Kingmakers – Jahr 4 - Sophie Lark - E-Book
SONDERANGEBOT

Kingmakers – Jahr 4 E-Book

Sophie Lark

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jemand bei Kingmakers ist nicht der, der er zu sein scheint ...

Mit farbigen Illustrationen bei Geräten mit Farbdisplay


Drei quälende Jahre hat er gewartet. Nun schmiedet er einen Plan, getrieben von Verlust und Hass. Sein Ziel: die ahnungslose Tochter des Mannes, der sein Leben ruiniert hat.

Nix, die nichts von der dunklen Vergangenheit der beiden weiß, fühlt sich zu diesem Mann hingezogen, der sie zu verstehen scheint wie niemand sonst. Während die Beziehung immer enger wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Betrug und Begehren.

Doch als der Moment der Abrechnung naht, steht er vor einer erschütternden Wahl: seine lang ersehnte Rache zu nehmen oder die Frau zu beschützen, der sein Herz gehört.

Band 4 der Dark Romance Serie »Kingmakers«

Dieser Roman erschien in einer früheren Fassung bereits unter dem Titel »Der Spion«.
Spice-Level: 3 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Roman

Eine unbarmherzige Mafia-Universität ist kein Ort für die zierliche und sanfte Cat. Ihr erstes Studienjahr ist überstanden, allerdings um den Preis ihrer Unschuld. Cat hat etwas Schreckliches getan, und Dean Yenin hat es gesehen. Er bietet ihr einen teuflischen Handel an: sein Schweigen und seinen Schutz ... wenn Cat ihm gehört.

Deans perfide Machtspiele verlangen von Cat das Unmögliche, und nie hätte sie gedacht, dass sie die Dunkelheit in sich willkommen heißt. Doch selbst die sadistischsten Spiele haben Regeln, und Deans Faszination für Cat könnte ihm zum Verhängnis werden.

In Kingmakers wird Liebe von den tödlichsten Spielern eingesetzt. Aber manchmal sind die Verletzlichsten unerwartet stark und gerade die Mächtigsten anfällig für den Bann der Liebe …

Die Reihe

Kingmakers – Jahr 1

Kingmakers – Jahr 2

Kingmakers – Jahr 3

Kingmakers – Jahr 4

Kingmakers – Graduation

Die Autorin

Sophie Lark ist eine USA Today Bestsellerautorin. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie im Süden Kaliforniens. Sie schreibt intensive Liebesromane mit starken, klugen Heldinnen und Männern, die alles tun, um ihre Herzen zu erobern.

Sophie Lark

Kingmakers

Jahr 4

Roman

Aus dem Englischen von Martin Winkler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2021, 2025 by Sophie Lark

Die Originalausgabe erschien 2021 in einer früheren Fassung unter dem Titel The Spy auf Englisch und Der Spion auf Deutsch. Die überarbeitete Fassung, auf der diese Ausgabe basiert, erschien 2025 unter dem Titel Kingmakers – Year Four bei Bloom Books, an imprint of Sourcebooks, Naperville, Illinois.

Copyright © dieser deutschsprachigen Ausgabe 2024 by Bloom in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Übersetzung: Martin Winkler

Redaktion: Jara Dressler

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

nach einer Originalvorlage von Sourcebooks

Umschlagdesign Serie: Emily Wittig

Umschlagdesign: Nicole Lecht / Sourcebooks

Umschlagmotive: iStockphoto (morita kenjiro, VikaSuh, Nate George, Valeriy Matveyev)

Illustrationen im Innenteil: © Line Maria Eriksen

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-32808-5V001

www.penguin.de/verlage/bloom

Dies ist für alle, die für ihre Familie Opfer bringen.

XOXO

Soundtrack

Siren – Kailee Morgue

Wolves – Big Sean ft. Post Malone

Gangsta – Kehlani

High – Sivik

Bang Bang – GRAE

I Feel Like I’m Drowning – Two Feet

Shimmy Shimmy Ya – El Michels Affair

Seven Nation Army – The White Stripes

Home – Edward Sharpe & The Magnetic Zeros

Hinweis

Die Kingmakers-Serie ist eine Dark Mafia Romance in einem Universitäts-Setting. Sie handelt von jungen Menschen aus kriminellen Familien. Dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Auf Seite 459 findet sich eine Triggerwarnung (Achtung Spoiler!).

Was bisher geschah:

Dean zahlt den ultimativen Preis, um endlich zu lernen, was es heißt, geliebt zu werden.

Und jemand in Kingmakers ist nicht, wer er zu sein scheint.

Dieses Jahr:

Drei Jahre des Spionierens sind kurz davor, sich auszuzahlen.

Was wärst du bereit, für deine Familie zu tun?

Kapitel 1

Der Spion

Vor drei Jahren

Ich wache auf, als die Hand meiner Mutter über meinen Mund gepresst ist.

»Es ist jemand im Haus«, murmelt sie.

Ich schlüpfe unter dem leichten Sommerlaken hervor, bewege mich lautlos und lausche auf das Geräusch, das sie alarmiert haben könnte. Ich höre gar nichts – nicht einmal das Surren des Ventilators oder das leise Summen der Geräte unten in der Küche. Als ich auf die Digitaluhr auf dem Nachttisch blicke, sehe ich nur ein dunkles Gesicht.

Der Strom wurde abgestellt.

Das war es, was sie hörte – kein Geräusch, sondern die plötzliche Abwesenheit von Geräuschen, als sich alles im Haus abschaltete.

Ich trage Boxershorts und ein Unterhemd. Es ist schwül in Poseidonia, die Meeresbrise schafft es kaum, die Villa um Mitternacht zu kühlen. Ich bücke mich, um meine Schuhe zu holen. Mom schüttelt schnell den Kopf.

Sie ist barfuß unter ihrem Seidenpyjama und bewegt sich geräuschlos zum Fenster. Sie blickt in den Garten darunter und auf die Terrasse zur Linken, ohne sich selbst zu zeigen. Dann gibt sie mir ein Zeichen, ihr zur Tür zu folgen, wobei sie an der Wand bleibt, wo die Bretter nicht so leicht knarren. Sie gleitet wie ein Schatten dahin, ihr dunkles Haar ist vom Schlaf zerzaust.

Sie hat die Tür einen Spaltbreit offen gelassen. Ich folge ihr und warte, bis sie den Flur in beide Richtungen abgesucht hat, bevor wir weitergehen.

Sie will gerade in Richtung des Zimmers meiner Schwester gehen, als ich sie an der Schulter packe.

»Sie ist nicht da drin«, murmle ich. »Sie ist im Arbeitszimmer eingeschlafen.«

Ich sah, dass Freya auf der Couch eingeschlafen war und ein aufgeschlagenes Buch auf der Brust liegen hatte. Ich deckte sie zu, bevor ich selbst ins Bett ging.

Mom flucht leise. Das Arbeitszimmer liegt ganz oben in der Villa, erreichbar nur über die Treppe auf der anderen Seite des Hauses.

Sie ändert die Richtung und geht auf die Treppe zu.

Mein Vater fängt uns ab, bekleidet mit Jogginghose und ohne Hemd. Die breite Brust ist mit vielen Tattoos geschmückt, die ich so gut kenne wie mein eigenes Gesicht, gekreuzt durch den Riemen des Gewehrs, das über die Schulter hängt. Er reicht meiner Mutter ein zweites, die den Schaft gegen die Schulter presst und eine niedrige Bereitschaftsposition einnimmt.

Sie teilen sich auf und schleichen den Flur hinunter, mein Vater an der Spitze, meine Mutter deckt ihn. Sie ducken sich unter jedem Fenster, an dem wir vorbeikommen. Ich bemühe mich, das Gleiche zu tun.

Ich habe immer noch nichts gehört. Ich hoffe, dass Dads Soldaten mit der Bedrohung unten auf dem Grundstück fertigwerden. Wir bringen immer mindestens sechs Männer mit, auch wenn wir zum Sommerhaus kommen. Mit dem Reichtum meines Vaters wuchs auch seine Vorsicht.

Wir haben fast die Treppe erreicht.

Ich höre das Knarren von jemandem, der nach oben kommt. Mein Vater gibt uns ein Zeichen, dass wir uns zurückziehen sollen. Er geht in Deckung, sein Gewehr auf die Tür gerichtet.

Die massige Gestalt mit der Beretta in der Hand erkenne ich sofort – Efrem, der Cousin meines Vaters. Er ist groß und bärenstark, mit einer unpassenden Brille auf der Nase. Die Schultern sinken vor Erleichterung, als er uns drei sieht.

»Wo sind Timo und Maks?«, fragt Dad.

»Nicht erreichbar«, sagt Efrem und klopft auf das Funkgerät am Gürtel.

Das Gesicht meines Vaters verfinstert sich. Das ist nicht gut.

»Wir müssen …«, beginnt Efrem.

Er wird durch den scharfen Knall von zersplitterndem Glas und ein dumpfes Geräusch unterbrochen. Mein Vater packt mich an der Schulter und reißt mich zu Boden, als eine Explosion durch das Haus schallt. Der ganze Boden hebt sich unter mir, eine Welle von Druck und Hitze schießt aus der Richtung unserer Schlafzimmer.

Jetzt, da die Stille gebrochen ist, wird die Nacht durch Schüsse und Schreie lebendig. Das scharfe Stakkato der automatischen Waffen ertönt um uns herum, scheinbar von jeder Ecke des Geländes. Ich rieche Rauch. Kein angenehmer Lagerfeuerrauch, sondern der beißende Gestank von verbrannter Farbe, Stoff und Teppich.

»Wir müssen zum Hubschrauber!«, sagt Efrem und versucht, den Arm meiner Mutter zu packen.

Sie schüttelt ihn ungeduldig ab. »Da werden sie uns erwarten«, sagt sie.

Wir sind mit dem Hubschrauber angekommen. Er steht auf unserem privaten Landeplatz an der Westseite des Grundstücks. Aber meine Mutter hat sicher recht – jeder, der das Haus angreift, hätte zuerst diese Route blockiert.

»Die Garage also«, meint Dad.

In der Tiefgarage sind mehrere Fahrzeuge geparkt, darunter auch Efrems Land Rover.

»Nein«, sagt Mom leise. »Der Schuppen des Gärtners.«

Ich verstehe erst nicht, aber dann fällt mir ein, dass der Gärtner einen eigenen uralten Jeep hat und der Schuppen direkt unter dem Arbeitszimmer ist. Wir müssen jedoch meine Schwester noch holen.

Mein Vater geht die Treppe hinauf und vertraut auf das Urteilsvermögen meiner Mutter.

Wir folgen ihm, Efrem übernimmt die Nachhut.

Als wir das oberste Stockwerk erreichen, sehe ich zwei Gestalten, die sich auf das Arbeitszimmer zubewegen. Das sind nicht unsere Männer – sie sind in taktische Ausrüstung gekleidet, haben Sturmhauben auf und Gewehre über die Schultern hängen.

Mom gestikuliert, dass ich ihr folgen soll. Während Dad und Efrem hinter den Männern kreisen, gehen sie und ich auf den Balkon. Wir schleichen auf dem offenen Deck entlang, vorsichtig den Liegestühlen, den leeren Gläsern und den sonnengebleichten Büchern ausweichend, die meine Schwester vergessen hat, mit nach drinnen zu nehmen.

Ich spähe durch die Balkontür. Freya liegt nicht mehr schlafend auf der Couch. Sie ist überhaupt nicht mehr zu sehen. Die beiden Männer durchsuchen den Raum mit den Lichtpunkten an ihren Zielfernrohren.

Mom zielt auf sie mit ihrem Gewehr, aber sie schießt nicht. Sie weiß, dass jedes Geräusch die ganze Invasionsarmee auf uns lenken würde. Sie gibt Dad die Chance, leise mit ihnen fertigzuwerden.

Im Tandem schleichen sich mein Vater und Efrem an die Männer heran. Efrem hat sein Messer bereits gezogen. Mein Vater ist unbewaffnet. Er packt den ersten Soldaten von hinten, reißt ihm sein eigenes Bowiemesser aus dem Gürtel und schneidet ihm mit einem Hieb die Kehle durch.

Efrems Gegner schwingt seine Waffe herum. Efrem ist gezwungen, sein Messer fallen zu lassen, damit er die Hand des Mannes vom Abzug wegreißen kann.

Meine Mutter macht das Gewehr bereit, den Lauf direkt zwischen die Augen des Soldaten gerichtet.

Dann schießt ein Arm unter der Liege hervor und stößt einen Brieföffner durch die Stiefelspitze des Soldaten, sodass sein Fuß auf dem Boden feststeckt. Meine Schwester rollt unter der Liege hervor und springt auf die Füße. Dad schnappt sich Efrems Messer und beendet das Leben des zweiten Soldaten.

Mom öffnet die Flügeltüren und zischt den anderen zu: »Kommt schon!«

Freya kommt zu uns auf den Balkon, dicht gefolgt von Efrem und meinem Vater.

»Was zum Teufel ist hier los?«, flüstert sie mir zu.

Im Gegensatz zu Mom sitzt Freyas Haar, kaum eine Strähne ist trotz ihrer Strapazen aus dem Lot. Es schimmert blauschwarz im Mondlicht, wie eine dunkle Kapuze, um ihr blasses Gesicht.

Meine Mutter weist uns alle an, zu schweigen.

Ich kann immer noch Kämpfe unten auf dem Gelände hören: auf der Westseite, wo der Hubschrauber steht, und auch an der Vorderseite des Hauses, wo wir zur Garage gegangen wären. Mom hatte recht – sie hat immer recht.

Währenddessen scheinen Schreie und donnernde Füße aus allen Richtungen des Hauses zu kommen. Sie suchen nach uns, Raum für Raum.

Aber Mom ist bereits dabei, das Spalier hinunterzusteigen. Sie ist leicht und wendig, genau wie Freya. Ich bin mir nicht sicher, ob das spindeldürre Holz mein Gewicht tragen wird. Ich zögere und will die Frauen zuerst hinunterklettern lassen, aber mein Vater schiebt mich vorwärts.

»Geh, mein Sohn«, murmelt er.

Sobald die Füße meiner Mutter den Boden berühren, sprintet sie zum Gärtnerschuppen, Freya dicht hinter ihr. Sie hält ihr Gewehr bereit. Ein Soldat kommt um die Ecke des Schuppens, und sie schießt ihm zwischen die Augen.

Er fällt rückwärts, sein Finger zuckt krampfhaft am Abzug seines Gewehrs. Eine Salve von Kugeln schießt in den Himmel.

»Blyad«, flucht Dad hinter mir.

Jetzt höre ich mehr Rufe und mehr Männer, die auf uns zusprinten. Mein Vater fällt auf ein Knie und ruft mir zu: »Lauf weiter!«

Einer der Soldaten richtet seine Waffe auf mich, bevor er von meinem Vater erschossen wird.

Die Türen des Schuppens krachen auf, als meine Mutter hindurchfährt, über das Gras holpert und direkt vor mir quietschend zum Stehen kommt.

Ich springe in den offenen hinteren Teil des Jeeps, dicht gefolgt von Efrem. Während er hineinspringt, wird er von hinten angeschossen. Er fällt schwer auf meinen Schoß, ein dunkler Fleck breitet sich mit furchtbarer Geschwindigkeit auf seinem Rücken aus.

Dad schießt noch zweimal und trifft den Mann, der auf Efrem geschossen hat, dann springt er zu mir auf die Ladefläche.

»Los!«, ruft er meiner Mutter zu.

Sie tritt das Gaspedal durch und rast nicht in Richtung der Vorderseite des Hauses, sondern über den Rasen und durch die Olivenbäume auf das Seitentor zu.

Freya nimmt Moms Gewehr, damit sie unsere rechte Seite decken kann, während mein Vater unsere Rückseite im Auge behält. Ich versuche, Efrem zu stützen, reiße mir das Hemd vom Leib, um damit Druck auf die Wunde auszuüben.

»Es tut mir leid«, sagt er zu meinem Vater.

»Es ist nicht deine Schuld, moy drug«, sagt Dad mit überraschender Sanftmut.

Es ist die Freundlichkeit in seiner Stimme, nicht die schreckliche wächserne Farbe von Efrems Gesicht, die mir sagt, dass er sterben wird.

Ich drücke fester auf die Wunde, das zusammengeknüllte Hemd ist bereits mit Blut durchtränkt.

Efrem drückt mir seine Beretta in die Hand. Seine dunklen Augen treffen meine für einen Moment, und er versucht, durch farblose Lippen noch etwas zu sagen. Stattdessen stößt er lange und rasselnd den Atem aus, sein Kopf fällt zurück, die Brille verrutscht, und die Augen starren blind in den Nachthimmel. Jede Bodenwelle des Jeeps rüttelt an seinem schlaffen Körper.

»Neun Uhr!«, bellt Mom und reißt das Lenkrad nach links, um Dad und Freya einen besseren Winkel zu verschaffen. Sie schießen auf die drei Soldaten, die das Seitentor bewachen.

Das Tor ist zugekettet und mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Efrems Beretta fest umklammernd, rutsche ich von der Ladefläche und setze mich hinter den Reifen. Nachdem mein Vater und meine Schwester die ersten beiden Soldaten ausgeschaltet haben, schieße ich dem dritten in die Brust, dann renne ich zum Tor. Ich leere das Magazin am Vorhängeschloss, bis es zerstört ist, dann reiße ich die Kette weg und schiebe das Tor auf.

Mom fährt vorwärts, hält nur lange genug an, damit ich wieder aufspringen kann, bevor sie die dunkle, gewundene Straße hinunterbraust, die an der Meeresklippe entlangführt.

Ich will gerade sagen: »Wir haben es geschafft«, als hinter uns zwei schwarze Geländewagen auf die Straße schießen und uns mit rücksichtsloser Geschwindigkeit verfolgen. Ein stark tätowierter Mann in taktischer Ausrüstung lehnt sich aus dem Beifahrerfenster und schießt auf uns.

»Bleibt unten!«, ruft Mom uns zu.

In dem uralten Jeep mit seinem weit geöffneten Heck sind wir schlecht geschützt. Es kommt noch schlimmer: Die neueren und schnelleren SUVs holen uns ein.

»Wer sind sie?«, frage ich Dad. »Bratwa?«

Ihre Tattoos sehen aus wie die meines Vaters.

Er schüttelt den Kopf.

»Malina«, zischt er durch die Zähne.

Mir wird eiskalt.

Die Ukrainer sind genauso skrupellos wie die Bratwa – vielleicht sogar noch schlimmer. Sie sind unsere dunklen Zwillinge, unsere verdrehten Doppelgänger. Nie waren sie gefährlicher als unter Marko Moroz’ Führung, indem er seinem eigenen ehemaligen Mentor einen Stift durch das Auge stach.

»Seht!«, ruft uns Freya zu und deutet in den Himmel.

Der Hubschrauber schwebt über der Villa und fliegt über die Steinmauern in unsere Richtung.

»Aber wer fliegt ihn?«, murmelt Dad.

Das Funkgerät an Efrems Hüfte knistert.

Ich schnappe es mir.

»Ich komme, um euch zu holen, Chef …«, sagt eine bekannte Stimme.

Ich grinse. Es ist Maks, der Avtoritet meines Vaters und ein enger Freund von mir, trotz der zwanzig Jahre, die zwischen uns liegen. Ich bin fast so erfreut zu hören, dass er noch am Leben ist, wie ihn zu unserer Rettung fliegen zu sehen.

Bis ich einen dröhnenden Schuss höre und sehe, wie eine helle Leuchtrakete über den Himmel schießt – vom Dach der Villa direkt auf den Hubschrauber zu.

Wie ein tödliches Feuerwerk trifft sie das Heck des Hubschraubers und explodiert nach außen in alle Richtungen. Der Hubschrauber wirbelt herum, und der Rumpf wird von den Flügeln mitgerissen. Er stürzt auf den Boden, wo er sich in einem Feuerball entlädt, der so gewaltig ist, dass ich die Hitze noch einen Moment später in meinem fassungslosen Gesicht spüre.

»NEIIIIIIIIIIN!«, schreie ich.

Mein Vater stößt mich zu Boden, als weitere Schüsse von den uns verfolgenden SUVs über unsere Köpfe hinwegzischen. Trotzdem erhasche ich einen letzten Blick auf den einsamen Mann, der auf unserer Villa steht, eine MK 153 lässig über die Schulter gelegt.

Selbst aus dieser Entfernung kann es keinen Zweifel an der Identität dieser goliathhaften Gestalt geben. Es ist Marko Moroz.

Dad feuert zurück auf die SUVs und hält sie auf Abstand. Er trifft den Reifen des einen, und der Escalade schlingert quer über die Straße hin und her, überschlägt sich aber nicht. Der Fahrer bringt das Fahrzeug wieder unter Kontrolle und verfolgt uns weiter.

»Macht euch bereit!«, ruft Mom.

Sie reißt das Steuer nach links und bringt uns auf den Aussichtspunkt oberhalb des Yachthafens. Direkt vor uns liegen ein Dutzend Boote vor Anker, darunter auch unser eigenes Schiff.

Sie nimmt ihr Gewehr von Freya zurück, und sie und Dad gehen hinter dem Jeep in Deckung. Sie schießen in Richtung der herannahenden SUVs.

»Keine Zeit zum Hinunterklettern!« Sie schreit mich und Freya an. »Ihr müsst springen!«

»Geh mit ihnen!«, sagt mein Vater zu ihr. »Ich gebe dir Deckung.«

»Nein!«, sagt sie grimmig, ihre dunklen Augen glitzern im Scheinwerferlicht des Jeeps. »Ich bleibe bei dir bis zum Ende.«

Meine Schwester klettert bereits über die Mauer, während die SUVs vor uns kreischend zum Stehen kommen, ihre Scheinwerfer scheinen grell, und die Türen öffnen sich. Dad feuert auf die Fenster und treibt die Männer zurück nach drinnen.

Dann, mit zusammengebissenen Zähnen, ergreift er Moms Gewehr und reißt es ihr aus den Händen.

»Es tut mir leid, meine Liebste«, sagt er.

Er hebt sie hoch und wirft sie über die Mauer.

Ich höre ihr wütendes Heulen, als sie fällt.

»Los!«, sagt er und schiebt mich hinter ihr her. »Sorge dafür, dass sie geht!«

Als ich über die Mauer springe, erhasche ich einen letzten Blick auf meinen Vater, der in mehrere Richtungen gleichzeitig schießt, während die Ukrainer auf ihn zukommen. Ich sehe, wie sein Körper zuckt, als er an der Schulter und am Bein getroffen wird, aber er hört nicht auf zu schießen.

Ich falle hinunter, tief, durch die schwarze Nacht in das eiskalte Wasser. Ich stürze ins Meer und sinke so tief, dass ich mit aller Kraft nach oben schwimmen muss, um wieder an die Oberfläche zu gelangen. Sobald mein Kopf auftaucht, suche ich nach unserem Boot.

Freya ist bereits hineingeklettert. Sie legt ab und startet den Motor.

Ich sehe den dunklen Kopf meiner Mutter. Sie schwimmt nicht zum Boot – sie versucht, den Steg zu erreichen, damit sie wieder zu Dad hochklettern kann.

Es wird nie funktionieren. Er wird tot sein, lange bevor sie ankommt.

Ich greife eine Handvoll ihrer Haare und ziehe sie nach hinten.

»LASSMICHLOS!«, schreit sie und windet sich im Wasser.

Die letzte Person auf der Welt, gegen die ich kämpfen möchte, ist Mom. Und das nicht aus Respekt – denn sie ist verdammt furchterregend. Aber ich muss Dad gehorchen.

»ESISTZUSPÄT!«, brülle ich. »Du wirst uns noch alle umbringen!«

Ich sehe den wilden Blick in ihren Augen, diese wahnhafte Entschlossenheit, die ich noch nie schwanken gesehen habe, kein einziges Mal im Leben.

Dann trifft die Realität sie härter als jeder Hammer.

Ihr Gesicht erschlafft, und sie blickt stattdessen mit reiner Qual zurück zur Klippe.

»Komm schon«, sage ich, ergreife ihre Hand und schwimme zum Boot.

Ich schaffe es gerade noch, sie hineinzuziehen, bevor die Malina den Rand der Klippe erreichen und anfangen, auf uns zu schießen. Splitter explodieren von der Reling. Eine Kugel schlägt nur wenige Zentimeter neben meinem Fuß auf dem Deck ein.

Freya gibt Gas und bringt uns aus dem Hafen.

Ich blicke zurück auf die Blitze der Schüsse, die immer noch entlang der Klippe zu sehen sind.

Mein Vater kann uns nicht mehr beschützen.

Kapitel 2

Nix Moroz

Heute

Ich wurde auf einer Insel im Schwarzen Meer geboren.

Meine Mutter war mit meinem Vater und seinen Männern auf Wildschweinjagd gegangen. Sie wusste nicht, dass sie schwanger war.

Sie war schon immer eine hervorragende Sportlerin gewesen – Hürdenlauf, Hochsprung und Vierhundert-Meter-Läufe. Später wandte sie sich dem Langstreckenschwimmen zu.

Sie durchschwamm den Ärmelkanal in unter acht Stunden und stellte bei den Schwimm-EM einen Rekord im 25-km-Freiwasserschwimmen auf. Sie schwamm ohne Haikäfig von Florida nach Kuba und wurde dreimal von Quallen im Gesicht und an den Händen gestochen, aber sie hörte nicht auf.

So lernte sie meinen Vater kennen – als sie nach Kyjiw zurückkehrte, wurde sie zu einem Abendessen des Außenministers eingeladen. Sie war ein Mädchen vom Lande, und obwohl es ihr nichts ausmachte, zu formellen Anlässen ein Kleid anzuziehen, fand sie die Konversationen langweilig und die Kanapees höchst unbefriedigend für jemanden, der daran gewöhnt war, zu Mittag zwanzig Kartoffelpuffer mit Sauerrahm und gebratenen Zwiebeln zu essen – und anschließend einen ganzen Hering zum Abendessen.

Mein Vater hatte noch nie eine solche Frau gesehen, mit einem Rücken, der fast zu breit war, um in ein Kleid zu passen, gezeichnet von den Striemen der Tentakel der Quallen, die noch immer wie Peitschenhiebe ihre Wangen, ihren Hals und ihre Handrücken markierten. Sie warf allen einen bösen Blick zu, weil sie hungrig war.

Als er versuchte, sich ihr zu nähern, wies sie ihn unhöflich zurück, da sie nicht ahnte, dass sie mit einem Mann sprach, der weitaus mächtiger war als der Minister, der den Empfang gab.

»Wo sind deine Manieren, Mädchen?«, fragte mein Vater.

»Ich habe keine Manieren«, erwiderte sie und kippte ihr Getränk in einem Zug hinunter. »Das habe ich auch nie behauptet.«

Er mochte ihre Kühnheit und den kräftigen Durst, mit der sie den Drink hinunterstürzte.

»Wie war es, mit all diesen Haien zu schwimmen?«, fragte er.

Meine Mutter wurde mehrere Kilometer lang von zwei Hammerhaien und später von einem hässlichen Bullenhai verfolgt.

Sie sah meinen Vater und seine beiden Leutnants mit einem kühlen Blick an. »Es fühlte sich sehr ähnlich wie das hier an«, sagte sie. »Nur dass mein Neoprenanzug bequemer war.«

Mein Vater hatte bereits beschlossen, dass er sie heiraten würde. Er musste sie nur noch davon überzeugen, mit ihm zum Essen zu gehen.

Sie sagte, sie würde es tun, wenn er sie in ein Restaurant mit gutem georgischem Essen bringen würde.

»Nichts von diesem ausländischen Scheiß«, sagte sie und schnupperte an einem Tablett mit Spinatpuffern.

Sie heirateten innerhalb eines Jahres. Meine Mutter willigte unter der Bedingung ein, dass mein Vater sich nicht in ihre sportlichen Ambitionen einmischen würde. Sie träumte davon, als Nächstes die Adria zu durchqueren.

In der Zwischenzeit begleitete sie meinen Vater zum Skifahren nach Bukowel und zur Rotwildjagd in die Mandschurei. Sie war 1,80 Meter groß, gebaut wie eine Amazone und so unermüdlich aktiv, dass sie seit Jahren keine Periode mehr hatte.

Das und ihre Vorliebe für Essen führten dazu, dass sie alle Veränderungen an ihrer Figur ignorierte und glaubte, dass das bisschen Bauch, das sie zugelegt hatte, einfach das Ergebnis davon war, dass mein Vater sie mit Honigkuchen und Toffee verwöhnte.

Die Wildschweinjagd fand näher an der Heimat statt – auf der Insel Dscharylhatsch, die manche wegen ihres klaren türkisfarbenen Wassers auch die ukrainischen Malediven nennen. Warmes Meer, sauberer Sand und vierhundert Salzseen, die über die ganze Insel verstreut sind – ein einsamer und wunderschöner Ort, perfekt für die Schweinejagd.

Sie jagten die Wildschweine auf die alte Art mit Speeren. Die Speere hatten einen Querschutz, um das wütende Schwein daran zu hindern, den eigenen Körper weiter in den Speer zu treiben, sodass es zumindest die Genugtuung hat, die Jäger zu verwunden, während es stirbt.

Zu dieser Zeit kannte mein Vater meine Mutter gut genug, um besorgt zu sein, falls sie nicht mit erhobenem Speer auf die Wildschweine losstürmte, flink wie Artemis auf der Jagd.

Stattdessen drückte sie ihre Hand gegen den Krampf in ihrer Seite und sagte meinem Vater, er solle mit den Männern weitermachen. Sie hatte vor, sich in eines der warmen, salzigen Becken zu setzen und zu baden.

Sie dachte, es sei eine Verdauungsstörung. Als sich die Krämpfe verschlimmerten, vermutete sie, dass sie vielleicht bald auf spektakuläre Weise ihre lange hinausgezögerte Periode bekommen würde.

Erst als der Schmerz sie so sehr überwältigte, dass sie nicht mehr stehen konnte, wurde ihr bewusst, wie leer gefegt der lange Strandabschnitt wirklich war, kaum eine Möwe in Sicht, geschweige denn ein Mensch.

Sie fragte sich, ob ihr Blinddarm das Problem war oder die Gallenblase. Der Anblick von Blut im Salzbecken widerte sie mehr an, als dass er sie beunruhigte. Sie zwang sich, stattdessen zum Meer hinunter zu stolpern, wo die Wellen sie reinwaschen würden.

Die gleichmäßige Brandung wirkte auf sie ungemein beruhigend, der Rhythmus der Wellen war ihr so vertraut wie ihr eigener Herzschlag.

Und dann, wie aus dem Nichts, der unwiderstehliche Impuls zu pressen …

Die Geburt selbst dauerte weniger als zehn Minuten.

Sie griff zwischen die Beine und fühlte die Wölbung des Kinderschädels – meines Schädels – mit belustigter Überraschung. Sie gab einen Laut von sich, der zwischen einem Schrei und einem Lachen puren Erstaunens lag. Es schien, als hätte ich ihr einen Streich gespielt und wäre aus dem Nichts aufgetaucht, uneingeladen und unerwartet.

Sie hob mich aus dem Wasser, als wäre es das Meer, das mich zur Welt gebracht hatte. Die Plazenta ließ sie den Krabben zum Fressen da.

Obwohl sie es noch nie zuvor getan hatte, gelang es ihr, die Nabelschnur mit der Kante einer Jakobsmuschel zu durchtrennen.

Als mein Vater eine Stunde später zurückkehrte, triumphierend mit einem blutigen Wildschweinkadaver am Ende seines Speeres, fand er seine Angetraute oben ohne im Sand sitzen, das Hemd um den Säugling an ihrer Brust gewickelt.

Ich war klein und kam nach Einschätzung des Arztes mindestens einen Monat zu früh zur Welt.

Papa hielt das für einen ebenso gelungenen Scherz wie Mama.

Er bewunderte mein kupferfarbenes Haar und den Appetit, der in keinem Verhältnis zu meiner Größe stand.

Er wollte mich nach seiner Großmutter benennen.

Aber Mama hatte mir bereits den Namen Nix gegeben, die Bezeichnung eines Wassergeists, der menschliche Gestalt annehmen kann.

Meinem Vater gefiel das sogar noch besser. Er sagte, dass er ohne jeden Beweis des Gegenteils und unabhängig davon, ob ich sein rotes Haar hatte oder nicht, nie ganz sicher sein konnte, ob meine Mutter mich nicht am Strand gefunden hatte.

Das ist die erste Gutenachtgeschichte, die mir erzählt wurde: die Geschichte, wie ich geboren wurde.

Es war meine Lieblingsgeschichte, und ich wollte sie immer wieder hören, obwohl Papa Dutzende von Geschichten zu erzählen hatte, die alle gleichermaßen voller Geheimnisse und Abenteuer waren. Er ist auch heute noch ein fantastischer Geschichtenerzähler. Selbst seine Männer schreien nach ihren Lieblingsgeschichten, wenn sie alle zusammen getrunken haben.

In den Storys meines Vaters geht es um ihn selbst und seine Soldaten: legendäre Erzählungen von Tapferkeit, Blutvergießen und Rache, episch in ihren Ausmaßen und reich an Details.

Mein Vater sieht aus, als sollte sein Abbild in einen Berg gemeißelt werden. Er ist zwei Meter groß, hat eine rötliche Mähne und einen flammend roten Bart. Er ist grausam und klug. Alle Mädchen vergöttern ihre Väter, nehme ich an, aber keines hat einen besseren Grund als ich.

Im Moment befinden wir uns jedoch in einem heftigen Streit. Er will nicht, dass ich nach Kingmakers gehe.

Es ist nicht die erste Auseinandersetzung, die wir hatten, aber es ist die heftigste.

Es ist nicht so wie damals, als ich seinem Lieblingspferd den Knöchel gebrochen habe oder als er meinte, ich solle Jungfrau bleiben, bis ich verheiratet sei – und ich ihm ins Gesicht lachte und sagte, dass dieser Zug bereits abgefahren ist.

Dieses Mal scheinen wir beide bereit zu sein, unseren Standpunkt zu verteidigen, bis alles andere in Flammen aufgeht.

»Ich habe dir gesagt, ich werde nicht mehr darüber diskutieren«, brüllt er mich an und stürmt um den Eichentisch in der riesigen Bauernküche.

Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, die Arme verschränkt, die Füße auf den Tisch gestützt, um ihn zu ärgern.

»Das muss nicht weiter diskutiert werden«, sage ich. »Weil ich gehe.«

»Viel Glück dabei, ohne meinen Fingerabdruck auf dem Vertrag auf das Schiff gelassen zu werden«, knurrt er und wirft verächtlich die handgeschriebene Liste mit den Regeln und Vorschriften für die Aufnahme in Kingmakers.

Ich springe auf und stoße den Stuhl nach hinten auf den Steinboden.

»Genieße es, alt und gebrechlich zu werden – ganz allein und ohne mich, falls du nicht unterzeichnest!«, brülle ich zurück.

»Wo willst du denn hin?« Er schnaubt und verschränkt seine sehnigen Arme vor der breiten Brust.

»Überall, wo du nicht bist! Du kannst mich hier nicht gefangen halten!«, schreie ich.

»Du bist keine Gefangene! Du hast hundert Hektar Land, Pferde, einen ganzen Fuhrpark, ein Privatflugzeug, mit dem ich dich durch die ganze gottverdammte Welt geflogen habe! Du bist verwöhnt«, sagt er in einem angewiderten Ton.

»Und du bist ein Feigling! Du bist so paranoid geworden wie eine alte Frau – warum sollte ich nicht zur Uni gehen, an die, die du selbst besucht hast?«

Stepan Pavluk kommt in die Küche und macht eine so abrupte Kehrtwendung, dass er sich ein Schleudertrauma geholt haben muss. Er eilt wieder hinaus, um nicht in einen weiteren epischen Streit zwischen mir und Papa gezogen zu werden.

Zu spät – dieser hat ihn bereits gesehen.

Er ruft: »Komm zurück, Stepan, und erkläre Nix, warum es der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für sie ist, ganz allein und ohne Leibwächter zur Uni zu gehen.«

Stepan zuckt zusammen und blickt zwischen dem wütenden Gesicht meines Vaters und meinem hin und her. Er ist nur ein Buchhalter, wenn auch ein verdammt guter. Er zieht die Stille von Stift und Papier dem zerbrochenen Geschirr und den Beleidigungen vor, die sicher bald zwischen uns ausbrechen werden.

»Nix«, sagt er vorsichtig, »mit dem Geschäft deines Vaters mit den Princes und Romeros und der Vergrößerung der …«

»Sag mir nicht, dass es kein guter Zeitpunkt ist«, zische ich meinem Vater zu und ignoriere Stepan völlig. »Es ist nie ein guter Zeitpunkt. Wann wird es der richtige Moment sein, um zu studieren? Wann genau willst du dich zur Ruhe setzen?«

»Wenn ich tot bin«, bellt er.

»Ganz genau! Also entweder gehe ich studieren, oder ich muss dich wohl umbringen!«, schreie ich.

Stepan versucht wieder, sich davonzuschleichen. Diesmal lässt mein Vater ihn gehen, abgelenkt von der neuen Beleidigung, die aus meinem Mund kommt.

»Findest du das witzig, Mädchen?«, knurrt er. »Ich würde einem Soldaten die Zunge abschneiden, wenn er das zu mir sagen würde.«

»Ich bin nicht einer deiner Soldaten«, erinnere ich ihn. »Ich weiß, dass du das manchmal vergisst.«

So kämpfen wir – mit wilden Anschuldigungen und scharfen persönlichen Angriffen. In einer Stunde essen wir vermutlich zusammen, aber im Moment wollen wir uns gegenseitig erwürgen.

Das kommt davon, wenn man in einer kleinen Familie aufwächst, immer zusammen und weder Zeit noch Raum für sich.

Und ich weiß, dass das sein nächster Angriffspunkt sein wird.

Natürlich ist das Nächste, was er sagt: »Wenn dir dort auf der Insel etwas zustößt, wo ich dich nicht beschützen kann, würde deine Mutter mir nie verzeihen …«

»Oh, zieh sie da nicht mit rein!«, kreische ich. »Erstens weißt du verdammt gut, dass sie wollte, dass ich mich weiterbilde. Und zweitens hat sie kein Stimmrecht, weil es sie nicht mehr gibt.«

Jetzt ist Papa richtig wütend. Er hebt einen breiten Finger und streckt ihn mir warnend ins Gesicht.

»So nicht«, knurrt er.

Er stellt sich gern vor, dass meine Mutter in seiner Version von Walhalla auf ihn wartet.

Ich atme tief durch und versuche, die Wogen zu glätten, bevor wir beide etwas sagen, das wir bereuen – etwas Schlimmeres als die üblichen Dinge.

»Du weißt, sie würde wollen, dass ich zur Uni gehe«, sage ich leise. »Und du weißt, wenn sie in meiner Lage wäre, würde sie nichts und niemand davon abhalten, nach Kingmakers zu gehen.«

Das ist der beste Weg, um an ihn heranzukommen. Ihn daran zu erinnern, dass Mama genauso stur und abenteuerlustig war wie ich – und er sie dafür geliebt hat.

Ich kann sehen, wie der Kampf in seinem Inneren abläuft – seine Unfähigkeit, mir zu widersprechen, die Auseinandersetzung mit seinen überfürsorglichen Impulsen und seine absolute Abscheu vor der Vorstellung, mich aus den Augen zu lassen. Ganz zu schweigen von seiner Weigerung, jemals einen Rückzieher zu machen oder zuzugeben, wenn er im Unrecht ist.

Sein Gesicht ist fast so rot wie der Bart, die Fäuste sind geballt wie die eines Boxers.

Jetzt oder nie. Die Uni beginnt in einer Woche.

Ich dränge ein letztes Mal energisch und sage: »Die ganze verdammte Insel ist nur zwölf Kilometer lang. Du wirst die ganze Zeit genau wissen, wo ich bin. Du könntest mich genauso gut in einer Schneekugel in deiner Tasche haben. Es ist der sicherste Ort der Welt, nicht wahr?«

»Rocco Prince wurde dort erst vor einem Jahr ermordet!«, knurrt mein Vater.

»Dieter Prince ist nicht du. Niemand würde deine Tochter anrühren.« Ich grinse. »Selbst wenn ich es will.«

Mein Vater schmunzelt. Er weiß genau, dass es um meine Chancen auf Verabredungen genauso schlecht steht wie der Rest meines Soziallebens – und das ist seine Schuld.

Ihn zum Lachen zu bringen, ist der zweitbeste Weg, um zu bekommen, was ich will.

Am allerbesten ist es jedoch, direkt zu betteln.

»Bitte, Papa«, sage ich. »Ich möchte zur Uni gehen. Ich möchte einmal in meinem Leben normal sein. Oder zumindest annähernd normal.«

Er seufzt, seine massigen Schultern sinken einen Zentimeter ab. »Ich werde darüber nachdenken«, sagt er.

Ich widerstehe krampfhaft dem Drang, auf- und abzuspringen.

»Danke, Papa!«

»Ich sagte, ich werde darüber nachdenken!«, erinnert er mich.

»Ich weiß«, sage ich, richte den Stuhl wieder auf und steige darauf, damit ich ihn auf die Wange küssen kann.

Wir wissen beide, dass das bedeutet, dass ich gehen werde.

Kapitel 3

Nix

Die angehenden Studenten gehen in der ersten Septemberwoche vom Hafen in Dubrovnik aus an Bord des Schiffes nach Kingmakers.

Mir war nicht klar, dass wir bereits unsere Uniformen anziehen sollten, also komme ich in meinem üblichen Tanktop, einer Cargohose und Springerstiefeln zum Dock hinunter. Die Männer meines Vaters statten sich aus demselben Militärlager aus, das auch die Spetsnaz beliefert, und ich gebe zu, dass ich dort die meisten meiner Einkäufe tätige. Es sind alles erstklassige taktische Ausrüstungen, deren Größen standardisiert sind. Ich mag es bequem.

Ich freue mich nicht darauf, die Uniformen zu tragen, und ich habe ganz sicher nicht die Absicht, einen dieser karierten Röcke anzuziehen. Ich habe stattdessen die Hosen für Männer gekauft.

Ich versuche nicht, einer zu sein. Ich versuche nicht, »der Sohn zu sein, den mein Vater nie hatte« oder was auch immer. Ich möchte einfach nur in der Lage sein, herumzulaufen und zu sitzen, wie ich will, ohne mir Sorgen zu machen, dass man meine Unterwäsche sieht.

Ich gebe zu, dass ich mich im Vergleich zu all den anderen Studierenden, die sich für den ersten Unitag in Schale geworfen haben, ein wenig schmuddelig fühle – ich sehe frisch geschnittene Haare, glänzende Schuhe und all das.

Ich dachte, ich hätte mich herausgeputzt, als ich mir gestern Abend die Haare wusch. Aber hier ist es viel feuchter als in Kyjiw, und meine Locken bilden rebellische Twists, die auf halbem Weg zwischen Dreadlocks und etwas, das auf Medusas Kopf wächst, liegen.

Währenddessen haben sich die anderen Studierenden zurechtgemacht, und viele von ihnen scheinen sich bereits zu kennen. Sie bilden aufgeregte kleine Grüppchen, die eifrig über das kommende Studienjahr plaudern.

Ich werfe meinen Seesack auf den Gepäckstapel, um ihn auf das Schiff verladen zu lassen. Dann straffe ich die Schultern und sehe mich nach einer dieser Gruppen um, der ich mich anschließen kann. Schließlich bin ich ja hierhergekommen, um Freunde zu finden.

Ich bin sehr isoliert aufgewachsen, auf Papas Privatgelände, mit niemandem außer seiner Armee. Versteht mich nicht falsch, es ist toll, dreißig rüpelhafte Onkel um sich zu haben, aber es ist nicht dasselbe wie Gleichaltrige.

Ich fühle mich jedoch ziemlich selbstbewusst. Ich bin klug und witzig und immer bereit, etwas Neues auszuprobieren – was kann man da nicht mögen?

Also schlendere ich auf die erste Person zu, die ich sehe: eine große Asiatin mit Retro-Brille und pinkfarbenem Lippenstift. Sie hat eine Gruppe von Freunden um sich herum und sieht cool aus.

»Hallo!«, sage ich. »Ich bin Nix. Woher kommt ihr denn?«

»Ich komme aus Hongkong«, sagt das Mädchen und streckt ihre schlanke Hand zum Schütteln hin. »Alyssa Chan.«

Bevor ich ihre Hand nehmen kann, murmelt ihre Freundin etwas in schnellem Kantonesisch in ihr Ohr.

Alyssa lässt die Hand fallen und steckt sie in die Tasche ihres Rocks, als hätte sie nie vorgehabt, meine zu schütteln. Gleichzeitig macht sie unbewusst einen Schritt von mir zurück.

»Nix … und weiter?«, fragt sie.

»Nix Moroz«, sage ich und versuche so zu tun, als hätte ich die Lästereien ihrer Begleiterin nicht mitbekommen.

Alyssa nickt, ihre Miene ist gleichgültig und teilnahmslos. »Schön, dich kennenzulernen«, sagt sie kühl. Dann wendet sie sich wieder ihren Freunden zu und erteilt jedem weiteren Gespräch eine stumme, aber perfekt artikulierte Abfuhr.

Na ja, verdammt.

Entweder bin ich in der kroatischen Sonne verschwitzter und stinkender, als ich dachte, oder diese Mädchen haben das Gefühl, dass sie schon genug Freunde haben.

Ich versuche, mich nicht unsicher zu fühlen, und sehe mich nach jemandem um, der vielleicht freundlicher ist.

Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber mir kommt es so vor, als würden ein paar der Studierenden miteinander flüstern und Blicke in meine Richtung werfen. Eine Welle geht durch die Menge der Anwesenden, eine Nachricht wird von Ohr zu Ohr weitergegeben, während ich hier allein stehe und dumm dreinschaue.

Als ich einen Schritt auf eine Gruppe irischer Studenten zugehe, trennen sie sich sofort und gehen in entgegengesetzte Richtungen – einige gehen an Bord des Schiffes, andere haben das dringende Bedürfnis, ihr Gepäck zu kontrollieren.

Was zum Teufel ist hier los?

Nun, das macht nichts – die Schiffsbesatzung ruft, dass alle an Bord kommen sollen. Ich schließe mich dem Strom von Studierenden an, die über die Landungsbrücke an Deck gehen.

Das Schiff ist wunderschön, mit strahlend weißer, marineblauer und goldener Farbe und gespannten Segeln, die sich in der Brise bauschen. Ich beobachte mit großem Interesse die Matrosen, wie sie zusammenarbeiten, um die Taue und die Takelage zu handhaben, die für einen einzelnen Mann zu schwer sind – egal wie viel Erfahrung oder Muskelkraft er hat.

Sobald der letzte Studierende an Bord ist, lösen die Matrosen die Taue. Das Schiff setzt sich in Bewegung, zunächst beinahe unerträglich langsam, dann nimmt die Geschwindigkeit überraschend zu, als sich die Segel mit Wind füllen und das Schiff in den optimalen Winkel zum Wenden dreht.

Die Studierenden lassen sich auf dem Deck nieder – einige spielen Karten oder Würfelspiele, andere lesen oder wenden ihr Gesicht der prallen Sonne zu, um sich zu bräunen.

Jeder scheint mindestens eine Person zu haben, mit der er reden kann.

Außer einem Mädchen.

Sie sitzt auf der Reling des Schiffes, ohne sich darum zu kümmern, dass ein rauer Wellenschlag sie rückwärts ins Wasser schleudern könnte. Ihr dunkles Haar weht im Wind über ihre Schulter. Jeder einzelne Typ im Umkreis von dreißig Metern starrt wie gebannt auf die langen, gebräunten Schenkel, die sich unter dem kurzen Rocksaum abzeichnen.

Sie blickt sie kühn an und fordert sie auf, sich ihr zu nähern. Keiner hat bisher den Mumm dazu gehabt – wahrscheinlich, weil sie das schönste Mädchen ist, das ich je gesehen habe. Ihre Haut ist tief gebräunt, ihre Figur unverschämt sinnlich, ihre Lippen sind voll und schmollend, und ihre Augen haben einen ungewöhnlichen Farbton nebligen Graus. Ihre Augenbrauen sind dunkle Schrägstriche, die an den äußeren Rändern leicht nach oben gezogen sind und ihr einen grimmigen Ausdruck verleihen, obwohl sie eigentlich leicht lächelt.

Es ist kein Wunder, dass sich auch keine andere Studentin in ihre Nähe wagt. Ich sehe einige, die ihr neidische oder wehmütige Blicke zuwerfen. Ich glaube nicht, dass Frauen hübsche Frauen hassen, sie fühlen sich eher zu ihnen hingezogen. Aber diese Art von Schönheit ist erschreckend und in den Augen der meisten Menschen grundlegend ungerecht.

Ich bin von ihr fasziniert. Vielleicht liegt es daran, dass ich so oft mit Papa auf die Jagd gehe – ich kann nicht anders, als diese Frau als ein seltenes Exemplar zu betrachten.

Außerdem habe ich nie erwartet, die Hübscheste hier zu sein. Ehrlich gesagt, sehe ich ein bisschen seltsam aus. Ich bin fast so groß wie meine Mutter, habe dieses ungebändigte Haar und eine Haut, die kein bisschen Sonne verträgt und immer so leichenblass bleibt, als würde ich ganztags in einer Höhle leben. Ich habe eine raue Stimme, und ich lache zu laut. Ich verdrehe die Köpfe anderer aus den falschen Gründen.

Also gehe ich auf das Mädchen zu und frage: »Haben alle Angst, dich anzusprechen, weil du so hübsch bist, oder bist du eine heimliche Serienmörderin?«

Die Frau grinst mich böse an und sagt: »Nichts an mir ist heimlich.«

»Nix Moroz«, sage ich und halte ihr die Hand hin.

Sie rutscht vom Geländer, damit sie sie schütteln kann. Als sie auf den Füßen landet und feststellt, dass sie gut zehn Zentimeter kleiner ist als ich, sagt sie: »Verdammt! Ich hasse es, zu den Leuten hochzuschauen.«

Aber sie drückt meine Hand trotzdem fest. Ihre ist überraschend stark, und ich bemerke, dass ihre Finger mit etwas Dunklem befleckt sind. Ihr Parfüm hat einen berauschenden chemischen Geruch – Öl oder Benzin. Mir dreht sich der Kopf.

»Sabrina Gallo«, sagt sie.

»Woher kommst du?«, frage ich sie.

Vielleicht ist es unhöflich, jedem diese Frage zu stellen, aber ich bin sehr neugierig, da die Studenten aus allen Teilen der Welt nach Kingmakers kommen.

»Geboren und aufgewachsen in Chicago«, sagt sie. »Und du?«

»Kyjiw.«

»Oh ja«, nickt sie. »Ich hätte auf Russland getippt – der Akzent klingt ziemlich ähnlich.«

»Für dich.« Ich grinse. »Nicht für uns.«

»Macht Sinn.« Sabrina lächelt zurück.

Zwischen uns herrscht bereits eine gewisse Vertrautheit – eine Vertrautheit, die zwischen Menschen entsteht, die direkt sind. Es ist so viel einfacher zu wissen, woran man ist, wenn jemand sagt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Ob es nun unhöflich ist oder nicht.

»Freust du dich auf Kingmakers?«, frage ich.

»Ja, verdammt«, sagt sie. »Ich war extrem eifersüchtig auf den ganzen Spaß, den meine Cousins ohne mich hatten.«

»Ich bin neidisch, dass du Cousins hast«, sage ich. »Ich kenne hier niemanden.«

»Das wirst du noch früh genug. Es gibt weniger als hundert Leute in unserem Jahrgang. Bis Weihnachten wirst du sie alle kennen, und im Frühjahr hast du sie satt.«

»Das klingt … ziemlich aufmunternd.« Ich lache.

»Ich erkenne ein paar Leute wieder«, sagt Sabrina und lässt ihren Blick über die Studierenden auf dem Deck schweifen. »Das da drüben ist Leah Weiss – sie kommt aus Chicago. Ihr älterer Bruder Jacob ist in der Spionageabteilung. Ich glaube, sie sagte, sie will Buchhalterin werden. Das würde mich umbringen. Ich würde lieber Toiletten schrubben, als Bücher zu führen. Nichts für ungut, falls du das wirst.«

»Das würde mir nichts ausmachen«, sage ich. »Ich mag Zahlen. Aber ich bin eine Erbin.«

»Ich auch«, sagt Sabrina leichthin. Dann setzt sie ihre Bestandsaufnahme unserer Kommilitonen fort und fügt hinzu: »Der Typ da drüben, den habe ich schon mal gesehen, er kommt aus einer der italienischen Familien in New York, aber ich weiß nicht mehr, aus welcher. Oh, und da ist der Rest meiner Sippschaft!«

Sie winkt einem Jungen mit dunklem, lockigem Haar und einem freundlichen Grinsen zu, der sich durch die Studierenden zu uns drängt. Direkt hinter ihm folgt ein hübsches brünettes Mädchen mit zarter Gesichtsfarbe und zurückhaltender Ausstrahlung.

»Da bist du ja!«, sagt der Junge zu Sabrina und schnauft dabei ein wenig.

»Da bin ich!« Sie lacht. »Wo zum Teufel wart ihr zwei denn? Ich dachte, ihr würdet mich am Flughafen treffen?«

»Wir haben den Flug verpasst«, sagt er schulterzuckend. »Es war meine Schuld. Ich wurde angehalten – ich bin vermutlich zu schnell gefahren, weil ich Cara zu spät abgeholt habe. Ganz ehrlich, wir hätten auch fast das Schiff verpasst. Sie haben uns über Madrid und dann über Bern umgeleitet. Mit all den Zwischenstopps sind wir erst vor einer Stunde angekommen.«

In der Tat sehen die beiden abgekämpft und erschöpft aus.

Cara scheint den Schlamassel mit Gelassenheit zu akzeptieren. Seelenruhig sagt sie: »Es ist egal, Caleb. Wir haben es geschafft.«

Caleb ist weniger gnädig. »Danke, dass du NICHT auf dem Steg auf uns gewartet hast!«, wirft er Sabrina vor.

Sabrina lacht unbekümmert. »Woher sollte ich denn wissen, was mit euch passiert ist? Ich habe mein Handy zu Hause gelassen, schon vergessen? Auf der Insel gibt es immerhin keine Technik. Ich hatte nicht vor, das Boot aus Solidarität zu verpassen.«

»Wie auch immer«, sagt Cara zu mir und unterbricht das spielerische Geplänkel, »ich bin Cara Wilk. Das ist Caleb Griffin.«

»Du kennst Sabrina?«, fragt Caleb mich.

»Seit ungefähr zehn Minuten«, antworte ich. »Ich bin Nix Moroz.«

Ich glaube zu erkennen, wie ein seltsamer Ausdruck über Calebs Gesicht huscht, aber er verdrängt ihn so schnell, wie er gekommen ist.

»Schön, dich kennenzulernen«, sagt er.

»In welcher Abteilung werdet ihr sein?«, frage ich sie.

»Ich bin ein Vollstrecker«, sagt Caleb. »Mein Bruder Mi… ich habe einen älteren Bruder, der Erbe ist.«

»Ich bin bei den Buchhaltern«, sagt Cara.

»Aber eigentlich ist sie eine Schriftstellerin«, ergänzt Sabrina.

»Ach, wirklich?«, hake ich neugierig nach.

»Ich bin in letzter Minute nach Kingmakers gekommen«, erklärt Cara. »Ich hatte vor, auf ein normales College zu gehen. Literaturkurse zu belegen und so weiter. Aber dann dachte ich, dass es vielleicht nützlicher wäre, etwas über die Welt zu lernen, als Schreiben zu studieren.« Sie lächelt. »Oder ich konnte einfach den Gedanken nicht ertragen, noch einmal so zu tun, als würde ich Faust verstehen.«

»Ich bin auch in letzter Minute gekommen«, sage ich. »Mein Vater wollte nicht, dass ich hierherkomme.«

»Warum das?«, fragt Caleb und mustert mich genau.

»Er ist überfürsorglich«, sage ich. »Oder ich weiß nicht, vielleicht ist es genau das richtige Maß an Beschützerinstinkt, wenn man bedenkt, was in unserer Welt so alles passiert. Aber ich fühle mich wie in einem Käfig. Und ich möchte einfach wissen, wie es ist, herumzulaufen, ohne dass mich jemand jede Minute des Tages beobachtet.«

»Ich weiß nicht, ob du den richtigen Ort für deine Freiheit ausgesucht hast«, sagt Sabrina und wirft einen Blick auf all die uniformierten Studierenden. »Du hast doch die Liste der Regeln gesehen, die sie uns für diesen Ort geschickt haben.«

»Tu nicht so, als hättest du vor, auch nur einer von ihnen zu folgen.« Caleb lacht.

»Ach, halt doch die Klappe, du Heuchler.« Sabrina wirft ihr dunkles Haar zurück. »Das wirst du auch nicht.«

Da sie alle offensichtlich über Kingmakers Bescheid wissen, löchere ich sie mit Fragen, welche sie gern beantworten.

Caleb erzählt uns, dass er sich am meisten auf die Teilnahme am Quartum bellum freut, dem Wettbewerb, bei dem alle vier Jahrgänge gegeneinander antreten.

»Welche Art Wettkämpfe finden dort statt?«, frage ich ihn.

Caleb zuckt mit den Schultern. »Das ist jedes Jahr anders. In Kingmakers gibt es keinen Sportunterricht, zumindest in Hinblick auf Athletik. Nur Kampftraining und den ganzen Mist.«

»Ich weiß nicht, wie ich in den Kursen zurechtkommen soll«, sage ich. »Ich war nicht auf einer normalen Highschool, ich hatte einen Privatlehrer.«

»Wer lernt schon etwas in der Highschool?«, sagt Sabrina lässig. »Außerdem ist der Unterricht hier ganz anders. Da ist es egal, ob du Trigonometrie bestanden hast oder nicht.«

Das muntert mich ein wenig auf. Selbst als ich sehe, wie ein anderer Typ am Mast des Schiffes steht und mich äußerst finster anstarrt. Einige meiner Kommilitonen sind verdammt unfreundlich.

Nun, ich brauche nicht eine Million Freunde – ein oder zwei sind schon mehr, als ich vorher hatte.

Sabrina und Caleb sprechen über das Motorrad, das Sabrina zusammen mit ihrer Mutter restauriert hat und das ihr allein gehören wird, falls sie es jemals zum Laufen bringen.

»Weißt du, wenn du sie neu kaufst, funktionieren sie tadellos«, neckt Caleb sie.

»Die Indian Four werden nicht mehr hergestellt«, sagt Sabrina und rollt angesichts seiner Unwissenheit mit den Augen. »Das ist genau der Grund dafür.«

Zu dem Jungen am Mast haben sich inzwischen ein paar Freunde gesellt. Sie blicken alle zu mir herüber und murmeln.

Ich versuche, sie zu ignorieren.

»Reparierst du gern Autos?«, frage ich Sabrina.

»Nicht so sehr wie Motorräder«, sagt sie. »Die Indian Four hat diesen speziellen Motor, und sie …«

Drei Typen unterbrechen sie und drängen sich zwischen Sabrina und mich.

»Podyvit’sya, khto tse.«Sieh mal, wer da ist, sagt der größte auf Ukrainisch.

Er war derjenige, der sich an den Mast gelehnt und mich am längsten beobachtet hat. Er hat ein markantes, mürrisch wirkendes Gesicht, einen rasierten Kopf und Ohrringe an beiden Ohren.

Seine Freunde – einer dünn und stark tätowiert, der andere auf eine schlampige, unrasierte Art gutaussehend – starren mich an, als würden sie mich kennen.

»Khto vy, chort zabyray?«, frage ich. Wer zum Teufel seid ihr?

»Meinst du das ernst?«, sagt der Große, blickt seine Freunde an und lacht spöttisch.

Sabrina blickt verwirrt drein, aber Cara scheint zumindest einen Teil verstanden zu haben. Sie fragt die Kerle: »Und nun? Werdet ihr die Frage beantworten?«

Der Dünne spottet über mich. »Er ist dein Cousin, du Vollidiotin.«

»Ich habe keine Cousins«, antworte ich.

»Dann eben Cousin zweiten Grades. Das macht keinen verdammten Unterschied«, sagt der ungepflegte Typ.

»Du weißt wirklich nicht, wer ich bin?«, sagt der Große mit zusammengekniffenen Augen. »Du kennst die Lomachenkos nicht?«

»Ihr seid die Odessa-Mafia …«, sage ich langsam.

Mir ist natürlich bekannt, dass ein Teil der ukrainischen Mafia von Brighton Beach in New York aus operiert. Ich wusste, dass mein Vater gelegentlich mit ihnen zu tun hatte, aber ich wusste nicht, dass wir blutsverwandt sind – falls dieser Mistkerl überhaupt die Wahrheit sagt.

»Estas Lomachenko«, sagt er und plustert sich auf. »Ich nehme an, ich sollte nicht überrascht sein, dass Marko sich nicht daran erinnern will, was er meinem Bruder angetan hat.«

Ich habe noch nie von Estas oder seinem Bruder gehört, aber mir gefällt nicht, was er da andeutet. Und ich mag definitiv die spöttische Art nicht, wie er den Namen meines Vaters ausspricht. Auf keinen Fall würde er den Mumm haben, Papa mit Vornamen anzusprechen, wäre dieser hier.

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, sage ich kalt.

»Der hat ja Nerven, dich hierherzuschicken«, spottet Estas, dessen Nase so nah an meiner ist, dass seine Spucke meine Wangen trifft. Er stößt mich mit der Brust an und schubst mich nach hinten. »Glaubt er, die Regel der Vergeltung wird dich schützen? Wir können dir das Leben zur Hölle machen, ohne dich jemals anzufassen …«

»Geh mir verdammt noch mal aus den Augen«, knurre ich ihn an. »Und sag kein Wort über meinen Vater, sonst reiße ich dir wie einer verdammten Pusteblume den Kopf ab!«

»Ich sage, was immer ich will, über dieses verlogene, hinterhältige Stück …«

Ich hole aus und schlage Estas, so fest ich kann, in die Fresse.

Ich tue es, ohne nachzudenken oder irgendeinen Plan zu haben. Ich weiß, dass wir uns in Kingmakers nicht prügeln sollen, aber genau genommen sind wir noch nicht in Kingmakers – und außerdem, scheiß auf diesen verlogenen Mistkerl, der versucht, am ersten Unitag Streit mit mir anzufangen!

Untreue gegenüber der Familie ist die schlimmste Anschuldigung, die es in der Welt der Mafia gibt. Dieser Wichser wird sehr schnell lernen, was es bedeutet, den Namen meines Vaters zu beschmutzen.

Sein dünner Freund versucht, mich zu packen und in den Schwitzkasten zu nehmen, was sich zu einer Schlägerei auf dem Deck entwickelt, bei der ich auf alles einprügle und eintrete, was ich erreichen kann – während der dünne Kerl sich wie ein Klammeraffe an mir festhält. Estas, der durch seine blutverschmierten Zähne knurrt, versucht ebenfalls, sich auf mich zu stürzen. Zu meiner Überraschung schlägt die hübsche Sabrina Gallo ihn fast genau an der gleichen Stelle wie ich und verwandelt seine blutige Nase in eine spritzende Fontäne.

Caleb packt sie an den Armen und zerrt sie zurück, wobei er schreit: »Leute! Wieso bin ich hier der Vernünftige?«

Der Rest des Kampfes wird schnell von mehreren stämmigen Deckarbeitern unterbrochen, die Estas und mich auseinanderreißen, unsere Hände vor uns zusammenbinden und uns an den gegenüberliegenden Enden des Decks absetzen.

Leider bekommt Sabrina die gleiche Behandlung und wird direkt neben mir abgesetzt, mit Estas Blut an den Knöcheln.

»SCHLÄGEREIENSINDVERBOTEN!«, brüllt uns der Erste Offizier an und zeigt mit einem dicken Finger direkt auf uns. »Ihr bleibt hier und bewegt euch keinen Zentimeter, keiner von euch!«

Estas und sein dünner Freund sehen uns vom Heck aus feindselig an, aber unter den Blicken des Ersten Offiziers halten sie den Mund.

Caleb zumindest ist nicht in Schwierigkeiten, da er nur versucht hat, Sabrina zurückzuhalten. Er beobachtet uns aus einigen Metern Entfernung, stirnrunzelnd und besorgt, aber wird vom umherstreifenden Ersten Offizier zurückgehalten. Cara Wilk zuckt verständnisvoll mit den Schultern.

»Es tut mir leid«, sage ich schuldbewusst zu Sabrina.

»Ach, ist schon gut«, sagt sie. »Er hat angefangen.«

»Und dabei kenne ich ihn doch gar nicht!«, empöre ich mich. »Ich weiß nicht, was zum Teufel sein Problem ist.«

»Mhmm«, sagt Sabrina unverbindlich.

»Was?«, frage ich und drehe mich zu ihr um.

»Nichts.« Sie zuckt mit den Schultern.

»Nein, es ist nicht nichts«, sage ich. »Alle sehen mich so komisch an. Du weißt etwas darüber – spuck es aus.«

Sabrina zieht eine rußschwarze Augenbraue hoch und sieht mich aus kühlen grauen Augen an.

»Du scheinst nicht sehr offen für konstruktive Kritik von unserem Freund Estas da drüben zu sein«, sagt sie.

Mein Gesicht wird heiß. Ich halte die Erwiderung zurück, die mir sofort in den Sinn kommt. Ich bin gerade im Kampfmodus, aber das will ich Sabrina nicht antun. Sie hat versucht, mir zu helfen.

»Ich will wissen, was los ist«, sage ich zu ihr.

Sabrina hält ihre gefesselten Hände hoch und macht eine Geste, die wohl bedeutet: Nun, wenn du das wirklich willst …

»Dein Vater hat einen schlechten Ruf«, sagt sie.

Ich runzle die Stirn.

»Jeder hat einen schlechten Ruf. Wir sind ein Haufen Krimineller.«

»Sogar auf einem Campus voller Bösewichte ist er als ziemlich böser Kerl bekannt«, sagt Sabrina.

Ich möchte ihr sagen, dass sie die Klappe halten soll. Das ist mein Vater, von dem sie spricht – der Mann, der mich verehrt und aufgezogen hat und mir alles beigebracht hat, was ich weiß. Papa ist brillant und ehrgeizig. Ja, er ist jähzornig und ja, wir streiten manchmal wie die Wilden, aber ich bewundere ihn von ganzem Herzen.

Andererseits … Sabrina ist nicht wirklich die einzige Person, die das sagt. Die Botschaft wird mir von jedem Schüler, den ich treffe, mit kalter Verachtung entgegengeschrien.

Sabrina Gallo ist die einzige Person, die mich nicht auf den ersten Blick zu hassen scheint. Es wäre also ziemlich dumm, ihr als Überbringerin von schlechten Nachrichten, den Kopf abzureißen.

»Das habe ich noch nie gehört«, sage ich steif. »Ich finde ihn selbstverständlich großartig.«

»Natürlich tust du das«, sagt Sabrina.

Ich sitze eine Minute lang wütend da und ärgere mich darüber, dass all diese Leute meinen, sie hätten das Recht, über meine Familie zu urteilen, obwohl sie genauso wie ich aus einer diebischen, mordenden Familie stammen.

»Warum hast du mir dann geholfen?«, frage ich. »Wenn du glaubst, dass Estas recht hat?«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich glaube, dass er recht hat«, antwortet Sabrina. »Ich kenne deinen Vater nicht, ich habe ihn nie getroffen. Du scheinst cool zu sein und Estas ein Arschloch. Und ganz ehrlich, ich habe nicht darüber nachgedacht, bevor ich ihm eine verpasst habe. Es fühlte sich in dem Moment einfach richtig an.«

Das ist in etwa genauso viel Voraussicht, wie ich angewandt habe.

Unsere Blicke treffen sich, und ich kann mir ein Prusten nicht verkneifen. Sabrina fängt auch an zu lachen.

Es ist verdammt peinlich, gefesselt wie Gefangene im Hafen von Visine Dvorca anzukommen. Aber es ist auch irgendwie lustig, wie sehr ich es bereits geschafft habe, den ersten Unitag zu versauen.

Caleb Griffin sieht uns lachen. Er schüttelt den Kopf, als hätten wir unseren verdammten Verstand verloren. Cara Wilk sieht uns feierlich an.

»Darüber wird sie später bestimmt eine Kurzgeschichte schreiben«, flüstere ich Sabrina zu.

Sabrina versteckt ihr Gesicht in dem Dreieck, die ihre Arme und ihre angezogenen Knie bilden, und ihre Schultern zittern vor Hysterie.

»Gott sei Dank wird es meinen Eltern egal sein, wenn wir von der Uni fliegen, bevor wir überhaupt angefangen haben«, sagt sie.

»Mein Vater wird eine Party schmeißen«, sage ich. »Er wollte von vornherein nicht, dass ich komme.«

Dieser Gedanke fegt mir das Lächeln aus dem Gesicht.

»Was ist los?«, fragt Sabrina. »Ist das nicht eine gute Sache?«

»Ja …«, sage ich. »Ich will ihm nur nicht die Genugtuung geben, dass er denkt, er hätte recht.«

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Was mich wirklich beunruhigt, ist die Erkenntnis, dass es mehr als einen Grund gibt, warum Papa nicht wollte, dass ich nach Kingmakers gehe.

Kapitel 4

Nix

Das Schiff muss mehrmals die Richtung ändern, um in den geschützten Hafen von Visine Dvorca zu navigieren. Dies ist der niedrigste Punkt der Insel, umgeben von dem kleinen Dorf, das die Studierenden besuchen dürfen, wenn sie den langen Weg vom Campus hinunter nicht scheuen.

Wir werden in Waggons hochfahren.

Ich hatte gehofft, dass die Besatzung uns losbinden würde und die ganze Schlägerei vom ersten Tag vergessen wäre. Aber nein, es sieht so aus, als würde uns die Strafe bis nach Kingmakers verfolgen.

Sabrina und ich werden in den Gepäckwagen verfrachtet, wo wir wie verurteilte Verbrecher schmachvoll neben den anderen sitzen.

Zu meiner großen Empörung wurde Estas Lomachenko freigelassen und darf sich dem Rest der Neulinge anschließen, als wäre nichts geschehen.

»Was zum Teufel …?«, keife ich den Ersten Offizier an. »Wie kommt es, dass er nicht in Schwierigkeiten steckt?«

»Weil du angefangen hast«, sagt dieser. »Und weil er derjenige ist, der blutüberströmt ist, während du keinen einzigen Kratzer hast.«

Die Vorderseite von Estas’ Hemd ist rot getränkt. Er sieht extrem mürrisch aus, während er erfolglos versucht, den Blutfluss aus seiner Nase mit einem verschmutzten Taschentuch zu stoppen, das ihm die Crew zur Verfügung stellt.

Das ist der einzige Trost, den ich finde, als die Waggons die ungepflasterte Straße hinaufholpern – dass Estas wenigstens fast so dumm aussieht wie Sabrina und ich.

Sabrina scheint es nicht zu stören. Ich schätze, sie ist Aufmerksamkeit gewöhnt. Sie sitzt aufrecht und stolz auf der Bank und sieht sich neugierig um, während wir an Bauernhöfen und Weinbergen, dichten Kiefernwäldern und dann an weiten Feldern vorbeifahren, die nach dem letzten süßen Heu des Sommers duften.

Auf dem höchsten Punkt der Insel erhebt sich Kingmakers, eine riesige Steinfestung mit knochenbleichen Mauern und dunklen Giebeln. Die Tore werden von zwei monolithischen Gestalten bewacht: einem Ritter mit einer Axt zu unserer Linken und einer geflügelten Frau mit einem erhobenen Schwert zu unserer Rechten. Ihre steinernen Gesichter blicken kalt und abweisend auf uns herab.

Die Inschrift über dem Eingang lautet:

Necessitas non habet legem

Die Notwendigkeit hat kein Gesetz

Die Temperatur innerhalb Kingmakers ist mindestens zehn Grad kälter. Das Gelände liegt im Schatten der dicken Steinmauern, ganz zu schweigen von den vielen Türmen, Mauern und inneren Strukturen, die das Schloss ausmachen. Es ist wie eine geheime Stadt, ganz und gar in sich geschlossen, mit riesigen gläsernen Gewächshäusern und terrassenförmig angelegten Gärten sowie Studenten, die mit Entschlossenheit und Selbstbeherrschung umherschreiten, die mich in diesem Moment völlig verlassen haben.

Eine Gruppe von vier Studierenden aus dem vierten Jahrgang wartet vor dem Haupttor auf uns. Wir steigen aus den Waggons und werden von einer blonden Frau mit leuchtenden Augen angesprochen, die zu ihrer Uniform ein Paar rosa Cowboystiefel mit Strasssteinen trägt. Obwohl sie bestenfalls 1,60 Meter groß ist und man sie für eine Verbindungsschwester halten könnte, erinnert ihr Tonfall eher an einen Drill-Sergeant. Sie schreit: »Beeilt euch, Frischlinge! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!«

Sie zwinkert Cara Wilk zu und scheint sie zu kennen.

Dann runzelt sie die Stirn beim Anblick von Sabrina Gallo, die mit gefesselten Händen auf der Ladefläche des Gepäckwagens hockt.

»Was ist passiert?«, fragt sie den Fahrer.

»Die beiden müssen zum Dekan«, sagt er.

»Weswegen?«, schreit die Blondine.

Der Fahrer zuckt mit den Schultern.

Die Frau wirft ihm einen irritierten Blick zu, argumentiert aber nicht weiter. Stattdessen ruft sie den Rest der Studenten zur Ordnung, während der Fahrer beginnt, das Gepäck auszuladen.

»Willkommen in Kingmakers!«, ruft sie. »Ich bin Chay Wagner, und das ist Bodashka Kushnir« – sie nickt in Richtung eines massigen Typen mit einem breiten Kiefer und einem stumpfen Gesichtsausdruck –, »Matteo Ragusa« – ein schlanker Junge mit kurz geschnittenen dunklen Haaren, der den neuen Schülern zuwinkt –, »und Isabel Dixon« – einer clever aussehenden schwarzhaarigen Frau mit einem schiefen Lächeln und schrecklich abgebissenen Fingernägeln.