Killerkarpfen - Maria Publig - E-Book

Killerkarpfen E-Book

Maria Publig

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Beschreibung

Die Wiener PR-Lady Walli Winzer schwebt auf Wolke sieben, denn ihr Urlaubsflirt will sie im Waldviertel besuchen! Schnell soll noch ein Bauerngarten angelegt werden. Aber Walli fehlt dazu der grüne Daumen. Sie engagiert eine junge Gärtnerin, doch die ist einem Familiengeheimnis auf der Spur. Als sich dann auch noch ein Karpfenteichbesitzer als Rüpel herausstellt, beim Dorfpolizisten Grubinger der Haussegen schief hängt und ein Toter als Vogelscheuche in ihrem Gemüsebeet auftaucht, muss Walli ermitteln.

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Maria Publig

Killerkarpfen

Waldviertel-Krimi

Zum Buch

Im Netz der Idylle Die Wiener PR-Lady Walli Winzer schwebt auf Wolke sieben und geht unter die Hobby-Gärtnerinnen: Ihr schwedischer Urlaubsflirt Björn will sie im Waldviertel besuchen. Doch Wallis mangelnder grüner Daumen macht sich schnell bemerkbar, und so engagiert sie eine junge Gärtnerin. Als sich ein Karpfenteichbesitzer als besonderer Rüpel herausstellt und kurze Zeit später ein Toter als Vogelscheuche aufgemacht in Wallis Gemüsebeet auftaucht, ist Alarm angesagt. Der Tote ist im Dorf kein Unbekannter, seine Beliebtheit hielt sich allerdings in Grenzen. Doch die Bevölkerung schweigt. Sogar Dorfpolizist Grubinger steht vor einem Rätsel und ist überhaupt nahe dran, rot zu sehen! Vor allem, weil seine Resi zusehends Gefallen an städtischen Gepflogenheiten findet, die ihm grundsätzlich suspekt sind. Aber nicht nur das: Eine Umweltaktivistin samt Freundin sorgt im Dorf für jede Menge Unruhe und Haubenkoch Hannes, Österreichs beliebtester TV-Koch, wird im Ort von Fans belagert. Walli Winzer ermittelt im dörflichen Durcheinander.

Maria Publig wurde in Wien geboren und verbrachte mit ihrer Familie viele Sommer im südlichen Waldviertel. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Journalistin für Tages- und Wochenzeitungen. Später wechselte sie als Moderatorin und Redakteurin zum ORF. Bevor sie sich dem Krimischreiben zuwandte, schrieb sie Kultursachbücher, die international ausgezeichnet wurden. Wovon sie überzeugt ist: Für gute Gedanken und Kreativität muss man sich Zeit nehmen. Die gönnt sie sich zwischendurch – ziemlich oft im Waldviertel.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Waldviertelfluch (2020)

Killerkarpfen (2019)

Waldviertelmorde (2018)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2020

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Bildagentur Zoonar GmbH /

shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-5986-3

Widmung

Allen Liebenden gewidmet

Zitat

Wenn jemand schwach gehalten wird, wird er irgendwann auch wirklich schwach werden.

Simone de Beauvoir

Prolog

Es war finster, und ich fror.

Wie lange ich schon hier in diesem Verlies saß, wusste ich nicht mehr. Es fühlte sich für mich auf jeden Fall wie eine Ewigkeit an.

Meine Erinnerungen an draußen, an das Tageslicht, an die Umgebung waren weit weg.

Als sei es in einem anderen Leben gewesen. Dabei konnte das nicht sein.

Im Dunkeln aufzuwachen, das hatte ich schon öfter erlebt.

Weggesperrt zu werden. Auf Zeit.

Bisher.

Für Stunden, einen Tag.

Ohne Essen.

Doch diesmal war es anders. Es gab Essen. Irgendwann.

Und zu trinken. Manchmal.

Ich hatte Durst, merkte ich.

Wie ich hierhergekommen war? Keine Erinnerung.

Ich wusste nur so viel, dass ich bereits öfter aufgewacht war, daher länger hier sein musste. Und ich hatte Wurstbrote gegessen. Sie schmeckten nach daheim. Nach dem Brot und nach der Wurst, die wir zu Hause hatten.

Das beruhigte mich.

Manchmal, wenn ich etwas angestellt hatte, landete ich bei uns im Keller. War es diesmal wieder so gewesen?

Aber ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Sonst war es nicht so. Warum jetzt?

Verzweiflung!

Ich lag am Boden. Er war feucht und glitschig. Mir war kalt.

Obwohl ich eine Decke hatte. Doch sie besaß bereits eine Schwere, die sie nur haben konnte, wenn sie sich schon längere Zeit unter der Erde befand. Wie ich.

Hier im Keller.

In welchem? Um Gottes willen? Ich wollte es endlich wissen. Musste es endlich wissen!

»Lieber Gott, bitte lass mich hier nicht verkommen. Ich will in Zukunft alles machen, was du mir sagst. Immer brav sein. Nichts mehr anstellen, wie ich es sonst manchmal mache. Aber ich mein’s ja nicht bös. Es passiert halt. Aber wenn du willst, wird das in Zukunft anders werden. Das verspreche ich dir!

Ich will nur raus! Bitte!

Bitte, tue was! Hilf mir!«

Ich schlug die Hände vors Gesicht. Das tat weh. Ich zuckte zusammen.

Um Genaueres zu ertasten, legte ich meine Finger sanft auf die Haut und spürte mehrere Schwellungen. Dann fuhr ich auch das Haar entlang. Ich war also geschlagen worden. Deshalb tat mir mein Kopf weh. Diese rasenden Kopfschmerzen!

Ich versuchte, mich aufzurichten. Es ging nicht. Ich merkte, wie sich um mich herum alles drehte, obwohl ich nichts sehen konnte. Aber ich fühlte es.

Ich kroch den Boden entlang und ertastete einige kleine Erdhäufchen. Ich hatte sie als Orientierung für mich von einer Seite des Raums zur anderen errichtet, erinnerte ich mich plötzlich. So konnte ich mich besser zurechtfinden.

Ich wusste jetzt, dass am anderen Ende des Pfades mein Glas Wasser stehen würde. Letztens hatte ich darin noch ein wenig übrig gelassen. Ich wollte es erreichen. Musste es erreichen, bevor ich ohnmächtig werden würde.

Mit diesem Gedanken meldeten sich meine Lebensgeister zurück. Einen Weg finden! Hier herauskommen.

Ich wollte mein Ziel möglichst schnell erreichen. Ich bewegte meinen Körper abrupt.

»Ah!«, stöhnte ich auf. Höllische Schmerzen durchfuhren mich.

Ich ließ mich wieder auf den feuchten und kalten Lehmboden des Kellers zurückfallen und krümmte mich. Das Atmen fiel mir schwer. Ich durfte nur nicht meine Bauchdecke anspannen, sonst würde jede Bewegung noch unerträglicher. Jemand musste mich getreten haben. Auch Schultern und Rücken konnte ich kaum bewegen, als hätten mich zuvor harte Gegenstände oder eine kräftige Hand mehrmals getroffen.

Was war passiert? Weiterhin Blackout.

»Mama, bitte hilf mir! Lass mich nicht allein! Ich will ja wieder brav sein. Bitte! Und sag mir, was ich falsch gemacht habe. Ich will’s auch nicht mehr tun!«

Es raschelte plötzlich. Ich drehte mich zur Seite, um das Geräusch besser orten zu können.

Kam endlich jemand? Mama?

Ich hörte genauer hin. Es war ein Scharren, das ich jetzt vernahm. Ich robbte am Boden ein wenig in die Richtung, aus der das Rascheln kam.

Kurz darauf erschrak ich! Irgendetwas sprang mich an. Und noch etwas. Instinktiv schlug ich um mich.

Ach! Nein!

Meine Hand brannte. Kleine Lebewesen krochen an mir entlang und ließen sich kaum von mir abwimmeln. Ich war gebissen worden! Waren es Mäuse, die sich die Krümel meines Wurstbrots holen wollten? Oder Ratten, die nur darauf warteten, dass ich hier drin endlich verreckte!

Meine Hand schmerzte. Ich führte sie zum Mund und saugte instinktiv am Blut, das aus der Wunde trat.

Es schmeckte metallen. Mir ekelte.

Gegen alle Erwartung spuckte ich es nicht aus, sondern versuchte, das Blut herunterzuwürgen. Mein Durst war unerträglich geworden, weshalb mir mein eigenes Blut sogar gelegen kam.

Widerlich!

»Bitte, helft mir. Ich will hier nicht verrecken!«

Nein! Nicht weinen. Auch, wenn mir gerade danach war. Das wäre das Letzte gewesen, was ich jetzt hätte brauchen können, noch mehr Flüssigkeit zu verlieren. Aus meinem Körper. Aus meinem geschundenen, gequälten Körper.

»Lieber Gott, erhöre mich!«

Trinken. Etwas zu trinken finden!

Ich biss die Zähne zusammen und kroch einige Meter weiter, bis ich mit den Fingern an den Rand eines Tellers stieß. Zitternd vor Erregung tastete ich ihn nach etwas Essbarem ab, hob den Teller dabei hoch.

Er entglitt meiner Hand und zerbrach.

Verzweifelt suchte ich weiter und umfing eine der spitzen Scherben, die ich ertasten konnte. Ich hielt sie so fest, dass sie sich in mein Fleisch drückte. Warum ich das tat, wusste ich nicht.

Plötzlich ein Geräusch draußen! Schritte. Ein Lichtstrahl drängte sich durch die Ritzen dieser Kellertür, die mich gefangen hielt.

Ich wartete, saß dicht neben ihr.

Jemand löste den schweren Schieber. Die Tür öffnete sich.

Freiheit, Erlösung – gleich um welchen Preis.

1. Kapitel

Welcher Teufel hatte sie nur wieder geritten, auf diese wackelige Leiter zu steigen? Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Passieren konnte das nur, weil sie noch so aufgewühlt von ihren Urlaubserlebnissen war. Sie wollte sich daher mit irgendeiner Tätigkeit ablenken. Und ihr erster Blick war auf die lockeren Dachziegel ihres Wochenendhauses, eines ehemaligen alten Schulhauses, gefallen.

Walli Winzer stand jetzt mitten auf der Leiter, die sie vorher nur mühsam aus der Halterung der seitlichen Hauswand hatte heben können. Sie überlegte einen Moment lang umzukehren. Doch das beinhaltete das gleiche Risiko, wie den Weg hinauf fortzusetzen. Vor allem unter den unsicherenUmständen, die sie gerade vorfand. Jeden Schritt wollte sie mit Bedacht und in gleichmäßigem Rhythmus setzen. So konnte es klappen, und nichts würde passieren. Sie beschloss daher, weiter nach oben zu klettern.

Dort angekommen, würde sie sich vorsichtig an der Dachrinne festhalten. Sie würde abwarten, bis sich ihr Untergrund stabilisiert hatte. Sie brauchte sich nur ein wenig vorzubeugen und hätte die Ziegel im Handumdrehen in Griffweite. Doch dafür musste sie Ruhe bewahren und sich Zeit lassen. Zeit, die sie generell brauchte. Zeit, die zuvor in ihrem Berufsleben knapp geworden war. Zeit, die sie sich einfach für sich selbst nehmen wollte, und die ihr in den letzten Jahren abhandengekommen war. Schleichend. Ohne dass sie es gemerkt hatte. Sie wollte wieder zu Ruhe und Kräften kommen.

Walli Winzer ärgerte sich im selben Moment. Speziell über sich selbst. Über ihre Impulsivität. Über ihre Rastlosigkeit, die sie zeitweise überkam und mit der sie ihre Vorhaben vorantrieb. Über den Kick, den sie brauchte, um zu Höchstleistungen aufzulaufen.

So wie jetzt.

Diese gefährliche Situation hatte sie doch gar nicht notwendig! Gottverlassen auf dieser albernen Leiter zu stehen. Sich unnötig in Gefahr zu bringen! Sich vor eine derartige Herausforderung zu stellen, die sie bewusst nie so herbeigeführt hätte.

Warum hatte sie die möglichen Auswirkungen dieser Situation nicht schon vorher bedacht? Das wäre abzuschätzen gewesen: Die Leiter war aus Holz, ziemlich lang und musste sich daher bedrohlich in der Mitte durchbiegen.

Sie dachte derzeit einfach zu wenig nach, ließ sich treiben.

Ihre Instinkte waren nur auf Stand-by geschaltet.

Die Gefahr hatte sie erst bemerkt, nachdem es schon zu spät war. Sie war eben temperamentvoll, sagte sie sich. So ging sie alles in ihrem Leben an.

»Mist!«, ärgerte sich Walli Winzer.

Sie fühlte, wie sich ihre Wangen halb vor Zorn, halb vor Erregung erröteten.

Hoffentlich befand sich zumindest noch so viel Elastizität in diesem morschen, alten Ding, dass es nicht ausgerechnet in diesem Augenblick auseinanderbrach. Das würde gerade noch fehlen!

Die Holzleiter ragte vier Meter in die Höhe und war an das Sims des Gebäudes angelehnt. Es war frisch renoviert und bot ausreichend Halt. Zumindest vorübergehend.

In diesem Moment erkannte Walli allerdings, dass sich etwas ganz anderes besorgniserregend auszuwirken begann: die ungleichmäßige Verteilung ihres Körpergewichts. Und das war für sie das eigentlich Furchterregende!

Erneut schwankte die Leiter.

Sie blickte hinunter. Ein Adrenalinstoß versetzte sie in Panik. Im Affekt klammerte sie sich fester an den Rahmen und legte den Körper auf die vor ihr liegenden Sprossen. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, alle Kraft einzusetzen, um sich leichter zu machen. Sie verlegte ihre gesamte Konzentration auf die obere Körperregion und hatte dabei das Gefühl, dass es ihr gelang. Die Leiter begann sich zu stabilisieren und wieder ihre ursprüngliche Position einzunehmen.

Doch ausgerechnet heute an ihre Problemzonen erinnert zu werden, wo sie erschöpft und übernächtigt von der Reise gedanklich noch nicht einmal richtig angekommen war, fand sie bitter.

Und schuld daran war dieses Ding da!

Seine Ermüdung hatte sie dem Holzungetüm zuvor nicht angesehen. Es sah zwar so aus, als hätte es schon einige Jährchen hinter sich. Sie hatte jedoch nicht gedacht, dass ihr Aufstieg Richtung Hausdach zu einer Zitterpartie ausarten würde.

Und nun mal ehrlich: Wegen der wenigen Kilos über ihrem Idealgewicht bricht doch nicht gleich die Welt zusammen!

Ihr Gewicht konnte für deren Durchhänger nicht allein verantwortlich sein. Das hoffte sie insgeheim.

Walli Winzer wusste natürlich, dass sie in den letzten Jahren ihre Garderobe regelmäßig um eine Konfektionsgröße hatte erweitern müssen. Das hatte natürlich auch den Vorteil, dass sie neue Kleider brauchte. Und so war sie stets in aktuelle Designermode gekleidet.

Ein paar Kilo mehr waren ein wunderbarer Vorwand, um auf Shoppingtouren zu gehen! Denn unnötig Geld zum Fenster rauswerfen, wollte sie nicht. Ihre Einkäufe sollten sich lohnen.

Meist zog Walli stilsicher an anderen Frauen vorbei. Sogar ihre größten Konkurrentinnen in der modeorientierten PR-Branche warfen ihr diesbezüglich noch einen zweiten Blick zu. In diesen Momenten fiel ihr die allgemein bekannte Behauptung ein, dass Frauen sich weniger für Männer als für die kritischen Blicke ihrer Geschlechtsgenossinnen zurechtmachenwürden. Das konnte sie bestätigen. Sie genoss mindestens ebenso die Blicke anderer Frauen wie die aufmerksamen des anderen Geschlechts.

Sie kaschierte manche Rundung gekonnt und nahm diese gelassen als Folge ihrer großen Leidenschaft für alle schönen Dinge des Lebens hin. Dazu zählten gute Küche und selbstverständlich – Männer.

Sie liebte den Esprit, den ihre stummen Schlachtrufe im Kampf um lukrative Werbeaufträge befeuerten. Und sie liebte die versöhnlichen Soireen nach Abschluss erfolgreicher Projekte. Walli Winzer war immer und überall in ihrem Element. Es musste sich bloß für sie ständig etwas tun. Manchmal sogar bis zur Erschöpfung. Und das nicht nur für sie, sondern auch für ihre Umgebung.

Das war ihr vor allem im letzten Jahr bewusst geworden, als ihre Kräfte ganz allgemein begonnen hatten nachzulassen und als jede Anforderung sie bereits im Vorfeld mitnahm.

Als Walli Winzer jetzt daran dachte, atmete sie schwer. Sie fühlte, wie ihr Schweiß aus den Poren trat. Sie sog die Luft mit offenem Mund tief ein und presste dabei ihre Lippen zwischen die Zähne, um durch die Nase auszuatmen. Einige Symptome ihrer Erschöpfung waren also noch immer vorhanden, wurde ihr wieder bewusst. Auch wenn sie nicht mehr so heftig wie noch vor Kurzem waren.

Vor einigen Wochen hatte sie den richtigen Entschluss gefasst, endlich allen Anforderungen zu entfliehen, auf niemanden Rücksicht zu nehmen und nur noch für sich selbst da sein zu wollen. In Österreichs nördlichem Ende der Welt, im Waldviertel von Niederösterreich. In Großlichten. Hier, wo bereits Mitte September die ersten welken Blätter sanft im Wind tanzten.

Ihre beste Freundin Lena hatte Walli Anfang des Jahres dazu überredet, sich hier ein Wochenendhaus zu kaufen. Doch statt durch die Wälder zu streifen oder die wunderbaren Wanderrouten der Umgebung zu erkunden, waren bisher ihre Kombinationsgabe und ihre Hartnäckigkeit gefragt gewesen. Schließlich hatten sich Mordfälle ereignet, zu deren Aufklärung sie maßgeblich beigetragen hatte. Zur Überraschung von Dorfpolizist Grubinger und allen anderen. Doch jetzt war Schluss damit!

Am besten wäre, möglichst rasch das Weite zu suchen, um endlich Ruhe zu haben.

Südschweden war ihr eingefallen.

Das Seehotel lag abgeschieden direkt am Waldrand und hatte nur wenige Zimmer. Eine Trainingsgruppe von Führungskräften und einige Urlaubspaare teilten sich das Seeufer. Es war idyllisch!

Und dann kam – er!

Walli hielt bei diesem Gedanken auf der Leiter kurz inne und schloss ihre Augen. Sie verspürte einen Hauch von Wohlgefühl, als sie die Bilder von Björn Johansson am Ufer des Waldsees gedanklich abrief: groß, humorvoll, braun gebrannt und erbarmungslos sexy. So hatte sie sich ihren Urlaub vorgestellt!

Durch ihren heftigen Seufzer ruckelte die Leiter wieder, was Walli sofort in ihre schnöde Wirklichkeit zurückholte. Als Top-Werbefachfrau konnte sie von Haus aus Situationen ziemlich gut einschätzen. Also sollte sie sich nicht aberwitzig etwas vormachen: Weshalb sollte ihr Abenteuer weit weg von den einsamen Buchten Südschwedens weitergehen? Und weshalb sollte Björn nach Großlichten kommen, diesem kleinen, verschlafenen Ort im südlichen Waldviertel? Unvorstellbar!

Hallo, Walli, wach auf, rüttelte ihr Realitätssinn eindringlich an ihrer getrübten Wahrnehmung.

Noch dazu fiel ihr gleich wieder ihr ewiges Thema »Abnehmen« ein. Das sollte sie wieder einmal in den Griff bekommen. Vor allem am oberen Ende der Leiter ankommen.

Es waren wenige Sprossen bis zu diesen verrutschten Dachziegeln.

Sie hatte von unten festgestellt, dass zwei von ihnen nur noch an einem Nagel hingen. Das weiße ungeschliffene Fichtenholz des Dachstuhls unterhalb blitzte schon durch. Ein harter Schlag musste sie verschoben haben. Einige Äste ihrer alten Birke, die sich dicht neben dem Haus befanden, könnten die Ursache dafür gewesen sein. Sie würde sie zurückschneiden lassen, damit so etwas nicht mehr vorkäme, nahm sie sich vor.

»Waaarum bin ich nur selbst heraufgestiegen?«, grummelte Walli laut vor sich hin, als würde sie dadurch ihren Gleichgewichtssinn stärken. Je länger sie sich machte, desto stärker begann die Leiter unter ihr zu wackeln. Sie streckte ihre Arme nach den lockeren Ziegeln aus.

Nie war es ihr in den Sinn gekommen, nur irgendeine handwerkliche Tätigkeit selbst auszuüben. Nur heute war ihr danach gewesen.

Irgendwie überkam sie die Sehnsucht, sich ein gemütliches Heim zu schaffen. Sie hatte sich zuvor kaum Zeit genommen, ihr kürzlich gekauftes altes Schulhaus für sich einzurichten. Das Architektenbüro hatte auch ihren Umzug veranlasst und alle Möbel irgendwie arrangiert. Walli musste sich erst zurechtfinden.

Nur ihr Kater Filou, der jetzt interessiert auf dem Gelände vor der Einfahrt lag, hatte sich rasch eingelebt und gab eindeutig den Ton im alten Schulhaus an. Zumindest kam es ihr so vor, als hätte er sehr schnell den vollen Überblick über die verborgenen Winkel ihres kleinen Anwesens erhalten.

Immerhin war er es gewesen, der vor wenigen Wochen bei der Jagd nach dem Tierarztmörder fleißig mitgeholfen hatte. Er hatte sich ihm einfach in den Weg gestellt. Dass Katzen über besondere Instinkte für spezielle Situationen verfügten, davon war sie nach dieser Aktion absolut überzeugt. Walli schätzte mittlerweile auch Filous beruhigende Wirkung – zumindest so lange, bis ihm wieder der nächste Streich einfiel. Und davon hatte sie bereits einige miterlebt. Doch jetzt lag die Tigerkatze still und friedlich da und schien froh darüber zu sein, wieder ihr vertrautes Heim um sich zu haben.

Walli Winzer hatte Filou in einer Transportbox nach Südschweden mitgenommen. Das Appartement, in dem Walli Winzer ihrem Kater freien Lauf gelassen hatte, war zwar äußerst bequem gewesen, doch Filou hatte sein eigenes Revier vermisst. Jaulend stand er oft am Fenster. Das Erste, was er tat, nachdem er endlich seine beengte Box hatte verlassen dürfen, war daher ein ausgedehnter Rundgang um sein altes Schulhaus gewesen. Zufrieden und erschöpft von den Ereignissen beobachtete er nun das seltsame Treiben seines Frauchens.

Die hing auf etwa vier Meter Höhe auf ihrer Leiter und streckte den rechten Arm weit über die Dachrinne hinaus. Filou vernahm das Ächzen der Sprossen und blinzelte interessiert, was seine Futtergeberin machte. Walli erreichte die beiden Dachziegel und schob sie wieder in Position.

»Na endlich!«, frohlockte Walli nach einem erleichterten Seufzer.

Filou spitzte die Ohren und verweilte weiterhin unverändert an seinem Standort. Das Spektakel schien noch nicht zu Ende zu sein, überlegte der Kater mit zugekniffenen Augen. Er war neugierig, was sich weiter abspielen würde. Immerhin musste Frauchen wieder herunterkommen.

Zumindest wusste er das. Aber wie, das war die Frage. Und langsam verspürte er eine gewisse Sehnsucht nach einer Zwischenmahlzeit. Da Mr. Samtpfote aber noch erschöpft von seinem schwedischen Abenteuer war, käme ihm so ein gediegener Hausservice mit einer Geflügelterrine und danach einer delikaten Schüssel Milch gerade recht. Das heißt: Leider verwässerte dieser Stadtmensch seine Erfrischung ständig. Gegen eine Schale frisch gemolkener Milch aus dem Kuhstall, wie er sie manchmal von einer Bäuerin erhalten hatte, nachdem er sie zuvor sehnsüchtig angefleht hatte, nahm sich das natürlich nur bescheiden aus.

So ein regelmäßiger Homeservice konnte auch sein Gutes haben: Lautes Knurren in seinem Magen hatte er schon lange nicht mehr bemerkt.

Plötzlich war ein quietschendes Knarren von der Leiter her zu hören. Ah! Es tat sich wieder etwas! Filou hob sein Köpfchen und war gespannt, was sich nun vor seinen Augen abspielen würde.

Walli Winzer begab sich für ihren Abstieg in Position. Die alte Leiter klapperte nach jeder Gewichtsverlagerung. Doch es hatte etwas Gleichmäßiges. Das Wippen signalisierte, dass die oberste Sprosse immerhin noch am Gesims auflag. Walli hatte es hinaufgeschafft, also würde sie auch wieder herunterkommen.

Das wünschte sie sich zumindest.

Sie versuchte, nicht nach unten zu schauen. Vielleicht würde sie sonst panisch werden? Und genau das wäre jetzt der dafür absolut falsche Zeitpunkt gewesen.

Als sie die Mitte der alten Holzleiter erreicht hatte, gab diese wieder ein Stück nach. Diesmal so stark, dass sie in eine Richtung zog und Walli Winzer beinahe akrobatisch in die Gegenrichtung jonglieren musste! Sie spürte, wie sich ihre Magengrube zusammenzog und sich ein leichtes Brennen bis zum Brustkorb hinauf ausbreitete. Die Leiter war bloß mit lockeren Holznägeln zusammengehalten und knarzte an allen Stellen.

Würde sie doch auseinanderfallen?

Mit einem Ruck lehnte sie sich dagegen und zog ihr Bein nach. Sie wartete ab, bis die Leiter ihre alte Standfestigkeit wiedererlangt hatte, und betete, heil unten anzukommen.

Als hätte sie nichts Besseres zu tun gehabt, als nach diesen alten Dachziegeln zu greifen. So ein Schwachsinn!, lenkte sich Walli gedanklich für wenige Sekunden ab. Sie kniff ihre Augen zusammen und versuchte, sich jeden Schritt genau vorzustellen. Sie spürte, wie durch das kurze Mentaltraining ihr Atem ruhiger wurde. Auch die Leiter hörte auf zu schwanken. Bald würde sie wieder festen Boden unter den Füßen haben. Zumindest wünschte sie sich das.

Endlich war es so weit.

Diese zehn Minuten waren die reinste Achterbahn der Gefühle gewesen. Dabei war sie emotional so gut drauf! Warum hatte sie dann nur dieses gewagte Unternehmen gestartet? Okay. Es war vorbei. Nie wieder würde sie auch nur irgendetwas mit Dachziegeln selbst erledigen wollen. Auch sonst würde sie nichts mehr selbst reparieren. Denn sie war ja zur Erholung hier und nicht, um sich halb tot zu schinden. Was für sie als Stadtmensch großen Aufwand bedeutete, war für viele Großlichtener bloß ein Klacks. Das hatte Walli zumindest jetzt erkannt.

Trotzdem schaute sie nochmals stolz hinauf zum Dach. Die zwei widerspenstigen Ziegel lagen wieder in einer Reihe und waren von den übrigen nicht mehr zu unterscheiden. Ihr Einsatz hatte sich gelohnt. Doch den emotionalen Preis für diese Zitterpartie würde sie sicher nie wieder zahlen wollen. So lernt man auch noch mit 50 dazu, beruhigte sie sich bezüglich der neu gewonnenen Erkenntnis.

Walli Winzer trat einen Schritt zurück, um abermals das Werk ihrer Mutprobe zu genießen. Plötzlich klopfte eine Hand auf ihre Schulter. Sie spürte gleich darauf einen kräftigen Stich in ihrem Herzen und zuckte zusammen.

2. Kapitel

»Hallo, Nachbarin!«, gluckste eine schlanke Frau mittleren Alters in karierter Hose und hellbrauner langärmeliger Leinenbluse. Ihr blonder Pagenkopf war sorgfältig frisiert, sie schob sich ihre aufgekrempelten Hemdsärmel abwechselnd zurück.

Nein, bloß nicht, die hat mir gerade noch gefehlt!, dachte Walli Winzer noch völlig benommen vom Schrecken, den ihr der Schulterschlag zuvor bereitet hatte.

»Frau Winzer, Sie sind ja endlich wieder da! Aber sagen S’, was machen Sie denn auf dieser Leiter. So ein altes Ding bringt einem ja noch den Tod! Ich muss schon sagen, man ist viel zu leichtfertig mit allem. Und wissen Sie schon, dass die meisten Unfälle zu Hause und im Garten passieren? Hab ich unlängst in einer TV-Show gehört.« Sybille Karner hielt kurz inne, um gleich darauf, ohne nur irgendeine Antwort abzuwarten, fortzufahren: »Sie haben es finanziell doch gar nicht nötig, auf so etwas zu steigen. Das kann für Sie doch ein anderer machen.«

Walli Winzer strich ihre bequeme Armani-Reisehose zurecht. Sie wandte sich ihrer Nachbarin zu, wollte das Wort ergreifen, kam aber nicht dazu.

»Hab dann bei der Moni im Lebensmittelgeschäft erfahren, dass Sie einige Wochen in Schweden sind. Wie war’s denn da im hohen Norden?«, sprudelte es in einem fort aus der Karner. »Also ich wäre ja an Ihrer Stelle in den Süden gefahren.«

Walli blieb stumm und blickte sie ernst und abwartend an. Langsam setzte siean: »Das hat sich so ergeben, und es war für mich genau das Richtige.«

»Na ja, wirklich erholt schauen S’ nach der langen Zeit aber auch nicht aus. Obwohl, die Gesichtsfarbe ist schon ein bissl besser als sonst. Waren S’ doch in der Sonne, gelt?«

Walli schwieg. Sie war davon überzeugt: Auch diese Situation würde irgendwann vorübergehen. Lammfromm, in seliger Erwartung, durch ihr Schweigen den ungebetenen Besuch zu verkürzen, wandte sie sich ab. Sie hatte allerdings die Rechnung ohne ihre Nachbarin gemacht. Unbeirrt von Wallis sonst ungewohnter Sanftmütigkeit setzte sie ihren Redeschwall fort.

»War ja kein Wunder, bei der Aufregung, die Sie gehabt haben. Einen Kriminalfall lösen. Und das fast allein. Passiert ja schließlich sonst nie etwas hier. Also, meine Gratulation nochmals im Nachhinein …«

»Ich danke Ihnen!« Schnell hakte Walli Winzer bei dieser Sequenz ein. »Wissen Sie, mir war einfach nach Tapetenwechsel, und ich wollte niemanden mehr sehen oder hören.«

»Das kann ich verstehen«, heuchelte Sybille Karner Anteilnahme, denn kurze Zeit später würde den Inhalt der Unterredung das ganze Dorf wissen – und das um einige fantasievolle Zusätze angereichert.

»Ich hab schon lange vorgehabt, einmal nach Schweden zu fahren. Irgendwie war das für mich immer mit der Vorstellung von Freiheit, schöner Landschaft und offenen Menschen verbunden. Da hab ich mir gedacht: Was hält dich davon ab, gleich dort hinzufahren?«

»Na, was Sie für ein Temperament haben! Ich müsste mich erst darauf vorbereiten. Man will ja auch was drüber wissen. Sich die Route anschauen, sich erkundigen, welcher der Seen in Schweden der schönste ist. Na, und mit der Unterkunft sollte es ja dann auch klappen …« Wie befürchtet, machte Nachbarin Karner keine Anstalten, zu reden aufzuhören – vor allem über sich. Walli blieb daher nichts anderes übrig, als in Karners Redefluss hineinzuplatzen: »Ich war auch fischen.«

Sybille Karner war vor Überraschung platt. »Was? Sie als Frau?!«, stieß sie hervor.

»Warum nicht? Auch wir Frauen brauchen einmal Ruhe. Vor allem ich. Schließlich habe ich mir Großlichten für mein Sabbatical ausgesucht. Ich muss wieder lernen, Stille auszuhalten und innerlich zu entspannen. Und ich kann Ihnen sagen, leicht ist das nicht. Und das Fischen auch nicht.« Walli lachte. »Vor allem dann, wenn man die meiste Zeit gar keinen fängt.«

»Und warum machen Sie’s dann? Mich würde das ja anöden.«

»Tja, man sitzt, wartet und hat Zeit, sich alles rundherum anzusehen. Die Natur wieder einmal genauer zu beobachten. Es sind die kleinen Handgriffe beim Fischen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch zu wissen, die Leute um mich herum machen das Gleiche. Für die wie für mich zählt gerade nur der Augenblick.«

»Sie erzählen das, als wäre es eine Form der Meditation und kein Jagdsport.«

Walli lachte wieder. »In meinem Fall war es sicher so!«

Sybille Karner schaute überrascht. Sie wusste nicht genau, ob Walli Winzer sie jetzt auf den Arm nehmen wollte oder ob sie ihre Leidenschaft für die Natur und das Fischen tatsächlich entdeckt hatte. Sie beschloss, das nachbarliche Rätsel nicht weiter erkunden zu wollen. Es war ihr nämlich ehrlich gestanden im Großen und Ganzen egal.

Wumm! Ein Krachen war von Sybille Karners Haus her zu hören. Sie blickten hinüber und sahen eine junge Frau mit Kurzhaarfrisur, die beschwichtigend die Arme in ihre Richtung hob: »Alles in Ordnung!«, rief sie. »Mir ist nur die Leiter umgefallen!«

»Alles klar!«, rief Frau Karner hinüber. »Übrigens, das ist meine Nichte Anna Szabo, die mich mit einer Freundin besucht. Sie bleiben noch zwei Wochen.«

»Schön!«, entgegnete Walli. »Sie wirkt sympathisch.«

»Ja, ja, ähm …« Sybille Karner schien mit ihren Gedanken woanders zu sein.

Sie war schließlich nur herübergekommen, weil sie unbedingt eine Neuigkeit loswerden musste. Walli Winzer konnte ihr nichts mehr verderben, weil sie bereits selbst auf allem die Hand darauf hatte: »Also, wenn Sie mich mit einem interessant aussehenden Herrn am Vormittag in meinem Garten gemütlich frühstücken sehen, dann wundern Sie sich bitte nicht darüber.«

Walli war verdutzt. Als könnte sie tatsächlich noch irgendetwas verwundern. Und so etwas schon gar nicht. Im Gegenteil, dafür hatte sie immer etwas übrig und daher jede Art von Verständnis. Sie gab aber zu, neugierig zu sein, wer dieses Opfer Karners sein würde. Vor allem weil die Nachbarin dermaßen geschwätzig und anstrengend war, bedauerte sie den Gast bereits jetzt.

»Herr Pöcksteiner ist seit einigen Wochen morgendlicher Stammgast bei mir.«

»Aha. Kenne ich ihn?«, fragte Walli Winzer nach.

»Eben nicht. Deshalb bin ich ja zu Ihnen herübergekommen.«

Komm in die Gänge!, dachte Walli. »Kann ich irgendetwas für Sie tun?«, fragte sie scheinheilig. Sybille Karners Gesicht umgab dabei ein süffisantesLächeln. Walli verspürte Unbehagen.

»Nichts, was ich nicht selbst besorgen könnte, im Gegenteil.« Ihre Mimik gefror zu einer steinernen Maske. »Ich wollte Sie nur ersuchen, dass Sie diese Zeit als Kaffeepause für unseren neuen Postboten betrachten, auch falls Sie schon auf Ihre Post warten sollten.«

»Neuer Postbote? Wieso? Was ist mit dem Nico?«

»Der Nico Salmer hatte um seine Versetzung nach Wien angesucht. Jetzt ist er dort. Und vor drei Wochen ist Walter Pöcksteiner aus Krems hierher gewechselt. Da hab ich mir gedacht, ich kümmere mich gleich ein bissl um ihn.«

Walli war irritiert. »Und warum ist der Nico weggegangen? Hat er vorher irgendjemandem etwas davon gesagt?«

»Nein, ich glaub nicht. Auch der Sepp Grubinger war überrascht. Aber der Nico hat das schon lange vorgehabt, hat er sich später erinnert.«

»Aha. Da bin ich aber weg«, versuchte Walli ihre wirkliche Betroffenheit gekonnt zu verbergen.

»Das ist, weil der Nico halt nie etwas red’. Aber er ist ja doch noch jung und möchte auch was erleben. Vielleicht verliert er dort seine Schüchternheit. Ein fescher Kerl ist er ja, aber mit den Frauen will’s da in Großlichten mit ihm nicht klappen. Is halt ein bissl einsilbig, das Ganze, und viel verdienen tut er bei der Post ja auch nicht, dass das wettmacht.«

Walli räusperte sich. »Hm, jeder halt, wie er ist. Dafür gibt es auch wieder ganz andere so wie wir.«

Sybille Karner stellte sich ahnungslos: »Wie meinen Sie das?«

»Na, welche, die über jedes Thema einen Roman schreiben könnten.«

Nachbarin Karner drehte den Kopf kurz zur Seite, als würde sie in Erwägung ziehen, das Feld zu räumen. Sie blieb jedoch.

»Dabei war der Nico für mich immer so der richtige Großlichtener. Er und der Sepp: zurückhaltend, manchmal a bissl patschert, aber das Herz am rechten Fleck. Und immer war er mit dem Fahrrad unterwegs«, kommentierte Walli die Neuigkeit.

»Na gehen S’, er is ja nicht aus der Welt. Seine Schwäche für Sie hat ja eh a jeder gwusst.«

»Was? Für mich?«, versuchte Walli auch ihre Sympathie für ihn zu verbergen.

»Na, aber sicher! Das hat man doch gsehen, wie er da so oft gstanden ist! Aber wenn er nix sagt …« Sybille Karner beobachtete Wallis Reaktion. Diese schien beklommen. Hatte sie sich doch noch gar nicht richtig bei ihm für seine Unterstützung bedanken können. Immerhin hatte er ihr vor wenigen Wochen das Leben gerettet, und sie war gleich darauf weggefahren. Aber er war ja nicht aus der Welt. Lebte jetzt nur etwa 120 Kilometer entfernt in Wien. Nächstes Mal, wenn er wieder nach Großlichten käme, würde sie ihn gleich aufsuchen.

Jetzt war Walli sowieso mit ganz anderem beschäftigt. Björn war in ihren Gedanken und okkupierte ihre Gefühle. Außerdem hatte sie gute Vorsätze gefasst und etwas ganz Neues vor.

Sie kam wieder zum Thema Sybille Karners zurück. Walli Winzer wusste natürlich, dass ihr die Nachbarin signalisierte, sich vom neuen Postboten fernzuhalten, was sie auch vorhatte: »Wissen S’, ich hab überhaupt keine Zeit, mich um neue Leute zu kümmern. Ich möcht nämlich vor meinem Haus einen Bauerngarten anlegen lassen. Einen, wie man ihn hier immer schon gehabt hat, und meine persönliche Note möchte ich da auch einbringen.«

Sybille Karner war tatsächlich überrascht. Konnte sie sich Walli Winzer grabend im Vorgarten doch so gar nicht vorstellen. Und in Geschmacksfragen waren die Nachbarinnen sowieso konträr.

Die eine mit einem aufwendig restaurierten alten Schulhaus, die andere mit einem schlichten Nullachtfünfzehn-Baumeisterkobel samt Aluminium-Klotzfenstern. Umgeben war dieser von einem geometrischen Garten mit gezirkelten Blumenrabatten und einer Reihe kegelförmiger Thujas. Dass die hier unmöglich ins Landschaftsbild passten, war ihr wahrscheinlich nicht einmal bewusst. In Tirol waren diese geschmacklichen Abweichungen inzwischen verboten worden. Das behielt Walli lieber für sich.

»Aha«, schien die Nachbarin kurz die Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens zu prüfen. Es erhielt offenbar ihre Zustimmung, da sie fortfuhr: »Haben S’ von der neuen Gärtnerin beim Wagner Florian ghört? Ein junges Mädel. Die soll auf so was spezialisiert sein.«

»Ist das der kleine Gartenbetrieb am Ende des Orts?«

»Genau.«

»Und dort kennt sich jemand damit aus?«

»Sie ist erst seit Kurzem dabei. Kommt auch aus der Stadt, das weiß ich vom Walter.«

Na bitte, doch für etwas gut, meine Nachbarin, und gleich ein Plus für den neuen Postboten, dachte Walli Winzer.

Filou saß währenddessen immer noch auf einem Geländervorsprung und beobachtete die Unterhaltung. Die Statik der Situation begann ihn irgendwie zu langweilen. Er stand auf, gähnte und streckte sich. Walli, die seine Regung aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, warf ihm einen Hilfe suchenden Blick zu. Er erwiderte ihn mit großen Kulleraugen. Gleichzeitig ließ er sein Köpfchen hängen. Was soll ich da machen?, schien er sagen zu wollen. Sein Interesse hielt sich daher in Grenzen.

Die Bewegung, mit der er die Position wechselte, war langsam. Sie erinnerte daran, dass Filou vor dem Rückflug eine sedierende Beruhigungsspritze am Flughafen verpasst bekommen hatte. Deshalb ging er noch Stunden später wie in Zeitlupe auf Watte. Empfindungen wie auf Wolke sieben wären ihm sicher lieber gewesen. Doch dem war nicht der Fall, im Gegensatz zu seiner Futterlieferantin.

Futter! Ja! Diesen Impuls empfand er als belebend. Mal schauen, ob sich irgendwo etwas Geeignetes anbot. Trottend wandte er noch einmal seinen Kopf zu Frauchen.

Walli hatte sich inzwischen an ihr pelziges Kuckucksei gewöhnt und kannte seine Eigenheiten. Mizzi Troger vom Dorfverschönerungsverein Großlichten hatte ihr den Kater kürzlich aufgeschwatzt und ins Haus gesetzt. Seither ging er hier aus und ein. Mittlerweile war er nicht mehr wegzudenken.

Und genau das würde Walli Winzer jetzt auch gerne tun: sich umdrehen und einfach gehen. Immerhin fühlte sie sich gerädert von der Reise und der eineinhalbstündigen Autofahrt vom Flughafen Wien-Schwechat nach Großlichten. Walli deutete den mimischen Ausdruck ihres Katers, als wollte er ihr sagen: »Kommt Zeit, kommt Rat« – und wie recht er hatte. Der Himmel erhörte sie und die Erlösung aus dieser Situation erfolgte prompt.

Dorfpolizist Sepp Grubinger ratterte mit seinem Moped heran. In die Zufahrt wollte er nicht einbiegen, sondern blieb noch an der Straße stehen. Ein zartes Lächeln huschte über Wallis Gesicht, als sie ihn sah.

»Hallo, Frau Winzer«, grüßte er und bekräftigte seine Freude mit einem Kopfnicken. »Frau Karner!« Er winkte ihr genauso freundlich zu. Sie war zwar oft mühsam, doch wenn er etwas wissen wollte, war man bei ihr meist an der richtigen Stelle. Daher war es gut, sie als Informantin bei Laune zu halten. Außerdem galt für ihn als Dorfpolizist sowieso der Grundsatz, alle gleich zu behandeln. Auch wenn ihm das manchmal gar nicht so leicht fiel.

Walli nützte die Gelegenheit, um Sepp Grubinger ein paar Schritte entgegenzugehen. »Na, wie geht’s Ihrer Polizeistube?«, fragte sie lachend.

Er antwortete gut gelaunt: »Die Diskussion um die Schließung ist vorbei. Na, zumindest vorübergehend. Denn ganz traue ich dem Frieden noch nicht.«

»Hauptsache, man red jetzt nach dem letzten gelösten Kriminalfall nicht mehr darüber.«

Grubinger bewegte sein linkes Bein, um das Moped besser abstützen zu können, stieg aber nicht ab.

Sybille Karner blieb indes allein zurück. Sie schaute ihnen argwöhnisch zu. Irgendwie ärgerte sie sich. »Immer drängt sich die Winzer in den Vordergrund. Das nervt schon sehr. Da versucht man zuvorkommend zu sein und macht nach längerer Zeit eine nette Begrüßung. Aber bei der ersten Gelegenheit wendet sie sich einem anderen Gesprächspartner zu. Das ist wirklich nicht schön. Irgendwie sogar beleidigend. Na, okay. Dann war’s das«, grummelte die Nachbarin vor sich hin. Sie drehte sich um und ging, ohne ein Wort zu sagen, den hinteren Feldweg zurück zu ihrem Haus.

Walli und Sepp Grubinger waren ins Gespräch vertieft, weshalb sie die durch das Schotter knirschenden Geräusche der sich entfernenden Tritte nicht hörten.

»Hat a Zeitl dauert, bis sich alle im Dorf wieder beruhigt hatten.«

»Ahm«, brummte Walli Winzer leicht hörbar und nickte dabei wissend. »Kann ich mir vorstellen.«

»Und? Wie geht’s Ihnen jetzt? Besser?«, fragte der Dorfpolizist mit angenehm sanftem, fast baritonalem Timbre. Auch auf Walli wirkte er mittlerweile vertrauenerweckend, wie ihm fast alle im Dorf vieles unaufgefordert erzählten. Grubinger konnte den Mund halten. Und falls notwendig, wusste er sein Wissen so einzubringen, dass sich niemand hintergangen fühlte.

Walli gelüstete es nach einem Kaffee und sie fragte Sepp Grubinger, ob er ihr dabei Gesellschaft leisten wolle. Vorher blickte sie sich noch rasch um und war erleichtert, dass Sybille Karner nicht mehr zu sehen war. Ja, zugegeben. Sie wusste, dass das kein schöner Zug von ihr war, ihre Nachbarin so unhöflich vor den Kopf zu stoßen, aber so war sie nun mal. Direkt und schonungslos. Sonst wäre auch der letzte Kriminalfall nicht so schnell aufzuklären gewesen.

Aber sie freute sich, wieder hier zu sein. Obwohl, so etwas wie Heimatgefühl empfand sie nicht. Noch nicht?, fragte sie sich im Stillen.

»Ich muss heute leider ablehnen. Der Anninger Loisl will etwas mit mir besprechen, und der wartet jetzt schon auf mich. Ich muss also!« Grubinger startete sein Moped und legte den ersten Gang ein. »Aber kommen S’ am Abend zum Hannes ins Dorfwirtshaus. Der gibt einen aus, weil er bei dera TV-Show gwonnen hat. Do plauda ma dann weiter.« Er ließ die Kupplung kommen, die ein krächzendes Geräusch von sich gab, und rollte das Straßenstück zur Hauptstraße des Dorfes vor.

3. Kapitel

Es gab bereits dicke Luft, als Walli Winzer das Dorfwirtshaus neben der Kirche von Großlichten betrat. Der Zigarettenqualm war so dicht, dass man ihn fast mit den Fingern greifen konnte. Rauchfreie Zone hatte sich eindeutig bis hierher noch nicht durchgesprochen. Die Party war voll im Gange. Die Stimmung gut. Im Hintergrund trällerte der neueste Helene-Fischer-Hit, der anderswo bereits so oft zu hören gewesen sein musste, dass sogar Walli ihn erkannte. Langsam arbeitete sie sich durch die eng beisammenstehende Menschenmenge. Aus jedem Grüppchen winkte ihr jemand zu. Sie erwiderte mit kurzem Gruß und einem Lächeln. Seltsam, wie einem schon nach kurzer Zeit manches vertraut sein konnte, was man wenige Monate zuvor noch nicht gekannt hatte. Sie freute sich über die Zustimmung, die ihr gerade widerfuhr, denn Walli Winzer lebte erst seit Kurzem in ihrem Waldviertler Haus.

Endlich erreichte sie die Theke und lehnte sich mit dem Rücken daran. Sie ließ ihren Blick schweifen und wenig später, nur einige Meter entfernt, entdeckte sie ihre beste Freundin Lena.

Ihr in diesem Moment ein erfreutes Hallo zuzurufen, wäre wirkungslos gewesen, denn Lena hätte es erstens aufgrund des hohen Lärmpegels nicht gehört. Und zweitens befand sie sich in einem angeregten Gespräch mit Harry Kain und sah sie daher nicht.

Harry war eben als Redakteur zu ›Griaß di‹ gewechselt und früher als Chefredakteur einer wichtigen österreichischen Tageszeitung in Wien tätig gewesen. Irgendetwas hatte es einmal gegeben, weshalb er von der Zeitung weg war, aber darüber sprach er nicht. Wie dem auch sei. Was geschehen war, interessierte hier niemanden. Auch Walli war es egal. Jedenfalls hatte es ihn irgendwann einmal nach Großlichten verschlagen und seither schrieb er in der kleinen Mühle am Dorfende unzählige Artikel über Land und Leute.

Walli schlängelte sich an den Menschentrauben vorbei langsam die Bar entlang. Ihre Hand hielt sich dabei an der glatten Holzplatte fest. Immer wieder ließ sie ihren Blick über die beisammenstehenden Grüppchen schweifen, als plötzlich jemand ihre Hand umklammerte. Sie erschrak. Trotz der Aufmerksamkeit, mit der sie das Geschehen betrachtete, war ihr Hannes Lechner entgangen, der bisher versteckt hinter dem Tresen gestanden war.

»Walli, bist wieder zruck!«, schrie er aus Leibeskräften und hatte seine Hand bereits wieder am Hebel der Bierschank.

»Seit heute früh!«, brüllte ihm Walli angestrengt zu.

»Wie woa’s?«

»Super!«

Die Konversation war damit kurzfristig zu Ende, denn Hannes reichte den frisch gezapften Bierkrug einem der darauf sehnsüchtig Wartenden. »Wülst a wos?«, fragte er Walli, bevor sich noch ein anderer dazwischendrängen konnte.

»Einen Martini«, antwortete Walli mit breitem Lächeln.

Hannes lachte schallend auf. Lautstärkemäßig musste da sogar Helene Fischer ihm gegenüber klein beigeben. Nun blickte Lena in Richtung Theke und entdeckte Walli. Sogleich riss sie beide Arme hoch und winkte ihr erfreut zu. Walli Winzer schnappte ihr Martini-Glas und schlängelte sich die letzten Meter durch das gut gelaunte Gewimmel.

»Du bist mir schon abgegangen!«, schrie ihr Lena bereits auf den letzten Schritten entgegen.

Walli setzte ein breites Lächeln auf, nippte noch schnell an ihrem Getränk und stellte es auf der Theke ab. Sie umarmte Lena innig und klopfte Harry Kain jovial auf die Schulter: »Na ja, die Zeit ist für mich ziemlich schnell vergangen. Es war unbeschreiblich schön.«

»Kann ich mir vorstellen«, grinste Lena wissend, denn sie hatten zuvor schon mehrmals telefoniert. Die Freundin war also über Wallis Gefühlsleben auf dem neuesten Stand. Vor Harry Kain warf Walli ihr daher einen mahnenden Blick zu.

Der war allerdings nicht von gestern und überriss den ausgeklammerten Teil der Geschichte sofort: »Also, im Urlaub noch den passenden Flirt zu finden, ist ja fast so herzig wie ein Schlagobershäubchen auf der Sachertorte.« Er gluckste amüsiert über seine vermeintlich treffende Bemerkung und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Rotweinglas.

Wallis Gesicht versteinerte. Sie empfand den Vergleich mehr als hinkend, um nicht zu sagen: schlichtweg hirnlos-einfältig. Wie Harry in einer Wiener Tageszeitung viele Jahre lang hatte als Chefredakteur wirken können, fragte sie sich als Top-PR-Agentin schon lange. Irgendwie bestätigte es zugleich ihre Annahme, dass man in Österreich nur die richtigen Beziehungen haben musste, um wirklich nahezu jeden Job ausüben zu können. Denn Talent war nicht immer entscheidend. Informationen, Richtlinien und Ordern erhielt man außerhalb des Jobs und gab sie meist ohne weitere Recherche weiter. Was war der derzeit vorherrschende Verlautbarungsjournalismus in Österreich daher anderes als PR? Walli war immer für klare Abgrenzung gewesen und daher lieber gleich in dieser Branche tätig, verdiente doppelt so viel und gab sich keiner falschen Illusion mehr hin.

Vielleicht hatte auch Harry in der Redaktion irgendwann dieses Instrumentalisieren von außen sattgehabt und verlor daher den Respekt vor seinem Beruf. Irgendwann will man wieder in den Spiegel schauen können. Und wenn ein Redakteur, der meist sowieso eine gewisse Parteinähe verzeichnete, nicht mitmachte, waren seine Tage in der Redaktion gezählt. Bei einem Chefredakteur war das sowieso die Regel. Also möglich wäre das bei Harry gewesen. Er sprach nie darüber, sondern wechselte sofort das Thema, wenn es um seinen Job ging. Doch Walli Winzer wollte immer alles ganz genau wissen. Irgendwann würde sie ihn festnageln. Ihn nach seiner Version der Geschichte fragen, die er bisher verschwieg. Doch das hatte noch Zeit …

»Also Südschweden ist herrlich. Ich fahre sofort wieder hin. Es gibt viele schöne Seen, inmitten von Wiesen und Wäldern«, lenkte Walli das Gespräch wieder zum Ausgangspunkt zurück.

»Gibt es tatsächlich diese weinrot-weißen Holzhäuser, die man von vielen Fotos her kennt?«

»Die sind überall zu finden. Dazwischen gibt es natürlich auch Hotels und Pensionen wie die meine, in der ich mich sechs Wochen eingemietet hatte.«

»Du hast es wirklich so lange an einem Ort ausgehalten? Das ist doch sonst bei dir nicht so«, fragte Lena.

»Ja, manchmal ist es eben anders. Klar war ich schwimmen und habe gelesen, was mir irgendwann auch langweilig wurde. Da habe ich, wie du weißt, einen Fischereikurs belegt und dabei Björn kennengelernt.« Walli Winzer blickte kurz auf die Reaktion Harry Kains. Der hatte sich in der Zwischenzeit seinem Nachbarn zugewandt, was Walli nicht gerade höflich, aber zweckmäßig empfand. Schließlich musste er nicht alles wissen.

Walli nützte die Gelegenheit, um mit Lena Klartext zu reden. »Er ist wunderbar, Lena! Ich hoffe, es bleibt so.«

»Wie soll’s denn weitergehen?«

»Wir probieren’s mit einer Fernbeziehung. Es gibt ja Telefon, Mail und Skype. Auch andere Paare halten so ihre Beziehung am Laufen. Wir werden uns in regelmäßigen Abständen sehen. Einmal kommt er zu mir, dann ich wieder zu ihm.«

»Schön! Hört sich aber irgendwie auch mühsam an«, versuchte Lena nicht gleich in vollem Ausmaß den Enthusiasmus ihrer Freundin zu drosseln und ergänzte daher: »Ohne Hans und die Kinder ständig um mich herum zu haben, könnte ich mir das nicht vorstellen.«

»Du bist eben ein notorisch soziales Tierchen, das fest an anderen klebt«, sagte Walli mit einem süffisanten Lächeln und puffte Lena sanft mit ihrem Ellbogen an.

»Und dir könnte ein bisschen mehr nicht schaden. Habt ihr schon etwas ausgemacht?«

»Nein. Ich will noch ein bisschen Zeit vergehen und alles in mir setzen lassen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es mich noch einmal ernsthaft erwischt. Das in unserem Alter, Lena!«

»Na, hallo! Was ist heute schon die magische 50 für eine Frau«, protestierte die Freundin lachend.

Lena wandte sich kurz von Walli ab, als ein junger Mann, der langsam an ihnen vorbeigegangen war, etwas verloren in die Runde schaute. Sie nahm ihn beiseite und deutete in eine Richtung. Er nutzte die Gelegenheit, trotz lauter Hintergrundmusik weiter mit Lena zu sprechen. Walli konnte jedoch wegen des Lärms nichts verstehen.

Ihr Blick glitt weiter zu Harry. Er schien von seinem Gesprächspartner Neues zu erfahren, da er interessiert zuhörte. Normalerweise kam man bei ihm kaum selbst zu Wort, da er seiner Umgebung stets die Welt erklären musste. Manchmal war das ja schön und gut, doch dann wieder recht mühsam. Auch bei Walli machte er keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil! Fasziniert, sich selbst sprechen zu hören, schien er bei seinen Ausführungen oft kein Ende zu finden. Walli Winzer, die selbst gerne ihre Gedanken auf der Zunge trug, funkte oftmals absichtlich dazwischen. Sie unterbrach ihn mitunter forsch. Er hielt dann tatsächlich inne und machte große Augen. Weshalb er sich das von ihr gefallen ließ, war ihr schleierhaft.

Helene Fischer sang jetzt einen weiteren Schlager. Anderen Schnulzenheinis dazwischen konnte Walli Winzer weniger abgewinnen. Sie war keine Musikexpertin, doch sie hatte den Eindruck, dass manchmal die Schlagerqualität der einzelnen Interpretinnen und Interpreten sehr unterschiedlich war. Doch jeder hatte sein eigenes Publikum. Wie im Leben. Menschliche Gefühle ließen sich eben ganz unterschiedlich ausdrücken.

Sie merkte, dass das Gespräch über Björn sie innerlich aufgewühlt hatte, und sie fühlte, dass sie ihn wirklich mochte. Das war eindeutig.

Eine Runde von Schnapskartenspielern grölte laut und riss Walli Winzer aus ihren Gedanken. Einer von ihnen hatte offenbar großen Gewinn gemacht. Er sprang auf und riss die Arme triumphierend in die Höhe.

Tumult.

Vor Freude stieß er seine rechte Faust mehrmals ruckartig in die Höhe. Die anderen bemühten sich, ihre Enttäuschung für sich zu behalten. Doch ihre Gesichter verrieten Verbitterung. Ein Spiel war doch ein Spiel, dachte Walli. Allerdings nicht, wenn es um Geld ging. Dann verhärteten sich schnell die Fronten. Könnte das gerade eben der Fall gewesen sein? Heimlich? Denn Glücksspiel war offiziell in Österreich verboten, und Dorfwirt Hannes schaute mit Sicherheit darauf.

Einer von ihnen sammelte die Karten ein und legte sie vor sich auf den groben Holztisch. Die Stimmung der Runde schien gedämpft. Es dauerte eine Weile, bis die Gespräche am Stammtisch wieder in Gang kamen.

Hannes hatte genau darauf geachtet, dass der historische Charakter des alten Dorfwirtshauses als Familienhaus seines Vaters erhalten geblieben war. Die Männer vom Stammtisch hatten wahrscheinlich, bereits als sie Kinder gewesen waren, ihren Vater hierher begleitet, vermutete Walli Winzer. Die meisten von ihnen kannten sich seit Jugendtagen, das ließ ihre Vertrautheit untereinander vermuten.

Wie das wohl so wäre, sein ganzes Leben im gleichen Umfeld, mit immer den gleichen Menschen zu verbringen? Miteinander aufzuwachsen und jedes Geheimnis voneinander zu kennen? Oder es mühsam voreinander zu verbergen? Konnte so etwas überhaupt auf Dauer gelingen?

Walli erinnerte sich an ihre eigene Jugend in Wien-­Floridsdorf, einem ehemaligen Arbeiterbezirk mit damals ausgedehnten Grünbereichen und Äckern. Weniges konnte man noch erhalten. Derzeit bemühte man sich, teilweise exklusive Bereiche für besser verdienende Stadtbohemiens (Bobos) anzulegen. Aus dem ehemaligen Außenbezirk der Fabrik- und Landarbeiter würde so ein Edelbezirk werden.

Erst vor 100 Jahren waren einige Dörfer der Vorstadt zu einem eigenen Bezirk zusammengelegt worden. Die dörfliche Struktur blieb im Grätzelcharakter noch bis in Wallis Kindheit erhalten.

Auch sie ging vor langer Zeit fort. Wohnte viele Jahre in teureren Innenstadt-Bezirken. Sie wollte ihren Aufstieg mittels Statussymbolen demonstrieren. Nach der Trennung von Thomas, ihrem Exmann, zog sie dann in die Gegend ihrer Jugend zurück. In eine großzügige Dachterrassenwohnung. Mit Panoramablick über die Donau fast bis zur Innenstadt. Ja, es war für sie ein Zeichen, dass sie es geschafft hatte. Doch um welchen Preis? Geld hatte sie nun genug, nur Lebensqualität war ihr in den letzten Jahren keine mehr geblieben. Das hatte ihr schleichend die Kräfte geraubt, ihre sozialen Kontakte verkümmern lassen. Zeitmangel, der echte Freundschaften nicht entstehen ließ.

Mittlerweile waren auch ihre einst vielen Verehrer und so manches daraus folgende Abenteuer überschaubarer geworden. Na ja, zumindest etappenweise. Zumindest, fand Walli, sah sie immer noch toll aus. Dass sich einige Ringe um ihre Taille wölbten, war zwar eine Tatsache, doch regelmäßige Blitzdiäten sorgten dafür, dass sich alles noch im vertretbaren Rahmen hielt.

Lena riss sie aus ihren Gedanken. »Übrigens, das war Patrick Burger. Er arbeitet bei unserem Rechtsanwalt im Dorf, dem Dr. Winkelbauer, und hilft manchmal auch ein bissl in der Gärtnerei Wagner aus, bei der wir biologisches Saatgut bestellen. Am Montag wird er einige Säcke vorbeibringen. Ich nehme sie immer in Empfang und habe ihn gebeten, dass er erst gegen Mittag kommt. Ich bin vorher in Gföhl, um einiges zu erledigen.«

Walli nippte am Martini.

»Wo sich jetzt der Patrick dazusetzt, das sind Veronika Winkelbauer und ihre Tochter Julia. Mich wundert’s, dass die da sind und allein dort sitzen. Sonst ist sie nur mit ihrem Mann unterwegs. Na gut, jetzt kommt er zu ihnen.«

»Wieso ist das ungewöhnlich?«, versuchte Walli Winzer gleich ihr noch unvollständiges Wissen über die dörflichen Gegebenheiten zu vervollständigen. Großlichten war zwar keine große Gemeinde, doch bis Walli den Überblick über die Dorfstruktur und ihre Bewohner hatte, würde es doch noch einige Zeit dauern. Sie nahm daher jede Gelegenheit wahr, um Lena nach Details zu fragen.

»Du alte Tratschen. Wie zu Schulzeiten. Alles musstest du über jeden wissen und immer hast du das gekonnt aus den anderen herausgelockt.«

»Sag nicht, dass es für nichts gut war. Streit gab es in unserer Klasse fast nie.«

»Was? Das führst du auf deine Neugier zurück?«

»Neugier würde ich das nicht nennen. Es war vielmehr Anteilnehmen an der Umgebung«, stellte Walli betulich und zugleich belustigt fest. Sie versuchte, ihre Neigung, viele Details über ihr bekannte Personen herauszulocken, mit Nachdruck zu verteidigen. »Wie, glaubst du, sollte ich in meinem PR-Geschäft sonst an Insiderinformationen herankommen, wenn ich mich nicht selbst auf die Suche begäbe? Mag ja sein, dass ich schon damals, zu unserer Schulzeit, den Grundstein für mein heutiges kleines Agenturimperium gelegt habe«, lachte Walli Winzer schallend. Ihr fiel gerade auf, dass sie dabei war, ihren eigenen Gründerzeitmythos zu erschaffen.

»Irgendwie hast du sogar recht. Man erkennt Talente meist schon in der Schule, sofern nicht die Lehrer manchen Schülern die Freude am jeweiligen Fach austreiben.«

»Das war bei dir mit Sicherheit nicht der Fall. Wenn du deine Schüler nur halb so geschickt angeleitet hast, wie du das heute noch mit deiner Umgebung machst, kann ich dir nur gratulieren. Aber das ist sowieso klar, sonst hätten deine Klassen nicht so viele Wettbewerbe gewonnen.«

Lena lächelte Walli freundschaftlich, aber auch ein bisschen wehmütig an. Denn sie hängte ihren Lehrberuf vor über zehn Jahren an den Nagel, um den elterlichen Betrieb mit ihrem Mann Hans auf einen mittlerweile vorbildlichen Biobetrieb umzustellen. Auch damit hatte sie Erfolg sowie mit von ihr initiierten Sozialprojekten für die Region.

»Schluss jetzt mit der Lobhudelei!« Lena Breitenecker griff nach ihrem Rotweinglas und nahm einen Schluck. Walli kannte ihre Freundin und wusste, dass sie damit einen Anflug von Verlegenheit wettmachen wollte. Sie kam daher, nicht ganz uneigennützig, wieder auf das vorherige Thema zurück: »Du wolltest mir noch etwas über diesen Patrick erzählen. Ich hatte dich unterbrochen.«

»Ach, der Patrick ist ein wirklich hilfsbereiter Kerl. Er lässt sich von vielen ausnützen, kann nie Nein sagen. In ihm steckt viel mehr, als er aus sich gemacht hat.«

»Wieso?«

»Nicht jeder im Ort hat die Möglichkeit, wirklich gefördert zu werden. Die Strukturen sind seit ewiger Zeit geregelt. Darin hat jeder seinen fixen Platz. Das geht dann auch mit der Schulauswahl weiter. Dem Patrick seine Eltern sind einfache fromme Leut. Die haben immer gemacht, was der Herr Pfarrer ihnen gesagt hat. Und wie du ja weißt, der schaut, dass hier alles so bleibt, wie es eben immer war.«

»Ist ja irrig.«

»Ja, wer das nicht will, muss halt in die Stadt ziehen. Es gibt nur wenige, die, wie wir, das Gegenteil machen und wieder herziehen. Deshalb habe ich auch beschlossen, Sozialprojekte zu starten, um Nachbarn, denen es nicht so gut geht, zu unterstützen und vielleicht auch zu motivieren, sich ihre Situation bewusst zu machen und vielleicht sogar zu ändern. Aber das sag ich natürlich nicht so laut, sonst habe ich hier nur Feinde«, seufzte Lena und fuhr sich kurz mit der Hand durch ihr Haar.

»Ist das seine Freundin, zu der er sich jetzt gesetzt hat?«, fragte Walli Winzer weiter.

»Nein. Er ist seit Kindheit eng mit der Familie Winkelbauer befreundet, und das ist die Tochter des Hauses. Neben ihr sitzt die Mutter. Ihr Vater ist prominenter Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Krems. Das ist der, von dem ich vorher geredet habe. Ihr Ehemann Alexander arbeitet dort auch als Anwalt.«

»Irgendwie wirken die hier aber völlig deplatziert, so teilnahmslos, wie die da sitzen«, meinte Walli.

»Wundert mich auch, dass sie gekommen sind. Feste sind sonst nicht deren Sache. Vielleicht hängt das wirklich mit dem Hannes zusammen. Der kann ja mit allen.«

»Na ja, so einen Haubenkoch als Wirt im Ort zu haben, das gibt’s nicht überall«, gab Walli Winzer sich selbst Antwort auf die eigene Frage. Sie ließ ihren Blick nochmals ausgiebig über den urigen Gastraum samt neu geschaffenem Nichtraucherbereich schweifen. »Wahrscheinlich sind die sonst eher in seinem Haubenlokal im Reiterhof ›Sonnblick‹ zu finden als hier«, fuhr Walli fort. »Zur mondäneren Klientel würden die eher passen.«

»Nicht unbedingt«, mutmaßte Lena Breitenecker weiter. »Der alte Winkelbauer besucht traditionell jeden Sonntag nach der Kirche seinen Stammtisch hier im Wirtshaus. Ich könnte mir vorstellen, dass er das seinen Spezln zuliebe macht.«

»Aber mit Frau und Tochter?«

»Ja, warum nicht? Sollen die nur zu Hause herumsitzen? Ist doch ganz lustig da.« Lena nahm einen weiteren Schluck aus ihrem fast leeren Glas und schaute ebenfalls in die Runde. In der Mitte der Gaststube hatten sich bereits einige Pärchen gefunden und tanzten klatschend zu einem volkstümlichen Hit, den anscheinend alle außer Walli kannten. Auch Lena wippte beim aufpeitschenden Refrain mit ihren Schultern. »Übrigens, da drüben am Tisch sitzt der Florian Wagner. Er hat die Gärtnerei übernommen, in der auch Patrick Burger arbeitet. Also, wenn ich meinen Hans nicht hätte, dann könnte mir der schon gefährlich werden.«

»Lena, das hätt ich mir jetzt nicht erwartet«, zwinkerte Walli ihrer Freundin zu. Denn Lena Breitenecker war glücklich verheiratet und liebte ihren Mann über alles. Doch in einem musste Walli Winzer ihrer Freundin recht geben. Florian Wagner war wirklich ein gut aussehender Mann, der die Urinstinkte jeder Frau beleben musste: groß, muskulös, mit markanten Gesichtszügen. Er hatte dunkle Locken, die ihm ins Gesicht fielen und sich, auch während er redete, nur wenig bändigen ließen. Es gab ihm etwas Verwegenes, stellte Walli fest. Im Gespräch unterstützte er sein Gegenüber mit ermunternden Gesten. Alles in allem sehr sympathisch, dachte Walli. Doch entgegen ihres sonst leicht entflammbaren Temperaments blieb sie beim Anblick all dieser Männlichkeit weitgehend unbeeindruckt. Sie dachte an Björn und konnte es kaum erwarten, ihn wieder in ihrer Nähe zu haben.

Walli erkannte die Frau, mit der der Gärtner gerade sprach. »Das ist doch die Nichte meiner Nachbarin, Anna oder so. Und wer ist die andere? Neben ihr?«

Sie war inzwischen anderweitig abgelenkt. Lena Breitenecker konnte Wallis Klatsch- und Tratschbedürfnis daher nicht weiter erfüllen.

Ein Schwung gleichaltriger Jugendlicher war zur Tür hereingekommen. Lena richtete ihren Blick erwartungsvoll auf die Gruppe. Sie lächelte, als hätte sie jemanden erkannt. Walli bemerkte auch, dass Lena sich im selben Augenblick von der Körpersprache her zurücknahm, als wollte sie die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen. Gleich darauf wusste Walli Winzer auch warum: Lenas Tochter Lisa und deren beste Freundin Sandra befanden sich unter den Eintretenden. Auch sie freute sich, die beiden wiederzusehen. Sie kannte sie gut und mochte sie gerne. Begleitet wurden die Teenies von einem Tross halbwüchsiger Burschen, die sich um sie scharten. Lena wandte sich Walli zu: »Stell dir vor, Lisa hat einen neuen Verehrer!«

»Ah! Welcher von denen ist er denn?«

»Der Brünette mit dem Bärtchen und der Dschingis-Khan-Haarpracht.«

»Das ist jetzt gaaanz in und man nennt das Man Bun. Sieht niedlich aus!«, nickte die modeaffine Walli der sichtlich verklärten Mutter zu. »Junge Männer tragen den Haarknoten mit herausgezogenen Strähnen. Sie wollen damit gegen traditionelle Männerklischees auftreten, rebellisch, cool und ein wenig verwegen wirken.«

Walli merkte, dass ihr Lena nicht zuhörte. Vielmehr war sie mit der Beobachtung ihrer Tochter und dem Einschätzen der Situation beschäftigt. »Kaum ist man kurz weg, überschlagen sich die Ereignisse«, versuchte Walli Winzer gegen die Stimmungskanonen Gabalier und DJ Ötzi anzukämpfen – allerdings nur mit mäßigem Erfolg.

Entgegen anderen Müttern schien Lena mit dem Verehrer ihrer Tochter einverstanden zu sein. Ihr beseelter Blick verriet, dass sie ihn bereits ins Herz geschlossen hatte.

»Scheint ja ein Netter zu sein?«, versuchte Walli näher ans Ohr der Freundin zu rücken.

»Sie hat ihn aufm Reiterhof kennengelernt, wo der Clemens jetzt in den Ferien als Stallknecht arbeitet. Sonst studiert er Biologie und ist ein Studienkollege von meinem Lukas. Mein Ältester hat ihm den Tipp dazu gegeben, sich zu bewerben.«

»Na, da bleibt ja alles in der Familie, und du weißt schon einiges über ihn«, freute sich Walli über die glückliche Fügung des Schicksals.

»Ich hoffe, das hält noch eine Weile an …«, gab Lena sich pragmatisch.

Inzwischen war die Mitte der Gaststube bereits voller Tanzender, weshalb sich die Freundesgruppe mühsam den Weg zu einem der Stehtische bahnen musste. Einer von ihnen ging voran und versuchte sanft, aber stetig vorwärtszukommen. Ein Pärchen lehnte bereits allein am letzten Tisch in der Ecke des Raums. Sie hatten nichts dagegen, dass sich die Gruppe dazustellte.

Wieder ein schallendes Aufheulen des bereits einigermaßen illuminierten Männerchors am benachbarten Kartenspieltisch. Einer von ihnen, der anscheinend der Gewinner der Runde war, stand auf. Er wankte leicht, nahm einige der zuvor unterschriebenen Zettel entgegen, steckte sie in seine Hosentasche und machte Anstalten, Richtung Toilette zu gehen. Als sich der Mittvierziger umdrehte, rempelte er eine junge Frau auf dem Tanzparkett an. Es dauerte nur kurz, bis er sie erkannte und dann nochmals die Hand nach ihr ausstreckte, um sie an sich zu ziehen. Da sie sich im Tanz drehte, erwischte er allerdings eine sensible Körperstelle. Sie war baff, kam jedoch erst gar nicht dazu, sich aufzuregen, da ihr Tanzpartner, Markus Strohmeier, bereits auf den Verursacher zustürmte und ihn am Revers packte. »Moch des ni wieda! Heast?! Franz, i sog da: Kummst du no amoi in die Näh von der Claudia, dann lernst mi no anderst kennen! Sie wü nix mehr von dir. Host endlich verstanden? Oder brauchst no a Abreibung?«

»Wos, nur weilst du no dein Job im Zementwerk hast! Die Betonung liegt auf noch! Pass auf, wie des is, wenn du boid a kan mehr hobn wirst. Und des wird boid sein, wenn i red, wie’s dort zugeht! Dann kannst di a brausn gehen wie die andern!« Er machte eine verächtliche Bewegung hin zum Stammtisch. »Und jetzt lass mi aus, sonst werd a i grob!« Franz Stöger warf seiner Ex-Claudia einen verächtlichen Blick zu. »Pech in der Liebe, Glück im Spiel!«, raunte er ihr im Vorbeigehen zu und machte sich weiter auf den Weg zum Vorraum des Wirtshauses.

Walli wandte sich verwirrt an Lena: »Was ist denn mit denen los?«

»Die Claudia ist dem Stöger Franz seine Verflossene. Wie er jetzt seinen Job verloren hat, ist sie gleich auf und davon und hat ihn verlassen.«

»Aha. Auch ungewöhnlich. Hab gedacht, auf dem Land ist eine Ehe in der Regel für immer und ewig«, brummte Walli Winzer fast unhörbar in sich hinein. Doch Lena antwortete: »Trennungen gibt’s immer noch viel weniger als in den Städten, aber wie du siehst, es kommt vor.«

4. Kapitel

Lautes Gegröle und das Mitsingen zu Helene Fischers ›Atemlos‹ sorgten weiterhin für beste Laune. Inzwischen ging die Tür eines der Nebenräume des Wirtshauses auf, und eine kleine Gruppe distinguiert wirkender Herren betrat den Nichtraucherbereich der Stube.

»Oh Gott!«, stöhnte Lena Breitenecker. »Das ist unsere Hautevolee von Großlichten.«

»Wie meinst du das?«

»Geh, komm! Na, die Wirtschaftsbosse, die hier das Sagen haben in unserer Region. Das ist der Alois Limbacher vom Zementwerk in Prachtendorf, daneben unser Meinungsmacher im Ort, Anwalt Dr. Friedrich Winkelbauer, mit seinem Schwiegersohn Alexander Mühlthaler. Den Mann neben ihm kennst du ja bereits: Bürgermeister Peppi Brunner, und ihm gegenüber steht der Karpfenteichbaron und Besitzer des Schlosses in unserem Ort: Eduard Waldstetten. Wäre neugierig, was die so spät am Abend im Extrazimmer wieder ausgemauschelt haben.«

»Lena, du bist wirklich goaschtig! Deine soziale Emsigkeit lässt dich ganz schön skeptisch werden. Pass auf, dass dich das nicht innerlich noch auffrisst«, versuchte Walli Winzer die Nachdenklichkeit ihrer Freundin zu zerstreuen. »Vielleicht irrst du dich, und es ist etwas ganz anderes.«