Kingmakers – Jahr 2 - Sophie Lark - E-Book
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Kingmakers – Jahr 2 E-Book

Sophie Lark

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Beschreibung

Er will die eine Frau, die er nicht haben kann ...

Zoe Romero könnte unerreichbarer nicht sein. Ein Ehevertrag bindet sie an den skrupellosesten Mann von ganz Kingmakers. Sich ihr zu nähern würde die eisernen Regeln der Mafia-Welt brechen.

Aber Regeln haben Miles Gallo noch nie aufgehalten. Er will Zoe für sich gewinnen – egal um welchen Preis.

Zoes und Miles’ verbotene Gefühle entfachen einen Machtkampf mit katastrophalen Folgen. In einer Welt, in der ein einziger Verstoß gegen die Gesetze den Tod bedeuten kann, geht es bei Miles’ Leidenschaft für Zoe nicht nur um Liebe ... es geht ums Überleben.

Band 2 der Dark Romance Serie »Kingmakers«

Dieser Roman erschien in einer früheren Fassung bereits unter dem Titel »Der Rebell«.
Spice-Level: 3 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sophie Lark

Kingmakers

Jahr 2

Roman

Aus dem Englischen von Martin Winkler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor.

Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2021, 2024 by Sophie Lark

Die Originalausgabe erschien 2021 in einer früheren Fassung unter dem Titel The Rebel auf Englisch und Der Rebell auf Deutsch. Die überarbeitete Fassung, auf der diese Ausgabe basiert, erschien 2024 unter dem Titel Kingmakers – Year Two bei Bloom Books, an imprint of Sourcebooks, Naperville, Illinois.

Copyright © dieser deutschsprachigen Ausgabe 2024 by Bloom in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Übersetzung: Martin Winkler

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

nach einer Originalvorlage von Sourcebooks

Umschlagdesign Serie: Emily Wittig

Umschlagdesign: Nicole Lecht / Sourcebooks

Umschlagmotive: © iStockphoto (morita kenjiro, VikaSuh, designprojects, vectortatu)

Illustrationen im Innenteil: © Line Maria Eriksen

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-32805-4V001

www.penguin.de/verlage/bloom

Für Aida.Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

XOXO

Soundtrack

Vintage – Blu DeTiger

Astronaut In The Ocean – Masked Wolf

Money – The Flying Lizards

i can’t breathe – Bea Miller

Paint It Black – Vanessa Carlton

Drugs – UPSAHL

Often – The Weeknd

Can’t Help Falling In Love – Kina Grannis

Take On Me (MTV Unplugged) – a-ha

Hinweis

Die Kingmakers-Serie ist eine Dark Mafia Romance in einem Universitäts-Setting. Sie handelt von jungen Menschen aus kriminellen Familien. Dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Am Schluss des Buches findet sich eine Triggerwarnung (Achtung, Spoiler!).

Was bisher geschah:

Trotz Deans Versuchen, ihre Liebe zu vergiften, können Leo und Anna der Anziehungskraft ihrer Seelenverwandtschaft nicht widerstehen .

Anna weist Dean zurück, der sich auf einen dunklen Pfad der Rache begibt.

Dieses Jahr:

Eine verbotene Liebe entflammt zwischen Miles, einem furchtlosen Rebellen, und Zoe, der unfreiwilligen Verlobten des skrupellosen Rocco .

Neu auf Kingmakers ist Cat, Zoes kleine Schwester, ein schüchternes Mauerblümchen, das eigentlich nie auf der Mafia-Universität hätte landen sollen. Cat muss in der Höhle der Wölfe bestehen und sich besonders vor der Aufmerksamkeit von Dean Yenin in Acht nehmen …

Kapitel 1

Zoe

Heute Abend ist meine Verlobungsparty.

Ich war noch nie weniger begeistert, etwas zu feiern.

Meine Stiefmutter Daniela schickt ihr Team von Fachkräften, um sicherzustellen, dass ich perfekt aussehe, damit Rocco und seine Familie sicher sein können, dass sie ihr Geld gut investiert haben.

Sie kommen um drei Uhr nachmittags in mein Schlafzimmer und verbringen die nächsten vier Stunden damit, jede noch so kleine Stelle meines Körpers zu schrubben, zu peelen, zu waxen, mit Feuchtigkeit zu versorgen, zu bemalen und zu grundieren.

Als ich wissen will, warum sie meinen Intimbereich enthaaren, streiten wir gleich.

»Es ist die Verlobungsfeier«, sage ich zu Daniela. »Nicht die Hochzeitsnacht. Ich erwarte nicht, dass mir jemand unter den Rock schaut.«

Ich starre meine Stiefmutter an, die bereits mitten in ihren eigenen anstrengenden Vorbereitungen für die kommende Nacht steckt. Sie hat eine Schlammmaske im Gesicht und ihr Haar in Lockenwicklern von der Größe einer Suppendose hochgesteckt. Was alles andere als lächerlich aussieht, sondern sie nur noch herrischer erscheinen lässt, denn die Lockenwickler umschließen ihren Kopf wie eine Krone, und die Maske verdeckt die wenigen Anzeichen von Emotionen, die Daniela jemals verrät. Ich kann nicht sagen, ob Daniela tatsächlich jegliches menschliche Gefühl fehlt oder ob sie es bloß sehr gut verstecken kann.

Daniela ist lediglich zehn Jahre älter als ich.

Ich war neun, als meine Mutter starb – und neuneinhalb, als mein Vater wieder heiratete.

Er benutzte meine Mutter wie einen alten Schwamm, ließ sie vierzehn Schwangerschaften, zehn Fehlgeburten, zwei Totgeburten und die beschämende Ankunft von mir und meiner Schwester Catalina über sich ergehen, von denen keine einen männlichen Erben hervorbrachte.

Diese letzte Totgeburt kostete sie das Leben. Sie verblutete im Krankenbett. Wie der dunkelste Teil von mir vermutet, hielt mein Vater den Arzt zurück und ließ zu, dass das Leben aus meiner Mutter entwich – als Strafe dafür, dass auch dieses letzte Baby ohne Herzschlag ein Mädchen war.

Mein Vater bekam einen Wutanfall.

Es gab keinen Trost für Catalina und mich, keine Zeit für Trauer um unsere Mutter. Stattdessen bestellte er Blumenmädchenkleider.

Er traf schon Vorbereitungen für die Heirat mit Daniela, der jüngsten Tochter eines rivalisierenden galizischen Clanchefs. Ihre Schwestern hatten ihren Ehemännern jeweils zwei Söhne geschenkt, was in den Augen meines Vaters ein Beweis dafür war, dass Daniela ebenfalls fruchtbar und nützlich sein würde.

Daniela wurde in den Flitterwochen schwanger, aber ein Bluttest zur Geschlechtsbestimmung zeigte, dass der Fötus schon wieder weiblich war. Mein Vater zwang sie, das Kind abzutreiben.

Das weiß ich bloß, weil ich hörte, wie er sie stundenlang anschrie und sie dazu drängte, es zu tun. Danach war sie mehrere Wochen lang krank.

Keine Ahnung, wie oft sie noch gezwungen wurde, diesen Vorgang zu wiederholen.

Irgendwann hörte mein Vater auf, auf das Schicksal zu vertrauen, und wandte sich der Wissenschaft zu.

Sie gingen zu Fruchtbarkeitsspezialisten. Daniela durchlief mehrere IVF-Runden, bei denen ihre Eizellen entnommen wurden, nur um das Geschlecht im Voraus zu bestimmen.

Keiner dieser Versuche war erfolgreich. Daniela gebar überhaupt keine Kinder.

Eigentlich hätte sie mir leidgetan. Doch dieses Gefühl würde mir gegenüber nie erwidert werden.

Daniela hasst mich. Sie hasst auch meine Schwester.

Ihre Loyalität gilt ganz meinem Vater, egal wie er sie behandelt. Sie ist sein ständiger Spion, fungiert als Aufseherin für Catalina und mich und hilft, alle heimtückischen Pläne meines Vaters für uns auszuführen.

Wie diese Verlobung.

Es war Daniela, die den Deal mit Rocco Prince und seiner Familie eingefädelt hat. Sie sagte Roccos Mutter, dass ich intelligent, fleißig, gehorsam und unterwürfig sei. Und natürlich auch schön.

Als ich erst zwölf Jahre alt war, schickte sie den Princes Fotos von mir, wie ich im Badeanzug am Pool lag.

Ihr erster Besuch folgte bald darauf. Rocco war dreizehn – bloß ein Jahr älter als ich –, aber ich merkte bereits, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht stimmte.

Er kam in den Garten, wo ich auf einer Bank unter den Orangenbäumen saß und ein Buch las. Als ich ihn herankommen sah, stand ich auf und strich den weißen Rock des Sommerkleides glatt, das Daniela für mich ausgesucht hatte.

Damals war ich unwissend genug, dass ich noch Tagträume von einem besseren Leben hatte. Ich hatte Filme wie Dornröschen oder Die Schwanenprinzessin gesehen, in denen der Prinz und die Prinzessin von ihren Eltern verlobt wurden, aber ihre Liebe war echt.

Als ich also hörte, dass Rocco mich besuchen würde, stellte ich mir vor, er wäre gut aussehend und süß und wir würden vielleicht Brieffreunde werden.

Ich war erfreut zu sehen, dass er groß und schlank war und schwarze Haare hatte, die im Kontrast zu seiner blassen Haut standen. Er sah aus wie ein Künstler.

»Hallo«, begrüßte ich ihn. »Ich bin Zoe.«

Er warf mir einen abschätzenden Blick zu und antwortete zunächst nicht. Dann sagte er: »Warum liest du?«

Was mir seltsam vorkam. Er fragte nicht: »Was liest du?«, sondern: »Warum liest du?«

»Willst du mich beeindrucken?«, fuhr er fort.

Etwas irritiert schüttelte ich den Kopf. »Ich lese immer samstags. Wenn keine Schule ist.«

Ich hatte ihm nicht erzählt, dass es bei mir zu Hause nichts anderes zu tun gab – Cat und ich durften weder fernsehen noch Videospiele spielen.

Er hob meinen Roman von der Bank auf, begutachtete den Einband und warf ihn verächtlich wieder hinunter. Ich war verärgert, versuchte jedoch, es nicht zu zeigen. Schließlich war er mein Gast, und ich wusste bereits, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben würden.

»Du bist hübsch«, sagte er leidenschaftslos und musterte mich erneut. »Aber zu groß.«

Wenn das bedeutete, dass er mich nicht heiraten wollte, begann ich bereits zu glauben, dass das eine gute Sache sein könnte.

»Du lebst in Hamburg?«, fragte ich und versuchte, meine wachsende Abneigung zu verbergen.

»Ja.« Rocco warf sein dunkles Haar zurück, was Stolz oder Verachtung hätte sein können, ich konnte es noch nicht sagen. »Warst du da schon mal?«

»Nein.«

»Das habe ich mir gedacht.«

Ich bemerkte kleine schwarze Flecken in dem Blau seiner Augen, als hätte jemand seine Iris mit Tinte bespritzt.

»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Rocco.

Ein Papagei kreischte im Orangenbaum, flog tief über unsere Köpfe hinweg und kehrte dann zu seinem Ast zurück.

»Er ist verärgert, weil er da oben ein Nest voller Jungen hat«, entgegnete ich. »Er will, dass wir gehen.«

Rocco griff in seine Jacke und holte ein Luftdruckgewehr heraus. Es war klein, nur so groß wie eine Pistole. Zuerst vermutete ich, es sei bloß eine Spielzeugpistole, und dachte, es sei kindisch von ihm, sie herumzutragen.

Er richtete die Waffe auf den kleinen grünen Papagei und verfolgte seine Flugbahn im Visier. Ich dachte, er würde nur so tun, um mich zu beeindrucken. Dann drückte er auf den Abzug. Ich hörte ein scharfes Zischen der Luft. Der Papagei verstummte, wurde mitten im Schrei unterbrochen und fiel wie ein Stein in das Blumenbeet.

Ich schrie auf und lief zu ihm hinüber.

Ich hob ihn von der Erde auf und sah das kleine dunkle Loch in seiner Brust.

»Warum hast du das getan?«, schrie ich.

Ich dachte an seine Jungen oben im Nest. Jetzt, da der Papagei nicht mehr krächzte, konnte ich ihr leises Fiepen hören.

Rocco stand neben mir und blickte auf den moosfarbenen Vogel hinunter, dessen Flügel eingeknickt und staubig waren. Er sah erbärmlich aus in meinen Händen.

»Die Küken werden warten und warten«, sagte er. »Dann werden sie irgendwann verhungern.«

Seine Stimme war leer und ausdruckslos.

Ich sah in sein Gesicht. Ich sah dort kein Schuldbewusstsein oder Mitleid, nur Leere.

Abgesehen von dem kaum merklichen Kräuseln seiner Lippen.

Diese kleinen schwarzen Flecken auf seiner Iris sahen aus wie Schimmel. Als wäre da etwas Ranziges in ihm, das ihn von innen her verfaulen ließ.

»Du bist schrecklich«, sagte ich, ließ den Vogel fallen und wischte mir unbeholfen die Handflächen an den Seiten meines Kleides ab.

Dann lächelte Rocco und zeigte gleichmäßige weiße Zähne. »Wir lernen uns gerade erst kennen.«

Mein Eindruck von Rocco hat sich auch nach zunehmender Bekanntschaft nicht verbessert.

Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, verabscheue ich ihn noch mehr.

Heute Abend wird von mir erwartet, dass ich mit ihm tanze, mich an seinen Arm schmiege und ihn anschaue, als ob wir verliebt wären. Es ist alles eine Inszenierung für die Gäste. Er kann mich genauso wenig leiden wie ich ihn.

Das Einzige, was er an mir mag, ist, wie sehr ich ihn verachte. Das genießt er.

Das ist der Mann, für den Daniela verlangt, dass ich meine Muschi waxen lasse.

Ich starre sie mit tiefem Misstrauen an und frage mich, was sie weiß, das ich nicht weiß. Warum hält sie es für wichtig, dass ich vom Kinn abwärts völlig unbehaart bin? Was erwartet sie, was passieren soll?

»Ich werde es nicht tun«, sage ich zu ihr. »Er fasst mich heute Nacht nicht an.«

Daniela neigt den Kopf zur Seite und sieht mich mit verengten Augen an.

Sie ist sehr schön, das kann ich nicht bestreiten. Sie hat den strengen Blick einer Heiligen auf einem Gemälde. Wie eine Heilige verehrt sie einen grausamen und rachsüchtigen Gott: meinen Vater.

»Du solltest besser lernen, ihm zu gefallen«, sagt sie leise. »Es wird so viel schwerer für dich sein, wenn du kämpfst. Die Dinge, die ein Mann seiner Frau antun kann, wenn sie mit ihm gefangen ist, ganz allein in einem großen Haus wie diesem, mit nur seinen Soldaten um sie herum …« Sie blinzelt langsam auf eine Art und Weise, die mich immer an ein Reptil erinnert hat. »Du solltest lernen, wie man ihm schmeichelt. Wie man ihm assistiert. Wie du ihm mit deinem Körper dienen kannst …«

»Lieber sterbe ich«, sage ich ganz offen.

Sie lacht leise. »Oh, du wirst dir wünschen, du wärst tot …«

Sie nickt ihrem Team von Kosmetikerinnen zu, die mich daraufhin fast mit Gewalt auf die Liege drücken, meine Beine spreizen und heißes Wachs über meine gesamte Muschi, bis zum Anus hinauf, verteilen. Danach reißen sie das Wachs streifenweise ab, bis ich überall kahl wie ein Ei bin.

Daniela schaut sich das Ganze an und begutachtet anschließend das Endergebnis. Sie prüft meine nackte Muschi auf jedes Anzeichen einer Verformung, die ihre Pläne durchkreuzen könnte. Dann nickt sie zustimmend.

»Als ich deinem Vater vorgestellt wurde, wurde ich vor einem Dutzend seiner Soldaten nackt ausgezogen, und sie haben mich bewertet wie ein Pferd auf einer Auktion«, sagt sie. »Sei froh, dass es nur Rocco ist, den du beeindrucken musst.«

Sie überlässt mich den Kosmetikerinnen, damit sie ihre eigene Verschönerung durchführen kann.

Daniela hat bereits die Kleidung und den Schmuck ausgewählt, den ich tragen werde.

Die Kosmetikerinnen führen ihre Anweisungen aus und stecken mich in ein erdrückendes langes Kleid, das meine Brüste anhebt und meine Taille auf einen Bruchteil ihrer üblichen Größe zusammenschnürt. Das Kleid ist golden und glitzernd und hat die Art von Ärmeln, die gar keine Ärmel sind, sondern nur Stoff, der über die Schultern fällt. Mein Haar ist auf meinem Kopf aufgetürmt, mit einem goldenen Band als Diadem.

Es ist alles unbestreitbar schön, von tadellosem Geschmack.

Ich bin ein goldenes, glitzerndes Geschenk.

Ein schwarzes Kleid wäre passender. Ich fühle mich, als würde ich zu meiner eigenen Beerdigung gehen.

Ich bin wie diese Jungfrauen, die die Inkas den Göttern opferten: die Sonnenjungfrauen. Das ganze Jahr über wurden sie mit Köstlichkeiten gefüttert – Mais und Lamafleisch. Sie wurden gebadet und mit gefiedertem Kopfschmuck und exotischen Muschelhalsketten verschönert. Und dann wurden sie zu den Berggräbern getragen, um darin als Opfergabe für einen Gott eingeschlossen zu werden, der ihren Tod herbeisehnte.

Catalina kommt in mein Zimmer, ebenfalls angezogen für die bevorstehende Nacht.

Der Spitzname Cat passt perfekt zu ihr, denn sie ist klein und geschmeidig und bewegt sich so leise wie eine kleine schwarze Katze. Sie hat ein hübsches herzförmiges Gesicht, große dunkle Augen und ein paar Sommersprossen auf der Nase. Zu diesem besonderen Anlass hat sie ein blasses lavendelfarbenes Kleid angezogen.

Obwohl wir nur ein Jahr auseinander sind, sieht sie viel jünger aus.

Sie war schon immer schüchtern.

Ich kann sehen, wie nervös sie wegen der Party ist, weil alle uns anstarren werden. Zum Glück für sie wird die meiste Aufmerksamkeit auf mich gerichtet sein. Und sie muss sich keine Sorgen machen, in einen hasserfüllten Ehevertrag hineingezogen zu werden – zumindest noch nicht. Das war Teil meiner Abmachung mit meinem Vater: Cat muss nicht heiraten, bevor sie das Studium abgeschlossen hat, und ich auch nicht.

Mein Vater und meine Stiefmutter erlauben mir, die vollen vier Jahre nach Kingmakers zu gehen, solange ich zustimme, direkt nach dem Abschluss Roccos Frau zu werden.

Es war ein letzter, verzweifelter Trick meinerseits, um das Unvermeidliche hinauszuzögern.

Sie haben nur zugestimmt, weil Rocco ebenfalls in Kingmakers ist, ebenso wie viele seiner und meiner Cousins und Cousinen, die immer in der Nähe sind, um mich auszuspionieren und sicherzustellen, dass ich nicht trinke oder mich verabrede oder irgendeine der Regeln der Verlobung verletze.

Kingmakers ist keine normale Hochschule.

Es ist ein privates College für die Kinder von Mafia-Familien aus der ganzen Welt, das sich auf Visine Dvorca, einer winzigen Insel in der Adria, befindet.

Einen einsameren und isolierteren Ort kann man sich nicht vorstellen.

Und doch habe ich mein erstes Jahr regelrecht genossen.

Es war das erste Mal, dass ich von meinem Vater getrennt lebte. Die Erleichterung, die ich fühlte, als ich allein in meinem beengten Wohnheimzimmer war, hatte ich noch nie zuvor erlebt. Wenn ich zum Unterricht ging, konnte ich frei studieren und lernen und sogar Freundinnen finden, ohne ständig verurteilt und kritisiert zu werden.

Kingmakers ist eine Burganlage, beinahe eine Stadt für sich. So groß und weitläufig, dass ich Rocco die meiste Zeit leicht aus dem Weg gehen konnte. Da er ein Jahr über mir ist, haben wir keine gemeinsamen Kurse.

Die Erleichterung, die ich spürte, war aber auch schmerzhaft.

Weil ich wusste, dass es nicht von Dauer sein kann.

Das Auskosten der Freiheit könnte mich am Ende nur noch mehr verletzen.

Ich fühlte mich auch schuldig, Cat hier allein zu lassen. Es war ein hartes Jahr für sie. Das kann ich sehen, wenn sie sich auf die Kante meines Bettes setzt. Auf Geräusche reagiert sie mit einem Zusammenzucken, das sich verschlimmert hat, seit ich weg war.

Doch sie sollte bald genug die gleiche Freiheit erleben – sie wurde in Pintamonas angenommen und wird im Herbst gehen, genau wie ich.

Cat ist eine begabte Künstlerin. Sie liebt Zeichnen, Malen und Grafikdesign. Am College wird sie aufblühen.

Je weiter sie sich von unserer Welt entfernt, desto besser wird es ihr ergehen. Vielleicht entkommt sie ihr ganz, auf irgendeine Art.

»Du siehst umwerfend aus«, sagt sie und sieht mich bewundernd an.

Cat ist so unschuldig. Ich habe immer versucht, sie vor den hässlicheren Dingen in unserem Leben zu schützen. Zum Beispiel davor, wie sehr ich Rocco verabscheue.

Sie weiß, dass ich nicht begeistert bin, in die Ehe gedrängt zu werden. Aber ich habe ihr nie gesagt, wie sehr er mir Angst macht. Das würde sie am Boden zerstören. Es gibt nichts, was sie tun kann, um mir zu helfen.

»Die Princes werden von dir sehr beeindruckt sein«, sagt Cat aufrichtig.

»Du siehst auch schön aus.«

»Ich habe etwas für dich gemacht«, meint Cat.

Behutsam legt sie mir ein Armband in die offene Hand. Es ist zart und filigran, ein Netz aus winzigen goldenen Perlen, aufgereiht auf geflochtenen Drähten. Sie muss stundenlang mühsam daran gearbeitet haben, um diese zerbrechlichen Stränge zu flechten.

Es bringt mich zum Weinen.

Zu wissen, dass man geliebt wird, wirklich geliebt, von zumindest einer Person, macht einen riesigen Unterschied.

Ich lege meinen Arm um meine Schwester, umarme sie fest und schließe meine tränenden Augen.

»Danke, Cat«, flüstere ich.

»Ich helfe dir, es anzulegen.«

Sie legt es um mein Handgelenk und macht den winzigen Verschluss zu. Es passt perfekt.

Daniela wird wütend sein, wenn sie sieht, dass ich ihren akribisch vorbestimmten Look ergänzt habe, aber das ist mir scheißegal. Ich kann Cat gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, etwas zu tragen, das mir tatsächlich gefällt. Bestimmt ist das ein gutes Omen in dieser schrecklichen Nacht.

»Wir gehen besser hinunter«, sage ich zu meiner Schwester.

Obwohl Cat und ich früh dran sind, warten unser Vater und unsere Stiefmutter bereits in der luftigen Eingangshalle. Das zeigt, wie sehr sie darauf bedacht sind, das Geschäft mit der Familie Prince abzuschließen.

Daniela hat ein schlichtes bronzefarbenes Kleid angezogen und die Haare zu einem eleganten Chignon hochgesteckt. Mein Vater trägt ein schwarzes Samtjackett mit einem passenden bronzefarbenen Einstecktuch. Er ist ein Mann von beachtlicher Statur, obwohl Daniela immer noch darauf achtet, Absätze zu wählen, die sie mindestens ein paar Zentimeter kleiner als ihn erscheinen lassen. Er hat eine Mähne grauen Haares, die ihn wie einen alten Löwen aussehen lässt, und eine breite, aristokratische Nase. Sein Mund ist der einzige Schwachpunkt an ihm – seine Lippen sind dünn und fleischlos, stets an den Ecken nach unten hängend.

Sie drehen sich um und mustern Cat und mich, als wir die Treppe hinunterkommen. Ich schiebe mein linkes Handgelenk in die Falten meines Rocks, damit Daniela das Armband nicht gleich bemerkt.

Daniela runzelt die Stirn, unzufrieden mit etwas an unserer Erscheinung. Vielleicht sind es Cats fliegende Locken, die sich trotz aller Bemühungen der Profis nicht bändigen lassen. Vielleicht findet sie, dass meine Taille nicht schmal genug aussieht. Es ist immer irgendetwas und meistens nichts, was wir wirklich ändern könnten.

Mein Vater nickt zustimmend, also schweigt Daniela.

»Verbeuge dich vor Rocco, wenn er ankommt«, sagt mein Vater.

Bei dieser Aufforderung zucke ich zusammen, doch ich unterdrücke meine rebellische Seite. Ich hasse diese formale Parade der falschen Zuneigung. Ich hasse es, dass von mir erwartet wird, mich zu fügen und den ganzen Abend vor all diesen hasserfüllten Fremden zu simulieren.

Also folge ich meinem Vater aus dem Haus zu der wartenden Limousine.

Wir leben in einer Villa im traditionellen Stil in Sitges, an der Südküste von Barcelona. Mein Vater hat dieses Haus wegen des ungewöhnlich großen Grundstücks und des freien Blicks auf das Meer gekauft. Auf dem Grundstück befinden sich ein Spa und eine Sauna, ein türkisches Bad, mehrere Teiche mit exotischen Fischen, ein großer Essbereich im Freien und ein Obstgarten – natürlich auf allen Seiten von Hecken und Steinmauern umgeben.

Er hält sich selbst gern für einen Ehrenmann, obwohl wir von Fischhändlern abstammen.

Anfangs waren die galizischen Clans alle Fischer.

Dann war der Golf von Biskaya leer gefischt, und sie wandten sich stattdessen dem Tabakschmuggel zu. Der Schmuggel war weitaus lukrativer, als es die Fischerei je gewesen war. Die Flotten vervielfachten sich, und die Fischer wurden reich mit leeren Netzen, aber Laderäumen, die mit Tabak, Haschisch und Kokain gefüllt waren.

Die Galizier knüpften Kontakte in Kolumbien und Marokko. Spanien wurde zur Anlaufstelle für den überwiegenden Teil des nach Europa geschmuggelten hochwertigen Kokains.

Wir bauten Verteilungsrouten nach Portugal, Frankreich und Großbritannien, wir schlossen Bündnisse mit den Albanern und der türkischen Mafia, um auch Heroin einzuschleusen. Wir kauften Politiker und gewannen die Liebe des Volkes durch das Sponsoring von Festivals, Bildungsstätten und Fußballmannschaften. Juventud Cambados hatte die bestbezahlten Fußballspieler des Landes, obwohl sie in einer Kleinstadt beheimatet waren – alles dank des Schmuggelgeldes.

Und was eine lokale Operation zwischen den eng verbundenen galizischen Clans war, wurde zu einem internationalen Unternehmen. Die Clans begannen gegeneinander zu kämpfen. Lang gehegte Feindseligkeiten flammten wieder auf, dieses Mal mit exponentieller Kraft dahinter.

Aus Drohungen wurde Entführung. Aus Entführung wurden Folter und Mord. Ein Kreislauf blutiger Vergeltungsmaßnahmen spaltete die Clans.

Hier befindet sich mein Vater nun: gefangen zwischen dem mächtigen Alonso-Clan, der sich mit den Briten verbündet hat, und der Familie Torres, der die Volkspartei und der galizische Premier gehören.

Mein Vater braucht einen Partner, sonst wird er von einem der anderen Clans verschluckt. Oder noch schlimmer, unter ihren Stiefeln zerquetscht. Er will mit aller Kraft an seinem Imperium festhalten.

Hier kommt die Familie Prince ins Spiel.

Die Princes besitzen das mächtigste Vertriebsnetz in Deutschland. Mit unserem Produkt und ihrem Netzwerk werden wir alle unermesslich wohlhabend werden.

Für den kleinen Preis meiner Heirat mit Rocco Prince.

Ich bin sicher, seine Eltern wissen, dass sie einen Psychopathen großziehen.

Er war in verschiedenen Internaten in ganz Europa untergekommen, um die Gerüchte über seine Grausamkeit, seine Verderbtheit und seine sinnlose Gewalt zu vertuschen.

Ich bezweifle, dass es in Deutschland eine Mafia-Familie gibt, die ihm eine ihrer Töchter geben würde.

Aber ein verzweifelter Spanier … ja, mein Vater wird mich gern ausliefern. Solange er den Schutz bekommt, den er braucht.

Als wir auf dem Rücksitz der Limousine Platz nehmen, öffnet mein Vater eine Flasche gekühlten Champagner und füllt vier Flöten. Seine Hand ist selbst bei den unvorhersehbaren Bewegungen des Autos ruhig, während wir in die Stadt gefahren werden.

»Auf die Sicherung unseres Reichtums!«, sagt er und hebt sein Glas.

Daniela sieht zu, wie ich meines in einem Zug leer trinke.

Sie pflegten die Inka-Jungfrauen mit Alkohol und Kokain abzufüllen, um sie gefügig zu machen. Um ihnen zu helfen, ihr grausames Schicksal zu akzeptieren.

»Nimm doch noch ein Glas«, sagt Daniela zu mir. »Für deine Nerven.«

Wir fahren zu den königlichen Werften nach Port Vell hinunter. Die alten mittelalterlichen Werften wurden zu großartigen Veranstaltungsorten für Hochzeiten und Galas umgebaut. In den riesigen Räumen, in denen einst die Überreste von Schiffen aufbewahrt wurden, tummelt sich heute die Elite der spanischen Gesellschaft in Smoking und Robe, ihr vornehmes Lachen hallt hoch oben in den Dachsparren wider.

Es ist fast Mitternacht. In Barcelona isst man nicht vor zehn Uhr zu Abend. Diese Party wird erst in den frühen Morgenstunden ihren Höhepunkt erreichen. Ich bin schon erschöpft, wenn ich nur daran denke.

Mein Vater nimmt meinen Arm in einen stählernen Griff und lenkt mich unnachgiebig in die Mitte des Raumes, wo ich sehe, wie Dieter, Gisela und Rocco Prince sich zwischen ihren vielen Bewunderern tummeln.

Die Princes sehen genauso königlich aus wie ihr Name. Mit seinem makellos gestutzten schwarzen Schnurrbart und seinem militärisch anmutenden Smoking könnte Dieter ein Kaiser sein. Gisela ist blond und blass, außerdem deutlich jünger als ihr Mann. Dazwischen steht Rocco. Sein schwarzes Haar ist aus der Stirn gekämmt und sein mageres Gesicht sauber rasiert. Seine Wangen sind so hohl, dass ein dunkler Schatten vom Ohr bis zum Kiefer verläuft.

Mein Vater schubst mich nach vorne, sodass ich gezwungen bin, vor Rocco in eine tiefe Verbeugung zu sinken. Als er an der Vorderseite dieses lächerlichen Kleides herunterschaut, spüre ich seinen Blick. Er lässt mich einen Moment zu lange in dieser Position verharren, bevor er seine kühlen, schlanken Finger unter mein Kinn legt und mein Gesicht nach oben zieht.

»Hallo, meine Liebe«, sagt er mit seiner weichen, sinnlichen Stimme.

Seine Finger fühlen sich so glatt und kalt an wie der Schwanz einer Schlange. Am liebsten würde ich vor seiner Berührung zurückschrecken.

Stattdessen richtet er mich auf und lässt seine Fingerspitzen über mein Schlüsselbein und den Ansatz meiner Brüste wandern, ehe er mich loslässt.

Ich verbeuge mich ein wenig vor seiner Mutter und seinem Vater. Dieter Prince nimmt meine Hand und hebt sie zu einem kurzen, trockenen Kuss an seine Lippen. Seine Gleichgültigkeit ist mir viel lieber als die absichtliche Quälerei seines Sohnes.

Gisela Prince trifft kurz meinen Blick und schaut dann weg. Ich habe kaum mit Roccos Mutter gesprochen, aber wenn sie etwas über ihren Sohn weiß, muss sie ein gewisses Maß an Schuldgefühlen wegen des Schicksals haben, das mir bevorsteht. Ich nehme an, es gibt einen Grund, warum die Princes nie weitere Kinder hatten. Vielleicht hatten sie Angst, dass Rocco ein Baby im Schlaf erwürgen würde.

»Wollen wir tanzen?«, fragt Rocco.

Er wartet nicht auf meine Antwort, sondern nimmt einfach meine Hand und zieht mich auf die Tanzfläche, die bereits mit tanzenden Paaren gefüllt ist. Die leichte, trällernde spanische Gitarre steht in scharfem Kontrast zu dem angespannten Widerwillen, den ich spüre, als Rocco mich berührt.

Die Musiker spielen etwas Langsames, aber sobald Rocco mich auf der Tanzfläche hat, schnippt er mit den Fingern und befiehlt ihnen, stattdessen zum Tango zu wechseln.

»Ich weiß nicht, wie man Tango tanzt«, sage ich und versuche, mich zu entfernen.

Er zerrt mich an seinen Körper und legt die Hand um meinen Nacken. Seine Finger graben sich in das verletzliche Fleisch an der Seite meines Halses.

»Lüg mich nicht an«, zischt er mir ins Ohr.

Die beiden Bandoneonspieler beginnen mit der Einleitung, ihre Finger fliegen über die Saiten. Rocco schiebt seinen einen Oberschenkel zwischen meine und lässt mich über sein anderes Bein nach hinten kippen, bis es sich anfühlt, als würde meine Wirbelsäule brechen. Dann reißt er mich wieder in die Höhe. Unsere Körper sind von der Brust bis zur Hüfte aneinandergepresst, sein Gesicht ist nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Er zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen. Er zwingt mich zu sehen, wie sehr er das genießt.

Anschließend schreitet er vorwärts und stößt mich in vier langen Schritten zurück. Rocco ist schlank, aber furchtbar stark – an seinem Körper gibt es nichts außer Muskeln und Sehnen. Sich gegen ihn zu wehren, ist sinnlos, vor allem, wenn alle Augen im Raum auf uns gerichtet sind und ich keine Szene machen kann.

Er hebt seinen Arm über meinen Kopf und dreht mich wie einen Kreisel, danach beugt er mich wieder zurück und entblößt meine Brüste vor der Menge noch mehr, als sie es ohnehin schon waren.

Das ist der eigentliche Zweck unseres gemeinsamen Tanzes – damit Rocco seine Kontrolle über mich zeigen kann. Es ist keine Leidenschaft in seinem Tango, keine Sinnlichkeit. Seine Bewegungen sind schnell und technisch präzise, aber ohne jedes Gefühl. Bei diesem lateinamerikanischen Tanz geht es nur um das Begehren. Die Musik ist rau, eindringlich, voller Hitze.

Es gibt keine Wärme in Rocco.

Ich glaube nicht, dass er überhaupt Lust empfindet.

Er stellt meinen Körper zur Schau, weil er weiß, dass es mir peinlich ist. Sein ganzes Vergnügen entsteht aus meinem Unbehagen – meinem Wunsch, ihm zu trotzen, im Gegensatz zu meiner völligen Unfähigkeit, dies zu tun.

Ich fühle mich wie eine Marionette. Ich tanze gern – die wenigen Male, die ich es genießen konnte, ohne dass jemand zusah. Rocco vergiftet das, wie er alles vergiftet. Mein Gesicht steht in Flammen, Säure bildet sich in meiner Kehle. Das Lied scheint endlos zu dauern. Die Menge um uns herum verschwimmt zu lauter Augenpaaren, die uns anstarren.

Endlich hört die Musik auf, und es gibt höflichen Applaus von den Gästen. Diese Party ist so eine verdammte Scharade. Keiner hier interessiert sich für Rocco oder mich oder unsere bevorstehende Hochzeit. Alle Anwesenden sind voll auf die Geschäfte konzentriert, die sie heute Abend machen wollen, ihre Kontakte und Vereinbarungen.

Rocco hat mich nicht losgelassen.

»Ich habe genug getanzt«, sage ich. »Ich brauche einen Drink.«

»Natürlich, meine Liebe.«

Rocco genießt es, so zu tun, als wäre er der vernarrte Verlobte. Er benutzt diese Kosenamen und tut so, als läge ihm mein Wohl am Herzen. Dabei macht er das in Wirklichkeit bloß aus reinem Spaß.

Deshalb zwingt er mich, seinen Arm zu nehmen, als wir auf die Bar zugehen. Er will mich in seiner Nähe haben, und er will, dass ich ihn die ganze Zeit berühre.

»Nur ein Wasser, bitte«, sage ich zum Barkeeper. In der Limousine habe ich schon genug getrunken. Ich will in Roccos Gegenwart nicht benebelt sein.

»Zwei Scotch«, bestellt Rocco.

Der Barkeeper gehorcht ihm, nicht mir. Er gießt den teuren Schnaps über einzelne Eiskugeln, dann reicht er uns die Drinks.

»Zum Wohl!«, sagt Rocco. Seine blauen Augen bohren sich in meine.

Ich schlucke den Drink hinunter. Je schneller ich diese Nettigkeiten hinter mich bringe – mit ihm tanzen, mit ihm trinken, mit ihm sprechen –, desto schneller können sich unsere Wege wieder trennen.

»Lass uns einen Spaziergang entlang des Jachthafens machen«, sagt Rocco.

»Ich … ich denke nicht, dass wir die Party verlassen sollten«, erwidere ich.

Ich will nicht mit ihm allein sein.

»Unsinn«, sagt Rocco leise. »Es wird erwartet, dass das glückliche Paar sich davonmachen will.«

Ich stelle mein Glas auf der Bar ab, die Eiskugel dreht sich wie ein einsamer Planet.

»In Ordnung«, sage ich. »Mit diesen Absätzen werde ich nicht weit kommen.«

»Du kannst dich bei mir anlehnen«, entgegnet Rocco mit einem dünnen Lächeln.

Um diese Zeit sollten sich viele Menschen im Jachthafen aufhalten. Die Docks sind gesäumt von Restaurants, Nachtclubs und Geschäften. Trotzdem weiß ich, dass er mich nicht ohne Grund dorthin mitnimmt. Er hat immer einen Grund.

Ich schaue mich nach Cat um, als wir gehen – in der Hoffnung, Blickkontakt zu ihr herzustellen, damit sie weiß, wo ich hingegangen bin. Sie tanzt mit einem Partner meines Vaters, einem lüsternen alten Sack mit einer fleckigen Glatze, der sie viel zu nah an sich hält und ihr Gott weiß was ins Ohr flüstert. Cats Lächeln wirkt gekünstelt.

Sie sieht mich nicht.

Rocco bemerkt jedoch, wohin ich blicke, und lächelt auf eine Weise, die mir überhaupt nicht gefällt.

Er legt meine Hand noch einmal in seine Ellenbeuge und beginnt, mich zum Hafen zu führen.

»Du stehst deiner Schwester sehr nahe, habe ich recht?«, sagt er.

»Nicht mehr als andere auch.«

Ich habe instinktiv gelogen, denn Rocco wird jedes Druckmittel nutzen, um mich zu belästigen. Er soll nicht wissen, dass sie das Einzige auf der Welt ist, das mir wirklich etwas bedeutet.

Aber das ist ihm längst klar. Er stellt keine Frage, ohne die Antwort schon zu kennen. Und er weiß immer, wenn ich lüge.

»Hat sie das Armband für dich gemacht?«, fragt er und berührt es mit seinem langen, schlanken Zeigefinger.

Ich ziehe mein Handgelenk zurück, irritiert und empört. Ich will nicht, dass er das Armband beschmutzt.

»Nein«, lüge ich wieder.

Das ist mein einziger Schutz vor ihm – mich zu weigern, ihm wahrheitsgemäß zu antworten, selbst bei den kleinsten Details. Ich versuche, eine Mauer um mich herum zu errichten, um ihn von allem Echten abzuschirmen. Das ist der einzige Weg, mich zu schützen.

Doch ich glaube, es gefällt ihm, mich zum Lügen zu bringen.

Das ist es, was er will: mich zu brechen. Um mich zu verbiegen und zu verändern.

Wir kommen an einem Fischrestaurant vorbei. Die offene Terrasse ist voller Gäste, die ihren Wein und pochierten Fisch genießen.

Schneller, als ich blinzeln kann, packt Rocco meinen Arm und zerrt mich in die enge Gasse zwischen zwei Restaurants. Er drückt mich gegen die Wand, der Geruch von leeren Muschelschalen und Fischgräten füllt meine Nasenlöcher.

Dann nimmt er meinen Kiefer in die Hand und drückt kräftig in beide Wangen. Der Druck des Fleisches gegen meine Backenzähne ist intensiv schmerzhaft. Er zwingt mich, den Mund zu öffnen.

»Du warst letztes Jahr in Kingmakers nicht sehr freundlich zu mir«, zischt er. Seine Nase ist nur wenige Zentimeter von meiner entfernt. »Ich hatte fast das Gefühl, du gehst mir aus dem Weg, Zoe.«

Mein nackter Rücken ist gegen die dreckige Gassenwand gepresst. Mein Kiefer schmerzt, und ich fühle mich unglaublich verletzlich, da meine Lippen auseinandergedrückt sind. Ich rechne damit, dass er versucht, mich zu küssen.

Stattdessen spuckt er mir in den Mund.

Der kalte Speichel trifft auf meine Zunge. Instinktiv schlage ich nach ihm, löse mich und drücke ihn von mir weg, während ich würge und kotze. Der ungewollte Scotch kommt hochgeschwappt, und ich erbreche auf den Zement, wobei meine nackten Zehen in ihren goldenen Sandalen bespritzt werden.

Mein fuchtelnder Arm schlägt Rocco ins Gesicht. Er blickt mich finster an, entweder wegen des Schlags oder wegen meiner extremen Reaktion auf seine Spucke in meinem Mund. Wenigstens will er mich jetzt nicht mehr anfassen, nachdem ich mich übergeben habe.

»Ich erwarte, dass sich deine Einstellung im September verbessert«, sagt Rocco kalt.

Danach schreitet er von mir weg und lässt mich allein in der Gasse zurück.

Meine Beine zittern so stark, dass ich es nur mit großer Mühe zur Party zurückschaffe.

Kaum habe ich den Raum betreten, erscheint Daniela an meiner Seite und zischt: »Bring dein Make-up in Ordnung, du siehst aus wie eine Nutte.«

Ich stolpere in Richtung der Toiletten. Tatsächlich tränen meine Augen vom Erbrechen, und meine Wimperntusche ist verschmiert, als ob ich in dieser Gasse einen begeisterten Blowjob gegeben hätte.

Daniela hatte kein Problem damit – das war es, was sie von mir erwartete. Es ist die mangelnde Vorsicht bei meinem Aussehen, die sie nicht ertragen kann.

Roccos Spucke in meinem Mund war beinahe so schlimm wie die Alternative.

Ich spüle meinen Mund am Waschbecken aus, spüle immer wieder, bis ich wieder schlucken kann, ohne zu würgen.

Mir gefällt diese neue Forderung von Rocco nicht, aber ich sehe nicht, wie er sie durchsetzen will. Ich habe zugestimmt, ihn nach dem Collegeabschluss zu heiraten. Doch ich habe nie gesagt, dass wir in Kingmakers beste Freunde sein würden.

Den Rest der Nacht lässt er mich in Ruhe, und ich glaube, ich bin relativ glimpflich davongekommen.

***

Am nächsten Morgen frühstücken mein Vater und meine Stiefmutter mit Dieter und Gisela Prince, um sich von ihnen zu verabschieden, bevor sie nach Hamburg zurückfahren, und um zweifellos Details ihrer neuen Verbindung zu besprechen.

Ich bin nicht eingeladen. Meine Laune steigt, denn ich weiß, dass ich Rocco erst wiedersehen werde, wenn ich das Schiff nach Kingmakers betrete.

Wenn wir uns wiedersehen, habe ich wenigstens meine Freundinnen um mich herum – Anna Wilk und Chay Wagner zum Beispiel, die im ersten Jahr mit mir im selben Wohnheim wohnten. Sie sind beeindruckende Frauen, beide richtige Erbinnen, die tatsächlich die Unternehmen ihrer Familien erben werden, anstatt den Titel nur dem Namen nach zu bekommen und dann sofort verheiratet zu werden.

Anna wird die polnische Mafia in Chicago leiten – sie wird ein Dutzend Braterstwo unter ihrem Kommando haben. Chay ist die Erbin der Berliner Night Wolves, einer russischen Motorradgang. Mit den beiden Mädchen an meiner Seite habe ich keine Angst, selbst Rocco und seinen Freunden gegenüberzutreten.

Das heißt, bis mein Vater Cat und mich in sein Arbeitszimmer ruft.

Ich hasse es, das Büro meines Vaters zu betreten. Das ist ein Ort, an den ich nie beordert werde – es sei denn, ich stecke in Schwierigkeiten. Kalter Schweiß bricht mir auf der Haut aus, als ich nur einen Fuß über die Schwelle setze.

Cat ist noch mehr verängstigt. Sie hat ihre Zähne fest zusammengebissen, damit sie nicht klappern.

Wir betreten sein Arbeitszimmer, das dunkel und bedrückend ist. Die Wände sind mit raumhohen Regalen aus Ebenholz ausgekleidet, die größtenteils mit Fossilien statt mit Büchern gefüllt sind. Mein Vater ist unheimlich stolz auf seine Sammlung, zu der mehrere in Kalkstein konservierte Libellen, das Becken eines Wollnashorns und ein kompletter Archäopteryx gehören.

Ich achte nicht darauf, denn ich sehe Rocco Prince neben meinem Vater stehen. Rocco trägt einen dunklen Anzug und eine Krawatte, außerdem prangt eine rubinrote Anstecknadel in seinem Revers, die wie ein Blutstropfen schimmert, als sei er ihm aus dem Mundwinkel geronnen.

»Setzt euch«, sagt mein Vater und deutet auf die Stühle vor seinem riesigen, glänzenden Schreibtisch.

Cat und ich nehmen Platz, während mein Vater in seinem eigenen großen Stuhl sitzen bleibt und Rocco neben ihm steht wie ein König und sein Henker.

»Dein Verlobter macht sich Sorgen um dich«, erklärt mein Vater und blickt mich unter seinen Augenbrauen griesgrämig an. »Er sagt, du warst gestern Abend schlecht gelaunt.«

Ich werfe einen kurzen Blick auf Rocco und versuche, seine Absicht zu erraten.

Er bestraft mich, weil ich ihn gestern Abend geohrfeigt habe. Aber was genau will er?

Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Argumentieren wird mich nur in noch mehr Schwierigkeiten bringen.

»Es tut mir leid«, sage ich.

»Rocco sagt, du warst das ganze letzte Jahr in Kingmakers unglücklich. Er sagt, du schienst einsam zu sein.«

Meine Augen huschen zwischen dem finsteren Blick meines Vaters und Roccos leerer, teilnahmsloser Miene hin und her.

Was ist das für ein Spiel?

Versucht er, mich dazu zu bringen, zu versprechen, dass ich ihn im College anschmachte?

Versucht er, mich zum Aussteigen zu bewegen? Nein … Rocco hat noch zwei weitere Jahre in Kingmakers. Er will mich dort haben, wo er ein Auge auf mich haben kann, da bin ich mir sicher.

»Am Anfang war dort alles so neu für mich«, sage ich vorsichtig. »Aber ich denke, ich habe mich schließlich angepasst.«

»Dein Verlobter ist da anderer Meinung. Nach einiger Diskussion habe ich mir einen Weg überlegt, wie du dich in deinem zweiten Studienjahr wohler fühlen kannst.«

Ich versuche zu schlucken, doch mein Mund ist zu trocken.

»Was?«, frage ich.

»Cat wird mit dir nach Kingmakers gehen.«

Cat gibt ein erschrockenes Quietschen auf dem Sitz neben mir von sich.

Bevor ich mich zurückhalten kann, schreie ich: »Was? Das kannst du nicht tun!«

Das Gesicht meines Vaters verfinstert sich, und er senkt den Kopf wie ein Stier, der zum Angriff ansetzt. »Wie bitte?«

Ich sehe den Anflug eines Lächelns auf Roccos Lippen. Ich spiele ihm direkt in die Hände. Indem ich meinen Vater herausfordere, bestärke ich ihn höchstens noch in seiner Entscheidung.

Ich versuche, einen Rückzieher zu machen. »Ich meinte nur … was ist mit Pintamonas? Cat wurde bereits angenommen …«

»Sie geht dahin, wo ich ihr sage, dass sie hingehen soll«, knurrt mein Vater.

»Ich fühle mich in Kingmakers sehr wohl! Ich habe mich schon daran gewöhnt, Cat muss nicht …«

»Die Kunsthochschule ist sinnlos«, unterbricht mich mein Vater. »Rocco hat mir erzählt, was er in Kingmakers alles lernt, die Vielfalt der Fähigkeiten, die in den verschiedenen Abteilungen gelehrt werden. Cat ist schüchtern. Feige, um genau zu sein. Es würde ihr guttun, die wahre Arbeit der Mafiosi zu lernen. Und sei es bloß, damit sie zu schätzen weiß, was ihr Mann tut, wenn die Zeit gekommen ist.«

Cat wirft mir einen verzweifelten Blick zu, der mich anfleht, mir etwas auszudenken, wie ich sie aus dieser Situation herausholen kann. Ich habe ihr erzählt, wie anspruchsvoll Kingmakers ist, wie brutal es sein kann. Für mich ist es eine willkommene Ablenkung. Für Cat wird es die Hölle auf Erden sein.

»Bitte, Vater«, sage ich, »Cat ist sensibel. Sie könnte verletzt werden …«

»Es wird Zeit, dass sie härter wird«, entgegnet mein Vater unbarmherzig. »Mein Entschluss steht fest.«

Rocco hat die Entscheidung getroffen – mehr oder weniger. Dann manipulierte er meinen Vater so, dass dieser dachte, es wäre seine Idee.

Ich will Rocco nicht ansehen, aber ich kann mir nicht helfen.

Ich richte den Blick auf ihn und funkle ihn zornig an.

Er lächelt nur und zeigt seine scharfen weißen Zähne. »Mach dir keine Sorgen, meine Liebe«, sagt er. »Ich kümmere mich um deine Schwester.«

Kapitel 2

Miles

Zur Veröffentlichung von Iggys Album schmeiße ich in einer alten Holzkohlefabrik in Bucktown die größte Party des Sommers.

Ich habe schon für einige ziemlich coole Veranstaltungen gesorgt, aber diese übertrifft sie alle.

Ich fordere jeden Gefallen ein, den Leute mir schulden, um The Shakers für die Eröffnung der Party zu bekommen. Das ist entscheidend, um erstklassige Gäste anzulocken und den Eindruck zu erwecken, dass Iggy noch berühmter ist als die beliebteste Band in Chicago.

Ich baue die Bühne und das Soundsystem auf dem Dach auf und besteche die diensthabenden Polizisten im Voraus, damit sie jegliche Lärmbeschwerden ignorieren.

Dann ergänze ich die Gästeliste mit Models, Influencern, Musikern und Fotografen beiderlei Geschlechts plus all den sexy jungen Prominenten aus dem Kreis meiner Eltern. Außerdem weise ich sie darauf hin, niemandem von dem privaten Event zu erzählen, damit ich sicher sein kann, dass sie jedem letzten Idioten, den sie kennen, eine Nachricht schicken werden.

Ich bekomme die Geschenksäckchen billiger, indem ich mit Freunden verhandle, die ihre Luxuswaren in die Chicagoer Elite bringen wollen.

Und schließlich stibitze ich einen Frachtwagen von Moët & Chandon vom Bahnhof, denn ich will Fontänen von Champagner, und es gibt keine Möglichkeit, das Spitzenprodukt zu einem vernünftigen Preis zu bekommen.

Es gibt keinen besseren Ort für eine Party als eine alte Fabrik. Die riesigen offenen Räume, die klobigen Öfen in der Ecke, die kahlen Betonwände und die nackten Balken über den Köpfen … all das verleiht eine raue Authentizität, die man in einem Veranstaltungszentrum niemals finden würde. Die Schickeria will das Gefühl haben, dass sie an einem geheimen und heruntergekommenen Ort ist, und die Künstler müssen sich wie zu Hause fühlen. Ich habe vier meiner Jungs, die für die Sicherheit sorgen.

Sosehr ich auch den Anschein eines ausgelassenen Spektakels erwecken möchte, heute Abend muss alles reibungslos laufen. Iggy steht kurz davor, einen siebenstelligen Deal mit einem Plattenlabel in Los Angeles zu unterschreiben. Sie wollen Musik von der Straße, aber keine kriminellen Vorwürfe gegen ihren neuen Star.

Ich kenne Iggy, seit wir Kinder waren. Sein Vater chauffierte meinen Vater herum, als er Bürgermeister der Stadt war. Iggy und ich drängten uns auf dem abgeschirmten Vordersitz, hörten Musik und spielten mit den Lichtern, während meine Eltern hinten saßen und Strategien für die kommende Nacht ausarbeiteten.

Iggy ist wahnsinnig talentiert. Seine Verse sind eingängig, und seine Reime sind so dicht und miteinander verbunden, dass ich das Gefühl habe, seine Songs fünfmal hören zu müssen, bevor ich sie wirklich würdigen kann.

Iggy ist ein Schatz, mehr ein Poet als ein Gangster. Seine einzige persönliche Schwäche ist seine Bereitschaft, den falschen Leuten zu vertrauen.

Was uns zum größten Störfaktor des Abends führt – Iggys Scheißonkel.

»Declan Poe kommt nicht durch diese Tür«, sage ich zu meinen Handlangern Beckett und Anders und nicke in Richtung der doppelten Stahltüren am Eingang. »Wenn ihr ihn seht, ruft ihr mich. Wartet nicht darauf, dass er Ärger macht.«

Ich leite die Party wie ein Maestro vor einem Orchester. Während ich die Illusion von freier Bewegung und freier Wahl schaffe, setze ich die Getränke, das Essen, die Musik, die Beleuchtung und den Fluss der Gäste mit akribischer Präzision ein.

Ich gleite durch die Menge und bringe ruhmgierige Models mit schmierigen Produzenten und brillante Videofilmer mit Marketingvertretern zusammen. Jede Verbindung bringt mir einen neuen Gefallen ein, denn ich bringe die Leute mit genau dem zusammen, was sie brauchen.

Ich treibe auch Iggy an. Er hasst Auftritte und wird jedes Mal nervös.

»Es ist nicht einmal ein Konzert«, sage ich zu ihm. »Die Leute sind nur hier, um abzuhängen. Es gibt keinen Druck.«

Es gibt eine verdammte Menge an Druck. Mehr Druck als in einem Dampfkochtopf. Aber es wird Iggy nicht guttun, das zu hören.

Alles ist tadellos. Bis ich einen weiteren ungebetenen Gast entdecke.

Sie steht drüben an der Bar, nippt an einem Glas meines extrem teuren gestohlenen Champagners und trägt ein Minikleid, für das weniger Stoff verwendet wurde als für ein großes Einstecktuch. Ich kann mindestens sechs verschiedene Männer sehen, die um sie herumstehen und auf ihre Chance warten, zuzuschlagen, während sie mit dem neuesten Spieler des lokalen Baseballteams plaudert.

Der Spieler sieht aus, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Er starrt Sabrina mit einem benommenen Gesichtsausdruck in die Augen und schafft es nicht, den Strohhalm an die Lippen zu führen. Als er versucht, einen Schluck seines Cocktails zu nehmen, stößt er sich stattdessen an die Nase. Sabrina unterdrückt ein Kichern und beißt sich auf die Lippen.

Ich schiebe mich durch die Menge und packe sie am Arm.

»Entschuldige«, sage ich zu dem Spieler.

Er schüttelt den Kopf und erwacht aus seiner Trance. »Hey!«, sagt er. »Wir haben uns gerade unterhalten!«

»Sie wird dich direkt ins Gefängnis bringen«, informiere ich ihn. »Sie ist sechzehn.«

Dem Spieler fällt die Kinnlade herunter.

Sabrina sieht mich finster an, ein Ausdruck, der sie nur noch schöner aussehen lässt. Meine Cousine ist verdammt gefährlich.

»Lass mich los«, sagt sie kühl.

»Keine Chance. Du bist ein Eindringling.«

»Ach ja?«, entgegnet sie und wirft ihr langes dunkles Haar zurück über ihre Schultern. »Ihr lasst hier jeden rein. Der Kerl hat am Donnerstag drei Homeruns verschenkt.«

Ich ziehe sie weiter in Richtung Ausgang.

»Ja. Jeder ist willkommen außer dir.«

»Warum?«

»Weil ich nicht will, dass Onkel Nero mir den Kopf abreißt.«

Jetzt wird Sabrina richtig sauer.

»Ist das dein Ernst?«

»Mein voller Ernst.«

»Miles!«

»Sabrina!« Ich bringe sie den ganzen Weg nach draußen in die efeubewachsene Gasse neben der Fabrik. »Schau, ich verstehe dich. Du hasst es, wie ein Kind behandelt zu werden, und willst einfach nur tanzen, ein paar Drinks haben und diese Kerle zu deiner Belustigung in Verlegenheit bringen. An einem normalen Abend hätte ich kein Problem damit. Aber hier steht viel auf dem Spiel, und ich kann nicht gleichzeitig ein Auge auf dich haben.«

»Ich brauche dich nicht als Babysitter!«

»Ja, ja, ich weiß – du kannst auf dich selbst aufpassen. Geh und tu das auf einer anderen Party, denn dein Vater ist bereits sauer auf mich.«

Ich pfeife, um die Aufmerksamkeit eines Taxis zu bekommen, das eine weitere Ladung von Partygästen bringt.

Sabrina zieht die Augenbrauen hoch.

»Du hast sein Auto gestohlen.«

»Ich habe es mir für ein Fotoshooting geliehen. Und ich habe es gleich wieder zurückgebracht.«

»Mit Sand im Motor.«

Ich schiebe sie auf den Rücksitz des Taxis.

»Gute Nacht!«, sage ich und schlage ihr die Tür vor der Nase zu.

Was auch immer Sabrina mir zuruft, geht im hämmernden Bass unter, der aus der Kohlefabrik dringt.

Mit einem Seufzer der Erleichterung wende ich mich wieder der Party zu.

Ich liebe meine Cousine, aber ihr Vater ist ein kaum zivilisierter Psychopath, und meine Nacht braucht nicht noch mehr Komplikationen.

Außerdem muss ich mich auf Iggy konzentrieren. Ich höre, wie The Shakers abklingen, was bedeutet, dass er in ein paar Minuten dran ist.

Ich gehe aufs Dach zurück, hinter die Bühne in den kleinen Umkleideraum, den ich für ihn eingerichtet habe. Iggy brütet über seinem Textblatt, das wie das Tagebuch eines Verrückten aussieht, denn es ist voll mit Kritzeleien, durchgestrichenen Zeilen und winzigen Pfeilen, die auf Überarbeitungen hinweisen.

Er blickt auf, als ich eintrete, schiebt sein struppiges Haar aus den Augen und grinst mich verschlafen an.

»Die Band klingt großartig«, sagt er.

»Du wirst besser klingen.«

»Nicht zu viele Leute da draußen?«

»Nein«, lüge ich. »So gut wie gar nicht.«

Im hellen Bühnenlicht wird Iggy keinen Unterschied sehen, bis er mit der Show fertig ist.

»Das ist gut«, seufzt er.

Iggys normale Sprechstimme ist so weich und langsam, dass mich die Verwandlung zu seinem rasanten Rappen jedes Mal erschreckt.

»Wenn dein Album so in den Charts landet, wie ich denke, ist dir der Vertrag mit Virgin sicher«, sage ich.

»Das werden wir noch früh genug herausfinden«, erwidert Iggy.

Mein Telefon surrt in meiner Hosentasche. Ich ziehe es heraus und sehe eine Nachricht von Anders:

Poe kam mit drei Kerlen an, aber ich sagte ihm, er solle sich verpissen. Ich glaube, er ist gegangen.

Ich wusste, dass er nicht widerstehen kann, seine hässliche Visage zu zeigen, doch ich bin froh, dass Beckett und Anders einschüchternd genug waren, um ihn abzuschrecken. Wenn er zurückkommt, werden wir eine viel unfreundlichere Unterhaltung haben.

»Gibt es ein Problem?«, fragt Iggy.

»Nein«, antworte ich und stecke mein Handy wieder zurück. »Bist du bereit?«

Iggy faltet sein Textblatt zusammen und stopft es in seine Tasche. Ich weiß, dass er schon alles in seinem verrückten Hirn gespeichert hat – er geht es nur gern durch, um sich zu vergewissern.

Die Menge johlt und jubelt, als The Shakers sich verabschieden.

»Klingt nach vielen Leuten«, sagt Iggy zurückhaltend.

»Du schaffst das«, versichere ich ihm.

Ich führe ihn zur Treppe, die auf der Rückseite der Bühne nach oben führt. Der Tontechniker klemmt Iggys Mikrofon an und gibt ihm auch das Handmikrofon. Die ersten Takte von Deathless Life erklingen.

Iggy nimmt die Schultern zurück, und ich sehe, wie er sich verwandelt – seine Augen verengen sich, seine Lippen spannen sich an, seine Finger umklammern das Mikrofon.

Danach springt er die Treppe hinauf und beginnt mit der Geschwindigkeit eines Auktionators zu schreien:

Sie sagten, ich sei begraben

Ausgetrocknet und tot

Ich steige aus dem Grab empor

Und zerbreche den Stein auf ihrem Kopf

Ich bin atemlos und rücksichtslos

Steige kontinuierlich auf

Trinke das Glas bis auf den Grund

Und esse die Limette auf …

Als er den Refrain anstimmt, singt das ganze Publikum laut den Text mit. Iggy wird wissen, dass die Fabrik voll ist, eine Masse von Menschen, die jede mögliche Brandschutzvorschrift missachten, aber das ist jetzt egal, er ist in seinem Element.

Ich habe meinem Handlanger Kelly gesagt, er soll das Ganze auf Video aufnehmen. Heute Abend schicke ich es dann an Victor Kane, und ich will verdammt sein, wenn er den Vertrag nicht auf der Stelle unterschreibt. Iggy geht nach Los Angeles, wo er frei von seinen blutsaugenden Verwandten sein wird.

Gerade als ich in Triumphgefühlen schwelge, summt mein Telefon wieder.

Ich ziehe es heraus und sehe Sabrinas Nummer.

Meine Cousine würde nicht anrufen, nur um zu betteln, wieder auf die Party gelassen zu werden.

Ich hebe das Telefon an mein Ohr und ahne schon, was ich gleich hören werde.

»Dein Handlanger braucht eine Lektion in Manieren«, sagt Poe in seiner verrauchten Stimmlage.

»Er hat den Knigge-Test im Mitarbeiterhandbuch nicht bestanden«, antworte ich.

»Du aber auch nicht, was?«, spottet Poe. »Ihr seid alle ein Witz.«

»Ich würde das bestenfalls einen Scherz nennen.«

»Mal sehen, wie lustig es ist, wenn ich deine Cousine erwürge und ihre Leiche in die Gasse werfe.«

Ich lasse einen langsamen Atemzug aus. »Keine gute Idee. Weißt du, wer ihr Vater ist?«

»Es ist mir scheißegal, mit wem ihr Mistkerle verwandt seid«, zischt Poe. »Komm hier runter und lass deine verdammten Handlanger im Lagerhaus.«

»Es ist eine Fabrik«, korrigiere ich ihn. »Aber na gut, ich komme.«

Ich bin verärgert, dass ich während Iggys Auftritt gehen muss. Noch mehr ärgert mich, dass sie Sabrina mit reingezogen haben. Wahrscheinlich sprang sie aus dem Taxi, kaum dass es um die Ecke bog. Sie war schon immer ein Magnet für Ärger.

Als ich an Beckett und Anders vorbeigehe, die die Tür bewachen, fragt Letzterer: »Stimmt was nicht, Chef?«

»Eine kleine Unannehmlichkeit«, sage ich.

Ich könnte Anders einen Anschiss geben, dass er mich nicht angerufen hat, als Poe auftauchte, wie ich es ihm gesagt hatte – aber das war so oder so zu erwarten.

»Warte zwölf Minuten«, weise ich Anders an, »dann komm in die Gasse.«

Er nickt langsam, seine Augen sind auf meine gerichtet. Ich merke, dass er mir im Moment lieber folgen würde, doch er wird tun, was ich ihm sage.

»In Ordnung, Boss«, sagt er.

»Zwölf Minuten.« Ich tippe auf die Uhr an meinem Handgelenk. »Benutze die Seitentür.«

Anders wirft einen kurzen Blick auf seine eigene Uhr, um die Zeit zu bestätigen, und nickt.

Ich gehe an der langen Schlange von Leuten vorbei, die immer noch darauf warten, hineinzukommen, und neidisch zum Dach hinaufblicken, wo Iggys spektakuläre Performance weitergeht.

Dann biege ich um die Ecke in die enge Gasse, wo Poe mit seinen drei Schlägern wartet.

Die Gasse ist eigentlich ganz hübsch. Die Fabrikwand ist mit einer dicken Schicht aus Hängeefeu bewachsen, und die gegenüberliegende Seite wird von einem kunstvollen schmiedeeisernen Zaun begrenzt. Der enge Raum trichtert den Schall, sodass Iggys Konzert viel weiter weg klingt, als es tatsächlich ist, und ich meine eigenen Schritte auf dem Beton widerhallen höre.

Poe hat einen seiner idiotischen Freunde an der Öffnung der Gasse postiert, ein rattengesichtiges Arschloch in einer übergroßen Lederjacke. Als ich vorbeigehe, grinst er mich an. Poe und seine anderen beiden Schläger halten Sabrina am Ende der Gasse vor einem verschlossenen Tor fest.

Der größte Kerl hält Sabrinas Arme hinter ihrem Rücken verschränkt, eine Position, die ihr knappes Kleid noch weiter nach oben zieht. Sein Freund – ein stämmiger Kerl mit tätowierten Tränen auf beiden Wangen – steht etwas hinter ihr, damit er die Aussicht genießen kann. Wenn er nicht so sehr damit beschäftigt wäre, auf ihren Hintern zu starren, würde er vielleicht das Glitzern von Metall auf ihrem Oberschenkel bemerken.

Sabrina sieht mir in die Augen. In ihrem Gesicht ist kein Anzeichen von Angst oder Reue zu sehen. Nur pure, brennende Wut.

Es sieht nicht so aus, als hätten sie sie verprügelt, also ist Poe vielleicht nicht so dumm, wie er aussieht.

Er sieht echt ziemlich dumm aus. Er ist eine wandelnde Zeichentrickfigur – sein blockartiger, rechteckiger Kopf sitzt auf einem genauso dicken Hals, sodass er vom Schädel bis zu den Schultern eine lange Säule bildet. Sein Haarschopf ist so hoch rasiert, dass sein Haarbüschel wie ein Toupet auf dem Kopf sitzt. Dazu kommen ein hängender Schnurrbart und Bugs-Bunny-Zähne.

Dennoch wäre es ein Fehler, ihn witzig zu finden. Poe ist die Gewalt nicht fremd. Der gefährlichste Mann ist der, der nichts zu verlieren hat.

Poe ist ein sechsfacher Sträfling, kleiner Drogendealer und Fentanyl-Süchtiger, der kurz davor steht, seine letzte Essensmarke zu verlieren. Er wird sich mit aller Macht an Iggy klammern. Es sei denn, ich mache dem ein für alle Mal ein Ende.

»Du bist verdammt respektlos, Junge«, zischt Poe. »Du schmeißt eine Party für Iggys Album und lädst nicht mal seinen Manager ein?«

»Du bist nicht sein Manager«, antworte ich. »Und du hast recht, ich respektiere dich nicht. Du bist ein Blutsauger. Du hast Iggy ausgeblutet, seit er seinen ersten Song veröffentlicht hat. Du tust einen Scheißdreck für ihn.«

»Ich tue alles für ihn!«, schimpft Poe empört. »Wer hat seiner Mutter geholfen, die Miete zu bezahlen, nachdem sein Vater gestorben ist? Wer hat seine Weihnachtsgeschenke gekauft?«

»Du hast ihnen hin und wieder fünfzig Dollar rübergeschoben, damit du ihr Haus benutzen konntest, um deine Drogen zu verstecken«, schnaube ich. »Und das einzige Weihnachten, an das ich mich erinnere, ist das, an dem du eine Fußfessel hattest und einen festen Wohnsitz für deinen Bewährungshelfer brauchtest.«

Wenn jemand Iggys Miete bezahlte, dann war es mein Vater, der Iggys Mutter half, einen Job als Assistentin im Rathaus zu bekommen, nachdem sein eigener Vater im Alter von nur achtundvierzig Jahren an einem Schlaganfall gestorben war.

»Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen!«, schreit Poe. Sein Gesicht hat die Farbe einer Rübe. »Du glaubst, du kannst mir meinen Neffen wegnehmen? Ich habe deine verdammte Cousine. Entweder du zerreißt jetzt den Scheißvertrag mit Virgin, oder ich knall die Kleine hier ab!«

»Das wird nicht passieren«, sage ich. »Iggy geht weg. Du bleibst hier. Das ist schon entschieden. Aber ich bin bereit, die Bedingungen zu besprechen. Wir können heute Abend alle glücklich nach Hause gehen.«

»Scheiß auf deine verdammten Bedingungen!« Poe lacht mir ins Gesicht. »Sieh dich um! Wir sind zu viert und du bist allein.«

Ich tue so, als würde ich seine drei Schlägertypen mit einem gewissen Respekt begutachten. Tatsächlich bestätige ich nur ihre genauen Positionen. Und Poes auch.

Ich warne ihn noch einmal. »Das hier muss nicht hässlich werden.« »Oh, wir sind weit über das Hässliche hinaus«, spottet Poe. »Du glaubst, du machst hier einen Deal? Ich schieße dieser Schlampe ins Gesicht, nur damit du weißt, wie der Hase läuft!«

Er zieht eine ramponierte .45er aus dem Bund seiner schmutzigen Jeans, richtet sie auf Sabrina und spannt den Abzug. Sabrinas Nasenlöcher blähen sich auf. Ich schätze, ich habe noch etwa zwei Minuten, bevor sie etwas Verrücktes tut. Was gut mit meiner eigenen Zeitlinie übereinstimmt.

Poe will das Zuckerbrot nicht sehen – es ist an der Zeit, die Peitsche hervorzuholen.

»Ich bin froh, dass du Schusswaffen erwähnt hast, Poe«, sage ich.

Ich gehe langsam vorwärts, sodass ich mich zwischen Poe und Sabrina positionieren kann. Poe ist das egal – er hat kein Problem damit, stattdessen seine Waffe auf mein Gesicht zu richten. Mit ausgestrecktem Arm dreht er sich, sodass er mit dem Rücken zur efeubewachsenen Wand steht und Poes zwei Schläger hinter mir sind.

»Es ist schwer, eine Waffe loszuwerden«, sage ich. »Ich meine, sie wirklich loszuwerden. Man kann die Seriennummern abfeilen und sie in einen Fluss werfen. Aber sie ist immer noch da und wartet nur darauf, gefunden zu werden. Und manchmal will man sie nicht in den Fluss werfen. Die verdammten Dinger sind teuer. Manchmal ist die Versuchung, sie zu behalten, einfach zu groß …«

»Was laberst du da für einen Scheiß?«, sagt Poe. Sein Schnurrbart zittert.

»Iggy und ich sind schon sehr lange befreundet«, fahre ich fort. »Ungefähr so lange, wie das Weihnachten her ist, von dem wir gerade sprachen … Ich habe die Hälfte der Ferien bei ihm verbracht. Du erinnerst dich wahrscheinlich …«

Poe sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an, den Finger um den Abzug seiner Waffe gekrümmt. Ich mag es nicht, dass er sie so hält. Er ist nervös genug, um mich aus Versehen zu erschießen.

»Iggy und ich hatten gerade angefangen, Gras zu rauchen. Ich glaube, wir waren vierzehn, fünfzehn vielleicht. Wir mussten sein Zeug irgendwo verstecken, damit seine Mom uns nicht verpfeift. Wir bauten den Lüftungsschacht ab und steckten unsere Tütchen hinein. Komisch, wir waren nicht die Ersten, die da was versteckt haben …«

Poe ahnt, worauf ich hinauswill, doch er glaubt es nicht ganz.

»Du warst gerade aus dem Knast gekommen, nachdem du mit ein paar Kumpels einen Supermarkt überfallen hattest. Jemand hat den Kassierer angeschossen, er starb zwei Tage später. Die Cops dachten, du warst es, aber sie konnten es nicht anhand des Überwachungsvideos beweisen und sie hatten die Mordwaffe nicht. Du hast sie versteckt. Allerdings nicht sehr gut. Onkel und Neffe denken wohl ähnlich, denn Iggy hat sie aus dem Lüftungsschacht gezogen.«

»Schwachsinn«, zischt Poe. Er schüttelt den Kopf, macht aber trotzdem einen Schritt zurück, sodass er fast an den Efeu gepresst ist.

»Ich fürchte nicht«, sage ich leise. »Natürlich wusste ich damals nicht, was das für eine Waffe war oder woher sie kam. Aber als du angefangen hast, von Iggy eine vierzigprozentige Provision zu verlangen … da habe ich deine alte Akte ausgegraben. Ich habe überprüft, welches Kaliber die Kugel hatte, die sie aus dem Hals des Kassierers geholt hatten. Und ich habe mich daran erinnert, was wir an Weihnachten gefunden haben. Ich brauchte nur eine Stunde, um zu Iggys Haus zu fahren und den Schacht noch mal zu überprüfen.«

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagt Poe. Sein Kiefer scheint ruhig, doch er schwitzt.

»Die Waffe war noch da. Ein .357er Magnum-Revolver mit einem Kratzer quer über den Griff. So verschmutzt, wie sie war, glaube ich, dass du deine Fingerabdrücke nicht einmal abgewischt hast.«

»Na und, verdammt noch mal!«, schreit Poe trotzig. »Das heißt gar nichts.«

»Das bedeutet eine Menge«, sage ich. »Für mich sieht es so aus, als ob der einzige Beweis, den die Cops brauchen, diese Waffe ist. Sie wissen, dass du in der Nacht an der Tankstelle warst. Sie konnten nur nicht beweisen, wer den Abzug betätigt hat. Es gibt keine Verjährungsfrist für Mord, was für ein Pech …«