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Zeitgenössisches aus der postmodernen Illusion im Zeitalter des 'liberalen Optimismus' authentisch leben und frei urteilen zu können; muslimische Einschübe, Religion und Moral im Widerstreit der Generationen. Rückblicke in ein Leben zuvor, als alles noch so einfach schien. Die vorliegende Erzählung ist Teil eines autobiographisch geprägten Zyklus zur Geschichte von Individuen eines norddeutschen Dorfes zur Zeit der Weltkriege und danach: LOTS VERMÄCHTNIS, KINGFISH REDUX, NORWEGISCHE HUREN, GUT FEHRENBRUCH.
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Seitenzahl: 38
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Friedhelm Koopmann
Lots Vermächtnis
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Lots Vermächtnis
Impressum neobooks
Veras Praxis lag am Rande der Stadt inmitten einer modernen Waldsiedlung, nahe dem Oste-Hamme-Kanal, der hier noch nicht einer Kloake glich wie weiter westlich bei Bremen, jenseits der weiten Moorlandschaft, die der Gegend und ihren Bewohnern ihr Gepräge gab.
DR. MED. VERA CERETIY - PRAXIS FÜR ALLGEMEINMEDIZINstand in großen Messingbuchstaben, die weder zu Veras Charakter noch zur Fassade passten, neben dem Eingang zu ihrer Praxis. Karin Brandt, Veras Sprechstundenhilfe, öffnete ihm.
- Oh, guten Abend, Herr Pastor!
Karins Überraschung war nicht gespielt.
- Frau Dr. Ceretiy wollte gerade gehen. Wir hatten noch einige Karteien durchzusehen.
- Karin?
- Veras Stimme klang durch die halb geöffnete Tür ins Foyer.
- Pastor Bodensieck, Frau Doktor. Er...
Karin machte Bodensieck Platz, als er sich an ihr vorbei in die Praxis schob.
- Danke, Karin, murmelte Bodensieck.
Auch sie war einst eine seiner Zöglinge gewesen. Er hatte ihr die Stelle bei Vera besorgt. Manus manum lavat.
- Oh, Peter!
Vera fuhr sich nervös übers Haar und ordnete den Kragen ihres Kittels.
Bodensieck trat lächelnd auf sie zu und legte die Finger seiner rechten Hand zärtlich an ihre Kehle, dort, wo ihre Fingerspitzen sich kraftlos um die letzten widerspenstigen Knöpfe ihres weißen Arztkittels mühten. Vera wandte sich ab.
- Nicht, Peter, bitte, flüsterte sie.
Bodensieck hatte die Tür zum Empfangszimmer mit dem Ellenbogen zugedrückt, doch Vera war unruhig und offenbar wenig zu Intimitäten geneigt.
- Mustafa war gerade hier, sagte sie mit spröder Stimme.
Bodensieck zog seine Hand zurück.
- So? Hat er dir wieder Tips gegeben, wie man in Istanbul Blinddärme entfernt?
- Peter, bitte...
Vera hatte sich hinter ihren Schreibtisch gesetzt, ihr Kopf sank kraftlos auf ihre verschränkte Armbeuge. Bodensieck trat hinter sie und begann behutsam ihren Nacken, die Oberarme und ihre Schultern zu massieren. Seine Hände glitten sanft über ihre weiche Haut.
- Mustafa war aufgebracht und machte mir wieder Vorwürfe wegen der Bürgschaft, sagte sie mit leiser Stimme.
- Er ist der festen Überzeugung, daß ich nicht hätte nachgeben sollen. Er hätte die Bank auch so herumgekriegt, wollte den vollen Kredit ohne Bürgschaft und meint nun, ich stecke mit der Bank unter einer Decke, weil ich ihrem Drängen nachgab und für Hunderttausend bürge.
Bodensieck ließ sich in einen Sessel neben der Eingangstür fallen. Er seufzte und schüttelte den Kopf.
- Mustafa ist verrückt!
- Ich weiß, entgegnete sie zögernd.
- Aber er ist immerhin noch mein Mann.
- Noch?
Seine Frage war nicht nur rhetorisch gemeint.
- Naja...
Vera fischte eine Beruhigungstablette aus der oberen Schublade ihres penibel aufgeräumten Schreibtisches und schluckte sie, indem sie ihren Kopf ruckartig zurückneigte und mit schmerzhafter Miene die Augen schloss.
- Entschuldige, murmelte Bodensieck.
- Hab´s nicht so gemeint.
- Mustafa ist verrückt und stolz. Das ist sein Problem oder vielmehr eines von seinen Problemen. Wenn du wüsstest, was er sonst noch alles hervorkramte, als er hier war.
- Wo steckt er jetzt? - fragte Bodensieck und sah sich zur Eingangstür um, hinter der Karin eben laut hörbar an der Lüftung hantierte und das Fenster schloss.
- Was weiß ich. Wahrscheinlich in seiner Spelunke und schenkt irgendwelchen Landsleuten seinen fürchterlichen türkischen Espresso ein.
Bodensieck erinnerte sich an Céline Tillich. Sie war vor einigen Tagen mit Mustafa über Ankara zurück nach H. gekommen. Mustafas Bistro am Bahnhof war für die jüngeren Leute neuerdings ein begehrterer Treffpunkt als die Jugendabende bei ihm, Bodensieck, mittwochs in der Pfarrei. Ein atmosphärisches Knistern unterbrach seine Gedanken.
- Frau Dr. Ceretiy, kann ich jetzt gehen?
Karin sprach durch die Gegensprechanlage im Empfangszimmer. Vera drückte die Taste auf ihrem Schreibpult.
- Ja, gut, Karin, mach´s gut, bis morgen.
Karins Stimme erschien Bodensieck reifer als noch vor ein paar Jahren, als sie in der ersten Reihe seiner Konfirmandenklasse saß und meist mit besonderem Eifer seinen exegetischen Bemühungen folgte.
- Auf Wiedersehen, Herr Pastor! klang es aus dem Lautsprecher.
Bodensieck blickte verstört auf. Vera drückte rasch für ihn die Taste, doch beide sahen sich nur in plötzlicher Verlegenheit an.
-Karin! rief Vera ins Mikrofon.
Statt einer Antwort hörten sie kurz darauf die Haustür zuschlagen.
Vera erhob sich und blieb einen Augenblick unschlüssig hinter ihrem Schreibtisch stehen. Bodensieck hatte sich in seinem Sessel aufgerichtet.
- Was wollte Mustafa eigentlich in Istanbul? Und wie lange war er diesmal dort?
- Zwei Wochen. Er wollte sehen, ob ihm seine ehemalige Hausbank in der Türkei das Geld zu günstigeren Konditionen geben würde. Warum fragst du?
- Ach, nichts, erwiderte er nicht ohne Hast.
- Ich hatte nur ein Gespräch mit einem Mädchen heute früh, das mit ihm aus Istanbul zurückgefahren ist.
- So?
Vera sah ihn ein wenig überrascht an.
