Kiss me in New York - Catherine Rider - E-Book

Kiss me in New York E-Book

Catherine Rider

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Beschreibung

Heiligabend, JFK-Flughafen, New York. Charlotte ist gerade wieder solo. Nach einem Auslandsjahr wurde sie von ihrem amerikanischen Boyfriend abserviert und will nun nichts mehr, als in den Schoß der Familie nach London zurückzukehren. Dann wird ihr Flug verschoben und Charlotte ein Hotel-Gutschein in die Hand gedrückt. Geht es noch schlimmer? Ja, geht es: Anthony will seine Freundin vom Flughafen abholen, doch die macht dort kurzerhand vor aller Augen mit ihm Schluss. Da hat Hardcore-Optimistin Charlotte eine Idee: Wieso verbringen sie und Anthony nicht gemeinsam mit ihrem neuen Ratgeber: Wie man in zehn Schritten über seinen Ex hinwegkommt den Heiligabend? Doch aus unbeschwertem Spiel wird bald romantischer Ernst.

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Catherine Rider

A Winter Romance

Aus dem Englischen von Franka Reinhart

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© 2016 by Working Partners Ltd

With special thanks to James Noble.

© 2016 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Franka Reinhart

Lektorat: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München,

unter Verwendung mehrerer Motive

von © Gettyimages (ferrantraite); Shutterstock

(Marcel Zizkat, Ricardo Reitmeyer, pavelgr,

Grigoriev Ruslan, Oxy_gen)

he ∙ Herstellung: sto

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-19133-7V003

www.cbt-buecher.de

Charlotte

Heiligabend

14:00 Uhr

Ein gebrochenes Herz verändert so manches. Zum Beispiel mache ich normalerweise kein finsteres Gesicht, wenn mir eine freundliche Dame beim Einchecken am Flughafen John F. Kennedy »Schöne Feiertage!« wünscht.

Aber im Moment kann ich nichts dagegen tun. Es ist Heiligabend und ich will so schnell wie möglich weg aus New York. Kein Blick zurück. Am besten sofort vergessen, warum ich überhaupt hergekommen bin.

Bei meiner Ankunft kam mir noch alles knallbunt und unsagbar aufregend vor. Doch vor zwei Wochen wurde das auf einen Schlag anders. Plötzlich habe ich gesehen, worüber Mr und Mrs Lawrence, meine Gastfamilie in Yonkers, immer geschimpft haben, sobald ich die »City« erwähnt und von ihr geschwärmt habe. Zum Beispiel die Massen von unhöflichen Leuten, die einem ständig in die Quere kommen. Die vielen Ratten. Und dass es in der ganzen Stadt oft stinkt wie unter einem gigantischen Schirm aus ranziger Pizza.

Das Lächeln der Frau am Schalter verwandelt sich in ein Stirnrunzeln. Wahrscheinlich sehe ich total komisch aus, wie ich so mit finsterer Miene vor mich hinstarre. Deshalb schiebe ich schnell ein »Danke, ebenso!« hinterher und teile ihr mit, dass ich um 18.45 Uhr nach London Heathrow fliegen möchte.

Die Dame in Rot schaut auf ihren Bildschirm und verzieht belustigt das Gesicht. »Oh, bis dahin sind es ja noch fast fünf Stunden. Ihr Briten seid gern überpünktlich, was?«

Wenn das nicht voll daneben wäre, würde ich am liebsten antworten: »Das hat nichts mit Pünktlichkeit zu tun, Ronda.« (Der Name steht auf dem Schild an ihrem Oberteil.) »Bis vor zwei Wochen hatte ich es überhaupt nicht eilig, nach Hause zu kommen. Mein halbes Auslandsjahr an der Sacred Heart Highschool war das tollste meiner gesamten Schulzeit, und ich konnte es gar nicht erwarten, im September wiederzukommen und am College mit dem Studium anzufangen. Richtig in New York zu leben – davon habe ich schon ungefähr seit der letzten Folge von How I Met Your Mother geträumt … Okay, das Ende war blöd, aber das meiste davor fand ich schon ziemlich super. Als ich eine vorzeitige Zulassung für Journalistik an der Columbia University bekam, war ich total aus dem Häuschen. Und dann bin ich hergekommen und habe festgestellt, dass es in echt noch viel genialer ist! Doch dann … hat einer von den New Yorker Jungs – Colin, Sie kennen ihn nicht zufällig? – mir brutal das Herz gebrochen. Seitdem sind mir vor allem die hässlichen Seiten der Stadt aufgefallen, zum Beispiel, wie sinnlos kalt es hier im Dezember ist. Und dass die U-Bahnen hier ungefähr so bequem sind wie Einkaufswagen. Und ich habe festgestellt, dass hier manchmal echt saublöde Sachen passieren, zum Beispiel, wenn Autos in Fußgänger rasen, die gerade über die Straße gehen!«

In Wirklichkeit sage ich allerdings zu Ronda: »Ich kann es eben gar nicht erwarten, endlich nach Hause zu kommen.«

Was ja irgendwie auch stimmt. Vielleicht ist es mit Colin ja deshalb schiefgegangen. Wenn ich mit der Sprache herausgerückt wäre und ihn einfach gefragt hätte, ob er unglücklich ist … Ob wir noch zusammen sein könnten, wenn ich direkter gewesen wäre?

Ach, Charlotte. Auch eine direktere Art hätte nicht dagegen geholfen, dass Colin ein blöder Idiot ist.

Gegen meine eigene Logik komme selbst ich nicht an.

Als ich mit meiner Tragetasche die Freiheitsstatue umwerfe, die gegen ein Taxi stößt, das daraufhin auf das Empire State Building darunter fällt, werden mir zwei Dinge klar: Erstens ist meine Tasche genauso übertrieben groß, wie meine Mutter immer gesagt hat. Und zweitens habe ich offenbar schon eingecheckt, meinen Koffer aufgegeben, den Schalter wieder verlassen, die Abflughalle durchquert und ein Souvenirgeschäft betreten, ohne dass mein Hirn es registriert hat.

Aber tatsächlich klemmt da in meinem Pass eine ganz reale Bordkarte und ich stehe in einem Souvenirladen – aus welchem Grund auch immer. Was zur Hölle will ich hier? Ich brauche ganz bestimmt keine Erinnerung an mein Auslandshalbjahr, sondern möchte das alles schleunigst hinter mir lassen. New York kann mir absolut gestohlen bleiben, mit allem, was es verdorben und komplett ruiniert hat.

Es war nicht gelogen, was ich zu Ronda gesagt habe. Im Moment will ich einfach nur nach Hause.

Das stechend heiße Kribbeln in meinen Augen verrät mir, dass ich schnellstens hier rausmuss, schließlich will ich nicht mitten in diesem Kramladen in Tränen ausbrechen. Also schlängele ich mich vorbei an den Figuren und Wolkenkratzern aus Weichplastik und trete hinaus in das Hauptgebäude des Flughafens. Ich senke den Kopf, um die riesigen Plakate mit der New Yorker Skyline nicht anschauen zu müssen. So mies gelaunt und traurig, wie ich heute bin, kann ich nichts Schönes an einer Stadt finden, die niemals schläft. Ich sehe nur nach oben scharf und spitz zulaufende Hochhäuser, die aussehen wie in den Himmel gerichtete Waffen. Was soll das, New York – was hat der Himmel dir eigentlich getan?

Meine Güte, vielleicht war es doch ein Fehler, so zeitig zum Flughafen aufzubrechen. Jetzt habe ich noch vier Stunden, um trübsinnig in der Gegend herumzusitzen, auf mein iPhone zu starren, alle paar Minuten Facebook zu checken (aktualisieren, aktualisieren, aktualisieren), bis mein Akku tot ist und ich die restliche Zeit nicht mal mehr Musik hören kann. Aber das ist wahrscheinlich gar nicht weiter schlimm, denn in meinen Playlisten gibt es sowieso nur noch tieftraurige Musik.

Seit Kurzem steh ich total auf The Smiths – was wahrscheinlich keine gute Idee ist.

Das Mädchen, mit dem ich zusammen bin, muss mich mega-begeistern. Da muss für mich– ich weiß auch nicht, Leidenschaft dabei sein. Und… die spüre ich einfach nicht.

So hat er mit mir Schluss gemacht.

Ich beschließe, dass ich ein bisschen Ablenkung brauche, und schlendere in den Hudson Bookstore – nein, nein, Bookshop natürlich (von amerikanischem Englisch habe ich definitiv genug!) – und bleibe drinnen erst einmal ratlos stehen, weil ich eigentlich gar nicht weiß, was ich suche. Auf dem Ständer mit den Bestsellern gibt es nur romantischen Kram, was ich normalerweise ganz gern lese – aber jetzt wird mir beim Anblick der ganzen Herzchen sofort übel. Als Nächstes fällt mir eine Trash-Reihe aus drei prima blutrünstigen Thrillern ins Auge. Das ist doch mal eine Idee. Ein Buch, in dem es nur um Verbrechen und Gewalt geht und garantiert keine Gefühle vorkommen. Das scheint mir jetzt genau das Richtige zu sein. Fünf Minuten lang überlege ich, welcher Band am besten geeignet ist. Rein äußerlich unterscheiden sie sich kaum. Auf dem Schutzumschlag sieht man die Silhouette eines rennenden Mannes und darüber den jeweils nur aus einem Wort bestehenden Buchtitel: Vergeltung,Revanche und Rache. Ich frage mich, wo genau der Unterschied ist.

Der Untertitel von Rache lautet allen Ernstes »DONNY HAT ES VERDIENT …«

Obwohl ich keinen blassen Schimmer habe, wer Donny ist oder warum er irgendwas VERDIENT hat, nehme ich das Buch und will damit zur Kasse gehen. Dabei muss ich einem Kunden ausweichen, der sich gerade fast die Schulter ausrenkt, um ein Hardcover von ganz oben aus dem Regal zu fischen. Es ist einer der größten Bestseller. Ich höre ihn erst angestrengt schnaufen und dann fluchen, als ein anderes Buch herunterfällt. Ich bekomme gerade noch mit, dass es ein kleines Taschenbuch ist, bevor es auf meinem Kopf landet. Instinktiv strecke ich die Arme aus und fange es auf.

»O Mann, das tut mir megaleid.«

Ich hebe den Kopf und schaue in die dunkelbraunen Augen eines Typen, der ein paar Jahre älter aussieht als ich. Er hat längere, leicht platt gedrückte Haare – vermutlich von seiner Beaniemütze, die er garantiert den ganzen Tag auf dem Kopf hat. Ich war jetzt lange genug in New York, um ihn auf den ersten Blick als Williamsburg Weicheizu erkennen. Diesen Spitznamen (okay, ein bisschen beleidigend ist er schon) habe ich selbst erfunden, und die Mädels von der Sacred Heart meinten, es wäre die beste und britischste Übersetzung von Brooklyn-Hipster, die sie je gehört hätten.

Obwohl dieser Typ zur Sorte Williamsburg Weichei gehört, hat er den gepflegten Schmuddellook ziemlich gut drauf. Hipster aus Brooklyn sehen längst nicht so … verkrustet aus wie ihre Kumpels bei mir zu Hause in England. Trotz meiner schlechten Laune entgeht mir nicht, dass er ein ziemlicher Hingucker ist.

Wäre mein Herz nicht in letzter Zeit von einem anderen hübschen Hipster als Boxsack missbraucht worden, würde es jetzt wahrscheinlich ein bisschen höher schlagen.

Er streckt seine freie Hand aus. In der anderen hält er irgendein Buch, das er gerade kaufen will, und einen Beutel von dem Souvenirladen, aus dem ich gerade komme. »Soll ich das mal zurückstellen?«

Ich betrachte die beiden Bücher in meiner Hand. Das Exemplar, das ich gerade noch auffangen konnte, ist mit comic-artigen Bildern von Weingläsern, Musikinstrumenten und einem kleinen Hund – warum auch immer – versehen. Verschnörkelte Buchstaben springen mir ins Auge:

Endlich vom Ex-Partner loskommen– in zehn einfachen Schritten!

»Vielleicht solltest du dich einfach damit abfinden, dass er ein Arsch ist.«

Ich schaue wieder den Hipster-Hottie an, der grinsend das Selbsthilfebuch mustert. Dann zeigt er auf den Rache-Thriller. »Obwohl du ja offenbar eher auf gewaltsame Lösungen setzt.«

Ich nicke. »Ich träume davon, mich an ihm zu rächen.«

»Lass mich das mal bezahlen. Schließlich hab ich dir eben fast ’ne Gehirnerschütterung verpasst.«

Ich gebe ihm das Buch. »Danke. Damit kaufst du dich von meiner Racheliste frei.«

Puh, was ist denn hier los? Flirte ich da gerade – mit einem Unbekannten? Das ist zwar überhaupt nicht meine Art, aber da ich diesen attraktiven Typen vermutlich nie wiedersehen werde, kann ein kleines Geplänkel am Rande sicher nicht schaden.

Vielleicht steht ja sogar bald eine Phase an, in der ich ganz intensiv flirten werde.

»Sag mal«, fragt er, »kannst du mir mal ’nen Rat geben?«

»Klar.«

Er klemmt sich die Bücher unter den Arm, greift in den Beutel aus dem Souvenirladen und holt einen rosa Teddy mit schwarzem T-Shirt heraus, auf dem eine Art Kinderzeichnung der Skyline von Manhattan aufgedruckt ist. Dazu in großen rosa Buchstaben der Schriftzug: I HEART NEW YORK.

Kein Herz-Symbol, sondern das Wort HEART ist ausgeschrieben.

»Das hab ich für meine Freundin gekauft. Sie war ein Semester in Kalifornien und kommt heute zurück … Wie kitschig findest du das, auf einer Skala von eins bis zehn?«

»Siebzehn.«

Er lacht. Viel zu laut. Ich frage mich, ob mir sein Lachen auch dann auf den Geist gegangen wäre, wenn er nicht unmittelbar davor das F-Wort erwähnt hätte.

Ich schalte ab, während Hipster-Hottie mein Buch bezahlt, und fluche innerlich über Colin, der mit seiner Aktion dafür gesorgt hat, dass ich mich wieder wie vierzehn fühle und alles tausendmal durchdenke. Als er fertig ist, reicht er mir einen Beutel, und wir verlassen zusammen den Laden. Draußen bleiben wir stehen. Offenbar sind wir in einen Blizzard aus Menschen geraten. Alle sind unterwegs in die Weihnachtsferien und eilen in unterschiedliche Richtungen.

»Danke für das Buch«, sage ich und verstaue es in meiner Tragetasche. Das tue ich, ohne hinzusehen, weil ich so sehr damit beschäftigt bin, ihn anzustarren. Tatsache, ich starre ihn an!

Er will gerade etwas antworten, als wir beide zusammenzucken, weil eine schrille Stimme durch den Flughafenlärm dringt.

Ein Typ schreit: »Du willst dich trennen? Ist das dein Ernst?«

Hipster-Hottie dreht sich um, und ich trete ein Stück zur Seite, damit ich an ihm vorbeischauen kann. Wir starren ein junges Paar an, das sich vor dem Ankunftsbereich gegenübersteht. Sie ist eine auffallend gebräunte Blondine mit geradezu abstoßend perfekten Locken und einem ziemlich schicken weißen Mantel. Vermutlich ist sie nicht älter als ich. Der hellblaue Koffer hinter ihr deutet darauf hin, dass sie diejenige ist, die auf Reisen war. Der Typ ist auch ungefähr in meinem Alter. Er hat eine hellbraune Feldjacke an, die farblich überhaupt nicht mit dem gelb-cremeweiß karierten Hemd harmoniert, das er darunter trägt. Über seiner Schulter hängt ein roter Rucksack, der jedoch nicht mit einer Gepäckbanderole versehen ist. Die beiden waren also nicht zusammen verreist, sondern er holt seine Freundin vom Flughafen ab.

Doch die Wiedersehensfreude hält sich offenbar stark in Grenzen.

Das Mädchen ringt die Hände vor der Brust – die universelle Geste für Es tut mir leid. Der Typ hat einen großen Strauß roter Rosen in der Hand, den er jedoch enttäuscht nach unten hält. Ratlos schaut er von einer Seite zur anderen, als ob er nach der Quadratwurzel von 23 213 gefragt worden wäre.

Als Colin mit mir Schluss gemacht hat, sah ich wahrscheinlich genauso aus.

Zu Hipster-Hottie mache ich eine Grimasse, die universell so etwas wie voll peinlich bedeutet. Aber er hat den Blick gesenkt und sagt kopfschüttelnd: »Sie hat doch mit ihm ausgemacht, dass sie sich erst nach Weihnachten sehen.«

In dem Moment fällt bei mir der Groschen. Krass, ihretwegen ist er hier?

Er wirft mir einen Blick zu, der auffallend dem von Mr Lawrence ähnelt, als ihm der Klempner mitteilte, dass er sich »irgendwann zwischen 10 und 16 Uhr« melden würde. Daraus spricht die genervte Frage: Kannst du dir vorstellen, mit welchem Mist ich mich herumschlagen muss?

»Danach wollte sie es ihm beibringen. Und jetzt taucht er einfach hier auf, will sie überraschen und bringt sie in diese Lage. So ein Idiot aber auch.«

Ohne sich zu verabschieden, geht er auf das Paar in Trennung zu, holt den dämlichen Teddy heraus und setzt ihn dem Mädchen auf die Schulter. Erschrocken dreht sie sich um und seufzt dann entzückt auf, bevor sie ihn zu sich heranzieht und lange und innig küsst. Und der arme Rosentyp sieht währenddessen immer noch keinen Stich.

Ich kann diese bizarre Szene nicht länger ertragen und mache mich auf den Weg zur Sicherheitskontrolle. Dabei fällt mir eine Bemerkung ein, die Hipster-Hottie vorhin gemacht hat.

Ich kann mich problemlos damit abfinden, dass er ein Arsch ist.

14:55 Uhr

»Ich kann verstehen, dass Sie verärgert sind, Sir, aber für das Wetter kann ich leider nichts. Wenn Sie sich bei jemandem beschweren wollen, müssen Sie sich schon direkt an Gott wenden.«

Diese Aussage habe ich mit leichten Abwandlungen inzwischen bei vier Fluggästen vor mir gehört und hoffe immer noch, dass die Berichte über einen bevorstehenden Blizzard, der den JFK Airport ins Chaos stürzt, nur ein Albtraum sind und mit der Realität nichts zu tun haben.

Als ich schließlich an der Reihe bin, stütze ich mich Halt suchend mit der flachen Hand auf dem Schaltertisch ab, nenne der Mitarbeiterin meine Flugnummer und hoffe verzweifelt, dass mein Flugzeug irgendwelche Spezialräder mit außerirdischen Hightech-Reifen hat, die selbst bei Tiefschnee genügend Haftung auf der Startbahn haben und mich ganz weit von hier wegbringen.

Und zwar nach Hause.

Die Schalterfrau schaut auf ihren Monitor. »Also, die gute Nachricht ist: Ihr Flugzeug steht hier am JFK. Die schlechte Nachricht lautet: Es wird vorerst nicht starten, weil …«

Dann setzt sie zu einer Erklärung an, doch ich höre gar nicht zu, denn mein Kopf fühlt sich plötzlich an wie unter Wasser. In meinen Ohren rauscht es und alles klingt sehr weit weg. Meine schwarze Cabanjacke, die mir Mrs Lawrence bei einem plötzlichen Wetterumschwung gekauft hatte, wird mir plötzlich zu eng, und ich bekomme kaum noch Luft darin. Mein Heimflug wurde storniert.

Ich sitze hier fest.

»Und wie sieht es mit dem nächsten Flug aus? Können Sie mich nicht umbuchen? Ich meine, es ist ja sowieso ein Nachtflug – mir ist völlig egal, ob ich statt sechs Uhr morgens erst um acht ankomme. Unterwegs kann ich sowieso nicht schlafen. Im Flugzeug mache ich kein Auge zu. Dazu bin ich auf Reisen viel zu aufgeregt.« Ich merke, dass ich anfange, Unsinn zu faseln, und weiß auch genau, warum. Denn solange ich rede, fange ich immerhin nicht an zu weinen.

Nicht zu fassen, dass ich hier festsitze. Das darf echt nicht wahr sein! Ich muss doch nach Hause. Meine Eltern warten auf mich. Vermutlich informiert sich mein Vater gerade über den Status meines Flugs. Wenn er sieht, dass er abgesagt ist, wird er ausrasten.

»Es tut mir leid«, sagt die Schalterfrau und macht ein Gesicht, als ob es ihr das Herz brechen würde, einer Fremden derart schlechte Nachrichten zu überbringen. Genauso hatte sie die Leute vor mir auch angesehen. »Wegen des Wetters gibt es für die anderen Flüge nach London schon lange Wartelisten … Die Chancen, heute Nacht noch einen Flug zu bekommen, stehen denkbar schlecht. Tut mir wirklich leid.«

Sie schickt mich an einen Auskunftsschalter, wo eine andere überfreundliche Mitarbeiterin geschlagene fünf Minuten auf einen Computerbildschirm starrt, ehe sie mir mitteilt, dass der nächste Flug, auf den sie mich umbuchen kann, erst morgen früh um 09.30 Uhr startet.

Ich werde also den ersten Weihnachtstag nicht bei meiner Familie verbringen, sondern hier in New York – in der Stadt, die ich zwar liebe, aber auch so schnell wie möglich verlassen will.

Schon wieder habe ich einen kurzen Aussetzer und bekomme nicht so ganz mit, was um mich herum passiert. Einige Zeit später – wie lange, weiß ich nicht – gehe ich zurück zum Hauptterminal. Meinen Koffer habe ich ja bei der Fluggesellschaft schon aufgegeben und nur noch meine Tasche dabei, die nichts weiter enthält als den von Hipster-Hottie finanzierten Thriller und einen Hotelgutschein von der Airline für das Ramada Inn, wo ich voraussichtlich den Heiligabend zubringen werde … ganz allein. Ich habe noch nie allein in einem Hotel übernachtet und fühle mich plötzlich total überfordert. Was, wenn mich das Hotel ohne erwachsene Begleitung gar nicht aufnimmt? Wenn ich gar nicht mehr weiß, wohin, und in der Falle sitze zwischen einem Hotel, das mich nicht aufnimmt, und einem Flughafen, der mich nicht abfliegen lässt?

Das ist wirklich das Schlimmste, was mir je passiert ist.

»Du wirst schon zurechtkommen, mein Schatz. Bisher ist doch immer alles gut gegangen.«

Ich halte mein Handy ans Ohr und telefoniere mit meiner Mutter. Es wäre mir lieber, wenn sie genauso in Panik verfallen würde wie ich, aber meine Mutter ist immer ganz ruhig und gelassen. Dafür ist sie bekannt und deswegen hat sie auch den Spitznamen Mellownie – der lahmste Kalauer mit dem Namen Melanie seit Menschengedenken, den ich jedoch in diesem Moment superwitzig fand.

Ich lasse mich auf eine Bank fallen und vergrabe das Gesicht in meiner freien Hand. Dabei geht es mir zwar auch nicht viel besser, aber der Flughafen rückt ein Stück in die Ferne und wirkt nicht mehr ganz so bedrohlich.

Mum will grade etwas sagen, wird aber von Emma übertönt, und ich kann mir meine fünfjährige Schwester lebhaft vorstellen, wie sie unbedingt ans Telefon will. »Mummy, Mummy, ich will auch mit Lot reden! Biiiitttte!«

Als Emma noch ganz klein war, konnte sie »Charlotte« nicht richtig aussprechen und hat sich daher auf »Lot« beschränkt. Das fand ich bisher immer ziemlich nervig – außer heute.

»Jetzt nicht, Em«, sagt Mum zu ihr. Und dann wieder zu mir: »Kannst du nicht zurück zu den Lawrences fahren?«

»Nein«, antworte ich. »Sie feiern Weihnachten bei Verwandten in Vermont. Sie haben mich am Flughafen abgesetzt und sind dann gleich weitergefahren.«

»Das wird schon klargehen«, wiederholt sie. »Fahr einfach in dein Hotel, dort ist es wenigstens sicher und warm, stimmt’s? Was willst du mehr?«

Ich wische mir die Augen und halte das Telefon ein Stück von meinem Gesicht weg, damit sie mich nicht schluchzen hört. Ich will sogar einiges mehr als ein warmes Hotelzimmer – zum Beispiel einen Flug, um diese elende Stadt endlich zu verlassen. Wäre das nicht ein hilfreiches Mehr? Meine Güte, wieso wirft mich das Leben erst völlig aus der Bahn und spuckt mir jetzt auch noch ins Gesicht und rennt lachend weg?

Mum versichert mir, dass auch noch am zweiten Feiertag Weihnachten ist und die ganze Familie mich lieb hat. Aber das schnürt mir irgendwie die Kehle zu. Wir sind nicht unbedingt die emotionalste Familie, und dass Mum so etwas ausgerechnet jetzt sagt, bestätigt mir, wie verfahren meine Lage tatsächlich ist. Ich sage, dass ich sie auch lieb habe, und merke, wie erstickt meine Stimme dabei klingt. Bevor wir das Telefonat beenden, redet Mum noch einmal eindringlich auf mich ein. »Jetzt hör mir bitte mal ganz genau zu, Char. Okay?«

»Ja.«

»Ich weiß, das ist alles furchtbar für dich. Das kann ich gut verstehen. Aber ich möchte nicht, dass du jetzt vor Selbstmitleid zerfließt und völlig aufgelöst bist. Ja, das ist eine unglückliche Situation, aber es ist auch keine Katastrophe, wenn man es genau nimmt. Verstehst du? Es gibt immer Leute, die es noch schlechter getroffen haben als du, mein Schatz.«

Ich antworte, dass ich verstehe, was sie sagen will – was auch stimmt, aber trotzdem weiß ich genau, dass es eine Weile dauern wird, bis ich ihr das wirklich glauben kann. Wir beenden das Gespräch und ich verstaue das Telefon wieder in meiner Tragetasche. Das Gewicht in der Tasche kommt hauptsächlich von dem Buch, das Hipster-Hottie für mich gekauft hat, aber wesentlich schwerer wiegt für mich der Gutschein für das Hotelzimmer, in dem ich nur ungern allein übernachten will. Mum sah das völlig entspannt und meinte, wer ganz allein nach Amerika fliegen kann, wird auch eine Nacht im Hotel überstehen.

Ich male mir aus, wie trist das Zimmer aussehen wird – wahrscheinlich beige. Schon beim Gedanken daran werde ich ganz depressiv und ahne, dass ich die ganze Zeit nur trübsinnig dasitzen und an Colin denken werde – an die fiesen Sachen, die er gesagt hat, und sein Gesicht dabei. Als ob es ihm schrecklich lästig wäre, mich abzuservieren. Ununterbrochen werde ich grübeln, was er für ein Riesenidiot ist, und mich wie die letzte Loserin fühlen, weil ich es nicht geschafft habe, dass er Leidenschaft empfindet oder was auch immer er braucht, um mega-begeistert zu sein von dem Mädchen, mit dem er zusammen ist. Obwohl er keine einzige meiner Tränen wert ist, die ich seinetwegen weine, überlege ich gleichzeitig ernsthaft, ihn anzurufen und zu fragen, ob wir die Trennung nicht noch mal aussetzen können, wenigstens für einen halben Tag, damit ich nicht verlassen in einem Hotelzimmer hocken und mich nach ihm verzehren muss.

Hier sitze ich also am Heiligabend – mutterseelenallein am Flughafen, weit weg von zu Hause, ohne Aussicht auf einen Heimflug vor morgen früh und in der Tasche nichts weiter als einen trashigen Thriller über einen Typen namens Donny, der irgendetwas VERDIENT hat – warum auch immer. Ich greife nach dem Hotelgutschein, um einen Blick auf die Adresse zu werfen. Als ich ihn wieder wegstecke, sehe ich allerdings nicht den Einband von Rache, sondern …

Endlich vom Ex-Partner loskommen– in zehn einfachen Schritten!

Dieser dämliche Ratgeber! Hipster-Hottie hat an der Kasse offenbar nicht richtig aufgepasst. Nachdem ich eben noch in Erwägung gezogen hatte, Colin anzurufen und mich zu erlösen, gibt mir das nun endgültig den Rest. Ich ziehe das Buch aus der Tasche und schleudere es genervt zur Seite.

Erst beim Werfen merke ich, dass ich nicht allein auf der Bank sitze. Neben mir sehe ich ein seltsam vertrautes Gesicht. Ein Junge, ungefähr in meinem Alter, ziemlich groß, kurz geschnittene dunkle Haare, mit einer braunen Feldjacke über einem gelb-cremeweiß karierten Hemd – keine modische Katastrophe, aber auch keine gelungene Kombination. Er ist in sich zusammengesunken, die Rosen liegen auf seinem Schoß, der Rucksack steht zwischen seinen Füßen, und er ist so abwesend, dass er gar nicht bemerkt, wie mein versehentliches Weihnachtsgeschenk – bezahlt von dem Typen, mit dem seine Freundin gerade durchgebrannt ist – auf seinen ausgetretenen Wanderschuhen landet.

Trotzdem entschuldige ich mich, bevor ich mich hinunterbeuge und es aufhebe. Eigentlich sollte ich es im nächstbesten Mülleimer entsorgen, doch aus unerfindlichen Gründen drücke ich es an mich.

Er reagiert stark verzögert, als ob meine Stimme erst einen Türsteher passieren musste, der seine Ohren bewacht. Langsam dreht er sich um und sieht mich mit leerem Blick an. Plötzlich verstehe ich, was meine Mutter meinte. Vor mir habe ich jemanden, dem es noch viel schlechter geht als mir. Okay, wahrscheinlich geht es ihm nur im Moment schlechter als mir, weil er gerade den Laufpass bekommen hat, aber trotzdem. Ich hätte es auf jeden Fall schneller gemerkt, wenn ein Buch auf meinem Fuß landet.

Also, vermutlich.

Er wendet den Blick ab und starrt wieder ins Leere. Na ganz toll, wie ich dem Menschen helfe, dem es noch schlechter geht als mir.

»Ich bin Charlotte«, sage ich zu ihm, greife nach seiner Hand und schüttele sie. »Und du bist ja gerade noch mal davongekommen.«

Der arme Kerl mustert unsere Hände, als ob es der erste Handschlag seines Lebens wäre, hebt dann den Kopf und sieht mich verwirrt an. Super, Charlotte – als er vorhin abserviert wurde, wird er wohl kaum die neugierige Engländerin registriert haben (die zufällig neben dem Typen stand, mit dem seine Ex wild knutschend durchgebrannt ist).

Als Erklärung schiebe ich nach: »Ich, äh, hab dich gesehen … vorhin … mit deiner Freundin.«

Er betrachtet die Rosen in seiner Hand. »Ah ja … war wohl zu erwarten, dass unsere kleine Vorstellung für Publikum sorgt.«

Wenigstens sagt er endlich was. Ich muss mir allerdings das Lachen verkneifen, weil seine Stimme exakt so klingt, wie ein paar Mädels von der Sacred Heart immer die New Yorker nachgemacht haben. Ich habe überhaupt keinen Plan, was ich eigentlich mit ihm anfangen soll. Okay, ihm geht es schlechter als mir, aber sein gebrochenes Herz werde ich heute ja wohl kaum kitten, oder? Außerdem strömt aus meinem eigenen Herzen zwar im Moment kein Blut mehr, aber das liegt nur daran, dass keins mehr übrig ist.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Anthony«, antwortet er den Rosen.

»Hallo Anthony. Glaub mir, du kannst dich echt glücklich schätzen. Sie ist … keine gute Idee.«

»Du kennst sie doch überhaupt nicht.«

»Ich weiß zumindest so viel über sie, dass du definitiv nicht deine Zeit mit einem Mädchen verschwenden solltest, die dich gnadenlos am Heiligabend abserviert und sich dem erstbesten Schönling an den Hals wirft.«

Anthony dreht sich halb zu mir um und sieht mich mit großen ernsten Augen an. »Du hast keine Ahnung, was zwischen uns gewesen ist, okay? Maya ist keine oberflächliche Tussi, die einfach mit irgend ’nem coolen Typen abhaut«, sagte er bestimmt.

Na ja, aus meiner Sicht war vor allem der zweite Teil des Satzes komplett falsch.

»Sie … sie ist … wahrscheinlich mit der Entfernungssache nicht so gut klargekommen. Also, sie war das ganze Semester weg. Sie hat gerade erst angefangen mit dem Studium am College. Alles ist ganz neu für sie – da ist es doch kein Wunder, wenn sie ein bisschen durch den Wind ist.«

Das scheint er tatsächlich ernst zu meinen. Aber ich habe den Typen, den sie sich an Land gezogen hat, kennengelernt – ein echtes Williamsburg Weichei. Aus Williamsburg (vermutlich), und demzufolge war sie von ihm genauso weit entfernt wie von Anthony. Aber das erwähne ich lieber nicht. Es ist auch nicht nötig, denn er schlägt die Hände vors Gesicht und lehnt sich zurück. Dabei ballt er die Fäuste und boxt damit in die ungewollten Rosen.

»Na ja, du hast schon recht«, sagt er nach einer Weile. Ich befürchte, dass er gleich in Tränen ausbrechen wird. Doch dann holt er tief Luft und schüttelt den Kopf. »Das war schon verdammt fies von ihr. Verrückt ist ja auch, dass ich es nur mitgekriegt habe, weil ich sie überraschend abholen wollte.«

Ich habe den Drang, aufmunternd seinen Arm zu drücken. Doch ich lasse es bleiben und sage stattdessen: »Fahr am besten nach Hause. Zieh dir mit deiner Familie ein paar hirnlose Filme rein oder lenk dich irgendwie anders ab. Du solltest versuchen, so normal wie möglich Weihnachten zu feiern.«

»Ich kann nicht nach Hause«, erklärt er den Rosen. »Ich hab zu Hause angekündigt, dass ich Weihnachten bei Maya und ihrer Familie verbringe. Ich dachte, wenn ich sie überrasche, würde sie …« Ein anderer Gedanke kommt ihm in den Sinn. »Wenn ich jetzt heimfahre …« Er schüttelt den Kopf. »Ach, vergiss es. Ich will heute Abend einfach nicht nach Hause.« Er bemerkt meine gerunzelte Stirn. »Was ist?«

Mir wird bewusst, dass ich wahrscheinlich ein ziemlich mitleidiges Gesicht mache. »Nichts«, antworte ich. »Es ist nur … ich kann ein bisschen nachfühlen, wie’s dir geht. Ich hab auch gerade eine Trennung hinter mir – vor ungefähr zwei Wochen.«

»Was für Probleme du auch immer mit deiner Familie hast, drück ein Auge zu. Immerhin ist Weihnachten, und du hast die Chance, das Fest mit ihnen zu verbringen. Könnte wesentlich schlimmer sein – zum Beispiel Heiligabend im Ramada.«

Er macht ein verständnisvolles Gesicht und schaut dann interessiert auf meinen Schoß. Das finde ich echt anzüglich – so was ist auch dann nicht okay, wenn man gerade sitzen gelassen wurde –, und ich will gerade einen genervten Seufzer ausstoßen, als ich merke, dass er nur das Buch betrachtet, das ich immer noch in der Hand halte. »An deiner Stelle würde ich das gleich in den Müll schmeißen.«

»Stand bei den Bestsellern«, lasse ich ihn wissen. »Scheint bei manchen Leuten also schon zu funktionieren.«

»›Zehn Schritte?‹ Einen könnte ich mir ja noch vorstellen. Aber zehn klingen für mich ziemlich nach Schwindel.«

Ich schaue auf das Buch und wende es in meinen Händen. Unten rechts in der Ecke ist ein Foto der Autorin abgedruckt: Dr. Susannah Lynch, eine Frau mittleren Alters, optisch irgendwo zwischen Hippie und klassisch-elegant angesiedelt, mit angenehm offenem Blick. Sie sieht aus, als ob sie jedem Käufer ihres Buchs persönlich aus der Klemme helfen wollte.

»Tja«, nicke ich. »Zehn Schritte dauern schon eine Weile …«

Ich schaue Anthony an. Wir wurden beide abserviert. Er will nicht nach Hause und ich kann es beim besten Willen nicht. Und ins Ramada möchte ich unter keinen Umständen – dort würde ich mich nur heulend einigeln und alle zwei Minuten auf dem Handy Colins Facebookstatus checken. Denn obwohl es dann nur noch mehr wehtut, muss ich seltsamerweise wissen, was er macht. Ohne mich.

Bevor ich mich fragen kann, ob es eine gute Idee ist, greife ich in meine Tasche, hole den Gutschein für das Ramada Inn heraus und zerreiße ihn. Mein inoffizieller erster Schritt besteht darin, dass ich mich weigere, allein in einem Hotelzimmer vor mich hin zu schluchzen.

Anthony sieht mich an, als ob ich gerade mein Flugticket geschreddert hätte. »Was machst du denn da?«

»Mein Flug geht frühestens in siebzehn Stunden. Ich habe keine Lust, bis dahin in einem winzigen Hotelzimmer zu hocken und die Wände anzustarren – die höchstwahrscheinlich ekelhaft beige sind! Ich muss aufhören, nur über meine Probleme nachzudenken. Wenn ich in die Stadt fahre und die ganzen Schritte hier durchziehe, ist das viel besser«, sage ich und halte das Buch hoch.

Er schaut mich immer noch unverwandt an. »Sag mal, bist du echt so dämlich? Glaubst du wirklich, dass du durch so ein Buch dein Herz wieder heil bekommst?«

»Das ist es ja gerade.« Jetzt drücke ich doch seinen Arm. »Eigentlich wollte ich ein ganz anderes Buch kaufen, aber durch Zufall ist es dann das hier geworden.«

»Wie konnte das denn passieren?«

Ich zwinge mich, nicht überstürzt zu antworten. Ihm zu erzählen, wer dieses Buch für mich gekauft hat, ist sicher keine gute Idee. Außerdem fällt mir auf, dass ich mich gerade mehr oder weniger an ihm festklammere. Also lasse ich ihn los und antworte: »Weiß ich gar nicht so genau. Aber wichtig ist ja, dass ich es habe. Von daher … warum nicht?«

»Meinst du wirklich, ein Buch kann dich wieder hinbekommen?«

Natürlich nicht, will ich sofort antworten. Ich erwarte nicht, dass die zehn Schritte – oder wie viele ich auch immer in den nächsten siebzehn Stunden schaffe – mein gebrochenes Herz wieder heil machen können, wahrscheinlich nicht einmal grob kitten. Aber es tut so weh, und ich will, dass der Schmerz aufhört. Ich bin einsamer, als ich es je für möglich gehalten habe, und will nicht, dass Anthony geht. Vermutlich liegt es einfach daran, dass er im Moment der einzige Mensch in ganz New York ist, den ich kenne (obwohl von kennen eigentlich nicht die Rede sein kann).

»Ach was«, sage ich. »Komm einfach mit! Das wird bestimmt lustig. Du siehst aus, als ob du ein bisschen Spaß gebrauchen kannst. Ich hab ihn auf jeden Fall nötig.«

Doch er schüttelt nur den Kopf. »Mann, wenn du wirklich denkst, das wär so einfach, dann …«

Er schüttelt noch einmal den Kopf, ohne den Satz zu beenden, und grinst abschätzig.

Aus irgendeinem Grund habe ich den Drang, ihn mit seinen unerwünschten Rosen zu schlagen. »Dann was?«

»Ach, nichts.«

»Doch, sag’s mir – was ist dann?«

Er zuckt die Schultern und schüttelt wieder den Kopf. Er nimmt die Rosen und seinen Rucksack und steht auf. »Dann hast du wahrscheinlich keine Ahnung von Liebe.«

Er geht weg und lässt mich allein mit meinem Buch und den Überresten des Gutscheins für das Ramada Inn auf meiner Bank zurück.

Zehn Minuten später stehe ich vor dem Flughafengebäude ganz hinten in der Taxi-Warteschlange. Wegen der vielen abgesagten Flüge ist sie ziemlich lang. Es schneit. Wie blöd muss man eigentlich sein, einen Gutschein für ein warmes Hotelzimmer zu zerreißen? Jetzt kann ich mitten im Winter die ganze Nacht draußen verbringen. Ein bisschen verwegener und mutiger wollte ich zwar schon immer sein, aber das war gleich ein bisschen viel. Und ganz schön kindisch.

In meiner Hosentasche vibriert das iPhone. Meine Freunde zu Hause schreiben mir auf Facebook, dass sie von meiner Reisepanne gehört haben. Die ersten beiden Nachrichten kommen von meinen besten Freundinnen Heather und Amelia. Sie schreiben, wie sehr sie mich darum beneiden, dass ich Weihnachten in New York verbringen kann. Ich muss lächeln. Jessica, die ältere meiner beiden kleinen Schwestern, postet ein riesiges weinendes Emoji, das mich so traurig macht, dass ich erst einmal keine weiteren Nachrichten lese und lieber später wieder reinschaue.