Kinderärztin Dr. Martens 64 – Arztroman - Britta Frey - E-Book

Kinderärztin Dr. Martens 64 – Arztroman E-Book

Britta Frey

5,0

Beschreibung

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann... Sibylle griff sich unwillkürlich ans Herz, als Klaus die Tür mit lautem Knall hinter sich zuschlug und dann polternd die Treppe hinabstürmte, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. "So geht das doch nicht", flüsterte Sibylle mit zitternden Lippen. "Das kann kein Mensch mehr ertragen. Jetzt oder nie! Wenn ich ihn jetzt nicht verlasse, finde ich so schnell eine so günstige Gelegenheit dazu nicht wieder." Kraftlos ließ sie sich auf den Kü­chenstuhl sinken und legte den blonden Kopf auf die aufgestützten Hände. Sie hätte so gern geweint. Aber das war ja das Schlimme! Sie konnte nicht mehr weinen. Es war, als hätte sie schon viel zuviel geweint in den letzten Wochen und Monaten. Und dabei hatte alles so wunderbar angefangen, so romantisch und genauso, wie sich jede junge Frau den Beginn ihrer ganz, ganz großen Liebe vorstellt. Es war eigentlich, wenn man es recht bedachte, banal gewesen. Sibylle war über Klaus förmlich gestolpert – im wahrsten Sinne des Wortes. Klaus Gerlach war ein äußerst angenehmer Typ, wie Sibylle gleich dachte. Wenn sie sich Wochen später daran erinnerte, mußte sie noch schmunzeln. Sie war über seine langausgestreckten Beine gestolpert, als er in ihrem Vorzimmer geduldig auf den Chef wartete, mit dem er verabredet war. Sibylle war gerade eben zur Poststelle gegangen, deshalb war sie nicht im Vorzimmer. Und als sie zurückkam, saß Klaus Gerlach mit weit von sich gestreckten Beinen da. Sie mußte darüber stolpern, besonders, weil sie nicht mit der Möglichkeit gerechnet hat, es könnte während ihrer kurzen Anwesenheit jemand ihr Büro betreten haben.

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Kinderärztin Dr. Martens – 64 –

Meine Mutti – meine beste Freundin

Wir kommen prima allein zurecht

Britta Frey

Sibylle griff sich unwillkürlich ans Herz, als Klaus die Tür mit lautem Knall hinter sich zuschlug und dann polternd die Treppe hinabstürmte, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

»So geht das doch nicht«, flüsterte Sibylle mit zitternden Lippen. »Das kann kein Mensch mehr ertragen. Jetzt oder nie! Wenn ich ihn jetzt nicht verlasse, finde ich so schnell eine so günstige Gelegenheit dazu nicht wieder.«

Kraftlos ließ sie sich auf den Kü­chenstuhl sinken und legte den blonden Kopf auf die aufgestützten Hände. Sie hätte so gern geweint. Aber das war ja das Schlimme! Sie konnte nicht mehr weinen. Es war, als hätte sie schon viel zuviel geweint in den letzten Wochen und Monaten.

Und dabei hatte alles so wunderbar angefangen, so romantisch und genauso, wie sich jede junge Frau den Beginn ihrer ganz, ganz großen Liebe vorstellt.

Es war eigentlich, wenn man es recht bedachte, banal gewesen. Sibylle war über Klaus förmlich gestolpert – im wahrsten Sinne des Wortes.

Klaus Gerlach war ein äußerst angenehmer Typ, wie Sibylle gleich dachte. Wenn sie sich Wochen später daran erinnerte, mußte sie noch schmunzeln. Sie war über seine langausgestreckten Beine gestolpert, als er in ihrem Vorzimmer geduldig auf den Chef wartete, mit dem er verabredet war. Sibylle war gerade eben zur Poststelle gegangen, deshalb war sie nicht im Vorzimmer. Und als sie zurückkam, saß Klaus Gerlach mit weit von sich gestreckten Beinen da. Sie mußte darüber stolpern, besonders, weil sie nicht mit der Möglichkeit gerechnet hat, es könnte während ihrer kurzen Anwesenheit jemand ihr Büro betreten haben.

Wenn Klaus nicht augenblicklich aufgesprungen wäre und sie festgehalten hätte, wär sie sicher schwer gestürzt. Er war untröstlich und entschuldigte sich mehrmals bei ihr. Sein zerknirschtes Gesicht amüsierte sie und nahm sie gleich für ihn ein.

Es war schon nicht weiter verwunderlich, daß sie sich für den gleichen Abend mit Klaus Gerlach verabredete, obwohl Sibylle sonst ein eher zurückhaltender Typ war, der sich keinesfalls so leicht erobern ließ. Aber bei Klaus Gerlach war alles von Anfang an anders. Sibylle hatte am ersten Abend, als er sie heimbrachte, das Gefühl, als sei er derjenige, auf den sie bisher gewartet hatte.

Gewiß, sie hatte schon einige Män­nerbekanntschaften gehabt, aber sie waren von Anfang an nichts Ernsthaftes gewesen. Es war ein angenehmer Zeitvertreib, mehr nicht. Sibylle war ein Mensch, der durchaus allein sein konnte. Nur einsam – das wollte sie nie sein, davor hatte sie eine geradezu panische Angst.

Es hatte sich eine leidenschaftliche Liebe entwickelt. Und eines Abends, als Klaus mit ihr in seiner großen Wohnung beisammensaß, hatte er sie nachdenklich angesehen und gefragt: »Was würdest du sagen, wenn ich den Vorschlag machte, eine gemeinsame Wohnung zu nehmen? Nicht hier, denn hierher kannst du deine hübschen Möbel nicht stellen. Ich könnte mir vorstellen, daß du an deinen Sachen hängst. Wir könnten versuchen, ein Häuschen zu mieten und es uns schnuckelig einzurichten. Überleg’s dir, Sibylle, Du bist für mich zu einem Teil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr hergeben möchte.«

Und so hatte Klaus, der erfolgreiche Immobilienmakler, auch schon bald ein passendes Häuschen mit Garten gefunden, von dem Sibylle schon beim Anschauen ganz begeistert war. Klaus hatte von Anfang an darauf bestanden, daß sie beide ihr eigenes Reich bekamen.

Ein gutes Jahr waren sie sehr glücklich miteinander gewesen. Jetzt, im nachhinein, wenn Sibylle nachdachte, erkannte sie, daß das Glück eigentlich in dem Augenblick angefangen hatte zu bröckeln, als sie Klaus sagen mußte, daß sie ein Kind erwartete.

Er hatte ganz anders reagiert, als sie es sich vorstellt hatte.

Sibylle war heute noch empört, wenn sie sich die damalige Situation vergegenwärtigte. Und dabei hatte sie es so schön gemacht, so feierlich und gemütlich.

Geduldig hatte sie auf ihn gewartet. Auf ihn, der ausgerechnet heute so spät heimkam!

Und als er dann kam, war er wütend und ärgerlich, weil das Geschäft, das er schon so gut wie sicher in der Tasche hatte, ihm an der Nase vorbeigegangen war.

»Lieber Himmel, Sibylle, muß das denn sein?« hatte er ungeduldig gefragt und auf den besonders liebevoll gedeckten Tisch gewiesen. »Mir steht heute wahrhaftig nicht der Sinn nach Romantik und Verliebtheit. Am liebsten würde ich mich vollaufen lassen und dann schlafen gehen.«

Sybille war zutiefst enttäuscht und getroffen. Aber sie ließ den Mut nicht sinken, sondern lächelte ihm zärtlich zu.

»Ich könnte mir denken, daß ein gemeinsames Abendessen, ganz in Ruhe und Zweisamkeit genossen, dich beruhigt.«

»Meinetwegen, wenn’s denn unbedingt sein muß«, murrte er und merkte nicht, wie sie sich dadurch getroffen fühlte. Dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben!

Tapfer verbarg sie die Enttäuschung und lächelte ihm zu.

Klaus beruhigte sich auch wenig später tat­sächlich, und nachdem er zwei Gläser Wein getrunken hatte, sagte er groß­zügig: »Was rege ich mich eigentlich künstlich auf? Wie dumm von mir, so zu tun, als hinge meine Seligkeit ausgerechnet von diesem Geschäft ab. Das ist nur mein verdammter Ehrgeiz. Der kann einem das Leben verflixt schwermachen, was? Und dir gleich mit. Verzeih mir, Sibylle. Ich habe mich benommen wie der berühmte Elefant im Porzellanladen.«

»Ist schon gut, mach dir nichts draus. Es ist ja noch sehr schön geworden«, tröstete sie ihn. Insgeheim aber gab sie ihm recht – der verdammte Ehrgeiz hatte sie schon manches Mal gestört, wenn sie auch noch nichts dazu gesagt hatte.

Später, als Sibylle alles abgeräumt und in die Spülmaschine gegeben hatte – Klaus dachte, wie immer, nicht daran, ihr zur Hand zu gehen, schmiegte sie sich an ihn.

Automatisch legte er den Arm um ihre Schultern und schaltete den Fernseher ein.

Erst da hatte Sibylle angenommen, der Zeitpunkt sei günstig, ihm nun von ihrer Neuigkeit zu berichten. Aber Klaus hatte ganz, ganz anders reagiert als sie gedacht hatte. Er hatte sie nicht etwa, wie sie es sich vorgestellt hatte, beseligt in die Arme genommen und ihr zugeraunt, daß er sich das schon lange gewünscht hatte und sie jetzt selbstverständlich endlich heiraten würde.

Nichts von alledem, absolut nichts! Ganz im Gegenteil!

Es war Sibylle heute noch ganz übel, wenn sie daran dachte, wie er sich in ihren Armen zuerst versteift hatte. Dann hatte er sie angeschaut, mit großem Entsetzen in den grauen Augen, und dann hervorgestoßen: »Um alles in der Welt – das wird doch wohl hoffentlich nicht wahr sein?!«

Sibylle war gekränkt, aber das ließ sie sich nicht anmerken, immer noch nicht. Tapfer lächelte sie zu ihm auf.

»Warum sollte ich mit so etwas Wunderschönem meinen Scherz treiben, Klaus? Es ist wahr! Wir werden Eltern. Ich freue mich und bin sehr, sehr glücklich.«

Da war er aufgesprungen und hatte sie angeschaut wie ein ekliges Insekt, das man eigentlich unter dem Schuh zerquetschen müßte. Und dann hatte er Worte für sie gehabt, die sie ihr Lebtag nicht mehr vergessen würde.

»So hast du dir das also vorgestellt, Sibylle. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut. Wir waren uns doch einig darin, daß wir zuerst einmal an uns denken. Und jetzt kommst du daher und erzählst mir etwas von einem Kind. Und das Allerschönste ist, daß du dir allen Ernstes einzubilden scheinst, mich würde das freuen!«

Da endlich hatte sie begriffen, daß er es ernst meinte. Sie war plötzlich eiskalt geworden und hatte schroff erwidert: »Nun, zumindest wäre es eine Reaktion gewesen, die durchaus als normal zu bezeichnen gewesen wäre. Jeder Mann freut sich doch, wenn er hört, daß er Vater wird, oder? Aber ich sehe schon – du machst da eine Ausnahme. Ob sie allerdings rühmlich ist, wage ich zu bezweifeln. Wie es auch sein mag – es wird dir nichts anderes übrigbleiben, als dich mit der Tatsache abzufinden.«

»Ich glaube kaum, daß ich es schaffe. Komm, Sibylle, sei nicht so verbohrt! Es gibt schließlich auch noch eine andere Lösung.«

»Ach ja? Und welche schlägst du vor?« Sibylle hatte gleich geahnt, auf was er abzielte. Als er es auch noch sachlich und nüchtern aussprach, war es ihr, als sei jedes seiner Worte ein Peitschenhieb für sie. Aber sie war äußerlich ganz ruhig und fast unbeteiligt geblieben.

»Du könntest zum Arzt gehen. Wir können kein Kind gebrauchen, Sibylle. Wenn du auch nur einen Funken Verstand hast, dann wirst du mir recht geben.«

»Nein!« Das Wort stand kalt und deutlich und klar und sehr, sehr feindselig im Raum. Klaus zuckte ordentlich zusammen und kniff die Augen zu, riß sie gleich wieder auf und starrte sie an.

»Was soll das heißen?« fragte er zischend.

Sibylle wich seinem bohrenden Blick nicht aus.

»Das bedeutet, daß du dieses Kind bekommen willst, habe ich recht?« fragte er wütend.

»Genauso ist es.« Sibylle sagte es voller Entschlossenheit.

»Und wenn ich das Weiterbestehen unserer Beziehung davon abhängig mache?«

»Dann werde ich selbstverständlich gehen, und zwar sofort.«

Die Entschlossenheit mußte wohl allzu deutlich an ihrem Gesicht abzulesen sein, denn Klaus hatte ihrem Blick nicht standhalten können. Er hatte tief aufgeseufzt und sich zu­rückfallen lassen.

»Also gut, also gut«, hatte er mit mißmutigem Gesicht eingelenkt. »Du hast gewonnen. Aber rechne nicht damit, daß ich Windeln wechsle oder mich sonstwie lächerlich benehme wie andere Väter. Wenn du das Kind unbedingt zur Welt bringen willst, dann tu es. Aber sei auch bitte darum bemüht, daß es mich nicht mehr stört, als man vertreten kann.«

Schon da hätte ich meine Sachen nehmen und gehen müssen, sagte sich Sibylle wütend. Dann wäre alles schon ausgestanden, und ich müßte heute nicht darüber nachdenken, was ich tun soll.

Heute war es zu einem handfesten Streit gekommen, weil Klaus allen Ernstes verlangt hatte, die kleine, jetzt fünfjährige Susanne, sollte, wenn sie eingeschult würde, gleich in ein Internat gegeben werden, damit er und Sibylle wieder ungebunden und frei über ihre Zeit verfügen konnten.

Zuerst hatte es Sibylle die Sprache verschlagen. Aber dann hatte sie ihn nur offen angesehen und wissen wollen: »Das meinst du doch wohl nicht ernst, oder? Und wenn es ein Scherz gewesen sein sollte, dann muß ich dir sagen, daß ich ihn nicht sehr geschmackvoll finde.«

»Wie kommst du darauf, daß ich scherze?« hatte er zurückgegeben, und sein Ton war schon um eine Nuance ungeduldiger geworden. Sibylle hatte gewußt, daß es wieder einmal zu einem handfesten Krach zwischen ihnen beiden kommen würde. Bisher hatte sie immer versucht zu vermitteln, zu beruhigen, aber das wollte sie nicht mehr. Heute schon gar nicht. Sie bot ihm die Stirn und sah ihn mit den Augen eines ganz nüchternen Menschen, der sich über den anderen keine Illusionen mehr macht.

»Ich werde mein Kind nicht fortgeben, Klaus, wenn du das meinst. Versuche also gar nicht erst, mich umzustimmen, das wäre reine Zeitverschwendung.«

Es gab kein Argumentieren mehr. Es gab nur noch von seiner Seite Gebrüll, während sie sarkastisch und ruhig wurde, jedes Wort überlegte und ihn damit verletzte, bewußt verletzte.

Ja, und dann hatte Klaus genug. »Die Nase voll«, hatte er ihr entgegengeschrien, hatte seinen für die bevorstehende Geschäftsreise schon gepackten Koffer geschnappt und war davongestürmt.

Zuerst hatte Sibylle nichts anderes empfunden als Erleichterung, nachdem die Tür hinter ihm zugeschlagen worden war. Aber jetzt dachte sie nach. Es hat keinen Sinn mehr, sagte sie sich. Wenn man das eingesehen hat, dann sollte man sich auch klar darüber sein, daß ein Ende mit Schrecken immer noch einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen ist. Was ist unsere Beziehung denn anderes geworden als ein Schrecken ohne Ende? Statt Liebe füreinander zu empfinden, entwickeln wir nur noch Ablehnung und sogar Haßgefühle. Das ist nicht mehr zu reparieren. Ich werde mit Susanne von hier fortgehen. Ich muß mit ihr fortgehen. Ich muß sie aus dieser schrecklichen Atmosphäre herausnehmen, wenn ich nicht will, daß sie durch die ewigen Auseinandersetzungen und Streitigkeiten dauernden Schaden nimmt.

Sibylle wandte sie um, als sie das leise Patschen von bloßen Füßen auf dem Boden hören konnte.

Susanne! Susanne mit angstvollem, tränenüberströmtem Gesicht, die sich an sie preßte, schutzsuchend und gleichzeitig hoffnungslos.

»Mami, warum ist Papi nur so böse auf mich, daß er mich fortgeben will?« fragte das Kind und sah Sibylle aus todtraurigen Augen an. Dann begann Susanne sich zu kratzen.

Liebevoll hielt Sibylle ihre Hände fest und sagte zärtlich: »Komm, ich reibe dich mit Franzbranntwein ab, dann wird es besser. Und dann – was würdest du davon halten, wenn wir zwei fortgehen würden? Nur du und ich, mein Liebes?«

Sibylle legte Susanne auf die Couch und betupfte den zarten ­Körper mit dem kühlenden Franzbranntwein. Überall gab es Stellen, die gerötet waren. An den Beinen hatte Susanne sogar mehrere Geschwüre, die schmerzten. Und als Sibylle ihr die Schultern einrieb, erkannte sie, daß sich auch auf Susannes Oberarmen neue Geschwüre zu bilden schienen.

Da richtete sich Sibylle entschlossen auf und erklärte fest: »Wir werden Papi verlassen, du und ich. Und wir werden nicht mehr zu ihm zurückkehren, Susanne. Ohne ihn werden wie viel glücklicher sein als mit ihm.«

»O Mami!« Das kleine Mädchen brauchte nicht mehr zu sagen.

Sibylle spürte, wie erleichtert ihre kleine Tochter war. Und so fuhr sie denn schon fort: »Paß auf, mein Liebling – wir werden unsere Möbel abholen lassen, damit wir uns später irgendwo eine hübsche kleine Wohnung einrichten können. Zuerst aber werden wir nach Ögela fahren.«

Susanne schien sich unter den kühlenden Tüchern, in die Sibylle sie eingewickelt hatte, wohler zu fühlen, denn sie kratzte sich nicht mehr. Ernsthaft sah sie ihre Mutter an.

»Wo ist Ögela, Mami? Was werden wir da tun?«

»Das muß ich dir ganz genau erzählen, Susi.« Sibylle nahm Susannes kleine Hand in die ihre und lächelte auf die Kleine hinab. »Ich habe erfahren, daß es in Ögela eine Klinik gibt, in der nur Kinder gesund gemacht werden. Eine Kinderklinik. Sie heißt Birkenhain. Dorthin will ich mit dir fahren, Susanne. Ich möchte, daß man herausfindet, woher deine schlimmen schmerzhaften Geschwüre kommen, warum du dich immer kratzen mußt. Und ich will, daß man dich da wieder ganz gesund macht.«

»Und du, Mami? Wirst du bei mir bleiben? Du wirst mich dort doch nicht einfach abgeben und mich dann alleinlassen, oder?« fragte Susanne mit angstvollem Blick und klammerte sich an der Hand ihrer Mutter fest.

»Aber nein, ganz sicher nicht!« sagte Sibylle schnell. »Was bringt dich denn nur auf einen solchen Gedanken? Ich würde mich nie, nie im Leben von dir trennen, mein Liebling. Natürlich werde ich bei dir bleiben. Ich werde mir in Ögela in irgendeinem Hotel oder in einer Pension ein Zimmer nehmen und den ganzen Tag bei dir in der Klinik sein. Wir wissen ja noch gar nicht, ob man dir dort helfen kann. Wenn ja, wollen wir alles tun, damit es so schnell wie möglich geschieht, ja?«

»Klar, Mami.«

»Vielleicht kann man so was ja auch ambulant behandeln, und du brauchst nicht ständig in der Klinik zu sein. Das werden wir alles erfahren. Hauptsache, man kann dir helfen.«

»Jucken ist schon schlimm, Mami, aber wenn’s juckt und gleichzeitig die Geschwüre schmerzen, finde ich das sehr schlimm.«

Susanne hatte sich aufgerichtet. Die Erleichterung nach der Einreibung war verflogen. Sibylle nahm ihre kleine bildhübsche Tochter, die aber seit einiger Zeit schrecklich entstellt aussah, in die Arme und flüsterte: »Es wird alles wieder gut, mein Liebling. Du wirst es sehen – es wird alles wieder gut.«

»Und Papi?« gab das kleine Mädchen zu bedenken. »Wenn er uns findet und uns wieder bei sich haben will?«

»Ich glaube nicht, daß er uns überhaupt finden will«, gab Sibylle ernst zurück. »Und wenn doch – wir werden nicht mehr hierher zurückkehren, Susanne. Du und ich werden allein mit dem Leben fertig.«

»Ganz bestimmt, Mami. Ich bin froh, wenn wir nicht mehr bei Papi sind. Er mag mich nicht. Das spüre ich immer ganz deutlich. Es ist kein schönes Gefühl.«

Sibylle spürte, wie sich ihr förmlich das Herz im Leibe herumdrehen wollte. Kinder haben ein viel feineres Gespür für unterschwellige Dinge, als wir es uns vorstellen können, dachte sie bei sich.

Dennoch fühle sie sich verpflichtet, Klaus vor seiner kleinen Tochter zu verteidigen.

»Ach, weißt du, er ist überarbeitet. Er hat dann nicht die Geduld, die ein Mensch eigentlich haben sollte. Ganz sicher meint er es nicht böse mit dir.«

»Sicher nicht. Aber er kann mich trotzdem nicht leiden, Mami.«

Das kam so überzeugt hervor, daß Sibylle keine Antwort darauf gab. Sie wußte doch, daß das Kind recht hatte. Wozu dann noch beschönigen, wo es nichts zu beschönigen gab? Damit machte sie die Dinge auch nicht besser.

»Wie auch immer – wir haben Zeit genug. Papi wird ungefähr zwei Wochen fort sein. In der Zeit können wir in Ruhe alles abwickeln. Am allerwichtigsten ist mir, daß du so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung kommst, damit du dich nicht mehr so quälen mußt.«

*