Trubel in der Kinderklinik - Britta Frey - E-Book

Trubel in der Kinderklinik E-Book

Britta Frey

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Beschreibung

Sie ist eine bemerkenswerte, eine wirklich erstaunliche Frau, und sie steht mit beiden Beinen mitten im Leben. Die Kinderärztin Dr. Martens ist eine großartige Ärztin aus Berufung, sie hat ein Herz für ihre kleinen Patienten, und mit ihrem besonderen psychologischen Feingefühl geht sie auf deren Sorgen und Wünsche ein. Alle Kinder, die sie kennen, lieben sie und vertrauen ihr. Denn Dr. Hanna Martens ist die beste Freundin ihrer kleinen Patienten. Der Kinderklinik, die sie leitet, hat sie zu einem ausgezeichneten Ansehen verholfen. Es gibt immer eine Menge Arbeit für sie, denn die lieben Kleinen mit ihrem oft großen Kummer wollen versorgt und umsorgt sein. Für diese Aufgabe gibt es keine bessere Ärztin als Dr. Hanna Martens! Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen extrem liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert! Arthur Sievers sah lächelnd auf seine Klasse. Die Kinder waren vor Begeisterung ganz unruhig, denn sie hatten gerade eben den Inhalt der Klassenkasse nachgezählt und festgestellt, daß sie nicht mehr allzu viel brauchten, um endlich die geplante Klassenfahrt zum Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald antreten zu können. »Wenn ihr noch ungefähr sechs oder sieben von euren beliebten Körbchen verkaufen könntet, hätten wir genug«, sagte Sievers zufrieden. Die »Körbchen« waren Basteleien aus Hobelspänen, die sie zu kleinen Körbchen verarbeiteten, in die man Bonbons oder Pralinen geben konnte. Es gab in Ögela auch Frauen, die Stecknadeln oder Knöpfe darin aufbewahrten. Es gab allerdings auch solche Leute in Ögela, die die Körbchen als Kitsch bezeichneten. Aber davon ließen sich die Kinder nicht beeindrucken. Sie bastelten unentwegt und begeistert ihre Körbchen, die sie dann an den Kiosk verkauften, wo man Zigaretten, Süßigkeiten und Zeitschriften kaufen konnte. Es gab so manchen Touristen, der als Andenken ein solches Körbchen mit heimnahm. Und das füllte die Klassenkasse wieder um einen erfreulichen Betrag auf. Nach den Worten ihres Lehrers wandten sich die Blicke aller Schulfreunde Andy Bauer zu, dessen Vater einen Schreinereibetrieb in Ögela besaß. Es war ein Ein-Mann-Betrieb, aber Andys Vater lieferte gute Arbeit und hatte dauernd Beschäftigung. Mit einem Wort gesagt – der Betrieb lief ausgezeichnet. Andreas Bauer, seine Frau Margot und sein einziger Sohn, der achtjährige Andy, konnten gut davon leben. Andys Mutter Margot hatte sogar vor mehreren Jahren ihren gutbezahlten Posten als Sekretärin in einem Celler Landwirtschaftsamt aufgegeben, weil sie nur noch für ihre Familie da sein wollte und nicht unbedingt auf das Gehalt angewiesen war. »Frißt ja doch alles nur die Steuer«, pflegte Andreas Bauer dann und wann unmutig zu sagen. Besonders dann, wenn er seinen Einkommenssteuerbescheid bekam, war er ausgesprochen schlechter Laune.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kinderärztin Dr. Martens – 98 –Trubel in der Kinderklinik

Ungewöhnliche Patienten sorgen für Stimmung

Britta Frey

Arthur Sievers sah lächelnd auf seine Klasse. Die Kinder waren vor Begeisterung ganz unruhig, denn sie hatten gerade eben den Inhalt der Klassenkasse nachgezählt und festgestellt, daß sie nicht mehr allzu viel brauchten, um endlich die geplante Klassenfahrt zum Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald antreten zu können.

»Wenn ihr noch ungefähr sechs oder sieben von euren beliebten Körbchen verkaufen könntet, hätten wir genug«, sagte Sievers zufrieden.

Die »Körbchen« waren Basteleien aus Hobelspänen, die sie zu kleinen Körbchen verarbeiteten, in die man Bonbons oder Pralinen geben konnte. Es gab in Ögela auch Frauen, die Stecknadeln oder Knöpfe darin aufbewahrten. Es gab allerdings auch solche Leute in Ögela, die die Körbchen als Kitsch bezeichneten. Aber davon ließen sich die Kinder nicht beeindrucken. Sie bastelten unentwegt und begeistert ihre Körbchen, die sie dann an den Kiosk verkauften, wo man Zigaretten, Süßigkeiten und Zeitschriften kaufen konnte. Es gab so manchen Touristen, der als Andenken ein solches Körbchen mit heimnahm. Und das füllte die Klassenkasse wieder um einen erfreulichen Betrag auf.

Nach den Worten ihres Lehrers wandten sich die Blicke aller Schulfreunde Andy Bauer zu, dessen Vater einen Schreinereibetrieb in Ögela besaß. Es war ein Ein-Mann-Betrieb, aber Andys Vater lieferte gute Arbeit und hatte dauernd Beschäftigung. Mit einem Wort gesagt – der Betrieb lief ausgezeichnet. Andreas Bauer, seine Frau Margot und sein einziger Sohn, der achtjährige Andy, konnten gut davon leben. Andys Mutter Margot hatte sogar vor mehreren Jahren ihren gutbezahlten Posten als Sekretärin in einem Celler Landwirtschaftsamt aufgegeben, weil sie nur noch für ihre Familie da sein wollte und nicht unbedingt auf das Gehalt angewiesen war.

»Frißt ja doch alles nur die Steuer«, pflegte Andreas Bauer dann und wann unmutig zu sagen. Besonders dann, wenn er seinen Einkommenssteuerbescheid bekam, war er ausgesprochen schlechter Laune. Er pflegte zu sagen, daß man bestraft würde, wenn man fleißig war und viel arbeitete. Na, und so ganz unrecht hatte er damit ja auch nicht.

Nicht, daß er sein Arbeitspensum etwas drosselte – das kam ihm gar nicht in den Sinn, obwohl er sich über die Steuern ärgerte. Aber er konnte nichts dagegen tun. Und solange sie einigermaßen gut leben konnten, wollte er gern arbeiten, denn ohne Arbeit war das Leben wie eine Suppe ohne Salz. Das war seine Meinung.

Aus diesem Betrieb sammelte Andy Hobelspäne. Sie hatten eine richtige Fabrikationsriege gebildet. Die einen waren damit beschäftigt, die Hobelspäne ihrer Größe nach zu ordnen. Die anderen wässerten sie, damit sie sich auch biegen ließen, und die nächste Gruppe, die eigentlichen Künstler, formten die nassen Hobelspäne dann zu Gebilden, die oben wie spitze Tüten aussahen und den eigentlichen Rand des Körbchens bildeten. Der Boden bestand aus einer Sperrholzplatte, der Henkel aus mehreren zusammengeklebten und gebogenen Hobelspänen.

Zum Schluß wurden die Körbchen dann entweder nur lackiert oder aber auch noch bemalt. Je künstlerischer sie gestaltet waren, desto höher natürlich der Preis.

»Ich bringe morgen Hobelspäne mit«, versprach Andy, und die anderen nickten ihm zu. Andy war beliebt bei seinen Mitschülern. Sogar bei den Mädchen, die sich sonst nicht viel aus den Buben machten, weil sie sie an den Haaren zogen oder sie auf andere Art ärgerten, was keiner leiden konnte, egal, ob er nun ein kleines Mädchen war oder ein Erwachsener.

Seit Arthur Sievers seinen Schülern von Hermann dem Cherusker erzählt hatte, der den erfolgreichen römischen Feldherrn Varus geschlagen hatte, waren die Schüler Feuer und Flamme gewesen.

Sie wollten das berühmte Hermannsdenkmal im Teutoburger Land besuchen und sich den tapferen Hermann genau ansehen.

Es hieß, daß Germanien damals aus Moor- und Sumpflandschaft bestand, aus Urwald mit allen möglichen Tieren, die auch Menschen angriffen und auffraßen, wenn sie sie erwischen konnten. Die Kinder fanden, es sei doch angenehmer, in der heutigen Zeit zu leben, wenn sie auch ein bißchen enttäuscht darüber waren, daß sie nicht leben konnten wie die Kinder der Germanen.

Nach der Schule ging Andy mit den anderen heim, trennte sich von seinen Freunden und ging nach dem Mittagessen mit seinem Vater in die Werkstatt hinüber, um die langen Hobelspäne zu sammeln, damit er sie gleich morgen mit in den Werkunterricht nehmen konnte.

Andreas Bauer mochte es, wenn sein Sohn bei ihm in der Werkstatt war. Er war stolz darauf, daß Andy sich für die Schreinerei interessierte, denn er sollte ja schließlich einmal sein Nachfolger werden.

Andreas deutete auf einen Korb und sagte freundlich: »Den kannst du nehmen für die Hobelspäne. Ich habe eine Zeichnung drüben liegengelassen. Wenn ich die geholt habe, schneide ich dir noch Sperrholzböden für die Körbchen zusammen. Dann könnt ihr morgen alles gleich auf einmal fertig machen.«

»Prima, Vati. Wenn wir die neuen Körbchen verkauft haben, ist genug Geld in der Klassenkasse. Dann fahren wir sicher für zwei Nächte los. Ich finde das ganz toll.«

»Na, da wirst du nicht der einzige in eurer Klasse sein, schätze ich. Ich bin sofort wieder zurück.«

Die Kreissäge lief noch. Andy nahm sich ein Stück kräftiges Sperrholz und war entschlossen, es auf eigene Faust zu schneiden, so, wie er es bei seinem Vater gesehen hatte. Fast hätte er laut gejubelt, als er feststellte, wie schnell das ging und wie einfach. Man brauchte nur die vorgezeichneten Linien nachzufahren – und schon hatte man ein hübsches ovales Stück, das den Boden des Körbchens bilden würde.

Andreas Bauer hörte das Aufkreischen der Kreissäge, das nur erklang, wenn man mit ihr arbeitete. Erschreckt und mit großen Schritten rannte er über den weiten Hof zur Werkstatt hinüber, wo Andy an der Kreissäge stand. Er sah das vor Angst und Zorn verzerrte Gesicht seines Vaters und erschrak. Er hatte völlig vergessen gehabt, daß man ihm strikt verboten hatte, mit irgendeinem elektrischen Gerät zu arbeiten. Und nun noch ausgerechnet die Kreissäge!

Es ging dann alles so rasend schnell, daß man es hinterher gar nicht mehr so genau nacherzählen konnte. Ausschlaggebend war wohl der Schreck, den Andy bekam, als er sah, wie wütend sein Vater war.

Er paßte nicht auf – und schon war es geschehen!

Die mit rasender Schnelligkeit sich drehende gezackte Scheibe der Kreissäge bohrte sich in sein Fleisch, in seine Knochen. Die Hand wurde ihm von der Daumenwurzel bis zur Wurzel des kleinen Fingers abgeschnitten. Einfach abgeschnitten!

Nach der ersten Schrecksekunde schnappte sich Andreas Bauer seinen Sohn und trug ihn zum Wagen, der im Hof stand. Andy sah erschreckend blaß aus. Man mußte kein Arzt sein, um gleich auf Anhieb zu erkennen, daß Andy unter schwerem Schock stand.

Margot, die gerade zum Einkaufen gehen wollte, blieb voller Entsetzen stehen und sah auf die Wunde an Andys linker Hand.

»Aber – aber«, stammelte sie und brachte keinen Ton mehr hervor. Andreas achtete auch nicht weiter auf seine Frau, sondern fuhr mit kreischenden Rädern davon, zur Kinderklinik Birkenhain.

Margot Bauer handelte wie in Trance. Er hat sich ein Stück von seiner Hand abgeschnitten, dachte sie. Ich muß das abgeschnittene Stück finden. Wieso, darüber gab sie sich keine Rechenschaft ab. Sie wußte nur, daß sie jetzt handeln mußte. Und instinktiv tat sie das einzig Richtige. Sie lief hinüber zur Werkstatt, fand das abgeschnittene Stück, das im Sägemehl lag, packte es so, wie es war, in eine Plastiktüte und eilte hinüber zum Nachbarn, wo sie nur sagte: »Ich muß so schnell wie möglich zur Kinderklinik Birkenhain. Könnten Sie mich hinfahren? Es ist – es ist lebenswichtig.«

*

Unterdessen hatte Andreas Bauer mit Andy die Kinderklinik Birkenhain erreicht und lief, mit seinem immer noch wie bewegungslos wirkenden Sohn auf den Armen, in die Notaufnahme, legte ihn in ein von Schwester Regine schnell geöffnetes Untersuchungszimmer und sah zu Hanna Martens auf, die mit wehendem Kittel kam und sich eben Andreas zuwandte, um ihn nach dem abgeschnittenen Stück Hand zu fragen, als draußen Unruhe entstand. Und schon stand auch Margot Bauer vor ihnen und hielt die Plastiktüte vor sich.

»Ich dachte – ich dachte, ich bringe es her.«

»Das haben Sie gut gemacht«, lobte Hanna sie und warf Schwester Regine einen bezeichnenden Blick zu. Sie ging an den Apparat und bat Martin Schriewers, Kay Martens anzupiepen.

Dann wandte sich Hanna den angstvollen Eltern zu und sagte freundlich: »Wir müssen uns jetzt erst einmal um Andy kümmern. Vielleicht wollen Sie sich noch ein Weilchen hier aufhalten. Ich werde dafür sorgen, daß Oberschwester Elli sich um Sie kümmert.«

Dann nickte sie dem eintretenden Krankenpfleger Karsten Famula zu. Der fahrbare Untersuchungstisch, mit dem immer noch bewegungslosen, sehr blassen Andy darauf, wurde hinaus­geschoben. Andreas Bauer und seine Frau Margot standen hilflos da und machten den Eindruck zweier Kinder, die sich im tiefen Wald verlaufen hatten, nun nicht mehr heimfinden konnten und große Angst vor der kommenden Nacht hatten.

»Andy«, flüsterte Margot weinend, »mein kleiner Andy. Hast du gesehen, wie blaß er war? Und reagiert hat er auch nicht. Genau so, als wäre er tot.«

»War er aber nicht«, widersprach ihr Mann heftig. »Ich habe ihn doch atmen gehört. Er hatte einen Schock. Sie werden ihn operieren. Vielleicht können sie ihm das abgeschnittene Stück wieder annähen. Heute kann man schon die tollsten Sachen machen. Warum denn nicht auch bei unserem Andy? Es wäre doch ungerecht, wenn er für einmaligen Ungehorsam so grausam bestraft würde, oder?«

»Ach Andreas!« Margot wischte sich die Tränen fort. Sie wirkte rührend, wie sie versuchte, tapfer zu sein und es doch in Wahrheit gar nicht sein konnte. Es handelte sich immerhin um ihr einziges Kind!

Sie zuckten beide schreckhaft zusammen, als sie hörten, wie sich die Tür zum Untersuchungszimmer erneut öffnete. Aber es war Oberschwester Elli, die da mit ihrem netten, verbindlichen Lächeln eintrat und Margot einfach um die Schultern faste.

»Ich wollte Sie beide gerade eben bitten, mit in den Aufenthaltsraum zu kommen. Droben, in der chirurgischen Abteilung. Es wird lange dauern, sehr lange, bis die Ärzte mit der Operation fertig sind.«

Sie folgten der Oberschwester hinauf und setzten sich gehorsam in die Besuchersessel, während Oberschwester Elli tröstend sagte: »Ich bin in ein paar Minuten wieder zurück. Ich koche nur eine Kanne Kaffee für uns alle. Das erleichtert das Warten ein bißchen.«

Andreas Bauer nickte nur, während Margot sich ein leises »Ja«, abzwang. Ihr kleiner Andy lag jetzt auf dem Operationstisch – und sie konnte nicht bei ihm sein und ihn fühlen lassen, wie sehr sie ihn liebte!

*

Man hatte Andy Blutplasma gegeben, ihn an den Tropf gehängt, um etwas gegen den Schock zu tun. Das hatten sie bisher unterlassen, weil ein Mensch, der unter Schock steht, nicht halb so viel Blut verliert wie einer, der alles bei vollem Bewußtsein miterlebt. Wer unter Schock stand, war fast gefühllos, zumindest spürte er keine starken Schmerzen. Die Natur hatte das schon ganz richtig eingerichtet. Das fand Hanna immer wieder, wenn sie Schock-Patienten in der Klinik hatten.

Das Team war in unbeschreiblich kurzer Zeit beisammen. Es war nicht die erste Notoperation, die sie miteinander ausführten.

Dr. Simone Wilde hatte Andy schon in tiefe Narkose versetzt. Dr. Mettner, der Neurologe, stand ebenfalls da, denn es konnte sein, daß man ihn benötigte. Dr. Küsters und Dr. Olegra würden assistieren.

Kay Martens sah seine Mitarbeiter über die Operationsmaske hinweg ernsthaft an.

»Herrschaften, es wäre gut, wenn sie sich auf eine lange Nacht einstellen würden. Sowas ist nicht so schnell gemacht.«

Niemand antwortete. Das war auch gar nicht notwendig, denn jedermann wußte, wie schwierig es war, was sie jetzt vorhatten.

Aber es gab keinen unter ihnen, der nicht an den Erfolg der Operation glaubte.

Das abgeschnittene Stück von Andys Hand war gereinigt worden und lag nun in einer sterilen Lösung, sonderbar blaß anzusehen. Aber das war normal für die Ärzte, denn schließlich wurde dieses Stück Hand ja nicht mehr durchblutet.

Hanna und Kay Martens saßen einander in Spezialsesseln gegenüber und gingen Schritt für Schritt voran.

Die Stümpfe wurden noch einmal gereinigt und beschädigte Gewebeteile abgetrennt. Nerven und Blutgefäße wurden mit Fäden markiert.

Dann verbanden millimeterdünne Silbernägel die offenen Enden der Knochen. Als erstes nähte Kay die durchtrennten Sehnen zusammen, danach die Arterien, um die Blutversorgung sicherzustellen.

Hanna überbrückte Gefäßenden, die zu kurz waren, mit einem Stück Vene aus dem Handgelenk.

Danach kamen die Nerven an die Reihe. Drei Nadelstiche für jeden einzelnen. Die gebogenen Nadeln waren nicht größer als ein Streichholzkopf, die Nylonfäden viermal dünner als ein feines Frauenhaar.

Ab und zu mußten Kay und Hanna den Kopf nach hinten legen und für ein paar Sekunden die Augen schließen, weil es vor ihnen zu flimmern begann. Aber niemand gab auf, niemand dachte auch nur an Schlaf oder Ruhe oder eine kurze Erholungspause. Je eher sie mit der Operation fertig waren, desto besser. Dann konnten sie an Ruhe und Ausruhen denken. Eher nicht.

Zwei Stunden lang saßen sie nun schon im Aufenthaltsraum der Operations-Abteilung. Sie saßen nebeneinander. Margot hatte ihre Hand unter die ihres Mannes geschoben. Und Andreas hatte die Hand um die seiner Frau geschlossen. Es war, als wollte der eine dem anderen Kraft von seiner Kraft abgeben.

Endlich löste sich Margot Bauer von ihrem Mann und stand auf. Sie sah ihn auffordernd an.

»Bitte, Andreas«, sagte sie leise, »laß uns heimfahren!«

»Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich die Klinik verlasse, solange sie an Andy herumdoktern?« fragte er empört und schüttelte den Kopf, weil er seine Margot beim besten Willen nicht verstehen konnte. Er würde nicht wanken und weichen, ehe er wußte, was mit Andy war.

»Aber wir können doch wieder hierher zurückkehren, Andreas«, beharrte Margot. »Ich will nur ein paar Sachen für Andy zusammenpacken, damit er wenigstens etwas von seinen Lieblingssachen vorfindet, wenn er aus der Narkose erwacht. Ich könnte es auch nicht daheim ertragen, das solltest du eigentlich wissen. Aber Oberschwester Elli hat gesagt, daß es sehr lange dauern kann, bis sie mit Andy fertig sind. Und in der Zwischenzeit könnten wir heimfahren. Andy merkt doch nicht, ob wir hier sitzen oder nicht.«

Da stand auch er auf. Margot hatte recht. Andy spürte nicht, ob sie hier saßen oder warteten und vor Angst zitterten. Er ging mit Margot zum Aufzug und fuhr mit ihr nach unten. Dort sagten sie Martin Schriewers Bescheid und gingen dann zu ihrem Waggen, setzten sich hinein und fuhren heim.

Dort warteten die Nachbarn schon auf sie. Jeder wollte wissen, was denn nun mit Andy war und ob es stimmte, daß er sich ein Stück seiner Hand abgeschnitten hatte.

Andreas Bauer beherrschte sich. Es war schrecklich für ihn, sich eingestehen zu müssen, daß man noch gar nichts sagen konnte, weil Andy noch operiert wurde. Nein, man wußte auch nicht, wie lange die Operation noch andauern würde. Vielleicht die ganze Nacht, vielleicht auch nicht so lange.

Ja, sie würden beide wieder in die Klinik zurückfahren, denn sie waren nur heimgekommen, um Andys Sachen zu holen, die er brauchte, wenn er aus der Narkose aufgewacht sei.

Sie dankten für die guten Wünsche und standen dann allein in der geräumigen Küche ihres Hauses. Und da verlor Margot die Nerven. Sie, die allzeit Starke und Tröstende, verlor die Nerven und warf sich gegen ihren Mann, schluchzte laut vor sich hin. Andreas war wütend auf sich selbst, weil ihm kein Trost einfallen wollte, weil er nichts zu sagen hatte. Deshalb nahm er sie ganz fest an sein Herz und legte das Gesicht in ihre hellen, duftigen Haare, die er so liebte.

»Er ist doch noch ein Kind«, schluchzte Margot. Andreas brummelte: »Ich glaube, das ist ein Vorteil für ihn. Sagt man nicht immer, daß Kinder alles schneller überwinden? Kinder haben einen unbändigen Lebenswillen. Warum dann nicht auch unser Andy? Er hat sich so sehr auf die Klassenfahrt zum Hermannsdenkmal gefreut. Und ich will nicht, daß er sich umsonst gefreut hat.«

»Ja – glaubst du denn, sie warten, bis er aus der Klinik heimkommt?« Margot wischte sich über die rotgeweinten Augen. Aber es kamen immer wieder neue nach. Der Vorrat an Tränen schien unerschöpflich zu sein.

»Eigentlich glaube ich das schon«, gab Andreas ernsthaft zurück und setzte in aggressivem Ton hinzu: »Und wenn sie nicht warten, dann fahren wir eben über ein Wochenende mit Andy zum Hermannsdenkmal. Hinkommen wird er auf jeden Fall. Aber schöner wär’s schon, wenn sie mit der Klassenfahrt warten würden, bis Andy so weit ist.«

»Ich gehe jetzt und packe alles für Andy zusammen«, sagte Margot leise und setzte hinzu, während sie ihn fragend ansah: »Soll ich dir vielleicht etwas zu essen machen?« Aber da kam sie bei ihrem Mann schlecht an. Andreas warf ihr nur einen empörten Blick zu.

»Glaubst du, ich könnte im Ernst ans Essen denken? Ich will so schnell wie möglich in die Klinik zurück, um da zu sein, wenn er aufwacht. Ich habe sowieso ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich die Kreissäge nicht abgestellt habe, bevor ich die Werkstatt verließ.«

»Du brauchst dir deswegen keine Gedanken zu machen«, tröstete sie ihn mit tapferem Lächeln, das ihm mehr Mut machte, als er zeigen konnte. »Andy ist ganz allein schuld an dem gräßlichen Unglück, das ihn getroffen hat. Ich weiß selbst, wie oft du ihn gewarnt hast. Nun hat er es am eigenen Leibe zu spüren bekommen.« Ihre Stimme wurde wieder unsicher, als sie leise sagte: »Wir können nur hoffen, daß alles einen guten Ausgang nimmt. An etwas anderes wollen wir im Augenblick lieber gar nicht denken. Das würde uns nur noch ängstlicher machen.«