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Bodensieck (s. Erzählungszyklus LOTS VERMÄCHTNIS, KINGFISH REDUX, NORWEGISCHE HUREN, GUT FEHRENBRUCH) schlüpft hier in eine Traumwelt, die mit historischen wie fiktionalen Motiven aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart aufwartet, ibs. die Gestalt des Kingfish, der ewig medial-extrovertierte US-Präsidentschaftskandidat, mit Anklängen an neuere Themen und Motive aus den USA - eine verrückte Welt: Das Leben als ganz und gar ausgeflipptes 'Narrenschiff' inszeniert.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Friedhelm Koopmann
Kingfish Redux
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kingfish Redux
Impressum neobooks
Bahnhofsgelände einer Kleinstadt im fernen Arkadien. Geräusche eines in voller Fahrt dahinbrausenden Zuges auf freier Strecke irgendwo in der Prärie. Im Halbdunkel, auf Stühlen, vier reglose Gestalten: ganz außen Melvin R. Bauer, Sheriff, 52, hager, mit listigen Augen und selbstsicherem Auftreten; neben ihm, in der zerschlissenen Uniform eines Obersten der Nationalgarde, Colonel Thomas L. Strehlow, 54; er wirkt fahrig, von Zweifeln geplagt. Vor Jahren unehrenhaft aus der Nationalgarde entlassen - es gab halb bestätigte Gerüchte über Strehlows Teilnahme an illegalen Akten des Ku Klux Klan - lungert er jetzt am Bahnhof herum und hält Ausschau nach Hinweisen auf die Richtigkeit seines ehrlosen Tuns. Neben Strehlow, Ex-Nazi Botho von Fehrenbruch, wie Bauer selbstsicher, rauh, ein buschiger Schnauzbart verbirgt seine schmalen, meist zusammengepressten Lippen und verleiht ihm eine herzhaft-rustikale Fassade. Neben Fehrenbruch, am linken Ende der im Halbkreis angeordneten Stuhlreihe, mit dem Rücken zu den Bahngleisen, S. Glenn Tillich, der Diktator, ein schweigsamer älterer Herr, nur in Umrissen zu erkennen. Er trägt die violette Seidenrobe eines Kleagle of the Klan, deren spitze Haube scharf aus dem Halbdunkel ragt.
Fauchend nähert sich der Eiserne Lindwurm der Ortschaft Zoar. Pfeifen, Gezische, Bremsen, das dumpfe Aufeinanderprallen der zum Stillstand kommenden Waggons; Türenklappen, die Stimmen und Geräusche der aussteigenden Fahrgäste, ihre lärmenden Schritte auf dem Bahnsteig. Lautsprecher künden näselnd vom Jüngsten Gericht.
Bodensieck steigt aus dem Zug. Er trägt einen Stapel Akten unter dem Arm und legt diese auf einen runden, wackligen Tisch neben dem Rednerpult, das in gleißendes Licht getaucht ist. Wochenschaukameras werden eilig durch aufgerissene Zugfenster gereicht, auf Stative geschraubt und von schreienden Kameraleuten in Stellung gebracht. Bodensieck lässt sich Zeit. Er blättert gelassen in seinem Manuskript, blickt knapp in einige der mitgebrachten Ordner. Bodensieck wird assistiert von Mustafa Ceretyi, der weitere Akten herbeischafft und auf dem kleinen runden Tisch platziert. Er wirkt unsicher, nervös, versucht seine Identität hinter einer schwarzen Maske zu verbergen, die gelegentlich von seinem Gesicht gleitet und eine schwitzende, grimassierende Mimik des Geplagten enthüllt.
- Hier, bitte, Mustafa...
Bodensieck nimmt dem Assistenten die Akten ab, wirft sie auf den Tisch. Er blickt mit strenger Miene durch das grelle Licht der Scheinwerfer zu Colonel Strehlow, der wie die übrigen drei Charaktere kaum Notiz von ihm nimmt. Bodensieck ist jung, ein halbwegs erfolgreicher Geschäftsmann, der sich um eine Erbschaft betrogen fühlt und nun entrüstet nach den Schuldigen sucht.
- Colonel Strehlow!
Bodensieck spricht ruhig, betont jedes Wort, während die mitgereisten Reporter ihre Mikrofone auf ihn richten und Stenogrammhefte mit hastig hingeworfenen Kritzeleien versehen.
- Unfähigkeit im Amt, zumal im militärischen Sektor, mein lieber Oberst, ist unverzeihlich. Korruption, Nepotismus und ähnliche Vergehen sind in der Natur des Menschen angelegt und daher verzeihlich. Unfähigkeit, Colonel, ist im höchsten Grade unverzeihlich.
Strehlow beginnt Bodensieck mit kalter Geringschätzung zu mustern. Er schürzt seine Lippen, seine funkelnden Augen sind wie zynische Schlitze herausfordernd, starr auf sein Gegenüber gerichtet. Bodensieck fährt ungerührt fort:
- Colonel Strehlow, Sie haben seinerzeit vor der Kommission zur Aufklärung des Massakers von Zoar falsche Angaben gemacht, in der offenkundigen Absicht, Ihre eigenen unzulänglichen Maßnahmen zu verdecken. Sie haben insbesondere angegeben, am Nachmittag jenes tragischen 21. Juni...
Strehlow fährt auf, gestikuliert:
- Aber das ist doch so viele Jahre her ...
- Colonel Strehlow, Sie waren an jenem 21. Juni verantwortlich für die Wahrung des inneren Friedens im Raum Zoar.
Strehlow winkt müde ab.
- Colonel, Sie haben laut Bericht der Kommission am Nachmittag des 21. Juni ihrem Vorgesetzten, dem Sekretär des Inneren, Pablo W. Gonzales, die folgende Mitteilung gemacht: Ich zitiere aus dem Bericht... 13 Uhr... Sie berichten Gonzales in einem Telegramm, die Krise am Bergwerk spitze sich zu... sonst nichts... Ich wiederhole, Colonel Strehlow, sonst nichts...
- Ich protestiere! ... schreit Strehlow entrüstet.
Bodensieck blättert unbeeindruckt in seinen Papieren.
- 15.15 Uhr... Gonzales erfährt von dem Überfall auf die meinem Vater gehörende Pech- und Schwefelgrube. Sie betonen zu diesem Zeitpunkt, die Lage sei weiterhin unter Kontrolle. Der Staatsminister alarmiert dennoch vorsorglich Einheiten der Nationalgarde in den Stützpunkten Salem, Vernon, Cairo und anderen Orten im südlichen Bereich des Toten Meeres, nachdem mein Vater ihm von Chicago aus die Hilferufe seines Direktors McDowell aus dem von der Gewerkschaft umzingelten Bergwerk übermittelt hat. Mein Vater wusste, wozu die Meute hier fähig war. Sie waren als Zeuge und, wie ich fürchte, auch als Beteiligter, vor Ort und teilten dem Minister in Washington nur lakonisch mit, trotz vereinzelter Schießereien am Bergwerk sei alles in bester Ordnung, die Nationalgarde könne vorerst in den Kasernen bleiben.
- Alles erlogen... alles erstunken und erlogen...
- Colonel Strehlow, Sie haben in dieser heiklen Situation versagt. Als Sie Gonzales drei Stunden später anriefen und ihm von der angeblichen Feuerpause, die in Wirklichkeit nicht existierte, berichteten, handelten Sie zwar in dem Glauben, eine dauerhafte Lösung des Konfliktes stehe bevor, doch wäre zu dem Zeitpunkt bereits die Nationalgarde unterwegs gewesen, hätten die späteren Greueltat zweifellos verhindert werden können. Als die Truppen am nächsten Tag in Marsch gesetzt wurden, war alles zu spät und sechzehn Bergleute und Wachmannschaften, einschließlich McDowell, waren tot - ermordet. Meuchlings von einer sich bestialisch aufführenden Menge gelyncht, ohne Gnade, ohne Mitleid. McDowell - hinterrücks erschossen. Sie warfen ihn sterbend ins Gebüsch, um ein Exempel zu statuieren. Man trieb sie wie Schlachtvieh fünf Meilen durch sengende Hitze und Staub zum Friedhof von Zoar und verging sich schändlich an ihnen. Sechzehn Männer - dahingeschlachtet! Den Verwundeten verweigerte man Wasser, Frauen und Kinder spuckten ihnen ins Gesicht. Man urinierte auf sie und schändete ihre Leichen. Die Männer stießen gotteslästerliche Flüche aus, als sie hilflos am Boden liegenden Verwundeten die Kehlen aufschlitzten und ihnen ruchlos die Genitalien entfernten. Sie ergriffen weitere Gefangene, fesselten sie nackt mit Stricken aneinander, entfernten auch ihnen im Blutrausch die Genitalien und schlachteten sie - ohne Mitleid, ohne jegliches Mitgefühl. Und das, Colonel Strehlow, nachdem Sie dem Minister in Washington telegraphiert hatten, in Zoar sei alles in bester Ordnung.
Strehlow hält sich die Ohren zu.
- Was wollen Sie hier, Bodensieck? ruft er empört. Unfrieden stiften, wie Ihr verfluchter Vater? Ich kannte Ihren Vater. Dem ging es nur um sein Geld, seine Profite. Er wusste, dass es hier Blutvergießen geben würde, wenn er sich der Gewerkschaft widersetzte. Doch für ihn zählte nur das Mammon, das Goldene Kalb. Glauben Sie denn, dass McDowell und die Streikbrecher ihm leid taten? Der saß fernab in Chicago bei seinen Huren und fürchtete allenfalls um seine Profite. McDowell und die Streikbrecher waren nur Ganoven für ihn, käufliche Elemente aus der Chicagoer Unterwelt. Mit solchen Leuten operierte Ihr Vater hier. Glauben Sie denn es ging ihm um die Menschen, die Bergleute etwa oder die von ihm Gekauften? Wenn es Gerechtigkeit gibt auf dieser Welt, dann schmort Ihr alter Herr jetzt im Ewigen Feuer. Und er hätte es wie kein anderer verdient.
- Ich verbiete Ihnen, so über meinen verstorbenen Vater zu reden.
Botho von Fehrenbruch hat sich von seinem Stuhl erhoben. Er spuckt verächtlich aus.
- Halts Maul, Bodensieck! Strehlow hat Recht. Dein Vater war ein schlimmerer Ganove als alle Gangster, die er für sich als Streikbrecher angeheuert hatte, zusammen.
- Ist das ein Grund, Menschen zu töten, grausamer als Tiere zu schlachten? Bodensiecks Stimme klingt flehend, als er auf Fehrenbruch zutritt, einen Aktenordner in der erhobenen Hand.
- Sie, Fehrenbruch, und Ihre Kumpane aus Zoar versinnbildlichen für mich das Äußerste an Schändlichkeit, Selbstgerechtigkeit und Eigensinn, das mir je begegnet ist.
- Werd' ja nicht frech, Bodensieck.
Fehrenbruch steht nur eine Armlänge von Bodensieck entfernt, wie es scheint bereit und imstande, diesen mit ein paar kräftigen Faustschlägen in den trockenen Prärieboden zu rammen.
- Unterstehen Sie sich mir zu drohen... empört sich sein Gegenüber. Hätte in diesem Teil des Landes vor dreizehn Jahren Gerechtigkeit geherrscht, so säßen Sie, Fehrenbruch, und alle Ihre feigen Komplizen noch heute im Zuchthaus. Doch es gab damals keine Gerechtigkeit in Zoar, und ich beginne mich zu fragen, ob es heute Gerechtigkeit an diesem bösen Ort gibt, wenn niemand bereit ist, die schlimmen Taten zu bereuen.
- Das Leben ist vielleicht komplizierter als Sie glauben, erwidert Fehrenbruch mit trockener Süffisanz, was seine Kameraden veranlasst, in hämisches Gelächter auszubrechen.
- Ich ziehe es vor zu glauben, dass dieses alles nur ein furchtbarer Traum ist...
Bodensieck wendet sich ab. Mustafa Ceretyi legt ihm aufmunternd seine Hand auf die Schulter. Strehlow tritt an den runden Tisch, während die Kameraleute für die erforderliche Nahaufnahme von Bodensiecks Gesicht an den Objektiven drehen.
- Gehen Sie fort, Bodensieck! sagt Strehlow mit einem eindringlichen Blick auf seinen Widersacher. Lassen Sie uns in Ruhe. Sie machen alles nur noch schlimmer. Diese Menschen sind anders. Bodensieck, verstehen Sie doch. Gehen Sie!
- Aber, Colonel - entgegnet dieser. Leben wir in einem zivilisierten Land oder nicht?
- Bodensieck! ruft Fehrenbruch aus dem Hintergrund. Mach', dass du fort kommst. Wir wollen von deiner Zivilisation nichts hören. Der nächste Zug fährt in zwei Stunden. Ich möchte dir dringend raten, ihn zu nehmen. Kollege Bauer und ich sind für Gesetz und Ordnung in dieser Gegend verantwortlich. In letzter Zeit hat es hier viele Anschläge gegeben, und wir möchten nicht, dass dir etwas zustößt, nicht wahr, Bauer ?
- Sagtest du 'wir', Fehrenbruch?
Bauer und Fehrenbruch wiehern vor Lachen.
- Sheriff!... Bodensieck erwidert unbeirrt: Am Abend vor dem Massaker rotteten sich in Ihrer Stadt Hunderte oder gar einige Tausend Menschen zusammen, und es gab, wie Sie im Bericht der Kommission zugeben, deutliche Anzeichen für verschwörische Umtriebe auf Seiten des Pöbels. Dabei ließen Sie einfach alles gewähren und schauten tatenlos zu?
- Ich hatte alle Hände voll zu tun, um den Verkehr zu regeln...
Bodensieck gibt nicht nach.
- Aber Sie hätten doch etwas unternehmen müssen. Sie sahen, dass die Leute bewaffnet waren, dass andauernd Autos zum Bergwerk fuhren und dort gekämpft wurde. Und Sie regelten dennoch nur den Verkehr in der Stadt?
- McDowell und seine Gangster hatten Jordie Henderson und Littauer-Joe erschossen. Die Leute hätten mich umgelegt, wenn ich versucht hätte, sie an ihrer Rache zu hindern. Und da habe ich eben nur den Verkehr geregelt. Was blieb mir denn sonst auch übrig?
Bauer schlägt Fehrenbruch derb auf die Schulter und lacht schallend. Fehrenbruch kichert verlegen. Strehlow flüstert Bodensieck ins Ohr:
- Das sind Bestien, mein Lieber! Gehen Sie. Was wollen Sie hier? Die Leute verstehen Sie nicht, und Sie wissen nicht, was in den Leuten hier vorgeht. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.
- Es war der Wunsch meines verstorbenen Vaters, dass ich die Schuldigen an dem Massaker finde, und schuldig sind die, die bis auf den heutigen Tag nichts bereuen. Wie es scheint, gibt es viele Schuldige in Zoar.
- Was nützt Ihnen diese Erkenntnis? Ihr Vater ist tot, das Bergwerk seit Jahren verkauft. Der Name Bodensieck zählt hier nichts mehr. Und vielleicht ist das gut so. Vielleicht war es der Name Bodensieck, der Unfrieden stiftete.
- Der Name stiftet Unfrieden? Wollen denn die Leute ihre Ruhe haben, um ungestört ihre Schandtaten vollbringen und dann vergessen zu können?
- Sie vereinfachen das Problem.
- Nehmen wir zum Beispiel Ihren Kollegen Bauer... Sheriff Bauer, Sie waren in Zoar, als das Massaker vor den Stadttoren geschah. Sie sahen ebenso wie Ihr Kollege Botho von Fehrenbruch die Zusammenrottung des Pöbels, doch auch Sie unternahmen nichts. Sie versteckten sich, wie die Untersuchungskommission herausfand, zeitweilig sogar vor Ihrem Vorgesetzten, Sheriff Strehlow, um nicht von höherer Warte zum Eingreifen gezwungen zu werden.
- Leck mich am Arsch, Bodensieck.
Bodensieck blättert in seinen Akten und fährt ungerührt fort:
