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»Manche fliehen von und andere nach zu Hause. Und manche beides zugleich.« Lazi sitzt im Zug nach Budapest und hat ein Ziel: Das Gewehr des Großvaters András, der während des Ungarnaufstands 1956 nach Argentinien fliehen wollte, aber in Eppingen landete. Im ungarischen Dorf erwarten Lazi unberechenbare Tanten, unzählige Schnäpse und die Großcousine Zsófi, die Lazi das Schießen beibringt. Nur Mónika, die Schwester der Mutter, versteht, was Lazis veränderter Körper zu bedeuten hat, nur sie ahnt den wahren Grund für Lazis Rückkehr: Rache üben, Gerechtigkeit finden. Auf der Suche nach dem Ursprung der Gewalt in der Familiengeschichte trennt Lazi eine Naht aus Scham und Schweigen auf. Hat schließlich das Gewehr des Großvaters und alle Fäden der Erzählung in der Hand. Und trifft eine Entscheidung. ›King Cobra‹ erzählt zwischen Humor, Zärtlichkeit und Wut vom Widerstand gegen das Schweigen und davon, dass die Liebe kein Bluthund ist. »Muri Darida erzählt in gewaltigen Bildern von dem, was sich uns eingeschrieben hat, macht daraus Atem, Leben, Befreiung - und entzündet ein Feuer, das die Sprache zum Glühen bringt.« Yael Inokai
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2026
»Familie, das ist nicht das Blut, das man teilt. Familie ist das geteilte Schweigen, das man als Tuch über den Tisch legt, um die heilige Tischplatte vor Messers Schneide zu schützen.«
Nach Jahren der Abwesenheit kehrt Lazi ins ungarische Dorf der Kindheit zurück und begibt sich auf eine Spurensuche in der Familiengeschichte. Lazi trifft auf unberechenbare Tanten, unzählige Schnäpse und die Großcousine Zsófi, die Lazi das Schießen beibringt. Nur Tante Mónika versteht, was Lazis veränderter Körper zu bedeuten hat, nur sie ahnt den Grund für Lazis Rückkehr: Rache üben, Gerechtigkeit finden.
›King Cobra‹ erzählt zwischen Humor, Zärtlichkeit und Wut vom Widerstand gegen das Schweigen und davon, dass die Liebe kein Bluthund ist.
Muri Darida
Roman
Für Mari und für Jeanne, die Tanten meiner Wahl
Ha egy kígyó (ami ritkaság) fölfalja önmagát, marad-e utána egy kígyónyi űr? És olyan erőhatalom van-e, mely egy emberrel ember voltát megetethetné Van? Nincs? Van? Fogas kérdés!
Örkény István, Tóték
Verschlingt sich eine Schlange selbst (ein durchaus seltenes Ereignis), ist das, was bleibt, eine Schlangenlänge Leere? Und gibt es eine Kraft so übermächtig, dass sie den Mensch sein Menschsein fressen lässt? Ja? Nein? Ja? Welch hochverzahnte Frage.
István Örkény, Familie Tót
»Luft anhalten!«
Das Kind stopfte den Atem in die Wangen und schaute nach rechts: Stofftapete an der Wand. Kokosfaser, mokkabraun.
Blick geradeaus: Großvater András, auf seinem Chefsessel aus aufgeplatztem Leder. András schaute zurück und drückte ein Auge zu. Dabei wackelten die Borsten seiner Augenbrauen. Das Kind hätte schwören können, dass sie raschelten.
Blick nach links: Ein Foto von András auf dem Schreibtisch, eine Hand auf den Schaft seines Jagdgewehrs gestützt, in der anderen ein Irgendwas.
Mit Daumen und Zeigefinger drückte András dem Kind die Luft aus den Bäckchen. Plopp. Sein Lachen knarzte, und in seiner Brust joggte ein Büffel über alte Dielen.
András ratschte ein Streichholz über den Phosphorstreifen der Schachtel. In Zeitlupe führte er die Flamme an seinen Schnurrbart, bog die Lippen in ein offenes Oooh. Über den Rand seiner Brille prüfte er, ob das Kind zuschaute. Kurz bevor das Feuer seine Zähne berührte, hauchte András die Flamme mit einem Haaa aus und umschloss den Streichholzkopf mit dem Mund. Mit einem Zischen starb in seiner Mundhöhle die Glut. Das Kind wäre gerne auf András’ Schoß geklettert. Doch zwischen dessen Bauch und dem Tisch hatte es keinen Platz und legte stattdessen das Kinn auf der Platte ab.
András tippte ihm auf die Nase. Seine Finger rochen nach verglühten Zigaretten und Streichholzköpfen. Und nach ihm: Eine Note Tabak, Rasierwasser – scharf –, und Schweiß. »Schschscht!«
Tok-tok-tok-tok-tok.
»Telefonálok!«, brüllte András, und das Klopfen zerfiel in ein Entschuldigungsmurmeln.
Das Kind hielt den Atem an, bis sich der Kopf ganz dick anfühlte, und auch András sprach mehrere Sekunden kein Wort. Er schaute zur Tür, zum Fenster. Beide zu.
Dann zündete er ein neues Streichholz an und fuhr mit dem Zeigefinger durch den Feuerwurm.
Das Kind stülpte seinen Zeigefinger aus der Faust. Bereit, die Flamme zu teilen, das Blau vom Orange. Im letzten Augenblick zuckte es zurück. Gerade noch hatte das Stäbchen ganz eindeutig wie ein Streichholz ausgesehen. Jetzt, wo das Feuer an ihm gefressen hatte, krümmte es sich zu einem schwarzen Stängel.
András schlug vor, das Kind könne seinen Finger mit Spucke nass machen und ihn – »hupsz!« – durch die Flamme »schwupszen.« (Sz wird als zischendes S gesprochen.)
»Ez az!« András applaudierte.
»Was heißt ez az?«
»Das isses.« András kämmte mit dem kleinen Finger seine Augenbrauen.
»Andópa, wie sage ich, wenn ich mich so fühle?« Das Kind reckte das Kinn nach oben, kräuselte die Lippen und tänzelte mit den Schultern. »Zeig noch mal«, sagte der Großvater und das Kind machte den Hals noch länger.
»Büszke.«
Das Kind zeigte auf sich selbst. »Büszke!«
»Wenn du dich so fühlen willst« – András pustete die Aschepartikel von seinen Unterlagen –, »dann machst du ein kleines Feuer und denkst du an mich.«
Das Kind schloss konzentriert die Augen und ließ das Gefühl bis in die entlegensten Kuhlen des Körpers laufen, auf dass es sich dort ablagerte und blieb.
Augen auf: Mit beiden Händen hielt András die Streichholzschachtel vor sich und begutachtete ihre Aufschrift durch den unteren Teil seiner Brille. Die abgebrannten Zündhölzer fegte er mit einem Briefkuvert zu einem kleinen Scheiterhaufen. Dabei hielt er einen kleinen Finger vornehm gespreizt, den einzigen mit einem langen Nagel. Erina hatte immer behauptet, den verwende ihr Vater zum Nasebohren. Aber das Kind würde später, als es erwachsen war und Lazi hieß, herausfinden, dass Männer von András’ Schlag einen Nagel stehen ließen, um zu signalisieren, dass sie nicht oder nicht mehr körperlich arbeiteten. András war immerhin der Chef seiner Teppichfirma mit Sitz in Süddeutschland und hier, in Őzbarna.
Als das Tischtelefon bimmelte, zeigte András zur Tür. Das Kind schloss sie von außen, allerdings nur fast. Draußen wiederholte es so lange das »Didelüd-ü-düt« des Telefons, bis András im Zimmer etwas gegen die Tür warf.
Also stand das Kind eine lange Weile im Gang herum und zählte die Tiktaks auf dem Zifferblatt der Stechuhr. Tik-Eins, Tak-Zwei, Tik-Drei, Tak-Vier. »Zählen« hatte damals geheißen, Zahlen bis zehn auf Ungarisch und bis zwanzig auf Deutsch aufzusagen, durcheinanderzukommen, weil die Finger nicht ausreichten, und von vorne anzufangen. Auf Tak-Acht kam András aus der Tür gekeucht.
»Das ist schon eine alte Uhr.« András sprach es »Úr« (Herr). »Sie registriert nicht jede Minute, sondern springt in Intervallen.« Seine Stimme knackte wie ein Scheit im Feuer und wippte ein wenig weinerlich. Er bog die Vokale in die Länge, leckte langsam das L, rollte das R rund.
Das Kind bohrte von außen gegen András’ Hosentasche. »Was sind Inter-Wale?«
András schirmte die Zigarettenschachtel ab und kratzte sich mit der anderen Hand am Kopf. In Lazis Erinnerung flappte dabei sein ganzer Haaransatz über die Stirnhaut bis zum Hinterkopf, oda-vissza, vor-zurück.
»Zeitschnitte«, sagte er und tat, als ginge er über den Gang zum Klo. Das Kind war alt genug, um zu sehen, dass er nicht hinter der Zimmerpflanze abbog, sondern nach einem angetäuschten Schlenker in die Fabrik weiterlief.
Die Halle war eine streng geometrisch angeordnete Welt aus Zylindern, Staubluft, PVC- und Strohduft. Um nicht aufzufallen, legte sich das Kind auf einen Kokosfaserteppich und machte sich ganz flach. Mit der Nase balancierte es auf dem Fischgrätenmuster. Die Stränge im Läufer waren eng gescheitelt. Zöpfchen mit Haarbruch.
Aus dem Transistorradio wimmerte Jimmy Zámbós Fogadj örökbe. (Nimm mich auf.)
Jemand trabte quer durch die Fabrikhalle, um dem Kollegen zu sagen, dass er ein gescherter Hurensohn sei, und machte auf dem Rückweg zum Gabelstapler einen Schlenker zum Teppichkind, drückte ihm einen Milchkaramell in die Hand und einen Kuss auf den Kopf. »Fogadj örökbe most és mindörökre, fogadj be csendesen, ha túl közel jöttél«, sang der Arbeiter gemeinsam mit Jimmy Zámbó. (Nimm mich bei dir auf, jetzt und auch für immer, nimm mich leise auf, wenn du zu nah mir kamst.)
Auf einem Blechschild stand in roten Buchstaben »Tilos a dohányzás«. (Rauchen verboten.) Das Kind konnte nicht lesen. Nur sehen, wie der Großvater ein silbernes Zippo-Feuerzeug aus seiner Brusttasche holte und sich mit einem metallischen Klicken eine Zigarette anzündete.
»Warum ist dein Finger schwarz?« Erina stand am Stirnende des Teppichs. Die Korksohlen ihrer Sandalen berührten seinen Baumwollrahmen.
»Mama, wusstest du, dass Inter-Wale Zeitschnitte sind?« Beim Sprechen kitzelten die Halme an den Lippen.
»Warum ist dein Finger schwarz?« Mit dem großen Zeh zeigte Erina auf den Kohlenschatten. »Und das heißt Zeitabschnitte.«
»Der Andópa hat aber gesagt, Zeitschnitte.«
»Der Andó-Opa redet manchmal Quatsch.«
András hatte seine Zigarette ausgetreten und einen seiner Mitarbeiter zur Sau gemacht, weil Rauchen in der Halle verboten war, »a kurva anyádat!«
»Mama, was heißt a kurva anyádat?«, fragte das Kind.
»Weiß ich nicht, frag ihn selbst.«
Das Kind tippte mit der Nasenspitze den Klingelton von András in die Zöpfchen im Teppichmuster: »Didelüd-ü-düt!«
»Ihr habt ja wohl nicht rumgezündelt, Baba?«
András drehte sich eilig zum Ausgang und fixierte seine Armbanduhr.
»Rina, jetzt mach nicht ins Hemd –«
»Didelüd-ü-düt!«
»Baba, hier ist alles aus Papier, Stroh und Kokosfasern, und neben uns ist der Schweinestall, der fackelt dann auch ab –«
»Dann gibt’s Rauchwurst.«
»Didelüd-ü-düt!«
»Sacklzement, hörst du jetzt auf!« (András und Erina, im Chor.)
In der Teppichfabrik gab es drei Büros. Die waren verboten. Bis auf vor der Uhr stehen und zählen war eigentlich das meiste verboten. Am strengsten verboten – und da waren sich András und Erina auffallend einig – war es, in die Teppichrollen zu krabbeln. Wenn man in die Teppichrolle kroch, traf man Schlangen, die auf dem Schiff mit nach Ungarn gekommen waren, so András. Kroch man in die Rollen, wurde man vom Dorn des Teppich-Gabelstaplers aufgespießt und auf den Lastwagen geworfen, so Erina. Und dann? Dann bricht man sich das Genick.
Das Kind lief im Zickzack durch die Gänge aus Röhren, schaute sich um und blieb vor einer liegenden Rolle stehen. Ein Kokosfaserteppich mit nachtblauem Rahmen. Nur mal einen Blick reinwerfen, dann einen zweiten, dann einen Schuh. Das Kind rieb barfuß an der Innenseite des Teppichs, kratzte sich die Sohlen an den Fasern und war plötzlich so weit in die Rolle gekrochen, dass nur noch sein Hintern rausschaute. Das Kind sah, dass der Schuh nur eine Armlänge oder zwei weiter drin war.
Es müsste den Großvater oder die Mutter darum bitten, den Schuh rauszufischen. Aber dann müsste entweder er oder sie in die Rolle kriechen. Andópa würde nicht durchpassen. Wenn die Mutter reinkroch, dann konnte sie genauso auf den Lastwagen geworfen werden und sich das Genick brechen und dann – das Kind wusste, wenn die Mutter nicht mehr da war, dann dannte sich das Dann in den Körper, dang-dang-dang. Immer fester, von unten nach oben, stieß stumpf ins Becken, als hielte jemand einen Schlagbohrer in den Unterkörper des Kindes. Immer tiefer wurde es in die Röhre gerührt, bis es am Schuh stecken blieb, wie eine Tür am Stopper. Das Kind lauschte auf Motorengeräusche, wartete darauf, den Dorn des Gabelstaplers in der Rolle zu spüren und auf den Lkw geworfen zu werden, wartete auf das Knirschen im Genick. Aber bis auf das Knurren der Maschinen und gelegentliche Rufe in der Halle, dumpf hinter der Teppichwand, war alles still. Niemand rief den damaligen Namen, der es Lazi heute verunmöglichte, sich in der Ich-Form an sich selbst zu erinnern.
Nach einer Weile in der Röhre fuhr das Kind an den Verknüpfungen im Gewebe des Teppichs entlang. Mit dem Zeigefinger erfühlte es einen besonders feinen Faden. Weich war er und kitzelte an der Kuppe. Das Kind tastete nach ihm. Der Faden zuckte zurück in die Naht und wieder aus ihr heraus. Sein Ende war geteilt, als wäre er mit der dünnsten Schere der Welt angeschnitten. Daumen und Zeigefinger zu einem Schnabel zusammengelegt, fasste das Kind den Faden und wurde von einem schmerzverzerrten Fauchen in eine tiefere Schicht des Teppichs gefahren.
Der geteilte Faden flackerte, begleitet von einem gleichmäßigen Zischen. Nach jedem Sssss verschwand er zwischen geometrisch angeordneten Plättchen, glatt und trocken. Sie gingen ineinander über wie winzige, durch Fugen unterteilte Badezimmerfliesen. Das Kind spürte ihnen mit einem Finger nach und erfühlte einen Schädel. Darunter Muskeln. Hals.
Langsam spulte sich der obere Teil des Körpers aus einer Spirale und richtete sich Wirbel für Wirbel auf. Das Kind wollte schreien, doch da kam kein Ton. Jedes Mal, wenn es den Mund öffnete, riss das Monster im Teppich seinen Kiefer auseinander und trennte mit zwei Zähnen eine Verknüpfung im Stoff. In rasender Zeitlupe löste die Welt sich auf.
Erina schaute mit beiden Augen in die Rolle. Ihr Blick zerrte das Kind aus den Schichten zurück an die Luft und aus der Röhre. Das Kind fing aus Erleichterung an zu weinen. Aus dem Körper der Mutter kam ein leises mechanisches Ticken. Tsic-tsic-tsic.
»Freundchen«, sagte sie leise, nahm Anlauf bei »hast du noch«, und bei »alle Tassen im Schrank?« klirrte alles in Erina auseinander, als hätte András mit seinem Jagdgewehr in den Geschirrschrank geschossen.
*
Lazi desinfizierte sich die Hände mit Sterilium Virugard. Der klinische Alkoholgeruch biss hinter der Stirn. Zögerlich kroch der Zug aus dem Berliner Kopfbahnhof. Lazis Finger fühlten sich nicht sauberer an als zuvor. Der Regen weichte den Schmutz auf der Fensterscheibe auf. Lazis Augen folgten den Schlieren, die kaulquappenförmig über das Glas rutschten und in der Dichtung verschwanden.
Hungária EuroCity, direkt nach Budapest. Vorbei an den graurauen Felszungen der Sächsischen Schweiz. Die Ränder der Elbe leckten an denen des Ufers, das Wasser schleimig und braun. In Bad Schandau stiegen drei Nazis aus, die als solche erkennbar waren, und weitere. Die Elbe zog den Zug weg von den Felsen, Richtung Sonne nach Prag. Alles hier schien gelb. Die Häuser, die wenigen Vokale auf den Bahnhofsschildern, die Trdelník und Becherovka, die sich Lazi unter den Dächern vorstellte. Lazi hasste es, Schilder nicht lesen, die Lautsprecherdurchsagen nicht entwirren zu können, sich vorstellen zu müssen, die Menschen hier äßen ausschließlich das, was in Deutschland auf dem Weihnachtsmarkt verkauft wurde. Die Wörter, die nicht voneinander trennbar waren, tropften in und verstopften die Ohren. Sie konnten nicht abfließen ins Gehirn, scheuerten an den Wänden des Verstands.
Der Zug fuhr unbeeindruckt weiter, stundenlang, bis Brno. Kurz vor der slowakischen Grenze beobachtete Lazi die Frau auf dem Nebensitz, wie sie einen sandfarbenen Muffin sezierte, und goss sich selbst Kaffee in den Deckel der Thermoskanne. Riss die hellrosa Verpackung der Haselnusswaffeln auf und brach kleine Quader heraus. Sie schmeckten nach den pappigen Sommertagen, an denen der Großvater das Kind in Őzbarna von Tante zu Tante gefahren hatte, wo es mit Neapolitanerwaffeln und Milchkaramell gefüttert worden war. Lazi tauchte die Schnitten in den Kaffee.
Die Slowakei war grüner. Die Bäume duckten sich schützend über die Berge, verbargen sie vor der Sonne, den glotzenden Augen der Durchreisenden. Bratislava. Lazi war nur ein Mal dort gewesen, auf der Durchfahrt, in András’ Mercedes, weil es Stau gab vor Wien.
Gewöhnlich bretterte András durch, über Passau bis Wien. Dort machten sie Pause auf der Raststätte Alland. Lazis Kinderkörper wurde erst von András’ Ehefrau Gerda über die Toilette gehalten und dann auf eines der Wipppferde aus Eisen gesetzt. András fotografierte mit einem klobigen Fotoapparat. Auf den entwickelten Bildern hatte sein Zeige- oder Mittelfinger meistens einen Gastauftritt am linken Rand. Gerda fütterte das Kind, wie von Erina beauftragt, mit Käse-Vollkornbroten und Gurkenscheiben mit Schale. András steuerte Yoguretten bei, um es zurück in den Kindersitz zu ködern.
»Andó –«
»Joghurt ist gesund.«
Gerda aß auch eine und piekte sich mit einem Seufzen in die Hüften. Sie bestand darauf, Gerda genannt zu werden und nicht Oma. Als Kind hatte Lazi den Wunsch nicht hinterfragt und erst nach ihrem Tod vor ein paar Jahren überlegt, ob sie sich einfach zu jung für eine Oma gefühlt hatte. Oder ob sie den Platz bewusst für Lazis leibliche Großmutter freigehalten hatte, deren Leben kurz vor ihrem achtunddreißigsten Geburtstag unter nie geklärten Umständen in einer Badewanne in Süddeutschland geendet hatte.
Bei Göttlesbrunn hielten sie für gewöhnlich noch mal an, aber diese zweite Pause sollte nur genau so lange dauern, bis András seine manipulierte Mautvignette für Ungarn mit Spucke erfolgreich an die Frontscheibe gefriemelt hatte. Meistens war sie aber so lang, wie es dauerte, bis Gerda sich hatte breitschlagen lassen, das Kind einmal auf die Löwenstatue vor der Raststation zu setzen. Davon gab es keine Fotos, András hatte es verdammt nochmal eilig, und Lazi erinnerte sich heute an den Löwen als eine imposante Skulptur.
»Seid ihr jetzt fertig mit Safari oder müssen wir noch auf Elefanten warten?«, hatte András gebrüllt, und Gerdas Finger hatten sich in der Hektik im Schnallensalat der Kindersitzriemen verheddert.
Doch dieses Mal war András unter Wien durchgetaucht und nach Bratislava gerast.
»Warum schreiben die denn Fischa mit a?«
»Gährda, woher soll ich denn wissen, bin ich Professor für Fischa?«
Es war der letzte lange Sommer, von Juni bis September. Der letzte vor der Schule. Der letzte, in dem Lazi als Kind lange genug in Ungarn gewesen war, um sich danach mit »Hello!« von der deutschen Verwandtschaft nach der Einschulungsfeier zu verabschieden. (Wie im Ungarischen möglich.)
András hatte so sehr geschwitzt, dass sich die Klebestreifen seines Toupets von der Kopfhaut lösten, die Gerda liebevoll »Haftis« nannte. Er brachte dem Kind ein Schmählied auf die Russen aus den Fünfzigerjahren bei. Die Melodie war die von Katjuscha.
»Keine Eier, kein Mais, keine Gerste, das Huhn ist verreckt«, übersetzte er und das Kind lachte sich kaputt. (»Fick dich, Sascha, rück die Armbanduhren raus« übersetzte er nicht.) Bis heute dachte Lazi, es hieße: »Pass auf, Sascha.« Der Großvater hatte erzählt, wie russische Soldaten seinem Vater, Onkel und Großvater nach dem Krieg die Armbanduhren gestohlen hätten.
»Bis hier hatten sie die Arme voll mit Uhren!« Er hämmerte mit der Handkante in seine Armbeuge.
»Herrgott, Andó, lass doch bei hundertachtzig die Hände am Lenkrad«, schrie Gerda, und András brüllte zurück, sie solle sich nicht ins Hemd machen. Gerda bekam auf dieser wie auf jeder Fahrt nach Ungarn Wassereinlagerungen und versuchte erfolglos, den Ehering von ihrem geschwollenen Finger zu lösen.
Mehr als zwanzig Jahre später verlor Lazi beim Händetrockenschütteln einen silbernen Ring im Klo des Hungária EuroCity, sagte »bei aller Liebe, nein« und drückte den Spülknopf. Der Ring glitzerte im Abfluss der Toilette, bevor sie ihn zischend und würgend verschlang. Lazi stellte sich zum Dehnen in den Wagenübergang. Rollte den Kopf einmal mit und einmal gegen den Uhrzeigersinn. Sechs Stunden waren vergangen. Die Müdigkeit überzog die Wälder und Felder mit einem bleichen und zugleich hellen Filter.
Zurück im Sitz, griff der Schlaf gierig nach Lazis Kopf wie die Spülung nach dem Ring und stieß den um die Brust zusammengeschnürten Körper über jede Unebenheit der Schienen und gegen die Schultern der fremden Frau.
Der Schlaf nähte wie besessen jede einzelne Erinnerung in Lazis Haut, ohne sie mit Zetteln zu bekleben, auf denen stand, was sie enthielten. Die Nadeln schob er in ein seidenes Kissen, das Kissen in die Westentasche und griff Lazi mit Daumen und Zeigefinger beherzt ans Kinn. Lazi hob die Lider, aber der Schlaf war schon im nächsten Abteil und beugte sich über ein Mädchen, das auf einem Koffer saß. Ihr Kopf sank auf ihre Brust, aber Lazi konnte das nicht wissen und hoffte, nicht mit offenem Mund geschlafen zu haben. Die Frau auf dem Nebensitz ließ sich nichts anmerken. Die Angst löste den Schlaf ab und saß den beiden gegenüber. Sie schaute Lazi nicht in die Augen, weil sie niemandem in die Augen sah, sie richtete einfach ihre eigenen auf die Kuhle unter Lazis Kehle, wie András den Lauf seines Gewehrs auf die Herzen, Hirne oder Stirnen ausgewachsener Hirsche gehalten hatte.
Aber András’ Gewehr war nach seinem Tod verschwunden. Das war das Jahr, in dem Lazi unter anderem Namen ausreichende oder mangelhafte Schularbeiten geschrieben und sich auf dem »Pezé« Videos von My Chemical Romance angesehen hatte. Im Jahr von András’ Tod hatte Lazi hypnotisiert auf die kajalumzogenen Augen des Frontsängers gestarrt. Und sich als einzige Person in Wackeldorf (nicht aber als Einzige:r im Landkreis Oberunterstadt!) Löcher in die Jackenärmel geschnitten, Fake-Converse von Deichmann mit Schachbrettmuster getragen und sich die Haare signalrot gefärbt.
Erina fand’s klasse: »In dem Alter kann man sich das leisten!« Die Verwandten in Őzbarna fanden es scheußlich, vor allem Lazis Lieblingstante Marcsi: »Atyaúristen!«, war alles, was sie dazu zu sagen hatte. (Ach du großer Gott!)
Den Großteil der Sommer hatte Lazi schon lange nicht mehr in Őzbarna, sondern bei der besten Freundin Sára und ihrer Familie in Nyíregyháza verbracht. Sára und ihre Brüder hatten das Zimmer abgedunkelt, Taschenlampen an die Regale gebunden und Stirnlampen um ihre Köpfe, auf Gitarren, ein Fisherprice-Keyboard und ein Tamburin eingedroschen und gebrüllt. Mit anderen Worten: ROCK FESZTIVÁL!
Sáras Mutter hatte vermutlich an die Tür geklopft, jedenfalls stand sie plötzlich im Zimmer und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Sie bedeutete den Brüdern, drinzubleiben, und zog Sára und Damals-noch-nicht-Lazi nach draußen auf die Hollywoodschaukel. Dort faltete sie die Hände und schlug vor, gemeinsam zu beten, weil der »liebe Großpapa« gestorben war. Weil es außer einem Tischgebet das einzige war, was Lazi auf Ungarisch kannte, beteten sie das Vaterunser. András hätte wahrscheinlich im Strahl gekotzt, aber Lazi war dankbar, gesagt zu bekommen, was jetzt zu sagen war: »Mi Atyánk, aki a mennyekben vagy«, und so weiter.
Lazis Eltern kauften Sára und Lazi ein Flugticket für die Beerdigung in Süddeutschland. Für Sára war es das erste Mal Fliegen, und sie konnte kaum fassen, dass die Bäckereitüten im Sitznetz für Erbrochenes waren. Obwohl András der selbst ernannte »Antichrist« war (andere sagen vielleicht Atheist?), hatte sich Gerda eine Beerdigung in der Kirche gewünscht, und Erina und ihre Schwester Mónika widersetzten sich nicht.
Wie alles, was András gewesen war, in diese Urne passte, schien Lazi zugleich unvorstellbar und nachvollziehbar. Die ganze Festung, die András zu Lebzeiten gewesen war: gepresst und gemahlen in dieser Kupferdose. Nachdem er seine Teppichfirma verkauft hatte, hatte ein Erosionsprozess eingesetzt, und András hatte innerhalb weniger Monate zwei Drittel seines Gewichts verloren, weder sein Toupet noch eine Hose getragen und das Haus nicht mehr verlassen. Am Ende konnte er weder gehen noch sprechen. Welche unergründliche Krankheit das gewesen war, hatte niemand herausfinden können. Er war eben – wie Gerda sagte – ein Arbeitstier.
Sára und Lazi sangen ein Volkslied im Duett, Tavaszi Szél Vízet Áraszt. Nach der ersten Strophe kondensierte Lazis damals hohe Stimme und tropfte geräuschlos über die Wangen, das Kinn. Sáras Alt strich über die Gesichter der Trauernden wie der Frühlingswind, den sie besang, mitten im Hochsommer. Lazi hatte den Einsatz gegeben, alle heulten auf Kommando, wie es nur auf Trauerfeiern und mit Tiervideos möglich ist. Erina weinte mit überkreuzten Armen und stülpte den Mund nach außen. Wie ein Kind. Gerda weinte sich die Haut von den Knochen und hielt sich dabei mit beiden Händen den Oberkopf. Die Tränen von András’ guter Freundin Zsuzsa aus Őzbarna warfen ein nachtblaues Schattenaquarell auf ihre Wangen. Als das Wasser ihre Lippen erreichte, schmolz feuerwehrrotes Wachs. Jedes Schluchzen stieß ihren Kopf nach vorne und läutete an den Klunkern an ihrem Hals und Ohrläppchen. András’ Bruder Sanyi und seine Frau Marcsi waren kurz vor dem Lied nach draußen gegangen, weil ihre Enkeltochter Zsófi aufs Klo musste. Zsófis Eltern waren nicht mitgekommen, sie mussten arbeiten. Sie weinten vermutlich leise in Őzbarna.
Erinas Schwester Mónika weinte gar nicht. Sie saß auf der Kirchenbank wie andere Menschen auf einem Klappstuhl. Erst ganz am Ende, als sonst niemand mehr weinte, stand sie mit kerzengeradem Rücken am Grab und schüttelte unentwegt den Kopf. Aus ihrer Brust kam ein pausenloses welliges A-Geräusch, ähnlich dem, das entsteht, wenn man A-sagend über Kopfsteinpflaster radelt. Beileid nahm sie keins entgegen. Etwas an Mónikas steifem Kontrollverlust faszinierte Lazi so sehr, dass es gar nicht anders ging, als ihr zu folgen. Während die anderen noch in Grüppchen zusammenstanden, sich gegenseitig die Hände auf den Rücken legten oder noch mal aufs Grab zeigten, flitzte Mónika über Seitenpfade zum Ausgang. Sobald sie sich aus dem Blick der anderen Gäste geglaubt hatte, hatte sie ihre Augen zugeschraubt wie einen Wasserhahn, ein Taschentuch aus dem BH gezogen und sich damit nicht die Nase, sondern die Hundescheiße vom Absatz geputzt.
»Köcsög«, sagte sie so klar, als wüsste sie, dass sie ein Publikum hatte. Vielleicht hatte sie ihren Vater gemeint. Vielleicht den Hund ihrer Schwester Erina, der vor den Friedhof gekackt hatte. (Bastard.)
Am Friedhofszaun spürte Lazi zum ersten Mal, wie die Zeit eine Szene vernichtete, einfach, indem sie weiterging. Der Absatz, der Köcsög, das Taschentuch: für immer vorbei.
Was blieb, war das Gefühl, eine Sternschnuppe vom Himmel holen zu können, wenn nur der Kescher nicht zu Hause geblieben wäre. Lazi wollte doch kein Rockstar werden, sondern Bilder schießen.
Szob war die erste Stadt nach der Grenze zu Ungarn. Wie auf einem Polaroidfoto zeichneten sich langsam Wörter aus den Buchstaben der Bahnhofsschilder ab. Ausgang, Gleis, Toilette. Szob wie sob, schluchzen. Lazi öffnete Google Maps. Ein kleiner blauer Kreis arbeitete sich über hellbraune und dunkelgrüne Plättchen auf dem Bildschirm, immer in sicherem Abstand zu dem grauen Schlauch, der sich durchs Land schlängelte. Die fette, steinalte Donau.
Lazi stieg am Westbahnhof aus. Die Luft kühlte gerade ab. »Auf Wiedersehen«, murmelte die Frau vom Nebensitz, ratterte ihren Rollkoffer vom Bahnsteig und verschwand in der Stadt. In der Eingangshalle aus Stahl und Glas fiel Lazi fast auf die Fresse, weil sich die Augen in dem Gitter aus Mustern und Linien an der Gebäudedecke verfangen hatten. Die Stadt atmete an die Scheibe der mit Stäben und Streben strukturierten Glasfassade über dem Eingang.
Gerne hätte Lazi für den Moment des Ankommens die Zeitlupe eingeschaltet und ein paar Minuten reglos an der Treppe verbracht. Leider stolperte jemand in Echtgeschwindigkeit in Lazis Rücken und nannte Lazi eine Wurzel (also einen Trottel). Beleidigt zog Lazi die Nase hoch und ballerte sich damit aus Versehen eine Dosis Ungarngeruch ins Hirn. Heißt: ein bisschen Gas, ein bisschen Teer, irgendwas Unidentifizierbares und heißen Zucker und Mehl vom Kürtöskalács-Stand vor dem Bahnhof. Als Kind hatte Lazi die um Holzrollen gewickelten und mit Zimt oder Kakao bestreuten Teigstreifen falsch mit »Baumkuchen« übersetzt und in der Schule »angegeben wie ein Sack Affen« (O-Ton Erina), dass der »König der Kuchen« (O-Ton Klassenlehrerin) in Ungarn auf jedem Bauernmarkt zu kaufen sei.
Lazi wechselte die Straßenseite und stand mit dem Rücken zu Starbucks, um mit dem Handy den Untergang der Sonne hinter dem Westbahnhof für Angelika zu dokumentieren. Die vier gelben Türme, deren Stahlkuppeln im Abendlicht mit hellblauem Zuckerguss überzogen schienen, hielten ein wenig gelangweilt, aber geduldig ihre Pose. Hätte Lazi dem Gebäude den Rücken zugekehrt und wäre immer geradeaus nach Westen den Szent István körút entlang zur Donau gelaufen, hätte vielleicht einen Schlenker zum Parlament oder zur Margit-Insel gemacht, wäre sogar über die Brücke von Pest nach Buda bis zur Fischerbastei hochgegangen, wäre vielleicht ein Unglück passiert. Denn Lazis Augen hätten vor lauter Fassadenschlecken und Stuckschlucken vergessen zu blinzeln und wären ausgetrocknet und aus den Höhlen gekugelt, und wie sollte Lazi dann in Zukunft durch das Visier einer Kamera oder eines Jagdgewehrs zielen.
Lazi schleppte den Rucksack wieder über die Ampel, stellte den Ticketautomaten auf Ungarisch und kaufte sich eine Zehnfahrtenkarte. Da er keine Wirbelsäule hatte, in die ihm jemand von hinten hätte stoßen können, ließ der Automat sich alle Zeit der Welt. In Zeitlupe spuckte er einen Fahrkartenstreifen nach dem nächsten in das Ausgabefach, während zwei Straßenbahnen hinter Lazi hielten und starteten. Die Vierer- beziehungsweise Sechser-Tram kam alle paar Minuten. Trotzdem stürzte sich Lazis ganzer Zorn der letzten Jahrzehnte auf den Automaten, der genauso servicefremd und desinteressiert vor sich hinkaute wie früher die Angestellten in den Geschäften, über die sich Lazis Mutter immer aufgeregt hatte, auf ihren Kaugummis.
»Das ist noch ein richtiges Sozialismus-Mindset«, hatte Erina immer gesagt. Beziehungsweise hatte sie sicher nicht »Mindset« gesagt. Niemand in den Neunzigern hätte »Mindset« gesagt, aber Lazi konnte sich an den genauen Wortlaut nicht erinnern. Was hätte Erina denn gesagt? »Einstellung?« Nee. »Denkweise?« Sicher nicht. Gottverdammt, war ja auch wurscht jetzt. (»Mentalität« hätte sie gesagt, meine ich.) Kurz bevor Lazi ihm das Knie in sein Kaufach gerammt hätte, gab der Automat den letzten Streifen her und Lazi stieg in eine Tram.
Am Fenster war ein Einzelplatz frei und Lazi beruhigte sich. Überlegte kurz, ob die Reizbarkeit angeboren, hormoninduziert oder der Tatsache geschuldet sein könnte, dass Lazi dieses Land irgendwie auswendig kannte, aber ein paar kurze entscheidende Jahre lang weggeblieben war. Wegbleiben, das klang so passiv. Dabei war es solch eine Fraktur in Lazis Biografie, dass jetzt beim Wiederankommen plötzlich all die nie bemerkte Selbstverständlichkeit fehlte. Rein zufällig waren die Jahre des Wegbleibens genau die, in denen Lazi angefangen hatte, sich selbst im Spiegel erkennen und unter der eigenen Haut spüren zu wollen. Lazi wollte, dass alle es sahen. Lazi wollte, dass niemand es sah.
An diesem wie an jedem Abend rieb sich Budapest mit dem Rostgold seiner Restsonne ein und glänzte dabei wie ein verschwitztes Zuchtpferd, das kurz vor dem Schlachthof noch mal auf die Parade geschickt wird. Jeder Knorpel der Stadt knarzte, aber der Rücken war auf Anschlag durchgedrückt. Je tiefer die Tram durch den siebten in den achten Bezirk trottete, desto patziger schälten sich die Fassaden. In manchen Gassen hatten die Hauswände Einschusslöcher von 1956, dem Jahr, in dem sich Lazis Großvater aus diesem Land verzischt hatte. Neu war, dass alle paar Meter blaue Plakate dafür warben, in einem nationalen Volksentscheid gegen »sexuelle Propaganda« zu stimmen.
Am Blaha-Lujza-Platz öffnete Lazi Google Maps und suchte die Verbindung in den dreizehnten Bezirk. »Buzi!«, keuchte jemand in Lazis Nacken. (Heißt »Schwuchtel«, aber gelegentlich auch »Scheißlesbe«. Gängiger ist die Beleidigung für schwule Männer.)
An der Stelle, wo das Wort eingeschlagen war, bildete sich eine kleine Verklebung, die langsam durch den Hinterkopf in Lazis Stammhirn und erst deutlich später im Frontallappen ankam. Als Lazi den Platz nach dem Sender der Botschaft oder einer anderen Schwuchtel, die gemeint sein könnte, absuchen wollte, kam der Bus, und Lazi wuchtete im letzten Moment den Rucksack durch die Hintertür.
»Bitte sehr, die Dame dahinten, wir haben Vordereinstieg!«, grunzte der Busfahrer durch das Mikro, und diesmal war die Ansage ohne Umwege direkt im Vorderhirn unter der Stirn eingeschlagen und zündete Lazis Gesichtshaut an. Einen Moment später sah sich die Dame Schwuchtel selbst von außen vor der Plexiglasscheibe des Fahrers brennen und das Ticket in die Luft halten.
»Ja, bitte schön, entwerten.«
»Ist doch schon«, sagte Lazi und zeigte auf die Verklebung am Nacken und die Einschussstelle an der Stirn. Aber der Busfahrer schaute nicht her, sondern durch die Frontscheibe. Also steckte Lazi dem Entwerter das Ticket zwischen die Zähne, biss die eigenen aufeinander und fuhr in den dreizehnten Bezirk, in dem Sáras Wohnung lag.
Lazi öffnete die Selfie-Kamera: im linken Ohr ein Ohrring, im rechten keiner. Haare gab es gerade keine zu sehen, sie waren unter einer Schirmmütze. Gesicht: na ja, Gesicht halt. Quadratkiefer, holzige Haarlinien über den Augen, der Oberlippe und der Stirn. »Faszom tudja«, dachte Lazi durch den Mund, aber leise und auf Ungarisch. (Weiß der Geier.)
Nach zwanzig Minuten hielt der Bus an der Vagány-Straße und Lazi stieg aus. (Okay, ich habe geschönt. Faszom tudja heißt: Weiß mein Schwanz.)
Sára war gerade auf irgendeiner Kirchenfreizeit, die sie leitete und zu der sie Lazi eingeladen hatte. Lazi hatte sich eine müde Ausrede überlegt und dankend das Angebot angenommen, stattdessen in ihrer leeren Wohnung unterzukommen.
Sára hatte Lazi den Code für das elektronische Türschloss des Hoftors geschickt, aber es war nur angelehnt. Hinter dem Tor ging Lazi vorbei an einer Wand mit Briefkästen und Schildern, die wenig erklärten und viel verboten (Hunde in den Hof kacken lassen oder nach 22 Uhr Radau machen, zum Beispiel), in einen Hinterhof. Der beugte sich wie ein liegendes U vom Eingangstor zum Gebäude. Lazi suchte die Treppe und entdeckte sie in einer Ecke hinter der Schilderwand.
Im zweiten Stock angekommen, fand Lazi sich auf einem Rondell wieder, das als langer Einheitsbalkon zu den einzelnen Wohnungstüren führte. Aus den Türschlitzen kam der Geruch von Gas und Frittierfett. Im Slalom lief Lazi um die Blumenkübel, Kinderschuhe und Plastikhocker, die die Menschen vor ihren Türen geparkt hatten. Auf der anderen Seite des U weinte ein Baby, von weiter hinten kläffte ein Hund. Ansonsten schienen sich im Augenblick alle an die Schilder am Treppenaufgang zu halten. An der Biegung zur Stirnseite des Rondells saß auf einem von den Zeiten gezeichneten Sessel wie immer die alte Nachbarin, die von Sára den Spitznamen Megfigyelő kamera bekommen hatte (Überwachungskamera). Sie grunzte grimmig, weil es so spät geworden war, und fragte nach einer Cigi. Als Lazi anbot, eine zu drehen, winkte sie ab, übergab den Wohnungsschlüssel und schloss mit einem Schnappen das Fliegengitter. Gute Nacht.
In der Wohnung wusch Lazi sich die Hände, ging zur Toilette, wusch sich noch mal die Hände, rieb die Spritzer vom Wasserhahn und setzte sich im Wohnzimmer auf den Boden statt auf die Couch. Zog als Erstes den Binder um die Brust aus, trank gierig mehrere Schlucke Luft. Der Bildschirm des Telefons war nach elf Stunden Zugfahrt pappig und rau. Lazi kratzte mit dem Fingernagel an einer Schmutzschliere und öffnete den Chat mit Angelika.
»Da.« Unter Angelikas Namen erschien »Online«. Angelika schickte einen Daumen, ging offline und Lazi zum Kühlschrank. Darin lagen laminierter Scheibenkäse, Margarine und eine Eierschachtel. Im Türfach standen ein Glas Paprikapaste und eine Milchpackung. Lazi öffnete die Eierschachtel. Von sechs war eins übrig, die Schale hellbraun. »Extra gelbes Eigelb«, stand auf der Schachtel und ein Huhn reckte einen Daumen aus seinem Flügel. Lazi stellte die Flasche mit den Hormonen in den Kühlschrank, legte den Kopf in die Spüle, drehte den Wasserhahn auf und trank direkt vom Strahl. Das Waschbecken roch nach Chlor. Das Licht des Telefonbildschirms leuchtete durch die angekratzten Striemen. »Wann kommst du?«, schrieb Marcsi aus Őzbarna.
»Wann kommst du eigentlich zurück?« Angelikas Nachricht erschien drei Sekunden später und sie schickte ein Blumen-Emoji hinterher. »Ich habe zu tun in Budapest, ich weiß es noch nicht genau, sage euch aber Bescheid«, tippte Lazi auf Ungarisch und dann »sobald es geht, aber spätestens bis zum 25.« auf Deutsch.
»Das Land ist klein«, schrieb Lazi auf Angelikas Frage, wie lang die Fahrt von Budapest nach Őzbarna dauerte. Erinnerte sich daran, dass es früher in András’ Auto auf diesem Teil der Strecke immer dunkel geworden war. Als Kind hatte Damals-noch-nicht-Lazi langsam angefangen, hinten auf dem Sitz hin und her zu rutschen und alle zwanzig Sekunden »Wann sind wir da?« zu fragen. Es war die Schnellstraße, auf die in den Neunzigerjahren die Lastwagen aus Afghanistan ausgewichen waren, um den Krieg im Kosovo zu umfahren. András hatte die Frauen kommentiert, die sich alleine auf der Landstraße die Beine in den Bauch standen. Gerda hatte geschrien, wenn ihnen einer der Lastwagen auf der rechten Straßenseite entgegenkam und András seinen Mercedes auf die linke Gegenverkehrsseite oder – falls diese besetzt war oder die Schlaglöcher zu tief – auf den Acker oder in den Graben am Straßenrand lenkte.
»Himmel, Andó!«
»Gährda, jetzt bin ich schuld an Schlagloch groß wie Arschloch von Gerhard Schröder?«
»Andó, wie redest du denn vor …«
András schlug mit der Faust aufs Lenkrad: »Wirst du selbst sehen, Gährda, wenn du im September Kreuz für Arschloch setzt.«
Gerda fischte eine Handpuppe aus dem Seitenfach. Die unterhielt sich bis Őzbarna angeregt mit dem Kind.
Der Schlaf räumte Albträume in Lazis Körper wie dreckiges Geschirr zum sauberen, aber er war tief und fast erholsam. Doch Lazi war nicht darauf vorbereitet, auf einmal mit nichts als Handy, Computer, Kleidung, einer Kamera und dem Bild eines verschwundenen Gewehrs vor Augen in Budapest aufzuwachen. Nicht darauf vorbereitet, auf Sáras Schlafcouch wach zu werden. Auch nicht darauf, die erste Zigarette mit Schwarztee in einem Budapester Innenhof statt mit Kaffee in einer Berliner WG-Küche zu rauchen. Die Stäbe des Geländers rochen rostig. Alle Haushalte hatten Wäschehänger an das Geländer und mit Klammern frisch gewaschene Unterhosen und T-Shirts an die Stäbe geklemmt.
Morgenprogramm: Links ein Hub, dann einer rechts. Lazi strich mit der linken Handfläche über die rechte Schulter, griff um, strich mit der rechten über die linke, steckte den Deckel auf die Flasche und stellte die Hormone zurück in den Kühlschrank. »Wenn ich jetzt nicht fahre, trau ich mich nicht mehr.«
Lazi traute sich nicht und googelte. Dabei gab es bis auf das Gewehr nichts zu suchen und erst recht nichts zu googeln. Den Weg zum Busbahnhof und die geplante Reisedauer nach Ostungarn hatte Lazi längst nachgeschaut. Schlafen würde Lazi bei Sanyi und Marcsi. Wo auch sonst?
