachten ihr Essenspakete mit, Lasagne und Aufläufe, die sie aufwärmen konnte, es aber nie tat. Amanda nahm um ihretwillen ihre Anrufe irgendwann nicht mehr entgegen. Dennoch wurden weiterhin Essenspakete abgeliefert, braune Tüten von Whole Foods oder Obstkörbe. Amanda hasste die Obstkörbe. Wenn welche geliefert wurden, warf sie die Orangen sofort weg – ihr Geruch löste ein schmerzhaft leeres Gefühl in ihrer Brust aus. Das Einzige, was sie gelegentlich aufmunterte, waren Briefe von langjährigen Bewohnern des Seniorenheims, Männer und Frauen, die Amanda gepflegt und die ihren Aufstieg zur Pflegedienstleiterin miterlebt hatten. Diese Briefe, in altmodischer, krakeliger Handschrift verfasst, hellten ihre Stimmung auf – aber nur für wenige Augenblicke. Briefe waren in Ordnung, weil sie sie alleine lesen konnte. Anrufe von besorgten Freunden waren zu schwer zu ertragen.
Mittlerweile nahm Amanda nur noch die Anrufe von Farrow entgegen, der sie über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden hielt.
Farrow und Hernandez hatten auf den Aufnahmen der Überwachungskamera außerhalb des Parks einen Mann entdeckt. Er war die Park Avenue entlanggegangen und hielt ein kleines Mädchen an der Hand, nur wenige Minuten nachdem Jess verschwunden war. Immer mal wieder schien sich das Mädchen dem Griff des Mannes entziehen zu wollen. Die Polizei glaubte, dass es sich bei dem Mädchen um Jess handelte. Es trug die gleichen blauen Shorts, die gleichen weißen Turnschuhe und ein Einhorn-T-Shirt. Die beiden stiegen in einen schwarzen SUV mit gestohlenem Kennzeichen, aber das NYPD verlor das Fahrzeug auf den Überwachungsaufnahmen aus den Augen, als es die Insel verließ und nach Brooklyn fuhr.
Der Mann ähnelte jemandem, der bei ihnen bereits aktenkundig war. Ein Mann mit krimineller Vergangenheit. Sein Name war Wallace Crone, dreißig Jahre alt. Er war Börsenmakler bei einer großen Firma an der Wall Street und im Alter von einundzwanzig wegen sexuellen Missbrauchs einer Dreizehnjährigen verhaftet worden. Er wurde von einem Staranwalt verteidigt, dessen Honorar von Crones vermögenden Eltern bezahlt wurde, und kam mit einer Geldstrafe und Bewährung davon, nachdem die Anklage auf die Abgabe von Alkohol an Minderjährige reduziert worden war. Mit fünfundzwanzig wurde er wegen Besitzes von kinderpornografischen Aufnahmen festgenommen. Es folgten eine weitere Geldstrafe und erneute Bewährung, aber dieses Mal wurde er in das Register der Sexualstraftäter aufgenommen. In jeder anderen Welt hätte dies den Verlust seines Arbeitsplatzes nach sich gezogen – aber nicht, wenn der eigene Vater Inhaber der Firma ist.
Manche Menschen, und zwar die mit viel Geld und großem Einfluss, müssen niemals so für ihre Vergehen bezahlen, wie es bei Normalsterblichen der Fall ist. Farrow hatte Amanda gesteckt, dass Wallace Crone derjenige welcher sei. Er war schon einmal wegen Mordes an einem anderen Kind verhaftet und verhört worden, lange bevor Jess getötet wurde – ein kleines, neunjähriges Mädchen. Farrow war der ermittelnde Detective in diesem Fall gewesen und hatte eine ziemlich umfangreiche Akte über Wallace Crone angelegt. Wenn er bei ihr vorbeischaute, um zu sehen, wie sie zurechtkam, und um sie über den Stand der Ermittlungen zu informieren, teilte er mit Amanda häufig offen seine Meinung zu Crone. Crone war einer der gefährlichsten Sexualstraftäter, denen Farrow jemals begegnet war.
»Ob Sie’s glauben oder nicht, diejenigen, die gleich zu Beginn ihrer kriminellen Laufbahn gefasst und dann wieder auf freien Fuß gesetzt werden, sind die wirklich Gefährlichen. Crone war wegen Vergewaltigung und Kinderpornografie festgenommen worden. Das sind zwei Vergehen. Ihm war klar, dass ihm niemand mehr den Hals retten kann, wenn er bei der nächsten Straftat erwischt wird, egal wie viele Topanwälte sein Vater für ihn auflaufen lässt. Deshalb sorgt er dafür, dass er keine Zeugen hinterlässt. Deshalb haben wir Emily nicht lebend gefunden.«
»Emily? Ist das der Name der Neunjährigen?«, fragte sie nach.
Farrow nickte. »Emily Dryer. Ihr Vater war ein Freund der Crones gewesen. Wallace Crones Vater, Henry Crone, besaß eine Villa in der Park Avenue, und die Dryers besuchten sie dort von Zeit zu Zeit. Ihre kleine Tochter Emily schwamm gerne im Pool im Souterrain der Villa. Wallace Crone war offenbar mit Emily befreundet gewesen. Mehr als befreundet. Er schwamm gemeinsam mit ihr, las ihr vor, sie spielten zusammen Verstecken. Emilys Vater sagte aus, Wallace Crone sei wie ein Onkel für sie gewesen. Er hatte keine Ahnung, dass Wallace ein Sexualstraftäter war. Wir schon. Als sie verschwand, geriet er aufgrund seiner Vergangenheit sofort unter Verdacht.«
Er nahm einen Schluck Kaffee, beugte sich auf Amandas Couch sitzend vor und starrte auf den Boden.
»Es gab nichts, was ihn mit ihrem Verschwinden in Verbindung brachte, außer dass die beiden sich kannten.«
»Sie sagten, sie wurde ermordet.«
Farrow nickte. »Wir haben Crone festgenommen und verhört, aber nichts aus ihm herausbekommen. Ich weiß, dass er dieses Mädchen getötet hat. Ich konnte es in seinen Augen sehen. Er hat sich nicht verändert. Monster wie er tun das nicht, sorgen aber stattdessen dafür, dass sie nicht erwischt werden. Sie lassen ihre Opfer nicht mehr am Leben. Wir haben Emilys Leiche in einem Müllcontainer gefunden.«
Fluchend stand Amanda auf und begann im Raum auf und ab zu tigern.
»Aber in Jess’ Fall sind die Umstände anders als bei Emily, oder? Da sind doch die Aufnahmen der Überwachungskamera. Diesmal können Sie ihn festnehmen.«
»Ja. Ich hoffe nur, dass das ausreicht.«
Es war das erste Mal, dass sie etwas Stichhaltiges gegen Crone in der Hand hatten. Videobeweismaterial. Sie durchsuchten seine Wohnung, sein Büro, sein Ferienhaus in Aspen. Es gab keinerlei forensische Beweise, die ihn mit Jess oder dem Fahrzeug in Verbindung brachten, das sie auf den Aufnahmen gesehen hatten. Dennoch waren sie sich sicher, dass er es war, der auf den Videoaufnahmen zu sehen war, sodass sie ihn verhafteten und Anklage gegen ihn erhoben.
Ganze fünfunddreißig Tage lang sah es so aus, als würden Jess und Luis Gerechtigkeit erfahren. Am letzten Tag setzten Crones Anwälte jedoch die Abweisung der Anklage in einem Vorverfahren durch. Es gab nicht einmal eine Jury, nur einen Richter. Der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt musste es mit einer regelrechten Armada von Wall-Street-Anwälten aufnehmen, die geltend machten, das Filmmaterial sei nicht scharf genug – und natürlich stützte sich Crone auf ein Alibi, das sein Vater ihm gab. Nach der Anhörung rief Farrow Amanda nicht an, sondern kam gleich bei ihr vorbei.
Sie saßen in ihrer Wohnung und weinten beide um Jess und Luis.
Das war das letzte Mal gewesen, dass Amanda Tränen vergossen hatte.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Amanda schließlich.
»Wir können gar nichts tun, außer zu warten, bis er versucht, ein weiteres Kind zu entführen«, erwiderte Farrow.
»Aber Sie können ihn nicht rund um die Uhr observieren«, stellte sie fest.
»Nein, das schaffe ich nicht. Niemand kann das. Ich bin mir aber völlig sicher, dass Crone wieder zuschlagen wird. Und dieses Mal werden wir ihn nicht davonkommen lassen«, versicherte Farrow.
»Ich werde ihn im Auge behalten«, erklärte Amanda. »Ich werde nicht zulassen, dass so etwas noch einem weiteren Kind passiert.«
»Amanda, ich halte das für keine gute Idee«, wandte Farrow ein.
Sie versicherte ihm, sie würde dafür sorgen, dass Crone sie nicht bemerkte, dass sie ihn aus der Ferne observieren würde. Und so beobachtete Amanda Wallace Crone monatelang. Sie legte Akten über ihn an. Diese umfassten Fotos, Zeitungsartikel, Notizen über seinen Tagesablauf, den Inhalt seiner Mülltonne, sein Gesellschaftsleben, seine Arbeit …
Mochte Amanda auch wie besessen Informationen sammeln, so hatte sie doch keinerlei Erfahrung darin, wie man bei einer verdeckten Observierung vorgeht. Zumindest anfangs nicht. Crone entdeckte sie mehrfach und zeigte sie an. Farrow gelang es zunächst, die Wogen zu glätten, aber nur so lange, bis Crone eine einstweilige Verfügung beantragte, die binnen kürzester Zeit auch durchgesetzt wurde. Amanda fehlte das Geld für einen Anwalt. Stattdessen machte sie sich schlau. Sie verschlang alle Bücher über das Observieren, die sie auftreiben konnte, sah sich stundenlang YouTube-Videos an und schien dadurch in der Lage zu sein, ihre Überwachung den größten Teil des Tages unentdeckt aufrechtzuerhalten. Bald kannte sie seine Gewohnheiten in- und auswendig, plante ihre Überwachung, machte sich Notizen und wurde immer besser. Genau so, wie sie früher jedes wichtige Lebensziel geplant hatte. Sie wusste, was sie wollte, und setzte alles daran, ihr Ziel zu erreichen.
Sie kannte seinen Weg zur Arbeit, wusste, wo er essen ging, kannte sein Fitnessstudio, seine Termine, seine Vorliebe für blutjunge Callgirls. Über Letzteres hatte sie Farrow informiert. Sie notierte sich alles haarklein. Sie beobachtete, wie Mädchen, die viel zu jung waren, um spätabends alleine unterwegs zu sein, das Haus betraten, in dem Crone wohnte, und in der Lobby warteten. Manchmal ging er mit ihnen in ein italienisches Restaurant oder eine Bar in seinem Viertel und dann zurück zu seiner Wohnung. Meistens ließ er sie jedoch einfach hochkommen. Wäre er nicht gelegentlich mit ihnen ausgegangen, hätte Amanda gar nicht gewusst, dass sie ihn aufsuchten. Sie hatte keine Möglichkeit, einen Blick durch die Fenster seiner Wohnung zu werfen. Eines dieser Mädchen hätte zu ihm hinaufgehen und nie mehr erscheinen können.
Amanda nahm ihre Arbeit nicht wieder auf. Anfangs brachte die Leitung des Seniorenheims Verständnis für sie auf, doch im Laufe der Monate ließ dieses nach. Amanda wurde entlassen und erhielt nur eine kümmerliche Abfindung. Rechnungen und die überfälligen Mietforderungen stapelten sich in Briefumschlägen, die sie ungeöffnet in eine Küchenschublade stopfte. Ihr war nur eines wichtig: eine andere Familie vor dem zu bewahren, was sie durchgemacht hatte, und Gerechtigkeit für ihre kleine Tochter zu erlangen.
Als sie dann eines Abends im August in ihrem Volvo gegenüber von Crones Wohnhaus saß und ihn Arm in Arm mit einem dunkelhaarigen asiatischen Mädchen wegfahren sah, klopfte jemand an die Fensterscheibe der Beifahrertür.
Farrow. Er setzte sich auf den Beifahrersitz, wofür er etwas Zeit brauchte; er beugte sich langsam vor, setzte einen Fuß hinein, ließ sich nieder und hob das andere Bein hinein. Dabei biss er sich auf die Lippen und stieß einen ächzenden Laut aus.
»Wie geht es Ihrem Rücken?«, fragte Amanda.
»Was denken Sie? Vergessen Sie meinen Rücken. Ich habe gerade einen Anruf von einem Kollegen vom Revier bekommen. Er hat mich darüber informiert, dass eine Anzeige gegen Sie eingegangen ist, weil Sie sich nah vor diesem Gebäude aufhalten und damit gegen Ihre Auflagen verstoßen. Der Sergeant dort ist ein guter Mann und hat mich direkt informiert. Sie müssen nach Hause fahren, Amanda. Es tut mir leid. Ich habe das Gefühl, Sie zu dieser ganzen Sache verleitet zu haben, und das war falsch von mir. Ich habe einen Fehler gemacht. Werfen Sie nicht Ihr Leben weg für diesen Dreckskerl.«
Amanda zündete sich eine Zigarette an, öffnete das Fenster einen Spalt und sagte schließlich: »Mein Leben ist so oder so schon vorbei. Es ist mir gleichgültig, ob sie mich ins Gefängnis stecken. Sobald ich wieder rauskomme, fange ich erneut damit an.«
Er stieß einen Seufzer aus. »Ich wollte Ihnen das eigentlich gar nicht erzählen, aber sie haben Jess’ Fall diese Woche auf Eis gelegt.«
»Auf Eis? Heißt das zu den Akten gelegt?«
»Mehr oder weniger. Es gibt keine weiteren Verdächtigen und keine neuen Beweise gegen Crone. Seine Anwälte haben Druck auf den Commissioner ausgeübt, der daraufhin Druck auf meinen Chef ausgeübt hat, der wiederum mich angewiesen hat, die Sache im Sand verlaufen zu lassen. Amanda, er wird für dieses Verbrechen nicht bezahlen. Und er ist zu gerissen, um ein Risiko einzugehen, bei dem Verdacht, der auf ihm lastet. Das Einzige, was wir tun können, ist, es auf sich beruhen zu lassen.«
»Auf sich beruhen lassen? Er hat meine Tochter ermordet!«
»Und vielleicht noch andere, aber er wird für keine dieser Taten auch nur einen Tag im Gefängnis schmoren. Damit müssen Sie sich abfinden.«
»Sie wissen, dass das Mädchen, mit dem er heute Abend zusammen ist, wahrscheinlich minderjährig ist und als Escort-Girl arbeitet.«
»Das ist uns bekannt, und die Sitte weiß es auch. Im Hintergrund läuft eine größere Operation. Sie wollen Hunderte von jungen Mädchen aus den Fängen von Menschenhändlern befreien und die ganze Organisation auffliegen lassen. Sie werden es nicht aufs Spiel setzen, indem sie Crone wegen Unzucht verhaften, nur damit ihm ein wohlwollender Richter einen Klaps auf die Finger geben kann, selbst wenn es sein drittes Mal vor Gericht ist. Fahren Sie nach Hause.«
Amanda hatte zugestimmt, noch am gleichen Abend nach Hause zu fahren und nicht mehr zurückzukommen. Sie willigte auch ein, die Stadt ein Weilchen zu verlassen und Urlaub zu machen, um den Kopf freizukriegen. In dieser Zeit kaufte sie sich im Darknet eine Waffe und fuhr in die Wälder im Landesinneren, um Schießübungen zu absolvieren.
Wenn das Gesetz Crone nicht zur Rechenschaft ziehen würde, blieb Amanda nur eine Wahl. In ihrer Vorstellung war alles klar. Sie würde ihn töten. Oder sich selbst. Nein, besser erst einmal ihn. Ihn in der U-Bahn zu erschießen, war ihr bester Plan gewesen. Und er war gescheitert....Ende der Leseprobe
