Kinder ganzheitlich behandeln - Valbona Ava Levin - E-Book

Kinder ganzheitlich behandeln E-Book

Valbona Ava Levin

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Beschreibung

In diesem Buch erfährst du, wie man die Symptome von Kindern auf eine völ- lig neue und einzigartige Weise versteht. Es beleuchtet, warum gesunde Kinder manchmal krank wirken und bietet wertvolle Einblicke in die Kommunikation mit Kindern. Herausforderungen und Lösungen: • Lern- und Konzentrationsprobleme: Wie man Kindern hilft, ihren Fokus zu finden. • Aggressives Verhalten und frühkindliche Reflexe: Strategien zur Förderung eines ausgeglichenen Verhaltens. • ADS/ADHS und Lese-/Rechenschwäche: Praktische Ansätze, um diese He- rausforderungen zu meistern und Selbstwergefühl zu stärken. • Sprach- und Artikulationsstörungen: Methoden zur Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten und des Redeflusses (Stottern). • Körperliche und emotionale Gesundheit: Lösungsansätze für Probleme wie Kiefer- und Zahnfehlstellungen, verkrampfte Stifthaltung, unklare Hän- digkeit, Fußfehlstellungen, Bauchschmerzen, Einnässen, Schlafstörungen, Ängste, Wutanfälle und mehr. Die Autoren präsentieren dir ihren innovativen Ansatz auf der Basis ihrer langjäh- rigen Arbeit mit Kindern. Sie bereichern dich durch einen Überblick über 100 Jahre wissenschaftlicher Forschung zur Entwicklung und zum Wesen des Kindes. Dieses Buch öffnet dir die Augen für die oft übersehenen Ursachen von Entwick- lungsabweichungen und zeigt dir, wie du Kinder auf ihrem Weg zur vollen Gesund- heit und inneren Stärke unterstützen kannst.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2024

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KINDER GANZHEITLICH BEHANDELN

Valbona Ava Levin & Peter Levin

KINDER GANZHEITLICH BEHANDELN

Wesen und Sprache der kindlichen Symptombildung

TITEL: Kinder ganzheitlich behandeln. Wesen und Sprache der kindlichen Symptombildung

AUTOREN:Valbona Ava Levin & Peter Levin, 2024©

LAYOUT: HakaBooks - Optima, body 12

BUCHUMSCHLAG: HakaBooks©

BUCHCOVER-FOTOGRAFIE:Von den Autoren bereitgestellt©

ERSTE AUSGABE: Juli 2024

ISBN: 978-84-10173-84-2

HAKABOOKS

08201 Sabadell - Barcelona

+34 680 457 788

www.hakabooks.com

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Alle Rechte vorbehalten.

Erweitertes Inhaltsverzeichnis

1. Sprache und Wesen des Kindes

Die existenzielle Situation des Kindes braucht Entwicklung. Kinder entwickeln sich, ständig und beständig. Eltern dürfen Eltern bleiben. Glück und Versprechen der ganzheitlichen Behandlung. Kinder dürfen Kinder bleiben.

2. Wie Gesundheit entsteht

Bei Geburt gesund? Leib-Zentrierung des Kindes. Wie viele Körper haben wir? Leiden als Türöffner. Schreikind. Gesundheit entsteht. Hilfe bei der Stabilitätsentwicklung. Schulreife und Zahnwechsel. Grundschulzeit und Geschlechtsreife. Verkörperte Stabilität in der Jugend: Gelassenheit und Einsamkeit. Wesen und Seele des Kindes. „Holding“ und ganzheitliche Fürsorge. Projektion und Projektil. Spaltung und Angst. Mitleiden und Leiden aushalten. Leiden an Ambivalenz ist gesund. Mut zum Sein und zum Bündnis. Mütter sind gut genug. Bündnis und Beziehung in der ganzheitlichen Behandlung.

3. Die fünf Stufen des Neins

Mama und Papa als Leitplanke. Angst vor Begrenzung und Dominanz. Das erste Nein des Kindes. Eltern sind bereit alles zu tun. Elternschaft ist kein Popularitätswettbewerb. Ja und Nein gehören zusammen. Vom liebevollen Nein zum freien Willen. Fünf Stufen des Neins. Verkörpertes Nein. Von der Geste zur Sprache. Körperliche Unreife und Umgang mit Überforderung. Verkörpertes Nein als Kunst und Kritik. Autismus und Hospitalismus. Messianische Phase und Beginn des Denkens. Widerständige Realität und Denken ohne Geländer. Intellektualisierung als Denken? Ort der Gedanken. Nachahmung bis zur Verwirrung. Verkörpertes Nein gegen Sexualisierung. Frühwarnsystem: Erfahrungsloses Wissen. Selektiver Mutismus und Aphonie. Trotz und Ich-Bildung. Am Rande zur Pubertät. Mitlaufen oder gegen den Strom stellen? Delikate Balance in der Therapie. Underachiever. Widerstand gegen jede Anforderung. Denken braucht Realität. Disziplin in der Therapie.

4. Verdauen, Denken, Fühlen

Verdauungsapparat als Vorbild. Eigenarten der Verdauung. Irritation im Verdauungsprozess der Seele: Stottern und Poltern. Verstockt und verstopft, Logorrhö und Shitstorm. Bauchschmerzen als Symptom? Probleme bei der Gedankenverdauung. Vermittlung von innerer und äußerer Natur. Sensomotorische Vorübungen zum Denken. Der Dünndarm bearbeitet den Stoff. Kommunizierende Stoffe. Aggression, sexuelle Aufladung, Sucht. Blut, Milch, Symbol. Innere Stille ohne Stillen. Einnässen und Einkoten. Speikind oder Stillverweigerung. Überfülle und Stau im Kopf. Erfahrungsloses Geschwafel der Sprachpolizei. Prophetisches Geschrei und Heiserkeit. Verkörpertes Denken.

5. Von der Sensomotorik zur Sprache

Ergriffen und Gehalten in der Sprache. Beziehung und Rhythmus. Dreiecksbeziehungen (Triangulieren). Late talker. Sprache und Spiel, Neugier und Notwendigkeit. Triangulieren und das Wesen des Kindes. Wie kann ich mit meinem kleinen Kind sprechen? Überforderung durch ständiges Verbalisieren. Lautverschiebung: Wenn der Kopf zum Topf wird. Von der Sensomotorik zum Denken. Nackeninstabilität und Sprachentwicklung.

Brauchen Kinder Wahrheit? Lügen Kinder? Bereit für Wahrheit? Sprache ist Vermittlung. Rationalität oder Rationalisierung? Sprache und Entwicklung in der Symptombildung.

6. Verkörperungsprozesse: Aufrichtung ergreift das ganze Kind

Logik der Normalentwicklung. Verkörperung, Somatisierung, Symptombildung. Aufrichtung als Form und Gestalt. Form in Beziehung. Aufrecht und Aufrichtig. Der große Moment: Stehen und Gehen. Die Welt ist gut und liebenswert. Saugen ermöglicht Erfahrungen. Berührung in Beziehung. Erfahrbare Ethik. Entbindung führt zu Beziehung. Skoliosen als Symptom. Anpassung oder nachgebender Widerstand? In die Knie oder in die Aufrichtung gezwungen. Entwicklung durch Arbeit an Widerständen. Kontaktregulation, Konzentration und Aufmerksamkeit. Das Wunder der ganzheitlichen Normalentwicklung.

7. Nachholende Entwicklung als Therapie

Was ist pathologisch? Treppenlogik und Sturz von der Treppe. Fragwürdige Kompensation. Strom der Gesundheit. Kosten der Kompensation. In den Strudeln der Pathologie. Krankheit als Skandal. Die Schmerzen der Umkehr. Die Zunge als kaum zu ignorierende Kraft. Klinischer Realismus zwischen Verharmlosung und Katastrophisierung. Therapie als nachholende Entwicklung. Die Last dauerhafter Kompensation. Weder schneller noch langsamer. Fußstabilität. Vorwärtsspringen als Verfremdung. Zusammenfassung: Ganzheitliche Behandlung und das Wesen des Kindes.

1

Sprache und Wesen des Kindes

Die Symptome des Kindes zu verstehen, ist in der ganzheitlichen Behandlung von Kindern sehr hilfreich. Wir werden uns daher mit den unterschiedlichen Prozessen der Symptombildung befassen. Das erlaubt uns herauszuarbeiten, ob das Symptom der Ausdruck einer Erkrankung oder eher die Auswirkung eines Konflikts ist, in dem das Kind steckt. Wir können dann besser Symptome, die als Schmerz- und Hilfeschrei vor allem unsere Aufmerksamkeit erlangen wollen, von denen unterscheiden, deren spezifischen Inhalt wir interpretieren können. Die Verantwortung der Eltern ist hier enorm und belastet diese. Umso größer ist deren Dankbarkeit, wenn wir Therapeuten sachlich und konkret am Wohl der Kinder interessiert sind. Zwar ist unsere Zuwendung nicht so langfristig angelegt wie die der Eltern, dafür kennen wir die Gefahr der Chronifizierung von Symptomen besser. Wir können einschätzen, welche Symptome im Kindesalter beginnen und die Zukunft des Kindes langfristig belasten. Hier lastet die Verantwortung auf uns, genau hinzusehen und notfalls auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Den Eltern ist das Wohl der Kinder heilig, aber sie können das Wirrwarr der Informationen oft nicht selbst ordnen. Wir werden sehen, dass Ordnung herzustellen ein hohes Entwicklungsziel ist. Kleine Kinder haben keine Ahnung davon; selbst von Jugendlichen und jungen Erwachsenen können wir oft die Freuden der Ordnung – aufgeräumtes Zimmer, pünktliches Aufstehen, zuverlässige Absprachen – nicht erwarten. Für Eltern ist es daher eine Wohltat, wenn wir sie dabei unterstützen, die Ordnung in den Entwicklungsprozessen zu verstehen. Das betrifft sowohl die Abläufe der sensomotorischen Entwicklung, wie die Gesetzmäßigkeiten der Erziehung zwischen Führen und Folgen, Gehorsam und Freiheit. Selbst die Symptombildung folgt erkennbaren Gesetzen, welche Eltern helfen, die passende Strategie im Umgang mit ihrem Kind zu finden.

Ziel der Behandlung ist es, Abweichungen von den Gesetzmäßigkeiten der Normalentwicklung zu verhindern, um, im besten Falle, weitsichtig und frühzeitig die Kinder zu behandeln und mit den Eltern zu sprechen. So können wir gemeinsam chronische Prozesse erkennen und abwenden. Das kann sowohl die großen Themen des Verhaltens betreffen, als auch die Frage der Konzentrationsfähigkeit oder der Stifthaltung beim Schreiben. Im Großen und Kleinen können wir erste Anzeichen späterer Probleme wahrnehmen, wenn wir die normalen Entwicklungsschritte kennen. Die Fähigkeit, einen Stift leicht zu halten und damit elegant zu schreiben, wird schon in den ersten Lebensmonaten im Unterarmstütz vorbereitet. Wir brauchen nicht darauf zu warten, bis ein Kindergartenkind den Stift verkrampft hält und ungeschickt führt.

Abb. 1: Sprache und Wesen des kleinen Kindes

Die existenzielle Situation des Kindes braucht Entwicklung

Kindliche Symptombildung ist mit Blick auf die großen Entwicklungslinien verstehbar. Wer den großen Plan kennt und erkundet, hat eine Chance, Situationen und Symptome realistisch zu interpretieren. Daher sind entwicklungsbezogene Konzepte in der Sensomotorik im geistigen und seelischen Leben nötig. Wohlmeinende Entwarnungen können für einen kurzen Moment beruhigen. Werden daraus Verharmlosungen, können diese den Ernst der Sache und das Leiden des Kindes nicht ergreifen. Verstehen heißt, verstehen was auf dem Spiel steht (Hannah Arendt). Auf dem Spiel steht einiges – für Kinder und Eltern. Wir wissen, ein Kind muss sich entwickeln, sonst geht es zu Grunde. Kinder, die sich nicht entwickeln, werden langfristig krank. Werden Verkörperungsprozesse früh durch unlösbare Konflikte verhindert, kann es zu einem Misslingen dieser Einwohnung in den eigenen Leib kommen. Dann ist das Kind in seinem Wesen irritiert und muss dies ausdrücken, um zu überleben. Die Symptombildung des Kindes muss dabei dramatisch, unübersehbar und unüberhörbar sein, damit die Erwachsenen reagieren. Die Sprache des sich normal entwickelnden Kindes von der Sprache der Symptome unterscheiden zu können, ist eine zentrale Kompetenz der Therapeuten und wird daher genauer in den folgenden Kapiteln beleuchtet.

Abb. 1.1: Sprache und Wesen des Säuglings

Kinder entwickeln sich, ständig und beständig

Ein zentraler Unterschied zwischen der Behandlung von Kindern und Erwachsenen ist der “Zwang“ zur Entwicklung. Kinder entwickeln sich, ständig und beständig, wachsen und gedeihen. Wachsen ist anstrengend und aufreibend. Erwachsene haben das oft schon vergessen.

Ständig ändert sich alles, wird ab-, um- und wieder aufgebaut. Der Energieaufwand ist erheblich und die Anstrengung merkbar. Wer wächst und sich entwickelt, ist öfters nicht für weitere Herausforderungen ansprechbar. Dies ist ein physiologischer Prozess, keine Krankheit. Nur Frauen in der Schwangerschaft erleben nochmals ähnliche physiologische Veränderungen. Phasenweise entsteht vermehrt Müdigkeit und die Belastbarkeit nimmt ab. Regenerationsfähigkeit, Schlaf und Ernährung sind daher zentrale Aspekte, die das Gedeihen der Kinder ermöglichen. Entstehen hier Mangel oder Überfülle, kommt es zu “Gedeihstörungen“. Das Thema der Überfülle spielt eine immer größere Rolle. Dies betrifft sowohl die Fehl- und Überernährung als auch die Überfüllung der Kinder mit kognitiven Inhalten, die sie nicht verdauen können. Unterforderung und Überforderung können zu ganz ähnlichen Reaktionen des Kindes führen.

Da Kinder immer mit Entwicklung befasst sind, spielen entwicklungsdynamische Aspekte eine zentrale Rolle im Verständnis der Symptome und in der Kinderbehandlung. Die ganzheitliche Behandlung eines Kindes enthält sowohl sensomotorische Entwicklungsübungen als auch Hilfestellungen in der seelisch-geistigen Entwicklungsdynamik. Beide beziehen die Eltern aktiv mit ein. Mit ihnen stimmen wir das Vorgehen und die Behandlungsziele im Kontext der Anforderungen der ganzheitlichen Entwicklungsprozesse ab. Die fürsorglich liebevollen Eltern sind immer “am Kind“. Wir versuchen diese Beziehung nicht in eine therapeutische oder pädagogische umzuformen. Wir Therapeuten sind situativ und langfristig kurativ gefragt, den Rahmen für diese Entwicklungsprozesse zu stabilisieren.

Abb. 1.2: Sprache und Wesen der glücklichen Mutter (Gustav Vigeland Park Oslo)

Eltern dürfen Eltern bleiben

In den meisten Fällen sind es nur die Eltern, die bereit sind, ihr ganzes Handeln und ihr eigenes Wohlergehen an den Anforderungen der Entwicklung auszurichten. Sie sind daher die wichtigsten Bündnispartner in der ganzheitlichen Behandlung der Kinder. Wir unterstützen die Eltern darin, ihr Verständnis für das Wesen ihres Kindes zuzulassen und bestärken sie, ihre Rolle als Mutter und Vater zu übernehmen. Ideologische und politische Strömungen, die dieses Verständnis des Wesens des Kindes und die Beziehung der Eltern zum Kind mit Themen belasten, die weder kind- noch entwicklungsgerecht sind, bleiben außen vor. Elternarbeit und Erziehungsberatung im Rahmen der ganzheitlichen Behandlung sollen Eltern befähigen und ermächtigen, das Wesen des Kindes zu erkennen sowie dieses durch die vielschichtigen Veränderungen der Kindheit und Jugend zu führen. Damit stellen wir aus entwicklungsdynamischer, biologischer sowie geistig-seelischer Sicht die Behandlung von Kindern auf eine solide und breite Basis. Die entscheidenden Leistungen und Ziele der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen sind: Stabilität und Verkörperung, Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Wenn Eltern Eltern bleiben, ist dies zwar anstrengend, aber durchaus möglich.

Abb. 1.3: Entwicklung im ersten Lebensjahr

Glück und Versprechen der ganzheitlichen Behandlung

Die Ganzheit, die wir meinen, und auf die wir in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen hinarbeiten, ist ein Entwicklungsprozess. Sie ist nicht ein für alle Mal gegeben. Sie bildet sich in der Beziehung der Kinder zu den Eltern und Pädagogen und sie entsteht durch die Verschränkung und den Zusammenklang von Entwicklungs- und Verkörperungsprozessen. Daher ist diese Ganzheit auch gefährdet, durch Abwege und Verirrungen verloren zu gehen. Das Erfreuliche an der ganzheitlichen Behandlung von Kindern zeigt sich Eltern in der gelinderten Not und nachlassenden Dringlichkeit der Symptome. Die Dankbarkeit ist entsprechend groß, wenn Kinder und Eltern endlich wieder ein freudiges Miteinander erleben. Das Kind erlebt eine neue Leichtigkeit und ein wiederkehrendes Interesse an der Welt. Es wird wieder kindlich und bezaubert in der nur Kindern zugänglichen Manier. Die Eltern atmen auf und schöpfen Hoffnung. Zuweilen ist dann plötzlich Platz für das erwünschte weitere Kind. Die Therapeuten können sich dann an der Wiederherstellung der Ganzheit in der Behandlung erfreuen.

Bei allem Glück erfolgreicher Behandlungen, bleibt es eine große Herausforderung, die Wirkkraft der physiologischen Entwicklungsprozesse in der Behandlung zu erkennen und zu verstehen. Die Faszination für assoziative oder kurzkettige Verbindung von Ursache und Folge ist groß. Daher fällt es oft schwer, Entwicklungsprozesse als Auslöser von Beschwerden oder gar als Ursache von Heilung anzusehen. Es wäre einfacher, wenn die ganzheitliche Behandlung von Kindern dem Reiz-Reaktion-Schema folgen würde. Das ist aber selten der Fall. Im Kind verwirklicht sich Ganzheitlichkeit durch vielschichtige und zeitintensive Entwicklungsprozesse. Es ist wunderbar zu beobachten, wie Entwicklung das ganze Kind ergreift (Abb. 1.3). Aber dieses Ergreifen ist kein einmaliger Akt der paradiesischen oder katastrophischen Umwälzung, sondern ein ständiger Prozess des sich Abarbeitens an Widerständen und Rahmenbedingungen. Die innere Ordnung der Prozesse zeigt sich jedoch erst sehr spät in der erwünschten Fähigkeit, Gedanken und Abläufe zu ordnen. Die Arbeit daran beginnt aber schon sehr früh. Schon ein vier Wochen alter Säugling rackert sich ab, den Kopf von einer Seite zur anderen zu drehen. Es braucht dazu nicht mehr als eine stabile und flache Unterlage und den fürsorglich-schützenden Blick und Griff der Eltern. Auch die nächsten Stufen bis zum Hinstehen werden mit vielen schweißtreibenden Wiederholungen gelingen. All das ist unumgänglich, um stabil und elegant zu stehen. Wer einem sechs Monate alten Kind diese Arbeit gegen die Schwerkraft und an den eigenen Fähigkeiten ersparen will, kann es mit elterlicher Unterstützung hinstellen. Das Kind “lernt“ dann mit instabilen (platten) Füßen und ohne Rotation zu gehen. Das kurzfristige Vermeiden von Arbeit gegen Widerstände (Abb. 1.4). führt jedoch dazu, dass Jahre später, und dann aber ein ganzes Leben lang, die Folgen der nicht entwickelten Stabilität kompensiert werden müssen. Die Stabilität des Nackens erlaubt den Abbau des Schreckreflexes um den sechsten Lebensmonat herum.

Wenn ein Junge sich mit sechs Jahren nachts noch einnässt und schnell verunsichert zurückzieht, oder eine 36-jährige Erwachsene Überraschungen fürchtet und sich schnell und heftig erschrickt, dann ist es schwer, den Zusammenhang mit einer nicht ausreichend abgebauten Moro-Reaktion zu erkennen. Die meisten Kinder mit instabilem Nacken finden irgendwann Wege, diese Instabilität ausreichend zu kompensieren. Mit 14 Jahren ist der Test der Nackeninstabilität fast immer negativ. Die darunterliegende Problematik ist aber nicht verschwunden, nur schwieriger zu verorten. Der Fleiß im ersten Lebensjahr zahlt sich aus – sowohl jener der Kinder als auch der der Eltern und Therapeuten.

Abb. 1.4: Entwicklung ist Arbeit gegen Widerstände und gegen die Schwerkraft

Kinder dürfen Kinder bleiben

Wir wünschen den Kindern und ihren Eltern ein gutes und schönes Leben. Dies ist möglich, wenn Kinder auch Kinder sein dürfen und ihnen nicht Kompetenzen zugeschrieben werden, die sie sich erst über Jahre in harter Arbeit aneignen müssen. Das Wesen des Kindes ist daher der zentrale Bezugspunkt in der ganzheitlichen Behandlung. Da Ganzheit und Gesundheit prozesshaft und in Beziehung entstehen, ist es hilfreich, sich immer wieder klar zu machen, welche Vielzahl an Kräften das Leben der Kinder von innen trägt und von außen auf diese einwirkt. Ohne die Einbettung und Führung dieser inneren Kräfte kommt es nicht zu dem Glück, das sich Eltern für ihre Kinder und für sich selbst erhoffen. Oft wissen heutige Eltern nicht mehr, wie Kinder geführt werden können. Oder es gibt kulturelle Empfindsamkeiten, die manche Eltern davon abhalten, ihre Kinder klar und liebevoll zu begrenzen. In beiden Fällen ist unsere Erfahrung und wertschätzende Zuwendung gefragt. Das Wesen des Kindes zu verstehen, nimmt den Eltern die Last und das schlechte Gewissen.

Die inneren Kräfte und das Wesen des Kindes bilden den Bezugsrahmen in der ganzheitlichen Behandlung. In den pädagogischen und therapeutischen Bemühungen wird es immer wieder darum gehen, die inneren und äußeren Kräfte so zu vermitteln, dass Entwicklung zur Ganzheit möglich wird. Wirken die äußeren Kräfte zu stark oder zu schwach, wird sich das Verhalten des Kindes zum Nachteil verändern. Bieten wir einem Kind zu große oder zu kleine Schuhe an, kommt es in beiden Fällen zu einer Änderung des Gangverhaltens bis zum Schlurfen oder gar Stolpern (Abb. 1.5). Das

Leiden des Kindes aus den Anforderungen des Entwicklungsprozesses heraus zu verstehen, ist eine der Hauptaufgaben der Therapeuten. Gelingt es diesen zudem den Eltern das Wesen des Kindes und die Gesetze der Entwicklung nahezubringen, werden Behandlungen leichter, freudiger und erfolgsversprechender.

Abb. 1.5: Großer Junge, kleines Gefährt

2

Wie Gesundheit entsteht

Wenn wir bisher betont haben, wie innere und äußere Kräfte in der Entwicklung zur Ganzheit zusammenwirken, setzen wir voraus, dass Kinder den Anforderungen des Entwicklungsprozesses gewachsen sind. Sie sind aber noch nicht lange am Wachsen, und bis sie erwachsen sind wird viel Zeit vergehen. Dann stellt sich uns oder stellen uns Eltern die berechtigte Frage: Welche Voraussetzungen bringt mein Kind mit und wie kann ich auf diese aufbauen? Wenn wir mit Eltern über das Wesen des Kindes und die Gesetze der Entwicklung sprechen, geht es meist um störende Symptome. Nicht immer ist Zeit für den Blick auf die Grundlagen der Ganzheit und die Entstehung von Gesundheit. Für die ganzheitliche Behandlung ist es aber wichtig, sich klar zu machen, dass selbst Gesundheit einem Entwicklungsprozess ausgesetzt ist. Erst aus diesem Entwicklungsprozess heraus werden Symptome nachvollziehbar. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der kindlichen Symptome entsteht erst durch die Unterstellung, dass Gesundheit ein für alle Mal gegeben ist und sich im Laufe des Lebens abnutzt. Die Entstehungsgeschichte der Gesundheit zu kennen hilft nicht nur den Kindern, sie entlastet auch die Eltern.

Die Entwicklung in den ersten Lebensjahren steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Wahrnehmung und des Denkens. Wissenschaftler sprechen daher häufig von der sogenannten sensomotorischen Entwicklung. Auf die bahnbrechenden Arbeiten Jean Ayres (Abb. 2), Berta und Karel Bobath (Abb. 7.1) und Karol Vojta können wir hier nur verweisen. Sie haben in diesem Bereich Außerordentliches geleistet.

Abb. 2: Anna Jean Ayres (1920 -1968) arbeitete als Beschäftigungstherapeutin mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Sie studierte Psychologie, betrieb in den 1960er Jahren Hirnforschung und entwickelte das einflussreiche Konzept der “sensorischen Integration“ auf der Grundlage der Neurophysiologie. Obwohl wir darauf hinweisen müssen, dass ihr Fokus auf die sensorischen Aspekte der Entwicklung und Integration zu einseitig ist, ist ihr Beitrag zum Verständnis der sich entwickelnden Funktionen wichtig. In unserer Erfahrung ist aber die Beschränkung auf sensorische Aspekte nicht ausreichend. Die motorischen Aktivitäten wirken ebenso integrierend und sind oft noch wichtiger. Die von uns verwendeten Übungen sind daher senso-motorisch, wirken über die Gleichzeitigkeit von Handeln und Wahrnehmung.

Bei Geburt gesund?

Das Kind ist bei Geburt gesund. Ist es aber gesund genug für die existenzielle Situation, in die es hineingeboren wurde? Ist es schon beziehungs- und leidensfähig, schon stabil genug, den Kopf zu halten und sich hinzustellen? Kann es schon mit Missstimmungen umgehen und Gefühle und Gedanken in sich bearbeiten?

Über einen langen Zeitraum dreht sich das Leben der Kinder um ihre körperlichen Bedürfnisse. Was die Sicherung des Überlebens angeht, sind kleine Kinder völlig ohnmächtig und abhängig von der Gesundheit der Umgebung. Wenn Gesundheit die Fähigkeit ist, mit den Kräften der eigenen Biographie so umzugehen, dass Entwicklung und Menschwerdung möglich ist, dann fehlen dem Kind grundlegende Aspekte. Diese bilden sich erst in der Beziehung mit den Eltern.

Leib-Zentrierung des Kindes

Erst die mit der Geburt einsetzende senso-motorische und seelische Entwicklung lässt Gesundheit entstehen. Wer nicht Stabilität aufbaut, ist der Instabilität der eigenen Gemütszustände ausgeliefert, ist irritierbar, unruhig und verwirrt. In diesem Kapitel wird es um die psychische Bereitschaft gehen, irritierende Missstimmungen auszuhalten. Es geht um ein Verständnis jener Kräfte, die im Körper gehalten werden, aber nicht allein körperlich sind: um die Fähigkeit, Gefühle und Gedanken so in sich selbst hin und her zu bewegen, dass wir dies mit Recht als Fühlen und Denken beschreiben können.

Es macht das Wesen der existenziellen Situation des neugeborenen Menschen aus, dass Ohnmacht und Chaos herrscht; und dass dies vor allem körperlich erlebt wird und die ersten Lösungen auch körperliche Mechanismen und Kräfte brauchen. Aufrecht zu stehen und zu gehen ist die größte Errungenschaft am Ende des ersten Lebensjahres (Abb. 2.1). Der Prozess der Aufrichtung umfasst alle Aspekte des Kindes. Am Ende wird Aufrichtung verkörpert. Ein Kind, das im Stehen angekommen ist, hat eine völlig neue innere Stabilität und ein neues Verhältnis zur Außenwelt entwickelt.

Wir beziehen Eltern in diese Betonung der Leib-Zentrierung des Kindes mit ein. Da sie meist diesen Aspekt gut verstehen, kommt es erst gar nicht dazu, dass über die Fähigkeiten und Probleme der Kinder in einer entkörpernden Sprache gesprochen wird. Eine entkörpernde Sprache bereitet das Feld für das, was wir später Rationalisierung nennen werden. Wir geben uns Mühe, diese zum Wohle des Kindes zu vermeiden und nehmen Eltern mit auf diese Reise zur Entlastung ihres Kindes.

Insbesondere bis zum Zahnwechsel betonen wir bei Gesprächen mit Eltern und Erziehern, dass Lernen leib-zentriert vonstattengeht. Nach dem Zahnwechsel stehen die Kinder in der eigenen Kraft der Verkörperung und können darauf aufbauen. Selbst wenn sie dann – im einsetzenden Denken der Pubertät – versuchen, sich aus dem körperlichen Bezug der Kategorien zu verabschieden, holt diese sie ein. Verkörperung wird dann wieder sichtbar und hörbar: in Ticks und Pickeln, Schamesröte oder Essstörungen, Stimmbrüchen und asymmetrischen Wachstumsexplosionen. Kinder können der Verkörperung nicht entkommen. Daher ist ihre Symptombildung oft auch körperlich zu erkennen.

Abb. 2.1: Die Entwicklung im 1. Lebensjahr führt zur Aufrichtung

Wie viele Körper haben wir?

Wir sind ein Körper und wir haben einen Körper. Im Deutschen gibt es sogar zwei verschiedene Wörter für den Körper: der Körper, der wir sind (Leib) und der Körper, den wir haben (Körper). Über einen langen Zeitraum unserer Entwicklung sind wir intuitiv nur ein Körper. Alle unsere Erfahrungen sind körperzentriert, weshalb wir es vorziehen, den Körper, der wir sind, als den erfahrenen Körper zu bezeichnen. Erst langsam entsteht die typisch menschliche Fähigkeit im erfahrbaren Leib zu sein und sich zugleich dabei zu beobachten: das Selbstbewusstsein. Dieses unterscheidet uns von den Tieren. Der französische Religionswissenschaftler Georges Bataille stellte sich die Frage, ob ein Tiger sich bewusst ist, ein Tiger zu sein. Er beobachtete, wie sich ein Tiger nach einer guten Mahlzeit verhält als wäre er Natur in Natur, Wasser im Wasser. Er konnte nicht erkennen, dass der Tiger ein Bewusstsein für irgendeinen Unterschied zwischen Tigernatur und Mutter Natur entwickelt. Bataille nahm an, es sei eine spezifische Eigenschaft des Menschen, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Wir sehen uns von außen und werden uns bewusst, dass wir in einem Körper stecken. Die Einheit mit der Natur, die der Tiger lebt (Abb. 2.2) wird ersetzt durch ein gesellschaftlich vermitteltes Naturverhältnis. Dieses kommt auch in der Verdopplung von Körper und Leib zum Ausdruck. In dieser Verdopplung entsteht auch die Gefahr der unvermittelten Spaltung des Wissens über erlebte Leiblichkeit und des Wissens über den medizinischen Körper; eine Spaltung, die eine ganzheitliche Therapie von Kindern erschwert. Leib-Sein und Körper-Haben gehören zur - sich entwickelnden - Gesundheit des Kindes dazu. Diese Gleichzeitigkeit in der Trennung von ernstzunehmender Wissenschaft und irrelevanter Subjektivität erstarren zu lassen, hat bisher zu keinen guten Ergebnissen geführt.

Abb. 2.2: Tiger im Dschungel: Natur in Natur

Leiden als Türöffner

Leid und Schmerz können wie ein Türöffner für die Einsicht in die Gleichzeitigkeit von Leib-Sein und Körper-Haben wirken. Schmerz zwingt uns im Leib zu bleiben und macht zugleich das Bedürfnis nach Distanzierung riesig groß. Von außen mit Medikamenten auf den Schmerz im Leib zu wirken erscheint dann als bestmögliche Lösung.

Wenn wir Medizin studieren, studieren wir anfangs einen toten Körper, die Leiche oder den corpus. Den lebendigen Leib zu studieren ist ein ganz anderes Abenteuer und erfordert eine andere Beziehung: eine Beziehung zu sich selbst. Oft zögern Studenten, bevor sie im Medizinstudium einen Toten aufschneiden. Die Ganzheit ist immer noch spürbar und die Studenten würden den toten Körper immer noch als tote Person bezeichnen. Nach dem anfänglichen Zögern gehen die meisten dazu über, die Person aufzuschneiden. Nach einer Weile übernimmt ihr wissenschaftliches Interesse die Oberhand: Sie studieren die Leiche als medizinischen Körper (corpus). Der medizinische Körper lässt die Illusion zu, dass der Körper unabhängig von der Beziehung ist, die wir zu uns selbst und zum Körper vor uns haben. Tatsächlich ist diese Illusion der Kern eines möglichen Missverständnisses bei der Interpretation der kindlichen Symptome. Oft sind Symptome nicht die Sprache des toten Körpers, sondern des erfahrenen Leibes. Dieser kommuniziert mit uns, zeigt sich erst in der Beziehung. Die Sprache der Symptome ist dann die der mitgeteilten Leiblichkeit. Der medizinische Körper dagegen produziert Zeichen und Signale. Sobald wir mit diesen kommunizieren, werden sie zu Produktionen der mitgeteilten Leiblichkeit (= Symptome). Aus diesem Grund sind wir zurückhaltend, wenn Erkenntnisse aus medizinischen Untersuchungen den leiblichen Erfahrungen in der Behandlungssituation entgegen gesetzt werden. Die einen gelten als objektiv, die anderen als subjektiv. Das ist aber für die Behandlung wenig hilfreich. Hier ist jedes Wissen beziehungs-basiert. Unterschiedliche Beziehungen erzeugen unterschiedliches Wissen. Eine MRT-Untersuchung ist eine andere Art von Beziehung als jene, die beim Spielen mit dem Kind entsteht. Beide bringen wichtige Erkenntnisse hervor, allerdings in einem ganz unterschiedlichen Verhältnis von Untersucher und Objekt/Subjekt der Untersuchung. Der Sozialanthropologe Helmuth Plessner (Abb. 2.3) hatte für diese Situation einen recht interessanten Begriff. Er sagte, es definiere die menschliche Natur, dass wir uns in einer “exzentrischen Positionalität“ befänden: Wir sind in der Mitte und außerhalb der Mitte; in einer Position und betrachten die Position von außen; wir haben einen Körper und sind ein Leib, beides gleichzeitig.

Die lebenslange Aufgabe, diese Gleichzeitigkeit zusammenzuhalten, sah Plessner in der Verkörperung. Die beiden Aspekte sind gleichzeitig vorhanden und können im Gleichgewicht gehalten werden, indem wir unsere Wissenschaften zusammenhalten; die Wissenschaft des medizinischen Körpers (Biologie, Physiologie und Pathophysiologie in der Medizin) und die Wissenschaft des erfahrbaren Körpers mitgeteilter Leiblichkeit (Geisteswissenschaften, Phänomenologie, Psychoanalyse). Das macht die Herausforderung der ganzheitlichen Behandlung aus.

Gerne betonen Eltern und Lehrer die kognitiven Fähigkeiten der Kinder. Das ist nachvollziehbar. Wir versuchen aber ebenso die grundlegende Tatsache der Verkörperungsnotwendigkeit in den ersten Jahren der kindlichen Entwicklung hervorzuheben. Erst mit zunehmendem Alter entstehen kleine Inseln, in denen die Leib-Zentrierung nachlässt. Wir sehen darin aber keine Einladung, eine entkörpernde Sprache oder Rationalisierung anzustreben (siehe dazu Kap. 4 und 5). Am Anfang aber steht im Leben der Säuglinge und kleinen Kinder der unumgängliche Leib-Bezug und die völlige Abhängigkeit als existentielle Situation. Säuglinge und kleine Kinder sind alles andere als reif, entwickelt und – im Sinne der Lösungsorientierung – intelligent. Sie haben nur die Möglichkeit ihre Missstimmungen auszudrücken und das Glück, dass sie Eltern ausgewählt haben, die ihre Liebe teilen und nichts erfüllender finden, als die kleinen und großen Bedürfnisse des Kindes möglichst schnell zu befriedigen.

Abb. 2.3: Helmuth Plessner (1892-1985) war einer der brillantesten Sozial-Anthropologen des 20. Jahrhunderts. Er studierte Medizin, Zoologie und Philosophie. In seinem 1931 erschienen Hauptwerk Macht und menschliche Natur breitet er die gesellschaftlichen Implikationen dieser Wissenschaften aus. Einer seiner bekanntesten Schüler und Herausgeber seiner Schriften, Günter Dux, verband seine Einsichten mit den Arbeiten Jean Piagets in der Logik der Weltbilder zu einem der letzten großen Entwürfe einer sozial-anthropologischen Geistes- und Gattungsgeschichte.