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Das Internet und die Neuen Medien verändern uns und unsere Welt. Im Schutz der Anonymität geben Menschen nahezu alles preis, was sie nicht einmal nächsten Angehörigen oder Freunden "im realen Leben" anvertrauen würden. Ob das alles wahr ist, was man da erfährt, kann man glauben - muss man aber nicht. Wird eine Behauptung nur oft genug wiederholt, neigt man dazu, sie für bare Münze zu nehmen. Alles in diesem Buch ist wahr - jedenfalls soweit es die Wiedergabe der Rechercheergebnisse und Zusammenfassung der Internetkontakte betrifft.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Für meine Kinder
(und wen es sonst noch interessiert)
Das Internet verändert meine Welt
Klärchen bekommt ein Gesicht
Liebe auf den ersten Klick
Hochzeitsnacht
Kinderliebe
Insolvenz
Online-Überwachung
Die sehen doch gar nichts
Flüchtlingsflut
Selbstmordattentäter
Der Mond ist aufgegangen
Bin ich eigentlich ein 68er?
Der Kieker
Euro-pa?
Runter kommen sie immer
Raketen auf die UN
Ramses ist umgezogen
Die alltägliche Manipulation
Osterspaziergang
Danke Klärchen
Meine erste Auslandsreise brachte mich nach Dänemark. Ich war gerade 10 Jahre alt und wartete ungeduldig auf die Bahnfahrt, auf der mich eine Tante begleiten würde. Und so nutzte ich die Zeit bis zur Abreise, um schon mal die Urlaubsgrüße zu formulieren. Dusseligerweise vergaß ich dann in der Aufregung, die umfunktionierten Karteikarten in den Koffer zu packen und so fanden die Daheimgebliebenen diese bereits vor meiner Ankunft am Reiseziel und ich musste jahrelang den Spott ertragen, wenn der Wortlaut meiner Postkarten zitiert wurde: "Ihr werdet Euch wundern, von mir eine Postkarte aus Dänemark zu kriegen! Heute wundert sich niemand mehr über Grüße aus aller Welt, die kaum formuliert, auch schon angekommen sind. Die Ansichtskarten meines Urlaubsortes verschickte ich dann trotzdem noch. Sie kamen allerdings erst an, als ich bereits wieder zu Hause war. Stolz berichtete ich in der Schule in einem Lichtbildervortrag von meinen Erlebnissen. Die Papierbilder aus meiner Kleinbildkamera mussten in ein Episkop eingelegt werden, mit dem sie bei zugezogenen Gardinen "an die Wand geworfen" wurden. Mein Heimatkundelehrer versprach sich davon eine Belebung des Unterrichts und mir eine gute Note. Ob die Klasse daran interessiert war, wage ich zu bezweifeln. Heute jedenfalls könnte man keine Kinder mit so etwas hinter dem Ofen hervorlocken.
Mein Vater nahm mich regelmäßig mit zur Industrie-Messe in Hannover und so konnte ich die technischen Veränderungen Jahr für Jahr miterleben. Alte Schreibmaschinen, sogar noch eine mit holzgeschnitzten Teilen, hatte mein Vater zu Hause gesammelt und die neuesten Messeexponate waren sogar schon in silbergrau, grün oder rot und nicht mehr nur schwarz. Nur langsam wurden sie durch elektrisch betriebene ersetzt, der Kugelkopf wurde als epochale Erfindung gefeiert, die Lochstreifentechnik für Fernschreiber und Schreibautomaten setzte sich durch, auch wenn zunächst die Schaulustigen nur ungläubig zusahen, wie diese Maschinen immer wieder die gleichen Texte auf Papier hämmerten. Damals reichte ein Teil der Halle 18 aus, um die Neuheiten der Bürokommunikation zu präsentieren während inzwischen die Kommunikationsmesse CeBIT mit vielen neuen Hallen auf dem gleichen Gelände aus allen Nähten platzt.
Und dann brach irgendwann das elektronische Zeitalter an. Magnetkarten waren in der Lage, den Text von 64 Zeilen zu speichern, die etwas teureren Geräte konnten sogar zwei Magnetkarten gleichzeitig nutzen, um maximal 64 Adressen in einen maximal 64 Zeilen langen Serienbrief einzumischen, jetzt bekamen die Schreibautomaten auch kleine Bildschirme mit hellgrüner Schrift auf dunkelgrünem Grund. Magnetbänder, Magnetscheiben und dann Metalldisketten erweiterten den Speicherplatz bevor eingebaute Laufwerke immer mehr Volumen brachten. Und in zunehmender Geschwindigkeit wurden weitere technische Neuerungen auf den Markt geworfen. Sobald man das Geschäft mit einem neuen Gerät verlässt, ist es bereits veraltet, wurde gelästert. Aber wer geht deswegen noch in ein Geschäft, wenn der Postbote die Onlinebestellung doch auch direkt nach Hause bringt. Jedes Handy verfügt heute über mehr Speicherkapazität und größere Programmvielfalt als die ersten Computergenerationen, bei denen es noch keine hochauflösenden Farbdisplays gab.
Wie schnell die Kommunikation geworden ist, erleben wir täglich. E-Mails, WhatsApp, eBay & Co bestimmen unser Leben. Lexika verstauben im Regal, weil die Abfrage bei Wikipedia schnellere und aktuellere Antworten liefert. Wer schreibt, der bleibt. Die Helden der Vergangenheit wären wohl kaum noch bekannt, gäbe es die Ilias und das Nibelungenlied nicht. Dass die ersten Menschen wohl Adam und Eva hießen, wissen wir aus der Bibel. Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht, diese Informationen niederzuschreiben und damit der Nachwelt zu erhalten. Und wir sind daran gewöhnt, geschriebenem eher zu glauben, als mündlicher Überlieferung, denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man laut Goethe getrost nach Hause tragen. Das gilt dann sicher auch für elektronisch frei Haus gelieferte Informationen.
Und wenn man abgesehen von Kontakten mit Familie und wirklichen Freunden auch anonym chattet, bekommt man Informationen, die weit über bisherigen Informationsaustausch hinausgehen. Im Schutz der Anonymität geben Menschen nahezu alles preis, was sie nicht einmal nächsten Angehörigen oder Freunden "im realen Leben" anvertrauen würden. Ob das alles wahr ist, was man da erfährt, kann man glauben - muss man aber nicht. Jedenfalls ist der Wahrheitsgehalt kaum zu überprüfen. Man muss eine Behauptung nur oft genug wiederholen, damit sie als wahr empfunden wird. Brexit und ungarischer Volksentscheid sind aktuelle Beispiele für Meinungsmanipulation mit gezielten Fehlinformationen. Amerikanische Wahlkampagnen funktionieren wohl nach dem gleichen Prinzip. Das deutsche Grundgesetz verlangt in Artikel 21 von unseren Parteien, an der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Bleibt zu hoffen, dass sie sich diesem Grundsatz und auch der Wahrheit verpflichtet fühlen.
All das ist bekannt, dachte ich jedenfalls. Aber woher sollen die heutigen Jugendlichen das wissen? Mir ist aufgefallen, dass meine Kinder ebenso wenig aus meiner Jugend wissen, wie ich aus der Jugend meiner Eltern. Andererseits haben Menschen, die noch im Schreibmaschinenzeitalter aufgewachsen sind, so ihre Schwierigkeiten, mit den aktuellen Kulturtechniken klar zu kommen, die Kinder spielerisch erlernen. Deshalb sind Eltern und Lehrer kaum noch in der Lage, die Online-Aktivitäten ihrer Kinder zu kontrollieren.
Die folgenden sehr unterschiedlichen Kapitel enthalten Chats und Internetrecherchen mit Informationen aus Briefen und Aufzeichnungen meiner Vorgängergeneration sowie mit eigenen Erinnerungen. All das ist wahr - jedenfalls soweit es die korrekte Wiedergabe und Zusammenfassung meiner eigenen Erlebnisse und Suchergebnisse betrifft. Was ursprünglich nur ein Bericht über spannende Chats mit monatelangen Kontakten werden sollte, wurde so auch zu einer Art Autobiografie. Und ich konnte mir auch Medienschelte nicht verkneifen, weil ich selbst als Journalist und ein Jahrzehnt Pressesprecher an Information und Meinungsmache beteiligt war. Es ist eine Branche mit besonderer Verantwortung für Demokratie und Pressefreiheit.
Die Zeiten ändern sich, aber es ist meine Welt, die sich durch die neuen Medien und das Internet verändert.
Gedächtnis-Protokoll einer virtuellen Liebe
Jetzt bekommt Klärchen ein Gesicht. Nach meiner Herzoperation und der anschließenden Reha hab ich sie kennen gelernt. In einem Internetforum. Einigen belanglosen Chatbeiträgen folgt schon bald ein persönliches Gespräch, “wir flüstern" - ohne weitere Mitleser oder Gesprächsteilnehmer. Wir tauschen uns aus über Gott und die Welt - ok - eigentlich dann doch mehr über die Welt. Erzählen uns, was wir so im Laufe des Tages erlebt haben. Treffen uns dann häufiger im Netz, schließlich dann jeden Abend, und dann kommt die Frage: "Darf ich dich mal anrufen?" Eine eigentlich schwierige Frage, denn sie ist verbunden mit Aufgabe der Anonymität, lässt eine Nähe zu, die das Internet eher verhindert als ermöglicht.
Mit der Preisgabe der Telefonnummer verrät man auch die komplette Adresse, soweit sie im Telefonbuch steht, ein ungleicher Informationsstand, wenn der Anrufer seine Rufnummer unterdrückt. Und zuviel hat man schon gehört von Adressenmissbrauch. Aber inzwischen haben wir uns so weit kennengelernt, dass wir die Scheu verloren haben, uns zu outen. Nun nennen wir auch unsere richtigen Namen. Natürlich heißt sie nicht Klärchen, ist nur ihr “Nick”, ihr Chat-Name, aber sie würde es nicht wollen, wenn ich ihren richtigen dokumentiere, deshalb lasse ich es hier dabei.
Über eine Stunde dauert dieses erste Telefonat, dem dann weitere folgen. Manchmal tagsüber. Wenn meine Kinder bei ihren Besuchen zufällig "Klärchen" auf dem Display sehen, schauen sie mich fragend an. Oft klingelt es dann noch spät abends und ihre Stimme verkündet: “Ich wollte dir doch nur noch gute Nacht sagen.” Und so telefonieren wir fast täglich, meist nach vorherigem Kontakt über das Internet. Sicherlich wissen wir nicht alles übereinander, aber täglich kommen neue Details hinzu.
So begleitet sie mich in meinem Gesundungsprozess, macht mir Mut, spornt mich an, interessiert sich für mich, gibt meinem Leben auch wieder einen neuen Sinn, erlebt meine kleinen Erfolge mit, meinen ersten Spaziergang alleine und wie die kleinen Ausflüge langsam länger werden, und noch immer haben wir uns nicht real kennen gelernt. Eigentlich sollten wir uns dann doch mal treffen, irgendwo einen Kaffee zusammen trinken und/oder spazieren gehen. Vielleicht im Schloss Benrath? Ich schicke ihr erst einmal ein Foto von mir, aber sie hatte keins von sich auf dem Rechner, verspricht aber nach einer Möglichkeit zu suchen.
Eines Abends erzählt sie mir dann, sie hat Herrenbesuch, kann jetzt nicht so laut reden, denn er liegt schon im Bett. Ihr kleiner Neffe ist zu Besuch. Und so lerne ich virtuell nach und nach auch ihre Familie kennen. Aber gesehen habe ich sie noch nicht. Wir wissen ja nicht einmal, wie wir aussehen. "Was willst du wissen?" fragt sie, Größe, Gewicht, Haarfarbe, Augenfarbe ... Wie kann man sich selbst schon beschreiben? Und unvermittelt stelle ich die Frage: "Bist du hübsch?" "Nein!" ist die kurze und sachliche Antwort. "Hässlich?" "Nein, auch nicht - keine Angst."
Und damit ist das Thema erledigt und wir wenden uns wieder wichtigeren Dingen zu. Wir plaudern über Kinderbücher, auch über das “Chamäleon Kunterbunt” von Eric Carle, das so aussehen will wie die vielen anderen Tiere. Es möchte ein Fuchs sein, ein Fisch, ein Hirsch, ein Elefant. Und auf jeder Seite erhält es ein entsprechendes Puzzleteil und sieht aus wie dieses Tier. "Jedenfalls ein bisschen!" heißt dann der Refrain nach jeder Verwandlung, den meine Kinder jeweils ergänzten.
"Ich habe mich in dich verliebt!" sagt sie mir eines Abends. So direkt und zu diesem Zeitpunkt hatte ich das wirklich nicht erwartet. Wir haben uns ja immer noch nicht wirklich kennengelernt. Was ist das eigentlich für eine Beziehung, die wir da haben. Sie könnte schließlich meine Tochter sein, denn sie ist tatsächlich genau so alt wie meine Tochter. "Nein! Ich bin nicht deine Tochter!" stellt sie nur sachlich fest. Oder andersherum: ich könnte ihr Vater sein. "Nein!" Auch diesen Gedanken lässt sie nicht zu. Die Erinnerungen an ihren Vater, der vor ein paar Jahren gestorben ist, waren noch so frisch und lebendig. Sie gerät ins Schwärmen von den Schmusestunden mit der älteren Schwester auf Vaters Knien. Diese Stelle ist positiv mit Erinnerungen besetzt und steht nicht zur Disposition.
Und schließlich spielt das wahre Alter im Internet keine Rolle. Und im realen Leben? Nun, schon unsere erste Begegnung hätte alles verändern können. Was ist, wenn wir uns wirklich gegenüber stehen? Deshalb schwanken wir auch zwischen Neugier und Scheu. Und so versprechen wir uns, ehrlich miteinander umzugehen und - was immer auch passieren mag - uns wenigstens freundlich voneinander zu verabschieden.
Und dann ist sie mehrere Tage nicht im Chat. Keine Nachricht, kein Gruß, keine Mail und auch kein Anruf. Und auch meine Anrufe gehen ins Leere. Sie hat Migräne, erfahre ich dann per Mail, eigentlich kein Grund zur Aufregung, hat sie öfter, allerdings dieses Mal heftiger als sonst und nun schon seit einer Woche. Arztbesuche schließen sich an und schließlich eine Kernspintomographie. Sie habe einen Nebel im Kopf, erfahre ich. So etwas hätte er noch nicht gesehen, sei dem behandelnden Arzt herausgerutscht.
Von nun an werden die Gespräche ernster. Unsicherheit, Angst, was hat es mit diesem Nebel auf sich? Eine Operation scheint unvermeidlich. Trotzdem noch eine Kontrolluntersuchung in einer anderen Klinik mit besserer Ausstattung, die dann nicht nur den Tumorverdacht bestätigt, sondern noch einen zweiten kleineren nachweist. Zurück in die andere Klinik.
Das Warten beginnt. Wieder telefonieren wir täglich. Es ist schwer, ihr mit meinem Optimismus Mut zu machen. Zu deprimierend und eindeutig sind die Befunde. Ich berichte mehr über meine Erfahrungen mit meiner Operation, die schließlich so erfolgreich war. Mein Schutzengel hat da ganze Arbeit geleistet. Ja, ich habe ein neues Leben geschenkt bekommen - und wenn sie dann auch alles überstanden hat, beginnt für sie ebenfalls ein neues Leben. Dann sind wir gewissermaßen gleichaltrig.
Wir sprechen über meine bevorstehende Reise in die Türkei, darüber, dass wir das nächste Mal dann gemeinsam dorthin fliegen werden. Wir träumen vom Strand, vom Meer, vom Urlaub, von einem Leben ohne Sorgen und schlafen so gewissermaßen gemeinsam mit dem gleichen Traum ein. Ein letzter Gruß per SMS kurz vor dem Abflug, ein weiterer direkt nach der Ankunft. Zwei Wochen werden wir den Kontakt nur mit Kurzmitteilungen aufrecht erhalten können.
Schön von dir zu hören. Denke oft an dich. Mittwoch ist OP-Tag. Angst und Mut begleiten mich.
Wenn du allen deinen Mut zusammen nimmst, ist er stärker als die Angst. Vergiss nicht, dein Schutzengel und ich sind bei dir.
Ok Ich schicke dir meinen Schutzengel auch noch. Schließlich hat er bei mir auch einen guten Job gemacht. Viele Küsschen
Danke Norbert. Aber deinen Schutzengel schicke ich dir zurück. Sonst muss ich auch noch Angst um dich haben.
Vom Internetcafé aus kann ich ihr dann eine längere e-Mail schicken, als Mutmacher. Mit kurzem Reisebericht, um ihre Gedanken abzulenken und auf das Ziel hinzulenken: Ja, ich will gesund werden!
Klärchen, die Kahle sendet dir liebe Grüße. Habe deine Mail gelesen. OP ist morgen - habe dir gemailt.
Diese Mail bekomme ich dann allerdings erst nach meiner Rückkehr in Deutschland zu lesen. Es ist ein Abschied. Sie will nicht, dass ich traurig bin. Will mich frei geben für ein Leben ohne sie, wenn sie die OP nicht überlebt oder bleibende Schäden davon trägt. Ich habe diesen Mail-Inhalt schon vermutet und rufe sie deshalb noch abends über Handy an. Sie hat mit meinem Anruf nicht mehr gerechnet, sich schon ganz auf den nächsten Tag, die OP und die möglichen Folgen konzentriert. Sie hat mit unserer "Beziehung", ja mit ihrem Leben abgeschlossen.
Auch ihre Familie hat sie nicht wirklich aufheitern können. Im Gegenteil, sie hat das Gefühl, alle trösten und stark sein zu müssen. Will sie nicht beunruhigen und traurig machen. Ich will mit ihr nicht über den schlimmsten Fall reden. Aber sie besteht darauf und bittet mich darum, mich dann nicht mehr um sie zu kümmern. Sie will mich nicht belasten. Fast streng antworte ich: "Mach dir bitte keine Sorgen um mich, ich lebe schon seit ein paar Jahren alleine. In meinem Leben würde sich ja in diesem Fall nichts ändern. Leider." Und ich bitte sie, mich möglichst bald nach der OP zu informieren.
Das tut sie dann auch unter größten Schwierigkeiten. Sie hat eine Krankenschwester veranlasst, meine Handynummer zu wählen und ihr das Handy ans Ohr zu halten. Sie kann kaum sprechen. Ist sehr schwach, sehr leise, aber froh, die OP überstanden zu haben. Hat neue Hoffnung. Aber sie hat nur den einen Wunsch, mir zu sagen, dass ich "frei" sei. Darüber will ich jetzt nicht reden, "lass uns das besprechen, wenn ich wieder in Deutschland bin." Aber wie einen Befehl bringt sie dann hervor: "Das ist mein letzter Wille!" Mit feuchten Augen beenden wir das Gespräch.
Na? Wie fühlt sich mein Baby am 2. Tag?Jetzt gehts Schrittchen für Schrittchen aufwärts.
Küsschen aus der Ferne. Norbert
Weitere SMS folgen, die sie auch alle gelesen hat. Jedoch kommen nur sehr kurze Infos zurück:
Mir geht's nicht gut. Ich umarme dich. Ich kann nicht schwach
Durch einen Gehirnschlag zwei Tage nach der OP wird alles noch schlimmer. Offensichtlich hatte man bei der langen und komplizierten OP nur ein Teil des großen Tumors entfernen können.
Ihre Schwester ruft mich auf dem Handy an, ohne zu wissen, dass ich in der Türkei bin. Sie hatte bis dahin keine Ahnung von meiner Existenz, aber hatte den dringenden Wunsch von Klärchen verspürt, mich zu informieren. Und so fragt sie vorsichtig: "Wie würden Sie denn Ihre Beziehung umschreiben?" Irgendwie fühle ich mich "ertappt", Klärchen hatte bisher niemandem von mir erzählt. Warum auch, was hätte sie sagen sollen? Und ich antwortete wahrheitsgemäß, dass wir uns bisher nur über das Internet und das Telefon kennen, aber uns gegenseitig sehr mögen.
Nach zwei Wochen fliege ich wieder nach Hause. Rufe sie an. Es ist ein schwieriges Telefonat. Nur kurz. Sie würde so gerne im Rollstuhl auf den Balkon, aber das geht nicht. Nur Wortfetzen kommen rüber. Ich muss die Sätze zusammenreimen und ergänzen. Gleich bekommt sie ein Eis. Ihre Familie hat sich angekündigt. Am Abend frage ich per SMS an: Darf ich dich morgen besuchen? Statt einer Antwort folgt wieder ein längeres Telefonat mit der Schwester. Klärchen will es nicht, lässt mich grüßen, aber ich soll sie nicht im derzeitigen Zustand sehen. Fühlt sich auch zu schwach für Besuch. Und möchte vor allem auch nicht die erste reale Begegnung in diesem Zustand. Aber sie schreibt ihre Gedanken, die sie nicht aussprechen kann, mit dem Laptop nieder.
Und dann kommt kurz vor Mitternacht ein Anruf von Klärchen: In ganz klarer Sprache ohne Wortfindungsprobleme erzählt sie hektisch: "Norbert, Norbert, ich kann sprechen. Da ist was geplatzt im Kopf. Hatte Krämpfe. Aber ich bin nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Gleich kommt der Arzt. Ich hab keine Zeit mehr. Wollte noch so viel schreiben. Aber ich will mich noch von dir verabschieden. Sei nicht traurig. Jetzt werde ich dein Schutzengel. Auf Wiedersehen da oben!"
Kurz danach wird sie notoperiert. Zwei Tage später kommt die Nachricht von ihrer Schwester, Klärchen ist friedlich eingeschlafen. Nicht ohne ihrer Familie und auch mir noch letzte Grüße ausrichten zu lassen. Ich frage vorsichtig bei der Schwester an, ob ich in irgendeiner Form diskret im Hintergrund an der Trauerfeier teilnehmen kann oder danach an ihr Grab gehen darf? Aber Klärchen hat es anders verfügt. Eine schlichte anonyme Bestattung in einem Gräberfeld. Sie hat auch in der Woche vor ihrem Tod auf dem Laptop ein Dutzend Abschiedsbriefe geschrieben. Meinen erhalte ich als e-Mail-Anhang:
Lieber Norbert,
Nun habe ich also eine OP hinter mir, ein bisschen was von dem Krebs haben sie schon rausgeschnippelt (oder wohl eigentlich ziemlich viel), ich sehe aus wie eine Mumie (jedenfalls ein bisschen:-)) und ich kann nicht richtig sprechen.
Was ist eigentlich das Schlimmste? Ich glaube "das nicht richtig sprechen" können. Es ist als wenn mein Kopf blockiert ist. Aber du verstehst mich trotzdem - jedenfalls ein bisschen.
Ich hab so viel nachzudenken und weiß gar nicht, wo ich anfangen oder aufhören soll.
Du sagst immer, dass ich positiv denken soll. Und damit hast du wohl auch Recht.
Das will ich auch tun.
Ja, ich will leben! Ja, ich will gesund werden! Ja, ich will damit ganz fest rechnen!
Ja, ich will mit dir spazieren gehen, reden, lachen, lieben...
Aber trotzdem ist das andere auch da: die Angst, die Krankheit, die ernsten Gesichter der Ärzte, die vielen medizinischen Fachbegriffe, der Aufwand der hier betrieben wird und die vielen Berichte von Gehirntumoren, die man so kennt.
Deshalb will ich mich (muss ich mich auch) mit der anderen Seite der Geschichte beschäftigen.
Und nun musst du gut zuhören und nichts mit deinem Optimismus vom Tisch fegen.
Norbert, es kann wirklich sein, dass meine Krankheit schlimmer wird, dass ich nicht gesund werde, dass ich daran sterben werde. Es kann sein!
Für diesen Fall möchte ich dir sagen, dass du bitte nicht zu mir ins Krankenhaus kommen sollst und auch nicht zu meiner Beerdigung. Ich will es nicht.
