Klartext Klima! - Sara Schurmann - E-Book

Klartext Klima! E-Book

Sara Schurmann

0,0

Beschreibung

"Jede und jeder Einzelne ist immens wichtig. Nur wenn genug Menschen anfangen, den Ernst unserer Situation anzuerkennen, darüber zu reden und zu handeln, können wir noch schnell genug etwas ändern. Das ist absolut möglich." Der Klimawandel ist real und bedrohlich, das stellt kaum noch jemand ernsthaft in Frage. Wie akut die Klimakrise wirklich ist und wie stark sie unsere Leben schon in den kommenden Jahrzehnten betreffen wird, das ist allerdings nur wenigen richtig bewusst. Auch Sara Schurmann hat lange verdrängt, wie wenig Zeit uns bleibt, um die Katastrophe abzuwenden. Doch dann begann sie zu recherchieren, und ihr wurde klar: Es gibt noch so viel, das wir retten können – also tun wir es! Dieses Buch rüttelt auf und motiviert. Es erklärt unsere Situation und analysiert, warum bisher nicht ausreichend gehandelt wird. Außerdem zeigt es, welche Lösungen realistisch und wirkungsvoll sind, und liefert Ideen, wie sich jede:r Einzelne von uns effektiv für einen echten Wandel einsetzen kann. Denn: Wer die Zusammenhänge versteht, wird handeln.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Warum es ein weiteres Klima-Buch braucht

Wie ist die Situation?

Kapitel 1: Es ist ernst: 11 Fakten über die Klimakrise

Kapitel 2: Keine Regierung versucht derzeit ernsthaft, das 1,5-Grad-Limit einzuhalten

Wie konnten wir hier landen?

Kapitel 3: Die Macht der Lobbys

Kapitel 4: Wir verdrängen mehr, als wir uns vorstellen können

Kapitel 5: Die Verantwortung der Medien

Was bedeutet das für unser Handeln?

Kapitel 6: Die planetaren Krisen betreffen alles und jede:n

Kapitel 7: Retten, was zu retten ist

Kapitel 8: Technik allein ist nicht die Antwort

Was können wir tun?

Kapitel 9: Wir brauchen massive strukturelle Transformationen

Kapitel 10: Alles umkrempeln, jetzt!

Kapitel 11: 1 000 Wege, die Zukunft zu retten – und 5 Tipps dafür

Dank

Anmerkungen & Quellen

Wenn ich früher an mein Leben als Rentnerin gedacht habe, hatte ich eigentlich nie große Wünsche. Es gab ein Bild, das ich dann vor mir sah und von dem ich mir relativ sicher war, dass ich es irgendwie erreichen und dann mit meinem Leben ganz zufrieden sein könnte. Ich sah mich, wie ich mit Mitte 60 an meinem Geburtstag eine ausgedehnte Fahrradtour mit meinen erwachsenen Kindern und meinem Partner mache. In einer der Pausen essen wir Apfelkuchen unter einem alten Baum.

Erst im Juli 2020 ging mir auf, dass dieser scheinbar einfache Wunsch so wohl nicht in Erfüllung gehen wird. Mir war auch vorher immer klar gewesen, dass dieses noch ferne, etwas unscharfe Bild aus der Nähe anders aussehen könnte als bisher gedacht. Vielleicht wäre jemand krank, vielleicht würde jemand fehlen, vielleicht wäre der Partner ein anderer als der jetzige oder ein anderer als der Vater meiner Kinder. Aber erst Ende Juni 2020 wurde mir bewusst, dass es diese Fahrradtour so vielleicht gar nicht geben wird. Weil die Welt 2050 sehr viel anders aussehen wird als heute.

Ich habe im Hochsommer Geburtstag. Demzufolge, was man heute weiß, wird es dann in vielen Sommern wochenlang so heiß sein, dass man auch in Deutschland tagsüber kaum das Haus verlassen möchte, zumindest nicht, um Sport zu machen oder Fahrrad zu fahren. Und selbst wenn wir einen Sommer und an meinem Geburtstag einen Tag erwischen sollten, an dem das möglich sein wird, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass wir unter einem alten Baum Rast machen und Apfelkuchen essen werden können. Denn Studien zufolge wird es 2050 Regionen in Deutschland geben, in denen dann kein alter Baum mehr stehen wird. Mit dem immer schnelleren Anstieg der globalen Erwärmung werden sich die Lebensbedingungen für Ökosysteme drastisch verändern, so schnell, dass viele Pflanzen und Tiere sich nicht anpassen können, sondern – wie schon in den vergangenen Jahren zu beobachten – sterben. Auch Apfelbaumplantagen, etwa im Alten Land bei Hamburg, haben teilweise schon heute massive Probleme: zu viel Regen oder zu wenig, neue Schädlinge, kaputt gefrorene Knospen oder Hagelschäden. Apfelplantagen können sich ein Stück weit anpassen und andere Sorten pflanzen, die besser mit den geänderten Bedingungen zurechtkommen. Wenn die Temperaturen so schnell weiter steigen, wie gerade befürchtet, wird es jedoch schwierig, das alle paar Jahr zu tun.

Im besten Fall wäre es 2050 wohl dennoch möglich, einen irgendwie entspannten Tag zusammen mit meiner Familie zu verbringen. Dafür jedoch, das weiß ich heute nach vielen Gesprächen mit Wissenschaftler:innen und Expert:innen, braucht es ein gar nicht mal so kleines Wunder. Es braucht einen kollektiven Bewusstseinswandel, der endlich dazu führt, auch entsprechend zu handeln. Zum Glück sind wir dafür weder auf Zufälle noch auf Magie angewiesen – alles, was es braucht, sind Menschen, viele, viele Menschen.

In der Hoffnung, einen kleinen Teil zu diesem Bewusstseinswandel beitragen zu können, schreibe ich dieses Buch.

Als mir damals klar wurde, dass die Klimakrise noch viel akuter ist, als ich bisher dachte, fragte ich mich, wie ich das bisher übersehen konnte. Die Antwort, die ich fand: Nicht nur ich war es, die die Klimakrise nicht verstanden hatte. Sie ist bis heute gesellschaftlich, politisch und medial nicht begriffen – auch weil viele Menschen noch immer keine emotionale Verbindung dazu spüren, was diese Krise für uns persönlich, aber auch als Gesellschaft bedeutet.

Der breite öffentliche Diskurs zum Klimawandel ist so weit entfernt von der wissenschaftlich erforschten, vermessenen und dokumentierten Realität, dass ich, als mir das bewusst wurde, viele unterschiedliche Expert:innen kontaktierte, um unsere Situation besser zu verstehen und auch um einen realistischen Blick auf mögliche Lösungswege zu bekommen.

Ich sprach mit Klimaforscher:innen, Psycholog:innen, Aktivist:innen, Expert:innen für Verkehr, Landwirtschaft und Biodiversität und mit Journalist:innen, die seit Jahren über die Klimakrise und die ökologischen Krisen berichten. Sie alle haben teils über Jahrzehnte begleitet, erklärt und davor gewarnt, wie die Krisen sich von Jahr zu Jahr verschärfen.

Das Überraschende: Viele Fakten hatte ich schon vor Jahren mal gehört. Wie also konnte ich den Ernst der Situation so lange ignorieren? Die Antworten, die ich darauf fand, erklären nicht nur, wie ich persönlich so lange verdrängen konnte, was diese Krisen mit meinem Leben zu tun haben. Sie helfen auch zu verstehen, warum wir als Gesellschaft so viel über die Probleme wissen und dennoch so wenig tun.

Ich werde in diesem Buch daher einerseits versuchen, die wichtigsten Probleme, Zusammenhänge und Lösungen kurz und verständlich zu erklären. Andererseits werde ich immer wieder von mir erzählen, von meiner eigenen Verdrängung, und davon, wie sich mein Blick auf die Welt und das, was wichtig ist, in den vergangenen Monaten und Jahren geändert hat. Nicht weil meine eigene Geschichte etwas Besonderes ist, sondern, im Gegenteil, weil ich immer wieder festgestellt habe, dass es vielen anderen ähnlich geht.

Ich erzähle noch aus einem anderen Grund von mir. Weil meine Geschichte zeigt: Veränderung ist möglich. Solange die planetaren Krisen gesellschaftlich unterschätzt werden, werden auch die Maßnahmen, mit denen wir zu reagieren bereit sind, zu klein ausfallen, um die Erderhitzung und das Artensterben effektiv zu bremsen. Als mir klar wurde, wie akut die Klimakrise ist, veränderte sich mein Blick auf viele Debatten stark. Viele nötige Maßnahmen erschienen mir bisher radikal, übertrieben oder utopisch. Ich dachte beispielsweise, es wäre toll, wenn wir die Agrar-, Verkehrs- und Energiewende bis zu meiner Rente geschafft haben. Heute weiß ich, dass wir sie im Wesentlichen innerhalb der nächsten zehn Jahre schaffen müssen, wenn ich so etwas wie einen Ruhestand überhaupt erleben will.

Als ich meiner Familie und meinen Freund:innen von der Klimakatastrophe erzählte, fragten diejenigen, denen es gelang, die Krise auch emotional an sich heranzulassen, relativ schnell: Was kann ich tun?

Auch wenn das fast vermessen klingt: Jede und jeder Einzelne ist immens wichtig. Nur wenn genug Menschen anfangen, den Ernst unserer Situation anzuerkennen, darüber zu reden und zu handeln, können wir noch schnell genug etwas ändern. Das ist absolut möglich. Auch wenn es mir am Anfang selbst schwerfiel, das zu sehen.

Einiges, was ihr in diesem Buch lesen werdet, habt ihr sicher schon mal gehört. Das hatte ich, wie gesagt, auch, mir war nur lange nicht klar, was das alles miteinander zu tun hat und was es jetzt für mich, für die Welt, für uns alle bedeutet. Ich glaube, das geht vielen so, und deswegen lade ich euch in diesem Buch ein, mich bei einer persönlichen Reise zu begleiten. Einer aufregenden und lebensverändernden Reise, auf der ich mindestens ebenso viele schöne, Mut machende und verbindende Erfahrungen machen durfte wie erschütternde. Auch wenn die vergangenen Monate für mich nicht einfach waren, habe ich in dieser Zeit so viele beeindruckende Menschen kennengelernt, Zusammenhänge verstanden und Lösungen gesehen, dass mir das mittlerweile eine neue Zuversicht gibt. Einen Mut und eine Hoffnung, die sich nicht allein aus dem Glauben speist, dass die Dinge sich schon fügen werden, sondern aus der Gewissheit, dass Veränderung möglich und ein gutes Leben gestaltbar ist. Dass wir es gestalten können. All die Menschen, die heute schon handeln und Lösungen erproben, machen mir Mut, dass wir viele Gefahren und die schlimmsten Entwicklungen noch immer abwenden können. Auch wenn das Zeitfenster dafür klein ist, kleiner, als viele ahnen. Zu begreifen, wie akut die Krise ist und wie viel auf dem Spiel steht, hat meinen Blick darauf verändert, was normal und was möglich ist, was wir verändern können und was nicht. Die Monate nach diesem Verstehen waren für mich rasant und emotional. In diesem Buch versuche ich in verständlichen Worten zusammenzufassen, was ich von einigen der größten Expert:innen im Bereich Klima lernen durfte, in Deutschland und international.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es manchmal ganz schön viel ist, all das zu lesen. Und ich verstehe gut, wenn ihr mir gedanklich nicht sofort bei jedem Schritt folgt, das erwarte ich auch gar nicht. Ich werde beschreiben, wie lange ich teilweise selbst gebraucht habe, um mich auf einzelne Gedanken einzulassen, die Bedeutung von Fakten zu erkennen und Zusammenhänge zu sehen. Und ich behaupte auch nicht, dass mein jetziger Blickwinkel der einzig richtige ist, oder die einzige Möglichkeit, auf die Welt zu blicken.

Mein Buch konnte nur entstehen, weil viele, viele vor mir Zweifel zugelassen, neue Gedanken gedacht und für sie gekämpft haben. Weil sie diese geteilt und mich mitgenommen haben. Ich möchte euch daher einladen, euch darauf einzulassen, mir aber auch gern zu widersprechen und uns allen so zu ermöglichen, gemeinsam voranzukommen. Denn nur zusammen können wir es schaffen, eure und meine und unser aller Zukunft zu retten.

Kapitel 1

Es ist ernst: 11 Fakten über die Klimakrise

Wenige Monate vor meiner Geburt schaffte es der US-amerikanische Klimaforscher und NASA-Mitarbeiter James Hansen im Juni 1988 vor dem US-Senat, erstmals große öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem des Klimawandels zu lenken.1 Im Sommer dieses Jahres herrschte eine historische Dürre in den USA, die Bewohner:innen spürten die Hitzewelle am eigenen Leib, und der Mississippi führte so wenig Wasser wie noch nie. Hansen attestierte damals, dass der Klimawandel real sei – „mit 99-prozentiger Sicherheit“. Die Absolutheit der Aussage war wissenschaftlich durchaus umstritten, aber auch die anwesenden Politiker:innen waren sich damals bewusst, dass sie es mit einer gefährlichen Krise zu tun hatten. Ziel des Zusammentreffens war es laut dem Vorsitzenden Senator Timothy E. Wirth, „herauszufinden, wie man mit diesem Notfall umgehen soll“. Es war allen klar: Die Politik muss handeln, denn die Auswirkungen dieser Krise betreffen alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche. Schon der Bericht der US-Akademie der Wissenschaften von 1979, der sogenannte Charney-Report,2 hatte eigentlich alle wesentlichen Informationen enthalten und war an die US-Regierung gerichtet gewesen.

1979, also im selben Jahr, hatte die Weltorganisation für Meteorologie (WOM) zur ersten Weltklimakonferenz in Genf eingeladen, das öffentliche, aber auch wissenschaftliche Interesse war damals noch gering. 1995 fand dann die erste UN-Klimakonferenz in Berlin statt, spätestens zu diesem Zeitpunkt hatten die Regierungen dieser Welt erkannt, dass die Bedrohung so groß ist, dass sie sich ernsthaft darum kümmern müssen, die globale Erwärmung zu stoppen. Wir sprechen also seit über 40 Jahren öffentlich über die Gefahren dieser Entwicklung, Mitte der Neunziger wurde sogar in der „Tagesschau“ vor der Klimakatastrophe gewarnt.3 Doch noch immer steigen die Emissionen und heizen die Erde immer schneller auf.4 Aktuell wurde die Erde schon um rund 1,2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau erwärmt.5 Damit ist die Zeit gemeint, bevor die Menschen im Zuge der Industrialisierung anfingen, in großen Stil Kohle zu verbrennen und damit das Klima aufzuheizen. Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) nutzt als Vergleichszeitraum die Jahre zwischen 1850 und 1900.

Wir hören so lange vom Klimawandel, dass die meisten Menschen wohl von sich behaupten würden, halbwegs einschätzen zu können, wie ernst das Problem ist, auch wenn sie dabei zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen. Es ist ein Unterschied, ob wir den Mechanismus der globalen Erwärmung grob verstehen und dessen Bedrohung anerkennen. Oder ob wir uns bewusst sind, was das konkret für das eigene Leben bedeutet und wie wenig Zeit bleibt, dramatische Veränderungen zu verhindern, die nicht rückgängig gemacht werden können. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es gibt viele Missverständnisse zur Klimakrise. Falsche Annahmen, die dazu führen, dass wir die Krise politisch und gesellschaftlich nicht so ernst nehmen, wie wir sie nehmen müssen, wenn wir eine Chance auf eine halbwegs stabile und sichere Zukunft haben wollen.

Die Hochwasserkatastrophe im Sommer 2021 hat auch bei uns eines schlagartig klargemacht: Niemand ist sicher in der Klimakrise. In Deutschland, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Österreich haben Starkregen verheerende Schäden angerichtet und allein in Deutschland mehr als 180 Menschen getötet.6 Dass danach diskutiert wurde, ob diese Ereignisse in Zusammenhang mit der Erderhitzung stehen, zeigt vor allem eins: Die Klimakrise ist gesellschaftlich, politisch und medial noch immer nicht begriffen und emotional noch nicht in uns verankert.

Fakt Nr. 1:

Die Klimakrise ist keine ferne Bedrohung, die Auswirkungen sind längst da

Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu extremen Regenfällen wie im Sommer 2021 kommt, hat sich durch die menschengemachten Klimaveränderungen um das 1,2- bis 9-Fache im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erhöht. Das ergab eine Studie eines internationalen Teams von Klimawissenschaftler:innen, die im August 2021 veröffentlicht wurde. Auch die Intensität der Niederschläge wurde demnach durch die Erderhitzung in der Region um drei bis 19 Prozent verstärkt. Anders ausgedrückt: Die Studie belegt, dass ohne den Klimawandel ein solch starkes Regenereignis nicht möglich gewesen wäre.7

Selbst wenn die Studie zu dem Schluss gekommen wäre, dass die globale Erwärmung nur zu einem geringeren Teil die Flutkatastrophe verstärkt hätte: Vor genau solchen Extremwetterereignissen warnt die Klimawissenschaft seit Jahrzehnten. Starkregen, aber auch Hitzewellen und Stürme nehmen zu und werden immer öfter verheerende Schäden anrichten.8

Die allermeisten dürften das schon oft gehört haben, auch ich hatte davon immer wieder gelesen. Für mich klangen diese Warnungen aber lange abstrakt, als wären sie vor allem eine theoretische Gefahr. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal und in Erftstadt ist klarer geworden, dass diese Klimaveränderungen konkrete Auswirkungen auf das eigene Zuhause, die eigene Heimat haben können – und für immer mehr Menschen haben werden.

Welche Auswirkungen die Erderhitzung schon seit Jahren auf meine Umgebung hat, war mir lange nicht so richtig bewusst. Natürlich wusste ich, dass in Deutschland massenhaft Bäume sterben, die Bilder toter Wälder beunruhigten mich, aber auf eine diffuse Art. Als ich dann bei einem Wanderurlaub im Frühjahr 2020 mit dem Bus durch den Harz fuhr, war ich entsetzt. Überall waren riesige Teile der Wälder kaputt, offenbar umgeknickt vom Sturm, abgestorben, grau und braun. Wanderwege waren gesperrt, weil umgeknickte Bäume den Weg versperrten, aber auch weil die abgestorbenen Wurzeln die Steine und das Geröll am Berg nicht mehr halten können. Lösen sich diese Massen und rauschen ins Tal, können sie Wanderer:innen gefährden. Ich fragte mich: Wenn die Auswirkungen so massiv sind, warum gab es dazu keine viel größere öffentliche Debatte?

Als ich nach Antworten auf meine Fragen suchte, fand ich Berichte über Borkenkäfer und Sturmschäden und die Erklärung, dass vor allem von Menschen angepflanzte Fichtenforste absterben. Das Wort Klima kam in vielen Artikeln gar nicht vor. Diese Wälder hatten Stürmen und Schädlingen jahrzehntelang getrotzt. Dass sie jetzt umgemäht werden wie Spielzeugfiguren und Käfer sich schlagartig verbreiten, ist nur möglich, weil die Bäume durch Hitze und Dürre geschwächt sind. „Die Folgen des Klimawandels haben in den letzten Jahren deutliche Spuren in den deutschen Wäldern hinterlassen“, heißt es im Waldbericht der Bundesregierung 2021. Die Entwicklungen haben zu den „stärksten Waldschäden und zur schwersten Krise der Forstwirtschaft seit Beginn der Bundesrepublik Deutschland“ geführt.9 Der Wald ist kränker als in den Achtzigern, als man von „Waldsterben“ sprach und eindrucksvolle Proteste von Bürger:innen dafür sorgten, dass die Ursachen politisch angegangen und behoben wurden.

Aber nicht nur im Wald, auch in den Städten sieht man die Auswirkungen der Erderhitzung. Immer öfter müssen innerorts Straßenbäume gegossen werden, damit sie überleben. Um die Berliner Hasenheide an die Klimakrise anzupassen, will die Stadt in einem Modellprojekt nun fast 5 Millionen Euro ausgeben.10 Wohlgemerkt: für einen einzigen Park. Allein in Berlin gibt es mehr als 2 500 Parks und Gärten. Warum steckt man dieses Geld, das wir für Anpassungsmaßnahmen ausgeben werden müssen, nicht stattdessen seit Jahren in Klimaschutzmaßnahmen?

Die Klimakrise hat bereits massive Auswirkungen in Deutschland, unter anderem auch für die Landwirtschaft. So haben ab 2018 Dürren drei Jahre in Folge zu Ernteausfällen geführt.11 Selbst nach dem relativ kühlen und nassen Jahr 2021 hält die Trockenheit in den tieferen Erdschichten an.12 Der feuchtere Sommer hatte viele Landwirt:innen zunächst zuversichtlich gestimmt, doch auch im vergangenen Jahr gab es Ernteeinbußen. Die Ernte fiel sogar schlechter aus als im bereits unterdurchschnittlichen Vorjahr, nicht nur bezogen auf die Menge, sondern auch auf die Qualität.13 Einerseits weil ein paar heiße Tage im Juni ausreichten, um die Ernte zu schädigen, andererseits gab es im entscheidenden Moment, wenn die Pflanzen ihre Früchte entwickeln, nicht genug Sonne.14

In Brandenburg sind Seen in den vergangenen Jahren teils schon sichtbar ausgetrocknet, mehrfach auch die Schwarze Elster bei Senftenberg; die Grundwasserstände sinken.15 Wasserversorger warnen vor Trinkwassermangel in der Region.16 Niedrigwasser behinderten in den vergangenen Jahren unter anderem in Elbe17 und Rhein18 immer wieder die Schifffahrt. In den vergangenen Jahren war die Fahrrinne der Elbe an etwa 40 Prozent der Tage weniger als die angestrebten 1,40 Meter tief, Wasserdefizite können auch durch Baumaßnahmen nicht ausgeglichen werden.19 Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel immer schneller an und bedroht damit unter anderem das deutsche Wattenmeer,20 UNESCO-Weltkulturerbe und Lebensraum für zahlreiche Tiere, was auch angesichts des Artensterbens keine gute Nachricht ist. Deiche werden immer höher gebaut, um uns in den kommenden Jahrzehnten vor erwartbaren Folgen wie Sturmfluten zu schützen.21

Die Klimakrise behindert den Zugverkehr, wenn etwa Stürme und Regen Schienen und Oberleitungen beschädigen. Kraftwerke und Industrieanlagen müssen in Sommern teilweise schon heruntergefahren werden, weil sie nicht mehr genug Wasser zur Verfügung haben, um ihre Geräte zu kühlen.

Die Klimakrise ist außerdem eine Gesundheitskrise, sie begünstigt schon heute die Ausbreitung von Krankheiten, verstärkt Allergien und führt zu Hitzetoten. Schon seit Jahren tötet extreme Hitze auch in Deutschland immer wieder Menschen,22 so auch im August 2020. Damals starben laut Statistischem Bundesamt über 4 000 Menschen mehr als im Schnitt der vier Vorjahre23 – und das nachweislich nicht aufgrund der Coronakrise, sondern aufgrund der Hitze.

Steigt der Preis für Hartweizen wie im Herbst 2021, weil die Ernten von Hitzewellen oder Starkregen vernichtet wurden, werden Nudeln teurer und machen so sichtbar, dass die Klimakrise auch eine soziale Krise ist. Denn Hartz-IV-Empfänger:innen stehen nur knapp fünf Euro am Tag zur Verfügung, um Lebensmittel einzukaufen, Kindern noch weniger. Jede Preisveränderung macht sich hier am Ende des Monats auf dem Teller bemerkbar.

Fakt Nr. 2:

1,5 Grad sind nichts Gutes

Im Pariser Klimaabkommen haben sich die Regierungen dieser Welt 2015 darauf geeinigt, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, mindestens aber auf „deutlich unter zwei Grad“. Wenn man sich anschaut, wie wenig sich Politiker:innen anstrengen, diese Limits einzuhalten, kann man den Eindruck gewinnen, sie seien willkürlich gesetzt und sie zu überschreiten sei nichts Schlimmes.

Wohl nur sehr wenige Menschen können die Frage beantworten, was genau der Unterschied zwischen 1,5 und zwei Grad globaler Erwärmung ist und wie sich das auf ihr eigenes Leben auswirken wird. Und das, obwohl viele Schüler:innen seit mittlerweile drei Jahren für die Einhaltung des 1,5-Grad-Limits streiken und zahlreiche For-Future-Gruppen aus allen Bereichen der Gesellschaft diese unterstützen; darunter fast 27 000 Wissenschaftler:innen der Scientists for Future. Sie haben sich gegründet, um klarzumachen, dass die Forderungen der jungen Demonstrant:innen von Fridays for Future wissenschaftlich gerechtfertigt sind und dass es dringend notwendig ist, endlich umfassende und effektive Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen.

Mir war jahrelang überhaupt nicht bewusst, dass mir selbst nicht klar war, was diese Zahlen bedeuten. Als der sogenannte Weltklimarat IPCC 2018 den Sonderbericht über 1,5 Grad globale Erwärmung veröffentlichte, las ich diverse Artikel darüber und auch die deutschsprachige Zusammenfassung für Entscheider:innen.24 Der IPCC ist eine zwischenstaatliche Institution, gegründet vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Seine Aufgabe ist es, für politische Entscheider:innen den Stand der Forschung zum Klimawandel zusammenzufassen. Die Berichte sollen eine Grundlage für wissenschaftsbasierte Entscheidungen bieten. Was bei mir nach dem Lesen des Sonderberichts ankam: Zwei Grad Erderwärmung sind nicht gut, sie gefährden Hunderte Millionen von Menschen, Tieren und Arten. Daher sollten wir dringend versuchen, so nah an dem 1,5-Grad-Limit zu bleiben wie möglich. Das ist so weit auch richtig, nicht aber das, was ich, wie so viele andere wohl auch, daraus schloss: Beschränken wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad, sind wir sicher.

Schon 1,5 Grad Erderhitzung werden auch in Deutschland zu extremen Veränderungen führen. Erstmals umfassend aufbereitet haben das die beiden Journalisten Nick Reimer und Toralf Staud in ihrem Buch „Deutschland 2050“. Sie ließen sich vom Deutschen Wetterdienst Klimamodelle ausgeben, die unterschiedliche Erwärmungsszenarien in den nächsten 30 Jahren berechnen, gingen damit zu Forstwirt:innen, Architekt:innen, Ärzt:innen, Dachdecker:innen, der Deutschen Bahn und Betreiber:innen von Industrieanlagen und Krankenhäusern und fragten, was diese Veränderungen praktisch für ihre Arbeit bedeuten werden.

Was sie dabei zusammengetragen haben, zeichnet das Bild von einem völlig veränderten Deutschland. In den Leichtbauhallen, die in vielen Industriegebieten stehen, wird es im Sommer oft zu heiß sein, um darin zu arbeiten. Die wärmeren Temperaturen ermöglichen es außerdem etwa der Asiatischen Tigermücke, sich immer weiter auszubreiten – und Krankheiten zu übertragen. An Dengue-Fieber zu erkranken, wird in Deutschland 2050 nichts Ungewöhnliches mehr sein.

Kapitel für Kapitel arbeiten Reimer und Staud durch, was bereits 1,5 Grad globale Erwärmung für Deutschland bedeuten werden, für uns Menschen, die Natur, das Wasser, den Wald und die Küsten, die Landwirtschaft. Aber auch für Verkehr, Industrie, Tourismus und Energie. Sie zeigen auf, dass schon die kommenden 10, 20, 30 Jahre massive Veränderungen für die Lebensbedingungen in Deutschland mit sich bringen werden, und das auch dann, wenn es gelingen sollte, den globalen Temperaturanstieg doch noch auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Was Reimer und Staud in ihrem Buch beschreiben, ist in vielen Fällen der Best Case. Die globale Erwärmung langfristig bei 1,5 Grad zu stoppen wird nur möglich sein, wenn die Regierungen dieser Welt innerhalb kürzester Zeit bisher ungesehene, politisch derzeit undenkbare Maßnahmen einleiten.

Selbst dann werden massive Anpassungsleistungen erforderlich sein, um unser Leben zu sichern und auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Aber wenn wir es tatsächlich schaffen sollten, irgendwo in der Nähe von 1,5 Grad zu landen, wirkt diese Aufgabe noch machbar. Wenn jedoch die globale Temperatur immer weiter steigt, wird sich auch das Klima immer weiter verändern, und das immer schneller. All diese Veränderungen, die in „Deutschland 2050“ getrennt nach einzelnen Sektoren aufbereitet wurden, treten nicht nacheinander ein, sondern parallel innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte. Wenn Deutschland schon so stark betroffen sein wird, was bedeutet das dann für die Entwicklungen in anderen Regionen? Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde – wenn irgendjemand die Chance hat, sich möglichst gut an die veränderten Bedingungen anzupassen, dann sind wir das. Aber was bedeuten die Entwicklungen für die Stabilität und Sicherheit anderer Länder und damit für unsere gesamte Welt?

Schreitet die Erderwärmung ungebremst fort, erhöht das die Risiken in allen möglichen Bereichen, stellt aber auch die Anpassung vor massive Probleme, etwa die Aufforstung. Denn für welche Welt, für welches Klima pflanzt man neue Bäume? Für das aktuelle? Dann besteht das Risiko, dass die Bäume in wenigen Jahrzehnten wieder absterben, wenn das Klima ein spürbar anderes ist. Oder für ein zukünftiges, dessen genaue Gegebenheiten wir aber noch gar nicht kennen?

Fakt Nr. 3:

Das Klima wird nicht nur wärmer, sondern auch unberechenbarer

Ein Bild, das in den vergangenen Jahren oft benutzt wurde, um die Klimaveränderungen verständlich zu machen, hat bei mir jahrelang völlig falsche Assoziationen hervorgerufen: In Deutschland würden irgendwann Bedingungen wie in Italien herrschen, hieß es oft. Noch heute antworten manche meiner Freund:innen mehr oder weniger scherzhaft, dass sie es ja eigentlich ganz schön fänden, wenn es in Deutschland etwas wärmer würde, wenn ich ihnen von meinen Sorgen in Bezug auf die Klimakrise erzähle. Das Wetter in Südeuropa gefalle ihnen ohnehin besser. So simpel ist das mit der Erderhitzung aber leider nicht. Selbst wenn es einfach nur wärmer würde: Die Pflanzen und Tiere in unseren Regionen sind ganz andere, sie brauchen andere Voraussetzungen, um zu wachsen, sich zu vermehren und letztlich zu überleben. Das Klima wird allerdings nicht nur wärmer, sondern auch immer instabiler. Das heißt: Wir erleben immer längere und stärkere Hitze- und Dürrephasen, gleichzeitig fällt Regen unregelmäßiger, mal lange nicht, dann so viel auf einmal wie sonst in mehreren Monaten oder einem ganzen Jahr.

Die Flutkatastrophe in Deutschland und seinen Nachbarländern, die Starkregenereignisse und Überflutungen in China, der Türkei, Italien und Frankreich, die enormen Hitzewellen in Nordamerika und Skandinavien im vergangenen Sommer, die Brände in Südeuropa und die Feuer in Australien, Kalifornien und Sibirien in den vorangegangenen Jahren: All das geschieht bei einer globalen Erwärmung von etwas über ein Grad. Und jedes Zehntelgrad mehr bringt weitere Extreme mit sich.25

Welche Folgen die Klimakrise bereits 2030 in Deutschland haben könnte, beschreibt etwa das „Grünbuch zur öffentlichen Sicherheit“.26 Es wird von Mitgliedern der im Bundestag vertretenen Fraktionen – mit Ausnahme der AfD – herausgegeben und zeigt Szenarien auf, die es Entscheider:innen ermöglichen sollen, Maßnahmen zu ergreifen, um die öffentliche Sicherheit zu erhöhen. Die Ausgabe von 2008 hatte etwa prognostiziert, dass wir schlecht auf die Gefahr von Pandemien vorbereitet sind, die durch die Klima- und Biodiversitätskrise immer wahrscheinlicher werden. Besonders ernst genommen hat die Regierung die Warnung offenbar nicht. Das „Grünbuch 2020“ zeichnet für Deutschland 2030 ein Szenario, wie es Griechenland im Sommer 2021 erlebt hat.27 Eine Hitzewelle von 45 Grad legt das öffentliche Leben weitgehend lahm, Brände fressen sich durch die Wälder. Es wird unter anderem vor hitzebedingten Schäden für Infrastruktur und Verkehr gewarnt. Klingt dystopisch? Letzteres war in den vergangenen Jahren auch im vermeintlich sicheren globalen Norden bereits immer wieder Realität: So waren im Sommer 2019 Flüge und Bahnen verspätet, weil die Hitze unter anderem in Großbritannien Gleise verbogen und Kabel beschädigt hatte.28 Auch 2018 hatte die Hitze zu Schäden und Unterbrechungen geführt, die britische Zugbetreibende umgerechnet knapp 50 Millionen Euro gekostet haben. Einige Länder streichen ihre Gleise bereits weiß, damit sie Sonnenstrahlen reflektieren und sich in der Hitze nicht so stark ausdehnen, dass sie beschädigt werden. Extremwetter haben schon in den vergangenen Jahren Zuhause vernichtet, Menschen getötet. 2017 starben mehr als 80 Menschen beim Hurrikane Harvey in Texas, nur zwei Jahre später fluteten extreme Regenfälle um den tropischen Sturm Imelda die Region um Houston und kostete fünf Menschen das Leben.29 Die Hurrikansaison im Atlantik war 2020 so intensiv wie nie zuvor. Laut NASA gab es erstmals 30 Stürme, die so stark waren, dass sie benannt wurden.30 2020 sei das fünfte Jahr in Folge gewesen mit überdurchschnittlichem Hurrikan-Aufkommen.

Und das sind nur einige wenige Beispiele, welche Auswirkungen knapp über ein Grad Erderwärmung bereits in den vergleichsweise weniger stark betroffenen westlichen Industrienationen haben, den Hauptverursachern der Klimakrise. 1,5 Grad Erderhitzung sind ein Kompromiss. Ein Level, von dem die Wissenschaft sagt, wir könnten noch vergleichsweise gut mit den immer größer werdenden Risiken, die sich dadurch ergeben, leben. Schon heute zerstört die menschengemachte Erderhitzung die Zuhause und Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen im globalen Süden. Das Nicht-Handeln der Regierungen in Sachen Klimaschutz nimmt die Überschreitung des 1,5-Grad-Limits billigend in Kauf – und damit die Zerstörung von Millionen weiterer Leben.

Auch wenn sich die politischen Bemühungen im Klimaschutz aufgrund der Proteste in den vergangenen Jahren verstärkt haben, steuern wir derzeit noch immer auf eine Erderhitzung von bis zu 3,6 Grad bis 2100 zu.31 Und selbst wenn alle Regierungen ihre derzeitigen Ziele umsetzen, laufen wir Gefahr, global noch immer bei einem Temperaturanstieg von 2,4 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu landen. Knapp drei Grad mehr klingt nicht unbedingt bedrohlich, in vielen Sommern meiner Kindheit hätte ich mir die gewünscht. Nur kann man vom Wetter nicht aufs Klima schließen. Drei Grad Erderhitzung würden eine komplett andere Welt bedeuten als jene, in der wir heute leben. Und es ist fraglich, wie unsere heutige Zivilisation darin funktionieren sollen. 2100 ist in 80 Jahren. Viele der heutigen Kindergartenkinder werden das erleben.

Globale Durchschnittstemperatur im Vergleich zu 1850-1900

a&b

Wenn wir die Emissionen weiter steigern

c

Wenn Regierungen etwa einhalten, was sie gerade versprechen

d&e

Wenn wir die Krise entschlossen bekämpfen

Quelle: IPCC, AR 6, 2021: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/report/IPCC_AR6_WGI_Full_Report.pdf; bearbeitet

Fakt Nr. 4:

Das Klima lässt sich nicht reparieren

Viele Menschen scheinen anzunehmen, dass sich das Klima wieder einpendeln, das Wetter wieder normalisieren wird, wenn wir Wirtschaft und Gesellschaft erst mal klimaneutral umgebaut haben. Dass wir vielleicht sogar schon Verbesserungen sehen, wenn wir anfangen, weniger Treibhausgase auszustoßen. Das Besondere und mit menschlichen Erfahrungen schwer Greifbare an der Klima- und an der Biodiversitätskrise ist aber ihr kumulativer und irreversibler Charakter. Jede Tierart, die ausstirbt, hinterlässt für Jahrhunderte oder Jahrtausende ein Loch im Netz unserer Artenvielfalt, das sich schlimmstenfalls sogar wie eine Laufmasche vergrößert. Jede Megatonne CO2, die ausgestoßen wird, verstärkt auf Jahrtausende die Erderhitzung und die Versauerung der Meere.

Es geht bei der Lösung der Klimakrise nicht darum, alles wiedergutzumachen. Es geht auch nicht darum, die Emissionen nach und nach ein bisschen zu reduzieren. Es geht darum, den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu stoppen, überall und so schnell wie möglich. Solange wir das nicht tun, werden alle daraus resultierenden Probleme und Risiken jedes Jahr größer. Wir können nach allem menschlichen Ermessen nie wieder in einem Klima leben, wie wir es in den Neunzigern oder Zweitausendern hatten, selbst die klimatischen Verhältnisse der vergangenen zehn Jahre werden den meisten Regionen der Welt in wenigen Jahren als unerreichbar gutes Klima erscheinen.

Aber zwei ganz wesentliche Größen haben wir jetzt in der Hand: Zum einen, wie lange wir unsere eigenen Lebensgrundlagen noch deutlich verschlechtern wollen, zum anderen, wie schnell wir das tun. Im Moment sind wir immer noch dabei, die Geschwindigkeit der Verschlimmerung, also die Emissionen, von Jahr zu Jahr weiter zu steigern.

Um den Anstieg der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre zu illustrieren, verwenden Journalist:innen und Forscher:innen oft Grafiken, die einen ansteigenden Graphen über die vergangenen 60 Jahre zeigen. Und auch wenn vielen wohl klar ist, dass das nichts Gutes ist, war zumindest mir doch lange nicht bewusst, wie besorgniserregend und abnormal diese Entwicklung ist und was sie genau bedeutet. Es gibt weitere Grafiken, die etwa den Verlauf der Mitteltemperatur der Erde im Verlauf der vergangenen 60 Millionen Jahre zeigen.32 Diese Darstellung wird oft genutzt, um die Bedeutung des menschengemachten Klimawandels zu relativieren. Sogenannte Klimaskeptiker:innen ziehen sie heran, um zu argumentieren, das Klima der Erde habe sich schon immer verändert, die derzeitige Entwicklung sei daher weder abnormal noch besorgniserregend. Prominent argumentierte das zuletzt das „Klima-Manifest 2020“33 der Werteunion, des besonders konservativen Flügels der CDU/CSU.34

Das Klima hat sich in der Geschichte der Erde immer wieder erwärmt und abgekühlt, lange ganz ohne Zutun des Menschen, das verschweigen weder Klimaforscher:innen noch Aktivist:innen. Nur gab es damals weder acht Milliarden Menschen auf der Erde noch Millionenstädte an den Küsten. Selbst Ökosysteme sahen komplett anders aus, nichts war, wie wir es heute kennen. Die wirklich entscheidende Grafik ist daher folgende: Die Darstellung auf der gegenüberliegenden Seite zeigt, dass das Klima in den vergangenen rund 11 000 Jahren vergleichsweise stabil war. Seit mindestens 800 000 Jahren war nicht so viel CO2 in der Atmosphäre wie heute,35 wahrscheinlich sogar seit drei Millionen Jahren.36