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Der Held des Romans ist ein bis zu seinem Ausscheiden aus dem Parlament erfolgreicher Politiker. Er nennt sich "KL" wie "König Ludwig", was er scherzhaft meint - aber auch auf eine narzisstische Veranlagung schließen lässt. Seine Leidenschaft ist das Gewinnen von Mehrheiten. Eine Kunst, die zu beherrschen er sich sicher ist. Sein Motto: Die Mehrheit heiligt die Mittel. Eine Überzeugung, die er übrigens mit aktuell relevanten Figuren aus der Weltpolitik teilt. Allerdings bekennt er sich voll und ganz zur Demokratie, weshalb er meint, ihr mit seinen Ideen etwas nachzuhelfen schuldig zu sein. Also entschließt er sich, seine Expertise als "Majority Provider", einer höher qualifizierten Art des Wahlkampfberaters, auf dem nationalen und internationalen Politmarkt anzubieten. Nicht zuletzt mit dem Ziel, damit seine erste Million zu verdienen. Mit in sein Team holt er sich einen mit allen Medien gewaschenen PR-Profi sowie einen politikerfahrenen Landadligen mit einer Schwäche für populistische Methoden. Den Dreien gelingt es, einen ersten Auftrag, die Wahl in einem Großherzogthum mit parlamentarischer Ausstattung, siegreich abzuschließen. Dazu entwickeln sie Kommunikationsstrategien, die die Ich-Bezogenheit von Wählern und zu Wählenden auf absurde Spitzen treiben. Der nächste Auftrag bahnt sich über abenteuerliche Verbindungen zu Spezialisten für Datenklau in Sozialen Medien, führenden Freimaurern, ja sogar Milliardären aus dem fernen Königreich der Yoruba im westafrikanischen Nigeria an. War das Großherzogthum schon ein veritables Politabenteuer, so bringt die Wahl eines neuen Königs in Afrika noch ganz andere Dimensionen an Wahlkampfkunststücken mit sich. Auch diese Herausforderung geht für KL erfolgreich aus - doch ganz anders, als man normalerweise denkt.
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Seitenzahl: 999
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ralf Geisler
Kingmaking
Mein Leben für die Mehrheit
Ich-Roman
© 2026 Ralf Geisler
Titel-Illustration: Steven Sasseville, Laura Geisler
ISBN: 9798249672829
Independently published
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Ralf Geisler, Limburger Straße 57, 63128 Dietzenbach, Germany
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Zu diesem Buch
‚Die Mehrheit heiligt die Mittel‘ – das ist die Devise des ehemaligen Berufspolitikers KL. Schon als Kind war er hoch motiviert, stets über eine für sich gesicherte Mehrheit mitzubestimmen. Ob als Klassensprecher oder später als Vorsitzender eines Ausschusses im Deutschen Bundestag. Nach Verlust seines Parlamentssitzes beschließt er, sich mit seiner umfassenden Erfahrung im Mehrheitsbusiness als Consultant selbstständig zu machen. Was ihn weit über die Grenzen seines Wahlkreises hinaus in eine europäische Monarchie mit Landesparlament und dann bis ins westafrikanische Nigeria führt. Auf diesem Weg lernt er nicht nur die Versuchungen moderner Techniken von Micro Targeting bis KI kennen, sondern auch die Verlockungen der Millionenhonorare, die bei Wahlsiegen winken. Populismus hin, Wahltrickserei her. Das Sahnehäubchen soll eine Königswahl beim Volk der Yoruba in Nigeria beisteuern – mit ihm als Kingmaker. Spannend und unterhaltsam genug für einen kompletten Roman? Allerdings!
Zum Autor
Ralf Geisler legte mit „3 Bestseller“ 2018 seinen ersten Roman vor, in dem er den Wettbewerb dreier ehemaliger Werbetexter um das Schreiben ihres ersten „wirklichen“ Buches zum Anlass nahm, um die Werbeszene der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu beschreiben. Sehr unterhaltsam, selbstironisch, informativ.
Mit „Kingmaking“ nimmt er sich nun die Entwicklungen im Polit-Marketing vor. Der Wahlkampf um Mehrheiten, Macht und Geld verkommt immer häufiger zu vorsätzlichem oder auch nachträglichem Wahlbetrug. Neue Medien und Techniken kommen dazu wie gerufen. Auch hier passiert es wieder: Die Fantasie ergreift die Macht! Sehr unterhaltsam, erfrischend selbstironisch, spannend informativ.
Vorsorglicher Hinweis
Die im Folgenden erzählten Geschichten sind frei erfunden. Die beschriebenen Personen und auch Institutionen gibt es in Wirklichkeit nicht und hat es nie gegeben. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder vom Leser assoziierten Personen beziehungsweise Organisationen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Auch die beschriebenen Orte, Straßen und Gebäude sind nur symbolisch und nicht konkret zu verstehen. Es könnten genauso gut auch andere Orte, Straßen und Gebäude sein. Die vom Autor vermittelten Wissensinhalte sind von diesem gewissenhaft erworben bzw. recherchiert, was allerdings keine Garantie für ihre Richtigkeit sein kann. Zumal der gesamten Text von Fantasie als Fehlerquelle und Wahrheitsverfälscherin durch und durch kontaminiert ist. Mit anderen Worten: Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen – aber lesen Sie!
Meinen Leserinnen und Lesern gewidmet.
„Man wird über die Kühnheit des Zwecks erstaunen, den die Bosheit zu entwerfen und zu verfolgen imstande ist; man wird über die Seltsamkeit der Mittel erstaunen, die sie aufzubieten vermag, um sich dieses Zwecks zu versichern.“
(Friedrich Schiller aus: Der Geisterseher, 1787)
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Erstes Buch: Ich und mein Wille zur Mehrheit
1. Farouks Freddy
2. Scheiden tut weh (I)
3. Scheiden tut weh (II)
4. Von einem, der auszog
5. KL: Einer wie Kain zweiter
6. Die Kontinuität des Kommens und Gehens
A KLs Ich-Variationen: Der osmanische Haremsherr
7. Ali entschuldigt sich
8. KL und mein Über-Wir
9. Von Visionen und der Kraft dahinter
ONE: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
10. Politik für noch Fortgeschrittenere
Die Engliens (I) So nah und doch entfernt
11. Ich und mein Vater
12. Einfach zu gut, um aufzuhören
B KLs Ich-Variationen: Von Buffalo Bill lernen
13. Meine genetische Weißheit
14. Papa-Management
15. Psychologie ist wie Magie
16. Neues von Ashraf
17. KL aus Frauenperspektive (1)
TWO: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
18. Ich bin ein Team
C KLs Ich-Variationen: Charlton Männlichmann
19. Über die Mehrheit – auch eine Lügengeschichte
20. Margret Westerfeld – eine Verletzung
Die Engliens (II) Von der Pathologie des Inselbewusstseins
21. Wittgenstein, sei mein!
22. Neue Heimat Offenbach
23. Von der gruppenbezogenen Menschenunfreundlichkeit
24. Da ich froh bin, bin ich König
D KLs Ich-Variationen: Auf der Jagd als Ernest Hemingway
25. Mit populär ist nichts zu schwer
THREE: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
26. Gerechtigkeit – das fordert sich so leicht
27. Wissenlos!
28. Frau Müllers Ali Öztürk entschuldigt sich jetzt weniger oft
29. Wie konnte es dazu kommen …
30. Jude als Begriff hinsichtlich der Political Correctness
E KL’s Ich-Variationen Washington, der Sklavophile
Die Engliens (III) Fab Four and more
31. Shankar machte mich ärgerlich
32. Ein Sondierungsgespräch
33. KL: Von einem, den ich bewundere
FOUR: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
34. KL aus Frauenperspektive (2)
35. China – mein schizophrenes Faszinosum
36. Austausch der Kulturen
F KL’s Ich-Variationen Alexander - der unhässliche Deutsche
37. Jede Achtung beinhaltet ein „Ver“
38. Die Gretchenfrage und ich
39. Und ob ich an mir arbeite!
40. Wittgensteins Zukunftsahnen
Die Engliens (IV) Freibriefe stinken nicht
41. Die Mehrheit – wie gerecht kann sie sein?
FIVE: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
42. Mann, Mao!
G KL’s Ich-Variationen: Ausflug ins Grausamste
43. Der Beruf verdirbt die Charaktere
44. Das Gedächtnis der anderen
45. Richard Engai vom Stamm der Kikuyu, Kenia
46. Was will denn der von Allendorf jetzt schon?
47. Die Gesichtsbewussten
48. Vielen Dank auch!
H KL’s Ich-Variationen Call me Mad Mike
49. Auf Aufgabensuche
SIX: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
50. Ich sag dir was
51. Zum Teufel mit dem Junker!
52. Hetti, mein sehr mutiger Singhalese
53. KL‘s Büro als Fundbüro
Die Engliens (V) Handel, Handeln, Händel
54. Der Wochenmarkt
I KLs Ich-Variationen: Electric Light Ancestor
55. Ashraf wie zu Hause
56. KL: Er kann auch Mode
57. Fahrenheit 1562
SEVEN: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zur Macht
58. Kopfsachen
59. Von Liebesglut zu Liebeswut
60. Zur Probe Ernst machen
J KL’s Ich-Variationen: Wounded me
61. Till macht sich Hoffnung
62. Spannerndes
Die Engliens (VI) Wie Wertschöpfung auch anders geht
63. Verunreinigung bis ins weiße Mark
64. Weiterführende Idee
EIGHT: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zu Macht
65. Hu Wu durfte nicht wie er lieber gewollt hätte
K KL’s Ich-Variationen Wo ein Wille ist, ist auch ein Schatz
66. Ullrich, Ullrich, was hast Du bloß gegen den KL?
67. KL’s Heritage (1)
68. Kannst du mir mal sagen, was das soll?
69. Sansibar better than Openbak
70. Die Präzisierung einer Absichtserklärung
NINE: Alter Ego’s Secrets Service: Mein Wille zu Macht
71. Offenbach, mon amour
L KL’s Ich-Variationen First Nation minus Indien ist gleich
72. KL’s Heritage (2)
Die Engliens (VII): Wer erbaute Onkel Toms Hütte?
73. Lass uns einen Testmarkt auf die Beine stellen!
74. Vernetzungen für die gemeinsame Sache
Zweites Buch: Ich, das Großherzogthum Dunkelfels, Anchovia wie auch New Tealand
1. KL Mehrheits-Providing Kick-Off-Meeting, Offenbach-Tempelsee Eröffnungsansprache des Vorsitzenden Herrn Dr. KL, Offenbach am Main
2. Vorläufige Vorbemerkung Neugründung der Partei der Freifühler PdFf durch Andreas von Allendorf
3. Ja, Ashraf, was ist?*
4. KL wundert sich zuerst, dann wehrt er sich
A. Großherzogthum Dunkelfels Vortrag von KL, Ex-MdB und Mehrheitsbeschaffungs-Consultant
A.1 Einleitung
A.2 Die Hintergründe
A.3 Dunkelfels als Testmarkt für das KL-Mehrheits-Providing
A.3.1 Die Parteienlandschaft
A.3.2 Die gesellschaftliche Struktur und ihre Mehrheitspotenziale
A.4 Fazit
B. Insel Anchovia Vortrag von Ulli Rohrschach, Politikassistent, Psychologie-kenner und Public-Relations-Beauftragter
B.1 Einleitung
B.2 Die Hintergründe
B.3 Anchovia als Testmarkt für das KL-Mehrheits-Providing
B.3.1 Die Parteienlandschaft
B.3.2 Die gesellschaftliche Struktur und ihre Mehrheitspotenziale
B.4 Fazit
C. New Tealand Vortrag von Andreas von Allendorf, Parteigründer und MajoritätsExperte
C.1 Einleitung
C.2 Die Hintergründe
C.3 New Tealand als Testmarkt für das KL-Mehrheits-Providing
C.3.1 Die Parteienlandschaft
C.3.2 Beeinflusser und Meinungsbildner
C.4 Fazit
5. KL wundert sich erneut und hat noch einiges in der Hinterhand
D. Demokratie und Glaubensbereitschaft Vortrag von Dr. Dietmar Schlupp, Rüfenot, Großherzogthum Dunkelfels
6. Ashraf hat eine Frage
E Das Positive negativer Politik aus feministischer Sicht Vortrag von Katrin L, Offenbach am Main, Vorsitzende des Frauenpower 24/7 e.V.
7. Dr. Schlupp hat einen Anruf vom Erbprinzen erhalten
F Das Vorbild als Mehrheitsmotor im globalen Kontext Gastvortrag von Heinz Falkenberger, Bayreuth, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Unternehmer „Closed down e.V.“
8. Unter Akademikern
G Bildungsinitiative „Caspar Hauser“ Gastvortrag von Nicole L., Konrektorin der Albini Hauptschule in Messel, Landkreis Darmstadt-Dieburg, Initiatorin der Popular-Pädagogischen Gesellschaft bR
9. Dunkelfels ruft
H Die Sprache als Popularinstrument Vortrag von Johannes John jr., Dietzenbach/Kreis Offenbach, Kommunikationsberater a.D., Schriftsteller und freier Werbetexter
10. Kaffeepause
11. Gut, dass du kommst, Ashraf!
# Irrlichter
I Von Shakespeare lernen Historische Wahrheiten zur Mehrheitsfindung und -lenkung Gedankenanstöße für und von KL
12. Margret Westerfeld bietet sich an
13. FBU-Präsident Maltiner stellt Weichen im Großherzogthum
14. Ulli Rohrschach macht das schon
15. Dreikampf während vierhundertfünfzig Kilometern
16. Excuse me!
17. Was nichts kostet, taugt auch nichts
18. Und was ist mit dem Feminismus für Dunkelfels?
19. Größer denken für so viel Geld wie noch nie
20. Das musst du mir versprechen
21. Im Trojanischen Pferd gen Dunkelfels
22. Und der Erbprinz denkt sich seinen Teil
23. Marktforschung auf dem Dorf
24. Ashraf findet einen Freund
25. KL und die Steuervermeidung
26. Die PdFf mit dem D davor
27. Wissen schadet nur fürs Majority Building
28. Ein Wahlkampf der innovativen Kommunikationstechniken
# Irrlicht
29. Die Kampagnenidee steht fest
30. Dunkelfels ist populargemäß entlernfähig
31. Im Hinterzimmer fällt eine Entscheidung
32. Scheiße, wie geil!
33. Denkt doch mal mit nach
34. Ich hatte einen Traum
35. Ein Programm der negativen Politik in Stichworten
# Irrlichter
36. Ashraf und die Sklavenfrage
37. Fassen wir mal kurz zusammen
38. Was wir uns davon alles kaufen können
39. Liken, likte, gelikt
40. Allerdings: den Roten schwant etwas…
# Irrlichter
41. Wider besseres Wissen
41. Auch ein Herrscher weiß sich zu beherrschen
42. Elite – vom Absturz und Aufstieg eines politischen Begriffs
43. Eine E-Mail von daheim
44. Das Treffen vor dem Sturm
45. Ashraf bekam Ärger!
46. KL und die Million für Anfänger
# Irrlichter
47. Ashraf for free!
48. Die dunkelfelsische Revolution – ein Gedankenspiel
49. Auf der Rückfahrt nach Offenbach und in die Zukunft
50. Heim- sowie Nachspiel
# Irrlichter
Nachträge
1 Ulli Rohrschach: Echt äußerst selbstzufrieden
2 Andreas von Allendorf: Voller weiterführender Vorstellungen
3 Ein nicht zu erwartender Nachruf
Drittes Buch: Ich, das Geld und das geglaubte Ganze
1. Konzentration auf das Ichlichste
A Ich-Outing alpha: Was ich am meisten liebe: Mich!
2. Etwas ganz, ganz Großes soll es werden: muss!
$ € ¥ £ De-money-ac, zum Ersten
3. Freifühlen, unverzüglich
4. Demokratie (oder so) neu bauen
5. Was für ein Zufall
B Ich-Outing beta Man sagt mir nach, ich sei ein Narzisst
6. Ab achtzehn gehöre ich mir
$ € ¥ £ Demon-eyac, zum Zweiten
7. Eine Milliarde sind 1000 Millionen
8. Wie wollen wir vorgehen?
9. Offenbach, den 27. Juli 2021
9.1 Großherzogthum Dunkelfels Sekretariat des Großherzogs
Γ Ich-Outing gamma I have a Nightmare!
10. Mehrheit - etwas more sophisticated
$ € ¥ £ Demo-neyac, zum Dritten
11. Eine echt heiße Idee
12. Dem Mehrheits-Consultant kann es egal sein
13. Ally Allocation
Δ Ich-Outing delta Ich Möchte nicht Klavier spielen können
14. Ein erstaunliches Bettgespräch
$ € ¥ £ De-mon-eyac, zum Vierten
15. Eine schwarzweiße Gedankenmalerei
16. Aus der Geschichte lernen
17. Wovon kann ein Milliardär noch träumen?
E Ich-Outing Epsilon: Um zu gefallen, diene ich
18. Meine Lustquantentheoerie - eine metapsychologische Betrachtung
$ € ¥ £ Demo-ne-yac, zum Fünften
19. Und vergiss mir bloß deine Gesundheit nicht!
20. Königreiche und reiche Könige
21. Es ist an der Zeit, die Lüge neu zu denken
Z Ich-Outing Zeta: Ich bin auch Künstler
22. Wie kann man bloß Nigeria heißen?
$ € ¥ £ De-money-ac, zum Sechsten
23. Entschuldigung: Die altruistische Mehrheit gibt es nicht!
24. Psychology of Colour
E Ich-Outing: Eta Ich will reich um frei zu sein!
25. Von mir aus könnte es losgehen
25. Demokratie will gestaltet werden
26. Warum eigentlich nicht?
$ € ¥ £ De-mo-ney-ac, zum Siebten
27. Richtig, KL, zuerst werden die Stimmen gezählt, und dann von mir das Geld
Θ Ich-Outing: Theta Beim Bischof sein, heißt Wahlen gewinnen!
28. Lagos, wer bist Du?
29. Prinz auf der Kolanuss
I Ich-Outing Iota: Megareich ist mir lieber als superreich.
$ € ¥ £ Demoney-ac, zum Achten
30. Wir werden sie ganz kalt erwischen
31. Willkommen in der Anderswelt
32. Virtual Royalty: So reimt sich Innovation auf Thron
33. Und was machen wir nun für die Kingmakers?
K Ich-Outing: Kappa Ich hatte einen heimlichen Traum
34. Erst mal als Vorhut
$ € ¥ £ De-mone-yac, zum Neunten
35. Lagebesprechung
Ω Ich-Outing Omega
Ich und wir zwei
36. Du mein demokratisches Ideal: Dein Sterben wird mein Ende sein.
37. Halleluja, der neue Retter ist da!
$ € ¥ £ Demoneyac, zum Letzten
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1. Farouks Freddy
37. Halleluja, der neue Retter ist da!
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Erstes Buch
Ich und mein Wille zur Mehrheit
1
Farouks Freddy
Wie macht man einem Fußballfan klar, dass er ein Idiot ist? Nun, ich will es nicht spannender machen, als es ist: Frage einfach danach, welcher Nationalität der Sänger von „We are the Champions“ ist – beziehungsweise war. Freddy Mercury? Britisch natürlich. Amerikaner? Weder, noch. Nicht möglich! Was soll der denn sonst gewesen sein? Sansibari! Von seiner Mutter geboren auf Sansibar, dem Sklavenhandel Hotspot von vormals und im neunzehnten Jahrhundert immer noch. Ein Arbeitssklave für 50 Euros, 54 Dollars oder ganz und gar nur 44 englische Pfund in bar, bitte. Zu erwerben ganz in der Nähe des Hauses, in dem Freddy Mercury als Kind gewohnt hatte. Aber es kommt noch besser: Auf seiner Geburtsurkunde steht nämlich nicht Freddy Mercury, sondern Farouk Bulsara. Man stelle sich vor: Der König von Queen ein Sohn persisch-indischer Eltern! Das glaubt einem kein Fußball-Fan, der Idiot. Ist aber so.
Als ich auf Sansibar, in Sansibar City und dort in Stone Town, der historischen Altstadt, zu Fuß unterwegs war zum ehemaligen Sklavenmarkt vor der Anglikanischen Kirche, fing es plötzlich zu schütten an. Es war zwar vom Kalender her Regenzeit in dieser Weltgegend, aber dass es so wie aus Eimern zu schütten begann, das hatte ich noch nirgendwo sonst erlebt. Und ich bin nicht wenig herumgekommen. Wir – ich, meine Frau Bärbel und meine jüngere Tochter Katrin – wir stellten uns unter und schickten unseren Guide zum Auto zurück, um Schirme zu holen. Ashraf hieß er und war ein netter Kerl. Hilfsbereit vor allem. Als er mit zwei Schirmen zurückkam, war er pitschnass. Einen gab er mir. Den anderen bekamen meine Frau und meine Tochter. Also stand er immer noch im Regen und ich erhöhte innerlich das Trinkgeld, das er später bekommen sollte. Ashraf ist Moslem und lebt vom Tourismus. Er bietet sich am Flughafen als Fahrer an und erweitert im Auto auf dem Weg zum Hotel dann sein Angebot. Sight seeing ganz nach Wunsch. Weshalb er uns jetzt die Stone Town zeigte und dabei nass geworden war. Als der Wolkenbruch so schnell aufhörte wie er gekommen war, kamen wir auch am Geburtshaus von Farouk Bulsara vorbei, Freddy Mercury also. Im Grunde unspektakulär.
Das Sklaverei-Thema hatte mich schon als Jugendlicher fasziniert. Die armen Menschen, einerseits. Initialisiert wurde ich wahrscheinlich durch Mark Twain. Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Und die Freundschaft des letzteren mit dem entlaufenen Sklaven Jim, den er politisch inkorrekt immer amerikanisch N nannte. Das macht man heute ja nicht mehr, wie man auch nicht mehr das deutsche N-Wort benutzt, weil sich das so ähnlich wie das amerikanische N-Word anhört. Mark Twain hatte damit um 1880 herum noch kein Problem. Wie ich es übrigens heute auch nicht mit der Bezeichnung N hätte. Wenn ich das sage, ist das nicht nur rein deskriptiv, sondern auch empathisch gemeint. Schwarze. Black Africans. Darf ich das sagen? Man sieht sie nach wie vor auch im Stadtbild von Sansibar City, obwohl die Erfahrungen dort – für die Vorfahren zumindest – nicht ganz einfach gewesen waren.
Ashraf ist nicht schwarzhäutig. Aber durchaus leicht bräunlich wie aus Arabien oder Indien, obwohl es auch da und dort reichlich Schattierungen gibt. Je heller desto besser laut Einschätzung der dortigen Leute, also noch nicht mal mit unseren mitteleuropäischen Maßstäben gemessen. Auch in Nepal machen sie diese feinen Unterschiede, weiß ich von meinem Freund Shankar aus Katmandu. Der übrigens ähnlich hellbraun ist wie der Ashraf von Sansibar. Nur dass Ashraf sich einen Vollbart moslemischer Art hat wachsen lassen, was meine Frau nicht nur nicht gut, sondern auch als etwas ängstigend befand. Dafür ist der Ashraf ansonsten aber ein ganz Lieber, auch nach dem Empfinden meiner Frau. Immer, wenn wir uns zu einer Tour verabredet hatten, war er schon vor der vereinbarten Zeit mit seinem Auto da. Auf ihn war einfach Verlass, wie auf einen Deutschen fast, könnte man sagen. Und sehr hilfsbereit. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, frisch gefangene Langusten essen zu wollen. Wie im Übrigen regelmäßig, wenn wir am Meer und im Süden auf Reisen sind. Und er gab sich wirklich Mühe, ein entsprechendes Restaurant zu finden. Mal gab‘s aber gar keine Langusten, mal waren sie gefroren. Das zu goutieren aber sehe ich nicht ein, wenn die Krustentiere praktisch vor der Haustüre rumschwimmen. Also entschuldigte er sich tausendmal bei mir und ich steckte schließlich zurück und bestellte Pasta mit gemischten Meeresfrüchten. War ordentlich, bedenkt man die Verhältnisse dort.
Geradezu bedrückend war für mich aber die Sklavenhandelsvergangenheit. Die Leute dort auf den Straßen und Plätzen immer mit dem Gedanken im Hinterkopf anschauen zu müssen: gehörten die mal zu den Tätern? Ihre Vorfahren also. Oder zu den Opfern? Das ist wirklich belastend. Für einen Touristen, der am Urlaubsziel eher die Leichtigkeit des Seins auskosten möchte, umso mehr. Mein Problem in solchen Situationen ist immer, dass die Fantasie mit mir durchgeht. Ich stelle mir dann vor, wie ich mich als Sklave gefühlt hätte, wenn ich gerade verkauft werden würde. Oder wie als Sklavenhändler, der auf diese schändliche Weise zu Ansehen und Reichtum gekommen war. Dabei ist nicht gesagt, als was ich mich wohler fühle. Als Sklave, schwarzhäutig dazu, hat man natürlich ganz schlechte Karten. Aber das schlechte Gewissen, das man als Sklavenhändler zumindest unterbewusst hat, stelle ich mir auch nicht als Zuckerschlecken vor. Da mag man noch so begabt beim Verdrängen von Gewissensbissen sein. Alles hat eben seine zwei Seiten, mindestens.
Ashraf übrigens konnte nichts dazu sagen, ob seine Vorfahren einmal Sklavenhändler oder zumindest Sklavenfänger gewesen waren. Seine Ehrliche-Haut-Mentalität sprach jedenfalls nicht dafür, falls er sie vererbt bekommen haben sollte. Auch als ich ihn fragte, ob er sich durch Touristen wie mich nicht auch hin und wieder herablassend behandelt fühle, reagierte er mit Unverständnis. Tourist feed my family. Tourist good. Was die Vorfahren von Freddy Mercury beziehungsweise Farouk Bulsara anging, so spekulierte ich mit Hilfe meiner ungezogenen Fantasie, gehörten sie von persischer Seite her eher den Sklavenhändlern und indischerseits eher den Verkauften an. Als Unberührbare sowieso, als Brahmanen wiederum wohl eher nicht. Man müsste in die Vergangenheit zurücksehen können, um Gut und Böse unterscheiden zu können. Sowas Soziologisches lässt sich eben schlecht ausgraben beziehungsweise spektroskopisch auskundschaften.
2
Scheiden tut weh (I)
Es war einer der schwärzesten Abende, die ich je erlebt habe. Mein Chef war eigentlich guter Dinge, weil er seinen Wahlkreis in der Vergangenheit noch immer klar gewonnen hatte. Viermal hintereinander. Jetzt waren sechszehn Jahre um und er wollte die fünfte Legislaturperiode klarmachen. Zwanzig Jahre Berlin, das wäre es gewesen! Im Heimatverband seiner Partei war man sich so sicher, dass er erneut das Direktmandat holen würde. Also hatte er sogar freiwillig auf einen sicheren Listenplatz verzichtet, damit parallel zu ihm auch ein Jüngerer nachrücken konnte. Und auch ich hätte meine Hand dafür, Quatsch: beide Hände, ins Feuer gelegt, dass ihm nichts passieren kann. Und dann das: Die Ökologischen und die Populisten haben aus seinen sechsundfünfzig Prozent Erststimmen vom letzten Mal neunundzwanzig Prozent gemacht. Direktmandat für meinen KL adieu! Ein Ökologischer ist der Glückliche. Und ich bin meinen Chef los. Ich hatte mich so an ihn gewöhnt. Nie ein böses Wort in all der Zeit. Immer nur die Politik im Kopf – und das Reisen. Deswegen hat er sich auch keine Reise als Abgeordneter entgehen lassen. Er war zum parlamentarischen Erfahrungsaustausch in Ägypten, in Brasilien, in Nicaragua, Thailand, Namibia, Indonesien, Russland bei der Duma und in Indien beim Dalai Lama sogar. Nur Nordkorea hatte nie geklappt. Privat flog er dann mit Frau in den Rest der Welt: Sansibar, Borneo, Kamtschatka, Serengeti, Himalaya – und immer hinter den Tieren her: Riesenlandschildkröten, Orang-Utans, Grizzlybären, Löwenrudel, Panzernashörner. Aber auch mit dem Fernglas und dem Teleobjektiv überall auf Vogelsuche. Er sei nämlich leidenschaftlicher Birdwatcher, gesteht er gerne, selbst zu Hause in seinem Garten.
Im Bundestag und in seiner Fraktion genoss er höchstes Ansehen, weil er sich wie kein anderer die Fachkenntnisse draufschaffen konnte. Ganz gleich, ob Umweltschutz oder Rentenversicherung – er kannte sich immer aus bis ins Detail. Damit hatte er es in der letzten Legislatur bis zum Vorsitzenden im Landwirtschaftsausschuss gebracht. Wie stolz er war, als er erstmals sein neues Briefpapier und die Visitenkarten mit „Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft des Deutschen Bundestages“ in Händen hielt. Und jetzt das. Dabei hätte er bis zur Rente immerhin auch noch fünf Jahre gehabt. Mal ganz abgesehen davon, dass Politiker bis ins hohe Alter ihren Sitz im Parlament warmhalten können, bis siebzig, fünfundsiebzig. Kein Problem. Deshalb verspreche ich mir von ihm auch noch einiges. Der hört nicht einfach so auf. Wenn er sich erst einmal vom Schock der Niederlage erholt haben wird, dann ist er für jede Überraschung gut. Dazu fällt er ja erst einmal weich. Da er parallel zum Bundestag immer auch Mitgeschäftsführer in seinem Verband geblieben ist, hat er nach wie vor seinen eigenen Schreibtisch und sein persönliches Vorzimmer. Nur eben nicht mehr in Berlin, sondern in Frankfurt. Dort in der Nähe, in Offenbach, besitzt er ja selbst ein Häuschen, in dem er mit seiner Frau wohnt. Die beiden Töchter, Nicole und die vier Jahre jüngere Katrin sind schon erwachsen. Niki hat sogar bereits selbst Familie mit eigenen Kindern. Insofern ist mein Chef auch bereits Opa. Wie er heißt? Na, Klaus. Da er jedoch seine Hausmitteilungen und auch E-Mails immer nur kurz mit KL abzeichnet, wird er einfach KL genannt. Was er auch jedem sagt, der ihn neu kennenlernt: Sagen Sie einfach KL zu mir, wie König Ludwig. Und dann lacht er übertrieben laut dazu.
Seiner Frau, wir duzen uns übrigens, wird es ganz recht sein, dass er zukünftig öfter und länger zu Hause sein wird, Niederlage hin oder her. Natürlich ist niemand gerne mit einem Verlierer verheiratet und sie war auch immer stolz auf ihn, wenn sie sich als Frau Bundestagsabgeordnete fühlen konnte. Da er aber schon so viel gewonnen hat - vom Ortsverband bis zur Bundestagswahl - bricht ihr jetzt bestimmt nichts aus ihrer Krone. Dafür hat sie ihn nun mehr für sich und kann sich mit ihm zeigen. Und vor allem lebt er seine Reiselust jetzt nicht mehr allein oder mit Politikkollegen aus, wie so oft zuvor, sondern nur noch mit ihr. Denn inzwischen hat sie auch Geschmack am Reisen gefunden, das heißt an den fünf Sterne Hotels und Luxusresorts, die sie immer aussucht. Die wilden Tiere dagegen machen ihr immer noch Angst. Für ihn sind sie Reisebeute. Er erlegt sie mit den Augen und durch Fotolinsen. Wenn er den Orang-Utan abgehakt hat, will er den Berggorilla sehen. Hat er sich an den Wüstenelefanten angepirscht, muss er auch noch dem Waldelefanten auflauern. Und das so ziemlich ohne Rücksicht auf seinen Körperbau und den vernachlässigten Gesundheitszustand. Ich sage nur Übergewicht und Bluthochdruck. Die Arthrose im Knie lässt ebenfalls grüßen.
Ach, unser König Ludwig wird uns fehlen im Abgeordnetenhaus und auch am Rednerpult im Bundestag. Eigentlich wäre er viel lieber Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses geworden. Da hätte er noch mehr auf Staatskosten reisen können. Aber bei seiner figürlichen Beschaffenheit war die Landwirtschaft das Passendere. Die Wähler mögen eben keinen Hungerhaken als Ernährungsminister. Was dito für alle anderen in solchen anführenden politischen Ämtern gilt. Doch richtig verwinden können hat unser KL das insgeheim nie, was ich von seiner Frau aus erster Quelle weiß. Aber am Rednerpult merkte man ihm nichts an, weil es ihm dann nicht um sich selbst, sondern allein um die Sache ging. Unvergesslich für mich die Rede zum Gesetz bezüglich der gentechnischen Veränderung von vorwiegend mehlig kochenden Speisekartoffelsorten. Nova Luna war der Arbeitstitel, wegen der Zugehörigkeit der Kartoffeln zu den Nachtschattengewächsen, nur eben mit neuen Genen. Die Kartoffel der Zukunft: spritzmittelresistent und unverfaulbar. Da hätten sie ihn mal hören sollen! Das sei ja eine Einladung zum Verspritzen von Giften jeder Couleur, und dazu eine Missachtung des Naturgesetzes der Vergänglichkeit. Was bitteschön mit den nicht gegessenen Kartoffeln passieren sollte, oder mit den Schalen? Wenn alles unverfaulbar sei, dann gäbe es das nächste Plastikmüllproblem in Gewässern und Weltmeeren – nur jetzt mit Kartoffelresten! Man denke allein an das Kartoffelschälvolumen auf Luxuskreuzfahrtschiffen wie denjenigen der AIDA-Flotte. Er fordere das Hohe Haus deshalb auf, geschlossen mit „Nein“ zu stimmen! Und was soll ich sagen? Er hat seine Mehrheit hinter sich gebracht, wie schon so oft.
3
Scheiden tut weh (II)
Dürfte man in diesem Job eine ganz normale Frau sein, dann würde ich jetzt heulen. Doch im Vorzimmer der Politik sind normale Gefühle nun mal nicht erwünscht. Der KL war so ein guter Chef. Sechzehn Jahre lang habe ich mit ihm praktisch mehr Zeit verbracht als mit meinem eigenen Mann. Wobei ich mit dem seit sechs Jahren überhaupt keine Zeit mehr verbringe. Höchstens mal Kaffeetrinken zum Geburtstag. Von dem hatte ich mich im verflixten siebten Ehejahr scheiden lassen. Ich hielt es einfach nicht mehr aus! An und für sich waren die Voraussetzungen für eine normal glückliche Ehe, in der man zumindest zufrieden sein kann, überdurchschnittlich gut. Er von Beruf Studienrat für Biologie und Physik. Eine sehr gesuchte Fächerkombination. Und für die Natur interessiere ich mich auch. Physik kommt mir dagegen unnahbar vor. Worüber da nachgedacht wird, ist so unvorstellbar weit weg von mir. Das wäre aber kein Problem gewesen. Man muss ja nicht andauernd über die Quantentheorie diskutieren.
Aber trotzdem sind wir daran gescheitert, an der Quantentheorie. Irgendwann im sechsten Ehejahr schon hatte er an einem Symposion teilgenommen, zu dem seine Fakultät ihn eingeladen hatte. Referent war jemand von der Max-Planck-Gesellschaft. Der redete zu Heisenbergs Behauptung, dass der Akt des Beobachtens das beobachtete Objekt verändert. Das hat mein Ex dann so ausgelegt, dass er mir verboten hatte, ihn anzusehen. Er wollte nicht mehr weiter verändert werden von mir. Ich sagte, dass er da etwas nicht ganz richtig verstanden haben muss oder dass er übertreibt. Doch er hat sich nicht mehr davon abbringen lassen. Dass ihn auch andere ansehen und der denen das auch verbieten müsste, seinen Schülern und Kollegen beispielsweise, hat er nicht gelten lassen. Mit denen wäre er schließlich nicht verheiratet, die würden ihn ganz anders ansehen als ich. Bei meinen Blicken hätte er immer stärker das Gefühl, dass sie etwas mit ihm machten – zum Negativen hin. Anfangs habe ich noch versucht, die Situation zu entschärfen, indem ich abends kein Licht mehr angemacht habe, damit er nicht sieht, wenn ich ihn ansehe. Doch auszuhalten war das trotzdem nicht. Also waren wir dann nach dem Trennungsjahr geschieden.
Wenn der KL jetzt aber sein Büro räumt und ich allein im Vorzimmer zurückbleibe, so kommt mir das fast wie eine zweite Scheidung vor. Dabei sind wir die ganzen Jahre so elegant miteinander ausgekommen. Er immer als Vorgesetzter zuvorkommend korrekt. Nie eine anzügliche Bemerkung hinsichtlich Oberweite oder Hintern. Dabei kann ich mich mit meinen neunundvierzig plus x Jahren immer noch gut sehen lassen. Ich habe aber nie etwas zwischen uns knistern gespürt. Er ist nun einmal nicht das, was man sich unter einem attraktiven Mann vorstellt. Ich weiß nicht, wie seine Frau das sieht, habe sie nie danach fragen können. Korrekt und knisterfrei lässt sich in guten wie in schlechten Zeiten professionell zusammenarbeiten. Und jetzt soll damit Schluss sein. Wie gesagt: Ich könnte heulen, wenn ich nicht in einem Vorzimmer der Politik sitzen würde. Langjährige beruflich Angetraute des stets treuen Chefpartners von Amts wegen. Und nun zwangsgeschieden. Ich fühle mich wie verwitwet.
Wobei ich mich ebenso ernsthaft wie besorgt frage, wie mein KL, der ja nun nicht mehr mein KL ist, wie mein KL ohne diese ganze Wichtigtuerei in den oberen Politiketagen von Berlin und auch Brüssel weiterleben will. Wie andere die Luft zum Atmen, braucht der nicht nur die Zustimmung, die ihn in den Bundestag und seine Ämter gehievt hat. Mehr noch benötigt er das enorme Maß an Wichtigkeit, das er sich selbst in seinem Inneren daraus gebastelt hat. In Zukunft nicht mehr seine Visitenkarten mit dem Titel eines Vorsitzenden des Ausschusses im Deutschen Bundestag für Das-und-das verteilen zu können, wird er als Ehrabschneidung empfinden. Dass er darüber wegkommt, wage ich zu bezweifeln. Kleine Leute wie er brauchen etwas, was sie größer erscheinen lässt als es körperlich der Tatsache entspricht.
Um mal ganz bescheiden etwas hinzuzufügen: Wer schert sich denn darum, dass auch ich praktisch wieder von vorne anfangen muss? Schließlich verliere auch ich an Ansehen, wenn mein Chef kein Vorsitzender mehr von etwas Wichtigem in der politischen Pöstchenhierarchie ist? Der Nachfolger von meinem KL aus dem Offenbacher Wahlkreis fängt ja praktisch erst von vorne beziehungsweise von unten an. Dazu heißt er Öztürk und besitzt folglich einen Migrationshintergrund. Er muss sich von seiner Hinterbank aus erst mal nach vorne arbeiten. Wenn ich Pech habe, bin ich, bis es so weit ist, schon in Rente. Ach, ja, mein KL wird mir fehlen.
4.
Von einem, der auszog
Gestern hieß es Abschied nehmen. Ich hatte meine langjährige Sekretärin und insbesondere meinen parlamentarischen Mitarbeiter gebeten, meine persönlichen Sachen von und aus meinem Schreibtisch in einen Umzugskarton zu packen. Vor allem das Foto im Altsilberrahmen mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern war mir wichtig. Der Rahmen zudem nicht billig gewesen. Von der Wand nahm ich dann persönlich das Foto von mir ab, das mich neben dem Bundespräsidenten zeigt. Dem vorvorletzten. Einen zweiten Abzug davon hatte ich ihm mit einer Widmung von mir geschickt, nicht etwa ans Präsidialamt, sondern an seine Privatadresse direkt in die damals noch Villa Hammerschmidt. Bedankt hatte er sich dafür nicht. Wohl zu viel zu tun. Oder seine Frau hatte es verkramt.
Meiner Sekretärin kamen zuletzt die Tränen. Zwar bin ich als Chef fordernd, aber immer menschlich dabei. Jetzt muss sie sich umgewöhnen. Sie hat noch zwölf Jahre bis zur Rente. Das sind drei Legislaturperioden. Bei mir hat sie sechzehn Jahre im Vorzimmer verbracht. Trotzdem waren wir immer per Sie. Kollegial ja, aber ich immer mit entsprechender Distanz zwischen Chef und Personal. Dass sie jetzt Bammel vor meinem Nachfolger hat, liegt auf der Hand. So schlimm wird’s schon nicht werden, habe ich ihr gesagt. Was ich aber gedacht habe: So einen Chef wie mich bekommt sie nicht nochmal. Damit wird sie leben müssen.
Mehr Sorgen mache ich mir um meinen parlamentarischen Mitarbeiter. Ulli Rohrschach. Kommt aus meinem Wahlkreis. Sohn unseres Kreisvorsitzenden Max Rohrschach. Studierte eigentlich Jura. Fing in den Semesterferien bei mir an. Und blieb dann. Jura sei nicht Seins, verriet er mir, BWL wäre vielleicht besser. Aber entsprechend umimmatrikuliert hat er sich nicht. Auch nicht exmatrikuliert. Student im Untätigkeitsstand. Wenn es wenigstens die Lauerstellung wäre. Er sagte, dass ihm die praktische Arbeit mehr liegt. Den Besuchern aus dem Wahlkreis das Parlament und die Hauptstadt zu zeigen. Na, vielleicht hat er von mir so viel gelernt, dass er selbst bald in die Kommunalpolitik geht. Für den Anfang wenigstens.
Bei all der Denkerei an andere darf ich mich nicht aus dem Kopf verlieren. Schließlich ist mein letzter Tag im Abgeordnetenhaus der erste Tag vom Rest meines Lebens. Mag eine Binsenweisheit sein, ist aber Tatsache. Ehrlich gesagt habe ich niemanden, der sich Gedanken um den Rest meines Lebens macht. Zwar sagt meine Frau immer, dass wir jetzt endlich Zeit für uns und die Familie haben. Das kann es aber nicht für den Rest meines Lebens sein. Ein politischer Mensch wie ich braucht auch postparlamentarisch noch seine Mehrheiten, zumindest die Aussicht darauf.
Selbstfindung. Das ist einer der interessantesten Begriffe, auf den ich je gestoßen bin. Die einen schließen die Augen dazu und meditieren. Andere legen sich beim Psychiater auf die Couch. Wieder andere philosophieren darüber und schreiben Bücher. Ich aber denke zuerst einmal an mich. Denn wenn ich nicht wenigstens mich hätte, hätte ich rein gar nichts. Weniger noch, weil ich dann überhaupt nichts wäre. Nullexistent. Deshalb, und da bin ich ganz ehrlich, deshalb bin ich froh, dass ich mich habe. Zumal die Verhältnisse meiner Existentwerdung beschämend kleine waren. Zumal mein Vater im Krieg verschwand, bevor ich ex utero lebte. Und mich meine Mutter von Geburt an als defizitär begriff. Erst als ich promoviert worden war, wurde ich jemand für sie und in ihren Augen. Ihr Sohn einer mit dem Doktor vor ihrem angeheirateten Nachnamen. Aber bevor sie mich so richtig zu schätzen lernen konnte, hatte sie sich auch schon unter die Erde verabschiedet.
Als ich gestern aus Berlin zurückkam, war es vorerst das letzte Mal, dass es der Steuerzahler bezahlt hat. Wieder einmal das letzte Mal. Je älter man geworden ist, umso seltener werden die ersten Male. Immer öfter das letzte Mal hier und dann da. Lauter kleine Tode. Aber dann stirbt man doch wieder zum ersten Mal. Andere nehmen dieses Lebensdilemma vielleicht noch nicht mal zur Kenntnis. Ich aber nehme es extrem persönlich. Das soll schon damit angefangen haben, als mich meine Mutter das letzte Mal gestillt hatte. Ich soll von den verweigerten Brüsten an nur noch geschrien haben, wenn es ans Essen ohne Brustwarze im Mund gehen sollte. Und die mir damals angebotenen Rezepturen von Ersatzmahlzeiten mit Milch habe ich stets verweigert. Bis heute noch.
Mein letztes Gespräch in Berlin war mit dem Fraktionsvorsitzenden. Er sagte, dass er bestimmt meine Reden vermissen würde. Weil ich so scharfzüngig wäre, und zwar mit dem harmlosesten Gesichtsausdruck dabei. Da sagte ich ihm, dass ich ein im Grunde meines Herzens gutmütiger Mensch sei. So gutmütig, dass mir beim Gedanken daran zuweilen sogar die Tränen kommen könnten. Meine Scharfzüngigkeit sei eben im Grunde ebenfalls auch so etwas wie Gutmütigkeit. Weil ich dann schließlich nur zu Worten und nicht zu Schlimmerem greife. Es macht schon einen Unterschied, ob ich jemanden auf den Arm nehme oder ihm den Arm umdrehe.
In meinem Büro traf ich schon auf den Nachrücker von der politischen Konkurrenz. Ein erschreckend junger Mann namens Öztürk, der mir meinen Wahlkreis gestohlen hat. Ich habe ja immer dazu gestanden, dass die Wähler als Masse mit ihrer Schwarmintelligenz immer im Recht sind. Aber dass sie auf den Schwachsinn der Populisten und die Gefühlsduselei der Ökologischen reinfallen würden, das hätte ich nie gedacht. Nun aber haben sie den Salat und werden mir nachweinen. Mögen sie auch noch so jammern: zur Wahl werde ich mich bei denen nicht mehr stellen. Höchstens für das Europaparlament im übernächsten Jahr. Je größer die erlittene Lücke ist, die ich hinterlasse, umso dankbarer werden sie mich in Erinnerung behalten. Das Öko-Bürschchen ist dafür genau das richtige Gegenbeispiel. Ich höre es geradezu schon seufzen: Ach, wäre der KL doch noch für uns da! Der wusste wie man auf uns Wähler hört!
5
KL: Einer wie Kain zweiter
Ja, KL: das bin ich und kein anderer. Das ist und bleibt das Markenzeichen für bedarfsgerechte Mehrheiten und funktionale Demokratie. Auf die Idee mit dem KL bin ich gekommen, als mir die Sekretärin des am besten bezahlten Managers hierzulande zurief, dass der VS noch in einer Sitzung sei. Sie sah wohl das Fragezeichen in meinem Blick und lächelte eine Antwort wie: VS? Das ist unsere Abkürzung für: Vorstandsvorsitzender. Genial, dachte ich. Hört sich mächtig und gleichzeitig gefährlich an. Das MdB für mich ist dagegen als Abkürzung völlig unspannend. Darauf habe ich mir auf der Fahrt nach Hause etwas Eigenes überlegt.
Meine Eltern hatten mich nun einmal Klaus getauft. Nachname war von vornherein vorgegeben: Leuthold. Kürzel aus den Anfangsbuchstaben von Klaus und Leuthold: KL. Doch jetzt kommt’s! Fragt mich jemand, was KL bedeutet, dann sage ich, dass das in der Bibel nachzulesen ist. Was dann kommt, ist erstauntes und ehrfürchtig dummes Gegucke. Und dann ich, aufklärend: KL – das ist der Anfang und das Ende von Kain und Abel. Wieder erstauntes, ehrfürchtiges und dummes aus der Wäsche Schauen. Darauf ich wieder: Was will uns diese Geschichte von Kain und Abel sagen? Was? Menschheitsgesetzliches! Der Kain, der war da für das Grobe. Für die Drecksarbeit. So wie der Politiker in mir. Davon mal abgesehen muss man das mit dem Brudermord eher symbolisch verstehen. Wie das eben mit der Bibel so ist: das meiste im übertragenen Sinne gemeint.
So habe ich es denen mit den fragenden Gesichtern bereits hundert Mal und öfter erklärt: Kain erschlug zwar seinen Bruder Abel. Schon allein deshalb, weil er genau genommen sonst niemand anderen hätte erschlagen können. Außer seine Eltern Adam und Eva, natürlich. Das aber war damals nicht gottgewollt. Hinzu kam, dass das Entseelen des Bruders nicht unbedingt Mord zu nennen war. Eher als Notwehr dem vom Allesschöpfer ungerechterweise bevorzugten Abel gegenüber. Weil dieser seinem Gott(groß)vater die Sicht auf ihn nahm, musste er weg. Um der Gerechtigkeit willen. Weshalb Kain auch nicht wirklich bestraft wurde, sondern sogar eine Auszeichnung erhielt: das Kainsmal zu seinem Schutz. Im übertragenen Sinne für uns heute auch so zu verstehen: Der Politiker, wie ich beispielsweise, ich strebe nach Anerkennung wie Kain. In meinen Fall nicht bei Gott, sondern bei meinen Wählern. Wer sich zwischen uns stellt, muss weg. Und zwar zum Wohle der mich tragenden Mehrheit und darüber hinaus. Solange ich mich auf sie stützen kann, heiligt sie meine politischen Mittel. Die Mehrheit ist mein Kainsmal, das mich beschützt. Die Immunität des für das Wohl der Wähler von diesen Abgeordneten. Dann darf es auch schon mal über Leichen gehen. Im biblisch übertragenen Sinne natürlich. Insofern steckt in mir das Wesen des Kains wie auch des Abels. Alles vom K bis zum L. KL. An dieser Stelle meiner Bibelexegese breche ich dann immer in herzliches Lachen aus. So, als ob alles vielleicht nur ein Scherz gewesen wäre. Doch dann mache ich plötzlich ein ganz ernstes Gesicht und sage: „Möge das Kainsmal mich und meine Wähler schützen.“ Das hat noch immer betroffen gemacht – und meinem Markenzeichen KL zu Aufmerksamkeit wie auch Erinnerungswert verholfen.
Nur zu bedauerlich, dass ich jetzt meinen Wahlkreis verloren habe. Das Kainsmal Mehrheit hat nicht mehr funktioniert. Jetzt droht die Niederlage zu meinem Schandmal zu werden: KL - der Looser! Da muss ich aufpassen, dass aus dem Kain kein Hiob wird mit Aussatz und Pestbeulen. Die Leute sind schnell dabei, wenn es ums Demontieren eines zuvor von ihnen bewunderten Mannes geht. Denn Bewunderung ist die siamesische Zwillingsschwester der Beneidung. Und Neid ist wie flüssiges Gift, das unter Dichtungen durchkriechen kann. Die Wirkung: tödlich! Zuerst einmal im übertragenen Sinne: Dein Image stirbt, deine Jobs verwesen, die Beziehungen entschlafen. Du kannst dich nirgends mehr gern sehen lassen und wirst nicht mehr gesehen. Als wärst du ein Gespenst. So weit darf es erst gar nicht mit mir kommen! Mein bisheriger Erfolg beim Erringen von Mehrheiten hat mich gegen das Neidgift der anderen immun gemacht. Nein, Kain braucht nicht Abels Hüter zu sein. Kain muss zuerst an sich selbst denken. Und all die Abels sollen gefälligst sehen, wie sie klarkommen. Oder eben ihre Stimme für Kain erheben. Meiner Meinung nach jedenfalls heißt das wahre Opfer dieses biblischen Bruderkonflikts der benachteiligte Kain. Aber was heißt hier Bruderkonflikt? Menschheitskonflikt von Anfang an, sage ich! Dieses Kainsein kann ich absolut nachempfinden, denn auch in meinem Leben zählt zu den schwierigsten Erfahrungen, dass es andere beachtete Menschen gab und noch gibt. Traumatisch für mich, muss ich gestehen! Stellt mich doch jeder einzelne davon geradezu existentiell in Frage. Sicher wird der ein oder andere an dieser Stelle sagen, dass ich übertreibe. Höre ich jedoch auf mein innerstes Ichsein, dann absolut nicht. Dass meine Mutter und auch mein Vater ganz genauso andere Menschen waren und ich ihnen mein Existieren zu verdanken habe, weiß ich natürlich. Allerdings habe ich schon früh an meinem Vater das Gefühl festgemacht, dass er mich bedroht, weil in Frage stellt. Dass er mein Konkurrent um für mich Existenzielles ist. Angefangen bei meiner Mutter. Um die habe ich mit ihm konkurriert bis ich damit anfing, mir nach und nach selbst das und der Wichtigste zu sein.
Eine Voraussetzung in diesem Zusammenhang, ist zweifelsfrei das nehmen können. Übrigens halte ich dieses Nehmen - von mir aus betrachtet - für die effektivste Methode, Grenzen zwischen mir und den anderen, diesen Außer-mir-Menschen, zu überbrücken. Indem ich die Hand ausreiche, um etwas zu empfangen, erlaube ich einem jeweiligen Nicht-Ich, meine nur mir eigene Aura zum Zweck der Kontaktaufnahme oder auch Kontaktpflege zu durchbrechen. Das ist zunächst einmal ein beachtlicher Vertrauensvorschuss meinerseits, für den ich im Grunde auch Anerkennung erwarte, um nicht zu sagen: Dank. Nein, nicht ganz trivial in Form von Materiellem. Viel wertvoller ist mir die Bestärkung meiner selbst ausgezahlt in Wählerstimmen. Die sind mir goldwert sozusagen. Gleichzeitig jedoch auch eine schwere Last. Denn die Leute erwarten eine Gegenleistung, Geschenke von mir an sie für ihre Stimme. Deshalb denke ich auch andauernd über das leidige Thema „Versprechungen“ nach. Diese Menschen, in meinem Fall also Wählerinnen und Wähler, haben gelernt, dass Politiker Versprechen machen und sie nur in den seltensten Fällen einlösen. Einlösen können. Entweder es fehlt das Geld dafür. Oder der politische Gegner hat etwas dagegen. Oder es ist einfach undurchführbar. Trotzdem können Versprechen immer wieder Hoffnungen wecken, die verführerisch genug sind, um zu Stimmgeschenken zu führen. Und da habe ich eine Antenne dafür, welche Versprechungen zu welcher Zeit Wählerstimmen einbringen können. Was habe ich meinen Wählerschaften nicht schon alles versprochen! Und jetzt: Mea culpa, mea maxima culpa! Bei der letzten Wahl habe ich erstmals nicht gut genug versprochen. Habe einfach die alten, noch nicht eingelösten Versprechungen, noch einmal in Aussicht gestellt. Meine Konkurrenz aber hatte sich neue Versprechungen ausgedacht. Solche, die zwar auch nicht eingelöst werden können, aber auf anderen Gebieten nicht. Und das kannten die Leute noch nicht und fielen darauf rein. Meine Stimmen also schneller weg, als ich mitgedacht habe. Und das mir!
6
Die Kontinuität des Kommens und Gehens
Jedes Mal nach der Bundestagswahl gibt es in der Fraktion Turbulenzen. Ein gewisser Prozentsatz unserer Abgeordneten hat seinen Sitz verloren oder bleibt aus anderen Gründen weg. Andere kommen frisch dazu. Die ersteren fühlen sich in aller Regel frustriert. Und die Neuen machen sich noch Illusionen, was das Verändern und Gestalten durch ihre politische Arbeit im Parlament angeht. Bei den Ausscheidenden kommt oft noch die Angst hinzu, wie sie ihren Lebensstandard ohne die Abgeordnetenbezüge aufrechterhalten können. Die Neuen dagegen freuen sich darüber, dass sie jetzt selbst an den Fleischtöpfen sitzen.
Als Vorsitzender unserer Fraktion muss ich ganz ehrlich sagen, dass der KL schon ein Original war. Wenn wir bei einem Bier zusammensaßen, hatte er immer einen zusammengefalteten Zettel mit dabei. Dann dauerte es auch nicht lange und er fing an, mir zu erzählen, wie er in seinem Kreisverband welchem Vorhaben mit wem zur Mehrheit verhelfen will. Haarklein konnte er darlegen, wie er seine Leute mit Hilfe des Ausgleichs ihrer Interessen dazu brachte, ihre Stimme für seine Vorhaben einzusetzen. Dem einen hat er zu einem Pöstchen verholfen, der anderen die Mitgliedschaft im Golfclub trotz Aufnahmestopp vermittelt, für einen Dritten die Baugenehmigung beschleunigt. Er hatte immer etwas in der Hinterhand. Deswegen wird er auch weich fallen, wenn er zurück in seinen Kreisverband kommt.
Auch hier im Plenum hatte er sich einen guten Namen gemacht. Insbesondere ich war froh, dass er immer dazu bereit war, auch zu unattraktiven Themen zu sprechen. Sie kennen die Bilder: da steht einer am Rednerpult und vor ihm auf den Abgeordnetenbänken gähnende Leere. Der KL aber immer mit vollem Engagement! Schon beim Schreiben der Rede. Also ich kenne keinen, der sich selbst bei fachlich schwierigen Themen so penibel kundig gemacht hat und das dann auch politisch korrekt auf unsere Linie formuliert bekam. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen. Denn seine Devise war: In den Rednerstatistiken stehen nur die Namen der Redner und nicht die Anzahl der Zuhörer. Deshalb hat er sich ans Rednerpult gestellt, so oft er konnte. Aber von Zwischenrufen hielt er nichts. Da hatte er einmal eine Pleite erlebt, weil er mit einer Nahaufnahme seiner ironisch gemeinten Anmerkung völlig aus dem Zusammenhang gerissen in einer Comedy-Show gelandet war. Jedoch hatte sich keiner über seinen Einwurf lustig gemacht, sondern nur über seinen den TV-Schirm füllenden schiefen Mund. Das hatte ihn sehr gekränkt.
Natürlich muss er seine offizielle Verabschiedung aus der Fraktion bekommen. Wir veranstalten dazu immer einen Sektempfang mit kurzer Ansprache des Vorsitzenden. Ich führe gerne die Fraktion und bin mir für kein Gespräch zu schade, aber diese Abschiedsansprachen hasse ich wie Hundekacke an der Sohle. Man kommt sich vor wie bei einer Beerdigung. Zuerst Lobhudelei – am besten verbunden mit sentimentalen Erinnerungen – und dann die üblichen Wünsche für die Lebensrestlaufzeit. Und wie bei einer Beerdigung denken alle Teilnehmenden, dass es zum Glück ein anderer ist, der verabschiedet wird. Dabei vergessen sie, dass sie selbst in vier Jahren die Verabschiedeten sein könnten.
Ich werde nie vergessen, als wir einmal in der Regierungsmaschine Richtung Moskau saßen. Vorne die Regierungsmitglieder mit den Pressesprechern, dahinter – Business sozusagen – die Delegation mit den Wirtschaftsbossen und dann auf den billigsten aller kostenlosen Plätze wir aus den relevanten Ausschüssen, also auch von dem für Landwirtschaft und Ernährung. Gemeinsam mit den eingeladenen Journalisten vergnügten wir uns im hinteren Teil. Da ging der KL auf einmal von Sitzreihe zu Sitzreihe und teilte einen von ihm mitgebrachten Stimmzettel aus. Darauf stand zu lesen: Die russische Armee hat bekanntlich die Krim völkerrechtswidrig annektiert. Wie verhalten wir uns politisch korrekt, wenn wir auf unserem Konsultationsbesuch in Aserbaidschan Krimsekt angeboten bekommen? A: Trinken, B: Nicht Trinken. C Ein alkoholfreies Getränk verlangen. Bitte ankreuzen. Und er hatte tatsächlich eine Mehrheit dafür bekommen, den Krimsekt abzulehnen. Was dann im weiteren Verlauf den Konsum von Wodka beförderte. Aber das ist eine andere Geschichte. Seitdem stelle ich mir beim Namen KL immer ihn mit einem erhobenen Sektglas vor, das bis an den Rand mit Krimsekt gefüllt ist, obwohl er ihn ja eigentlich abgelehnt hatte. Nichts für ungut, mein Lieber.
A KLs Ich-Variationen: Der osmanische Haremsherr
Ich wäre jetzt Saladin. Als ich meinen Harem betrat, warf ich dem schwarzhäutigen Eunuchen am Eingang einen strengen Blick zu, sodass er sich zu Boden warf und auf den Knien aus meinem Sichtfeld rutschte. Dabei rief er unentwegt: Gnade! Gnade! Gnade! Ich beachtete ihn nicht weiter, sondern sog den süßen Duft der Parfums meiner Frauen ein – durch meine erwartungsfroh geblähten Nasenöffnungen. In welchem Himmel könnte es besser riechen?
Kaum, dass sie mich zu sehen bekommen hatten, versammelten sich meine besseren Hälften um den für mich bereitstehenden Thron, der im Prinzip aus drei übereinander gestapelten goldseidenen Kissen bestand und von einem Halbrund aus mit rubinrotem Samt bespannten Rücken- und Armlehnenpolstern eingerahmt war. Wobei die Bezeichnung der Frauen als „bessere Hälften“ unserer gemeinsamen Situation und auch Sache nicht ganz gerecht wird. Ich besaß nämlich eine Hauptfrau und etwa zehn Nebenfrauen, sodass ich die eine nicht gleich die Hälfte von mir beanspruchen lassen konnte, sondern maximal ein Viertel. So stand dann wenigstens für die übrigen zehn noch je ein Zehntel meines restlichen Viertels zur Verfügung. Was sie im Stillen ausnahmslos alle als äußerst befriedigend beurteilten Als Sultan in osmanischer Tradition brachte man ohnehin mathematische Fähigkeiten mit, die dem Araber seit alters her zuzuschreiben sind. Ich sage nur: „arabische Zahlen“! Trotzdem hatte ich meine Frauen nicht einfach durchnummeriert, sondern nannte jede beim ihr eigenen Namen: Meine Hauptfrau hieß zu dieser Zeit Fatima wie die Tochter des Propheten. Leicht zu merken. Bei den anderen zehn wurde es schon schwieriger. Meine Favoritin war eindeutig Sule. Die konnte ich mir auch gut merken. Doch dann wurde es schon schwieriger, zumal Frauen im osmanischen Harem nur im Ausnahmefall an ihren Namen festgemacht wurden – also Männern nur schlecht geläufig werden konnten. Ihre Vielzahl pro männlicher Nase trug dann ein Übriges zu ihrer Vertauschbarkeit bei. Ich versuchte es trotzdem mit der Benennung beim richtigen Namen in alphabetischer Reihenfolge, was ich in einer schlaflosen Nacht einmal auswendig gelernt und am Morgen danach noch immer gekonnt hatte: A wie Ayse zum Auftakt. Weiter dann mit dem nächsten Vokal: Emine. Dann: Fazila, Hatice, danach Pause, darauf Malvude, Mikrimah, O war Fehlanzeige, Peyveste, lange Pause, Sahinde und schließlich Tira. Für einen Mann mitteleuropäischer Abstammung nicht einfach zu merken, doch als Sultan KL war ich mir das schuldig.
Die Frauen hatten sich also um meinen Thron versammelt und sahen mir erwartungsvoll entgegen. Welcher von ihnen hatte ich wohl ein Geschenk mitgebracht? Keiner, um ehrlich zu sein. Ich wollte nicht, dass sich auch nur eine von ihnen benachteiligt fühlen könnte. Nachdem ich kurz nachgezählt hatte, fiel mir auf, dass eine fehlte: Fatima, meine Hauptfrau. Sie war ohnehin etwas eigenwillig und schreckte zuweilen selbst vor Widerspruch nicht zurück. Was sie wohl wieder hatte? Ihre Tage, sagten die anderen auf Nachfrage. Auch gut, wenn auch respektlos. Sie hätte sich wenigstens kurz blicken lassen können. Andererseits galt sie in diesem Zustand - und in dieser Kultur ohnehin - als unrein, was mir mein Interesse an Sule versüßte. Denn Sule war eine Schönheit, wie sie im Buche von 1000 und einer Nacht stand: schwarzes, glänzendes Haar, dunkelbraune strahlende Augen, volle Lippen, die sie zum Glühen bringen konnte und einen so wohlgeformten Körper, dass sogar ich als ihr Gebieter nicht wusste, woran sich meine Blicke zuerst erfreuen sollten. Doch ein bisschen getönt war ihre Haut schon. Nicht makellos die Schönheit letztlich nach meinem Geschmack. Wenn ich sie mit ihrer Hautfarbe neckte, schalt sie mich einen Ungläubigen. Da aber wusste ich sie zu widerlegen: Dummköpfchen du, hast im Geschichtsunterricht wohl nicht aufgepasst! Wer war es denn, der Jerusalem seinerzeit von den Ungläubigen befreien musste? Genau, die damals Rechtgläubigen, die Kreuzritter! Sonst hätten die Halbmondritter geheißen! Und die dazugehörigen Züge Halbmondzüge statt Kreuzzüge. Also bist du die Ungläubige, eigentlich, nach den Maßstäben von damals. Als sie weinte, munterte ich sie auf, indem ich ihr eine Überraschung versprach. Ich verfluchte alle anderen meiner herumstehenden
