Kirche multikulturell - Martina Pauly - E-Book

Kirche multikulturell E-Book

Martina Pauly

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Beschreibung

Unter diesem Titel erscheint erstmals ein kirchlicher Coaching-Ratgeber für die kulturell diverse Entwicklung kirchlicher Organisationen und Institutionen. Für den notwendigen transkulturellen Wandel schlägt die Autorin in ihrem Buch erprobte Taktiken und Strategien für eine kultursensible Organisationsentwicklung vor.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

Um alle Geschlechter gleichermaßen zu beachten, reicht der Gebrauch der Doppelform der Geschlechter nicht aus. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird deshalb überwiegend die Mehrzahl verwendet, die sich ausdrücklich auf alle Geschlechter bezieht. Im Singular wird abwechselnd auf die weibliche und männliche Form zurückgegriffen. Das andere Geschlecht ist dabei jeweils mitgemeint.

Inhaltsverzeichnis

Über die Autorin

Einleitung

Wenn der Wind der Veränderung weht

Demografische Entwicklung in Deutschland

Kirche verliert Mitglieder und Relevanz

Chancen der kulturell diversen Entwicklung von Kirche

Transkulturelles Coaching

Coaching

Transkulturell oder interkulturell?

Interkulturelle Kommunikation

Was kulturelle Bereicherung bedeutet

Kirche und Interkulturalit

Internationale Gemeinden

Transkulturelle Kirchenprojekte

EKD-Projekt „Gemeinsam Evangelisch!“

Internationaler Kirchenkonvent Rheinland-Westfalen

Interkulturelle Kirchenentwicklung in Westfalen

Transkulturelle Theologie

Transkulturelle Kinderbibel und Bildungsmaterialien

Die drei Ebenen der transkulturellen Transformation

Ebene der Bewusstseinsbildung für Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten

Bewusstwerden eigener Denk- und Verhaltensmuster

Koloniale Kontinuitäten

Rassismus in Deutschland

Eurozentrismus

Ungleichheiten in Theologie und Kirche

Dekolonisierung des eigenen Kirchenumfelds

Vorurteile

Welche Vorurteile haben wir?

Wie entstehen Vorurteile?

Wie lassen sich Vorurteile abbauen?

Das Konzept der Kulturdimensionen

Schubladendenken überholter Kulturschemata

Kulturschock in Deutschland

Ebene der transkulturellen Zusammenarbeit

Verständigung über unterschiedliche Standpunkte, Praktiken und Erwartungen

Kulturelle Vielfalt und die Suche nach kultureller Identität

Interkulturelle Lernorte auf Gemeindeebene

Interkulturelle Anschlussfindung in Deutschland

Internationale kirchliche Partnerschaften

Paternalismus in internationalen Kirchenpartnerschaften

Unterschiedliche Lebenswelten in internationalen Kirchenpartnerschaften

Neue Dynamik für etablierte Kirchenpartnerschaften

Kulturell diverse Partnerschaftsgruppen in Deutschland

Junge Erwachsene in weltweiten Partnerschaftsnetzwerken

Ebene der strukturellen Gleichberechtigung

Transkulturelle Transformation von Organisationen

Struktur und Leitung

Programmatische Arbeit

Stellenbesetzung und Empowerment

Unternehmenskultur

Impulse aus der Organisationsentwicklung

Kulturell divers zusammengesetzte Leitungsorgane

Planung des Transformationsprozesses

Zielformulierungen: SMART & WOOP

Implementierung

Transkulturelle Coaching-Praxis

Coaching-Anlässe

Coaching-Impulse

Transkulturelle Kompetenz erlernen

Coaching-Methode „Garten der transkulturellen Zusammenarbeit“

Workshop „kulturelle Vielfalt verstehen“

Mediation, Feedbackkultur und Gewaltfreie Kommunikation

Persönliche Erfahrungen aus der internationalen Ökumene

Der „afrikanische Häuptling“ einer Mission

Multi-ethnische Gemeinden der Waldenser·

Unsicherheiten in der interkulturellen Kommunikation

Zeit zum Umdenken

ABC des transkulturellen Coachings

Über die Autorin

Martina Pauly ist als transkultureller Coach im kirchlichen Bereich tätig. Hier bringt sie ihre mehr als 20-jährige Berufserfahrung als Fach- und Führungskraft in der internationalen Ökumene ein. Seit 2002 ist sie in einer internationalen evangelischen Mission tätig, wo sie mit Menschen aus afrikanischen, asiatischen und deutschen Kirchen in einer Organisation zusammenarbeitet, die sich kontinuierlich und umfassend transkulturell transformiert hat. Das Besondere an der Entwicklung dieser Organisation ist, dass Leitungs- und Schlüsselpositionen heute mehrheitlich mit Vertreterinnen und Vertretern afrikanischer und asiatischer Kirchen besetzt werden. Außerdem erfolgt die Entscheidungsfindung in paritätisch besetzten Leitungsgremien, in denen alle Mitglieder gleichberechtigt sind.

Die promovierte Sozialwissenschaftlerin mit deutsch-syrischem Hintergrund hat einen Großteil der kulturell vielfältigen Organisationsentwicklung hautnah miterlebt. Ihre Beobachtungen und Erkenntnisse gibt sie in ihrem transkulturellen Coaching in Form von Impulsen und Perspektivwechseln weiter. Bei der Kommunikation über kulturelle Grenzen hinweg greift sie auch auf ihre langjährige Berufserfahrung als Übersetzerin zurück. Durch ihre akademische Ausbildung im Management von Non-Profit-Organisationen ist sie zudem in der Lage, die Wechselwirkungen von Bewusstsein, Kooperation und Struktur in multikulturellen Arbeitskontexten zu erkennen und für eine neue Organisationsentwicklung nutzbar zu machen.

Als Coach begleitet sie heute Kirchengemeinden und andere kirchliche Organisationen, Verbände und Institutionen auf ihrem Weg in die Transkulturalität. Da dieser Prozess herausfordernd sein kann und eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit er gelingt, sind ihre interkulturellen Erfahrungen und ihre Coaching-Kompetenz eine wertvolle Unterstützung auf dem Weg zum Transformationsziel.

Was motiviert sie zum transkulturellen Coaching? Sie weiß, dass das Modell kultureller Vielfalt und gleichberechtigter Zusammenarbeit im kirchlichen Raum und darüber hinaus funktioniert. Außerdem hält sie das Konzept für zukunftsweisend, weil es die Potenziale einer pluralen Gesellschaft nutzt und neue Chancen für alle Beteiligten aufzeigt.

Die Autorin dieses Buches.

Einleitung

Multikulturelle Kirche - das klingt in den Ohren vieler wie eine Selbstverständlichkeit. Die evangelische Kirche, d.h. die 20 Landeskirchen und ihr EKD-Dachverband, um die es in diesem Buch geht, engagiert sich heute für vielfältige Themen. Sie tritt für soziale Gerechtigkeit, politische Partizipation und sozioökonomische Chancengleichheit ein. Über das beschriebene Engagement hinaus bemüht sich die Kirche zwar um kulturelle Vielfalt auch in den eigenen Reihen, aber mit unterschiedlichem Erfolg. Bislang gibt es keinen einheitlichen Ansatz dafür, wie Christinnen und Christen mit internationalem Hintergrund kirchenweit bis in die höchsten Leitungsgremien der Landeskirchen und des Dachverbands befördert werden. Das vorliegende Buch stellt erstmals ein Konzept vor, wie dieser Wandel mit Hilfe einer reflexiven Coaching-Begleitung gelingen kann.

Gegenwärtig wird in einigen evangelischen Landeskirchen die interkulturelle Entwicklung vorangetrieben, mit dem Ziel, die kulturelle Diversität im Rahmen einer ‚multikulturellen Kirche‘ zu erreichen. Zu diesem Zweck haben zahlreiche Landeskirchen spezielle Planstellen eingerichtet, die überwiegend im Bereich der Ökumene angesiedelt sind. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Initiativen der Evangelischen Kirche von Westfalen mit ihrem Oikos-Institut1 und der Nordkirche mit ihrem Ökumenewerk2. Diese Institute stellen den jeweiligen Landeskirchen umfangreiche Ressourcen zur Verfügung, die die multikulturelle Anschlussfähigkeit kirchlicher Programme und Strukturen fördern sollen. Die Gründe für eine multikulturelle Kirchenentwicklung sind dabei unter Umständen unterschiedlich. Die sogenannte ‚interkulturelle Öffnung‘ der Kirchen auf Gemeindebasis hat sich mit zunehmender Migration nach Deutschland - und hier vor allem mit der Ankunft von Millionen geflüchteter Menschen seit 2015 - als Notwendigkeit erwiesen. Die Suche nach Sicherheit, Schutz und Arbeit ist für viele Menschen aus Ländern wie Syrien, dem Iran, Ägypten oder Ghana der Grund, nach Deutschland zu migrieren. Damit verbunden ist auch der Wunsch nach einer soziokulturellen und geistlichen Heimat in der jeweiligen Muttersprache. Verfolgte Christen aus arabischen Ländern, Familien aus afrikanischen, asiatischen und europäischen Ländern mit protestantischem Hintergrund sowie Menschen, die das Christentum gerade erst für sich entdeckt haben - sie alle kommen in die Ortsgemeinden der Landeskirchen.

Gleichzeitig konnte die große Hilfsbereitschaft für Geflüchtete die anhaltende negative Mitgliederentwicklung der evangelischen Landeskirchen nicht aufhalten. Dennoch gibt es zahlreiche Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, die sich in die Ortsgemeinden einbringen wollen. Für sie werden Gottesdienste in Farsi und Arabisch abgehalten. In Einzelfällen sind hier auch Pfarrer aus den Herkunftsländern, wie zum Beispiel aus Ägypten, tätig. Gemeinsam mit den Ortsgemeinden feiern die christlichen Neumitglieder internationale Feste mit den Liedern und Speisen, die sie aus ihren Heimatländern mitbringen. So kommt es zur Bildung neuer interkultureller Gemeinden. Diese Gruppen zeichnen sich teilweise durch eine hohe Heterogenität in Bezug auf Herkunft, Frömmigkeit und Theologie aus, was für viele Mitglieder jedoch von untergeordneter Bedeutung zu sein scheint, da die Gemeinschaft im Vordergrund steht.

Daneben sind eigenständige und eher homogene protestantische Gemeinschaften afrikanischer, asiatischer und europäischer Herkunft entstanden, beispielsweise mit Mitgliedern aus Ghana, Vietnam, Südkorea, den Philippinen und Italien. Diese internationalen Gemeinden - vormals als ‚Migrationsgemeinden‘ oder ‚Gemeinden anderer Sprache und Herkunft‘ bezeichnet - setzen sich nicht ausschließlich aus geflüchteten Personen zusammen. Zu ihnen gehören auch die vielen internationalen Fachkräfte, die für einen Job nach Deutschland gekommen sind, oder Menschen mit Einwanderungsgeschichte der zweiten oder dritten Generation. Die Mitgliedschaftsverhältnisse sind unterschiedlich. Einige Mitglieder pflegen eine Doppelmitgliedschaft mit der landeskirchlichen Ortsgemeinschaft, während andere Mitglieder eher unter sich bleiben. Die Gottesdienste vieler internationaler Gemeinden werden zumeist in der jeweiligen Landessprache und mit der kulturell eigenen Liturgie gefeiert, meist in angemieteten Räumen, wenn den Gemeinden der Zugang zur Kirche der Ortsgemeinde verwehrt ist.

Ein weiterer interkultureller Lernort sind die internationalen kirchlichen Partnerschaften, die vielfach schon seit Jahrzehnten mit Gemeinden im Globalen Süden gepflegt werden. Häufig sind diese Beziehungen dem Gedanken der Entwicklungshilfe entsprungen. In der Praxis zeigen sich in diesen Partnerschaften deshalb oftmals noch überholte patriarchalische Verhaltensweisen und ein entsprechendes Nord-Süd-Machtgefälle. Partnerschaftsbeteiligte, die sich dieser postkolonialen Denk- und Verhaltensweisen bewusst sind, sind heute vielfach bemüht, ihre freundschaftlichen Beziehungen auf einer Ebene stattfinden zu lassen, die die einseitige finanzielle Unterstützung nicht in den Mittelpunkt ihrer Partnerschaft stellt.

Eine bisher wenig beachtete Gruppe innerhalb der Landeskirchen sind Christinnen und Christen mit Migrationshintergrund der zweiten und dritten Generation. Diese Menschen werden von der weißen3 Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß wahrgenommen. Obwohl sie in Deutschland geboren und zur Schule gegangen sind, werden sie in der von Weißen dominierten evangelischen Kirche meist als Fremde betrachtet und erleben unter Umständen auch offene oder subtile Diskriminierungen.

Es ist paradox, dass die Gruppe der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in der evangelischen Kirche immer noch einen Minderheitenstatus hat, obwohl sie in der deutschen Gesellschaft zahlenmäßig stark wächst. Dies wird deutlich, wenn die demografischen Statistiken, auf die im Folgenden näher eingegangen wird, der Besetzung von Leitungspositionen in Landeskirchen, Kirchenkreisen, Gemeinden, Akademien, Diakonischen Werken und anderen kirchlichen Einrichtungen gegenübergestellt werden. Menschen aus dem Globalen Süden sind hier eher in Ausnahmefällen zu finden.

Angesichts der vorstehend beschriebenen heterogenen Entwicklung des evangelischen Lebens und des gleichzeitig unaufhaltsamen Mitgliederschwunds im traditionellen Kirchenmilieu, wird die Umwandlung kirchlicher Strukturen durch die stärkere Einbindung von Menschen mit internationalem Hintergrund nicht mehr zur Option, sondern zur Überlebensfrage.

Die vorliegende Publikation skizziert Leitplanken für eine grundlegende multikulturelle Transformation von beispielsweise Ortsgemeinden oder kirchlichen Werken. Sie stecken den Weg hin zur einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen allen Mitarbeitenden bzw. Mitgliedern, egal welcher Hautfarbe und Herkunft, ab. Die Leitplanken werden mit Hilfe von reflektiven Coaching-Fragen aufgestellt, die zum Perspektivwechsel anregen.

Auf der Grundlage persönlicher Erfahrungen aus einer internationalen ökumenischen Organisation wird darüber hinaus ein Transformationsansatz auf drei Ebenen vorgestellt: das Bewusstsein für Ungleichheiten, die transkulturelle Zusammenarbeit und die strukturelle Verstetigung von Gleichberechtigung.

Die Erfahrung zeigt, dass dieser umfassende und herausfordernde Transformationsprozess durch ein begleitendes kultursensibles Kirchen-Coaching erleichtert werden kann. Eine Übersicht über Coaching-Anlässe und -Impulse findet sich in dem Kapitel „Transkulturelle Coaching-Praxis“.

Dass der hier beschriebene Prozess funktioniert, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass eine christliche Religionsgemeinschaft ihr Vertrauen aus dem gemeinsamen Glauben und den gemeinsamen Werten bezieht. Diese bilden ein stabiles Fundament für eine transkulturelle Zusammenarbeit, die hier möglicherweise sogar besser gedeihen kann als im säkularen Bereich.

Aufgrund der vielfältigen Ausprägungen des kirchlichen Lebens in Deutschland kommen standardisierte Lösungsansätze nicht in Frage. Die Erfahrung des Coaches mit multikulturellen Kirchenkontexten ist deshalb von großer Bedeutung.

Für die Initiierung einer Transformation, die auf eine kirchliche Institution bzw. Organisation mit einer hohen kulturellen Vielfalt und einer transkulturellen DNA abzielt, gibt dieses Buch die notwendigen ersten Perspektivwechsel und Impulse.

Dr. Martina Pauly

Wuppertal, im März 2025

1https://www.oikos-institut.de (Zugriff: 20.01.2025).

2https://www.nordkirche-weltbewegt.de (Zugriff: 20.01.2025).

3 Im Folgenden wird weiß kursiv geschrieben, um zu signalisieren, dass es im Kontext von Ungleichheit nicht allein um die Hautfarbe geht, sondern dass damit eine privilegierte und machtpolitische Position in unserer Gesellschaft verbunden ist.

Wenn der Wind der Veränderung weht

Im Folgenden wird zunächst die gegenwärtige schwierige Situation der evangelischen Landeskirchen angesichts der demografischen Entwicklung, des Mitgliederschwundes und der fortschreitenden Säkularisierung in Deutschland skizziert. Die damit verbundenen Folgen wie finanzielle Einschnitte und gesellschaftlicher Bedeutungsverlust sind weitgehend bekannt. Der Schwerpunkt dieser Publikation liegt darauf, die Chancen aufzuzeigen, die sich für die Kirche aus einer umfassenden und konsequent betriebenen transkulturellen Transformation ergeben.

Dazu werden Transformationsangebote vorgestellt, die auf meinen Beobachtungen eines über 20jährigen transkulturellen Entwicklungsprozesses in einer internationalen kirchlichen Organisation basieren. Daraus habe ich einen transkulturellen 3-Ebenen-Ansatz abgeleitet, der sich als Grundprinzip für einen umfassenden Wandel eignet und im Coaching an die kontextuellen Bedingungen der Organisation angepasst werden kann.

Demografische Entwicklung in Deutschland

Die demografische Entwicklung in Deutschland konstituiert einen wesentlichen Faktor für die Notwendigkeit einer kulturell diversen Entwicklung sämtlicher gesellschaftlicher Bereiche. Auch die evangelischen Landeskirchen sind von dieser Entwicklung betroffen.

Zunächst einige Zahlen, Daten und Fakten, die die weitere Argumentation bestimmen werden: Laut dem „Statistischen Bericht zur Bevölkerung nach Einwanderungsgeschichte“ des statistischen Bundesamtes hatten im Jahr 2023 24,9 Millionen Menschen der insgesamt 83,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Deutschland einen Zuwanderungshintergrund.4 Zu dieser Gruppe zählen sowohl die direkt Zugewanderten als auch deren Nachkommen. Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung beläuft sich demnach auf 29,7 Prozent. Von den kanpp 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund besitzen 12,4 Millionen einen deutschen Pass und 12,5 Millionen einen ausländischen Pass.

Knapp zwei Drittel der Personen mit Zuwanderungshintergrund, nämlich 16,1 Millionen Menschen, waren Migrantinnen und Migranten der ersten Generation. Knapp 65 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund sind selbst eingewandert, gut 35 Prozent davon sind in Deutschland geboren.

Für alle zukünftigen Planungen könnte besonders interessant sein, dass im Jahr 2023 rund 43 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Zuwanderungshintergrund hatten.5

Hinsichtlich der Herkunftsländer der Personen mit Migrationshintergrund stehen die europäischen Länder an erster Stelle: 30,4 Prozent der 24,9 Millionen Personen mit Migrationshintergrund stammten 2023 aus einem der 26 anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und weitere 31,3 Prozent aus einem anderen europäischen Staat. Insgesamt kommt die größte Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund aus der Türkei mit 2,5 Millionen, gefolgt von Polen mit rund 2 Millionen, Russland mit 1,4 Millionen und Rumänien mit 1,1 Millionen Menschen.

Mit Blick auf die Religionszugehörigkeit kommt 2023 ein signifikanter Anteil der zugewanderten Bevölkerung aus Ländern mit überwiegend römisch-katholischer Prägung wie Polen und orthodoxer Prägung wie Russland und seit 2022 aus der Ukraine sowie aus muslimisch geprägten Nationen wie der Türkei und Syrien. Dennoch ist auch ein Zuzug protestantisch geprägter Menschen, wie etwa Methodisten oder Baptisten, aus afrikanischen Ländern wie Ghana oder aus asiatischen Ländern wie Südkorea und den Philippinen zu verzeichnen. Laut einer Studie des BAMF6 aus 2020 sind Geflüchtete hinsichtlich ihrer religiösen Zugehörigkeit nicht zwingend repräsentativ für ihre Herkunftsländer, wenn diese muslimisch geprägt sind. Vielmehr sind religiöse Minderheiten unter den Geflüchteten zum Teil überrepräsentiert, wie zum Beispiel christliche Geflüchtete aus dem Iran. Interessant ist, dass ein Drittel der christlichen Geflüchteten sich der evangelischen und ein Fünftel der katholischen Kirche zuordnen. Zwei Drittel der geflüchteten Christinnen und Christen stammen aus afrikanischen Ländern und dem Iran.

Außerdem heißt es in der Studie, dass „Glaube und Religion besonders den christlichen Geflüchteten wichtig zu sein (scheinen). Geflüchtete, die am religiösen Leben teilnehmen, sind stärker sozial eingebunden als Geflüchtete, die dies nicht tun. Dabei steht der häufige Besuch religiöser Veranstaltungen auch in einem leicht positiven Zusammenhang mit der Zeit, die speziell mit Deutschen verbracht wird. Das heißt, es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Teilnahme am religiösen Leben mit einer Abschottung von der Aufnahmegesellschaft einhergeht.“

Für die evangelische Kirche ist diese demografische Entwicklung dennoch ungünstig, zumal das traditionelle kirchliche Milieu in der deutschen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund durch Überalterung und fortschreitende Säkularisierung unaufhaltsam wegbricht. Diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung lässt für die künftige Relevanz der evangelischen Kirche nichts Gutes erwarten. Allein die Tatsache, dass immer mehr Kinder einen Migrationshintergrund haben, lässt erahnen, welche Mitgliederentwicklung auf die Landeskirchen zukommt. Der Zeitpunkt, an dem die migrantische Minderheit zur Mehrheit wird, scheint nicht mehr in allzu weiter Ferne zu liegen.

Kirche verliert Mitglieder und Relevanz

Aber auch im Binnenverhältnis stehen die Landeskirchen unter dem Druck von Austrittswellen.7 Zur Frage der künftigen Bedeutung der Kirchen in Deutschland, veröffentlichte der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung seine statistischen Daten aus einer im Sommer 2022 durchgeführten Befragung unter dem Titel “Die Zukunft der Kirchen – zwischen Bedeutungsverlust und Neuverortung in einer vielfältigen Gesellschaft: Ergebnisse des Religionsmonitors 2023 – eine Vorschau”.8 Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Rückgang der religiösen Sozialisation, des Gottesglaubens, der Gebetshäufigkeit sowie des Gottesdienstbesuchs seit 2012. Zudem äußert laut der Studie ein Viertel der Kirchenmitglieder die feste Absicht, aus der Kirche auszutreten, wobei dieser Wert unter den jüngeren Mitgliedern mit 41 Prozent besonders hoch ist.

„Der Trend des Verlusts an gesellschaftlicher Relevanz der Kirche wird durch mehrere Faktoren begründet. Erstens ist die zunehmende Individualisierung zu nennen, die traditionelle Formen der Religiosität durch privatere Formen der Spiritualität ersetzt. Zweitens, die steigende Vielfalt der Bevölkerung infolge von Einwanderung, und drittens eine zunehmend kritische Sicht vieler Mitglieder auf die Kirche“, so die Aussage der Religionsexpertin Yasemin El-Menouar.9

Im Gegensatz zu den gängigen Erklärungen, die das Motiv des finanziellen Aspekts der Kirchensteuer als wesentlich für den Kirchenaustritt benennen, seien die austrittswilligen Kirchenmitglieder laut der Untersuchung deutlich kritischer gegenüber der persönlichen Bedeutung von Religion und der Häufigkeit des Kirchgangs im Vergleich zu den Mitgliedern, die nicht austreten wollen. Für die Austrittswilligen sind es die Missbrauchsskandale10 und die deutlich ausgeprägtere Auffassung, dass die Kirchen zu viel Macht hätten und die kirchlichen Privilegien ungerecht seien, die zu ihrer Entscheidungsfindung beitragen.

Die Schlussfolgerung der Bertelsmann-Stiftung ist demnach von Pessimismus geprägt. „Die Ergebnisse des Religionsmonitors 2023 deuten darauf hin, dass das Christentum in Deutschland zunehmend zu einer spirituellen Option unter vielen wird. Zudem ist ein Rückzug christlicher Religiosität aus den Kirchen in den privaten Bereich zu beobachten. Unter Berücksichtigung der signifikant hohen Anzahl von Kirchenmitgliedern, die gegenwärtig eine Austrittsabsicht bekunden, sind raschere Mitgliederverluste der Kirchen zu prognostizieren, als es die Freiburger Studie11 vorhergesagt hat. Diese Entwicklung stellt das historisch gewachsene Selbstverständnis der Kirchen auf den Kopf. Angesichts dessen sind die Kirchen gefordert, ihre besondere gesellschaftliche Rolle einer kritischen Reflexion zu unterziehen und sich in einer zunehmend religiös pluralen Gesellschaft neu zu verorten.“12

Soweit die demografische Lage und kirchlichen Herausforderungen in Kurzform. Man muss kein Experte sein, um daraus ein existentielles Risiko für die Landeskirchen abzuleiten. Ein Risiko, das sich vielleicht nicht in fünf Jahren bemerkbar macht, aber vielleicht schon ab dem Jahr 2040 spürbar sein wird.

Chancen der kulturell diversen Entwicklung von Kirche