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3,2 Millionen Kinder leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter der Armutsgrenze. Jährlich werden 1,5 Millionen Kinder misshandelt. Mehr als 3,2 Millionen wachsen mit einem suchtkranken Elternteil auf. Auch wenn wir es allzu gerne verdrängen: Viele Mädchen und Jungen leben auch hierzulande in Not. Veronica Ferres engagiert sich seit Jahren für das Wohl von Kindern. Sie stellt in ihrem Buch Projekte, Initiativen und Personen vor, die auf jeweils ganz unterschiedliche Weise Kindern helfen. So schreibt sie etwa über Peter Maffays Tabaluga Kinderstiftung und sie porträtiert die Berliner Kommissarin Gina Graichen, die sich mit ihrem Team um von Verwandten gequälte oder missbrauchte Mädchen und Jungen kümmert. Und nicht zuletzt schildert sie die Arbeit eines Pfarrers, der in Südafrika aidsinfizierten Mädchen und Jungen eine Zukunft ermöglicht. Kinder sind unser Leben von Veronica Ferres · Nicole Maibaum: im eBook erhältlich!
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2011
Veronica Ferres / Nicole Maibaum
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Auch wenn wir es allzu gerne verdrängen: Viele Kinder leben auch hierzulande in Not. Da sind sozial benachteiligte, misshandelte oder vernachlässigte Kinder. Kinder, die keine Liebe in ihrem Elternhaus erfahren, sondern tägliche Gewalt. Kinder, die einen oder beide Elternteile verloren haben. Und nicht zuletzt sterbenskranke Kinder, deren Angehörige dringend Unterstützung bei der Betreuung benötigen. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Veronica Ferres stellt Projekte vor, die da ansetzen, wo die Not am größten ist. Ein Buch, das aufrüttelt und nachdenklich macht. Ein Buch, das zum Helfen aufruft.
Widmung
Vorwort
»Wir kämpfen gegen das Vergessen. Das sind wir unseren Kindern schuldig.«
»Es ist ein schönes Gefühl, zu sehen, wie Kinder sich und ihre Stärken entdecken.«
»Jeden Tag hoffen wir auf die Chance, rechtzeitig zu kommen. Denn so können wir ein Kinderleben retten.«
»Rette einen Menschen, und du rettest die ganze Welt.«
»Ich möchte anderen Menschen die Hilfe geben, die mein Sohn nicht mehr bekommen hat.«
»Wir wollen Kindern zu ihren Rechten verhelfen. Sie sollen respektierte Subjekte sein und keine x-beliebigen Objekte.«
»Ich möchte für die Kinder ein kleiner positiver Baustein sein in ihrem hoffentlich langen, großen Leben.«
»Ein lachendes Kindergesicht zu sehen, dafür lohnt sich alle Mühe.«
»Ich möchte später einmal Krankenschwester werden, vielleicht geht mein Traum ja in Erfüllung.«
»Ich glaube, mein Sohn hat mir einen Auftrag hinterlassen. Den erfülle ich.«
»Kinder haben es nicht in der Hand, in welche Lebensumstände sie hineingeboren werden.«
»Was verhindert werden kann, muss nicht mehr aufgearbeitet werden.«
»Auch als Flüchtlingskind kann man in diesem Land glücklich werden.«
»Die Kinder sind nur die Symptomträger. Die Grundursache ist zumeist ein desolates Familiennetz.«
»Wenn Kinder keine Zukunft für sich sehen, so ist dies fast schon ihr Ende.«
Nachbemerkung
Literaturhinweise
Adressen und Spendenkonten
Bildnachweis
Für Lilly
Veronica Ferres
Abbildung 1
Als kleines Mädchen wollte ich unbedingt ganz schnell groß werden. Denn da gab es unseren Hund Alf, einen sechs Wochen alten Colliewelpen. Ich muss so vier, fünf Jahre gewesen sein, und in diesem Alter gab es für mich nichts Tolleres, als mit Alf zu spielen, mit ihm zu kuscheln und ihn herumzutragen. Doch Alf legte in einem rasanten Tempo an Größe und Gewicht zu. Bald schon war ich nicht mehr stark genug, um ihn weiter auf die Arme nehmen zu können. In meiner Verzweiflung betete ich sogar zu Gott, er möge mich doch genauso schnell wachsen lassen wie unseren Hund.
Ich denke gerne zurück an meine Kindheit. Mit meinen beiden älteren Brüdern Peter und Herbert bin ich am Stadtrand von Solingen groß geworden, umgeben von Wäldern, Wiesen und Feldern, direkt hinter unserem Haus, im Tal, floss die Wupper. Meine Eltern hatten einen Kartoffel- und Kohlenhandel, und auf unserem Hof lebten viele Tiere. Es gab Hasen, Hühner und Hunde. Sogar ein eigenes Pony hatte ich, und da mein Bruder Herbert Brieftauben züchtete, gab es auch über 200 Tauben. Meine beiden großen Brüder beeindruckten mich, und ich wollte auch so cool sein wie sie. Peter und Herbert wiederum fanden es ziemlich nervig, dass ich ihnen ständig am Rockzipfel hing. Um mich abzuschrecken, ließen sie sich dann irgendwann einfach ein paar Mutproben für mich einfallen. So sollte ich einmal von einer ganz hohen Ziegelsteinmauer springen, ein anderes Mal musste ich von der Hühnerfarm unseres Onkels Eier stibitzen. Auch sollte ich Wache schieben im Wald, während meine Brüder und ihre Freunde dann in einem zerbeulten Blechtopf irgendetwas über dem Lagerfeuer kochten und ihre geheimen Bandentreffen abhielten. Zwar hatte ich manchmal etwas Angst, dort im Wald, doch riss ich mich zusammen. Tapfer habe ich alle Mutproben bestanden. Ich wollte eben immer zu den Jungs gehören und lief auch jahrelang mit Latzhose und Schiebermütze rum.
Meine Eltern erzogen uns Kinder zwar streng katholisch, doch auch wenn wir einmal etwas angestellt hatten – unsere Eltern haben uns nie geschlagen. So erinnere ich mich noch gut daran, wie ich meine Mutter einmal fragte, wo denn das Wasser aus der Toilette hingeht, und sie mir darauf antwortete: »Direkt in die Wupper!« Als meine Eltern dann abends einmal beim Kegeln waren, bin ich schnurstracks zu unserem Aquarium, habe alle Fische mit einem kleinen Netz herausgefischt und sie in der Toilette runtergespült. Es war toll, ich fühlte mich als große Retterin, die den Fischen ihre Freiheit zurückgeschenkt hatte. Natürlich waren meine Eltern daraufhin sehr wütend, doch selbst eine Ohrfeige brachte keiner von ihnen übers Herz.
Oft hat meine Mutter auch einfach meinen Vater gerufen, wenn ich sehr frech war. Der ist der sensibelste und gebildetste Kaufmann der Welt. Er weiß einfach alles über Literatur, Musik und Film. Und wenn es hieß, wir hätten wieder eine Dummheit gemacht, kam er und ist mit uns ins Bügelzimmer gegangen. Dort stand er dann vor uns, schaute uns an, in seinem Blick die Liebe eines Vaters, und so konnte auch er uns nicht schlagen. Das wusste meine Mutter natürlich. Es war wie ein Ritual.
Immer wenn ich an all diese Erlebnisse zurückdenke, an die vielen positiven Eindrücke, die ich damals machen durfte, merke ich, wie wichtig diese Zeit für mich war. Die ersten Jahre haben mich stark geprägt, und die Kraft und das Selbstvertrauen, mit denen ich heute als erwachsene Frau durchs Leben gehe, finden ihren Ursprung in den Tagen meiner Kindheit. Und mit dieser Erkenntnis und Erfahrung stehe ich nicht alleine da. Für jedes Kind, für jedes Mädchen und für jeden Jungen, sind die Tage der Kindheit prägend. In dieser Zeit, im familiären Umfeld, wird das Fundament für die nachfolgende Entwicklung geschaffen. Es geht um ganz elementare Dinge wie das spätere Sozialverhalten, um die Aufnahmefähigkeit, um die Neugierde genauso wie die gesunde Ernährung und vor allem die Stärke, an sich selbst zu glauben.
Es ist daher wichtig, Kinder zu fördern und zu schützen. Sie sind die Kleinsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft und damit selbst noch nicht stark genug, um sich zu wehren und für ihre eigenen Rechte zu kämpfen. Daher müssen wir Großen das für sie übernehmen. Schließlich sind Kinder unsere Zukunft. Sie sind die Ärzte, die uns einmal behandeln werden. Sie sind die Krankenpfleger, die uns einmal im Altenheim umsorgen. Sie sind die künftigen Professoren und Politiker, die einmal maßgeblich über unser Land und unser Wohlergehen entscheiden.
Leider gewinne ich gerade in Deutschland oftmals den Eindruck, dass zahlreiche Menschen sich nicht über diese weitreichende Bedeutung von Kindern und Jugendlichen bewusst sind. Besonders in meinem Alltag als Mutter, als alleinerziehende und berufstätige Mutter, wird mir dies häufig bewusst. Es ist nur mit großem Eigenengagement, mit Disziplin und oftmals auch dem Verzicht auf ein Stück eigene Verwirklichung möglich, Kinder und Karriere tatsächlich zu vereinbaren. Ein Beispiel: Manche Drehtage gehen wirklich bis spät in die Nacht. Während die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen ohne Kinder dann müde in ihr Hotel fahren und sich dort ins Bett legen, fahre ich zum Flughafen, um die nächste Maschine Richtung München zu bekommen. Wenn ich meiner Tochter am Abend zuvor schon keinen Gute-Nacht-Kuss geben konnte, so möchte ich sie wenigstens am Morgen begrüßen und mit ihr, bevor sie in die Schule geht, gemeinsam frühstücken. Lilly ist das Wichtigste in meinem Leben. Es erfüllt mich mit unbeschreiblichem Glück, aber auch großem Stolz, jedes Jahr ihren Geburtstag zu feiern, zu sehen, wie sie wieder gewachsen ist und sich entwickelt hat.
Ich betrachte es als große Herausforderung und meine Lebensaufgabe, Lilly zu einem Menschen zu erziehen, der Werte schätzt wie Respekt, Dankbarkeit und Demut und der auch Verantwortung für sich und andere übernehmen kann. Es sind kleine Schritte auf dem Weg dahin. Zum Beispiel muss Lilly selbstverständlich in ihrem Zimmer Ordnung halten, genauso muss sie den Stall ihrer Kaninchen selbst sauber machen. Ich versuche sie in die Haushaltsarbeiten mit einzubeziehen, mit ihr zu kochen, den Tisch zu decken, die Zeitung zu holen, den Müll rauszubringen oder mit ihr Unkraut zu zupfen. Und sitzen wir dann abends nach vollbrachter Gartenarbeit gemeinsam beim Abendbrot, ist das einer dieser ganz besonderen Momente.
Zeit mit Lilly zu verbringen ist für mich ein kostbares Geschenk, und so mache ich in beruflicher Hinsicht immer wieder Abstriche, um bei ihr zu sein. Als ich beispielsweise im Herbst 2010 ein Angebot für Dreharbeiten in Rom bekam, lehnte ich ab, und das wirklich, ohne auch nur eine Minute zu zögern. Die Dreharbeiten hätten sich bis in den Dezember, bis kurz vor Weihnachten, gezogen. Gerade die Vorweihnachtswochen aber sind mir sehr wichtig. Dann backen wir Plätzchen, basteln, lesen viel gemeinsam, machen es uns einfach zu Hause gemütlich. Und ich finde, es gibt nichts Schöneres, denn Kinder zeigen einem, was wirklich wichtig ist im Leben, sie bringen einen auf das Wesentliche zurück und öffnen einem die Augen für die oft unterschätzten Kleinigkeiten und Besonderheiten in unserem Leben.
Wenn du einem Kind irgendetwas das erste Mal zeigst, zum Beispiel Schnee, einen Regenbogen oder wie sich eine stachelige Schale öffnet und sich darin eine Kastanie verbirgt, wenn du einem Kind sein erstes Gummibärchen gibst oder ein Stück Schokolade, wenn ein Kind die ersten Schritte läuft oder zum ersten Mal einen Duplo-Stein erfolgreich auf einen anderen setzt und du dann diese staunenden, strahlenden, glücklichen Augen siehst, dann ist das ein Teil der Schöpfung, und immer wieder halte ich in diesen Augenblicken inne.
Es ist eine schnelllebige Zeit, in der wir leben. Mode, Autos, Technik – was heute noch Trend ist, ist morgen schon wieder überholt, und es gibt viel Neues. Viel zu wenige von uns wissen meiner Meinung nach, was wirklich im Leben zählt. Umso mehr bewundere ich die Menschen, die ich in diesem Buch porträtiere. Denn sie wissen es und nehmen sich die Ruhe und die Zeit, sich dafür zu engagieren – für Kinder. Wenn ich zum Beispiel an Gina Graichen denke, Erste Kriminalhauptkommissarin aus Berlin, die in ihrer Laufbahn bereits über 120 vernachlässigte und zum Teil brutal misshandelte Mädchen und Jungen nur noch tot vorfand und die trotzdem weiterkämpft gegen die tägliche Gewalt in Familien, dann werde ich selbst ganz still. Eine beeindruckende Frau. Genauso Angela Oettjen, die als Pflegemutter auf Zeit erst wenige Wochen alte Babys zu sich nimmt und diesen die Liebe gibt, als wären es ihre eigenen Kinder. Oder mein Freund Stefan Hippler, der sich in Südafrika um HIV-infizierte Kinder kümmert. Um nur drei der in diesem Buch vorgestellten Menschen zu nennen, die zu den beeindruckendsten zählen, die mir im Lauf meines Lebens begegnet sind.
Liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht schaffe ich es mit den Geschichten über diese Menschen, auch Sie zum Nachdenken zu bringen, und vielleicht fühlen Sie sich motiviert zu helfen. Ich nehme mich da selbst ebenfalls in die Pflicht und versuche mich immer wieder für benachteiligte und Not leidende Mädchen und Jungen einzusetzen. Dieser Wunsch und dieses Ansinnen, für Kinder da zu sein, ist tief in mir verankert, und ich brauche auch gar nicht lange darüber nachzudenken, was der Antrieb ist. Denn neben meiner eigenen schönen Kindheit und dem daraus resultierenden Wunsch, dass auch andere eine solche erleben, neben meinem Dasein als Mutter und dem Wissen, dass die Mädchen und Jungen von heute einmal die Erwachsenen von morgen sein werden und damit auch über meine Lebensqualität bestimmen, gab es ein Erlebnis, an das ich mich immer wieder erinnere und welches mir verdeutlicht, wie hilf- und wie machtlos Kinder sind und dass sie dringend unsere Unterstützung benötigen. Es geschah in meiner Jugend. Meine beste Freundin wurde mit 16 schwanger. Der Vater ihres Kindes war nur eine kurze Liebe, und so wusste sie selbst, dass ihre Schwangerschaft gerade für ihren eigenen Vater, einen in Solingen angesehenen Handwerker, ein Skandal war. Trotzdem brachte sie das Kind zur Welt und lebte die ersten Monate bei ihren Eltern. Sie ging wieder zur Schule, ließ das Kleine in dieser Zeit bei ihrer Mutter und ihrem Vater und ahnte nichts Böses. Doch als sie einmal von der Schule unerwartet früher nach Hause kam, erwischte sie ihren Vater dabei, wie er das Baby nackt vor sich liegen hatte und es sexuell missbrauchte. Es war ein Schock, der alles Verdrängte plötzlich wieder hochkommen ließ. Denn auch meine Freundin war als junges Mädchen von ihrem Vater sexuell missbraucht worden, doch sie hatte darüber nie geredet. Als sie jedoch sah, wie sich ihr Vater an ihrem Kind verging, hatte ihr Schweigen ein Ende. Endlich konnte sie darüber sprechen, mit mir, vor allem aber auch mit ihrer Mutter. Doch womit sie nicht rechnete: Ihre Muter wollte von all dem Geschehenen nichts wissen. Sie stellte sich auf die Seite ihres Mannes und drohte meiner Freundin, sie solle den Mund halten und ihr nicht den Mann wegnehmen. Es war schlimm. Die nächsten Wochen wohnte meine Freundin bei uns zu Hause, und ich weiß noch, wie hilflos ich mich fühlte. Meine Freundin und ich sehnten uns in dieser Zeit nach einem Gesprächspartner, der nicht nur zuhört, sondern der uns auch fachlich unterstützen kann. So etwas gab es damals nicht.
Dieses Erlebnis mit meiner besten Freundin und dabei das Gefühl, mit den Sorgen völlig alleine zu sein, ist eine große Motivation für mein Handeln. Ich möchte, dass sich Kinder und Jugendliche nicht verlassen mit ihren Problemen fühlen müssen. Zudem denke ich, dass man gerade als Künstler und Künstlerin eine Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche hat und damit auch eine besondere Verantwortung. Ich möchte, dass Kinder und Jugendliche in eine unbeschwerte Zukunft blicken können. Ich möchte, dass sie stark sind, dass sie Vertrauen in sich selbst setzen, um auf dieser Welt bestehen zu können. Daher engagiere ich mich für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Denn Kinder sind unser Leben!
Doris Kleisch verlor beim Amoklauf von Winnenden ihre Tochter. Jetzt setzt sie sich gegen Gewalt an Schulen ein
Abbildung 2
Wo ich war, an diesem Mittwoch, den 11. März 2009, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, was ich in dem Moment dachte, als ich die Nachricht vom Amoklauf in Winnenden hörte: »Es ist nicht nur Amerika. Es kann immer und überall passieren. Auch bei uns.« Es macht mir Angst. Natürlich besonders als Mutter einer Tochter, die auch jeden Morgen zur Schule geht und von der ich so selbstverständlich bei der Verabschiedung glaube, sie am Nachmittag wieder in die Arme schließen zu können. Doch es bedrückt mich auch als Mitbürgerin. Denn es ist ein gesellschaftliches Thema. Die Gewalt und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Ich denke da zum Beispiel an die beiden Jugendlichen, 17 und 18 Jahre alt, die im September 2009 in der Münchner S-Bahn herumpöbeln, vier Kinder bedrohen und angreifen. Ein mutiger, couragierter Mann, Dominik Brunner, geht dazwischen. Doch die Zeiten, da Erwachsene per se als Respektsperson angesehen wurden, sind vorbei. Die teils alkoholisierten Jugendlichen haben keine Hemmungen, und so kommt es am S-Bahnhof Solln zu einer brutalen Attacke. Zweiundzwanzig gezielte Faustschläge und Tritte, in den Bauch genauso wie in das Gesicht, bringen den 50-jährigen Brunner zu Fall und verletzen ihn schwer. Dominik Brunner, der an einem Herzfehler litt, verstirbt etwa zwei Stunden später in einem Krankenhaus.
Diese jugendliche Brutalität ist kein Einzelfall. Gerade auch untereinander schrecken Jugendliche nicht vor der Anwendung von Gewalt zurück, um ein bestimmtes Ziel zu erlangen. Im Berliner Stadtteil Dahlem beispielsweise überfielen im Juni 2010 fünf Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren zwei 13-jährige Jungen, schlugen ihre Opfer mit Fäusten und zwangen sie zur Herausgabe ihres Geldes.
Es sind Ereignisse, die mich schockieren und sprachlos machen. Was kann ich tun? Kann ich etwas tun? Ich bin Schauspielerin. Vielleicht kann ich mit Filmen, mit Rollen, die ich spiele, das Thema weiter in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Schon als ich im Sommer 2008 den Regisseur Thomas Stiller kennenlernte und dieser mir von seinem Drehbuch erzählte, das genau dieses Thema behandelt, die Gewalt und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, wurde ich neugierig. Ich las das Drehbuch und war davon so fasziniert wie auch überzeugt, dass ich nicht nur als Schauspielerin mitwirken wollte, sondern zudem als Co-Produzentin mit einstieg. Der Film »Sie hat es verdient« erzählt die Geschichte von Susanne, die behütet aufwächst und an ihrem 16. Geburtstag von Mitschülerinnen entführt und misshandelt wird. Die Situation eskaliert: Susanne stirbt. Ich spiele in diesem Film die Rolle von Susannes Mutter, Nora Wagner. Sie besucht eine der Täterinnen im Gefängnis, und als sie fragt, warum Susanne sterben musste, sagt das Mädchen einfach nur: »Sie hat es verdient!« Der Film nennt keine konkreten Gründe für die Tat. Es wird auch keine traurige, traumatische Kindheit der Täterin skizziert, um eine Erklärung vorzuweisen. Der Film erzählt, ohne zu werten und ohne zu richten, die Anatomie eines Verbrechens. Das Fazit: Eine solche Tat kann zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jedem Umfeld geschehen. Es muss keine Vorboten und keine Vorgeschichte dazu geben. Es kann einfach passieren. Jeder kann ein Opfer sein.
Ich spiele in dem Film eine Rolle. Doch dass diese Rolle ganz schnell Wirklichkeit werden kann, zeigt mir das Beispiel von Doris Kleisch. Sie ist auch eine Mutter. Auch sie hat ihre Tochter wie so viele Morgen zuvor verabschiedet und war sich sicher, sie am Nachmittag wiederzusehen. Doch dann kam die Gewalt, der Amoklauf von Winnenden. Ohne Vorankündigung hat er Doris Kleisch das Kind genommen …
Eine angebrochene Kaugummi-Packung liegt auf dem Schreibtisch. Genauso ein Schokoriegel, unzählige Stifte, ein Schulheft, ein Zeitungsbericht über den Auftritt mit dem Musikverein. Fotos zeigen zwei lachende Freundinnen, die sich im Arm halten. Im Regal stehen fünf, sechs Nagellack-Fläschchen, ein Pullover liegt über dem Sofa, die weiße Bettdecke ist zurückgeschlagen, die Kissen, das eine mit einer großen Rose bedruckt, sind noch zerknautscht. Es herrscht das klassische Chaos, wie es in so vielen Jugendzimmern der Fall ist. Dieses ist das Zimmer von Stefanie Kleisch, einer glücklichen 16-Jährigen, den Kopf voller Pläne, immer gut gelaunt, gerne mit Freundinnen unterwegs, ein Fan von Sänger Robbie Williams. Eben ein ganz normaler Teenager.
Der Pullover, die Nagellack-Fläschchen, der Zeitungsbericht, die Kaugummi-Packung – nichts wurde seit dem 11. März 2009 verändert, nichts wurde bewegt, geschweige denn beiseitegeräumt. Als Stefanie Kleisch an diesem Morgen des 11. März 2009 um 5.45 Uhr die Bettdecke zurückschlägt, ist es noch ein Mittwoch wie so viele andere zuvor. Sie geht ins Bad, duscht, macht sich die schulterlangen blonden Haare zurecht, und langsam erwacht auch der Rest der Familie. Mutter Doris schmiert einige Brote, es wird gelacht und gescherzt, der kleine Bruder Tim kommt schlaftrunken aus seinem Zimmer, und auch Vater Dieter gesellt sich zu der morgendlichen Frühstücksrunde. Seit 1990 sind Dieter und Doris Kleisch verheiratet. Er arbeitet als Kfz-Meister in einer leitenden Funktion, die gelernte Verwaltungsangestellte geht in der Rolle als Hausfrau und fürsorgliche Mutter auf. Das Paar führt eine harmonische Ehe. Tochter Stefanie war ein Wunschkind, genauso ihr Bruder.
Um 6.45 Uhr verabschiedet sich Stefanie. Sie öffnet die Tür, ruft noch ein »Tschüss, bis später«, und fort ist sie. Der Bus hält fast vor dem Haus. Es sind knapp drei Kilometer, die Stefanie Kleisch von ihrem Heimatort Weiler zum Stein bis nach Winnenden fährt. Dort besucht sie die zehnte Klasse der Albertville-Realschule.
Es ist immer noch ein Mittwoch wie so viele in ihrem Leben davor, als Stefanie Kleisch im Klassenraum der 10 d sitzt und um 9.10 Uhr die dritte Stunde beginnt. Mathe steht auf dem Stundenplan. Ein Fach, das Stefanie weniger mag. Lieber sind ihr Sprachen, Englisch und Französisch. Da ist sie besser. In Mathe schwächelt sie etwas. Trotzdem möchte sie nach dem Ende der zehnten Klasse, mit der mittleren Reife in der Tasche, die Schullaufbahn fortsetzen. Sie hat bereits erste Bewerbungen an berufliche Gymnasien geschrieben. Sie möchte ihr Fachabitur erlangen, um so später vielleicht einmal Industriekauffrau zu werden oder Grundschullehrerin. Auch würde sie gerne für eine Zeit ins Ausland, vielleicht nach Frankreich. Doch das ist noch lange hin, und als gegen 9.30 Uhr die Tür aufgeht, wird diese Zukunft ohnehin von einer auf die andere Sekunde ausgelöscht. Ein ehemaliger Schüler, 17 Jahre, steht im Türrahmen. Er ist dunkel gekleidet, in der Hand hält er eine Beretta Kaliber 9 Millimeter. Er hebt die Waffe an und feuert ab.
Es ist etwa gegen 9.40 Uhr, als an diesem Mittwoch bei Doris Kleisch zu Hause das Telefon klingelt. Es ist ein Zufall, dass die damals 47-Jährige überhaupt da ist. Normalerweise ist sie mittwochs immer mit einer Sportgruppe unterwegs. Doch da sie an diesem Tag noch etwas zu Hause erledigen muss, ist Doris Kleisch erreichbar. »Die Caro, Steffis beste Freundin, war am Apparat. Sie weinte und stammelte nur ›Frau Kleisch, Sie müssen ganz schnell kommen. Es ist etwas Schlimmes passiert. Die Steffi ist verletzt. Sie blutet am Bauch‹«, erinnert sich Doris Kleisch. Die Mutter setzt sich sofort ins Auto und fährt Richtung Winnenden. Sie ist ruhig, denn sie glaubt an nichts Schlimmes. »Was sollte schon passiert sein? Die Steffi war doch in der Schule, sie war ja auch kein Kind mehr, konnte auf sich aufpassen. Ich dachte daher, die Caro übertreibt.«
Mühelos bekommt Doris Kleisch auf dem Schulgelände einen Parkplatz. Als sie aus dem Wagen aussteigt, wundert sie sich über die vielen herumeilenden Polizisten, die offensichtlich immer mehr werden. Auch Notärzte sind da, Schüler rennen umher, genauso Lehrer und andere Eltern. Was Doris Kleisch zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Bereits um 9.33 Uhr ist bei der Polizei ein Notruf aus der Schule eingegangen. Und nur zwei, drei Minuten später trafen in der Albertville-Realschule die ersten Beamten ein.
»Es war ein konfuses Durcheinander. Schüler standen aufgelöst auf der Straße und weinten, Eltern liefen umher und suchten ihre Kinder, dazwischen die Polizei und die Ärzte. Ich konnte gar nicht anfangen, darüber nachzudenken, was ist, denn sofort erblickte ich Caro, die mir in die Arme fiel«, erinnert sich Doris Kleisch. Stefanies Freundin weint und erzählt von dem ehemaligen Schüler, der in die Klasse gestürmt sei und geschossen habe. Doris Kleisch kann und will das nicht glauben. Zu unwirklich klingt für sie diese Geschichte. »Ich fragte sie nach Steffi, doch sie sagte nur, Steffi sei verletzt. Sie wisse nicht, wo sie sei«, erzählt Doris Kleisch. Die Mutter wählt die Handynummer ihrer Tochter, aber am anderen Ende bleibt es stumm. Keiner nimmt ab.
Um Doris Kleisch herum wächst das Chaos. Immer mehr Polizisten, es sind inzwischen mehrere hundert, rücken nach und nach an. Es ist kurz nach zehn Uhr. Zwei Tote soll es geben, heißt es zu diesem Zeitpunkt. Wie viele Verletzte, sei unklar, und ob der Täter sich noch in der Schule befinde, ebenfalls.
»Schon verrückt. Ich glaube, jeder, der vor dem Fernseher saß und die Berichterstattung verfolgte, wusste mehr als wir, die Eltern, die Schüler und Lehrer«, erinnert sich Doris Kleisch. »Wir, wir konnten nur unwissend warten und weiter hoffen.«
Gegen elf Uhr geht Doris Kleisch mit einer anderen Mutter in die Hermann-Schwab-Halle, schräg gegenüber der Schule. Dort gibt es einen Krisenstab, dort sollen die Eltern weitere Informationen erhalten. Auch Dieter Kleisch, den seine Frau bereits vom Auto aus anrief, ist mittlerweile eingetroffen. Der Vater telefoniert die umliegenden Krankenhäuser ab, fragt, ob seine Tochter nicht bereits irgendwo verletzt eingeliefert worden sei. Doch jeder Arzt, mit dem er spricht, verneint. »Und ich glaube, da hat mein Mann es schon geahnt. Er sagte nur: ›Ich habe alle Krankenhäuser abtelefoniert. Wenn Steffi irgendwo wäre, dann hätte ich sie gefunden.‹ Ich denke, da wusste er es bereits. Doch gesagt hat er es nicht«, so Doris Kleisch.
Eine Stunde vergeht nach der nächsten. Immer mehr glückliche Eltern verlassen die Halle, in den Armen ihr unversehrtes Kind. Das Rote Kreuz verteilt Tee und Wasser, das Ehepaar Kleisch bekommt eine Psychologin zur Seite gestellt. Doch Doris Kleisch starrt immer nur auf die große Hallentür. Jedes Mal, wenn diese sich öffnet und wieder neue Schüler hineinkommen, hofft Doris Kleisch, auch ihre Tochter Steffi zu sehen. Aber sie hofft vergebens.
Es ist bereits gegen fünfzehn Uhr, als zwei Polizisten und zwei Seelsorger auf Doris und Dieter Kleisch zukommen. »Manchmal habe ich mir als Mutter diese Situation ausgemalt. Wenn ich abends auf dem Sofa saß und auf die Steffi wartete. Wenn zehn oder fünfzehn Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt vergangen waren und sie immer noch nicht zu Hause war. Dann wurde ich unruhig und dachte: ›Wenn die Steffi tot ist, dann schreie ich, ich breche zusammen, kann nicht mehr weiterleben.‹ Aber in diesem Moment, in der Halle, als mir die Männer sagten, die Steffi ist tot, da war da einfach nichts. Ich konnte nicht schreien, ich konnte nicht weinen, ich konnte nichts fragen, ich bin auch nicht zusammengebrochen. In mir war es nur still und leer. Da war nur ein großes schwarzes Loch«, erzählt Doris Kleisch.
Die Polizei bietet dem Ehepaar an, es nach Hause zu begleiten, aber die Kleischs lehnen ab. Sie wollen keine Aufmerksamkeit erregen. »Wenn wir da mit Polizei rausgegangen wären, hätte sich gleich die Presse auf uns gestürzt. Die Journalisten lauerten vor der Eingangstür und versuchten sich jedem aufzudrängen, der die Halle verließ«, sagt Doris Kleisch. Ruhig und ganz alleine verlässt das Ehepaar so durch den Hintereingang die Halle und geht zu seinem Auto. Sie müssen nach Hause. Ihr Sohn Tim wartet mit seiner Oma auf die Eltern, und Doris Kleisch weiß, dass er gleich fragen wird. »Obwohl alles noch so unwirklich war und ich es selbst noch gar nicht fassen konnte, holte mich der Alltag sofort wieder ein. Tim forderte Antworten, er sah, dass wir ohne Steffi kamen, und so haben wir es ihm gleich an diesem Abend gesagt«, erinnert sich die Mutter. Sie weiß nicht, ob ihr Sohn tatsächlich in diesem Moment verstanden hat, dass die große Schwester nie mehr wiederkommt, nie wieder mit ihm am Tisch sitzen und nie wieder mit ihm spielen wird. Doris Kleisch: »Er fing nur schrecklich an zu weinen, und dann hat er plötzlich gesagt ›Ich muss raus‹ und ist in den Hof gegangen und hat dort alleine Fußball gespielt.«
Der Tag, der wie so viele zuvor noch ganz normal begann, hört traurig auf – bei der Familie Kleisch genauso wie bei vielen anderen Menschen im Ort. Denn am Ende dieses Mittwochs steht fest: Der 17-jährige Amokläufer hatte aus dem Schlafzimmer seiner Eltern die Waffe und mehrere hundert Schuss Munition genommen. Der Vater, der Mitglied im Schützenverein war und legal 15 Waffen besaß, hatte die Beretta nicht weggesperrt. So konnte der Jugendliche in die Schule stürmen und erschoss dort neun Schüler im Alter von 15 und 16 Jahren. Er tötete drei Lehrerinnen, einen Passanten, zwei Menschen in einem Autohaus und am Ende, gegen 13.30 Uhr an diesem Mittwoch, auch sich selbst. 15 Tote und ein Mörder. Bei einer Hausdurchsuchung entdecken die Ermittler auf dem Computer des Täters rund 200 Pornobilder und Gewaltspiele. Stundenlang soll der Jugendliche vor dem PC gesessen haben, um dort bei Spielen wie »Counter-Strike« und »Tactical Ops« in eine Welt der Gewalt abzutauchen.
Die ersten Tage nach dem Unglück verlässt das Ehepaar Kleisch nicht das Haus. Der kleine schwäbische Ort Weiler zum Stein mit seinen nur 2500 Einwohnern, der Ort, in dem Doris Kleisch selbst groß geworden ist, wo sie zur Schule ging, wo sie später ihren Mann kennenlernte, der Ort, wo sie zusammen vor den Traualtar getreten sind und wo jeder jeden kennt und grüßt, ihre bis dahin so kleine heile Welt – sie ist zu groß. Gerade Doris Kleisch fehlt die Kraft, der Schmerz um den Verlust ihrer Tochter hat sie quasi in eine Schockstarre versetzt. »Jede Bewegung, jeder Schritt, jeder Handgriff, alles geschah wie im Zeitlupentempo, und immer fragte ich mich dabei: ›Warum noch?‹«, so Doris Kleisch. Sie lässt den Fernseher aus, auch das Radio, und sie liest auch keine Zeitung. Sie kann und will nichts über den Amoklauf verstehen müssen. Nachbarn, Freunde und vor allem die Familie, der Onkel, die Schwester von Doris Kleisch und ihre Mutter, sie alle leben ebenfalls im Ort und kaufen für die Kleischs ein. Sie kommen vorbei, es wird versucht, das Unbegreifliche irgendwie zu begreifen. Wenn sie beieinandersitzen, reden und weinen, verlässt Tim häufig einfach von einer Minute auf die andere die Wohnung und spielt alleine im Hof Fußball. Schießt stundenlang den Ball gegen die Mauer und kommt irgendwann wieder schweigend hoch.
Am Dienstag, den 17. März, sechs Tage nach dem Amoklauf, wird Stefanie Kleisch auf dem Friedhof in Weiler zum Stein beerdigt. Der Bürgermeister des Ortes hat im Vorfeld dafür gesorgt, dass der Friedhof abgeschirmt wird und die Familie in Ruhe Abschied nehmen kann. »Wir haben den Sarg bei der Trauerfeier bewusst offen gelassen, weil wir Steffi nicht verstecken wollten«, sagt Doris Kleisch. »Ein Polizeibeamter stand die ganze Zeit neben dem Sarg, um sicherzustellen, dass niemand Fotos von unserer Tochter macht. Es ist schade, dass solche Schritte nötig waren. Aber es hat seinen Zweck erfüllt.«
Langsam, Tag für Tag, versuchen Doris und Dieter Kleisch vor allem ihrem Sohn Tim zuliebe wieder in den Alltag zurückzufinden. Nach vier Wochen geht Dieter Kleisch sogar wieder zur Arbeit. »Unser Tim hat uns in dieser Zeit wirklich am Leben gehalten«, sagt Doris Kleisch. »Man muss morgens aufstehen, man muss mittags ein Essen kochen, man muss abends am Bett des Sohnes sitzen und ein paar liebe Worte finden, und glaubt man zwischendurch immer wieder, man schafft es nicht – man schafft es doch.«
Aber Dieter Kleisch will darüber hinaus etwas tun, er will nicht macht- und nicht tatenlos alles an sich vorbeiziehen lassen. Als er eines Nachts wieder nicht schlafen kann, setzt er sich an den Schreibtisch und verfasst an den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Günther Oettinger einen offenen Brief. Auch fünf andere betroffene Familien unterzeichnen später dieses Schreiben. In dem Brief heißt es:
»… Der Gedanke, warum es ausgerechnet unsere Liebsten getroffen hat und wie es überhaupt zu dieser Tat kommen konnte, wird uns unser Leben lang begleiten. In unserem Schmerz, in unserer Hilflosigkeit und in unserer Wut wollen wir aber nicht untätig bleiben. Deshalb wenden wir uns an die Öffentlichkeit. Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, dass es kein zweites Winnenden mehr geben kann. Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Schusswaffen eingeschränkt wird. (…) Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. (…) Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Spiele, ob über Internet oder auf dem PC, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, gehören verboten. (…) Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet. (…) Wir wollen, dass die Tat aufgeklärt und aufgearbeitet wird. Das Warum der Tat wird sicher nie vollständig geklärt werden können. Wichtiger für die Angehörigen und unser aller Zukunft ist die Frage: Wie konnte es geschehen? Wir wollen wissen, an welchen Stellen unsere ethisch-moralischen und gesetzlichen Sicherungen versagt haben. (…).
Drei DIN-A4-Seiten ist der Brief lang. Er wird in der Winnender Zeitung veröffentlicht. Und es soll nicht der einzige Versuch bleiben, die Politiker wachzurütteln. Im Juni 2009 fährt Doris Kleisch gemeinsam mit fünf weiteren Müttern, die ihre Tochter bei dem Amoklauf verloren haben, nach Berlin. Dort treffen die Frauen den damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble. Jede Mutter hält während des einstündigen Gesprächs ein Foto ihrer Tochter in der Hand. Sie wollen vermeiden, dass die Opfer von Winnenden in Vergessenheit geraten, und sie wollen die Verschärfung des Waffengesetzes.
Die Fahrt nach Berlin führt Doris Kleisch vor Augen, wie sehr ihre Welt ins Wanken geraten ist. Früher interessierte sich ihr Sohn Tim kaum dafür, wenn sie mal kurz zum Einkaufen weg war. Seit dem Amoklauf aber ist er ängstlicher geworden. Sofort nachdem sie in Berlin gelandet ist, muss sie ihn anrufen und sagen, dass alles in Ordnung ist. Auch möchte Tim genau wissen, was sie macht und wann sie wiederkommt. Er macht sich Sorgen. Er möchte die Dinge irgendwie kontrollieren können, und er möchte keine Angst haben, nach der Schwester auch die Mutter zu verlieren.
Der Mann geht wieder zur Arbeit, der Sohn trifft sich wieder mit Freunden, und an der Realschule in Winnenden wird längst der Unterricht fortgesetzt, die Schüler lernen wieder. Das Leben geht weiter, doch es fällt Doris Kleisch schwer, mit diesem Leben der anderen Schritt zu halten. Auch Monate später, noch im Herbst, bleibt für sie das Geschehene unwirklich. »An vielen Morgen bin ich aufgewacht und für einen winzigen Augenblick, weniger als eine Sekunde, war die Welt noch in Ordnung. Nichts schien geschehen. Es war wirklich so ein winziger Moment, in dem ich immer dachte: ›Steffi muss in die Schule, Steffi braucht ihr Frühstück‹, doch dann macht es im Kopf peng!, und du bist in der Wirklichkeit.«
Die Mutter versucht sich und ihr Leben neu zu ordnen. Aber immer wieder holen sie Erinnerungen an ihre Tochter ein. Steffi, die jeden Sonntag am Klavier saß und spielte. Mit der sie zum Tennis fuhr, mit der sie oft in Stuttgart zum Shoppen war, mit der sie ein so inniges Verhältnis hatte. Doris Kleisch: »Alles ist durcheinandergeworfen. Alles, was war, ist nicht mehr so, wie es war. Wir waren zu viert. Jetzt sind wir zu dritt. Das muss man lernen, üben, erleben.«
Halt und Hilfe in diesen ersten Monaten finden die Kleischs vor allem bei den Menschen, die das Schicksal mit ihnen teilen. Regelmäßig trifft sich das Ehepaar mit den Familien anderer Opfer des Amoklaufs. Sie hören sich gegenseitig zu, trösten sich, motivieren sich, vor allem aber möchten sie gemeinsam erreichen, dass sich etwas derart Schreckliches wie am 11. März 2009 nicht noch einmal ereignet. Am 18. November 2009 gründen die Familien daher das »Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden – Stiftung gegen Gewalt an Schulen«. »Wir fordern beispielsweise das Verbot von Killerspielen am PC genauso wie eine Reduzierung von Gewaltdarstellungen im Fernsehen«, sagt Doris Kleisch. Vor allem aber verlangt das Bündnis ein schärferes Waffenrecht. Es will ein generelles Verbot großkalibriger Waffen für Privatpersonen erlangen sowie das Verbot für Faustfeuerwaffen in privaten Haushalten. Denn 95 Prozent der schlimmsten Amokläufe in westlichen Demokratien seit 1966 wurden mit legalen Waffen verübt. Allein in Deutschland rechnen Experten mit rund zehn Millionen legalen Waffen. Zu den Besitzern gehören Jäger ebenso wie Sportschützen. Der Anteil illegaler Waffen dürfte um ein Vielfaches höher sein.
Vorbild für das Aktionsbündnis Winnenden ist die britische Bürgerinitiative »Gun Control Network«. Sie wurde nach dem Amoklauf im schottischen Dunblane 1996 gegründet. Damals stürmte ein 43-Jähriger in die Turnhalle der örtlichen Grundschule. Die erste Klasse hatte dort gerade Unterricht, als der Mann zwei Revolver zog und wahllos auf die fünf- und sechsjährigen Kinder schoss. Verzweifelt stellte sich noch die Lehrerin vor ihre Schüler und versuchte sie mit ihrem Körper vor den Kugeln des Täters zu schützen. Doch die Lehrerin wurde erschossen, genauso wie 16 Mädchen und Jungen. Die Mitglieder der Initiative »Gun Control Network« hatten sich in der Folge für eine Verschärfung der Waffengesetze in Großbritannien eingesetzt. Sie bekamen große Unterstützung von den Bürgern. Rund eine Million Briten sprachen sich bei Unterschriftenaktionen für ein Verbot von Waffen aus, und so wurde 1997 in Großbritannien der Privatbesitz von Kurzwaffen ganz verboten. Seither hat es in diesem Land keinen Amoklauf mehr gegeben. Genau das möchte auch das Aktionsbündnis Winnenden erreichen.
Die Treffen mit den anderen Eltern tun Doris und Dieter Kleisch gut. Genauso die Hoffnung, gemeinsam als Gruppe vielleicht ja doch etwas in Bewegung setzen zu können. Die Zeit läuft unterdessen weiter. Das erste Weihnachten und das erste Silvesterfest ohne Steffi stehen an, und dank ihres Sohnes Tim bleiben Doris Kleisch gar nicht so viele Augenblicke, darüber nachzudenken, wie es sein wird. »Tim wollte Geschenke, Tim wollte einen Baum, er wollte alles so wie immer, und irgendwie ist das auch gut so«, sagt Doris Kleisch, und mit ihrem Mann erfüllt sie dem Sohn die Wünsche. Denn sie weiß, dass auch hinter Tim schmerzvolle Monate liegen. Auch er leidet unter dem Verlust seiner Schwester. Ein kleiner Stoffeisbär ist seitdem zu seinem ständigen Gefährten geworden. Er nimmt das Tier abends mit ins Bett, legt wärmend die Decke darüber. Morgens steht es mit ihm auf, sitzt mit am Frühstückstisch, hockt beim Fernsehen mit auf dem Sofa, und selbst wenn eine Klassenreise oder ein Übernachtungsausflug zu Oma ansteht, ist der Eisbär mit dabei. Der Name des Tieres: Steffi.
Tim hat eine bewundernswerte, Kraft gebende eigene Art gefunden, mit dem Tod seiner Schwester umzugehen. So sieht der Junge auch den Friedhof mehr als Mittel zum Zweck. Für ihn ist es nur ein Ort, wo Freunde und Bekannte für Steffi ein paar Blumen niederlegen und beten können. »›Aber die Steffi selbst ist dort nicht‹, sagt er immer. ›Sie ist bei uns, unter uns‹, und so lässt er, wenn wir aus dem Haus gehen, auch immer ein wenig länger die Wohnungstür geöffnet, damit die Steffi mitkommen kann«, sagt Doris Kleisch.
Wenn die Mutter aus dem Haus tritt, wenn sie ins Auto steigt und die Dorfstraße von Weiler zum Stein hinauf Richtung Winnenden fährt, dann kommt sie zwangsläufig auch an der Straße vorbei, wo es abgeht zum Haus von IHM. Diesem Jugendlichen, dem Täter, dem Amokschützen. Mit seinen Eltern und seiner Schwester wohnte er nur 100 Meter von den Kleischs entfernt. Doris Kleisch kannte den Jungen vom Sehen, natürlich. Auch seine Eltern. In einem kleinen Ort ist das selbstverständlich. Trotzdem möchte Doris Kleisch den Namen dieses Jugendlichen nicht so oft erwähnen. Er soll nicht noch als Massenmörder berühmt werden. Er hat ohnehin schon viel zu viel Aufmerksamkeit von den Medien bekommen. »Nüchterne, sachliche Informationen sind in Ordnung, sofern sie zum Verständnis der Tat beitragen. Alles andere bedient die Sensationslust des Publikums«, erklärt Doris Kleisch. Sie will gegenüber diesem Menschen keinen Hass und keine Wut verspüren. Jede Art von Gefühl wäre zu viel für sie. »Er hat mit brutaler Gewalt in mein Leben eingegriffen. Er hat einen Teil unserer Familie zerstört. Ich möchte das nicht emotional, sondern rational erfassen. Die Frage nach der Schuld ist für mich dabei zweitrangig. Ich habe andere Fragen: Warum bringt ein 17-Jähriger 15 Menschen um? Warum schießt er in der Schule um sich? Warum tötet er fast nur Mädchen? Wieso konnte der Täter so perfekt schießen, ja morden? Diese Kaltblütigkeit – wo hat er das gelernt?« Doris Kleisch weiß mittlerweile, dass sie von den Eltern des Jungen keine Antworten bekommen wird. Zwar hatten sich die Eltern des Täters in einem offenen Brief etwa eine Woche nach der Tat geäußert, doch da war kein Wort von »Schuld«, geschweige denn eine Entschuldigung. »Der Brief war sachlich und unpersönlich formuliert. Zu wenig für das, was geschehen ist«, sagt Doris Kleisch. So hofft sie auf das Recht. Vielleicht kann ein Gericht all ihre Fragen beantworten.
Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft Stuttgart den Fall mit einem Strafbefehl gegen den Vater beenden. Doch der Generalstaatsanwalt ordnete an, eine Klage zu erheben. Der Prozess solle wachrütteln, betonte er. Anfang Mai 2010 steht dann tatsächlich fest: Jörg K., der Vater des Täters, muss vor Gericht. Die Dritte Große Jugendkammer des Landgerichts Stuttgart hat die Anklage gegen den Unternehmer zugelassen. Allerdings wird er nicht wegen der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung in mehreren Fällen angeklagt. Schließlich hatte er die Tatwaffe nicht im Waffenschrank im Keller seines Hauses aufbewahrt, sondern in einem Kleiderschrank im Schlafzimmer. Da jedoch das Gericht nicht ausschließen kann, dass der Sohn den Amoklauf auch dann begangen hätte, wäre die Waffe weggesperrt gewesen, besteht lediglich die Anklage wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Damit hat der Vater nur eine minimale Strafe zu erwarten, wahrscheinlich sogar nur eine Geldstrafe.
Die Hinterbliebenen der Opfer zeigen sich darüber enttäuscht. Doris Kleisch: »Die Vorstellung, dass dann so viele Fragen unbeantwortet bleiben könnten, ist unerträglich. Zudem ist auch noch immer unklar, ob die Eltern vor der Tat wussten, was mit ihrem Sohn los war, welche psychischen Probleme und Fantasien er hatte.«
