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Als Teil eines größeren Erzählzyklus (LOTS VERMÄCHTNIS, KINGFISH REDUX, NORWEGISCHE HUREN, GUT FEHRENBRUCH) beschreibt dieses Kapitel Konflikte zwischen Alt und Jung, Mann und Frau, Christen, Schützenbrüdern und zugewanderten Muslimen in einem norddeutschen Landbiotop namens 'Herfuhrtshausen' in den 60er Jahren, in denen man sich in Fallstricken des Erinnerns verheddert und am Ende nur noch fliehen möchte.
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Seitenzahl: 49
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Friedhelm Koopmann
Norwegische Huren
Ein Psychogramm
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
NORWEGISCHE HUREN
Impressum neobooks
Briten auf dem Vormarsch in die norddeutsche Tiefebene. Das Emsland besetzt, die Elbe, Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck und Bremen den feindlichen Truppen zum Greifen nahe. Zuviel heimatlicher Boden war bereits verloren. Bürgermeister Johann de Vries hängte an diesem Abend mit unwirscher Miene dunkle Laken vor das Stubenfenster und blickte müde und abgespannt in die hereinbrechende Dämmerung. Aus dem Südwesten klang das dumpfe Grollen der Front, nur noch wenige Kilometer entfernt. Ein gepanzertes Wehrmachtsauto fuhr mit abgedunkelten Scheinwerfern durch die enge Gasse neben seinem Haus, Feldjäger auf der Suche nach Deserteuren. Am Nachmittag hatte das Militär die Leitstelle der vor dem Dorf liegenden Artillerie aus dem Bürgermeisteramt abgezogen. Auf den Hügeln der benachbarten Kreisstadt sollte eine neue Verteidigungslinie eingerichtet werden. Als alter Soldat wusste de Vries, was das bedeutete. Das Dorf war nicht mehr sicher, sondern strategisch ungünstig gelegen. Der Feind war zu stark. Verbittert zog Johann de Vries die Vorhänge im Wohnzimmer zu und strich ein letztes Mal die Verdunklungslaken glatt. Am Tag zuvor hatten sie Beschuss gehabt. Hans Holtmanns Pferdestall war abgebrannt, Johann Wiesens Dach war kaputt, Hinrich Gerkens Wohnhaus hatte drei große Einschüsse in der Fassade. Der Gastwirt verlor einen Kuhstall durch Feuer. Alles in allem wurden drei Pferde, elf Kühe, zehn Schweine und eine unbekannte Zahl von Soldaten getötet. Aber Soldaten zählten schon lange nicht mehr.
Der Bürgermeister zündete eine Petroleumlampe an und machte sich an dem großen Wandschrank zu schaffen, der fast die halbe Breite des Zimmers einnahm. Er stemmte sich mit den Schultern seitwärts gegen den Schrank, schob das Ungetüm ächzend eine Handbreit von der Wand weg und zog bedächtig die in ein Leinentuch gewickelte Traditionsfahne des Schützenvereins aus ihrem Versteck hervor. Er stellte die Fahne aufrecht an die Wand, entrollte sie vorsichtig und betrachtete sie wehmütig, indem er sie leicht mit den Fingern berührte und sein Blick andachtsvoll über ihr samtenes Braun, Rot, Gold und Grün schweifte. De Vries hatte 1915 vor Verdun gelegen, zweimal schwer verwundet. Fort Douaumont. Mit Handgranaten, Sturmgewehr und aufgepflanztem Bajonett hatten sie gegen den Feind gekämpft. Furchtbare Gemetzel waren ihm noch lebhaft in Erinnerung, dazu an die eigene Adresse gerichtete Schuldvorwürfe. Doch der Fahne war er nie untreu geworden. Sie bedeutete ihm mehr als alle Schmerzen im Arm, den sie ihm amputieren mussten oder die Schmach der Niederlage, verursacht durch die Unfähigkeit der Politiker und Offiziere. Die Kapitulation hatte ihn tief bewegt. Sie hatten doch im Feld gestanden, Gewehr bei Fuß, bereit ihr Leben zu lassen. Warum die Kapitulation? Johann den Vries glaubte aus der Kapitulation und den Vorgängen in Versailles den Schluss ziehen zu müssen, dass den Herrschenden stets nur mit Misstrauen zu begegnen sei, denn persönliches Wohlergehen, so de Vries, war ihnen doch allemal wichtiger als Nation und Ehre. Ehre & Vaterland ... stand in goldenen Lettern auf der Schützenfahne. Der Schützenverein war nicht das Vaterland, aber er war für de Vries die Verkörperung von Heimat. Johann de Vries hatte seit dem Ersten Weltkrieg mit aller Macht dafür gekämpft, das Dorf wieder zur Geburtsstätte der Nation zu machen, einer neuen Nation und eines neuen, stärkeren Deutschland. Die NSDAP war für ihn die Partei der Zukunft gewesen, der Schützenverein die Brücke nach gestern. Zum Kaiserreich, zur glorreichen Tradition deutschen Mannestums, zur Ehre im Feld. Er pflegte das Wort Ehre wie Ähre auszusprechen, Metamorphose des Abstrakten ins Gegenständliche, mit den Händen einfacher Leute zu fassen. Nach der Machtergreifung hatten sie den Schützenverein aufgelöst. Die Jugend wurde fortan von der Partei unterwiesen. Die lokalen Stellen waren nur noch Stellvertreter des Volksganzen, dessen Form und Inhalt von der Partei bestimmt wurden. De Vries hatte sich innerlich dagegen gesträubt, obwohl er selbst der Partei angehörte; denn er glaubte, zuviel Bevormundung und Zentralismus schadeten nur dem Gefühl für Heimat. Jede Gemeinde sollte selbst, so lautete seine feste Überzeugung, in ihren Einwohnern das Gespür für Deutschtum und nationale Größe schärfen, das von allein wachsen und gedeihen würde, wenn nur ein jeder fest im Heimatboden verwurzelt sei. Die Auflösung des Schützenvereins hatte er daher für unnötig, ja, schädlich gehalten. Sie hatten ihren Verein einige Jahre nach dem Krieg ins Leben gerufen, alles alte Kämpfer, gute Schützen. Johann de Vries war stolz auf seinen Verein und die Fahne. Er war bis 1935 Präsident des Vereins, hatte schließlich jüngeren Leuten Platz gemacht. Dann kam die Auflösung. Gleichschaltung in Herfuhrtshausen. Seine Augen schweiften über die goldene Schrift, die sich in einem kühnen Bogen über den goldgrünen, braunen und roten Grund spannte. Der röhrende Hirsch mit dem Zwölfendergeweih, der mächtige Keiler, die Lorbeerblätter, zwei rotbraune Niedersachsenrösser, Hannoveraner, keck und erhaben auf der Hinterhand tänzelnd, in der Mitte, zwischen Keiler und Hirsch, die Zielscheibe mit den gekreuzten Karabinern. Der Rand war mit goldenen Mustern bestickt. Zwei golddurchwirkte Kordeln von vier Ellen Länge reichten von der messingbewehrten, zierlichen Spitze der Fahnenstange hinab zu beiden Seiten, von den Adjutanten des Fahnenträgers in Festhandschuhen würdevoll zu tragen. Die Regimentsfahne im Krieg war dagegen spartanisch einfach gewesen, ein Umstand, der von de Vries weder geschätzt noch verstanden wurde, und dem er Zeit seines Lebens einen bedeutsamen Anteil an der deutschen Niederlage zuschreiben sollte, mithin Schande und schicksalhafte Unterlassung. Johann De Vries wusste nicht, dass er ein Esel war.
- Heh, de Vries! jemand tappte leise an die Fensterscheibe.
- Ick bünt! Harm Tönjes.
Der Bürgermeister raffte sich auf und ließ seinen Nachbarn durch die Küche ins Haus. Gertrud de Vries schälte Kartoffeln am Herd, als Harm Tönjes, begleitet von ihrem Mann, durch die Tür trat.
- Seht aber zu, dass ihr in einer Stunde wieder hier seid! Abendbrot ist bald fertig, - rief sie ihnen hinterher, als sie die Wohnzimmertür hinter sich schlossen.
