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Trotz Emanzipation und unterschiedlichsten Lebensentwürfen gilt es heute noch immer als "normal", Kinder zu haben. Das führt bei Menschen, die aus verschiedensten Gründen kinderlos geblieben sind, immer wieder zu Fremdheitserfahrungen. Dieses Buch möchte Menschen, die keine Kinder haben, darin unterstützen, ihre vielfältigen Lebensentwürfe zu gestalten und der Frage nachzugehen, wie ein Leben ohne Kinder fruchtbar werden kann. Dabei kommen auch die Trauer und der Verlust zur Sprache, wenn der Wunsch nach einem Kind nicht in Erfüllung gegangen ist. Hier bieten die Autoren Anregungen und praktische Impulse, mit dieser Trauer umzugehen. Es kommen aber auch die besonderen Chancen in den Blick, die ein Leben ohne Kinder bietet. Konkrete Übungen helfen, diese zu erkennen und im eigenen Lebensentwurf und mit den je eigenen Begabungen umzusetzen.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2025
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Printausgabe
© Vier-Türme GmbH, Verlag, Münsterschwarzach 2025
ISBN 978-3-7365-0685-5
E-Book-Ausgabe
© Vier-Türme GmbH, Verlag, Münsterschwarzach 2025
ISBN 978-3-7365-0705-0
Alle Rechte vorbehalten
E-Book-Erstellung: Sarah Östreicher
Lektorat: Marlene Fritsch
Covergestaltung: Finken und Bumiller, Stuttgart
Covermotiv: bürosüd, München
www.vier-tuerme-verlag.de
Silke Luca Obenauer Andreas Obenauer
Kinderlos dem Leben auf der Spur
Vier-Türme-Verlag
Vorwort von P. Meinrad Dufner OSB Aus meinem Leben – zu diesem Buch
1 Dem Leben auf der Spur – ohne Kinder
2 Gesellschaftliche Prägungen: Warum die Kleinfamilie als »normal« gilt, obwohl viele anders leben
Menschen ohne Kinder – Zahlen und Hintergründe
Normalfall Kleinfamilie?
Die Entstehung des Muttermythos
Das Narrativ vom glücklichen Leben in der Kleinfamilie und seine Auswirkungen
Übung Die Erwartungen anderer und meine Lebensträume
Ich und das Thema Kinder
Die Erwartungen anderer
Übung Dazugehören
3 Ein Blick in die Bibel: Die Vielfalt an Lebensformen neu entdecken
Der grundlegende Auftrag an die Menschen
Jesus und die Kinder
Paulus: Aus Überzeugung unverheiratet und ohne Kinder
Vielfältige Lebensformen in der Bibel
4 Kein Kind im Haus: Vom Umgang mit Trauer, Wut und Co. – und wieso sie manchmal gar nicht da sind
Kein Kind – unterschiedliche Gefühle und Erlebensweisen
Wenn es wehtut, keine Kinder zu haben
Ohnmacht
Gefühle von Versagen und Schuld
Trauer
Übung Sammle meine Tränen in deinen Krug (Psalm 56,9)
Wut
Neid
Als Paar auf dem Weg bleiben angesichts unterschiedlicher Gefühle und Bedürfnisse
Auf dem Weg zur Aussöhnung mit der eigenen Kinderlosigkeit
Übung Wovon muss ich mich konkret verabschieden, wenn ich ohne eigene Kinder lebe?
5 Kinderlos dem Leben auf der Spur: Erfüllt leben ohne eigene Kinder
Was kann ich an die nächste Generation weitergeben? – Meine Generativität
Übung Generativität in meiner Umgebung entdecken
Übung Generativität in meinem Leben entdecken
Übung Mein Leben ist fruchtbar
Was kommt durch mich in die Welt? – Meine Begabungen, meine Leidenschaft, meine Werte
Übung Wozu und wie möchte ich leben?
Übung Was prägt mich?
Wie lebe ich Verbundenheit mit anderen? – Meine Beziehungen und Netzwerke
Übung Verbundenheit leben
Ohne Kinder: spezifische Freiheiten dieser Lebensform
Als Paar dem Leben auf der Spur
Meine Lebensspur und Gott
Übung Ein geistlicher Blick auf mein Leben
6 Ich und die anderen: Das Kinderthema im sozialen Umfeld
Eltern
Freundeskreis
Beruf
Kirchengemeinde
7 Alltag ohne eigene Kinder: Was man so zu hören bekommt und welche Reaktionsmöglichkeiten es gibt
»Wann ist es denn bei euch so weit?«
Mögliche Antworten:
»Haben Sie Kinder?«
Mögliche Antworten:
»Warum habt ihr keine Kinder? Wollt ihr keine Kinder – oder könnt ihr keine bekommen?«
Mögliche Antworten:
»Hast du keine Angst, das später zu bereuen, keine Kinder zu haben?«
Mögliche Antworten:
»Hast du keine Angst, im Alter allein zu sein?«
Mögliche Antworten:
»Du kannst ja öfter Urlaub machen, so ohne Kinder!«
Mögliche Antworten:
»Du willst ja bloß keine Verantwortung übernehmen!«
Mögliche Antworten:
»Meine Kinder zahlen deine Rente!«
Mögliche Antworten:
»Fehlt dir nichts im Leben, so ohne Kind?«
Mögliche Antworten:
»Mutter sein ist doch die tiefste Bestimmung einer Frau.« »Jeder Mann sollte in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und ein Kind zeugen.«
Mögliche Antworten:
8 Statt eines Nachworts: Sei gesegnet!
Ausgewählte Literatur
Cover
Impressum
Buchtitel
VORWORT VON P. MEINRAD DUFNER OSBAUS MEINEM LEBEN – ZU DIESEM BUCH
Kinderlos – dem einen zum Schicksal geworden, der anderen aus Entscheidung gewollt. Jeder Weg will erfüllt sein mit Leben, das Sinn macht, das Frucht bringt.
Ich bin Mönch geworden, weil ich mich unendlich geliebt weiß. Erst auf dem Weg verstand ich und lernte, dass das meint, mich auszutauschen.
Bei Antoine de Saint-Exupéry las ich: Eltern sollen sich austauschen in die Kinder, der Schmied in Sichel und Hufe, der Bäcker in Brot. Und in was tausche ich mich aus?
Jetzt wusste ich, was zu geschehen hat im Beruf als Lehrer: Ich soll Freude an der Entdeckung des Lebens wecken. Ich war Religionslehrer, Kunsterzieher und Theaterleiter.
Ich wusste, was ein Seelsorger zu tun hat: Den Weg ins Vertrauen, ins Hoffen, in zugewandte Nähe zu zeigen.
Ich lernte, was Freundschaft heißt: stützende Bejahung zu verschenken im Treubleiben.
Ich bekomme immer mehr Mut und Freude, meinen Hoffnungsblick zu zeigen und ihn in den Menschen zu wecken.
Ich freue mich, immer mehr Leben gefunden zu haben, es immer spielerischer zu erfinden und zu deuten in der Kunst und im hörenden Gespräch.
Dass ich mich austausche im Vertrauen, weil ich von Gott weiß, dass ich es der Schöpfung gleichtue: Im Sich-Austauschen ist ewige Gegenwart, von mir nachgespielt und mitgespielt.
P. Meinrad Dufner OSB
1DEM LEBEN AUF DER SPUR – OHNE KINDER
Vielleicht denken Sie beim Lesen der Überschrift: Wie soll das gehen, wenn mein Lebenstraum zerplatzt?
Vielleicht sagen Sie spontan: Ja genau, das ist mein Weg!
Vielleicht sind Sie auch noch zögerlich, wissen nicht recht, was Sie denken sollen.
Das vorliegende Buch ist vor allem an Menschen gerichtet, die keine eigenen Kinder haben – aus welchen Gründen auch immer. Es ist von der Überzeugung getragen: Diese Art zu leben kann mit ihren spezifischen Herausforderungen, Grenzen und Chancen erfüllt und fruchtbar sein. Geschrieben wurde es von zwei Menschen, die selbst keine Kinder haben.
Vor einigen Jahren haben wir begonnen, im Kloster Münsterschwarzach Wochenendkurse zum Thema »Ohne Kinder fruchtbar leben« anzubieten. Viele Fragen und Aspekte, die dort aufgetaucht sind, und was wir durch die Jahre von und mit den Teilnehmenden gelernt haben, ist auf den folgenden Seiten mit eingeflossen, ebenso eigene Erfahrungen im privaten Bereich wie beruflich als Pfarrpersonen. Bei den Workshop-Wochenenden entstand auch die Idee zu diesem Buch, um anderen in ähnlicher Situation Anregungen für ihre Spur des Lebens zu geben.
Die Kapitel sind so konzipiert, dass jedes für sich einzeln verständlich ist. Beginnen Sie Ihre Lektüre einfach dort, wo Sie Resonanz spüren. Möglicherweise ist es auch hilfreich, das Buch in Etappen zu lesen, wenn Sie spüren, dass die Themen Sie emotional stark berühren. Immer wieder finden Sie Übungen. Diese sollen Ihnen als Anregung dienen, um den Inhalt der Kapitel nochmals persönlich und auf die eigene Lebenssituation bezogen zu vertiefen. Schauen Sie, welche Ihnen zusagen und für Sie hilfreich sind und welche Sie auslassen möchten. Vielleicht ist es gut, wenn Sie die eine oder andere Übung im Anschluss mit einer nahestehenden Person besprechen.
Dieses Buch richtet sich an Menschen ohne Kinder. Möglicherweise gehören Sie nicht zu dieser Gruppe, interessieren sich aber trotzdem für das Thema, weil Sie im privaten Umgang unsicher sind oder sich wünschen, dass Ihre Kirchengemeinde ein Ort sein kann, an dem sich auch Menschen ohne Kinder willkommen fühlen. Dann bietet dieses Buch eine Möglichkeit, dafür zu sensibilisieren, wie unterschiedlich Leben ohne Kinder aussehen kann und welche Fragen und Herausforderungen sich stellen.
Die verschiedenen Erfahrungen und Empfindungen von Menschen ohne Kinder kann man schwer auf einen Nenner bringen. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Frage, welche Bezeichnung passend ist. Häufig werden sie von anderen als »kinderlos« bezeichnet. Manche verwenden den Begriff auch als Selbstbezeichnung, vor allem, wenn sie es ungewollt sind. Mit der Silbe »-los« kommt ein Mangel zum Ausdruck. Der Akzent liegt auf dem, was nicht ist, was vermisst wird. Zugleich gibt es Menschen, die keine Kinder haben und keinen Mangel empfinden. Manche haben sich bewusst für diese Lebensform entschieden und finden sie stimmig für sich. Sie bezeichnen sich selbst manchmal als »kinderfrei«. Wir werden in diesem Buch meist von »Menschen ohne Kinder« reden. Auch dieser Ausdruck ist nicht ganz unproblematisch, weil das Wort »ohne« eher auf ein Defizit hinweist. Trotzdem passt dieser Ausdruck unserer Meinung nach am ehesten zu den vielfältigen Lebenssituationen. Bei einem unserer Workshops entstand irgendwann die Selbstbezeichnung: Wir sind »die mit ohne«. Dadurch kommt die Vielschichtigkeit eigentlich am besten zum Ausdruck.
Menschen ohne eigene Kinder können Frauen oder Männer sein oder sich selbst zwischen oder jenseits der Pole männlich und weiblich verorten. Um sie sprachlich alle einzuschließen, verwenden wir meist geschlechtsneutrale Ausdrucksformen. Wenn wir gelegentlich nur die männliche Form verwenden, dann im Sinn des sogenannten generischen Maskulinums, das alle Geschlechter umfasst und leichter lesbar ist als Worte mit Genderstern oder anderen Sonderzeichen.
Zu diesem Buch haben viele beigetragen. Ihnen allen sind wir sehr dankbar:
Pater Fidelis Ruppert OSB hat uns vor einigen Jahren ermutigt, im Kursprogramm der Abtei Münsterschwarzach eine Veranstaltung für Menschen ohne Kinder anzubieten. Bruder Jakobus Geiger OSB hat dies damals als Leiter des Gästehauses ermöglicht. Die Teilnehmenden an unseren Workshops haben mit uns jeweils vertrauensvolle Gemeinschaften für ein Wochenende gebildet, an denen wir Leben in seiner ganzen Vielschichtigkeit geteilt haben. Sie haben außerdem wertvolle Rückmeldungen zu einzelnen Übungen gegeben, die Sie hier finden, und nicht zuletzt den Wunsch geäußert, dass dieses Buch entsteht. Auch zahlreiche Gespräche in unserem Umfeld haben uns deutlich gemacht, wie wichtig solch ein Buch sein könnte, und uns dazu ermutigt. Pater Zacharias Heyes OSB hat dazu beigetragen, dass aus einer Idee ein konkretes Projekt wurde. Unsere Lektorin Marlene Fritsch war uns eine hilfreiche Gesprächspartnerin mit zahlreichen inhaltlichen und sprachlichen Anregungen. Carona, Eva, Ralf, Sarah, Simone und Sofie haben das Manuskript oder einzelne Kapitel kritisch gegengelesen und uns wertvolle Rückmeldungen gegeben. Dem Vier-Türme-Verlag danken wir für die Aufnahme in das Verlagsprogramm, Pater Meinrad Dufner OSB für sein poetisches Vorwort.
Nun wünschen wir Ihnen hilfreiche und ermutigende Entdeckungen.
Silke Luca Obenauer und Andreas Obenauer
2GESELLSCHAFTLICHE PRÄGUNGEN: WARUM DIE KLEINFAMILIE ALS »NORMAL« GILT, OBWOHL VIELE ANDERS LEBEN
Viele Menschen in unserer Gesellschaft leben ohne eigene Kinder. Trotzdem gilt es als »normal«, Kinder zu haben. Was zunächst unlogisch klingt, hat eine innere Logik. In diesem Kapitel skizzieren wir die unterschiedlichen Lebensformen in Deutschland und warum es trotzdem eine gesellschaftlich tief verwurzelte Normvorstellung von einem Leben gibt, das nur mit Kindern auch wirklich glücklich sein kann.
Menschen ohne Kinder – Zahlen und Hintergründe
Im Jahr 2022 lag die sogenannte Kinderlosenquote in Deutschland laut Mikrozensus bei 20 Prozent. Diese Quote besagt, wie hoch der Anteil der Frauen ohne leibliche Kinder unter all denen ist, die in diesem Jahr 45 bis 49 Jahre alt waren (Geburtsjahrgänge 1973 bis 1977), denn dieser Zeitraum gilt als Ende des fruchtbaren Alters von Frauen. Damit ist die Kinderlosenquote in Deutschland seit 2012 nahezu unverändert geblieben. Das bedeutet: Jede fünfte Frau in Deutschland bekommt kein eigenes Kind. Für Männer liegen die Zahlen ähnlich. Betrachtet man die Gesamtzahl in Deutschland, so waren im Jahr 2022 von 29,7 Millionen Frauen zwischen 20 und 75 Jahren 20,3 Millionen Mütter und 9,5 Millionen kinderlos. Wie viele davon ungewollt kinderlos sind, wird nicht erhoben.
Hinter diesen nackten Zahlen verbergen sich individuelle Geschichten mit unterschiedlichen Hintergründen, Motiven und Erfahrungen. So gibt es Menschen, die nicht in einer Paarbeziehung sind und deshalb keine Kinder haben. Manche wollen das genau so, zum Beispiel, weil ihr Weg sie in eine Ordensgemeinschaft geführt hat oder weil es ihrer Lebensvorstellung entspricht. Andere wären gerne in einer Partnerschaft und leiden möglicherweise darunter, dass sie keine Familie gründen können. Bei wieder anderen hat es sich einfach nicht ergeben. Partnerschaft und Familie wären eine Option gewesen, aber es ist anders gekommen.
Viele leben auch als Paar ohne Kinder zusammen. Manche von ihnen haben sich bewusst dazu entschieden, sei es, weil sie die Zeit und Energie für anderes freihalten möchten, sei es, weil sie aufgrund der Überbevölkerung auf unserem Planeten und den damit einhergehenden Klimaherausforderungen keine weiteren Kinder in die Welt setzen möchten, sei es, weil sie diese Entscheidung aufgrund von persönlichen Vorprägungen getroffen haben. Bei anderen Paaren möchte eine Person keine Kinder und die andere verzichtet daher ebenfalls darauf. Bei wieder anderen haben sich Kinder nicht ergeben – vielleicht, weil zunächst der Beruf im Vordergrund stand oder die Pflege von Angehörigen oder weil sie sich erst recht spät kennengelernt haben. Dann gibt es Paare, bei denen eine Person schon eigene Kinder mit in die Beziehung bringt und die deshalb auf gemeinsame Kinder verzichten. Wieder andere haben kein Kind, weil es vor oder bei der Geburt gestorben ist. Und schließlich gibt es jene, die keine eigenen Kinder bekommen können, weil eine Person – aus welchen Gründen auch immer – nicht zeugungsfähig ist. Manche dieser Paare lassen sich auf eine Kinderwunschbehandlung ein; die Erfolgsquote liegt hier aber nur bei ca. 50 Prozent pro Paar, sodass viele trotz dieser Zuhilfenahme dauerhaft kinderlos bleiben. Gleichgeschlechtliche Paare leben häufig ohne Kinder. Für sie ist es aus unterschiedlichen Gründen schwieriger als für gegengeschlechtliche Paare, dass der Wunsch nach einem Kind Wirklichkeit wird.
Diese – bei weitem nicht vollständige – Aufzählung macht deutlich, wie unterschiedlich ein Leben ohne eigenes Kind konkret aussehen kann, wie verschieden die Gründe und die Wege sind, die dazu führen. Vermutlich kennen wir alle Menschen, die keine Kinder haben. Um die Gründe wissen aber meist nur wenige, oft nicht einmal eng verbundene Menschen. Zu sehr wird das Thema tabuisiert. Offen darüber zu sprechen, ist häufig schwierig und wird von manchen auch als Grenzübertretung empfunden.
Normalfall Kleinfamilie?
Menschen leben sehr unterschiedlich: allein oder als Paar, mit oder ohne Kinder, in Kleinfamilien oder Großfamilien, in Wohngemeinschaften, Patchwork-Familien, Mehrgenerationen-Projekten oder Ordensgemeinschaften. In diesen und ganz anderen Formen gestalten sie ihr Leben und Zusammenleben. Trotz dieser Vielfalt, trotz dieser Unterschiedlichkeit gilt eine dieser Formen als »normal«: die Kleinfamilie, die sich klassischerweise aus Vater, Mutter und (wenigen) Kindern zusammensetzt. Sie erscheint vielen als die natürliche Form, in der Menschen eigentlich schon immer gelebt haben und in der eigentlich alle leben möchten.
Schauen wir genauer hin, so wird deutlich: Was heute als normal gilt, war in anderen Zeiten alles andere als normal. Die Vorstellung der bürgerlichen Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen, entstand erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zeitalter der Romantik. Diese Idee beinhaltet: Ein Mann und eine Frau verlieben sich, empfinden romantische Gefühle füreinander und wollen dauerhaft in einer auf Liebe gegründeten Beziehung zusammen sein. Deshalb heiraten sie und führen eine Ehe, die bestehen bleiben soll. Sie bekommen Kinder und leben gemeinsamen mit ihnen in einem Zwei-Generationen-Haushalt. Im Wohnbereich ist die Kleinfamilie unter sich; wenn die Familie Personal hat, wohnen diese Menschen außerhalb. Mann und Frau werden in der bürgerlichen Kleinfamilie unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben, die sich ergänzen. So gelten zum Beispiel Männer als rational und Frauen als Gefühlsmenschen. Damit zusammenhängend haben sie unterschiedliche Rollen. Der Mann verdient durch seine Erwerbsarbeit das Familieneinkommen, die Frau führt den Haushalt und kümmert sich liebevoll um die Kindererziehung. Der Ort, an dem der Mann seiner Arbeit nachgeht, ist räumlich von der Familienwohnung getrennt.
Das Bild dieser vermeintlichen Normalfamilie entstand also erst vor etwa 200 Jahren. Davor lebten die Menschen in der Regel im sogenannten »Haus« zusammen, also in größeren Verbänden, zu denen neben leiblichen Verwandten auch Knechte und Mägde gehörten. Leitend bei einer Hochzeit waren weniger emotionale, sondern mehr ökonomische Gesichtspunkte, wie auch das Zusammenleben im Haus vor allem von wirtschaftlichen Notwendigkeiten geprägt war. Zudem hatten längst nicht alle Menschen in dieser Zeit überhaupt das Recht zu heiraten und eine eigene Familie zu gründen. So vollzog sich die Entwicklung zur Kleinfamilie in einem längeren Prozess. Die rechtlichen Rahmenbedingungen änderten sich nur schrittweise. Im Arbeitermilieu fehlten vielfach die wirtschaftlichen Voraussetzungen, die ein Leben in der Kleinfamilie möglich machten. Im Bereich der Landwirtschaft hielten sich die größeren Verbände des Zusammenlebens noch lange Zeit.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich (im Westen Deutschlands) das Familienmodell flächendeckend durch, in dem der Mann für die Erwerbsarbeit und die Frau für Haushalt und Kindererziehung zuständig ist. So wurde die bürgerliche Kleinfamilie mit ihren spezifischen Rollenzuschreibungen über alle Schichten hinweg zum Normalfall. Sie war die Form, in der die meisten Menschen lebten und leben wollten. Die Idee von der bürgerlichen Kleinfamilie prägt unsere Vorstellungen bis heute, auch wenn viele in der Gegenwart ganz anders leben.
Die Entstehung des Muttermythos
Eng mit der Idee der bürgerlichen Kleinfamilie verbunden ist ein bestimmtes Frauenbild, das Frauen vor allem von ihrer Mutterrolle her wahrnimmt und auf diese festlegt. Auch dieses Bild gilt heute noch immer vielen als »ganz natürlich«. Es ist aber keineswegs so selbstverständlich, wie man denken könnte. Denn erst im 18. / 19. Jahrhundert kam die Vorstellung auf, dass Frauen vor allem Mütter seien. Besonders einflussreich waren hierbei die beiden Erziehungstheoretiker Jean Jacques Rousseau und Johann Heinrich Pestalozzi. Für Pestalozzi wird Muttersein sogar zur göttlichen Berufung und Natur jeder Frau. Seiner Ansicht nach kann niemand die Mutter bei der Erziehung des kleinen Kindes ersetzen. Damit ist der sogenannte Muttermythos geboren, die Vorstellung also, dass Muttersein die tiefste und natürlichste Bestimmung jeder Frau ist. Zuvor war es in adligen oder auch bürgerlichen Familien durchaus üblich, das Neugeborene an eine Amme aufs Land zu geben, bis es abgestillt war.
Der Muttermythos wirkt bis heute nach, wenn etwa davon die Rede ist, es liege in der Natur der Frau, Kinder zu wollen. Oder wenn darüber diskutiert wird, ob und wann Frauen nach der Geburt des Kindes wieder in den Beruf einsteigen sollen. Deshalb werden auch vor allem Frauen mit der Frage nach eigenen Kindern konfrontiert und Männer deutlich seltener darauf angesprochen. Es kämen wohl auch nur wenige Menschen auf die Idee, einen kinderlosen Mann zu fragen, ob ihm denn seine Karriere wichtiger sei als ein Kind. Frauen ohne Kinder werden dagegen mit dieser Frage immer wieder konfrontiert.
Das Narrativ vom glücklichen Leben in der Kleinfamilie und seine Auswirkungen
All diese Prägungen sind tief in unserer Gesellschaft verankert und wirken normierend, das heißt, sie gelten als (heimliche) Vorgabe für das gute, erfüllte Leben. Dabei wirken sie unbewusst und werden in der Regel weder reflektiert noch infrage gestellt. Würde man sie hinterfragen, bekäme man zur Antwort: »Das ist halt so.« Diese Prägungen wirken wie eine grundlegende Erzählung über das gute Leben (die soziologische Forschung verwendet den Begriff »Narrativ«), die unter der Oberfläche in der Erziehung, in Schulbüchern, in den Medien immer weitergetragen und in immer neuen Varianten wiederholt wird: in der Fernsehwerbung und in der romantischen Komödie im Kino, im neuen Bestseller-Krimi und in der Daily Soap, in Werbeprospekten und in den Illustrierten – und in der Nachfrage, wann sich denn Nachwuchs einstellt. Die Kleinfamilie als Norm ist also quasi allgegenwärtig, daher wird dieses Ideal immer wieder neu als normal wiederholt und weitergegeben.
