Kingmakers – Jahr 3 - Sophie Lark - E-Book
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Kingmakers – Jahr 3 E-Book

Sophie Lark

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Beschreibung

Er hat gesehen, was sie getan hat. Jetzt hat er die Macht ...

Mit farbigen Illustrationen bei Geräten mit Farbdisplay


Die unbarmherzigen Gänge einer Mafia-Universität sind kein Ort für die zierliche und sanfte Cat, die ihr erstes Studienjahr nur knapp überlebt hat, allerdings um den Preis ihrer Unschuld.

Cat hat etwas Schlimmes getan, und Dekan Yenin hat es gesehen. Nun wird sie vom bösesten Tyrannen der Kingmakers erpresst.

Er bietet ihr einen teuflischen Handel an: sein Schweigen und seinen Schutz ... wenn Cat ihm gehört.

Deans verdrehte Dominanzspiele bringen Cat dazu, Dinge zu tun, die sie sich nie zugetraut hätte ... Aber selbst die sadistischsten Spiele haben Regeln, und Deans Faszination für Cat könnte sein Untergang sein.

In Kingmakers ist die Liebe eine Waffe, die von den tödlichsten Spielern eingesetzt wird. Aber Gebrochenheit kann zu unerwarteter Stärke führen, und manchmal ist derjenige, der die Macht hat, derjenige, der am verwundbarsten für ihren Zauber ist ...

Band 3 der Dark Romance Serie »Kingmakers«

Dieser Roman erschien in einer früheren Fassung bereits unter dem Titel »Der Bully«.
Spice-Level: 3 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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MOBI

Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der Roman

Eine unbarmherzige Mafia-Universität ist kein Ort für die zierliche und sanfte Cat. Ihr erstes Studienjahr ist überstanden, allerdings um den Preis ihrer Unschuld. Cat hat etwas Schreckliches getan, und Dean Yenin hat es gesehen. Er bietet ihr einen teuflischen Handel an: sein Schweigen und seinen Schutz ... wenn Cat ihm gehört.

Deans perfide Machtspiele verlangen von Cat das Unmögliche, und nie hätte sie gedacht, dass sie die Dunkelheit in sich willkommen heißt. Doch selbst die sadistischsten Spiele haben Regeln, und Deans Faszination für Cat könnte ihm zum Verhängnis werden.

In Kingmakers wird Liebe von den tödlichsten Spielern eingesetzt. Aber manchmal sind die Verletzlichsten unerwartet stark und gerade die Mächtigsten anfällig für den Bann der Liebe …

Die Reihe

Kingmakers – Jahr 1

Kingmakers – Jahr 2

Kingmakers – Jahr 3

Kingmakers – Jahr 4

Kingmakers – Graduation

Die Autorin

Sophie Lark ist eine USA Today Bestsellerautorin. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie im Süden Kaliforniens. Sie schreibt intensive Liebesromane mit starken, klugen Heldinnen und Männern, die alles tun, um ihre Herzen zu erobern.

Sophie Lark

Kingmakers

Jahr 3

Roman

Aus dem Englischen von Martin Winkler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor.

Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Die Originalausgabe erschien 2021 in einer früheren Fassung unter dem Titel The Bully auf Englisch und Der Bully auf Deutsch. Die überarbeitete Fassung, auf der diese Ausgabe basiert, erschien 2024 unter dem Titel Kingmakers – Year Three bei Bloom Books, an imprint of Sourcebooks, Naperville, Illinois.

Copyright © dieser deutschsprachigen Ausgabe 2024 by Bloom in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Übersetzung: Martin Winkler

Redaktion: Jara Dressler

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

nach einer Originalvorlage von Sourcebooks

Umschlagdesign Serie: Emily Wittig

Umschlagdesign: Nicole Lecht / Sourcebooks

Umschlagmotive: © iStockphoto (morita kenjiro, VikaSuh, tbradford, insima) Illustrationen im Innenteil: © Line Maria Eriksen

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-32807-8V001

www.penguin.de/verlage/bloom

Dies ist für alle, die Dramione lieben

XOXO

Soundtrack

Killer – Valerie Broussard

I’ll Make You Love Me – Kat Leon

Bound – Indiana

Play with Fire – Sam Tinnesz

Do It for Me – Rosenfeld

Black Sheep – Metric

Crimson and Clover – Joan Jett

Come As You Are – Imaginary Future

Hypnotic – Zella Day

Heaven – Julia Michaels

Hinweis

Die Kingmakers-Serie ist eine Dark Maria Romance in einem Universitäts-Setting. Sie handelt von jungen Menschen aus kriminellen Familien. Dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte. Am Schluss des Buches findet sich eine Triggerwarnung (Achtung Spoiler!).

Was bisher geschah:

Cats verzweifelte Tat, um ihre Schwester zu retten, gelingt, aber der Preis ist hoch …

Dean Yenin kennt ihr Geheimnis und schließt einen teuflischen Handel.

Dieses Jahr:

Dean spielt seine Macht über Cat ab dem Moment aus, in dem sie das Schiff nach Kingmakers betritt. Bald tut sie Dinge, von denen sie nie gedacht hätte, dass sie sie tun würde …

Jemand spioniert auf Kingmakers Findest du vor Jahr 4 heraus, wer es ist?

Kapitel 1

Dean

Moskau

Der oberste Rat der Bratwa trifft sich heute Abend in geschlossener Gesellschaft in der obersten Etage des Bolschoi-Theaters. Es ist ein Treffen, das mein Vater nicht auslassen kann. Er wird zum ersten Mal seit Monaten unser Haus in der Noble Row verlassen müssen.

So sehr ich mich an das Chaos im Inneren unserer Villa gewöhnt habe, war ich doch schockiert, als ich im Frühsommer von der Uni nach Hause gekommen bin. Von außen sah die Sandsteinfassade wie immer teuer und gut gepflegt aus. Aber sobald ich die Eingangstür öffnete, schlug mir eine Welle stinkender, abgestandener Luft entgegen.

Es gab keinen sauberen Bereich im Haus mehr. Die wachsende Müllsammlung meines Vaters quoll im Eingangsbereich über: Stapel von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Schachteln, Tüten und Paketen türmten sich bis zur Decke wie ein Labyrinth, das mich zwingt, mich den Flur entlang- und die Treppe hinaufzuschlängeln.

Früher roch das Haus nach Staub und Schimmel, jetzt musste ich mein Hemd über die untere Gesichtshälfte ziehen, um den Gestank von etwas fernzuhalten, das unter den Müllbergen gestorben ist. Sicherlich Ratten, vielleicht sogar eine Taube oder eine Katze.

Er hat die Haushälterin vor Jahren aus dem Haus verbannt. Ich bezweifle, dass sie selbst für ein horrendes Honorar zurückkommen würden.

Mein Vater hatte mich nicht am Flughafen abgeholt – das hatte ich aber auch nicht erwartet. Ich stieg die Treppe hinauf, war wütend und verärgert darüber, wie weit er den Zerfall des Hauses hat voranschreiten lassen. Es ist, als ob er will, dass es über ihm zusammenbricht und ihn unter den Trümmern begräbt.

Ich ging direkt in sein Büro.

Wenigstens diesen Raum hatte er immer sauber gehalten. Und er hatte immer sein eigenes Erscheinungsbild gepflegt, selbst als der Rest unseres Hauses verwahrloste.

Aber ich fand ihn hinter seinem Schreibtisch in einem schmutzigen Bademantel sitzend, die Haare bis zu den Schultern herabhängend und die Fingernägel zwei Zentimeter lang. Er sah zu mir auf, verwirrt, sein gutes Auge getrübt, das andere milchig und blind.

»Was machst du denn hier?«, murmelte er.

»Die Uni ist für dieses Jahr vorbei. Es sind Semesterferien.«

Er starrte mich an, als hätte er keine Ahnung, welches Jahr wir haben, geschweige denn welchen Monat. Dann, langsam, schien er zu verstehen.

»Sie haben mir deine Noten geschickt«, sagte er und nickte in Richtung eines schweren grauen Umschlags mit handgeschriebenem Bericht.

»Ich wurde Zweitbester meines Jahrgangs«, sagte ich ihm.

»Wer war besser?«

Meine Kiefermuskulatur zuckte.

»Anna Wilk«, sagte ich.

»Eine Frau?«, spottete mein Vater.

»Sie ist die Erbin der Chicago Braterstwo. Du kennst ihren Vater.«

Jetzt war er an der Reihe zusammenzuzucken. Wir erwähnen Chicago nie. Und wir erwähnen schon gar nicht die Menschen, die dort wohnen – nicht einmal unsere engsten lebenden Verwandten.

»Nächstes Jahr erwarte ich, dass du den ersten Platz belegst«, schnauzte er.

»Das habe ich vor.«

Anna und ich lagen bei unseren Abschlussprüfungen innerhalb eines Prozentpunktes. Wir wussten nicht, wer triumphiert hatte, bis die Ergebnisse in der Mensa ausgehängt wurden.

Sie gratulierte mir, als ob sie mich nicht geschlagen hätte.

Es war das erste Mal, dass wir miteinander sprachen seit … einer sehr langen Zeit.

Ich spüre beim Klang ihrer Stimme immer noch eine Enge in der Brust. Meine Haut brannte dort, wo ihr langes silbriges Haar meinen Arm gestreift hat, als sie sich abwandte. Ich zerquetschte diese Gefühle wie Insekten mit meinem Schuh.

Ich habe meine Lektion gelernt. Ich werde NIEMALS mehr zulassen, dass Liebe mich schwach macht.

Ich befürchtete, dass mein Vater seine Arbeit ebenso vernachlässigt hatte wie seine Hygiene, aber die Bücher, die auf seinem Schreibtisch verstreut lagen, schienen darauf hinzuweisen, dass er zumindest nicht vergessen hatte, seinen Job zu erledigen. Er ist der oberste Buchhalter unseres Gebiets in Moskau und hat ein Team von Buchhaltern unter sich. Zum Glück für ihn ist das einer der wenigen Jobs der Bratwa, den man von zu Hause aus machen kann.

Er hasst es, gesehen zu werden.

Mein Vater war einst gutaussehend. Sportlich, charmant, begehrt von Frauen jeden Alters. Er konnte nicht einmal in Richtung einer Frau lächeln, ohne dass sie rot wurde und ihm ihre Telefonnummer zusteckte.

Von allen hübschen Damen auf der Welt betete ihn keine mehr an als seine Zwillingsschwester Yelena.

Dann verriet sie ihn.

Sie heiratete seinen Todfeind, Sebastian Gallo.

Sebastian fesselte meinen Vater an einen Stuhl im obersten Stockwerk seiner Villa. Als mein Großvater einen Molotowcocktail durch das Fenster warf, ließ Sebastian meinen Vater in dem einstürzenden Haus zurück, um bei lebendigem Leib zu verbrennen.

Aber er hat überlebt. Seine Lunge nahm Schaden, sein Fleisch schälte sich, die Haare verbrannten und doch überlebte er. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie ihn mit Schläuchen vollstopften und ihn intubierten, um ihn zu beatmen. Eine hübsche blonde Krankenschwester namens Rose Copeland kümmerte sich um ihn.

Es folgten Dutzende von Eingriffen: Operationen, um das verkohlte Fleisch wegzuschneiden und die Asche und den Schmutz aus dem Rest zu schrubben. Operationen, um gesunde Haut von der unverletzten Hälfte seines Körpers auf die offenen Wunden zu transplantieren.

Sie gaben ihm Drogen. Cocktails, Pillen und Infusionen, die direkt in die Vene injiziert wurden. Nichts davon konnte die Qualen durch die freigelegten Nerven betäuben. Er schrie allein im Krankenhaus, denn es gab niemanden mehr, der ihn besuchen konnte. Er weigerte sich, seine verräterische Zwillingsschwester zu sehen, und sein Vater war tot, ermordet von Sebastian Gallo.

Sein einziger Trost war die blonde Krankenschwester, die noch lange nach Schichtende blieb, um seine Hand zu halten – die gute Hand, die, die nicht verbrannt war.

Er blieb monatelang in diesem Krankenhaus.

Dann kehrte er nach Hause in das leere Anwesen der Familie zurück. Die Krankenschwester kam mit ihm, um ihm nachts Morphium zu spritzen und die Verbände zu wechseln.

Sie las ihm vor. Es war das Einzige, was ihn von den Schmerzen ablenken konnte. Er war noch nie ein großer Bücherfreund gewesen. Die Schwester machte ihn mit Hemingway und Hawthorne, Tolstoi und Tolkien bekannt. Sie gab ihm Dutzende Bücher, die unsere Regale säumten, als ich jung und das Haus noch hell und sauber war.

Jetzt kann man diese Regale zwischen den Bücherstapeln, die an jeder Wand lehnen, nicht einmal mehr ausmachen. Er hat kein Gespür mehr für Literatur. Er kauft jedes Buch, aber liest es nicht einmal: Krimis und Thriller, Romane und Science-Fiction. Sachbücher, Biografien, Memoiren. Die Lust am Lesen ist zur Lust des Hordens geworden.

Ich glaube, er verlässt das Haus überhaupt nicht, außer um die Lebensmittel hereinzubringen, die an die Eingangstreppe geliefert werden.

Aber heute Abend muss er das Bolschoi-Theater besuchen und hat verlangt, dass ich ihn begleite.

Zum zweiten Mal heute wasche ich mir den Gestank dieses schmutzigen Hauses von der Haut. Dann ziehe ich vorsichtig meinen nobelsten Anzug an. Er ist ein bisschen zu eng an Brust und Schultern. Ich habe dieses Jahr an der Universität Muskeln aufgebaut.

Der Anzug ist schwarz, genau wie der meines Vaters. Mit seinem schlichten Kragen und seinem einfarbigen Hemd sieht er aus wie ein Priester.

Ich bin froh, dass er sich wenigstens daran erinnert, wie man sich kleidet. Er hat das Haar an der Seite, wo es noch wächst, gewaschen und gekämmt. Diese Gesichtshälfte hat er auch rasiert. Seine Nägel sind geschnitten, und er hat Eau de Cologne aufgetragen.

Wenn ich links von ihm stehe, sehe ich einen Mann, der attraktiv, intelligent und streng wirkt.

Als er sich nach rechts dreht, sehe ich Wahnsinn. Rissiges, blasiges Fleisch. Einen verkümmerten Arm und Klauenhand. Und ein blindes, starrendes Auge ohne Lid.

»Bist du bereit?«, sagt die linke Seite seines Mundes.

Ich nicke.

Ich habe einen Wagen bestellt, der uns zum Theater bringt. Mein Vater steigt die Treppe hinunter, bleibt dann auf dem Bürgersteig stehen und zuckt im grellen Licht der Straßenlaternen zusammen. Ich glaube nicht, dass er das Sonnenlicht ertragen hätte. Die unverletzte Seite seines Körpers ist blass wie Kreide.

Er bückt sich, um in das Auto zu steigen, und stützt sich dabei auf seinen Gehstock.

Ich folge ihm und atme tief den ledernen Geruch der Limousine und den angenehmen Duft des Scotchs von der offenen Bar ein. So viel besser als der Gestank im Haus.

Ich möchte die Villa putzen, aber ich glaube, mein Vater würde mich umbringen, wenn ich es versuchen würde. Er wird wütend, wenn ich irgendetwas anfasse, sogar das Essen im Kühlschrank. Alles muss genau da bleiben, wo er es hingestellt hat. Nur er kann die Ordnung in dem chaotischen System sehen.

Ich muss dem Fahrer die Adresse des Theaters nicht sagen. Jeder kennt das Bolschoi – es ist auf der Hundert-Rubel-Note abgebildet. Die neoklassizistischen Säulen sind den Russen so vertraut wie den Amerikanern das Lincoln Memorial auf ihren Pennys.

Das Bolschoi ist unser Phönix. Viermal wurde es durch Feuer und einmal durch eine Bombe zerstört, und jedes Mal haben wir es wieder aufgebaut. Seine letzte Renovierung symbolisiert etwas weniger Inspirierendes: die klassische russische Bestechung. Die Milliarden-Dollar-Instandsetzung war für die Steuerzahler sechzehnmal so hoch wie der geschätzte Preis, und der Architekt wurde für dieselbe Arbeit dreimal so gut bezahlt.

Staatliche Bauprojekte sind die Art und Weise, wie die Mächtigen öffentliche Gelder in ihre Taschen leiten. Politiker, Geschäftsleute und die Bratwa sind in Russland ein und dasselbe.

Ballettkarten werden in großen Mengen an Mafiosi verkauft, die sie zum doppelten Preis an die Öffentlichkeit weiterverkaufen. Wir machen mit allem Geld. Kein Geschäft kann gemacht werden, ohne dass die Bratwa ihren Anteil nimmt.

Ich war schon viele Male im Bolschoi. Ich kenne die Proberäume, die Kulissen im Hintergrund und die Geheimgänge genauso gut wie die Eingangshalle. Mein Vater und ich bahnen uns mühelos einen Weg durch das Gewusel der Tänzerinnen in ihren zerrissenen Strumpfhosen und abgewetzten Schuhen, in der Luft liegt der Geruch von Haarspray, Nylon und Schweiß.

»Adrian und Dmitry, es ist viel zu lange her«, begrüßt uns Danyl Kuznetsow. Er sieht schick aus in seinem marineblauen Anzug, die dunklen Haare und den Bart frisch gestutzt.

Danyl ist derjenige, der meine Aufnahme in Kingmakers ermöglicht hat. Dafür bin ich ihm nach dem Abschluss zwei Jahre verpflichtet.

»Ich habe gehört, du machst dich sehr gut an der Universität«, sagt Danyl und klopft mir auf die Schulter.

»Das Studium macht mir Spaß«, antworte ich, was größtenteils auch stimmt.

»Jetzt hast du aber erst mal Pause. Selbst Gott hat einen Tag lang geruht.« Er lacht, dann zieht er mich zu sich und nickt in Richtung einer hübschen kleinen Ballerina, die vorbeihuscht. »Willst du eine von ihnen ficken? Ich kann eine nach oben bringen lassen. Oder zwei, wenn du willst! Die tun alles für eine Rolle im nächsten Stück. Oder eine Handvoll Rubel. Sie verdienen hier kein Geld, solange sie keine festen Rollen haben.«

»Nein, danke«, sage ich steif.

»Was ist los, treibst du’s nicht gern?«

»Ich mag keine Tänzerinnen. Zu abgemagert«, sage ich.

Ich will keine Ballerina ficken. Allein, dass ich in diesem Theater stehe, erinnert mich an Dinge, an die ich nicht denken will.

»Wie du willst.« Danyl zuckt mit den Schultern.

Er macht sich nicht die Mühe, meinen Vater zu fragen. Alle Bratwa wissen, dass Adrian Yenin sich für nichts und niemand ausziehen würde. Und wahrscheinlich ist es ihnen auch lieber so. Selbst die abgebrühtesten Soldaten sehen nicht gern in das Gesicht meines Vaters.

»Kommt, trinkt wenigstens etwas«, sagt Danyl und führt uns über die hintere Treppe zum Privataufzug, mit dem wir in die oberste Etage fahren.

Die Penthouse-Suite ist genauso übertrieben und üppig wie der Rest des Theaters, jeder Zentimeter des Raums ist mit rotem Samt, glänzendem Gold und funkelnden Kronleuchtern ausgestattet. Ich kenne die meisten der bereits versammelten Männer, darunter die drei Moskauer Bosse.

Moskau ist in drei Territorien aufgeteilt, jedes mit seinem eigenen Pakhan. Das Gebiet meines Vaters wird von Abram Balakin geleitet. Danyl ist sein Leutnant, und mein Vater ist der Dritte in der Rangordnung – obwohl er selbst nie Chef sein könnte, nicht mit seinen besonderen Bedürfnissen.

Da weder Abram noch Danyl Kinder haben, ist es möglich, dass ich eines Tages Pakhan werden könnte. Das ist der Grund, warum ich in die Erbenabteilung von Kingmakers aufgenommen wurde. Aber meine Position ist nicht gesichert. Ich werde mich an der Uni und dann in den Reihen der Bratwa beweisen müssen.

Abram begrüßt mich warmherzig. Er hat mich immer gemocht und meinen Vater auch, weil er der Bratwa durch seine akribische Buchführung und sorgfältigen Investitionen viel Geld eingebracht hat.

»Du siehst gut aus, Dmitry«, sagt er anerkennend. »Sie geben euch auf dem Campus genug zu essen.«

Abram hat sich selbst ein wenig zu gut ernährt. Seine Schneider müssen ihm das Doppelte des üblichen Preises für einen Anzug berechnen, bei der enormen Menge an feinem italienischem Stoff, die nötig ist, um diesen Bauch zu bedecken. Seine Wangen sind vom Alkohol gerötet, und in den Tränensäcken könnte man das Gepäck eines ganzen Wochenendes unterbringen.

Der Erfolg hat geschafft, was keinem Feind je gelang. Er hat ihn besiegt. Nun ist Abram faul und selbstgefällig geworden, ein Schatten des Kriegers, der einst dreißig Rivalen in einer einzigen Nacht abschlachtete.

Er muss seinen Platz irgendwann in den nächsten fünf bis zehn Jahren abtreten, bevor man ihn ihm gewaltsam entreißt. Ich bin sicher, dass er das weiß. Er überweist Vermögen auf ausländische Konten und befördert seine Männer.

Ich kann Danyls Ehrgeiz fast schmecken, jetzt, da er Schulter an Schulter mit dem Boss steht. Er will Pakhan werden. Will es mehr als alles andere.

Und wer wird dann Leutnant sein?

»Abram«, sagt Egor Antonov. »Ich habe dir eine Don-Arturo-Zigarre mitgebracht, die du so gern rauchst. Genieße sie mit mir, mein Sohn ist den Sommer über zu Hause.«

Egor hält Abram die Zigarre hin und drängt meinen Vater unauffällig zur Seite, damit er und sein Sohn mehr Platz haben. Mein Vater macht einen Schritt zurück und stützt sich auf seinen Gehstock. Ich balle die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten.

Ich kenne Vanya Antonov aus Kingmakers. Er ist ein Vollstrecker in meinem Jahrgang, mit Bodashka Kushnir und Silas Gray befreundet. Er ist groß und gut gebaut, mit kantigem Kiefer, markanter römischer Nase und dunklen Gesichtszügen. Außerdem hat er ein arrogantes, schiefes Lächeln, das eher ein Grinsen ist.

»Ein wirklich gut gebauter Bursche, den du da hast«, sagt Abram und klopft Vanya auf den Rücken. »Ich wünschte, alle meine Soldaten kämen von Kingmakers.«

»Vanya ist stark wie ein Ochse. Und kämpft wie ein Bär! Er hat auf dem Campus bereits ein paar Männer zusammengeschlagen.«

»Ach wirklich?«, sage ich kühl. »Ich habe dich letztes Jahr nicht beim Turnier kämpfen sehen, Vanya. Du wurdest nicht ausgewählt, nicht wahr?«

Vanya dreht den Kopf, um mich anzusehen, und zieht eine gepflegte Augenbraue hoch. Ich wette, er zupft sie, die verweichlichte Schlampe.

»Nein, wurde ich nicht.« Er grinst. »Wahrscheinlich, weil es dein Cousin war, der die Wahl getroffen hat.«

»Wir wissen alle, wie das läuft.« Egor schnaubt.

Vetternwirtschaft ist in Russland Standard.

»Ich wurde wegen meines Talents ausgewählt«, erinnere ich Vanya. »Leo Gallo und ich verachten einander.«

»Also kann dich sogar deine eigene Familie nicht leiden«, antwortet Vanya und grinst noch breiter.

Die anderen Männer lachen, und ich mache einen schnellen Schritt nach vorne, ziehe die Fäuste aus den Taschen. Das Einzige, was mich davon abhält, eine dieser Fäuste direkt in die Mitte von Vanyas arrogantem Gesicht zu hämmern, ist die gute Hand meines Vaters, die flach auf meine Brust gedrückt ist.

»Beherrsche dich«, zischt er.

»Ich habe den ersten Platz im Turnier und den zweiten in der Benotung belegt«, erkläre ich Vanya. »Dagegen habe ich deinen Namen auf dem Campus kaum gehört. Bis gerade eben hatte ich fast vergessen, dass du auch dort bist.«

Abram schnaubt verächtlich. Vanya hört es. Jetzt ist er an der Reihe, Farbe zu bekennen, denn er hat keine gute Antwort für sein völliges Versagen in Kingmakers.

»Ich würde dir jetzt gern eine Lektion in meinen Fähigkeiten erteilen«, knurrt er, die gespielte Höflichkeit ist vergessen.

»Das ist nicht nötig, Jungs«, sagt Abram in einem gelangweilten Ton. »Wir haben für den Abend eine andere Unterhaltung geplant.«

Er klatscht in die Hände. Die Doppeltüren am Ende der Privatsuite schwingen auf. Zwanzig elegant gekleidete Frauen strömen herein, sie tragen funkelnde Gewänder und Diamantschmuck. Alle sind groß und schlank, ihr glänzendes Haar ist hochgesteckt. Dies sind keine Theatertänzerinnen, sondern die Primaballerinas, von denen erwartet wird, dass sie trinken und tanzen und sich mit den Bratwa vergnügen. Wie Geishas bieten sie ein Höchstmaß an kultiviertem weiblichem Charme. Wenn die Bratwa ficken wollen, besuchen sie ihre eigenen Bordelle. Wenn sie Unterhaltung wollen, holen sie sich die Ballerinen ins Haus.

Die nächste Stunde wird trinkend in Geselligkeit verbracht. Ein Tisch entlang der Wand knarrt unter dem Gewicht von Krabbenbeinen, Kaviar, gekochten Wachteleiern, Farnsalat, brutzelnden Sprotten und Spanferkel.

Ich mache mich auf den Weg zum Buffet, um etwas zu essen, bis ich frischen Erdbeerkuchen mit Mürbeteigkruste sehe. Den hat meine Mutter immer gemacht. Sie versuchte, alle traditionellen russischen Gerichte zu lernen, weil es meinen Vater glücklich machte, nach Hause zu kommen und ihre Kochkünste zu genießen – selbst wenn sie schrecklich waren und ihr Borschtsch echt scheiße geschmeckt hat.

Mein Vater pflegte zu lachen, während er versuchte, ihr schreckliches Essen hinunterzuwürgen, und sie gab ihm mit dem Geschirrtuch einen Klaps und sagte, das sei nicht nötig, wir könnten das Restaurant an der Ecke besuchen. Üblicherweise küsste er sie dann und sagte, dass er es vorziehen würde, etwas zu bestellen, und sie schickten mich früh ins Bett, damit sie allein sein konnten. Meine Mutter brachte mir noch ein Stück Erdbeerkuchen, das war das Einzige, was sie tatsächlich einigermaßen gut hinbekam.

Ich sehe mir den Kuchen an.

Ich weiß, dass er für mich wie Sägemehl schmecken wird.

Ich greife stattdessen zu einem Glas gekühltem Wodka und stürze es in einem Zug hinab, wobei mir das Brennen gefällt.

Sobald sich alle am Essen gelabt und an Frauen sattgesehen haben, werden die Ballerinas entlassen. Isay Zolin beruft die Versammlung ein. Er kontrolliert das zweitgrößte Gebiet in Moskau. Zwar ist sein Besitz dem von Nikolai Markov untergeordnet, aber Isay ist der Cousin des Präsidenten und hat daher den Ratsvorsitz der Bratwa erhalten.

Isay überprüft, ob alle Pakhans anwesend sind, auch die aus St. Petersburg. Als er den Namen von Ivan Petrov aufruft, antwortet ein großer blonder Mann mit einer Narbe auf der linken Wange: »Ich bin in Vertretung meines Bruders hier.«

Das muss Dominik Petrov sein, flankiert von seinen beiden schwarzhaarigen Söhnen. Ich habe sie nie getroffen, aber der älteste Sohn Adrik ist eine Legende bei Kingmakers.

»Dieses Treffen ist für alle Pakhans«, sagt Isay streng. »Ich habe Ivan erwartet.«

»Er drückt sein Bedauern aus. Sein Geschäft in den USA ist für uns alle sehr lukrativ, aber es erfordert viel Aufmerksamkeit. Ein Notfall hat ihn aufgehalten.«

»Hat er dich autorisiert, in seinem Namen abzustimmen?«, fragt Isay.

»Hat er«, antwortet Dominik mit einem knappen Nicken.

»Dann werden wir fortfahren«, sagt Isay.

Jetzt kommt der langweilige Teil des Abends, an dem die Pakhans über Kleinigkeiten der gemeinsamen Bratwa-Geschäfte abstimmen, einschließlich der Frage, welcher Prozentsatz des riesigen Fonds ausgezahlt und wo der verbleibende Teil investiert werden soll.

Jeder Bratwa-Boss führt sein eigenes Unternehmen, aber ein Prozentsatz des Gewinns wird abgegeben, ein Teil wird zur Sicherung unserer gemeinsamen Ziele in der Regierung und im Geschäft verwendet, und ein weiterer wird für Verwaltungskosten, Bestechungsgelder, Rechtsverteidigung und anderer Dinge verwendet.

Wenn die Chefs nicht einer Meinung sind, dann werden die Leutnants und Derzhatel Obschaka wie mein Vater herangezogen, um ihre Stimme ebenfalls abzugeben. Das ist alles sehr demokratisch – soweit man es Demokratie nennen kann, wenn man weiß, dass der Mann über dir in der Rangordnung dir die Kehle durchschneiden könnte, wenn ihm deine Meinung nicht gefällt.

Ich prüfe die goldene Uhr an meinem Handgelenk – ein Geschenk meines Vaters zum achtzehnten Geburtstag. Ein traditionelles Geschenk. Normalerweise hätte sie eine Gravur. Meine nicht.

Es ist bereits weit nach Mitternacht.

Sobald die Abstimmungen beendet sind, führt mich mein Vater durch den Raum und stellt mich jedem vor, der wichtig ist und den ich noch nicht kennengelernt habe. Er selbst will die Leiter der Bratwa nicht hinaufklettern – er will keine zusätzliche Macht oder Verantwortung. Aber er versteht die Bedeutung von Allianzen.

Die Ballerinen dürfen zurückkehren. Viele der Bosse haben die Mädchen auf ihren Schößen sitzen und ziehen den Flirt dem weiteren Networking vor.

Nicht Dominik Petrov – er steht steif an der Wand, die Arme vor der breiten Brust verschränkt, und weist jegliche Annäherungsversuche der atemberaubenden Frauen zurück, die sich lieber an seine muskulöse Gestalt schmiegen würden als an die fetten und schwitzenden Körper der älteren Bratwa, die sich haben gehen lassen.

Dominik ist eindeutig desinteressiert, obwohl sein ältester Sohn Adrik so aussieht, als hätte er sich gern mit einer besonders attraktiven Rothaarigen vergnügt, wenn sein Vater sie nicht mit einem Zischen davongescheucht hätte.

»Dominik«, sagt mein Vater und hält ihm die gute Hand entgegen. »Lara gegenüber immer treu, wie ich sehe.«

»Ein Mann trinkt nicht aus der Toilette, wenn er guten Wein zu Hause hat«, antwortet dieser abweisend.

»Lass Isay nicht hören, dass du die weiblichen Blumen von Moskau mit einer Toilette vergleichst.« Mein Vater schmunzelt.

»Ich würde nicht einmal mein Messer mit Isay teilen, geschweige denn eine Frau«, sagt Dominik.

Ich kann nicht anders, als seine Frechheit zu bewundern, Isay Zolin vor einem Dutzend Bratwa-Bossen zu beleidigen. Es liegt etwas Sympathisches in seiner Unbekümmertheit und der völligen Missachtung jeder Frau, die nicht die seine ist. Es beweist Respekt vor seinen Söhnen.

»Das ist dein Sohn Dmitry?«, fragt Dominik und hält mir eine große, schwielige Hand hin.

»An der Universität nenne ich mich Dean«, sage ich.

Mein Vater wirft mir einen warnenden Blick zu. Russen verachten verwestlichte Namen. Er hat mich angewiesen, diesen Namen nicht in der Nähe der Bratwa zu benutzen. Aber so haben er und meine Mutter mich genannt, und ich nehme es ihm übel, dass er will, dass ich ihn vergesse.

»Ich vermisse Kingmakers«, sagt Adrik und wirft die schwarzen Haare zurück. »Das Leben war einfacher an der Uni.«

Adrik kommt mir nicht wie jemand vor, der zur Nostalgie neigt. Er hat einen wilden, grimmigen Blick – wie ein Tier, das sich an der Enge von Anzug und Krawatte stört.

Sein jüngerer Bruder ist schlanker gebaut und hat einen intelligenten, wachsamen Blick.

»Kade wird ab Herbst an die Uni gehen«, sagt Dominik und legt seinem jüngeren Sohn die Hand auf die Schulter.

»Dmitry kann ein Auge auf ihn werfen«, bietet Vater an.

»Das wäre nett«, sagt Dominik mit einem zustimmenden Nicken.

»In welcher Abteilung wirst du sein?«, frage ich Kade.

»Vollstrecker. Wie Adrik«, sagt er.

»Ich bin ein Erbe. Aber ich bin sicher, unsere Wege werden sich trotzdem kreuzen.«

»Hat Danyl dich zu seinem Nachfolger ernannt?«, fragt Adrik leicht verwirrt.

»Nein«, gebe ich zu.

»Interessant«, sagt er.

Ich glaube nicht, dass Adrik sich über mich lustig machen will, aber ich spüre die Wut in mir aufsteigen. Es ist wahr – ich verdiene meine Position in der Erbenabteilung nicht wirklich ohne eine formelle Anerkennung von Abram und Danyl. Der Dekan könnte die Bedingungen von Danyls Empfehlungsschreiben missverstanden haben, oder es könnte sein, dass Danyl und Abram die Absicht hatten, die Vereinbarung zu bestätigen, dann aber zögerten. Vielleicht, weil die Antonovs sich eingemischt haben.

Es bedeutet nur, dass ich in Kingmakers weiterhin Höchstleistungen erbringen muss. Ich habe vor, in meinen letzten beiden Jahren die besten Noten zu erreichen. Nichts und niemand wird sich mir in den Weg stellen. Nicht Anna Wilk und schon gar nicht Vanya Antonov.

Kapitel 2

Cat

Nach einem langen und schmerzhaft süßen Sommer in Chicago gehe ich nun wieder an Bord des Schiffs nach Kingmakers.

Die Realität meiner Situation bricht über mich herein.

Es war leicht zu vergessen, in welchen Schwierigkeiten ich stecke, als ich die Stunden mit Zoe, Miles und Miles’ kleinem Bruder Caleb beim Sightseeing verbracht habe.

Ich hätte nie gedacht, dass ich als Gast so gut behandelt werden könnte. Die Griffins nahmen mich in ihre Familie auf – auch wenn es Zoe ist, die einheiraten wird, nicht ich.

Sie kümmerten sich um all meine Bedürfnisse, zeigten mir die Stadt, kauften mir Delikatessen und Souvenirs und sorgten dafür, dass mir nie langweilig wurde, ich einsam war oder es mir auch nur an irgendwas fehlte.

Ich verdrängte die Erinnerung an das, was ich in Kingmakers getan hatte.

Tat so, als würde ich zu den Griffins gehören, als wäre Chicago schon immer meine Heimat gewesen.

Aber jetzt ist alles vorbei.

Ich war für eine trostlose Woche bei meinem Vater in Barcelona, bevor ich meine Koffer erneut packte.

Vater war so gut gelaunt wie noch nie. Der Deal, den er mit Miles Griffin abgeschlossen hat, übertraf seine kühnsten Träume, was die schiere Menge an Geld angeht, die auf sein Konto fließt. Das war die Abmachung: Miles’ Dark-Web-Drogen-Pipeline im Austausch für Zoe. Miles hat meinen Vater und seine Verbündeten zu sehr reichen Männern gemacht.

Als kleine Überraschung hat Miles sichergestellt, dass mein Vater mich nicht zu irgendwelchen Heiratsverträgen zwingen darf. Dieser hat seinen Teil der Abmachung eingehalten: Er ließ mich die ganze Woche in Spanien in Ruhe und verlangte nicht einmal, dass ich ihn und meine Stiefmutter Daniela zu irgendwelchen langweiligen Partys begleite.

Trotzdem war es eine lange, einsame Woche nach der Wärme und dem Trubel des Griffin-Haushalts.

Ich vermisse Zoe jetzt schon.

Ich vermisse sie furchtbar.

Sie fragte mich erneut, ob ich mit ihr und Miles nach Los Angeles kommen will. Ich hätte das Angebot so gern angenommen. Ich fühle mich bei den beiden sicher. Zoe ist die einzige Person auf dem Planeten, die mich wirklich und bedingungslos liebt, die alles tun würde, um mich zu beschützen.

Aber ich wusste, dass ich nur das fünfte Rad am Wagen sein würde. Ein Anker, der sie hinunterzieht, während sie versuchen, ein gemeinsames Leben aufzubauen.

Ich muss zurück in mein eigenes Leben in Kingmakers. Auch wenn es die Hölle wird.

Es ist ironisch. Meinem Vater ist es verboten, mich gegen meinen Willen in einen Ehevertrag zu zwingen. Aber ich habe mich bereits in etwas viel, viel Schlimmeres verstrickt.

In dem Moment, in dem ich einen Fuß auf das Schiff nach Kingmakers setze, sehe ich mich nach Dean Yenin um.

Ich erinnere mich an die letzten Worte, die er zu mir gesagt hat, als wäre es vor drei Minuten gewesen und nicht vor drei Monaten.

»Ich weiß, was du getan hast …«

»Ich habe dich gesehen …«

»Ich werde nichts verraten. Aber versteh eines … Du gehörst jetzt mir. Wenn wir wieder in die Uni kommen, gehörst du mir. Bist meine Dienerin. Meine Sklavin. So lange, wie ich es will …«

Ich hätte Zoe beinahe hundert Mal meine Tat gebeichtet. Ich hätte ihr fast gesagt, was ich getan habe.

Aber am Ende schluckte ich die Worte jedes Mal hinunter. Es fühlte sich an wie ein Klumpen der Angst, der tief in mir lag.

Das ist eine Last, die ich tragen muss, nicht sie.

Wenn ich Zoe die Wahrheit sagen würde, könnte sie sich nie frei fühlen, nicht mit Miles nach Los Angeles gehen.

Sie wäre gezwungen, bei mir zu bleiben, zu versuchen, mich vor etwas zu schützen, das sie nicht verhindern kann.

Dean weiß, was ich getan habe. Er könnte es jederzeit dem Dekan sagen. Nichts kann ihn davon abhalten, das zu tun. Meine einzige Chance ist, mich auf Deans Wohlwollen zu verlassen. Auf seine Gnade zu hoffen.

Das einzige Problem ist, dass ich glaube, dass er so etwas nicht kennt.

Ich versuche, einen Mann zufriedenzustellen, der nicht zufrieden sein kann.

Dean ist bösartig. Rachsüchtig. Voller Wut.

Er könnte mich mit einem einzigen Satz vernichten, nur weil ich ihn schief ansehe.

Die Geschichte seines Hasses ist lang und kompliziert.

Er hasst Leo Gallo aufgrund der Feindschaft ihrer Familien.

Er hasst Miles und Zoe, weil Miles der Cousin von Leo ist.

Und er hasst mich, weil ich Zoes Schwester bin.

Aber das kratzt kaum an der Oberfläche.

Ich habe den Sommer lang darüber nachgedacht und mich gefragt, wie ich wirklich seinen Zorn auf mich gezogen habe.

Der wahre Grund seiner Wut auf mich liegt darin, dass ich ihn in einem Moment gesehen habe, in dem er verletzlich und ungeschützt war.

Ich sah ihn heulend, nachdem Ozzys Mutter vom Dekan hingerichtet wurde. Ich sah ihn zusammengekauert, mit tränenüberströmtem Gesicht, als er dem Sturm des Schmerzes in seinem Inneren nachgab.

Und das wird er mir nie, nie, nie verzeihen.

Ich habe Dean schwach und verletzlich gesehen. Er wird mich eher töten lassen, als mir die Gelegenheit zu geben, es jemand anderem zu erzählen.

Und wie der Idiot, der ich bin, habe ich ihm das perfekte Druckmittel gegeben.

Ich habe Rocco Prince, den Verlobten meiner Schwester, ermordet.

Und Dean weiß es.

Die Regel der Vergeltung ist das eiserne Gesetz in Kingmakers: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben.

Wenn Dean jemandem erzählt, was ich getan habe, werde ich hingerichtet, genau wie Ozzys Mutter. Ich werde gezwungen sein, vor der gesamten Studentenschaft zu knien, damit der Dekan mir die Kehle aufschlitzen kann.

Das ist die Situation, in der ich mich befinde, als ich auf dem sonnenverbrannten Deck des Schiffs stehe. Eine falsche Bewegung und Dean wird mich den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Meine einzige Überlebenschance besteht darin, zu hoffen und zu beten, dass irgendwo, tief in seinem Inneren, ein Funken Menschlichkeit lebt.

Oder vielleicht wird es ihm einfach langweilig, mich fertigzumachen, und er geht zu etwas anderem über.

Ich kann keinen anderen Ausweg sehen.

»Cat!«, ruft Perry Saunders und umarmt mich freudig. »Wie war dein Sommer?«

Perry ist quirlig, hat lockiges blondes Haar und rosige Wangen. Sie kleidet sich wie eine Barbie, trägt aber bereits den karierten Rock und schicken Blazer unserer Uniform.

Meine Mitbewohnerin Rakel war ebenfalls auf dem Weg zu mir, aber als sie Perry sieht, macht sie eine abrupte Kehrtwende und geht in die entgegengesetzte Richtung. Ich packe sie am Arm und ziehe sie zu uns, denn ich habe beschlossen, dass Rakel dieses Jahr gesellig sein wird. Ob sie es nun will oder nicht.

»Perry, kennst du schon meine Mitbewohnerin?«, sage ich und lege einen Arm um Rakels schlanke Schultern, damit sie nicht abhauen kann.

»Nein!«, trällert Perry. Sie streckt Rakel die Hand entgegen. »Periwinkle Madeline Saunders, schön, dich kennenzulernen.«

Rakel zwingt sich zu einem Lächeln, das eher nach einem Knurren aussieht, und schüttelt Perrys Hand mit zwei Fingern. »Einfach … Rakel«, sagt sie.

»Ich wünschte, die Buchhalter würden im Untergeschoss wohnen!«, sagt Perry neidisch. »Alle anderen Abteilungen haben so coole Schlafsäle, und unserer ist so langweilig wie ein Stück Brot. Es könnten genauso gut Zellen in unserem Turm sein – wir haben nicht einmal einen Blick auf die Klippen.«

»Wir haben gar keine Fenster«, erinnert Rakel sie monoton.

»Ich weiß, aber das ist wenigstens gruselig!«, sagt Perry.

Rakel blinzelt mich aus dunklen Augen an und verdeutlicht mir damit, dass sie sich später an mir rächen wird, weil ich sie in dieses Gespräch verwickelt habe. Ich lächle sie an, denn ich weiß, dass niemand sonst mit Rakel ein Zimmer teilen will, also muss sie mit mir vorliebnehmen.

»Wer macht deine Nägel?«, fragt Perry und schaut auf Rakels mit Silberringen versehene Hände. »Die sehen aus wie Krallen!«

»Sie wachsen von allein auf diese Weise«, sagt Rakel, während Perrys Augen groß und rund werden, weil sie es ihr abnimmt.

Anna Wilk und Leo Gallo kommen Hand in Hand über den Steg. Anna ist eine von Zoes besten Freundinnen. Sie war außergewöhnlich nett zu mir während meines ersten Studienjahres, als ich vor lauter Angst vor den unbekannten Anforderungen in Kingmakers beinahe zusammenbrach.

»Cat!«, ruft sie erfreut und umarmt mich.

Ich habe Anna im Sommer in Chicago gesehen, aber sie drückt mich, als wären wir Monate getrennt gewesen.

»Es macht mich so traurig, dich hier ohne Zoe zu sehen. Aber du wirst sowieso die ganze Zeit mit mir und Chay rumhängen. Du wirst den Platz deiner Schwester einnehmen, sonst werden wir wirklich am Boden zerstört sein.«

»Das würde ich gern«, antworte ich dankbar. Ich war mir nicht sicher, ob Anna und Chay weiter mit mir abhängen wollen – jetzt, da Zoe beschlossen hat, nicht mehr zur Uni zu gehen.

»Ich vermisse Miles auch«, sagt Leo mürrisch. »Man hätte darauf wetten können, dass er genau dann abhaut, wenn er sich endlich in einen vernünftigen Menschen verwandelt.«

Dean Yenin ist der Nächste, der das Schiff betritt, flankiert von seinen Handlangern Bram Van Der Berg und Valon Hoxha. Instinktiv verstecke ich mich hinter Leos stattlicher Figur, aber es ist sinnlos. Deans scharfe Augen richten sich sofort auf mich. Zum ersten Mal sehe ich, wie sein Gesicht sich zu einem Lächeln verzieht.

Sein Lächeln ist viel schlimmer als sein finsterer Blick. Die gleichmäßigen weißen Zähne täuschen mich keine Sekunde lang. Das ist ein Grinsen der reinen Bosheit.

O mein Gott, ich ertrage das verdammt noch mal nicht.

»Worüber freut der sich denn so?«, fragt Leo misstrauisch.

»Wer weiß!« Anna zuckt mit den Schultern, unbekümmert und gleichgültig. »Lasst uns einen Platz suchen, bevor sich das ganze Schiff füllt.«

Wir machen uns auf den Weg zum Bug, wo die Luft frischer ist und die Meeresbrise direkt in unsere Gesichter weht.

Wir verlassen den Hafen in Dubrovnik und segeln in Richtung der abgelegenen Insel Visine Dvorca, auf der sich die Festung Kingmakers befindet.

Sobald das Schiff ablegt, werden wir erst im Frühjahr wieder in die Zivilisation zurückkehren.

Ich werde auf dieser Insel mit meinem Peiniger gefangen sein.

Perry löst sich von unserer Gruppe, um sich ihren Buchhalter-Freunden anzuschließen. Zu meiner Freude bleibt Rakel tatsächlich bei uns. Obwohl sie mich zu Beginn des letzten Jahres verachtet hat, werden wir langsam so etwas wie richtige Freundinnen.

Jetzt, da Zoe weg ist, brauche ich alle Unterstützung, die ich kriegen kann.

Vielleicht erkennt sie in Annas starkem schwarzem Make-up und der zerrissenen Strumpfhose eine verwandte Seele, denn Rakel beginnt ein Gespräch über die Konzerte, die sie im Sommer besucht hat. Anna geht enthusiastisch mit ihren eigenen Geschichten über Freiluftkonzerte, tobende Pöbeleien und unverschämte Preise für beschissenes Bier darauf ein.

»Wie geht es dir?«, fragt Leo mich freundlich.

»Mir geht’s gut!«, lüge ich instinktiv.

Ging es irgendjemandem in der Weltgeschichte tatsächlich »gut«, als er diese Worte gesagt hat?

Ich will es immer jedem recht machen. Wie Zoe habe ich mich nie dabei wohlgefühlt, meine Probleme mit anderen zu teilen. Besonders nicht mit jemandem, der so gut aussieht und einschüchternd ist wie Leo Gallo.

Ich lasse mich auf einen Stapel aufgewickelter Seile sinken, zusammen mit Ares Cirillo, der in geselligem Schweigen neben mir sitzt und den Matrosen bei der Arbeit zusieht. Ich weiß, dass er ein kleines Boot besitzt, mit dem er um die kleine griechische Insel segelt, wo seine Familie wohnt. Mit den türkisfarbenen Augen und den sonnigen Strähnen im Haar sieht er aus, als sei er auf dem Meer zu Hause.

Als das Schiff aus dem Hafen läuft, frischt die Brise auf, und eine angenehm salzige Gischt weht uns ins Gesicht. Doch die Sonne knallt auf unsere Köpfe, und schon bald entledigen sich die Studierenden aller möglichen Kleidungsstücke, darunter Jacken, Strümpfe und sogar Hemden.

Dean Yenin lehnt an der Reling und zieht das weiße Hemd aus. Die Haut darunter ist kaum dunkler als das Hemd, geprägt von Muskeln, die in unzähligen Stunden in unserer Sporthalle hart erarbeitet wurden. Als er sich umdreht, um das Hemd über die Reling zu hängen, sehe ich einen sibirischen Tiger auf seinem Rücken. Dean erinnert mich selbst an einen weißen Tiger – blass und bösartig, bestehend aus Sehnen, harten Muskeln und dem Wunsch, Fleisch von Knochen zu reißen.

Bram Van Der Berg reibt seine bräunliche Haut mit Öl ein, offenbar fest entschlossen, noch eine weitere Nuance dunkler zu werden, bevor er die Insel erreicht.

»Gib das her«, murmelt Dean und schnappt es sich von Bram.

Er schreitet zu mir herüber, ein Grinsen auf dem Gesicht.

»Cat!«, brüllt er und lässt mich damit zusammenzucken. »Reib mir den Rücken ein.«

Anna lacht spöttisch.

»Bram soll das machen«, sagt sie. »Cat ist beschäftigt.«

Dean ignoriert sie, die blassen violetten Augen sind auf mich fixiert.

»Jetzt«, sagt er leise.

Ich spüre, wie ich von meiner Position auf dem Seil aufspringe und gehorche, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe.

»Okay«, murmle ich, mein Gesicht glüht.

Anna runzelt die Stirn. »Du musst nicht auf ihn hören«, sagt sie zu mir.

Anna und Dean waren während ihres ersten Studienjahrs kurz miteinander ausgegangen, aber ich weiß, dass sie mich nicht deshalb in Schutz nimmt. Anna ist die Art von Feministin, die ihre Schwestern immer beschützt, egal ob sie den betreffenden Mann kennt oder nicht.

Dean beobachtet mich, sein Gesicht verfinstert sich, als ich den Befehl nicht sofort befolge.

»Es macht mir wirklich nichts aus«, stottere ich und stolpere über meine eigenen Füße, als ich über das Deck eile.

Anna, Leo, Ares und Rakel blicken mir verwirrt nach, als ich das Öl von Dean nehme und es in die Hände gieße.

»Reibe meinen Rücken ein«, sagt er. »Langsam. Und verschütte keinen einzigen verdammten Tropfen.«

Meine Hände zittern, und mein Gesicht brennt, als weitere Studierende die bizarre Vorstellung beobachten, wie ich, ein schüchterner kleiner Niemand, einem der widerwärtigsten Studenten den Rücken einöle.

Deans Haut ist glatt und sonnengewärmt, die Muskeln sind steinhart.

»Massiere die Knoten heraus«, befiehlt er.

Ich versuche zu gehorchen, aber meine zierlichen Hände kommen gegen die harten Muskeln nicht an. Ich kann die Finger überhaupt nicht versenken.

Dean bringt mich dazu, seinen Rücken und die Schultern einzureiben, dann die ganze Länge seine Arme hinunter.

»Jetzt die Brust«, sagt er und grinst.

Er dreht sich zu mir um und schaut mir ins Gesicht, während ich Öl auf seinen Brustmuskeln verteile. Ich kann seinen Blick nicht erwidern. Ich fühle mich total gedemütigt, gezwungen, dies vor Hunderten von zuschauenden Studierenden zu tun. Dean ist so viel größer als ich, sodass ich mich auf die Zehenspitzen stellen muss, nur um den oberen Teil seiner Schultern zu erreichen.

Wenn ich so nah bei ihm stehe, erschaudert mein ganzer Körper. Ich fühle mich wie eine Maus, die gezwungen ist, in den Klauen eines Tigers herumzutanzen. Ich zittere, mein Gehirn sagt mir, dass das viel zu nah ist und dass ich sofort fliehen soll.

Ich kann Deans Haut unter dem Kokosnussöl riechen. Er riecht sauber und frisch geduscht, aber als die Sonne auf uns beide herabstrahlt, nehme ich einen Hauch seines tatsächlichen Duftes wahr, ein intensives und prickelndes Aroma wie die grau-grünen Dämpfe von Absinth. Es macht mich schwach und wackelig.

»Du kannst aufhören«, sagt er und entlässt mich abrupt.

Er wendet sich ab und schreitet zurück zu seinen Kameraden, als würde ich nicht einmal existieren.

Ich bin seltsam enttäuscht. Fast wütend.

Ich habe ihn zwanzig Minuten lang eingeschmiert. Er hätte wenigstens »Danke« oder »Gute Arbeit« sagen können.

Dann verblasst dieser Anflug von Idiotie, und ich bin einfach nur erleichtert, dass er mich so leicht hat davonkommen lassen.

Ich kehre zu Anna und den anderen zurück.

»Du musst nicht tun, was er sagt!«, entrüstet sich Anna. »Ich weiß, dass er unheimlich ist, aber er wird dir nichts tun, wenn wir dabei sind.«

Ich weiß, dass Annas Absichten gut sind, aber in diesem speziellen Fall liegt sie wirklich falsch.

Ich muss tun, was Dean sagt.

Denn die Konsequenzen werden schrecklich sein, wenn ich mich weigere.

Kapitel 3

Dean

Die Eingewöhnung in Kingmakers ist inzwischen ein alter Hut. Wir sind im selben Schlafsaal wie vorher, obwohl ich in den dritten Stock des achteckigen Turms gezogen bin, zusammen mit dem Rest der männlichen Erben des dritten Jahrgangs.

Ich fühle mich wie zu Hause, als ich durch die riesigen Steintore auf den weitläufigen mittelalterlichen Campus trete. Mein erstes Jahr an der Uni war bitter, bedingt durch meine verhängnisvolle Schwärmerei für Anna Wilk. Seitdem bin ich Herr über meine Gefühle und meinem Gebiet auf dem Campus geworden. Die holländische Penose, die Armenier und die Hälfte der Moskauer Bratwa gehorchen mir. Ich beweise bereits meine Führungsqualitäten, meine Fähigkeit, Soldaten dazu zu bringen, meinen Befehlen zu folgen.

Ganz zu schweigen davon, dass ich der unangefochtene Champion bin, wenn es um das Kämpfen geht. Keiner kann mich im Boxring schlagen. Niemandem ist das jemals gelungen.

Das Haus meines Vaters ist chaotisch und schmutzig. Kingmakers passt besser zu mir. Es ist voller Macht und Geschichte. Eine wahre Leistungsgesellschaft, in der ein Vollstrecker wie Adrik Petrov oder ein Möchtegernerbe wie ich es bis ganz nach oben schaffen können, nur indem wir unsere Fähigkeiten und unsere Intelligenz beweisen.

Die meisten Studierenden im dritten Jahr behalten dieselben Mitbewohner, die sie schon vorher hatten. Ich bleibe bei Bram, weil wir uns inzwischen aneinander gewöhnt haben. So nervig er auch sein kann, er ist immer noch besser als Valon oder einer der anderen. Bram weiß wenigstens, dass er keine Unordnung anrichten darf, und ich ziehe sein mürrisches Schweigen Valons nervigem Geschwätz vor.

Als wir beide unseren einzigen Koffer auspacken, muss ich unweigerlich an das Gesicht von Cat Romero denken, die auf dem Deck des Schiffs meinen Befehlen gehorcht hat. Obwohl Cat schwach und schüchtern ist und es kaum wert ist, herumkommandiert zu werden, erfüllt mich das schiere Gewicht meines Einflusses auf sie mit einem berauschenden Gefühl der Macht. Sie muss tun, was ich sage, sie hat keine andere Wahl. Das Ausmaß dieser Kontrolle lässt mich high werden.

Sie vor Anna, Leo und Ares zu zwingen, mir zu gehorchen, hat besonders viel Spaß gemacht. Sie haben keine Ahnung, warum sie mir gehorcht. Ihre Verwirrung gibt dem Ganzen die nötige Würze.

Anstatt mich auf den Beginn meines Unterrichts zu freuen, plane ich, was ich als Nächstes mit ihr anstellen werde. Ich erinnere mich an ihre erröteten Wangen und wie sie unter meinem Blick zusammenzuckte. Ich überlege, wie ich sie weiter demütigen kann. Je weiter ich sie dränge, desto mehr zeige ich meine Macht über sie. Es könnte Spaß machen, zu sehen, wie weit ich sie treiben kann, bevor sie schließlich zerbricht.

Ich wünschte, wir wären im selben Jahr, sodass wir Kurse zusammen hätten. Leider ist sie einen Jahrgang unter mir.

Das ist in Ordnung, ich kann mich leicht genug zwischen dem Unterricht und in der Mittagspause an sie heranpirschen.

»Was hatte es mit dem Küken auf dem Schiff auf sich?«, erkundigt sich Bram und fährt sich mit der Hand durch sein zerzaustes dunkles Haar.

»Was ist mit ihr?«, frage ich und verstecke mein Lächeln.

»Warum kommandierst du sie herum?«

»Warum nicht?«

Bram sieht mich an und verengt seine Wolfsaugen. Er weiß, dass ich etwas plane, aber er könnte die Wahrheit in hundert Jahren nicht erraten. Er hat keine Weitsicht.

Er hätte Cat beobachten können, wie sie durch das Fenster der Krankenstation zurückklettert, ohne zu begreifen. Nur ich bin schlau genug, um die Puzzleteile zusammenzusetzen. Niemand sonst auf diesem Campus würde jemals erraten, dass die schüchterne, unbeholfene kleine Cat eine abgebrühte Mörderin ist.

Ich gebe zu, ich weiß nicht, wie sie den Mumm hatte, sich mit Rocco Prince anzulegen.

Das macht mich neugierig. In dem schüchternen kleinen Kätzchen muss mehr stecken, als ich vermutet habe. Ich möchte eine Schicht nach der anderen abziehen und sehen, was sich darunter verbirgt.

»Sie ist nicht dein üblicher Typ«, sagt Bram und grinst. Er will mir unter die Nase reiben, dass ich in unserem ersten Jahr der großen, glamourösen, aufreizenden Anna Wilk hinterhergelaufen bin. Die Gothic-Ballerina und ebenfalls eine Erbin, tödlich und brillant – in jeder Hinsicht das Gegenteil von Cat Romero.

Aber ausnahmsweise stört mich die Erwähnung von Anna nicht.

Ich denke nicht mehr an Anna, sondern bin auf mein neues Spielzeug fixiert.

Cat Romero ist eine nützliche Ablenkung, in mehr als einer Hinsicht.

Bram sieht sich seinen handgeschriebenen Stundenplan an. Alles in Kingmakers wird von den Verwaltungsangestellten in verschnörkelter, altmodischer Schrift handgeschrieben, was es verdammt schwer macht, es zu entziffern – vor allem, wenn man so wie Bram mit dem Lesen ohnehin Schwierigkeiten hat. Er schielt auf die Seite, bis die Narbe über seinem linken Auge und die Falten eine durchgehende Linie bilden.

»Wie kommt es, dass ich jetzt Boxen und Kampftechniken habe?«, fragt er.

»Zeig mal her«, sage ich und reiße ihm den Terminplan aus der Hand.

Tatsächlich sehe ich, dass zusätzlich zu seinen regulären Kampfkursen dreimal pro Woche ein Boxkurs angesetzt ist.

Ich überprüfe meinen eigenen Stundenplan und sehe das Gleiche.

»Wer ist Coach Snow?«, fragt Bram.

»Du glaubst doch nicht etwa …«

»Was?«

»Filipp Rybakow kämpfte unter dem Namen Snow.«

Bram starrt mich verständnislos an.

»Er war der Champion im Schwergewicht. Hielt alle vier Titel auf einmal.«

»Wann?«, fragt Bram.

»Vor zwanzig Jahren.«

»Du denkst, er ist hier? Um uns zu unterrichten?«

Ich zucke mit den Schultern. »Es könnte sein. Er hat in St. Petersburg mit Untergrundkämpfen angefangen. Er könnte zur Bratwa gehören.«

»Das werden wir früh genug herausfinden«, sagt Bram. »Die erste Stunde ist morgen früh.«

***

Am nächsten Morgen gehen Bram und ich mit einem kribbeligen Gefühl der Vorfreude über den Pausenhof zur Waffenkammer. In der Uni kursieren Gerüchte, dass wir tatsächlich von einem der berühmtesten Boxer der Neuzeit unterrichtet werden.

Die anderen Studierenden sind verdammt neidisch, weil nur eine auserwählte Gruppe von uns für das Boxen eingeschrieben wurde. Alle anderen müssen sich mit ihrem normalen Kampftraining bei dem entschieden weniger glamourösen Professor Howell begnügen.

Es ist ein Zeichen der Ehre, in Snows Kurse zu sein. Ich bin nicht überrascht, Silas Gray, Bodashka Kushnir, Kenzo Tanaka, Leo Gallo, Ares Cirillo und Hedeon Gray bereits in der Sporthalle zu sehen. Weniger erfreut bin ich über die Anwesenheit von Vanya Antonov, der sich in einem weißen T-Shirt, das absichtlich zwei Nummern zu klein ist, abmüht.

Bodashka Kushnir versucht, Ilsa Markov anzubaggern, die einzige weibliche Vollstreckerin an unserer Uni. Ihr Vater Nikolai war bei dem Treffen, das ich in Moskau besucht habe. Ilsa ist groß und gut gebaut, ihre langen, dunklen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, und ihre Wonder-Woman-Oberschenkel füllen die graue Turnhose aus. Ich kann mir nur vorstellen, welchen ständigen Belästigungen sie von Idioten wie Bodashka in dem von Männern überrannten Torhaus ausgesetzt ist. Aber Ilsa hat kein Problem, auf sich selbst aufzupassen.

Bodashka scheint mit seinem sommerlichen Training zu prahlen, zu dem offenbar gehört, dass er seinen beachtlichen Bizeps für Ilsa beugt. Ilsa gibt vor, beeindruckt zu sein, und fordert ihn auf, seinen Arm in einem 90-Grad-Winkel zu halten, während sie an seinem Ellbogen zieht. Bodashka willigt ein und stellt sich auf seine kräftigen Beine, während Ilsa mit aller Kraft an seinem Arm zieht und sich sogar an ihn hängt, sodass Bodashka ihr ganzes Gewicht mit einem Arm hält.

Bodashka grinst und ist sich sicher, dass er sie beeindruckt. Bis Ilsa abrupt den Ellbogen loslässt, sodass Bodashka sich selbst ins Gesicht schlägt.

Bodashka stolpert und fällt fast, während Ilsa ihren Kopf zurückwirft und vor Lachen brüllt. Vanya, Leo, Ares und Hedeon stimmen alle mit ein. Sogar Silas Gray gluckst, der einen Witz nicht einmal dann erkennen würde, wenn dieser nackt vor ihm tanzen würde.

Bodashka schüttelt den Kopf, verblüfft von der Wucht seiner eigenen Faust. Er weiß, dass er ein verdammter Narr ist, aber Ilsas Lachen ist so ansteckend, dass sogar er mit den Schultern zucken und zugeben muss, dass der Streich gut war.

Normalerweise sind in unseren Kursen nur Studierende aus dem gleichen Jahrgang, aber Jasper Webb, ein Spion aus dem vierten Jahrgang, lehnt an einem schweren Sack und knackt methodisch die biegsamen Knöchel der tätowierten Hände. Die dunkelroten Haare hängen ihm ins Gesicht, und er blickt mürrisch und distanziert drein. Trotzdem nickt er mir zu, als ich an ihm vorbeigehe, was wohl bedeutet, dass er mir nicht übel nimmt, dass ich ihn voriges Jahr in der letzten Runde des Turniers geschlagen habe.

Ich sehe Kasper Markaj, ebenfalls aus dem vierten Jahrgang, und August Prieto aus dem zweiten Jahrgang, was bedeuten muss, dass der Boxkurs von jedem besucht wird, der gut genug ist, um zu kämpfen.

Nur eine Minute vor Unterrichtsbeginn kommt Kade Petrov durch die Tür gesprintet, zusammen mit einem blonden Jungen mit Babyface, der im ersten Jahr sein muss, obwohl er genauso groß ist wie alle anderen. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Als er zu Kade mit französischem Akzent sagt: »Wir haben es gerade noch geschafft!«, wird mir klar, dass er von der Pariser Bratwa sein muss.

Der blonde Junge hat recht. In dem Moment, in dem die Uhr Punkt zehn schlägt, kommt Snow über die Matten geschritten.

Es gibt keinen Kämpfer wie einen alten Kämpfer – mit Schultern und Fesseln, die härter sind als versteinerte Eiche, und Fäusten aus reinen, stählernen Knochen. Sein Gesicht trägt die Spuren von tausend Schlägen, ausgeteilt von Männern, die mit schweren Säcken, Reifen und sogar Zaunpfählen trainieren.

Seine Nase ist breit und mehrfach gebrochen, seine Augenbrauen sind dunkel, sein Mund ist streng und der Kiefer hart wie Metall. Sein ergrautes Haar liegt streng am Kopf an, und die eisblauen Augen durchbohren jeden von uns, während er die vor ihm aufgereihten Studierenden mustert.

»Mein Name ist Snow«, sagt er mit einer tiefen, dröhnenden Stimme, die selbst das leichte Hin-und-her-Rücken der Füße auf den Matten augenblicklich verstummen lässt, bis man den Flügelschlag eines Schmetterlings in der stillen Halle hören könnte. »Boxen ist das Streben nach Perfektion. Wir können nie perfekt sein, denn wir sind menschlich und fehlerhaft. Aber jedem einzelnen Tag in dieser Sporthalle werden wir es versuchen. Wir werden an die Perfektion glauben. Und wir werden uns ihr mit winzigen Schritten nähern, bis wir Gott so nahe sind wie nie zuvor.«

Er geht in der Reihe der Studierenden auf und ab, die scharfen Augen mustern uns, als ob er bereits die Schwächen eines jeden von uns aufzählen würde. Er sieht Bodashkas geschwollenes Gesicht und Ares’ schmuddelige, zerrissene Turnschuhe. Sein Blick richtet sich auf mich, und ich halte ihm stand, weigere mich, vor diesen eisigen Augen zurückzuweichen. Er wird kein einziges Haar an mir finden, das nicht an seinem Platz ist. Mein Körper ist bereits ein Schrein für die Götter. Ich forme und gestalte ihn jeden verdammten Tag.

»Der Kampf wird nicht im Ring gewonnen, im Glanz der strahlenden Lichter und dem Jubel der Menge. Der Kampf wird hier gewonnen, in dieser Sporthalle. Er wird in zahllosen Stunden des Trainings und der Vorbereitung gewonnen, in der Bestrafung, die ihr einstecken werdet, und in der Verfeinerung eurer Fähigkeiten, über Monate und Jahre hinweg, bevor ihr jemals eurem Gegner gegenübersteht.«